Sechsunddreißigstes Kapitel.
Das Verhör.

Nun kam eine Abteilung Soldaten zu mir, und ich wurde zuerst langsam, dann unter heftigen Stößen vor das Tribunal geführt. Ich leistete keinen Widerstand.

Auf einem hohen Sitze in der Mitte des Zeltes saß ein Mann, der weite Hosen von schreiend gelber Farbe und einen kurzen gelben Rock mit lang herabhängenden Ärmeln trug. Auf dem Kopfe hatte er einen ungeheuern vierspitzigen, über und über vergoldeten Hut, auf den drei große Augen gemalt waren. Er sah jung aus; sein Kopf war glatt rasiert, da er ein Lama vom höchsten Range war, ein Groß-Lama und Pombo, d. h. der Gouverneur einer Provinz, mit Machtbefugnissen gleich einem Lehnskönig. Zu seiner Rechten stand ein dicker, kräftiger roter Lama, der ein gewaltiges zweihändiges Schwert hielt, und auf beiden Seiten waren zahlreiche andere Lamas, Offiziere und Soldaten. Als ich schweigend und hocherhobenen Hauptes vor ihm stand, stürzten zwei oder drei Lamas auf mich zu und befahlen mir, niederzuknien. Sie versuchten mich dazu zu zwingen, indem sie mich auf die Knie niederdrücken wollten, aber es gelang mir, meine aufrechte Stellung zu bewahren.

Der Pombo, der vor Wut buchstäblich schäumte, redete mich in Worten an, die sehr heftig klangen; aber da er klassisches Tibetisch sprach und ich nur die Umgangssprache, konnte ich kein Wort von dem, was er sagte, verstehen, und so bat ich ihn demütig, nicht so schöne Worte zu gebrauchen.

Dieses unerhörte Ersuchen machte den großen Mann ganz verdutzt, und mit drohender Miene gab er mir ein Zeichen, nach links zu blicken.

Die Soldaten und Lamas traten zur Seite, und ich gewahrte meinen treuen Diener Tschanden Sing, der vor einer Reihe von Lamas und Militärpersonen mit dem Gesicht nach unten und von den Hüften abwärts gänzlich unbekleidet platt auf dem Boden lag. Nun begannen zwei starke Lamas, einer von jeder Seite, ihn von neuem mit geknoteten, mit Bleistücken besetzten Lederriemen zu züchtigen, indem sie ihn mit kräftigen Armen von der Taille bis zu den Füßen mit wuchtigen Hieben bearbeiteten. Er blutete jämmerlich.

Jedesmal, wenn ein Hieb auf seine zerrissene Haut niederfiel, war es mir, als würde mir ein Dolch in die Brust gestoßen; aber ich kannte die Orientalen zu gut, als daß ich mein Mitleid mit dem Manne gezeigt hätte, weil ihm dies nur eine noch härtere Strafe zugezogen haben würde. So sah ich seiner Tortur zu, wie man auf ein alltägliches Vorkommnis blickt. Die in meiner Nähe stehenden Lamas schüttelten ihre Fäuste vor meiner Nase und erklärten mir, daß ich gleich an die Reihe kommen würde, worauf ich lächelte und das gewöhnliche »Nikutza, nikutza« wiederholte.

Wie ich auf ihren Gesichtern deutlich sehen konnte, wußten der Pombo und seine Offiziere nicht, was sie aus mir machen sollten; je mehr ich bemerkte, wie gut mein Plan einschlug, desto höher schraubte ich meinen Mut, um meine Rolle so gut ich irgend konnte durchzuführen.

Wenigstens zwei Minuten lang saß der Pombo, ein weibischer, jugendlicher, hübscher Mensch von hysterischem Wesen, der wahrscheinlich ein vorzügliches Objekt für hypnotische Experimente abgegeben hätte, wie in einer Verzückung da, seine Augen fest auf die meinigen gerichtet.

Es war eine wunderbare, plötzliche Veränderung mit dem Manne vorgegangen, und seine vor wenigen Augenblicken noch so anmaßende und zornige Stimme klang jetzt sanft und gütig. Die Lamas, die ihn umgaben, waren augenscheinlich bestürzt, als sie ihren Herrn und Meister aus einem schäumenden Wüterich in das sanfteste Lamm verwandelt sahen. Sie ergriffen mich daher und brachten mich ihm aus den Augen, an die Stelle, wo Tschanden Sing gezüchtigt wurde. Hier konnten sie mich wieder nicht zum Niederknien zwingen, weshalb mir schließlich erlaubt wurde, mich vor den Offizieren des Pombo auf die Erde zu kauern.

Die beiden Lamas verließen Tschanden Sing und begannen, nachdem sie meine Notizbücher und Karten hervorgezogen hatten, mich scharf zu verhören, wobei sie sagten, daß ich verschont bleiben sollte, wenn ich die Wahrheit spräche; im andern Falle würde ich erst gepeitscht und dann enthauptet werden.

Ich antwortete, daß ich die Wahrheit sprechen würde, gleichviel, ob sie mich straften oder nicht.

Darauf sagte mir einer der Lamas, ein großer, dicker, roher Kerl, der mit einem prächtigen rotseidenen Rock mit Goldstickerei am Kragen aufgeputzt war und der sich an dem Durchpeitschen Tschanden Sings beteiligt hatte, ich solle aussagen, daß mein Diener mir den Weg durch Tibet gezeigt und daß er die Landkarten und Skizzen gemacht habe. Wenn ich dies sagen wollte, wären sie willens, mich freizugeben und mich mit dem Versprechen, mir kein weiteres Leid anzutun, an die Grenze zurückbefördern zu lassen. Sie wollten meinen Diener enthaupten: das wäre alles; mir persönlich sollte aber kein Schaden zugefügt werden.

Der Pombo.

Ich machte den Lamas klar, daß ich allein verantwortlich sei für die Karten und Skizzen sowie für die Auffindung des Wegs, der mich so weit ins Land geführt habe. Langsam und deutlich wiederholte ich mehrmals, daß mein Diener unschuldig sei und daß deshalb kein Grund vorliege, ihn zu strafen. Indem er mir nach Tibet folgte, habe er nur meinen Befehlen gehorcht; wenn irgend jemand strafbar wäre, müßte ich allein, nicht meine beiden Diener bestraft werden.

Die Lamas wurden hierüber zornig, und der eine von ihnen schlug mich mit dem dicken Ende seiner Reitpeitsche heftig auf den Kopf. Ich tat, als ob ich es nicht fühlte, trotzdem meine arme Kopfhaut noch lange davon schmerzte und brannte.

»Dann werden wir dich und deinen Diener schlagen, bis ihr aussagt, was wir wollen«, rief der Lama ärgerlich aus.

»Ihr könnt uns schlagen, wenn ihr wollt,« erwiderte ich dreist; »aber wenn ihr uns unrecht bestraft, wird es zu euerm Schaden sein. Ihr könnt uns die Haut herunterreißen, ihr könnt uns zu Tode bluten lassen, aber ihr könnt nicht machen, daß wir Schmerzen fühlen.«

Ando, der Verräter, der fließend Hindostanisch sprach, diente als Dolmetscher, wenn irgendein Hindernis in unserer tibetischen Unterhaltung eintrat; so wurde mit dem, was ich von der Sprache wußte, und mit Hilfe dieses Mannes den Tibetern alles so deutlich als möglich erklärt. Nichtsdestoweniger fuhren sie unbarmherzig fort, meinen armen Diener zu peitschen, der in seiner Todesangst in die Erde biß, wenn ein Schlag nach dem andern ihn traf und Stücke Haut und Fleisch abriß.

Tschanden Sing benahm sich heldenmütig. Kein Wort der Klage, keine Bitte um Gnade kam über seine Lippen. Er sagte, er habe die Wahrheit gesprochen und habe nichts weiter zu sagen. Von allen Lamas und Soldaten aufmerksam bewacht, saß ich mit erheucheltem Gleichmut vor diesem grausamen Schauspiel, bis sie, über mein Phlegma ärgerlich, den Soldaten Befehl gaben, mich wegzuschleppen. Wieder führten sie mich hinter das Lehmhaus, von wo ich deutlich das zornige Schreien der Lamas vernehmen konnte, die mit Tschanden Sing ein Kreuzverhör anstellten, und jenes furchtbare Klatschen der Peitschenhiebe, die ihm noch erteilt wurden.

Es fing an zu regnen, was ein Glück für uns war; denn ein Regenschauer übt in Tibet wie in China großen Einfluß auf das Volk aus, und man weiß, daß sogar Schlachten Einhalt getan worden ist, bis der Regen aufgehört hatte.

Dies war auch an jenem Tage der Fall. Sobald die ersten Tropfen fielen, stürzten die Soldaten und Lamas hier- und dorthin und in die Zelte hinein; ich wurde eilig in das entlegenste Zelt geschleppt, das bald vollgepfropft war von Wächtern, unter deren Aufsicht man mich gegeben hatte.

Im Hintergrunde des Zeltes saß mit untergeschlagenen Beinen ein Offizier von hohem Rang. Er trug ein schönes, rotes, mit Gold und Leopardenfell besetztes Gewand und an den Füßen hohe Stiefel chinesischer Form von schwarzem und rotem Leder. Durch den Gürtel hatte er ein prächtiges Schwert gesteckt, dessen massive Silberscheide mit großen Korallen- und Malachitstücken eingelegt war.

Dieser Mann, der ein Alter von fünfzig bis sechzig Jahren zu haben schien, hatte ein intelligentes, vornehmes, ehrliches und gutmütiges Gesicht. Ich fühlte denn auch beinahe vom ersten Augenblick an, als ich ihn sah, daß er mir ein Freund sein würde. Und in der Tat war es dieser Offizier allein, der, während die Lamas und Soldaten mich mit übermäßiger Härte behandelten und mich soviel sie konnten in gemeiner Weise ausbeuteten, mir etwas Ehrerbietung bewies und mein Benehmen zu würdigen schien. Er machte mir neben sich Platz und gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich mich an seine Seite setzen solle.

»Ich bin ein Soldat«, sagte er in würdevollem Tone, »und kein Lama. Ich bin mit meinen Leuten von Lhasa gekommen, um dich festzunehmen, und jetzt bist du mein Gefangener. Doch du hast keine Furcht gezeigt, und ich achte dich.«

Indem er dies sagte, neigte er den Kopf, legte seine Stirn dicht an meine und streckte die Zunge heraus, um nach tibetischer Art große Betrübnis und Teilnahme auszudrücken. Dann machte er eine Gebärde, die andeutete, daß er noch mehr zu sagen wünschte, dies aber wegen der Gegenwart der Soldaten jetzt nicht tun könne.

Wir fingen nun eine sehr freundschaftliche Unterhaltung an, in deren Verlauf er mir sagte, er sei ein Rupun, nehme also den nächsten Rang nach einem General ein. Ich bemühte mich, ihn über englische Soldaten und Waffen aufzuklären; er zeigte auch das lebhafteste Interesse für alles, was ich ihm erzählte. Dafür gab er mir interessante Auskünfte über die tibetischen Soldaten. Jedermann in Tibet wird in Kriegszeiten oder wenn er zur Dienstleistung herangezogen wird, als Soldat betrachtet. Für das reguläre Heer können sich alle kräftigen, gesunden Burschen im Alter von über 17 Jahren anwerben lassen; die krüppelhaften oder schwächlichen werden als dienstuntauglich zurückgewiesen. Die bei den tibetischen Soldaten am meisten geschätzten Eigenschaften sind Geschicklichkeit im Reiten und unbegrenzter Gehorsam. Der Rupun schwur auf die tibetischen Luntenflinten, die er für die brauchbarsten Waffen der Welt hielt; denn seiner Meinung nach könne man, solange man genug Pulver habe, alles als Geschoß verwenden; Kieselsteine, Erde oder Nägel täten ebenso gute Dienste wie eine Bleikugel.

Wie er mir erzählte, würden in Lhasa und Schigatse große Mengen dieser Waffen hergestellt, von denen die meisten tibetischen Männer außerhalb der Stadt eine besäßen. Auch Schießpulver werde aus Salpeter und im Lande selbst gefundenem Schwefel gemacht.

Es machte dem Rupun, als er sah, wie behende ich im Aufschnappen von Worten war, ein besonderes Vergnügen, mir wie einem Kinde die Namen der verschiedenen Rangstufen in der tibetischen Armee beizubringen.

Der niedrigste Rang ist der des Tschupun, der nur zehn Mann unter sich hat; dann kommt der Kiatsambapun oder Kiapun, der Offizier, der hundert Mann befehligt, und der Tungpun oder Anführer von tausend Mann. Nur selten jedoch bekommen diese Offiziere die ihrem Range entsprechende volle Zahl von Mannschaften angewiesen, und sehr oft hat der »Befehlshaber von Tausend« höchstens drei- oder vierhundert Mann unter sich. Über dem Tungpun steht der Rupun, eine Art Generaladjutant; dann kommt der Dahpun oder Großoffizier; der höchste von allen ist der Magpun, der Obergeneral.

Einen dieser Generale hatten wir schon in Gyanema kennengelernt. Trotzdem mein Berichterstatter mir sagte, daß die Offiziere nach ihrer Tapferkeit im Kriege und ihrer Kraft und Geschicklichkeit im Sattel und mit der Waffe gewählt würden, wußte ich gut genug, daß dem nicht so war. Die Offiziersstellen werden hauptsächlich denjenigen gegeben, die dafür am meisten bezahlen können, und dann auch Leuten aus solchen Familien, die unter der besondern Protektion der Lamas stehen. In andern Fällen werden die Stellen auch tatsächlich öffentlich versteigert.

Die große Masse des tibetischen Volkes glaubt indessen, daß die von dem Rupun beschriebene Methode bei der Wahl von Offizieren wirklich befolgt werde.

Der Rupun besaß viel trockenen Humor, und als ich ihm erzählte, wie schnell die tibetischen Soldaten bei frühern Gelegenheiten davongelaufen seien, als ich ihnen mit meiner Flinte entgegentrat, konnte er ein herzliches, verständnisvolles Lachen, in das wir alle einstimmten, nicht unterdrücken. Er zeigte sich aber der Lage gewachsen und rief aus: »Ja, ich weiß, daß sie davonliefen, aber es geschah nicht aus Furcht. Sie liefen, weil sie dir kein Leid antun wollten.« Ich erwiderte, daß sie, wenn dies der Fall gewesen wäre, doch nicht so schnell hätten zu laufen brauchen!

Diese sarkastische Bemerkung belustigte den Rupun aufs höchste, und er mußte so darüber lachen, daß ihm die Tränen die Backen hinabliefen. Er klopfte mir auf den Rücken und meinte, ich hätte recht. Dann sagte er, es tue ihm leid, mich gefesselt zu sehen, er habe aber strengen Befehl erhalten, mir weder Nahrung zu geben noch meine Bande zu lösen.

Die Soldaten, die der höflichen, freundschaftlichen Unterhaltung zwischen dem Rupun und mir als einem zwischen Sieger und Gefangenen nicht gewöhnlichen Brauch mit offenem Munde zugehört hatten, folgten dem Beispiel ihres Befehlshabers und verwandelten ihre mürrische, grobe Art in ein ganz freundliches, ehrerbietiges Betragen. Sie legten mir ein Kissen unter und bemühten sich, es mir so behaglich zu machen, als sie es unter den Umständen konnten.

Gegen Abend wurde der Rupun vor den Pombo gerufen und die Wache durch neue Mannschaften abgelöst. Dies bedeutete eine Veränderung zum Schlimmern. Die Soldaten benahmen sich außerordentlich grob und zogen mich von dem erhöhten Sitze, den ich am Ehrenplatze des Zeltes eingenommen hatte, fort, um mich heftig auf einen Haufen Dung niederzustoßen, den sie als Brennmaterial verwendeten.

»Das ist der richtige Platz für Plenkis!« schrie einer der Männer, »nicht der an der besten Stelle des Zeltes!«

Grausames Spiel.

Dann fielen sie ungestüm über mich her, banden mir, trotzdem ich gar keinen Widerstand leistete, die Füße wieder zusammen und knüpften mir noch einen Strick um die Knie. Die Enden dieser Stricke ließen sie hängen und übergaben jedes der Enden einem Soldaten.

In der Streckfolter.

In einem tibetischen Zelte ist keine Stelle reinlich, aber der Platz, an dem ich die Nacht über bleiben sollte, war der allerschmutzigste. So fest gebunden, daß die Stricke tief ins Fleisch einschnitten, konnte ich an Schlafen nicht denken; aber zehnmal schlimmer als dies war der ekelhafte Umstand, daß ich bald mit dem Ungeziefer bedeckt war, von dem das Zelt wimmelte. Von dieser Stunde an bis an das Ende meiner Gefangenschaft, fünfundzwanzig Tage lang, habe ich unsägliche Qualen von dieser Plage erdulden müssen.

Der tanzende Pombo.

Im Zelte standen die Wachen rings um mich mit gezogenen Schwertern, und andere waren draußen postiert.

Finale des Tanzes.