Einunddreißigstes Kapitel.
Im Zeltlager.

Wir steuerten kühn auf das Lager los. Zuerst verursachte unser Näherkommen eine große Bewegung; hastig wurden Jake und Schafe vor uns hinweggetrieben, während Männer und Frauen in scheinbar großer Aufregung in die Zelte hinein- und wieder herausstürzten. Acht oder zehn Männer kamen zögernd vorwärts und baten uns, in das Innere eines großen Zeltes einzutreten. Sie wünschten, wie sie sagten, mit uns zu sprechen, und wollten uns gern Tee anbieten. Da ich Verrat argwöhnte, nahm ich ihre Einladung nicht an, sondern ging quer durch das Lager und machte erst ungefähr 300 Meter jenseits desselben halt. Nachher begaben Tschanden Sing und ich uns auf eine Runde durch alle Zelte, bemüht, Nahrungsmittel einzukaufen, aber auch um zu zeigen, daß, wenn wir uns vorher geweigert hatten, in ein Zelt einzutreten, dies keineswegs aus Furcht geschehen sei, sondern nur, weil wir uns nicht gern in einer Falle fangen lassen wollten.

Unsere Besuche in den verschiedenen Golingtschas oder Gurr waren interessant genug.

Die Zelte waren sehr geschickt konstruiert und den Verhältnissen des Landes, in dem sie zur Anwendung kamen, ausgezeichnet angepaßt. Auch die verschiedenen Einrichtungsgegenstände im Innern zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Von schwarzer Farbe, waren die Zelte aus Jakhaaren gewebt, deren natürliche Fettigkeit sie vollständig wasserdicht machte. Sie bestanden aus zwei Stücken dieses dicken Stoffes, die an jedem Ende des obern Zeltteiles von zwei Pfählen getragen wurden; oben hatten sie eine längliche Öffnung, durch die der Rauch des in der Hütte brennenden Feuers entweichen konnte. Die Grundfläche der größeren Zelte ist ein Oval; das Dach befindet sich gewöhnlich ungefähr zwei Meter hoch über dem Boden und wird vermittelst langer Stricke, die über hohe Pfähle gehen und mit Pflöcken in der Erde befestigt sind, sehr straff gespannt gehalten. Man verwendet hierzu hölzerne und eiserne Pflöcke, von denen sehr viele nötig sind, um das Zelt ringsherum so fest und dicht am Boden zu halten, daß es seine Bewohner gegen die scharfen Winde der Hochebene schützt. Hohe Stangen, gewöhnlich vier, mit weißen fliegenden Gebeten sind vor jedem Zelte zu sehen, oder auch in jeder Himmelsgegend eine, wobei der Osten als Ausgangspunkt genommen wird.

Tibetisches Zelt.

Rings um das Innere der größeren Zelte wird eine zwei bis drei Fuß hohe Erdmauer aufgeführt, die den Zweck hat, noch mehr gegen Wind, Regen und Schnee zu schützen. Manchmal werden diese Mauern aus getrocknetem Dung hergestellt, der mit der Zeit als Brennmaterial verwendet wird. Zum Betreten des Zeltes sind zwei Öffnungen vorhanden, an jedem Ende eine; doch wird die gegen den Wind gerichtete immer vermittelst Ösen und hölzerner Riegel verschlossen gehalten.

Der Tibeter ist ein geborener Nomade und wechselt seinen Wohnsitz mit den Jahreszeiten oder je nachdem er Weideplätze für seine Jake und Schafe finden kann; aber wenn er auch keine feste Wohnung hat, versteht er doch, es sich behaglich zu machen, und führt alles mit sich, dessen er bedarf. So fängt er z.B. damit an, sich in der Mitte seines Zeltes einen Goling, einen Herd aus Erde und Steinen, zu bauen, der ein Meter hoch, anderthalb lang und ein halbes Meter breit ist und zwei, drei oder mehr Zuglöcher hat. Mit dieser sinnreichen Einrichtung bringt er es fertig, die Verbrennung des getrockneten Dungs zu beschleunigen, der das schwierigste Brennmaterial ist. Auf der obern Seite dieses Ofens wird ein passender Platz für die verschiedenen Raksang, die großen messingenen Töpfe und Schalen, gemacht, in denen der Ziegeltee, nachdem er in einem steinernen oder hölzernen Mörser regelrecht zerstampft worden ist, gekocht und mit einem langen Messinglöffel umgerührt wird. Ein tragbares eisernes Gestell, auf welches sie die heißen Gefäße, in denen der Tee gebraut worden ist, setzen, wenn sie dieselben vom Feuer nehmen, liegt gewöhnlich irgendwo im Zelte umher. Dicht daneben steht der Toxzum oder Tongbo, ein zylindrisches hölzernes Butterfaß mit einem Deckel, durch den ein Stempel geht. Man gebraucht es, um darin den Tee mit Butter und Salz in derselben Weise zu vermischen, die ich als bei den Schokas üblich schon weiter oben beschrieben habe.

Die hölzernen Becher oder Schalen, deren sich die Tibeter bedienen, werden Puku, Fruh oder Cariel genannt; aus ihnen wird auch Tsamba gegessen, nachdem man Tee darauf gegossen und das Gemisch mit mehr oder weniger schmutzigen Fingern zu einem Teig verarbeitet hat. Oft werden noch Extraklumpen Butter und sogar Stückchen Tschura (Käse) mit diesem Teig vermischt. Die reicheren Leute (Beamten) schwelgen in Mehl und Reis, die aus Indien eingeführt werden, und in Kassur, getrockneten Früchten (Datteln und Aprikosen), von geringer Qualität. Der Reis wird zu einer Art Suppe gekocht, die Tukpa genannt wird; es ist dies ein großer Luxus, den man sich nur bei sehr hervorragenden Gelegenheiten erlaubt, wobei auch andere, ebenso geschätzte Leckerbissen, wie Gimakara (Zucker) und Schelkara (weißer Lompenzucker) gegessen werden. Fleisch lieben sie sehr, wenn auch nur einige sich solchen Luxus gestatten können. Wildbret, Jak- und Schaffleisch gelten als ausgezeichnete Nahrung, und die in Stücke geschnittenen Fleischteile und Knochen werden mit einer reichlichen Menge von Salz und Pfeffer in einem Kessel gekocht. Die verschiedenen Insassen eines Zeltes tauchen die Hände in den Topf, und wenn sie ein passendes Stück herausgezogen haben, zerren sie mit den Zähnen und Fingern daran herum; selbst der Knochen wird zermalmt und ebenso wie das Fleisch gegessen. Auf meine Frage, warum sie dies täten, antworteten die Tibeter, daß Fleisch, ohne Knochen gegessen, schwer zu verdauen sei.

Gewöhnlich sind die tibetischen Zelte mit einigen Tildih, groben Matten, ausgestattet, die um den Herd liegen und den Leuten als Sitzplätze dienen; neben dem Zelteingang steht ein Dahlo oder Korb, in welchem der gesammelte Dung aufbewahrt wird. Paarweise gebraucht sind diese Dahlos sehr bequem an die Packsättel zu binden, zu welchem Zweck sie auch besonders gemacht werden. Ferner stehen nahe an den Wänden des Zeltes die Tsamgo oder Säcke mit Tsamba und die Dongmo oder Buttertöpfe. Zwischen Massen von Schaffellen und Decken sieht man auch die kleinen hölzernen Kästen, in denen der Vorrat an Butter unter Schloß und Riegel gehalten wird.

Das erste jedoch, was einem beim Betreten eines tibetischen Zeltes ins Auge fällt, ist das Tschoksah oder der Tisch, auf dem Lichter und Messingschalen mit den Opfergaben für den Tschogan stehen, den vergoldeten Gott, an den die Bewohner des Zeltes ihre Morgen- und Abendgebete richten. Gebeträder und Rosenkranzschnüre sind reichlich vorhanden, und die den Männern gehörenden langen Luntenflinten sieht man aufrecht an die Pfähle gebunden und mit ihren hohen Stützen aus der Öffnung in dem Zeltdache weit hervorragen. Die Speere werden auf dieselbe Art befestigt; die Schwerter und die kleineren Messer führt der Besitzer den ganzen Tag bei sich und legt sie nachts neben sich auf den Boden.

Die Eingeborenen waren sehr höflich und gesprächig. Trotzdem sie unter dem Vorwand, daß sie sogar für sich selbst nichts zu essen hätten, sich weigerten, uns Nahrungsmittel zu verkaufen, ging ihre Freundlichkeit doch so sehr über meine Erwartung, daß ich zuerst Verrat fürchtete. Aber Verrat oder nicht, hielt ich es doch für das beste, so viel zu sehen und zu hören, als ich konnte, solange ich dort war.

Männer und Weiber bildeten einen Kreis um uns, und bei der Beantwortung meiner Fragen schien das schöne Geschlecht weniger schüchtern als das starke. Nicht nur in diesem Lager, sondern auch in allen andern fiel mir besonders die geringe Zahl von Frauen auf, die man in Tibet sieht. Dies hat seinen Grund nicht etwa darin, daß sie in Abgeschlossenheit gehalten werden; denn die Damen des verbotenen Landes scheinen im Gegenteil in allem ihren Willen zu haben. Sie sind tatsächlich in der Minderheit, da nach einer ungefähren Schätzung, die jedoch durch die Angaben eines freundlichen Lamas unterstützt wurde, das Verhältnis in der Bevölkerung so ist, daß auf jede Frau 15 bis 20 Männer kommen; nichtsdestoweniger bringt es das schöne Geschlecht in Hundes fertig, die männliche Majorität aufs beste zu beherrschen, wobei es ein gutes Werkzeug in den Händen der Lamas ist.

Man kann von einer tibetischen Frau, gleichviel ob sie eine Dame, eine Hirtin oder eine Räuberin ist, nicht sagen, daß sie irgend etwas Einnehmendes an sich habe. In der Tat ist mir das Glück nicht zuteil geworden, eine einzige schöne Frau im Lande zu sehen, wenn ich auch natürlich Frauen gesehen habe, die weniger häßlich waren als andere. Bei dem angehäuften Schmutz, der von Geburt an von Seife, Waschen oder Baden ganz verschont bleibt, bei dem Beschmieren der Nase, der Wangen und der Stirn mit schwarzer Salbe, die das Aufspringen der Haut im Winde verhüten soll, und bei dem unangenehmen Geruch, der den nie gewechselten Kleidern entströmt, bleibt wirklich wenig übrig, was die tibetische Frau anziehend machen könnte.

Und doch, wenn man den ersten Ekel und die ersten Bedenken überwunden hat, besitzt die Tibeterin, aus der Entfernung gesehen, ihre eigenen Reize. Sie hat einen schönen Gang, denn sie ist daran gewöhnt, schwere Lasten auf dem Kopfe zu tragen; und wenn der Hals nicht gewöhnlich zu kurz und dick wäre, um graziös zu sein, würde ihr Kopf auch hübsch auf den Schultern sitzen. Der Körper und die Gliedmaßen sind von großer Muskelstärke und gut entwickelt, doch fehlt es ihnen gewöhnlich an Festigkeit, ein Umstand, der ohne Zweifel übermäßigen Genüssen zuzuschreiben ist. So sieht man auch, wenn sie sich der Sitte gemäß bis an die Taille entblößen, daß ihre Brüste schlaff und hängend sind. Im allgemeinen ist die Tibeterin von starkem Körperbau und zur Korpulenz geneigt. Ihre Hände und Füße lassen Stärke und rohe Kraft erkennen, aber an den Fingern ist weder Gewandtheit noch Gelenkigkeit zu bemerken und daher auch keine Geschicklichkeit für feine oder zierliche Arbeit.

Trotzdem ist die tibetische Frau dem tibetischen Manne weit überlegen. Sie hat ein besseres Herz, mehr Mut und einen bessern Charakter als er. Unzähligemal, wenn die über alle Begriffe furchtsamen Männer bei unserm Näherkommen davonliefen, blieben die Frauen zur Beaufsichtigung der Zelte zurück, und wenn sie auch keineswegs kaltblütig und gefaßt waren, so verließen sie ihren Posten doch sehr selten. –

Auch bei dieser Gelegenheit, als alle freundlich waren, schienen die Frauen viel weniger scheu als die Männer und plauderten ungezwungen und unaufhörlich. Sie überredeten ihre Herren und Gebieter sogar, uns etwas Tsamba und Butter zu verkaufen.

Tibeterin mit Tschukti.

Die tibetischen Frauen tragen wie die Männer Hosen und Stiefel und darüber ein langes gelbes oder blaues Kleid, das bis auf die Füße hinabreicht. Sehr merkwürdig ist ihr Kopfputz: das Haar wird sorgfältig in der Mitte gescheitelt und bis zu den Ohren mit geschmolzener Butter fest an die Kopfhaut geklebt, um dann ringsherum in unzählige kleine Zöpfe geflochten zu werden, an welche die Tschukti, drei Streifen von schwerem rotem und blauem Tuch, befestigt werden, die mit Korallen- und Malachitperlen und mit Silbermünzen verziert sind und von den Schultern bis zu den Hacken hinabreichen. Auf diesen Schmuck schienen die Frauen sehr stolz zu sein, und sie entfalteten viel Koketterie, um unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Es befriedigte sie anscheinend sehr, als wir ihn bewunderten. Bei den wohlhabenderen Damen hängt ein kleines Vermögen über den Rücken herab: denn alles, was sie an Geld und Wertsachen erworben oder erspart haben, wird auf die Tschukti genäht. An dem unteren Ende der Tschukti sind eine, zwei oder drei Reihen kleiner messingener oder silberner Glöckchen befestigt. Daher wird das Nahen der tibetischen Damen, die dieser Mode huldigen, durch das Läuten ihrer Glocken angekündigt; ein seltsamer Gebrauch, dessen Ursprung die Damen mir nicht anders erklären konnten, als daß sie sagten, er sei hübsch und gefalle ihnen.

Die Abbildung einer reisenden tibetischen Dame aus Lhasa (S. 225) wurde in Tucker aufgenommen. Sie trug ihr Haar, das von abnormer Stärke und Länge war, in einem einzigen ungeheuern Zopf, und rings um den Kopf zog sich wie ein Heiligenschein ein kreisförmiger hölzerner Kopfputz, auf dessen äußerem Teile Perlen von Korallen, Glas und Malachit befestigt waren. Das ganze Arrangement war so schwer, daß es, trotzdem es gut auf den Kopf paßte, doch durch Schnüre gehalten werden mußte, die teils an das Haar gebunden wurden, teils über den Kopf gingen. Zur Seite des Kopfes hingen an den Ohren und dem Haare ein Paar sehr großer silberner, mit Malachit eingelegter Ohrringe und rings um den Hals drei lange Perlenschnüre mit silbernen Spangen.

Häufig wird auch ein loser silberner Kettengürtel ziemlich tief unterhalb der Taille getragen, und Ringe und Armbänder sieht man fast immer.

Je nach dem Wohnorte und der Lebensstellung der Trägerin kommen natürlich in den Gewändern und dem Schmuck der Damen bedeutende Modifikationen vor, doch die Hauptzüge ihrer Kleidung sind tatsächlich überall dieselben.