Dreiunddreißigstes Kapitel.
Das Moskitolager.

Als wir am Morgen aus unserm Zelt herauskamen, bemerkten wir unter den Tibetern eine ungewöhnliche Bewegung. Eine große Anzahl berittener Leute mit Luntenflinten kamen an, und andere ebenso Bewaffnete traten sogleich aus den Zelten, um sich mit ihnen zu vereinigen. Sie schienen alle sehr erregt; aber ich hatte ein wachsames Auge auf sie, während ich mein Essen kochte. Im ganzen waren es ungefähr 200 Soldaten; alle waren malerisch gekleidet. Dem Anschein nach waren sie gute Reiter, und wie sie jetzt in einer Linie auf uns zuritten, sahen sie gut aus. In einiger Entfernung von uns hielten sie und stiegen von ihren Pferden. Die Offiziere kamen kühn auf uns zugeschritten, von einem kräftigen Burschen in einem schönen Schaffellrocke angeführt. Sein Auftreten war sehr anmaßend, und er schenkte sich sogar die gewöhnlichen Begrüßungen. Ich stand auf; er trat ganz dicht heran und schüttelte die Faust gegen mich.

»Kiu mahla lokhna nga rah luck tiba tangan. Ich will dir eine Ziege oder ein Schaf geben, wenn du zurückgehst«, sagte der Tibeter mit verächtlicher Miene.

»Kiu donna nga di tangan. Und ich gebe dir dies, damit du zurückgehst«, war meine schnelle Antwort, indem ich ihm einen unerwarteten, direkt aus der Schulter geführten Stoß versetzte, der ihn platt auf den Rücken fallen und auf dem Boden zappeln ließ.

Das tibetische Heer, das mit seiner gewöhnlichen Vorsicht die Ereignisse aus respektvoller Entfernung beobachtete, hielt es nun für geraten, einen schnellen Rückzug anzutreten. Ganz unverletzt, aber wie ein Kind schreiend, rannte der Offizier schleunigst fort. Wir verzehrten unser Essen und dachten nur wenig an unsern Sieg. Bis jetzt hatten sich ja die Tibeter mit so verächtlicher Feigheit benommen, daß wir uns zu unsern leichten Erfolgen kaum beglückwünschen konnten. Uns kam das Gefühl, als ob wir wirklich überhaupt keinen Feind vor uns hätten, und dadurch wurden wir etwas unvorsichtig. –

Unser Marsch war jetzt verhältnismäßig leicht; er führte über eine breite grasbedeckte Ebene, über die wir ohne weiteres Hindernis in südöstlicher Richtung vorwärts gingen, wobei wir nordnordöstlich einen hohen Schneegipfel und nordöstlich von uns einen niedrigen Paß in dem Gebirgszuge bemerkten. Gerade vor uns ragte in weiter Ferne ein sehr hohes Gebirge auf; zwischen ihm und uns waren niedrige Hügel. Als wir um einen dieser isolierten Hügel herumgingen, fanden wir an seinem Fuße wieder eine größere, ziemlich lange Manimauer mit zahllosen Inschriften jeden Alters und jeder Größe auf Steinen, Knochenstücken, Schädeln und Hörnern. Weiter im Süden standen drei kleinere und zwei größere spitze Hügel.

Die Soldaten, die wir bei unserm letzten Lagerplatze in die Flucht geschlagen hatten, waren in der Richtung, die wir jetzt verfolgten, weitergegangen, und wir schritten den ganzen Weg in den Spuren ihrer Pferde.

Wir mußten wieder einen Fluß und eine ganze Menge von Bächen überschreiten. Es wurde uns lästig, jedesmal zum Durchwaten Schuhe und Kleider ausziehen zu müssen, weshalb wir die Kleider in einem Bündel auf die Jake banden und den Rest des Nachmittags nach der Art der indischen Fakire barfuß und mit nichts als einem Lendentuch bekleidet weiterwanderten.

Die Sonne war außerordentlich heiß, der Boden sumpfig und die Luft dicht mit riesigen Moskitos angefüllt, die uns das Leben zur Last machten. Vom Kopf bis zum Fuß waren wir mit Stichen bedeckt, und der dadurch verursachte Hautreiz war höchst quälend; wir waren alle ganz geschwollen. Auf dem rechten Ufer eines großen Flusses in 4755 Meter Höhe machten wir halt und gaben der Stelle den Namen »Moskitolager«. Bei Sonnenuntergang vermehrte sich die Zahl der Moskitos so sehr, daß wir fast wahnsinnig wurden; aber glücklicherweise fiel das Thermometer in dem Augenblick, als die Sonne verschwand, auf 1 Grad, und so hatten wir eine ruhige Nacht.

Abends sahen wir eine Anzahl von Reitern, die in scharfem Galopp etwa 2 Kilometer südlich von unserm Wege, aber in derselben Richtung wie wir dahinritten; ohne Zweifel waren sie ausgesandt, um die Behörden in den Orten vor uns in genauer Kenntnis über unsere Bewegungen zu erhalten.

Heute war großer Waschtag. Das Wasser des Stromes war so klar, daß wir der Versuchung, ein großes Reinemachen abzuhalten, nicht widerstehen konnten; so wuschen wir alle unsere Kleider und breiteten sie zum Trocknen in der Sonne aus. Dann wurden Gesicht und Körper gründlich mit Seife gereinigt. Nach der langen Zeit, während der wir diesen Luxus hatten entbehren müssen, kam es uns wie etwas ganz Neues vor.

Während ich mich in Ermangelung von Handtüchern wie gewöhnlich in der Sonne trocknete, beobachtete ich einen sehr hohen schneebedeckten Gipfel etwas rechts von mir und einen niedrigeren in Südsüdwesten, die zu der hohen Kette vor uns gehörten. Auf jeder Seite der Ebene, über die wir gingen, hatten wir jetzt Berge. Der Hügelzug nordöstlich von uns wies eine Lücke auf, die ein schmales Tal freiließ, hinter dem hohe, schneebedeckte Berge zu sehen waren. In südsüdöstlicher Richtung vorwärts gehend, machten wir einen langen Marsch über die grasige Ebene, um dann am Ufer des Brahmaputra, der hier schon ein breiter, tiefer und sehr reißender Strom ist, das Lager aufzuschlagen.

Da wir an Hunderten von Kiang und Antilopen vorbeigekommen waren, unternahm ich kurz vor Sonnenuntergang einen Spaziergang nach den Hügeln, in der Absicht, etwas frisches Fleisch ins Lager zu bringen. Ich beschlich eine Antilopenherde, wurde aber, als ich mich etwa 9 Kilometer vom Lager entfernt hatte, von der Nacht überrascht und hatte bei meiner Rückkehr die größte Mühe, meine Leute in der Dunkelheit wiederzufinden. Sie hatten kein Feuer anzünden können, und da sie beide fest eingeschlafen waren, erhielt ich auf mein Rufen keine Antwort. Als Platz für unser Lager hatten wir eine geschützte Bodensenkung gewählt, und da es ringsherum Hunderte von ähnlichen Stellen, aber nirgends eine Landmarke gab, nach der man sich richten konnte, so war es keineswegs leicht, den einen bestimmten Fleck zu treffen.

Glücklicherweise hörte mich Tschanden Sing, nachdem ich ziemlich lange gerufen hatte, endlich doch, und so fand ich nach dem Ton seiner Stimme den Weg zurück. Am Morgen erblickten wir auf dem andern Ufer des Brahmaputra etwa zwei Kilometer von uns entfernt einen großen Lagerplatz, wo wir wohl hätten Proviant bekommen können; aber der Strom war für uns zum Überschreiten zu reißend, außerdem sahen wir auf unserer Seite des Wassers auch allenthalben schwarze Zelte, und somit lag kein Grund vor, noch die Mühe und Gefahr des Stromübergangs auf uns zu nehmen.

Zu unserer großen Freude gelang es uns, ein Schaf von einigen vorbeikommenden Tibetern zu kaufen, die eine mehrere tausend Köpfe starke Herde vor sich her trieben. Da wir nicht genug trockenes Brennmaterial finden konnten, um Feuer zu machen, betraute ich Man Sing damit, das Tier sicher nach unserm nächsten Lager zu geleiten, wo wir uns daran gütlich tun wollten.

Tibetisches Lastschaf.

Die Tibeter haben drei verschiedene Arten von Schafen, das Rabbuschaf, ein großes wolliges Tier, wie ich eins gekauft hatte; das Ratton- oder kleine Schaf, und das Tschitbu- oder Zwergschaf, dessen Fleisch eine köstliche Speise ist. Die Rabbu- und Rattonschafe sind die beiden Arten, die gewöhnlich zum Lasttragen gebraucht werden; sie sind stark genug, um auf mäßig gutem Boden mit einer Last von nicht über 20 Kilogramm täglich eine Strecke bis zu 15 Kilometer ununterbrochen gehen zu können.

Der Brahmaputra hatte hier mehrere Verzweigungen, die in kleinen Seen endigten und die Ebene zu einem Sumpf machten. Der größere Arm war sehr breit und tief. Wir zogen es vor, an ihm entlang zu gehen anstatt ihn zu überschreiten, trotzdem wir infolgedessen etwas von dem Kurse abweichen mußten, den ich sonst verfolgt haben würde. So machten wir einen großen Umweg, und selbst dabei sanken wir noch auf einer Strecke von mehreren Meilen bis an die Knie in den Schlamm oder mußten beständig durch Wasser waten, aus dem kleine Erdhügel mit Grasbüscheln hervorragten, die untersanken, wenn wir darauf traten.

Der nördliche Teil der Ebene war in der Tat außerordentlich sumpfig. Unsere Jake machten uns unendliche Mühe; denn wenn sie unverhofft in Schlammlöcher fielen, wurden sie ängstlich und unruhig und schüttelten bei ihren Bemühungen, sich herauszubringen; ein paarmal die Packsättel und Lasten ab, die wir aus Mangel an Stricken nicht ordentlich hatten befestigen können. Dennoch brachten Tschanden Sing und ich es fertig, gleichen Schritt mit ihnen zu halten. Endlich, als wir uns den Hügeln näherten, wurden die Bodenwellen größer und das Erdreich etwas trockener.

Nahe am Fuße des nördlich von uns gelegenen Bergzuges sahen wir Rauchsäulen aufsteigen. Wir gingen daher noch ein paar Kilometer weiter, erschöpft und schmutzig, während unsere Kleider, auf deren Waschen wir soviel Seife und Zeit verwendet hatten, mit Kot und Schlamm bespritzt wurden.

»Wo ist Man Sing und das Schaf?« fragte ich meinen Träger.

»Er blieb am Anfang des Sumpfes zurück. Er war zu erschöpft, um das Schaf, das du gekauft hast, vorwärts zu ziehen.«

Es beunruhigte mich nicht wenig, als ich mit dem Fernrohr von einem Hügel aus das Land ringsumher durchspähte und keine Spur von dem armen Burschen sehen konnte, und ich zürnte mir selbst, daß ich sein Verschwinden nicht eher bemerkt hatte. Da nahe bei der Stelle, wo er geblieben war, sich viele Tibeter befunden hatten, fürchtete ich, daß sie falsches Spiel mit ihm getrieben und ihn überwältigt hätten. Dann stellte ich mir wieder vor, daß er, schwach wie er war, in eins der tieferen Schlammlöcher versunken sein könnte, ohne die Möglichkeit sich zu retten. Ich ließ daher Tschanden Sing zurück, um die Jake zu beaufsichtigen, und kehrte um, ihn zu suchen. Als ich Kilometer um Kilometer zurückeilte, mich wieder halb über den Lehmsumpf hinüberarbeitete und noch immer keine Spur von dem armen Kuli sah, hegte ich ernste Befürchtungen für seine Sicherheit. Etwa ein Kilometer weiterhin zog ein Gegenstand, der sich bewegte, meine Blicke auf sich. Es war das Schaf, das anscheinend ganz allein war. Mein Mut sank, als ich auf es losging. Selbst als ich nur noch ein paar hundert Meter von dem Tier entfernt war, konnte ich Man Sing nicht erblicken. Was mochte aus ihm geworden sein?

Erst als ich ganz dicht herangekommen war, bemerkte ich den armen Kuli, der der Länge lang und halb im Schlamm versunken dalag. Er war in Ohnmacht gefallen, war aber vorsichtig genug gewesen, sich den Strick des Schafes fest um den Arm zu binden, und so war es dem armen Tiere nicht nur zu danken, daß ich ihn aufgefunden, sondern ich hatte auch unsere kostbare Akquisition gerettet. Mit einigem Reiben und Schütteln rief ich den armen Burschen wieder ins Leben zurück und stützte ihn mit dem Arm, bis wir Tschanden Sing erreichten. –

Es war Mitternacht, als wir in Tarbar ankamen, einem großen tibetischen Lagerplatze am Fuße des Höhenzuges. Der Lärm bei unserer Ankunft, der zuerst durch Dutzende zornig bellender Hunde und dann durch einen Eingeborenen hervorgerufen wurde, der es gewagt hatte, sein Zelt zu verlassen, um nach der Ursache der Störung zu sehen, erregte im Lager einen panischen Schrecken.

Alte Tibeterin.

»Gigri duk! Gigri duk! Jogpa, Jogpa! Gefahr, Gefahr! Hilfe Räuber, Räuber!« rief der Tibeter, der wie wahnsinnig aus seinem Zelte lief. Nach ein paar Sekunden wurden überall schwarze Gestalten sichtbar, die in großer Verwirrung in ihre Zelte hinein- und wieder herausstürzten.

Es muß hier bemerkt werden, daß man nach tibetischer Sitte die Zeit der Ankunft in einem Lagerplatze so wählen muß, daß man ihn vor Sonnenuntergang erreicht, wenn man nicht sein Kommen schon im voraus hat ankündigen lassen. Leuten, die mitten in der Nacht ankommen, traut man nie gute Absichten zu, und darum knüpfen sich an ihr Erscheinen alle möglichen schlimmen Vorstellungen von Mord, Raub und Erpressung. Ich versuchte, die Gemüter dieser guten Leute dadurch zu beruhigen, daß ich ihnen sagte, ich führte nichts Böses im Schilde; aber ihre Aufregung und Verwirrung war so groß, daß ich niemand dazu bekommen konnte, auf mich zu hören.

Jetzt kamen zwei alte Weiber mit einem Eimer Milch zu uns, stellten ihn mir vor die Füße und flehten mich an, ihr Leben zu schonen. Wie groß war ihr Erstaunen, als sie, anstatt ermordet zu werden, eine Silberrupie als Bezahlung dafür erhielten! Dies war der erste Schritt zu einer friedlichen Beilegung des Aufruhrs.

Nach einiger Zeit war die Ruhe wiederhergestellt, und wenn man uns auch noch mit großem Mißtrauen ansah, wurden wir doch höflich behandelt. Leider war es uns jedoch auch hier nicht möglich, einen Vorrat von Tsamba, Mehl und Reis zu kaufen, da die Eingeborenen erklärten, daß sie nicht einmal für sich selbst genug hätten.

Nachdem wir uns an dem Schaf, das wir schlachteten, und an Jakmilch gütlich getan hatten, trafen wir in der Frühe des nächsten Morgens unsere Vorkehrungen, ein Lager aufzuschlagen. Die Eingeborenen zeigten wie gewöhnlich eine widerwärtige Gier nach Geld, für dessen Erlangung sie stets bereit waren, sich den erniedrigendsten Zumutungen zu fügen.

Nordwestlich von dem Lagerplatze strömte durch eine Schlucht ein breiter Fluß, der am Fuße der Berge entlang floß. Er wurde von Schnee gespeist, denn nachts war die Strömung stark und tief, während früh am Morgen der Wasserstand um etwa ein Meter niedriger war; doch war der Strom selbst dann noch bei Tarbar nicht zu durchwaten. Nachts fiel das Thermometer auf 3 Grad unter Null, und die Kälte war sehr groß. Wir kauften von den Eingeborenen etwas Dung und machten am Morgen ein schönes Feuer, und als wir nach mehrtägigen Entbehrungen ein gutes Mahl eingenommen hatten, fühlten wir uns glücklicher als je.

Nachdem wir Tarbar verlassen hatten, folgten wir eine Zeitlang dem Laufe des Flusses, und da es ein herrlicher Tag war, genossen wir das prachtvolle Panorama des mächtigen Gebirgszuges im Südwesten von uns. Fast alle höhern Gipfel waren von pyramidenförmiger Gestalt. In Südwesten bemerkte ich einen riesenhaften viereckigen Berg. Links neben ihm befand sich ein pyramidenförmiger Gipfel, der auch sehr hoch, aber weder an Höhe noch an Schönheit seinem Nachbar zu vergleichen war.

Die Hauptrichtung des Kurses, den ich verfolgte, war ostsüdöstlich. Der Fluß, an den wir uns mehr oder minder gehalten hatten, beschrieb jetzt einen so großen Bogen nach Südsüdost, daß ich beschloß, ihn zu überschreiten. Wir durchwateten ihn, wobei das Wasser uns bis an den Hals ging, und nun befanden wir uns wieder auf sumpfigem Terrain, wo sich unsere Erfahrungen vom vorigen Tage wiederholten.

Wir überschritten noch drei Nebenflüsse des großen Stromes, die alle ziemlich breit und tief waren; dann mußten wir noch einmal über den Hauptfluß gehen, der jetzt so tief und reißend war, daß er uns viel Beschwerde und nicht geringe Gefahr verursachte. Da der Fluß die Ebene im Zickzack durchströmt, war dies der einzige für uns mögliche Weg, wenn wir nicht seinen Ufern folgen und dadurch unsere Wanderung um das Doppelte und Dreifache verlängern wollten.

So stand uns in unserm Bemühen, in gerader Richtung vorzugehen, zum drittenmal dieser große Fluß feindlich entgegen, der jetzt, noch durch andere, vom Schnee gespeiste Flüsse angeschwollen, eine ungeheure Wassermenge führte. Es war überdies nachmittags, wo das Wasser am höchsten stieg.

Wir versuchten an verschiedenen Stellen den Übergang, fanden ihn aber überall unmöglich. So entschloß ich mich, bis zur Frühe des nächsten Morgens zu warten, ob sich mir bei niedrigerem Wasserstande eine günstigere Gelegenheit bieten würde.