Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Räuber.

Als ich die Gomba verließ, nachdem meine neuen Freunde, die Lamas, ihre Salaams bis zur Erde gemacht hatten, ging ich in dem Dorfe herum, um alles zu besichtigen, was dort zu sehen war.

Am Rande des Wassers stand eine Anzahl verfallener, aus Lehm und Steinen gebauter Tschokden. Sie standen an dem Ostende des Dorfes in einer Reihe und sollten wie üblich Knochen, Zeug oder Metall und Bücher oder Teile derselben enthalten, die einst einem großen Manne oder einem Heiligen gehört haben. Gelegentlich finden sich auch roh gezeichnete Bilder in ihnen. In seltenen Fällen werden die Aschenüberreste eines Toten in einer kleinen irdenen Urne gesammelt und in einem der Tschokden niedergelegt. Die Asche wird gewöhnlich mit Ton zu einer Paste verarbeitet, auf die, wenn sie als ein Medaillon plattgedrückt worden ist, ein Bild Buddhas entweder mit einer Form eingepreßt oder vermittelst eines spitzen Werkzeugs eingraviert wird.

Das Innere der Häuser in Tucker ist noch weniger einnehmend als das Äußere. Jede Wohnstätte hat einen von Mauern umschlossenen Hof, und der obere Rand der Mauer wie auch die Kante des flachen Daches sind mit Massen von Tamarisken belegt, die zur Feuerung dienen. In dem Hofe werden Schafe und Ziegen während der Nacht eingepfercht; die menschlichen Wesen, die die Zimmer bewohnen, sind über alle Beschreibung schmutzig. Sowohl über dem Kloster als auch über jedem Hause hingen Hunderte von fliegenden Gebeten, und da die Leute oben auf ihren Dächern standen, uns beobachteten und lustig lachten und schwatzten, hatte der Ort ein ganz heiteres Aussehen.

Als ich herumspazierte, erschienen ungefähr fünfzig oder sechzig mit Luntenflinten und Schwertern bewaffnete Männer auf der Bildfläche. Ich sah sie mit Mißtrauen an; Katschi aber beruhigte mich und sagte, sie wären keine Soldaten, sondern eine mächtige Räuberbande, die ungefähr ein Kilometer von hier lagere und zu den Lamas in sehr freundschaftlicher Beziehung stehe. Zur Vorsicht lud ich meine Büchse, was vollständig genügte, eine allgemeine Flucht des bewaffneten Haufens zu veranlassen, dem in panischem Schrecken alle Dorfbewohner folgten, die sich um uns versammelt hatten. Wie alle Tibeter waren sie, wenn auch kräftig gebaut, ein elendes Pack und mit einer guten Portion Prahlerei ausgestattet.

Früh am Morgen hatte ich mich wegen Proviants erkundigt und über den Ankauf von zwei fetten Schafen und von ungefähr 200 Kilogramm Lebensmitteln (Mehl, Reis, Zucker, Salz und Butter) unterhandelt; mehrere Tibeter sagten, sie könnten mich mit jeder beliebigen Quantität, die ich brauchte, versorgen. Unter anderm war ein Händler aus Buddhi da, der versprach, mir innerhalb einer Stunde Nahrungsmittel zu bringen, die für uns zehn Mann 25 Tage lang reichen würden. Als die Leute fortgingen, bemerkte ich, daß zwei meiner Schokas ihnen nachliefen und eine aufgeregte Besprechung mit ihnen abhielten. In der Tat kamen nach ungefähr drei Stunden die Händler zurück und schwuren, daß in dem Orte absolut keine Lebensmittel zu bekommen seien. Es war wirklich wunderbar zu beobachten, wie diese Leute lügen konnten. Ich schöpfte Verdacht und schalt meine Schokas aus, indem ich ihnen eine ernste Züchtigung androhte, falls sich mein Argwohn als berechtigt herausstellen sollte.

Teils weil sie sich entdeckt sahen, teils aus Furcht vor den Tibetern waren die Schokas jetzt wieder ganz unvernünftig und demoralisiert, so daß ich beschloß, sie zu entlassen. Es hatte keinen Zweck, sie mit Gewalt zu halten. Von dem Augenblick an, als ich das verbotene Land betreten, hatte ich mich gezwungen gesehen, mich vor ihnen ebensosehr wie vor den Tibetern in acht zu nehmen. Als ich mich entschloß, sie fortgehen zu lassen, dachte ich jedoch nichtsdestoweniger daran, daß diese Burschen, so feig sie auch waren, schließlich doch um meinetwillen Ungemach und Entbehrungen ausgestanden hatten, die nur wenige Menschen ertragen können, und ich zahlte sie daher nicht nur aus, sondern gab ihnen noch eine gute Belohnung unter der Bedingung, daß sie es übernähmen, einen Teil meines Gepäcks, der Photographien, ethnologische Sammlungen usw. enthielt, sicher über die Grenze zurückzubringen. Mit unendlicher Mühe brachte ich es dahin, Vorräte anzukaufen, die für vier Mann auf zehn Tage genügen würden.

Die ganze Gesellschaft begleitete mich noch sechs Kilometer weit, wo wir angesichts der baufälligen Gomba von Pangbu, die zwei Kilometer westlich von uns lag, haltmachten, um, von den Tibetern ungesehen, die nötigen Vorbereitungen für unsere Trennung zu treffen.

Als alles fertig war, verließen mich die fünf Schokas, unter ihnen Katschi und Dola; sie schwuren mir bei der Sonne und allem, was ihnen am heiligsten war, daß sie mich in keiner Weise den Tibetern verraten würden, die bis jetzt noch keinen Verdacht hatten, wer ich war.

Bijesing und Nattu willigten ein, mich bis zu dem Maiumpasse zu begleiten, so daß meine Expedition, mich eingeschlossen, auf nur fünf Mann reduziert war.

Alles schien zu guten Hoffnungen zu berechtigen, als ich mit meiner verkleinerten Gesellschaft den Weg nach Nordosten antrat und zuerst 6 Kilometer in nordöstlicher Richtung am See entlang ging, dann 22 Kilometer über die kahlen Hügelketten in östlicher Richtung anstieg. Der Marsch war ereignislos, und meine vier Leute schienen in der besten Laune zu sein. Wir stiegen zu einer Ebene hinab, wo Gras und Wasser zu finden war, und als wir einen Lagerplatz mit einer Schutzmauer gefunden hatten, wie sie die Tibeter gewöhnlich an ihren Rastplätzen aufführen, machten wir es uns für die Nacht bequem, trotz des starken Windes und eines vorübergehenden Hagel- und Regenwetters, das uns bis auf die Haut durchnäßte. Das Thermometer fiel während der Nacht auf ein Grad über Null.

Der Gunkyosee.

Bei Sonnenaufgang war ich auf den Beinen, um womöglich von dem Gipfel eines hohen Hügels, von dem ich einen großen Teil des umgebenden Landes überschauen konnte, eine Rekognoszierung vorzunehmen. Es war für mich von größter Wichtigkeit, zu sehen, welches der bequemste Weg sein würde, über die verwickelten Hügel- und Bergketten vorzudringen und zugleich die genaue Richtung eines großen Flusses nördlich von uns festzustellen, der sich in den Mansarowar ergießt, dessen Name mir aber niemand sagen konnte. Ich ging allein in nordnordwestlicher Richtung vorwärts und kam auf den Gipfel eines Berges von 4900 Meter Höhe, wo ich imstande war, alles, was ich zu wissen wünschte, festzustellen und zu notieren. Als ich nach dem Lager zurückgekehrt war, gingen wir nach Ostnordost weiter, einen Paß von 5000 Meter Höhe überschreitend. Vor uns stand ein hoher Hügel, dessen Spitze einer Festung glich; über ihm flatterten fliegende Gebete im Winde hin und her. Am Fuße des Hügels weideten einige zwanzig Pferde.

Im Innern eines tibetischen Zeltes.

Mit Hilfe meines Fernglases konnte ich mich vergewissern, daß das, was mir zuerst wie ein Schloß erschienen, nichts als ein Werk der Natur war und daß dem Anschein nach sich niemand dort verborgen hielt. Indessen zeigten die Pferde die Nähe von Menschen an, und wir mußten uns vorsichtig bewegen. In der Tat entdeckten wir, als wir um den nächsten Hügel bogen, unten in dem grasigen Tale eine Anzahl von schwarzen Zelten, 200 Jake und etwa 1000 Schafe. Wir hielten uns hinter dem Hügel gut außer Sicht und stiegen, einen weiten Umweg machend, endlich in ein ausgedehntes Tal hinab, in welchem der Fluß einen Halbkreis beschrieb und die südlichen Hügelzüge bespülte, wo sich ein von Südosten kommender Nebenfluß mit ihm vereinigte. Dieser Nebenfluß erschien mir zuerst größer als der, den ich nachher für den Hauptstrom erkannte, und so folgte ich seinem östlichen Laufe auf einer Strecke von 7 Kilometer, bis ich sah, daß er mich in eine südlichere Richtung führte, als ich gehen wollte; ich kehrte deshalb an einem ziemlich flachen Plateau entlang wieder zurück.

Wir begegneten zwei tibetischen Frauen, von denen ich nach endlosen Unterhandlungen ein fettes Schaf aus einer Herde kaufte, die sie vor sich her trieben. Diese beiden Weiber trugen Schleudern aus Stricken in den Händen. Für einige Annas gaben sie ihre Geschicklichkeit zum besten, und es war wirklich erstaunlich, wie sie sogar auf eine Entfernung von 30 und 40 Meter in ihrer Herde jedes Schaf, das man ihnen bezeichnete, trafen. Ich versuchte von diesen gefährlichen Weibern über das Land einige Auskunft zu erhalten, aber sie gaben vor, darüber gar nichts zu wissen.

»Wir sind nur Mägde,« sagten sie, »und wir wissen nichts. Wir kennen jedes Schaf in unserer Herde, das ist alles; aber unser Herr, dessen Sklaven wir sind, weiß alles. Er weiß, von wo die Flüsse kommen, und kennt die Wege nach allen Gombas. Er ist ein großer König.«

»Und wo wohnt er?« fragte ich.

»Dort, zwei Meilen von hier, wo jener Rauch zum Himmel steigt.«

Es war eine große Versuchung für mich, diesen »großen König« zu besuchen, der so viele Dinge wußte, um so mehr, als wir ihn vielleicht überreden konnten, uns etwas Proviant zu verkaufen, was eine große Hilfe für uns gewesen wäre, da wir keineswegs zu viel davon hatten. Wie dem auch sein mochte, würde der Besuch, wenn auch von der Vorsicht nicht geraten, jedenfalls interessant sein.

Wir steuerten auf die verschiedenen Rauchsäulen zu, die in weiter Entfernung vor uns emporstiegen, und näherten uns endlich einem ausgedehnten Lager von schwarzen Zelten. Unser Erscheinen verursachte große Bewegung, und Männer und Frauen stürzten in Aufregung in ihre Zelte hinein und wieder heraus.

»Jogpas, jogpas! Räuber, Räuber!« schrie jemand im Lager, und in einem Augenblick waren ihre Luntenflinten in Bereitschaft gesetzt und die wenigen Männer, die außerhalb der Zelte geblieben waren, hatten ihre Schwerter gezogen, die sie unbeholfen in den Händen hielten.

Für Räuber gehalten zu werden, war in der Tat eine neue Erfahrung für uns, und die kriegerische Ausrüstung stand in seltsamem Kontrast zu dem erschreckten Ausdruck auf den Gesichtern der Leute vor uns. Wirklich gingen sie, als Tschanden Sing und ich vortraten und ihnen Zeichen machten, ihre Schwerter wieder in die Scheide zu stecken und die Luntenflinten wegzulegen, bereitwilligst auf unsere Aufforderung ein und brachten schnell Decken heraus, auf die wir uns setzen sollten. Nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatten, waren sie sehr bemüht, höflich zu sein.

»Kiula gunge gozai deva labodu. Du hast hübsche Kleider«, begann ich die Unterhaltung, indem ich es mit Schmeichelei versuchte, um dem Häuptling die Schüchternheit zu benehmen.

»Lasso, leh. Ja, Herr«, antwortete der Tibeter, augenscheinlich erstaunt, indem er mit einer Miene komischen Stolzes seinen Anzug betrachtete.

Die Antwort genügte, mir zu zeigen, daß der Mann mich als einen Höherstehenden betrachtete; denn im Tibetischen ist die Bejahung einem Gleichgestellten oder Tieferstehenden gegenüber das bloße Wort lasso, ohne das Affix leh.

»Kiula tuku taka zando? Wieviel Kinder hast du?« fing ich wieder an.

»Ni. Zwei.«

»Tschuwen bogpe tsamba tschon wowi? Willst du mir Mehl oder Tsamba verkaufen?«

»Middu. Wir besitzen gar keins«, erwiderte er, indem er mit der nach oben gekehrten flachen rechten Hand mehrere schnelle halbkreisförmige Bewegungen machte.

Dies ist bei den Tibetern eine äußerst charakteristische Bewegung, und sobald sie nein sagen, begleitet diese Bewegung das Wort fast unfehlbar anstatt der bei uns üblichen Kopfbewegung.

»Keran ga naddung? Wo gehst du hin?« fragte er mich eifrig.

»Ngarang ne koroun. Lungba quorghen neh jelgun. Ich bin ein Pilger. Ich gehe, heilige Stätten anzusehen.«

»Gopria zaldo. Tschakzal wortzie. Tsamba middu. Bogpe middu, guram middu, diemiddu, kassur middu. Ich bin sehr arm. Bitte, höre mich. Ich habe keine Tsamba, kein Mehl, keinen süßen Honig, keinen Reis, keine getrockneten Früchte.«

Natürlich wußte ich, daß dies erlogen war; ich sagte daher ruhig, ich würde sitzenbleiben, wo ich sei, bis man mir Nahrungsmittel verkauft hätte. Indem ich dies sagte, brachte ich eine oder zwei Silbermünzen zum Vorschein, deren Anblick für den habgierigen Geist der Tibeter immer das Mittel war, eine geschäftliche Verhandlung zu beschleunigen. Meine Geduld wurde etwas auf die Probe gestellt, aber ich brachte es fertig, zwanzig Pfund Nahrungsmittel zu kaufen, immer eine kleine Handvoll nach der andern, nach deren jeder die Tibeter schwuren, daß sie nicht das geringste mehr zu verkaufen hätten. In dem Augenblick, als das Geld übergeben wurde, fingen sie untereinander einen Streit darüber an, und bei dieser Gelegenheit war es empörend zu sehen, wie habgierig die Tibeter jeder Klasse sind. Kein Tibeter irgendwelchen Ranges schämt sich, in der demütigsten Weise um die kleinste Silbermünze zu betteln, und wenn er etwas verkauft und die Bezahlung erhält, fleht er immer um eine, wenn auch noch so kleine Münze als Zugabe. Um dies zu erreichen, wird sogar ein Tibeter von gutem Stande sich so weit erniedrigen, jede entwürdigende Handlung zu begehen; er verliert dadurch nicht die Achtung seiner Stammesangehörigen, die ihrerseits immer bereit sind, dasselbe zu tun.

Die Tibeter, die mich umgaben, waren außerordentlich malerisch mit ihrem über die Schultern herabhängenden Haar und den langen, mit Stücken roten Tuches, Elfenbeinringen und Silbermünzen geschmückten Zöpfen. Fast alle trugen den üblichen Rock mit weiten, ganz über die Hände hängenden Ärmeln und an der Taille hochgezogen, um den ganzen Kram von Speiseschalen, Schnupftabaksdose usw. aufzunehmen, den sie im täglichen Leben brauchen. Die meisten von ihnen waren in Dunkelrot gekleidet und alle mit juwelenbesetzten Schwertern bewaffnet. Mit ihren platten, breiten Nasen und den geschlitzten, durchbohrenden Augen, vortretenden Backenknochen und einer Haut, die reichliche ölige Absonderungen hatte, standen diese Burschen wieder in respektvoller Entfernung, unsere Gesichter prüfend und unsere Bewegungen augenscheinlich mit großer Besorgnis beobachtend. Ich habe kaum jemals eine größere und einem Europäer fast unbegreiflich scheinende Feigheit und Furchtsamkeit gesehen als bei diesen kräftigen Burschen. Das bloße Aufschlagen der Augen genügte, um einen Mann erschreckt fortstürzen zu machen, und mit Ausnahme des Häuptlings, der Mut heuchelte, obgleich er vor Furcht zitterte, zeigten sie alle miteinander eine lächerliche Nervosität, sobald ich mich ihnen näherte, um ihre Kleider oder die Schmucksachen zu prüfen, die sie um den Hals trugen und unter denen die Amulettkapseln, die ihnen allen auf der Brust hingen, am hervorragendsten waren. Die größern dieser Amulette enthielten ein Bild Buddhas, die andern waren bloße Messing- oder Silberkapseln ohne jeden Inhalt.

Hier wie auch in andern Lagern fiel mir auf, wie geschickt die Tibeter in der Bearbeitung des Leders sind, das sie selbst gerben und zubereiten und dem sie oft eine schöne rote oder grüne Farbe geben. In der Regel lassen sie ihm jedoch die natürliche Färbung, besonders wenn es zu Gürteln, Kugel- und Pulvertaschen und zu Feuerstein- und Gewehrschloßbehältern gebraucht wird. Das Haar der Felle wird durch Ausreißen und Abschaben entfernt; besondere Vorliebe zeigt man für die Felle von Jaken, Antilopen und Kiang, aus denen jene Zierstücke gemacht werden. In der Kunst, die Felle zu behandeln, sind die Tibeter Meister; die Häute werden stark geschlagen, mit den Füßen getreten und mit den Händen bearbeitet, um sie weich zu machen. An einigen dieser Lederarbeiten waren einfache Verzierungen angebracht; in den meisten Fällen aber waren entweder metallene oder verschiedenfarbige Lederzieraten auf den Gürteln und Taschen befestigt; mit Silber eingelegtes Eisen war am meisten zur Verzierung benutzt worden, nach diesem vorzugsweise Silber.

Junger Tibeter.

Diese Metalle finden sich im Lande vor, und die Tibeter verstehen es, das Erz zu schmelzen und zu gießen, wenn sie für diesen Zweck hinreichendes Brennmaterial erlangen können. Zum Schmelzen der Metalle werden irdene Tiegel verwendet. Die flüssige Masse wird in Tonformen gegossen; dann kommen Hammer und Meißel an die Reihe, um die eingelegte Arbeit herzustellen, in der die Tibeter so Bedeutendes leisten. Auf den Scheiden der tibetischen Schwerter sieht man häufig eingelegte Arbeit, in der das Blattmuster und verschiedenartige Schnörkel und geometrische Figuren die am meisten verwendeten Ornamente sind.

Das Härten der Metalle ist in dem heiligen Lande der Lamas noch in seiner Kindheit. So sind die Klingen ihrer Schwerter, Messer und Dolche aus Schmiedeeisen, nicht aus Stahl. Es gelingt ihnen, dieselben zu einem erstaunlichen Grade von Schärfe zu bringen, aber die Elastizität unserer Stahlklingen fehlt ihnen natürlich gänzlich. In die Seiten der Dolche werden gewöhnlich Rinnen eingeschnitten, um in die Wunden Luft einzulassen und sie dadurch unheilbar zu machen; die Klingen der gewöhnlichen Schwerter jedoch sind vollständig glatt und haben nur eine Schneide. Diese Schwerter sind kaum dazu geeignet, den Anforderungen eines ernsten Kampfes zu genügen, da sie weder ein festes Anfassen erlauben noch irgendeinen Schutz für die Hand haben. An einigen der wertvollsten Schwerter sind die Scheiden und Griffe aus massivem Silber gemacht und mit Türkisen und Korallen eingelegt; andere sind von Silber mit goldenen Verzierungen. In Lhasa werden auf den besten Dolchen Verzierungen von Silberfiligran angebracht, eine ähnliche Kunst ist auch in Schigatse bekannt; sonst aber wird an keinem andern Orte Tibets diese schöne Metallarbeit geübt.

Aus diesen Bemerkungen darf nicht geschlossen werden, daß es in Tibet überhaupt keine Stahlschwerter gibt, denn man kann überall im Lande schöne Klingen aus vorzüglichem Stahl chinesischer Arbeit sehen, die im Besitze der reichern Beamten sind. Dazu kommen die ungeheuern zweihändigen Schwerter, wie sie die tibetischen Scharfrichter gebrauchen, die ebenfalls aus China eingeführt werden; diese sind zweischneidig.

Die Sättel sind, obgleich sie der Bequemlichkeit ermangeln, dennoch Kunstwerke. Das Gestell ist aus festem importiertem Holz gemacht und in geschmiedetes Eisen gefaßt, das wie bei einem mexikanischen Sattel einen sehr hohen vordern und hintern Teil bildet. Zur Verzierung gewisser Teile des Sattels wird Eidechsenhaut oder farbiges Leder verwendet, und ein Sattelkissen bedeckt die Stelle, auf der der Reiter sitzt. Um die Bequemlichkeit zu erhöhen, wird jedoch immer noch eine Decke über das Kissen gelegt. Die kurzen eisernen Steigbügel zwingen den Reiter, mit gekrümmten Beinen zu sitzen, was, wenn man sich daran gewöhnt hat, eine nicht unbequeme Stellung ist.

Ein ledernes Bruststück, ein Schwanzriemen, Zügel und Gebiß, alles in derselben Weise wie der Sattel verziert, vervollständigen die Aufzäumung des tibetischen Pferdes. Hierzu müssen die hinter dem Sattel befestigten doppelten Säcke, die zur Aufnahme von Tsamba, Butter usw. dienen, gerechnet werden, ebenso der unvermeidliche Pflock nebst langem Strick, mit dem jeder tibetische Reiter versehen sein muß, um das Tier nachts anzubinden.

Die Packsättel für Jake werden nach demselben Prinzip gebaut, sind aber von viel roherer Konstruktion. Das Gepäck wird mit Hilfe von Stricken an den beiden obern Stangen befestigt. Um den Sattel auf dem Jak festzuhalten und Wundscheuern zu vermeiden, legt man dem Tiere, ehe es gesattelt wird, Kissen und Decken auf den Rücken. Rechnet man hierzu das langhaarige Fell des Tieres, so wird man begreifen, daß es durch diese anscheinend grausamen Lasten sehr selten auch nur die kleinste Verletzung erleidet.