Neununddreißigstes Kapitel.
Die Folterung.

Eine Festung und ein großes Lamakloster standen auf dem Gipfel eines Hügels, an dessen Fuß vor einem andern großen Gebäude das Prunkzelt des Pombo aufgeschlagen war. Der Name dieses Ortes war, soweit ich ihn später feststellen konnte, Namj Laccé Galschio oder Gyatscho.

Zwei oder drei Leute zogen mich ungestüm vom Sattel herunter. Die Schmerzen im Rücken, die die Stacheln verursacht hatten, waren furchtbar. Ich bat um einen Augenblick Ruhe. Sogar dies wurde mir von meinen Wächtern verweigert, die mich brutal vorwärts stießen und sagten, daß ich sofort enthauptet werden würde. Das ganze um mich versammelte Volk verhöhnte mich und machte mir Zeichen, daß mir der Kopf abgeschlagen werden würde; die feige Menge der Lamas aber überschüttete mich mit Beleidigungen aller Art. Ich wurde nach dem Richtplatze gedrängt, der sich auf der linken Seite des Zeltes befand.

Ein langer dreikantiger Balken lag auf dem Boden. Man stellte mich auf die scharfe Kante desselben, und mehrere Männer hielten mich fest, während vier oder fünf andere unter Aufbietung ihrer vereinten Kräfte meine Beine so weit auseinanderzogen, als möglich war. In dieser peinvollen Stellung festgehalten, wurden mir von den Unholden die Füße mit Stricken aus Jakhaaren an den Balken festgebunden. Mehrere Männer mußten diese Stricke anziehen, und zwar so fest, daß sie an verschiedenen Stellen um die Knöchel herum und an den Füßen tiefe Rinnen in Haut und Fleisch schnitten; viele von diesen Schnitten, die Dr. Wilson einige Wochen später maß, waren bis zu 8 Zentimeter lang!

Als ich so festgebunden war, kam der Schurke Nerba, der auf mich geschossen hatte, und ergriff mich von hinten bei den Haaren. Mein Haar war lang, da es seit mehr als fünf Monaten nicht geschnitten worden war.

Das Schauspiel vor mir machte einen tiefen Eindruck auf mich. Dort, bei dem Zelte des Pombo, standen in einer Reihe die schändlichsten Schurken, die meine Augen je gesehen haben. Der eine, ein kräftiges, widerwärtiges Individuum, hielt einen großen knotigen Holzschlegel in der Hand, der zum Zerbrechen der Knochen gebraucht wird; ein anderer trug einen Bogen und Pfeile; ein dritter hielt ein großes zweischneidiges Schwert, während wieder andere verschiedene gräßliche Folterinstrumente zur Schau stellten. Die nach meinem Blute dürstende Menge stellte sich in einem Halbkreise auf und ließ mich diese Parade der Martern sehen, die mich erwarteten, und als ich meine Blicke von einer Gestalt zur andern schweifen ließ, schüttelten die Lamas ihre Folterinstrumente, um zu zeigen, daß sie sich zur Tat rüsteten.

Am Eingange des Zeltes stand eine Gruppe von drei Lamas. Es waren die Musiker. Der eine hielt ein riesenhaftes Horn, das donnernde Töne von sich gab; von seinen Gefährten hatte der eine eine Trommel, der andere Becken. In einiger Entfernung schlug ein anderer Bursche auf ein ungeheures Gong.

Von dem Augenblick an, als man mich vom Pferde gerissen hatte, hallten die betäubenden Töne dieses diabolischen Trios durch das ganze Tal wider und machten das Schauspiel besonders unheimlich.

Jetzt wurde ein Eisenstab mit einem in rotes Tuch eingewickelten Holzgriff in einem Kohlenbecken rotglühend gemacht. Der Pombo, der sich wieder irgend etwas in den Mund gesteckt hatte, um künstliches Schäumen hervorzubringen und so seinen Grimm zu zeigen, arbeitete sich in einen Zustand wahnsinniger Wut hinein. Ein Lama überreichte ihm das jetzt rotglühende Folterinstrument, das Taram, und der Pombo nahm es am Griffe.

»Ngaghi kiu meht taxon! Wir wollen dir die Augen ausbrennen!« rief der Chor der Lamas.

Der Pombo schritt auf mich zu, indem er das gräßliche Instrument schwenkte. Ich starrte ihn an, aber er hielt seine Augen von mir abgewandt. Er schien zu zögern, doch die Lamas um ihn feuerten ihn an.

»Du bist in dieses Land gekommen, um zu sehen« (dies bezog sich auf das, was ich am Tage zuvor ausgesagt hatte, nämlich, daß ich ein Reisender und Pilger und nur gekommen sei, um das Land zu sehen). »Darum sollst du geblendet werden!« Mit diesen Worten erhob der Pombo seinen Arm und hielt mir den rotglühenden Eisenstab in einer Entfernung von 3 bis 5 Zentimeter quer vor die Augen, so daß er beinahe meine Nase berührte.

Instinktiv hielt ich die Augen krampfhaft geschlossen, aber die Hitze war so ungeheuer, daß es mir vorkam, als ob meine Augen, besonders das linke, ausgedörrt und meine Nase versengt würde. Obgleich die Zeit mir endlos schien, glaubte ich doch nicht, daß die heiße Stange in Wirklichkeit länger als etwa dreißig Sekunden vor meinen Augen war. Doch war dies schon lange genug, denn als ich meine schmerzenden Augenlider aufhob, sah ich alles in einem roten Nebel. Mein linkes Auge schmerzte mich furchtbar, und alle paar Sekunden schien es mir, als ob etwas Dunkles vor ihm das Sehen hinderte. Mit dem rechten Auge konnte ich noch ziemlich gut sehen, wenn auch alles, anstatt in seinen gewöhnlichen Farben, rot erschien.

Das heiße Eisen lag jetzt ein paar Schritt von mir auf dem feuchten Boden und zischte in der Nässe.

Als ich mit weit auseinandergereckten Beinen, an Rücken, Händen und Beinen blutend, dastand und alles in gräßlich roter Färbung sah, inmitten des betäubenden, wahnsinnig machenden Lärms des Gongs, der Trommeln, Becken und des Horns, von der feigen Menge beschimpft und angespien und von Nerba so fest an den Haaren gehalten, daß er mir ganze Hände voll aus dem Kopfe riß, hätte ich selbst meinen bittersten Feinden nicht wünschen mögen, sich je in einer ähnlichen Lage befinden zu müssen! Alles, was ich tun konnte, war, ruhig und gefaßt zu bleiben und mit scheinbarer Gleichgültigkeit die Vorbereitungen für die nächsten Qualen, die sie mir auferlegen wollten, und ihre Teufeleien zu beobachten.

»Miumta nani sehko! Töte ihn mit einer Flinte!« rief eine heisere Stimme.

Eine Luntenflinte wurde von einem Soldaten geladen, und als ich die Masse Pulver sah, die er in den Lauf schüttete, war ich sicher, daß sie dem, der sie abschießen würde, den Kopf kosten müsse. So sah ich denn auch mit einer gewissen Befriedigung, wie sie dem Pombo überreicht wurde. Dieser Beamte aber legte mir die Waffe gegen die Stirn, die Mündung nach oben gerichtet! Dann zündete ein Soldat die Lunte an. Es erfolgte eine Entladung, die meinem Kopfe einen kolossalen Stoß versetzte; die übermäßig geladene Flinte aber flog zu jedermanns Erstaunen dem Pombo aus der Hand.

Ich mußte lachen; und ihre Verwirrung, der sich die Enttäuschung über das Mißlingen aller Versuche, mich zu verletzen, beimischte, versetzte die Menge in rasende Wut.

»Ta kossaton, ta kossaton! Töte ihn, töte ihn!« riefen wütende Stimmen um mich.

»Ngala mangbo schidak majidan! Wir können ihn nicht schrecken!«

»Ta kossaton, ta kossaton! Töte ihn, töte ihn!« Das ganze Tal hallte von diesem wilden Geschrei wider!

Ein gewaltiges zweihändiges Schwert wurde jetzt dem Pombo gereicht, der es aus seiner Scheide zog.

»Töte ihn, töte ihn!« schrie der Pöbel abermals, um den Scharfrichter anzuspornen, dessen abergläubische Natur das böse Omen von vorhin, als ihm die Flinte aus der Hand geflogen war, noch nicht verwunden hatte (wahrscheinlich schrieb er den Vorfall dem Eingreifen einer höhern Macht und nicht dem übermäßigen Laden zu) und der deshalb abgeneigt schien, fortzufahren.

Bettelmusikanten.

Diesen Augenblick benutzte ich, um zu sagen, daß sie mich töten möchten, wenn sie wollten, aber daß, wenn ich heute stürbe, sie alle morgen sterben würden – eine nicht zu leugnende Tatsache, da wir ja alle eines Tages sterben müssen. Einen Augenblick lang schien sie dies abzukühlen; aber die Aufregung der Menge war zu groß, und es gelang ihr endlich, den Pombo in leidenschaftliche Wut zu bringen. Sein Zorn war so heftig, daß sein Gesicht ganz unkenntlich wurde. Er sprang gleich einem Rasenden herum. In diesem Augenblick näherte sich ein Lama und schob dem Henker geschickt etwas in den Mund, dem nun sogleich der Schaum vor die Lippen trat. Ein Lama hielt das Schwert, während der Pombo, um die Arme freizumachen, einen Ärmel seines Rockes zurückschlug; den andern schlugen ihm die Lamas zurück. Dann schritt er mit langsamen, gewichtigen Schritten auf mich zu, wobei er mit den ausgestreckten nackten Armen die glänzende scharfe Klinge hin- und herschwenkte.

Unser plötzlicher Angriff auf die tibetische Wache.

Nerba, der mich noch an den Haaren hielt, bekam den Befehl, mich zum Beugen des Nackens zu zwingen. Mit der geringen Kraft, die mir noch übrig war, und mit dem nervösen Mute eines dem Tode verfallenen Mannes widersetzte ich mich, entschlossen, den Kopf aufrecht und die Stirn hochzubehalten. Gewiß, sie konnten mich töten, sie konnten mich, wenn sie wollten, in Stücke zerhacken, aber bis ich das letzte Atom meiner Kraft verloren hätte, sollten diese Schurken mich nie dazu bringen, den Nacken vor ihnen zu beugen. Ich wollte sterben, aber nur, indem ich auf den Pombo und seine Landsleute herabsah!

Der Henker, der jetzt, das Schwert in den nervigen Händen, dicht bei mir stand, hob es hoch über seine Schultern empor. Dann führte er es bis an meinen Hals hinunter, den er mit der scharfen, kalten Klinge berührte, wie um die Entfernung für einen wirksamen Streich zu messen. Dann einen Schritt zurücktretend, erhob er das scharfe Schwert wieder schnell und führte mit aller Kraft einen Hieb nach mir. Das Schwert ging scharf an meinen Hals heran, berührte mich aber nicht. Ich wollte weder ausweichen noch sprechen, und mein gleichgültiges Benehmen imponierte ihm so, daß er fast erschrak. Er zögerte wirklich, sein teuflisches Beginnen fortzusetzen, aber die Ungeduld und die Unruhe der Menge hatten jetzt ihren Höhepunkt erreicht, und die in seiner Nähe stehenden Lamas gestikulierten wie wahnsinnig und feuerten ihn weiter an.

Während ich dies niederschreibe, wird ihr wildes Geschrei, der blutdürstige Ausdruck ihrer Gesichter wieder vor meinem Geiste lebendig. Augenscheinlich gegen seinen Willen wiederholte der Henker dasselbe Verfahren noch einmal auf der andern Seite meines Kopfes. Diesmal kam die Klinge so nahe, daß die Schneide des Schwertes nicht weiter als vielleicht einen Zentimeter von meinem Halse entfernt gewesen sein kann.

Es schien nun alles bald vorbei zu sein; aber sonderbarerweise fiel es mir in diesem kritischen Moment nicht ein, daß ich sterben sollte. Woher ich dieses Gefühl hatte, kann ich nicht sagen, da alles, was geschah, darauf hindeutete, daß mein Ende sehr nahe war. Es tat mir ja leid, daß, wenn mein Ende wirklich nahe bevorstand, ich sterben sollte, ohne meine Verwandten und Freunde wiedergesehen zu haben, und daß sie möglicherweise nie erfahren würden, wo und wie ich gestorben war. Natürlich war ich nicht sehr geneigt, eine Welt zu verlassen, in der ich nie einen langweiligen Augenblick gehabt hatte. Aber nach all den schlimmen Erfahrungen, schrecklichen Leiden und Aufregungen, die wir seit unserm Betreten Tibets erduldet hatten, machte ich mir meine jetzige Lage nicht so klar, wie ich es getan haben würde, wenn ich aus meiner behaglichen Londoner Wohnung direkt auf den Richtplatz geschleppt worden wäre.

Es ist natürlich, daß ich dieses Schauspiel nie vergessen werde, und man muß es den Tibetern lassen, daß das Ganze malerisch inszeniert wurde. Sogar die gräßlichsten Zeremonien können ihre künstlerischen Seiten haben, und gerade diese, die mit außerordentlichem Pomp und Gepränge vollzogen wurde, war wirklich großartig.

Es scheint, daß in Tibet diese unangenehmen Schwertübungen vor der wirklichen Enthauptung ausgeführt werden, um das Opfer noch mehr leiden zu machen, ehe ihm der Todesstreich gegeben wird. Ich wußte das damals noch nicht und erfuhr erst einige Tage später, daß das Opfer bei dem dritten Streiche gewöhnlich wirklich enthauptet wird.

Noch immer verlangten die Lamas stürmisch nach meinem Kopf; aber diesmal blieb der Pombo standhaft und weigerte sich, mit der Exekution fortzufahren. Nun scharten sie sich um ihn und schienen sehr zornig zu sein; sie schrien, kreischten und gestikulierten aufs ungestümste. Der Pombo aber hielt noch immer seine Augen halb ehrfurchtsvoll, halb erschreckt auf mich geheftet und weigerte sich, vorzugehen …

Eine erregte Beratung folgte.