Augenscheinlich war dieser Teil des Landes meinen Jaken wohlbekannt. Ich hatte bemerkt, daß, wenn ich einmal den Pfad verlor, ich nichts anderes zu tun hatte, als ihnen zu folgen, da sie mich immer wieder auf den Weg zurückbrachten. So zeigten sie auch, wenn ich sie von dem Pfade forttrieb, große Abneigung, vorwärts zu gehen, während sie munter dahinschritten, wenn wir auf der Straße waren. Diese ist aber keine eigentliche Straße in europäischem Sinne, denn nirgends ist ein Pfad zu sehen, außer hier und da, wo die letzten Reisenden mit ihren Schafen, Pferden und Jaken das Gras zertreten haben. In etwa ein Kilometer Entfernung befand sich auf der andern Seite des Flusses ein Lager von einigen fünfzig oder sechzig Zelten; Hunderte von Jaken und Schafen sah man daneben grasen.
An dieser Stelle nahmen meine beiden Jake, die munterer als gewöhnlich gegangen waren, plötzlich Reißaus, als ich Tschanden Sing und Man Sing eben anwies, die Lasten herabzunehmen, und gingen geradeswegs ins Wasser.
Bei dem Versuche, sie zum Umkehren zu veranlassen, warf Man Sing mit einem Stein nach ihnen, was sie nur um so schneller hineinlaufen ließ. Die Strömung war so stark und der Boden des Flusses so weich, daß sie beide sanken, und als sie wieder auf der Oberfläche erschienen, trieben sie reißend schnell stromabwärts. Wir beobachteten sie mit immer wachsender Besorgnis, denn sie schienen ganz hilflos. Keuchend rannten wir am Flußufer entlang und feuerten sie mit Zurufen an, um sie auf die andere Seite zu treiben. Aber in ihrem verzweifelten Bestreben, sich schwimmend zu erhalten, stießen die beiden Jake, ohnmächtig gegen die Strömung, in der Mitte des Stromes heftig zusammen; dieser Stoß brachte den Packsattel und die Lasten des kleinern Jaks zum Umkippen. Das so aus dem Gleichgewicht gebrachte Tier sank unter und erschien in seinem Kampfe um Luft und Leben noch zwei- oder dreimal auf der Oberfläche.
Es war ein furchtbarer Augenblick. Ich warf meine Kleider ab und sprang ins Wasser. Schnell schwamm ich auf das Tier zu und zog es mit nicht geringer Anstrengung etwa 200 Meter stromabwärts an das Ufer. Nun waren wir beide sicher, wenn auch atemlos; aber die Stricke, mit denen das Gepäck an dem Sattel befestigt war, hatten sich gelöst, und Sattel und Lasten blieben verschwunden. Dieses Unglück war ein entsetzlicher Schlag für uns. Ich bemühte mich, durch wiederholtes Tauchen in dem Flusse meine Habe wiederzuerlangen, bis ich fast erfroren war. Aber das Wasser war so tief, reißend und schlammig, daß es mir nicht gelang, sie zu finden oder auch nur die Stelle genau zu bestimmen, wo sie sein konnten. Da, wo ich sie vermutete, war das Wasser über 6 Meter tief und der Boden des Flusses weicher Schlamm, so daß die Lasten durch ihr Gewicht sinken und ganz mit Schlamm bedeckt werden mußten.
Das Tauchen in so hoch gelegenen Regionen verursacht ein eigentümliches, unangenehmes Gefühl. In dem Augenblick, als ich ganz unter Wasser kam, war mir, als ob ich unter einer furchtbaren Last zusammengepreßt würde, die mich zu zermalmen schien. Wäre die Flüssigkeit über mir und um mich Blei gewesen anstatt Wasser, sie könnte nicht schwerer auf mir gelastet haben. Dieses Gefühl machte sich besonders im Kopfe bemerkbar; denn mir war, als ob mein Schädel in einen Schraubstock gezwängt sei. Das Hämmern in meinen Schläfen war so stark, daß ich, trotzdem ich unter gewöhnlichen Umständen mehr als eine Minute unter Wasser bleiben kann, dort nicht länger als 15 bis 20 Sekunden aushalten konnte. Jedesmal, wenn ich nach Luft schnappend von unten heraufschoß, schlug mein Herz beängstigend heftig, und meine Lungen schienen bersten zu wollen.
Ich war so erschöpft, daß ich mich nicht imstande fühlte, meine beiden Leute über den Fluß hinüberzubefördern; so verfiel ich auf ein anderes Auskunftsmittel. Ich nahm dem stärkern Jak seine Last ab und trieb ihn und seinen Genossen mit unendlicher Mühe wieder ins Wasser. Unbelastet trieben sie als gute Schwimmer mit der Strömung fort und fanden ihren Weg hinüber. Nun stiegen Tschanden Sing und Man Sing, ihre und meine Kleider in einem Bündel über die Schultern gehängt, auf den Rücken der Tiere und kamen nach einem etwas ängstlichen Übergang sicher auf meiner Seite an.
Wir lagerten auf dem linken Ufer des Flusses. Die ganze Nacht hindurch trauerten meine Leute über das verlorene Eigentum. Am nächsten Morgen machte ich neue Versuche, die Lasten wiederzufinden. Vergebens! Sie blieben für immer verloren. Unglücklicherweise hatten sie alle meine Büchsenkonserven und die wenigen andern Lebensmittel für meine Leute und mich enthalten. Überdies befanden sich in ihnen 800 Rupien in Silber, der größere Teil meiner Munition, Kleider zum Wechseln und drei Paar Schuhe, meine kupferne Sturmlaterne und verschiedene Rasier- und andere Messer. Den Packsattel fanden wir wieder. Er war ungefähr 600 Meter weiter abwärts an das Ufer des Flusses gespült worden.
Unsere Lage kann in wenigen Worten zusammengefaßt werden: Wir waren jetzt in der Mitte von Tibet, ohne jede Nahrung, ohne nennenswerte Kleidung, ohne Stiefel oder Schuhe, außer denen, die wir trugen und die schon in Stücke zerfielen. Auf die geringe Munition, die mir geblieben war, konnte ich nicht rechnen, da sie zu verschiedenen Malen naß geworden war. Rings um uns hatten wir nichts als Feinde; zwar feige Feinde, aber doch Feinde.
Was nützt es aber, sich mit Grübeleien über Ereignisse zu plagen, die man nicht vorhersehen oder vermeiden kann. Schließlich hatte bei all dem Mißgeschick doch ein glückbringender Stern über mir gewaltet, denn die wasserdichten Kisten mit meinen wissenschaftlichen Instrumenten, meinen Aufzeichnungen, Skizzen und Karten waren wenigstens gerettet, und sie waren mir mehr wert als alles andere, was ich besaß.
Hungrig, erschöpft, mit wunden Füßen gingen wir weiter; aber trotz alledem blieben wir guten Mutes. Wenn wir auch nichts anderes mehr besaßen, so hatten wir doch entschieden noch Sinn für Humor, der uns über vieles hinweghalf. Wir lachten über unsere Beschwerden; wir lachten über die Tibeter und ihre komischen Sitten, wir lachten über alles und alle, bis wir schließlich über uns selbst lachten.
Wenn man hungrig ist, scheint es einem, als ob die Sonne ihren täglichen Halbkreis von Osten nach Westen sehr langsam beschreibe. Und unfreiwilliges Fasten wird, wenn es einem auch zuerst einen heftigen Schmerz im Magen verursacht, doch erst nach mehreren Tagen vollständigen Nahrungsmangels unerträglich, falls man, wie wir es waren, an außerordentlich lange Pausen zwischen Mahlzeiten gewissermaßen gewöhnt ist. Als wir bei unserm dritten Fasttage anlangten, würden wir uns über eine Mahlzeit gefreut haben, in Wahrheit, wir sehnten uns nach einer; und da wir, ungefähr 7 Kilometer von unserm Weg, dicht am Abhang des Berges einige schwarze Zelte erblickten, gingen wir freudigen Herzens auf sie los. Wir kauften zwei Eimer voll Jakmilch, von denen ich einen auf der Stelle austrank, während der zweite zu gleichen Teilen meinen beiden Dienern verabfolgt wurde. Das war alles, was wir bekommen konnten; die Tibeter wollten uns durchaus nichts anderes verkaufen.
Hiernach gingen wir wieder weiter und kamen, stetig fortschreitend, im Hinblick auf die große Höhe, in der wir uns befanden, verhältnismäßig schnell vorwärts, wobei ich unsere Route aufzeichnete.
Wir begegneten angenehmen und auch einigen unangenehmen Leuten, aber ob ihr Betragen höflich war oder das Gegenteil, nirgends konnten wir für Geld und gute Worte Nahrungsmittel erhalten.
Man Sing und Tschanden Sing waren jetzt in einem furchtbaren Zustande; sie hatten ja kein solches Interesse, wie ich es an meiner Arbeit hatte, das ihren Mut aufrecht erhalten hätte. Erfroren, ermüdet und ausgehungert, hatten die armen Schelme kaum noch Kraft, auf den Füßen zu stehen, deren Sohlen bös zerschnitten und ganz wund gelaufen waren. Mir blutete wirklich das Herz, wenn ich diese beiden tapfern Burschen um meinetwillen so leiden sah. Und doch ließen sie kein Wort der Klage laut werden; nicht ein einziges Mal kam ein Vorwurf über ihre Lippen.
»Laß es dich nicht kümmern, wenn wir leiden oder selbst sterben,« sagten die armen Burschen, als ich ihnen mein Mitgefühl aussprach; »solange wir noch Kraft haben, uns zu bewegen, werden wir dir folgen, und wir werden zu dir stehen, was auch kommen möge.«
Ich mußte Tschanden Sing seine Flinte abnehmen, da er nicht mehr imstande war, sie zu tragen. Als die Tage hingingen und ich nichts zu essen hatte, fühlte ich mich selbst auch schwach und erschöpft. Ich kann nicht sagen, daß ich irgendeinen heftigen körperlichen Schmerz empfunden hätte. Wie ich glaube, war dies dem Umstande zuzuschreiben, daß ich infolge von Erschöpfung Fieber hatte. Indessen hatte ich ein eigentümliches Gefühl im Kopfe, als ob mein Verstand, der nie zu hell war, jetzt gänzlich stumpf geworden wäre. Auch mein Gehör nahm an Schärfe ab; ich fühlte, wie meine Kraft allmählich erlosch, der Flamme einer Lampe gleich, in der kein Öl mehr ist. Nur die Aufregung hielt mich aufrecht; ich ging mechanisch vorwärts.
Wir kamen an einen Lagerplatz von etwa achtzig schwarzen Zelten mit einem aus Lehm erbauten Wachthaus. Jetzt waren wir buchstäblich ausgehungert und am Ende unserer Kräfte. Der elende Zustand meiner beiden Leute machte es durchaus unmöglich, weiterzugeben. Sie baten mich, ihnen Pferde zum Reiten zu verschaffen, denn ihre Füße waren so wund, daß sie trotz ihres Verlangens, mir zu folgen, keinen Schritt mehr tun konnten.
Die Eingeborenen empfingen uns sehr freundlich und willigten, als ich darum bat, ein, mir Pferde, Kleider und Lebensmittel zu verkaufen. Wir schlugen ungefähr 4 Kilometer jenseits der Niederlassung unser Lager auf. Am Abend kamen mehrere Leute, uns in unserm Zelte zu besuchen, und brachten uns Geschenke an Mehl, Butter und Tsamba, denen Schleier der Freundschaft beigefügt waren. Ich ließ es mir stets angelegen sein, den Tibetern als Erwiderung für ihre Gaben eine Summe Silbergeld zu geben, die drei- oder viermal größer war als der Wert der uns geschenkten Gegenstände; sie gaben auch vor, sehr dankbar dafür zu sein. Ein Mann namens Ando, der sich für einen Gurkha ausgab, aber die Kleidung der Tibeter trug, besuchte uns in unserm Zelt und versprach, uns am nächsten Morgen mehrere Pferde zu verkaufen. Er übernahm es auch, mir eine hinreichende Menge Lebensmittel zu liefern, um damit nach Lhasa kommen zu können, und brachte, um seine Rechtschaffenheit zu zeigen, schon abends einen Teil der Vorräte, wobei er sagte, er würde uns den Rest am nächsten Morgen geben.
Danach empfingen wir den Besuch eines Lamas, der ebenso höflich wie intelligent zu sein schien und der uns mit etwas Butter und Käse beschenkte. Wie er uns erzählte, war er in Indien gereist und bis Kalkutta gekommen, und befand sich jetzt auf dem Wege von Gartok nach Lhasa, wo er in vier oder fünf Tagen anzukommen hoffte, da er ein vortreffliches Pferd hätte. Andere Lamas und Männer, die uns besuchten, gaben an, daß sie in derselben Zeit von Lhasa hierher gekommen seien, und ich glaube nicht, daß sie sich darin geirrt haben, da man die ganze Entfernung vom Lippupaß an der Grenze, in der Nähe von Garbyang, nach Lhasa zu Pferd in 16 Tagen zurücklegen kann.
Wie gewöhnlich zeigten sich die Eingeborenen sehr verschwiegen, wenn es sich darum handelte, den Namen des Lagerplatzes zu verraten; einige nannten ihn Toxem, andere Taddju.
Nördlich von der Stelle, wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, befand sich ein niedriger Paß in dem Höhenzuge. Es war meine Absicht, wenn es mir gelänge, Proviant und Pferde zu kaufen, diesen Paß zu überschreiten und nach der heiligen Stadt vorzugehen, indem ich den Weg an der Nordseite des Gebirgszuges verfolgte; denn von den Tibetern hatte ich schon so viel gesehen, als ich wollte, und die Landstraße nach Lhasa wurde jetzt so dicht bevölkert, daß ich es für ratsam hielt, durch weniger bewohnte Gegenden zu reisen. Bis einige Meilen vor Lhasa gedachte ich als Engländer gekleidet zu bleiben. Dann wollte ich meine beiden Leute an irgendeinem abgelegenen Orte verborgen zurücklassen und selbst in einer Verkleidung während der Nacht allein in die Stadt eindringen.
Dies würde leicht genug gewesen sein, da Lhasa keine Tore hat und nur von einer verfallenen Mauer umgeben ist. Es war mir hier gelungen, einige Kleidungsstücke und Stiefel von den Tibetern zu kaufen, und den Zopf, dessen ich bedurfte, um für einen Tibeter zu gelten, hätte ich mir leicht aus dem seidigen Haar meiner Jake machen und an meinem eigenen Haar befestigen können. Um mich nicht etwa durch meine Unfähigkeit, das Tibetische so fließend wie ein Eingeborener zu sprechen, zu verraten, beabsichtigte ich, mich taubstumm zu stellen.
So berechtigte jetzt alles zu guten Hoffnungen, und wir waren in gehobener Stimmung; ich sah mich schon in der heiligen Stadt.