Wir schliefen sehr wenig, da wir erwarteten, daß die Soldaten uns während der Nacht angreifen und versuchen würden, unsern Weitermarsch zu hindern; aber alles blieb ruhig und nichts geschah. Unsere Jake jedoch brachten es fertig, sich loszumachen, und wir hatten morgens einige Mühe sie wiederzubekommen, denn sie waren über den Strom geschwommen und auf der andern Seite etwa zwei Kilometer weit gelaufen.
Die Nacht war sehr kalt gewesen, da das Thermometer bis auf Null heruntergegangen war. Wir hatten unser kleines Zelt nicht aufgeschlagen und waren nach dem langen Marsch des vorhergehenden Tages müde und durchfroren. Der Wind wehte aus Südwesten, und ich fand es sehr hart, über den Fluß hinüber zu müssen, den Jaken nachzueilen und sie nach dem Lager zurückzubringen; dazu mußten wir, so erschöpft wir auch sein mochten, uns der täglichen Mühe unterziehen, sie zu beladen. Wir marschierten an dem rechten Ufer in nahezu südlicher Richtung entlang, hielten uns dann südöstlich, wo sich der Fluß zwischen kahlen Hügeln hindurchwand, um danach durch ein grasiges Tal von ein Kilometer Breite und zwei Kilometer Länge zu fließen. Dann ging es durch einen schmalen Engpaß, worauf wir durch ein wellenförmiges, grasiges Tal von 3½ Kilometer Breite kamen, bei dessen Durchschreiten wir von einem furchtbaren Gewitter mit Hagel und Regen überrascht wurden. Dies war recht ärgerlich, denn wir befanden uns jetzt vor einem sehr großen Nebenflusse des Brahmaputra, und das Wasser war so angeschwollen, reißend und tief, daß ich nicht wußte, wie ich meine Leute hinüberbringen sollte, da sie nicht schwimmen konnten und das Wasser so kalt war, daß ein Bad wohl jeden recht mitnehmen konnte.
Es war jedoch keine Zeit zu verlieren, denn der Strom stieg sichtlich, und da das Gewitter schlimmer wurde, mußten die Schwierigkeiten mit jedem Augenblick wachsen. Wir zogen unsere Kleider bis auf den letzten Faden aus und banden sie mit unsern Büchsen usw. an den Packsätteln der Jake fest, die wir in das Wasser trieben. Sie sind gute Schwimmer, und wenn die Strömung sie auch über 100 Meter stromabwärts trieb, sahen wir sie doch mit Befriedigung sich aus dem Wasser auf das gegenüberliegende Ufer emporarbeiten.
Trotz des Vertrauens, das Tschanden Sing und Man Sing zu meiner Schwimmkunst hatten, glaubten sie wirklich, daß ihre letzte Stunde gekommen sei, als ich sie bei der Hand nahm und aufforderte, mir in den Strom zu folgen. Bei dem prasselnden Regen und Hagel von oben, der mit furchtbarer Kraft auf unsere Köpfe und Rücken schlug, und in dem schneidend kalten Wasser, in das wir allmählich bis zum Halse einsanken, fühlten wir uns alles andere als behaglich, um so mehr, als auch die Strömung so heftig war, daß wir glaubten, wir würden im nächsten Moment unsern Halt verlieren.
Kaum waren wir 12 Meter weit gekommen, als das Unvermeidliche eintrat. Wir wurden alle drei fortgerissen, und nun klammerten Tschanden Sing und Man Sing sich fest an meine Arme und zogen mich unter Wasser. Ihre Hände schienen sich plötzlich in eiserne Krallen verwandelt zu haben, und ich konnte sie nicht dazu bringen, ihren Griff zu lockern. Obgleich ich mit den Beinen so kräftig ruderte, als ich konnte, kamen wir doch beständig von der Oberfläche wieder auf den Grund infolge der schweren Last meiner hilflosen Genossen. Endlich, nach einem verzweifelten Kampfe von mehreren Minuten, spülte uns die Strömung gegen das jenseitige Ufer, wo wir auf die Füße kamen und bald fähig waren, uns aus dem heimtückischen Flusse herauszuarbeiten. Wir befanden uns etwa 200 Meter stromabwärts von der Stelle, wo wir in den Fluß hineingegangen waren, und die Masse schlammigen Wassers, die wir geschluckt hatten, war so groß, daß uns allen dreien sehr übel wurde. Wir waren sehr erschöpft, und da das Unwetter noch nicht nachlassen zu wollen schien, schlugen wir das Lager (4975 Meter) auf dem linken Ufer des Stromes auf. Obgleich wir warme Speise dringend nötig hatten, war natürlich keine Möglichkeit vorhanden, Feuer anzumachen. Ein Stück Schokolade war alles, was ich an diesem Abend hatte, und meine Leute zogen es vor, gar nichts zu essen, anstatt das Gesetz ihrer Kaste zu übertreten.
Wir schliefen unter unserm kleinen Zelt. Es mochte gegen 11 Uhr sein, als draußen ein Geräusch wie von Stimmen und über Steine stolpernden Menschen hörbar wurde. Im Augenblick war ich mit meiner Büchse draußen und schrie das gewöhnliche »Palado! Schert euch fort!«, worauf ich als Antwort mehrere mit Schleudern geworfene Steine an mir vorbeisausen hörte, in der Dunkelheit aber nichts sehen konnte. Einer der Steine traf das Zelt, und ein Hund bellte wütend. Ich feuerte einen Schuß in die Luft ab, der die gute Wirkung hatte, einen hastigen Rückzug unserer Feinde, wer sie auch sein mochten, hervorzubringen. Der Hund jedoch wollte nicht gehen. Er blieb draußen und bellte die ganze Nacht, und erst am Morgen, als ich ihm etwas zu fressen gab und ihn nach tibetischer Art mit dem gebräuchlichen Schmeichelworte »Tschotschu, tschotschu« streichelte, wurde unser vierfüßiger Feind freundlich, rieb sich an meinen Beinen, als ob er mich sein Leben lang gekannt hätte, und faßte eine besondere Zuneigung für Man Sing, neben dem er sich niederlegte. Von diesem Tage an verließ er unser Lager nicht mehr und folgte uns überall hin, bis schlimmere Zeiten über uns kamen.
Der Fluß wandte sich zu weit nach Süden; ich beschloß daher, ihn zu verlassen und quer durch das Land zu gehen, besonders auch, weil schwache Spuren eines Pfades zu sehen waren, der in ostsüdöstlicher Richtung über einen Paß führte. Ich folgte diesem Pfad und konnte auf ihm Spuren von Hunderten von Pferdehufen sehen, die jetzt fast gänzlich verwaschen waren. Augenscheinlich war dies der Weg, den die Soldaten eingeschlagen hatten, denen wir auf der andern Seite des Maiumpasses begegnet waren.
Als wir über den Paß (5410 Meter) gestiegen waren, sahen wir ein ausgedehntes Tal mit darüber verstreuten kahlen Hügeln vor uns. Gegen Süden bemerkten wir eine 17 Kilometer breite große Ebene, an deren entgegengesetzter Seite sich schneebedeckte Berge erhoben. Vorn ragte in die Ebene ein Hügel hinein, auf dem eine Manimauer stand. Diese Entdeckung machte mich ganz sicher, daß ich auf der Hauptstraße nach Lhasa war. Ungefähr 5 Kilometer entfernt in Nordnordwest waren hohe schneebedeckte Berge, und als wir weitergingen, fanden wir, 16 Kilometer dahinter, einen stattlichen Gebirgszug mit höheren Bergen.
Wir waren zur Hälfte über die wasserlose Ebene gewandert, als wir eine Anzahl Soldaten mit ihren Luntenflinten entdeckten, die hinter einem entfernten Hügel Verstecken spielten. Sie kamen in einem großen Trupp hervor, um unsere Bewegungen zu beobachten, und zogen sich dann wieder hinter den Hügel zurück. Wir gingen vorwärts; aber als wir noch ein Kilometer von ihnen entfernt waren, verließen sie ihr Versteck und galoppierten fort, Wolken von Staub aufwirbelnd.
Von einem 4940 Meter hohen Hügel, über den der Pfad ging, erblickten wir in 16 Kilometer Entfernung eine Gruppe von sehr hohen schneebedeckten Bergen. Zwischen ihnen und uns stand eine Kette von hohen Hügeln, die von einem Tale durchschnitten wurde, in welchem ein Fluß strömte, der eine große Masse Wassers führte. Wir folgten ihm und überschritten ihn, als wir eine passende Furt gefunden hatten, an einer Stelle, wo der Strom 25 Meter breit war und das Wasser uns bis an die Hüften reichte. Hier fanden wir wieder eine Manimauer mit großen Inschriften auf Steinen. Da der Wind sehr stark und schneidend war, gedachten wir, sie als Schutz zu benutzen.
In dem Winkel zwischen Westsüdwest und Ostsüdost konnten wir in der Ferne einen sehr hohen schneebedeckten Gebirgszug, die große Himalajakette, und niedrigere Hügelzüge in nur 5 Kilometer Entfernung von unserm Lager sehen. Der Fluß, den wir soeben überschritten hatten. mündete in den Brahmaputra. Eine große Anzahl schwarzer Zelte stand in Ostsüdost vor uns; unserer Schätzung nach waren sie 3 Kilometer entfernt. Als die Sonne unterging, sahen wir sie sehr deutlich und zählten ungefähr sechzig. In ihrer Nähe konnte man Hunderte von schwarzen Jaken bemerken.
Zu unserm Erstaunen waren sie am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang alle verschwunden, und wir konnten auch, als wir in der Richtung marschierten, wo wir sie am Abend vorher gesehen hatten, keine Spuren von ihnen finden. Ich glaube, daß wir es mit einer Luftspiegelung zu tun gehabt hatten.
Als wir ungefähr 25 Kilometer weiter über eine grasbedeckte Ebene gegangen waren, die im Nordosten durch den von Nordwesten nach Südosten streichenden Gebirgszug begrenzt war und in Ostnordost, ungefähr 8 Kilometer von uns, hochragende schneebedeckte Gipfel hatte, kamen wir schließlich an einen sehr großen tibetischen Lagerplatz von über achtzig Zelten, in einer Höhe von 4770 Meter. Sie waren an dem Ufer eines Nebenflusses des Brahmaputra aufgeschlagen, der westlich an dem Lager vorbeifließt, nachdem er in der Ebene einen großen Bogen beschrieben hat. Acht Kilometer davon, in dem von Nordwesten nach Ostnordosten beschriebenen Bogen, erhob sich die Bergkette, die ich schon immer bemerkt hatte. Hier wurden aber die Gipfelhöhen allmählich immer geringer, so daß die Bezeichnung »Hügelzug« besser für sie passen würde als der Name »Bergkette«. Hinter ihr jedoch ragten viel höhere schneebedeckte Gipfel empor.