Achtunddreißigstes Kapitel.
Ein qualvoller Ritt.

In diesem Augenblick hörte ich die Stimme meines Dieners Tschanden Sing, der mit schwacher Stimme mir zurief:

»Hazur, Hazur, hum murgiaega! Herr, Herr, ich sterbe!« Und als ich meinen Kopf nach der Seite umwandte, von wo diese Klagetöne kamen, erblickte ich meinen treuen Träger, der, die Hände auf den Rücken gebunden, auf dem Bauche zur Tür eines der andern Zimmer des Lehmhauses kroch. Sein Gesicht war kaum wiederzuerkennen: es trug die Spuren furchtbaren Leidens.

Dies konnte ich nicht mehr ertragen. Meine Wachen mit den Schultern beiseiteschiebend, versuchte ich, zu dem armen Burschen zu gelangen. Ich hatte ihn eben erreicht, als die dabeistehenden Soldaten auf mich losstürzten, mit mir rangen und mich vom Boden aufhoben. Nun warfen sie mich auf den Rücken eines Pferdes.

Obgleich ich das Schlimmste befürchtete, versuchte ich meinen tapfern Diener dadurch zu ermutigen, daß ich ihm zurief, ich würde jetzt nach Taklakot geführt und er würde mir am nächsten Tage nachgebracht werden.

Tschanden Sing hatte den letzten Rest seiner Kraft erschöpft, indem er nach der Tür kroch. Er wurde ungestüm gepackt und mit roher Gewalt in das Zimmer des Lehmhauses zurückgeschleudert; so konnten wir kein Wort mehr wechseln. Mein Kuli Man Sing aber wurde mit gefesselten Armen auf ein ungesatteltes Pferd gesetzt.

Der Sattel des Pferdes, auf das sie mich geworfen hatten, verdient beschrieben zu werden. Er war nur das hölzerne Gestell eines Sattels mit sehr hohem Rückenteil, aus dessen hinterm Teil sechs scharfe Eisenstacheln horizontal herausragten. Während ich auf diesem Folterinstrument saß, bohrten sich mir die Stacheln ins Kreuz.

Meine Wache war durch zwanzig oder dreißig berittene Soldaten mit Musketen und Schwertern vermehrt worden. In wütendem Galopp ritten wir ab. Da meine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren, führte ein vor mir herreitender Mann mein Pferd an einem Stricke; so ritten wir viele Meilen durchs Land.

Wären jene furchtbaren Stacheln im Sattel nicht gewesen, so hätte der Ritt ganz angenehm sein können; denn das Pferd, auf dem ich saß, war ein schönes, lebhaftes Tier, und das Land ringsum war merkwürdig und interessant. Wir ritten an einer scheinbar endlosen Folge von gelben Sandhügeln entlang, deren einige 60 bis 100 Meter, während andere nicht mehr als 6 bis 10 Meter hoch waren. Es schien, als ob der Sand eher vom Winde als vom Wasser abgelagert worden sei, obgleich es auch möglich ist, daß dieses flache Land, das sich nur wenig über das Niveau des großen Stromes erhebt, einst unter Wasser gewesen ist. Mit Ausnahme gewisser Stellen, wo der Boden außerordentlich sumpfig war und unsere Pferde tief in den weichen Schlamm einsanken, war der ganze Raum zwischen dem Gebirgszuge im Norden des Brahmaputra und dem Flusse selbst mit diesen Sandhügeln bedeckt. Wir kreuzten mehrere kleine Flüsse und ritten um viele Teiche herum. Von dem Gipfel einer Anhöhe, auf die ich geführt wurde, konnte ich sehen, daß die Hügel in der Nähe des Flusses von größerem Umfang und bedeutend höher waren und immer kleiner wurden, je mehr sie sich dem Gebirgszuge im Norden näherten. Außerdem nahm ihre Zahl und Größe auch zu, je weiter wir nach Osten kamen.

Aquarellskizze von H. S. Landor.
F. A. Brockhaus, Leipzig.
DIE FOLTER MIT DEM GLÜHENDEN EISEN.

Die Umstände, unter denen ich »reiste«, erlaubten mir weder, mich über die Beschaffenheit des Sandes zu vergewissern noch irgendwelche Untersuchungen darüber anzustellen, von wo der Sand herkam. Aber ein Blick über das Land ringsum ließ mich als sicher annehmen, daß der Sand von Süden her dahin gekommen sein müßte. Man konnte dies deutlich an Vertiefungen und wellenförmigen Erhebungen sehen, die zeigten, daß der Sand in ungefähr nördlicher Richtung gewandert war. Und wenn ich auch, da es mir nicht möglich war, dies bestimmt festzustellen, nicht beabsichtige, meine persönliche Ansicht über die Bewegungen und den Ursprung dieser Sandablagerungen als durchaus richtig hinzustellen, so bin ich doch ziemlich fest davon überzeugt, daß der Sand dort durch den Wind abgelagert worden ist, der ihn aus den heißen Ebenen Indiens über die Kette des Himalaja gebracht hat.

Von dem hohen Aussichtspunkte, zu dem wir emporgestiegen waren, durchforschten meine Wachen das Land nach allen Richtungen. Nach Osten hin sahen wir in weiter Ferne eine große Schar von Reitern, die Wolken von Staub aufwirbelten. Wir ritten den Hügel wieder hinab, wobei unsere Tiere in den weichen Sand einsanken, und machten uns, als wir am Fuße angelangt waren, wo der Boden härter war, wieder auf unsern Weg, in der Richtung auf die herankommende Schar.

Sattel mit Stacheln.

Meile nach Meile wurde in unangenehm schnellem Trab zurückgelegt, bis wir an einer Stelle anlangten, wo wir die Reiterschar, die wir von dem Gipfel des Hügels gesehen hatten, in einer Linie aufgestellt fanden. Es war ein schöner Anblick, als wir näher kamen, wenn auch die Schmerzen, die ich zu erdulden hatte, dem Vergnügen, das dieses malerische Schauspiel mir sonst wohl gewährt hätte, einigen Abbruch taten. Ungefähr hundert rote Lamas standen in der Mitte, mit Bannerträgern neben sich, die merkwürdige flache Hüte auf dem Kopfe trugen, und etwa die gleiche Anzahl Soldaten und Offiziere in grauen, roten und schwarzen Tunikas, im ganzen etwa zweihundert Reiter.

Vor der Menge der Lamas und Soldaten, etwas von ihnen entfernt, hielt der Pombo in gelbem Rocke und Hose und den sonderbaren spitzigen Hut auf dem Kopfe, auf einem prächtigen Pferde.

Seltsamerweise ließ der Reiter, der mein Pferd führte, den Strick los, als wir dicht an diese neue Menschenmenge herangekommen waren. Mit grausamen Peitschenschlägen angetrieben, wurde das Tier seiner Laune überlassen. Die Soldaten meiner Wache lenkten ihre Pferde zur Seite. Mein Pferd stürzte fort, gerade auf den Pombo los. Als ich dicht an ihm vorbeikam, kniete der schon erwähnte Nerba, der »Privatsekretär« des Tarjum von Toktschim, nieder, zielte mit seiner auf der Stütze ruhenden Luntenflinte nach mir und feuerte ohne weiteres einen Schuß auf mich ab.

Aber trotzdem dieser Nerba, wie ich später erfuhr, einer der Meisterschützen des Landes war und die Entfernung von seiner Luntenflinte bis zu mir nicht mehr als vier Meter betrug, traf mich die Kugel doch nicht, sondern sauste an meinem linken Ohr vorbei. Das Geschoß verursachte ein merkwürdiges zischendes Geräusch, dem einer kleinen Rakete nicht unähnlich. Wahrscheinlich hatte die Schnelligkeit, mit der mein Pferd vorwärts rannte, mich gerettet, da der Schütze auf keinen festen Punkt zielen konnte. Mein Pferd, durch die Entladung der Luntenflinte in solcher Nähe erschreckt, scheute und fing an, sich zu bäumen und nach hinten auszuschlagen. Ich konnte mich aber im Sattel behaupten, trotzdem die Eisenstacheln des Sattels den untern Teil meines Rückens schrecklich zerfleischten.

Jetzt kamen mehrere Reiter näher und fingen mein Pferd ein; dann wurden die Vorbereitungen für eine neue aufregende Nummer in dem Programm meiner Martern getroffen. In ihrer Art waren diese edlen Lamas große Sportsfreunde! Ich schwur mir selbst, mochten sie mir antun, was sie wollten, ich würde ihnen nicht die Genugtuung bereiten, zu zeigen, daß sie mir wehe täten.

Diesem Grundsatz getreu, gab ich mir den Anschein, als fühlte ich nicht die Wirkung der Stacheln, die mir das Fleisch vom Rücken rissen. Als man mich vor den Pombo führte, um ihm zu zeigen, wie ich mit Blut bedeckt war, sprach ich meine Zufriedenheit darüber aus, auf einem so vorzüglichen Pferde reiten zu dürfen.

Mein Betragen schien die Tibeter gänzlich irrezumachen. Jetzt wurde ein ungefähr vierzig bis fünfzig Meter langer Strick aus Jakhaaren gebracht und der an dem einen Ende befestigte Ring an meinen Handschellen festgemacht; das andere Ende wurde von einem Reiter gehalten.

Nun fing die wilde Jagd wieder an. Diesmal folgte uns nicht nur die Wache, sondern auch der Pombo mit allen seinen Leuten. Ein- oder zweimal konnte ich nicht umhin, mich umzudrehen, um zu sehen, was sie anfingen. Die Kavalkade bot einen unheimlich malerischen Anblick. Die Reiter mit ihren bunten Kleidern, ihren Luntenflinten mit roten Fähnchen, ihren juwelenbesetzten Schwertern, ihren Bannern mit langen, im Winde flatternden vielfarbigen Bändern, alle in wütendem Galopp, schreiend, kreischend und zischend, inmitten eines betäubenden Geklingels von Tausenden von Pferdeglocken.

Tibetischer Bannerträger.

Um unsere Eile zu beschleunigen, ritt ein Soldat an meiner Seite, der wütend auf mein Pferd peitschte, um es in schnellstem Gang zu erhalten. Inzwischen tat der Reiter, der den Strick hielt, alles was er konnte, mich aus dem Sattel zu ziehen, ohne Zweifel in der Hoffnung, daß ich von den Reitern hinter mir totgetreten würde. Wenn ich, um meinen Sitz zu behaupten, den Körper nach vorn bog und mit dem Strick an den Armen heftig nach hinten gezogen wurde, rieben die Handschellen mir das Fleisch von den Händen und Knöcheln ab. An einzelnen Stellen wurde der Knochen bloßgelegt; natürlich brachte mich jeder Ruck auch in gewaltsame Berührung mit den Stacheln des Sattels und verursachte mir tiefe Wunden. Schließlich gab der Strick, so stark er auch war, unerwartet nach, der Soldat, der am andern Ende zog, flog plump vom Pferde, und ich war nahe daran, durch den unerwarteten Ruck abgeworfen zu werden. Zuerst erregte dieser spaßhafte Vorfall meiner Eskorte große Heiterkeit, aus der aber ihre abergläubischen Gemüter sofort ein böses Omen machten.

Als mein Pferd sowie der davongelaufene Gaul des abgeworfenen Reiters angehalten wurden, benutzte ich ihre Furcht, um ihnen noch einmal zu versichern, daß jedes Leid, das sie mir anzutun versuchten, sich immer gegen sie selbst richten würde. Der Strick wurde mit verschiedenen starken Knoten wieder zusammengebunden, und nach einer Unterbrechung von wenigen Minuten begannen wir unsern halsbrecherischen Galopp von neuem, wobei ich wieder als Vorderster zu reiten hatte.

Gegen Ende unseres Rittes mußten wir im Bogen um einen Sandhügel herumreiten; zwischen ihm und einem großen Teiche führte ein schmaler Pfad hindurch. An diesem Punkte sah ich mich plötzlich einem Soldaten gegenüber, der seine Luntenflinte schußbereit hielt. Das Pferd sank tief in den Sand ein und konnte hier nicht schnell vorwärts. Es war dies, wie ich vermute, der Grund, weshalb man gerade diese Stelle gewählt hatte. Der Mann feuerte, als ich nur ein paar Schritte an ihm vorbeikam; aber das Glück wollte, daß auch dieser zweite Mordversuch mich unversehrt ließ.

Aus dem weichen Sande glücklich herausgekommen und auf härtern Boden gelangt, begannen wir wieder unsern ungestümen Lauf. Von hinten wurden mehrere Pfeile auf mich abgeschossen; aber wenn auch einige sehr nahe an mir vorbeigingen, traf mich doch keiner. Endlich kamen wir nach einem an Ereignissen und Aufregungen reichen Ritte gegen Sonnenuntergang an unserm Bestimmungsort an.