Die Lamas waren jetzt sehr mitteilsam. Ich ließ mich mit dem bißchen Hindostanisch, das ich konnte, sowie mit Hilfe der tibetischen Brocken, die ich aufgelesen hatte, in eine Unterhaltung über Krankheiten und ihre Heilmittel ein, da ich die Annahme, daß ich ein Doktor sei, aufrechterhalten mußte und außerdem sicher war, daß die Tibeter über diesen Gegenstand seltsame Begriffe haben würden. In dieser Annahme wurde ich nicht getäuscht. Die folgenden Einzelheiten über die Methoden, welche die Lamas bei der Heilung der im Lande vorkommenden Krankheiten befolgen, werden von Interesse sein.
Die Lamas erklärten mir, daß alle Krankheiten aus dem Fieber entständen, und weiter, daß das Fieber selbst nur ein böser Geist sei, der verschiedene Formen annehme, wenn er in den Körper eindringe und alle Arten von Beschwerden verursache. Neben dem Fieberdämon aber gebe es noch andere Dämonen, die so gütig seien, uns Reichtümer und Glück zu bringen. Wenn jemand nach einer gefährlichen Krankheit eine Höhle, einen Wasserfall oder eine von einem Flusse durchströmte Schlucht besuche, wo diese Dämonen sich aufhalten, so könne er einen Rückfall bekommen und sterben oder er könne augenblicklich geheilt werden und für immer glücklich leben. Wie man erwarten könne, kehre im letztern Falle der Empfänger so unschätzbarer Vorzüge gewöhnlich noch einmal zurück, um den gütigen Geistern, die sein Leben lebenswert gemacht hätten, einen zweiten Besuch abzustatten; »aber wenn er zum zweiten Male hingeht, wird er zur Strafe für seine Gier erblinden oder gelähmt werden«.
»Die bösen Geister«, fuhr ein fetter, alter Lama mit gekrümmten Fingern fort, die er zusammenkniff und schüttelte, während er sprach, »haben die Gestalt von menschlichen Wesen oder Ziegen, Hunden, Schafen oder Pferden, und manchmal nehmen sie die Form von wilden Tieren, wie Bären und Schneeleoparden, an.«
Ich sagte den Lamas, daß ich viele Fälle von Kropf und auch andere Abnormitäten bemerkt hätte, wie z. B. Hasenscharten und Finger und Zehen mit Schwimmhäuten, ebenso das sehr häufige Vorkommen von überzähligen Fingern und Zehen. Ich fragte sie nach dem Grunde solcher Fälle; sie schrieben dieselben dem boshaften Wirken von Dämonen vor der Geburt des Kindes zu; für den Kropf konnten sie jedoch kein Heilmittel angeben.
Eine besonders unter den ältern Frauen gewöhnliche Krankheit war der Rheumatismus, an dem sie beträchtlich zu leiden schienen. Die Finger und Zehen, besonders aber die Handgelenke und Knöchel wurden davon ergriffen; die Gelenke schwollen so an, daß sie ganz steif wurden, die Sehnen zogen sich zusammen, schwollen an, wurden hart und traten in den Handflächen hervor.
Sowohl vor als nach meiner Unterhaltung mit den Lamas hatte ich oft Gelegenheit, festzustellen, daß der Magen der Tibeter nur selten gut funktioniert. Aber wie könnte er auch, wenn man die Kannen schmutzigen Tees bedenkt, die die Tibeter täglich trinken und deren Genuß sie so lieben. Dieses giftige Gebräu genügt, um die Magensäfte eines Straußes zu zerstören!
Während der ganzen Zeit, daß ich in Tibet war und mit mehrern tausend Menschen in Berührung kam, könnte ich die Gebisse, die ganz regelmäßig, gesund und stark aussahen, fast an den Fingern herzählen. In der Regel hatten die Frauen bessere Zähne als die Männer. Die Zähne der Tibeter sind meist so zerbrechlicher Natur, daß der tibetische Zahnarzt – gewöhnlich ein Lama oder ein Grobschmied – eine sinnreiche Methode erfunden hat, sie vermittelst einer silbernen Hülse, die den abgebrochenen Zahn umschließt, vor weiterer Zerstörung zu schützen. Einmal sah ich einen Mann, dessen Vorderzähne sämtlich in dieser Weise bedeckt waren, und da der Zahnarzt, der ihn behandelte, die kleinen Behälter augenscheinlich ohne Rücksicht auf Form oder Bequemlichkeit hergestellt und die meisten wegen des Kauens oben mit einer Spitze versehen hatte, sah der arme Mann gräßlich aus. Die Tibeter sind gegen körperlichen Schmerz nicht sehr empfindlich; ich habe dies bei verschiedenen Gelegenheiten wohl beobachten können, wenn ich sah, wie Zähne auf die primitivste und schmerzhafteste Weise ausgezogen wurden, gewöhnlich ohne daß der Leidende nur einen Laut von sich gab.
Die Hunyas im südwestlichen Tibet haben über die Wanderung böser Geister Vorstellungen, die sie mit den Schokas teilen. Wenn ein Mann krank wird, behaupten sie, das einzige Heilmittel bestehe darin, den bösen Geist, der in seinen Körper eingedrungen ist, zu vertreiben. Nun kommen böse Geister in einen lebenden Körper immer nur, um ihre Gier nach Blut zu befriedigen; deshalb wird, um den Geist zu erfreuen und fortzulocken, wenn die Krankheit nur leicht ist, ein kleines Tier, etwa ein Hund oder ein Vogel, dicht neben den Kranken gestellt; ist die Krankheit schwer, so bringt man ein Schaf, und dann werden Beschwörungen auf folgende Weise angestellt:
Man schwenkt eine Schale mit Wasser einigemal über dem Kopfe des Kranken im Kreise und dann über dem erwählten Tiere, auf dessen Kopf sie ausgegossen wird. Diese Kreise, die unter gewissen mystischen Worten gezogen werden, haben die Macht, den Geist aus seinem Quartier herauszuziehen und ihn zu veranlassen, in das Gehirn des andern Opfers hineinzugehen, über welches das Wasser ausgegossen wird, um den Geist an der Rückkehr zu verhindern.
»Natürlich,« sagte mein Berichterstatter, »wenn du dem bösen Geiste ein Geschenk in Gestalt eines lebenden Wesens geben kannst, das ihn befriedigt, wird er ganz glücklich abziehen. Ist die Krankheit leicht, so bedeutet das, daß der Geist nicht sehr böser Laune ist, und dann genügt ein kleines Geschenk, um ihn zu befriedigen; ist die Krankheit aber ernst, so wird nichts Geringeres als ein Schaf oder sogar ein Jak ihn zufriedenstellen. Sobald der Geist seine Wohnung gewechselt hat, wird das Tier schnell fortgezogen und nach einem Kreuzwege gebracht, und wenn keine Wege da sind, wird vorher ein Kreuz auf die Erde gezeichnet, wo man ein Grab für das Tier gräbt, in das es erbarmungslos geworfen und lebendig begraben wird. Der Geist, der nicht imstande ist, so schnell zu entkommen, bleibt darin, um das Blut seines letzten Opfers auszusaugen, und inzwischen hat der Kranke, der der Gesellschaft seines unwillkommenen ätherischen Gastes beraubt ist, Zeit zu schneller Genesung.«
Wenn ein kleines Tier, ein Hund oder ein Vogel, genommen wird und wenn der Patient über mehr als ein Leiden klagt, so wird das Tier, nachdem man es an den Kreuzweg gebracht hat, plötzlich ergriffen und grausam in vier Stücke zerrissen, die nach vier Richtungen geschleudert werden; der Gedanke hierbei ist, daß, wenn etwa irgendwo Geister wären, die auf Blut warteten, sie ihren Anteil bekommen und zufrieden abziehen sollen. Nachdem ihre Gier befriedigt ist, nehmen es die bösen Geister nicht sehr genau damit, ob das Blut von Menschen ist oder nicht. Bei den Schokas wurden Zweige mit Dornen und kleine fliegende Gebete auf jeden Weg gelegt, um die unmittelbare Rückkehr der Geister zu verhindern. Diese sollen für die bösen Geister unübersteigliche Schranken sein.
Natürlich erhalten die Lamas, wenn ein Kranker gesund wird, Geld für die Beschwörungen, die die Krankheit ausgetrieben haben, und sie unterlassen es nie, der großen Menge mit der Macht zu imponieren, die sie über die vielgefürchteten Dämonen besitzen.
In der Chirurgie haben die Tibeter wenig Erfolge. Erstens besitzen sie keine genügende Kenntnis der Anatomie des Menschen; zweitens fehlt es ihren Fingern an Gelenkigkeit und feinem Gefühl, und drittens sind sie nicht imstande, sich Instrumente von hinreichender Schärfe herzustellen, um chirurgische Operationen mit Schnelligkeit und Reinlichkeit ausführen zu können. In Tibet ist jedermann Wundarzt; deshalb wehe dem Unglücklichen, der einen nötig hat. Zwar wird eine Amputation nur selten vorgenommen; sollte sie aber nötig werden und die Operation etwas schwierig sein, dann erliegt ihr der Patient gewöhnlich. Der tibetische Chirurg versteht nicht, Knochen durchzusägen, und so trennt er das Glied nur an der Stelle ab, wo der Bruch stattgefunden hat. Die Operation wird mit jedem Messer oder Dolch gemacht, die zufällig bei der Hand sind, und verursacht deshalb viel Schmerz und häufig verhängnisvolle Folgen. Man gebraucht die Vorsicht, das gebrochene Glied über dem Teil, wo der Bruch sich befindet, abzubinden; aber dies wird in so plumper Weise gemacht, daß sehr oft infolge der schlechten Beschaffenheit des tibetischen Blutes der Brand hinzutritt und, da die Tibeter nicht wissen, was bei solchen Gelegenheiten zu tun ist, das Opfer ihrer Kunst stirbt.
In Anbetracht der nomadischen Gewohnheiten der Tibeter und des rauhen Lebens, das sie führen, bleiben sie von sehr schlimmen Unfällen verhältnismäßig viel verschont. Gelegentlich gibt es Arm- oder Beinbrüche, die sie, wenn der Bruch kein komplizierter ist, nach Möglichkeit gröblich wieder einrichten, indem sie die Knochen in ihre richtige Lage zurückbringen und das Glied fest mit Lappen, Zeugstücken und Stricken bandagieren. Wenn Holz zu haben ist, werden Schienen benutzt. Ein Pulver, das aus einem Pilze gemacht wird, der im Himalaja auf Eichen wächst, wird von den nahe der Grenze wohnenden Tibetern eingeführt und benutzt. Eine dicke Schicht desselben wird, naß gerieben, auf das gebrochene Glied gelegt und darüber der Verband angebracht. Bei einer gesunden Person braucht ein einfacher Beinbruch, der gut eingerichtet worden ist, 20–30 Tage zur Heilung, wonach der Patient wieder anfangen kann herumzugehen; ein gebrochener Arm braucht nicht länger als 15–20 Tage in einer Binde getragen zu werden. Wenn diese Heilungen etwas schneller vor sich gehen als bei unsern zivilisiertern Methoden des Einrichtens der Knochen, so ist dieses nur dem gesunden Klima und dem Umstand zu verdanken, daß die Eingeborenen den größten Teil ihrer Zeit im Freien und in der Sonne zubringen, was ohne Zweifel die beste Kur für jedes derartige Leiden ist. Aber natürlich sind die Knochen nur selten richtig zusammengefügt und gewöhnlich bleiben sie mißgestaltet. Verrenkungen werden mit befriedigendern Resultaten dadurch geheilt, daß man die Knochen in ihre richtige Lage streckt.
Bei Wunden wird das Bluten durch Auflegen eines nassen Lappens gestillt, der fest über die Wunde gebunden wird. In den meisten Fällen, die ich sah, zeigten die Wunden, die nicht verbunden waren, eine sehr langsame Heilung, da die großen Temperaturveränderungen zwischen Tag und Nacht sie oft wieder aufbrechen machen. Sie machten anfangs gute Fortschritte zur Heilung, aber die Neubildung und das Zusammenwachsen der Haut ging sehr langsam vor sich.
Brandwunden werden durch Überstreichen mit Butter behandelt, und ein erweichender Umschlag von Rhabarber wird sowohl angewendet, um Geschwülste von Quetschungen zum Zurückgehen zu bringen als auch um Furunkeln, an denen die Tibeter viel leiden, zur schnellen Eiterung zu führen.
Gegen Fieber und Rheumatismus wird Akonit gegeben, und um Schmerzen in den Muskeln der Glieder zu lindern, wird eine rohe Art von Massage angewendet. Diese wird gewöhnlich von den Frauen ausgeführt, die, soweit ich es beurteilen konnte, die Massage ohne jede praktische Vorkenntnis vornehmen und sich mit heftigem Reiben, Kneifen und Stoßen begnügen, bis Zeichen von Erleichterung auf dem Gesicht des Leidenden erscheinen. Ob diese Zeichen jedoch der wirklichen Linderung von Schmerzen zuzuschreiben sind oder der Hoffnung, daß die Masseuse ihre Behandlung beendigen würde, konnte ich nicht feststellen. Tibetische Finger sind für eine solche Arbeit nicht sehr geeignet, da sie plump und, mit denen anderer asiatischer Volksstämme verglichen, steif und hart sind.
Das Schröpfen wird mit Erfolg angewendet. Man macht drei oder vier kleine Einschnitte dicht beieinander und setzt dann einen kegelförmigen Schröpfkopf über sie, der ungefähr 20 Zentimeter lang ist und an seiner Spitze ein kleines Loch hat. Der Operateur saugt durch diese kleine Öffnung, bis der Schröpfkopf voll Blut ist, worauf man ihn abnimmt und die Operation von neuem begonnen wird. Bei vergifteten Wunden geschieht das Aussaugen, indem man die Lippen auf die Wunde selbst bringt.
Blutentziehung wird als Mittel gegen Quetschungen und Geschwülste und gegen innere Schmerzen angewendet, auch gegen akute Anfälle von Rheumatismus und Gliederschmerzen. Wenn sie nicht genügt, nimmt man seine Zuflucht zur Brennkur, und wenn auch diese versagen sollte, dann kommen die Zündkegel an die Reihe und werden angezündet, nachdem der Sitz des Schmerzes mit ihnen umgrenzt worden ist. Wenn selbst dieses Mittel sich als unwirksam erweist, wird die Krankheit für unheilbar erklärt.
Natürliche Abnormitäten und Mißbildungen sind in Tibet häufig genug. So kamen in jedem Lager, das ich betrat, einige zu meiner Kenntnis. Mißbildungen des Rückgrats waren gewöhnlich, und während meines Aufenthalts in Tibet sah ich viele bucklige Leute. Es gibt auch häufige Fälle von Krümmung der Beine, und Klumpfüße sind nicht selten. Von Mißbildungen des Schädels waren die ungleiche Form der beiden Seiten oder der abnorme Abstand der Augenhöhlen die gewöhnlichsten Fälle, die mir vor Augen kamen.
Durch das beständige Tragen schwerer Ohrringe, die sogar nicht selten das Ohrläppchen zerreißen, sind die Ohren von Männern der höhern Klassen künstlich bedeutend verlängert.
Die häufigste und seltsamste Erscheinung war die außerordentliche Anschwellung des Leibes bei Kindern. Die Kinder haben so ungeheuere Bäuche, daß sie manchmal kaum fähig sind zu stehen; in dem Maße, als sie älter werden, scheint die Anschwellung allmählich nachzulassen, und der Körper nimmt seine normale Gestalt an.
Taubheit kommt häufig vor, aber stumme Leute habe ich nie angetroffen, obgleich ich hin und wieder auf Fälle von Stottern und auf andere Mängel der Artikulation stieß. Öfters wurden die Sprachstörungen jedoch durch Geisteskrankheit veranlaßt, die in Tibet besonders unter den jungen Männern sehr häufig ist.
Apoplektische und epileptische Zufälle und Krämpfe kommen nicht sehr häufig vor, sind aber, wenn sie auftreten, sehr ernst. Gewöhnlich wird die Feuerkur angewendet, um die Geister zu vertreiben, die in den Körper eingedrungen sind. Aber trotzdem haben diese Zufälle manchmal eine vorübergehende oder dauernde Lähmung zur Folge, mit großer Entstellung des Gesichtsausdrucks, besonders um die Augen und den Mund. Ich hatte Gelegenheit, drei Fälle dieser Art in Tucker, in Tarbar nördlich vom Brahmaputrafluß und in Toktschim zu beobachten.
Fälle heftiger Geisteskrankheit traf ich nie, obgleich ich unter den Männern oft seltsame Eigentümlichkeiten und Zeichen des Wahnsinns, besonders des religiösen, beobachtete.
Das seltsamste Heilmittel sah ich im Orte Kutzia anwenden. Ich hatte ein tibetisches Lager von einigen zwanzig oder dreißig Zelten betreten, als meine Aufmerksamkeit durch eine erregte Menge gefesselt wurde, die sich um einen alten Mann, dem man die Kleider ausgezogen, versammelt hatte. Er war mit Stricken festgebunden, und auf seinem Gesicht spiegelte sich Todesangst wider. Neben dem Leidenden kniete ein großer langhaariger Mann mit rotem Rock und schweren Stiefeln und betete inbrünstig, indem er sein Gebetrad, das er in der rechten Hand hielt, herumdrehte.
Da meine Neugier erregt war, näherte ich mich der Versammlung, worauf drei oder vier Tibeter sich erhoben und mir Zeichen machten, wegzugehen. Ich tat, als ob ich sie nicht verstände, und nach einer hitzigen Erörterung wurde mir gestattet zu bleiben.
Augenscheinlich wurde von einem tibetischen Medizinmann eine Operation vorgenommen, und die Spannung der um den Kranken versammelten Menge war groß. Der Doktor war emsig beschäftigt, Zünder herzustellen, die er sorgfältig in Seidenpapier einwickelte. In der Mitte durchgeschnitten, bildeten sie zwei Kegel, jeder mit einem zusammengedrehten Papierschopfe an der Spitze. Als er sechs oder acht fertig hatte, ließ er seinen Patienten oder vielmehr sein Opfer eine sitzende Stellung annehmen. Ich fragte, was dem Kranken fehle. Nach dem, was sie mir sagten, und nach einer auf eigene Hand angestellten Untersuchung war ich überzeugt, daß der Mann an Hexenschuß litt. Die Kur interessierte mich jedoch mehr als die Krankheit selbst, und als der Doktor sah, wie sehr mich seine Verrichtungen fesselten, forderte er mich auf, mich neben ihn zu setzen.
Zuerst rief der Mann nach Feuer; eine Frau reichte ihm von einem nahen Feuer einen lodernden Brand. Er schwang ihn in der Luft hin und her und sprach dabei Beschwörungsformeln. Danach wurde der Patient einer gründlichen Untersuchung unterworfen, bei der er jedesmal, wenn die langen knochigen Finger des Arztes seine Seiten berührten, ein durchdringendes Geheul ausstieß, worauf der Mann der Wissenschaft seine mit offenem Munde dasitzenden Zuschauer belehrte, daß der Schmerz dort säße. Jetzt setzte der Doktor eine ungeheuer große Brille auf, und nachdem er zuerst die Nabelgegend des Kranken mit der flachen Hand gerieben hatte, maß er mit dem gebogenen Daumen zwei Zoll auf jeder Seite und unterhalb des Nabels ab. Zur Bezeichnung dieser Abstände benutzte er das brennende Holzstück, das er an diesen Stellen auf das Fleisch drückte.
»Murr, murr! Butter, Butter!« war das, was er zunächst verlangte, und so wurde Butter gebracht. Er rieb ein bißchen davon auf jeden Brandfleck. Dann wurde auf jeden derselben ein Kegel gesetzt und so lange gedrückt, bis er mit der Spitze nach oben festsaß. Indem der Medizinmann zuerst die Kugeln eines Rosenkranzes schob, dann die Gebetmaschine drehte und Gebete murmelte, arbeitete er sich in einen Zustand vollkommener Raserei hinein. Er starrte die Sonne am Himmel an, erhob seine Stimme von schwachem Geflüster zu einem donnernden Bariton, und seine ganze Zuhörerschaft schien von dieser Vorstellung so ergriffen, daß sie alle bebten und zitterten und in ihrem Schrecken beteten. Jetzt faßte er das brennende Holz wieder nervös mit einer Hand und brachte, indem er mit der ganzen Kraft seiner Lungen darauf blies, eine Flamme hervor. Die Aufregung der Menge wuchs aufs höchste; den Kopf zur Erde geneigt, betete jeder inbrünstig. Der Doktor schwenkte das brennende Holz drei- oder viermal in der Luft und führte die Flamme dann an die Papierzipfel der Kegel. Allem Anschein nach hatte man zur Herstellung derselben Salpeter und Schwefel gemischt; sie brannten schnell und machten dabei ein Geräusch wie eine brennende Zündschnur.
Die Aufregung der Zuschauer war aber in diesem Moment nicht mit der Aufregung des Patienten zu vergleichen, der die Wirkung dieses primitiven Heilmittels zu fühlen begann. Das Feuer sprühte ihm auf die nackte Haut. Das Mittel wirkte! Schaum kam dem unglücklichen Manne aus dem Munde, seine Augen traten aus ihren Höhlen. Er klagte und stöhnte jämmerlich und machte verzweifelte Anstrengungen, die Bande zu lösen, die seine Hände auf dem Rücken festhielten. Zwei kräftige Männer sprangen vor und hielten ihn, während der Medizinmann und alle anwesenden Frauen, über die ausgestreckte Gestalt gebeugt, mit aller Macht auf die Reste der drei rauchenden Kegel bliesen, die sich tiefer in das Fleisch des unglücklichen Opfers einbrannten.
Der Schmerz, über den der Mann geklagt hatte, schien rund um die Hüften zu gehen; deshalb begann der sonderbare Arzt, nachdem er die Arme seines Patienten vom Rücken los- und vorn wieder festgebunden hatte, seine Messungen von neuem, diesmal vom Rückgrat ausgehend.
»Tschik, ni, sum! Eins, zwei, drei!« rief er aus, während er die drei Stellen wie vorher bezeichnete, sie mit Butter beschmierte und die Kegel auf ihnen befestigte. Nun folgte eine Wiederholung der vorherigen Aufregung, Gebete, Todesqual und Verrenkungen. Aber der Patient war noch nicht gänzlich geheilt, und folglich wurden trotz meines Protestierens und Bittens noch weitere Kegel auf seinen beiden Seiten angezündet. Der arme Bursche hatte jetzt einen Kreis schwerer Brandwunden rings um den Körper.
Es ist wohl kaum nötig zu sagen, daß, als die Operation nach zwei Stunden vorüber war, aus dem Kranken ein Sterbender geworden war.
In der Absicht, von diesem hervorragenden Arzte (er stand bei den Tibetern in großem Ansehen) einige Winke über Heilkunde zu erhalten, sandte ich ihm ein kleines Geschenk und lud ihn ein, mich zu besuchen. Er war sehr geschmeichelt und trug kein Verlangen, seine Methode geheimzuhalten, ja, er forderte mich sogar dringend auf, einige seiner unvergleichlichen Heilmittel zu versuchen.
Nach seiner Meinung sollte das Feuer die meisten Krankheiten heilen; was Feuer nicht heilen könne, würde Wasser heilen. Trotzdem hatte er einige kleine Pakete mit verschieden gefärbten Pulvern, denen er außerordentliche Kräfte zuschrieb.
»Ich fürchte, dein Patient wird sterben«, bemerkte ich.
»Das mag sein,« war die Antwort, »aber daran wird der Patient schuld sein, nicht die Kur. Außerdem, was kommt es darauf an, ob man heute oder morgen stirbt?«
Und mit diesem berufswidrigen Diktum verließ er mich.