Während der Nacht wurde ich mehrmals durch Geräusche gestört, aber so oft ich aus dem Zelte trat, um mich nach den ungebetenen Gästen umzusehen, gelang es mir nicht, irgend jemand zu entdecken. Da ich diese Geräusche allnächtlich hörte, hatte ich mich gewöhnt, ihnen keine Wichtigkeit beizumessen.
Am Morgen kamen Ando und zwei oder drei Tibeter, um uns Lebensmittel und Pferde zu verkaufen, und während meine beiden Diener und ich beschäftigt waren, das, was wir brauchten, einzuhandeln, sah ich eine Menge von Dorfbewohnern in Gruppen herankommen. Einige spannen Wolle, andere trugen Säcke mit Tsamba und Mehl, und wieder andere führten eine Anzahl schöner Pferde herbei. Als wir so viel Proviant gekauft hatten, um damit zwei Monate auskommen zu können, machten wir uns an die Auswahl von Reittieren.
Natürlich waren meine Diener und ich von Herzen froh über unser unerwartetes Glück, das uns nach unzähligen Leiden und Entbehrungen aller Art jetzt einen Überfluß von alledem entgegenbrachte, was wir nur irgend wünschen konnten. Die Tibeter waren so freundschaftlich in ihrem Benehmen und schienen so lustig, daß ich nicht daran denken konnte, Verrat zu befürchten. Tschanden Sing und Man Sing, die Sportsleute ersten Ranges und bei der Aussicht, Reitpferde zu bekommen, überglücklich waren, ritten ein Pferd nach dem andern, um passende zu finden. Und als Tschanden Sing ein schönes Tier zu seinem eigenen Gebrauch ausgesucht hatte, rief er mich, damit ich es vor Bezahlung der Kaufsumme versuche und prüfe.
Ohne jeden Verdacht falschen Spieles auf seiten der Tibeter und weil es auch unbequem gewesen wäre, die verschiedenen lebhaften Pferde mit umgehängter Flinte zu probieren, ging ich unbewaffnet nach dem ungefähr 100 Meter vor meinem Zelte entfernten Platze, wo das unruhige Tier am Zügel gehalten wurde, um von mir geprüft zu werden. Die Eingeborenen folgten mir; aber da das in jedem Lande üblich ist, wenn man öffentlich ein Pferd kauft, dachte ich mir nichts dabei. Ich erinnere mich wohl des Ausdruckes von Entzücken auf Tschanden Sings Gesicht, als ich so mit den Händen auf dem Rücken dastand und seine Wahl guthieß, während die Menge hinter mir, wie es bei solchen Gelegenheiten meist der Fall ist, ihre Meinung über die Vorzüglichkeit des gewählten Pferdes gratis im Chore äußerte.
Eben hatte ich mich gebückt, um die Vorderbeine des Pferdes zu besehen, als ich plötzlich von hinten von mehreren Personen ergriffen wurde, die mich am Halse, an den Handgelenken und Beinen packten und mit dem Gesicht auf die Erde warfen. Ich rang und kämpfte, bis ich einige meiner feigen Angreifer abschüttelte und wieder auf die Füße kam; aber nun stürzten andere heran, und ich wurde von einigen dreißig kräftigen Männern umringt, die mich von allen Seiten ergriffen und sich mit aller Macht an mich festklammerten, sobald es ihnen gelang, mich an den Armen, den Beinen und am Kopfe zu packen. Schwach wie ich war, wurde ich dreimal von ihnen niedergestoßen, und dreimal kam ich wieder auf die Füße. Jedesmal, wenn ich eine Hand oder ein Bein aus ihren Klauen freibekommen konnte, kämpfte ich mit Fäusten, Füßen, Kopf und Zähnen bis zum äußersten, rechts und links überallhin auf sie losschlagend, wo ich sie kampfunfähig machen konnte. Ihre Furchtsamkeit war, selbst wenn sie sich in solcher Übermacht befanden, wirklich unbeschreiblich, und lediglich ihr, nicht etwa meiner Kraft – denn die besaß ich ja kaum noch – war es zuzuschreiben, daß ich imstande war, mich etwa zwanzig Minuten lang gegen sie zu behaupten! Meine Kleider wurden bei dem Kampfe in Fetzen gerissen.
Die Tibeter gingen nach Verabredung zu Werke, und als ein gellender Pfiff als Signal ertönte, strömte von allen Seiten Hilfe herbei. Augenscheinlich waren wir in einen Hinterhalt gefallen. Jetzt nahmen die Tibeter ihre Zuflucht zu einer List.
Von allen Seiten wurden lange Stricke nach mir geworfen, bis ich so in diese verwickelt war, daß ich mich nicht bewegen konnte. Ein Strick, den sie mir um den Hals warfen und den sie geschickt herumdrehten, machte den Sieg vollständig. Sie zogen mit aller Macht an den beiden Enden, und während ich in der Anstrengung des Kampfes keuchte und nach Luft schnappte, rissen sie daran, um mich zu strangulieren, bis es mir schien, als sollten meine Augen aus ihren Höhlen treten und meine Lunge bersten!
Ich war dem Ersticken nahe. Die Augen wurden mir trübe. – Wie tapfer wurden die Tibeter, als ich ohnmächtig und hilflos in ihrer Gewalt war! Ich wurde zu Boden gerissen, und dann stampften, stießen und trampelten sie mit ihren schweren genagelten Stiefeln auf mir herum, bis sie glaubten, ich sei betäubt. Darauf banden sie mir die Handgelenke fest hinter dem Rücken zusammen, fesselten meine Ellenbogen, meine Brust, meinen Hals und meine Fußknöchel! Ich war ein Gefangener!
Sie hoben mich auf und stellten mich aufrecht hin. Auch der tapfere Tschanden Sing hatte mit allen Kräften gegen fünfzehn oder zwanzig Feinde gekämpft und mehrere von ihnen kampfunfähig gemacht. Sie hatten sich in demselben Augenblick wie auf mich auch auf ihn gestürzt, und er hatte sich tapfer gewehrt, bis er gleich mir umgarnt, zu Boden geworfen und mit Stricken gefesselt worden war. Während meines Ringens hörte ich ihn mehrmals rufen: »Banduk, banduk, Man Sing, jaldi, banduk! Die Flinte, die Flinte, Man Sing, schnell die Flinte!« Aber ach, auf den armen aussätzigen Man Sing, den schwachen, entkräfteten Kuli, waren vier mächtige Tibeter losgesprungen, die ihn fest auf den Boden hinunterdrückten, als ob er der grimmigste Räuber wäre. Man Sing war ein Philosoph; er hatte sich die Mühe gespart, auch nur einen Versuch zum Widerstand zu machen; aber auch er wurde schlecht behandelt, geschlagen und festgebunden. Bei Beginn des Kampfes hatte ein schriller Pfiff bewaffnete Soldaten – nach den spätern Angaben der Lamas waren es nicht weniger als 400 – herbeigerufen, die hinter den zahllosen Sandhügeln und in den Bodensenkungen rings um uns im Hinterhalt gelegen hatten. Sie stellten sich in kriegerischer Ordnung um uns auf und richteten ihre Luntenflinten auf uns.
Nun war alles vorbei. Wie ein gefährlicher Verbrecher gefesselt, blickte ich um mich, um meinen Leuten mein Bedauern auszusprechen. Wir trugen unsere Bande mit Stolz und nicht mit Beschämung. Wenn ich bedachte, daß die Tibeter im ganzen – Lamas, Landleute und verkleidete Soldaten mit eingerechnet – 500 Mann dazu gebraucht hatten, einen verhungerten Europäer und seine beiden halbtoten Diener festzunehmen, und daß sie sogar unter diesen Umständen nicht gewagt hatten, offen vorzugehen, sondern ihre Zuflucht zu niedrigem Verrat hatten nehmen müssen; wenn diese Soldaten, wie sich später herausstellte, auserlesene Truppen aus Lhasa und Schigatse und zu dem Zwecke ausgesandt waren, unsern Weitermarsch aufzuhalten und uns gefangenzunehmen, – da konnte ich wirklich nur ein Lächeln der Verachtung für diejenigen haben, in deren Hände wir endlich gefallen waren.
Mein Blut kochte vor Empörung, als jetzt auf Befehl des Lamas, der am Abend zuvor sich für unsern Freund ausgegeben hatte, mehrere Männer vortraten und unsere Taschen durchsuchten. Sie raubten uns alles, was wir besaßen, und fingen an, unser Gepäck zu durchstöbern. Die Uhren und Chronometer wurden mißtrauisch angesehen, und ihr Ticken verursachte Angst und Neugierde zugleich. Wieder und wieder wurden sie im Kreise herumgegeben und unbarmherzig vom einen dem andern zugeworfen, bis sie stehenblieben. Dann wurden sie für »tot« erklärt. Die Kompasse und Aneroide, die sie von den Uhren nicht unterscheiden konnten, wurden bald beiseitegeworfen, da sie »kein Leben in sich hatten«. Aber bei der Berührung unserer Flinten, die, als das Zelt heruntergerissen worden war, auf unserm Bettzeug lagen, zeigten sie die äußerste Vorsicht.
Man hatte die größte Furcht, sie könnten von selbst losgehen, und erst auf meine Versicherung – die unsere Besieger noch zehnmal vorsichtiger machte –, daß sie nicht geladen seien, nahmen sie sie endlich auf und verzeichneten sie in der Liste unsers konfiszierten Eigentums. Ich trug einen goldenen Ring, den mir meine Mutter geschenkt hatte, als ich noch ein Kind war. Ich bat um die Erlaubnis, ihn behalten zu dürfen; ihre abergläubische Natur brachte sie sofort auf den Gedanken, der Ring müsse verborgene Kräfte haben, wie etwa die Zauberstäbe, von denen man in den Feenmärchen liest.
Mein Ring wurde einem Manne namens Nerba anvertraut, der später noch eine wichtige Rolle in unsern Leiden spielen sollte, und es wurde ihm eingeschärft, mich den Ring nie wieder sehen zu lassen. Wie wir drei Gefangenen so dasaßen, gefesselt und von Wächtern niedergehalten, war es ein herzzerreißender Anblick! Es hatte aber auch wieder seine humoristische Seite, zu sehen, wie die Lamas und Offiziere alle unsere Sachen so plump anfaßten, daß sie fast alles verdarben, was sie berührten. Besonders ekelhaft war ihre Gier, als sie bei dem Durchsuchen der Taschen des Rockes, den ich täglich trug, aber an jenem Morgen nicht angezogen hatte, eine Summe in Silbermünzen, im ganzen etwa 800 Rupien, fanden. Lamas, Offiziere und Soldaten stürzten sich auf das Geld. Und als die Ordnung wiederhergestellt war, sah man da, wo die Summe gelegen hatte, nur noch ein paar Münzen. Dasselbe Schicksal hatten auch andere Geldbeträge, die sich in einer unserer Lasten fanden.
Unter den Gegenständen, die die größte Neugier erregten, befand sich ein voll aufgeblasenes Gummikissen. Die weiche, glatte Oberfläche des Gummis schien ihnen zu gefallen, und einer nach dem andern rieb seine Backen an dem Kissen, indem er dem Wohlgefallen an dem angenehmen Gefühl, das er dabei empfand, lauten Ausdruck gab. Als sie jedoch mit der Messingschraube spielten, die die Öffnung des Kissens verschloß, drehten sie daran, und die eingeschlossene Luft entwich mit zischendem Geräusch. Dies rief eine förmliche Panik unter den Tibetern hervor, und es fehlte nicht an vielen seltsamen Vermutungen, die sie in ihrem abergläubischen Sinne auf diesem einfachen, für sie jedoch unerklärlichen Vorgang aufbauten. Sie betrachteten ihn als ein böses Zeichen. Natürlich benutzte ich jeden kleinen Vorfall solcher Art, um auf ihren Aberglauben einzuwirken und sie soviel als möglich in Furcht zu versetzen.
Als die Tibeter alles bis auf meine wasserdichten Kisten mit den Instrumenten, photographischen Platten und Skizzen untersucht hatten, schienen sie über ein paar kleine Zwischenfälle und einige Bemerkungen, die ich machte, so außer Fassung zu geraten, daß sie eilig meinen ganzen Besitz in Säcke und Decken einschnürten und Befehl gaben, daß die Sachen auf Jake geladen und in das Wachthaus bei der Niederlassung gebracht würden. Nachdem dies geschehen war, befestigten sie die um unsern Hals geschlungenen Stricke an ihren Sattelknöpfen, machten unsere Füße los, sprangen dann auf ihre Reittiere und ritten unter Jubelrufen, Zischen und Siegesgeschrei davon, wobei sie ihre Luntenflinten in die Luft abschossen, während sie uns als Gefangene in die Ansiedelung hineinschleppten.
Bei unserer Ankunft im Lager waren die letzten Worte, die ich vor unserer Trennung an meine Leute richtete: »Was sie euch auch zufügen mögen, laßt sie nicht sehen, daß ihr leidet«, und sie versprachen mir, zu gehorchen. Dann wurden wir in verschiedene Zelte gebracht.
Mich schleppten sie in eins der größten Zelte, wo nicht nur draußen, sondern auch drinnen Soldaten als Wache aufgestellt wurden. Die in meiner Nähe Stehenden waren anfangs mürrisch und grob, aber ich ließ es mir angelegen sein, ihnen so ruhig und höflich zu antworten, als ich nur konnte. Ich hatte bei vielen früheren Gelegenheiten gefunden, daß im Verkehr mit Asiaten nichts förderlicher ist als ein ruhiges, kaltblütiges Verhalten; und so sah ich auch sofort ein, daß, wenn uns überhaupt etwas aus unserer jetzigen schlimmen Lage heraushelfen könne, dies nur dadurch geschehen würde, daß wir bei allem ein vollständig gleichgültiges Benehmen bewahrten.
Da das Zelt verschlossen gehalten wurde, wußte ich nicht, was draußen geschah. Nach dem Lärm, den ich vernahm und der durch das eilige Hin- und Herlaufen von Menschen, durch laute Befehlsrufe und daneben durch das beständige Geklingel der Glöckchen an den Pferden der vor dem Zelte vorbeigaloppierenden Soldaten verursacht wurde, schloß ich jedoch, daß das Lager sich in einem Zustande großer Aufregung befinden müsse.
Ich war ungefähr drei Stunden in dem Zelte, als ein Soldat eintrat, der den Befehl hatte, mich herauszubringen.
»Sie werden ihn enthaupten«, sagte er zu seinen Kameraden, und, indem er sich nach mir umwandte, machte er mit der Hand eine bezeichnende Bewegung über seinen Hals.
»Nikutza. Schon gut«, sagte ich trocken.
Man darf nicht vergessen, daß, wenn einem Tibeter so schwerwiegende Worte gesagt werden, er gewöhnlich auf die Knie fällt und mit Tränen und Schluchzen und mit überreichlichen Bitten um sein Leben fleht. So kann es nicht überraschen, daß die Tibeter über meine Antwort einigermaßen erstaunt waren und nicht recht wußten, was sie daraus machen sollten. Jedenfalls hatte sich der erste Eifer des Boten merklich abgekühlt, und ich wurde mit mehr Widerwillen als Entschiedenheit hinausgeführt.
Während ich eingeschlossen war, hatte man ein ungeheueres weißes Zelt mit blauen Verzierungen vor dem Lehmhause aufgeschlagen, das Hunderte von Soldaten und Dorfleuten umstanden. Es war ein äußerst malerischer Anblick.
Als ich näher herangeführt wurde, sah ich, daß die Vorderseite des Zeltes weit geöffnet war und daß eine große Anzahl roter Lamas mit kahl rasierten Köpfen und langen wollenen Tunikas drinnen stand. Ungefähr zwanzig Meter von dem Zelte hießen die Soldaten mich stillstehen. Die Stricke, die mir schon in Handgelenke, Ellenbogen und Brust einschnitten, wurden noch durch neue vermehrt und die erstern fester angezogen. Jetzt sah ich, wie Tschanden Sing vorgeführt wurde. Mich stieß man, anstatt mich vor die Lamas zu bringen, hinter das abgelegene Lehmhaus, um mich nicht zum Augenzeugen der folgenden Szene zu machen.
Ich hörte, daß Tschanden Sing in lautem, zornigem Tone ausgefragt und beschuldigt wurde, mein Führer gewesen zu sein. Darauf vernahm ich wildes Geschrei der Menge, dann folgte Totenstille. Ein paar Augenblicke danach brachte mir das Klatschen von Peitschenhieben, denen heiseres Stöhnen meines armen Trägers folgte, klar zum Bewußtsein, daß schwere Zeiten für uns gekommen waren!
Ich zählte die Streiche, deren widerlicher Ton noch heute fest in meinem Gedächtnis eingeprägt ist, wie sie einer nach dem andern regelmäßig und ununterbrochen niederfielen, bis zu zwanzig, dreißig, vierzig und fünfzig. Dann trat eine Pause ein.