Spät am Abend kam ein halbes Dutzend Lamas aus dem Kloster mit einem Lichte und einer großen Messingschale, die, wie sie sagten, Tee enthielt. Unter ihnen war der verwundete Lama mit ganz verbundenem Kopfe. Er wünschte so dringend, daß ich etwas davon tränke, um mich während der kalten Nacht warm zu erhalten, daß ich mißtrauisch wurde. Als sie mir eine Schale mit dem Tranke an die Lippen brachten, nippte ich nur ein wenig davon und lehnte es ab, mehr zu trinken, wobei ich das, was sie mir in den Mund gezwungen hatten, ausspie. Ein paar Tropfen hatte ich hinuntergeschluckt, und nach wenigen Minuten empfand ich schneidende, qualvolle Schmerzen im Magen, die noch mehrere Tage danach anhielten. Ich kann daraus nur schließen, daß das dargebotene Getränk vergiftet gewesen sein muß.
Am folgenden Tage begann mein linker Fuß, der, seitdem ich zum erstenmal von der Streckfolter losgebunden worden, leblos geblieben war, sich zu bessern, und der Blutumlauf stellte sich allmählich wieder ein; die Schmerzen waren unerträglich.
Am Morgen schien Unentschiedenheit darüber zu herrschen, was mit uns geschehen sollte. Mehrere Lamas wünschten immer noch, daß wir enthauptet würden, der Pombo und die andern indessen hatten sich schon am vorigen Abend fest entschlossen, uns an die Grenze zurückzuschicken.
Unglücklicherweise hatte aber der Pombo, wie später Lamas dem britischen Peschkar Charak Sing erzählten, während der Nacht eine Vision gehabt, in der ihm ein Geist sagte, daß, wenn er uns nicht töte, er und sein Land von einem großen Unglück betroffen werden würden.
»Du kannst den Plenki töten«, soll der Geist gesagt haben, »und niemand wird dich strafen, wenn du es tust. Die Plenkis fürchten sich, gegen die Tibeter zu kämpfen.«
Da unter den Lamas kein wichtiger Schritt ohne Beschwörungen getan wird, so befahl der Pombo einem Lama, eine Locke meines Haares abzuschneiden, was er mit einem sehr stumpfen Messer tat. Mit ihr in der Hand ritt der Pombo zum Lamakloster hinauf, um das Orakel zu befragen. Die Locke wurde zur Untersuchung abgegeben, und es scheint, als habe das Orakel nach gewissen Beschwörungen geantwortet, ich müsse enthauptet werden oder das Land würde in große Gefahr geraten.
Scheinbar enttäuscht ritt der Pombo zurück und befahl jetzt, einen meiner Fußnägel abzuschneiden; nach dieser Operation wurde das Orakel wieder gefragt, was zu tun sei, und leider gab es dieselbe Antwort.
Der hohe Gerichtshof der versammelten Lamas hält gewöhnlich drei solcher Beratungen ab; beim drittenmal bringen die Tibeter, um die Entscheidung des Orakels zu erlangen, ein Stück von einem Fingernagel mit. Der Lama, der im Begriff stand, mir dieses Stück abzuschneiden, untersuchte meine nach hinten gebundenen Hände, und als er meine Finger ausspreizte, äußerte er große Überraschung und Erstaunen. Im nächsten Augenblick kamen alle Lamas und Soldaten herangelaufen, um meine gefesselten Hände zu untersuchen: eine Wiederholung dessen, was ich in dem Kloster von Tucker erlebt hatte. Auch der Pombo kam, als er davon benachrichtigt wurde, unverzüglich herbei und betrachtete meine Finger; das Gerichtsverfahren wurde sofort eingestellt.
Als ich einige Wochen später befreit worden war, gelang es mir, von den Tibetern den Grund ihres Erstaunens zu erfahren. Meine Finger sind etwas höher zusammengewachsen, als gewöhnlich der Fall ist, und diese Eigentümlichkeit wird in Tibet sehr hoch geschätzt. Wer solche Finger besitzt, dessen Leben ist nach tibetischem Glauben durch Zauber gefeit; was auch die Menschen versuchen mögen, ihm kann kein Leid geschehen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser lächerliche Aberglaube viel dazu beitrug, des Pombo Entscheidung über unser Schicksal zu beschleunigen.
So befahl denn der Pombo, daß mein Leben geschont werden und daß ich noch an demselben Tage meine Rückreise nach der indischen Grenze antreten solle. Von meinem eigenen Gelde nahm er 120 Rupien, die er mir für meine Bedürfnisse während der Reise in die Tasche steckte, und befahl, daß ich, wenn auch noch gefesselt, doch freundlich behandelt werden sollte, ebenso meine Diener.
Als alles bereit war, wurden Man Sing und ich zu Fuß nach Toxem geführt; unsere Wache bestand aus ungefähr fünfzig Reitern. Trotz unserer schlimmen, zerfleischten Füße, trotz unserer schmerzenden Knochen und der Wunden, mit denen wir bedeckt waren, mußten wir mit großer Eile marschieren. Die Soldaten hatten mich wie einen Hund am Halse gebunden und zogen mich vorwärts, wenn ich keuchend, erschöpft und elend mit den Pferden nicht Schritt halten konnte. Wir durchschritten mehrere kalte Ströme und sanken bis zu den Hüften in Wasser und Schlamm.
In Toxem sah ich zu meiner großen Freude Tschanden Sing noch am Leben. Er war in dem Lehmhause gefangengehalten worden, wo er drei Tage lang aufrecht an einen Pfahl gebunden war und vier Tage lang weder etwas gegessen noch getrunken hatte!
Man hatte ihm gesagt, ich sei enthauptet worden. Er war in einem furchtbaren Zustand; infolge seiner Wunden, der Kälte und des Hungers war er dem Tode nahe.
Wir mußten die Nacht über hierbleiben. Wir erstickten fast vor Rauch in einem der Zimmer des Lehmhauses, das mit Soldaten vollgepfropft war, die in Gesellschaft einer Frau von anscheinend leichten Sitten die ganze Nacht spielten, sangen, fluchten und rauften und uns dadurch hinderten, auch nur ein paar Minuten zu schlafen.
Am nächsten Morgen wurden Tschanden Sing und ich bei Sonnenaufgang auf Jake gesetzt. Der arme Man Sing mußte zu Fuß gehen und wurde unbarmherzig geschlagen, wenn er, müde und erschöpft, hinfiel oder zurückblieb. Sie banden ihm wieder einen Strick um den Hals und rissen ihn in brutalster Weise vorwärts. Wir hatten starke Wachen, die uns am Entfliehen hindern sollten; diese forderten an allen Lagerplätzen frische Relais von Jaken und Pferden und Nahrungsmittel für sich, so daß wir sehr schnell vorwärtskamen. In den ersten fünf Tagen legten wir 295 Kilometer zurück, wobei die beiden längsten Tagemärsche je 70 und 75 Kilometer betrugen; nachher machten wir keine so großen Märsche mehr.
Auf diesen langen Märschen litten wir viel, da die Soldaten uns mißhandelten und aus Furcht, daß wir zu kräftig werden könnten, uns nicht erlauben wollten, täglich zu essen. Sie gaben uns nur alle zwei oder drei Tage etwas. Unsere Erschöpfung und die Schmerzen, die das Reiten auf den elenden Jaken uns bei unsern Wunden verursachte, waren schrecklich.
Man hatte uns all unsere Habe genommen; unsere Kleider waren zerlumpt und wimmelten von Ungeziefer. Wir waren barfuß und fast nackt. Die ersten paar Tage marschierten wir manchmal von vor Sonnenaufgang bis ein oder zwei Stunden nach Sonnenuntergang. Wenn wir das Lager erreichten, wurden wir von unsern Jaken heruntergerissen; dann legten uns unsere Wächter zu den eisernen Handschellen, die wir um unsere Handgelenke hatten, auch noch Fesseln um die Fußknöchel. Da sie uns so für ganz sicher hielten, ließen sie uns im Freien schlafen ohne irgendeine Art von Bedeckung, oft genug auf dem Schnee liegend oder vom Regen durchweicht. Unsere Wachen schlugen gewöhnlich ein Zelt auf, unter dem sie schliefen. Aber selbst wenn sie keins hatten, gingen sie meist etwa 50 Meter von uns weg, um Tee zu brauen.
Von meinen beiden Dienern unterstützt, die bei mir saßen, um aufzupassen und mich gegen die Blicke der Wachen zu schirmen, brachte ich es unter steter Gefahr fertig, einen vorläufigen Bericht unserer Rückreise auf ein kleines Stück Papier niederzuschreiben, das in meiner Tasche geblieben war, als ich von den Tibetern durchsucht wurde. Wie ich es auf der Streckfolter getan hatte, zog ich auch jetzt die rechte Hand aus der Handschelle und zeichnete mit einem kleinen Stückchen Knochen, das ich aufgelesen hatte, als Feder und mit meinem Blut als Tinte kurze chiffrierte Notizen und eine Karte unsers Rückweges auf. Natürlich mußte ich, da ich keine Instrumente hatte, um genaue Beobachtungen anzustellen, meine Ortsbestimmungen nach der Sonne machen, deren Stand ich ziemlich genau durch beständiges Beobachten des Schattens fand, den mein Körper auf den Boden warf. Begreiflicherweise konnte ich mich, wenn es regnete oder schneite, nicht zurechtfinden und mußte meine Peilungen nach den Beobachtungen des vorigen Tages berechnen.
Unsere Wachen waren sehr streng und mißhandelten uns in jeder Weise. Ein paar Soldaten jedoch erwiesen uns große Freundlichkeit und Teilnahme und brachten uns, so oft sie es tun konnten, ohne von ihren Kameraden gesehen zu werden, etwas Butter und Tsamba.
Da unsere Wachen sehr häufig wechselten, hatten wir keine Möglichkeit, uns mit den Soldaten zu befreunden, und jede neue Ablösung war schlimmer als die vorhergehende.
Eines Tages trug sich ein spaßhafter Zwischenfall zu, der unter unsern Wachen großen Schrecken verursachte. Wir hatten in der Nähe einer Felswand haltgemacht; die Soldaten waren etwa 20 Meter von uns entfernt. Um meine Diener und mich zu belustigen, machte ich einige bauchrednerische Kunststücke und tat so, als ob ich zur Wand hinaufspräche und von dort Antwort erhielte. Die Tibeter wurden von Schrecken ergriffen. Sie fragten mich, wer dort oben sei. Ich sagte, es sei jemand, den ich kenne.
»Ist es ein Plenki?«
»Ja.«
Da stießen sie uns schnell auf unsere Jake und bestiegen ihre Pferde, und Hals über Kopf verließen wir den Ort.
Als wir an eine Stelle kamen, deren Lage ich nach einer auf meiner Hinreise vorgenommenen Beobachtung auf 83° 6´ 30´´ östlicher Länge und 30° 27´ 30´´ nördlicher Breite bestimmen konnte, wurde mir ein großes Glück zuteil. An diesem Punkte treffen nämlich die beiden Hauptquellflüsse des Brahmaputra zusammen und vereinigen sich zum Hauptfluß; den einen Nebenfluß aus Nordwest hatte ich schon verfolgt, der andere kommt aus Westnordwest. Zu meiner Freude wählten die Tibeter den südlichern Weg und gaben mir dadurch Gelegenheit, die zweite Hauptquelle des großen Flusses zu besuchen. Dieser zweite Strom entspringt in einer Ebene und hat seinen Ursprung in einem kleinen See, der auf annähernd 82° 47´ östlicher Länge und 30° 33´ nördlicher Breite gelegen ist. Ich gab der nördlichen Quelle meinen eigenen Namen, ein Verfahren, das, wie ich hoffe, nicht für unbescheiden angesehen werden wird angesichts der Tatsache, daß ich der erste Europäer war, der sie besucht hat, und auch angesichts der besondern Umstände meiner Reise. –
Dieser Abschnitt unserer Gefangenschaft war wohl schrecklich, aber doch interessant und belehrend; denn es gelang mir, die Soldaten unterwegs dazu zu bringen, mich einige tibetische Lieder zu lehren, die denen der Schokas ganz ähnlich sind. Von den weniger bösartigen Leuten unserer Wache sammelte ich durch wohlüberlegte Fragen eine beträchtliche Menge von Angaben über Land und Leute, von denen ich einige in diesem Buche wiedergegeben habe.
Über einen Paß, der weiter südlich gelegen und niedriger war als der Maiumpaß, auf dem wir gesund, hoffnungsvoll und frei in die Provinz Yu-tsang gekommen waren, verließen wir sie jetzt verwundet, gebrochen, nackt und gefangen.
Wir gingen in nordwestlicher Richtung weiter, und als wir die heilige Provinz Yu-tsang glücklich hinter uns hatten, wurden unsere Wachen weniger grausam gegen uns. Man erlaubte uns, mit dem wenigen Geld, das mir der Pombo zu behalten gestattet hatte, so viel Lebensmittel zu kaufen, daß wir häufiger Mahlzeiten einnehmen konnten, und während wir aßen, nahmen die Soldaten unsere Handschellen ab und legten sie uns einstweilen um die Fußknöchel. Mit Gerätschaften, die uns von unsern Wachen geliehen wurden, konnten wir uns etwas kochen, und wenn wir es auch anstatt auf Schüsseln auf flachen Steinen servieren mußten, schien es uns doch köstlich.
Nachdem wir unsern frühern Weg gekreuzt hatten, gingen wir fast parallel mit ihm, nur wenige Kilometer weiter nördlich, über ein wellenförmiges Plateau mit tonigem Boden und vermieden so die sumpfige Ebene, deren Überschreiten uns auf der Hinreise so viel Beschwerde gemacht hatte. Wir fanden da und dort zahlreiche schwarze Zelte. Als wir eines Abends in der Nähe einiger kleiner Seen das Lager aufgeschlagen hatten, erlaubte man uns, ein Schaf zu kaufen. Ein Soldat, ein guter Kerl, der gegen uns schon sehr freundlich gewesen war, suchte ein schönes und fettes Tier für uns aus, und wir freuten uns schon auf eine solide Mahlzeit, als wir zu unserer Enttäuschung fanden, daß es uns unmöglich war, das Tier zu töten. Abstechen konnten wir es nicht, da uns die Tibeter kein Schwert oder Messer anvertrauen wollten, und sie selbst weigerten sich, das Schaf auf irgendeine andere Weise für uns zu töten. Schließlich ließ unser Freund, der Soldat, seine Gewissensskrupel durch das Geschenk einer Rupie besiegen und schickte sich an, das Tier auf äußerst grausame Weise zu töten. Er band ihm die Beine zusammen und hielt die Schnauze des armen Schafes, nachdem er ihm die Nasenlöcher mit Schlamm verstopft hatte, mit einer Hand fest zu, bis es erstickte. Während dieser Arbeit drehte der sündige Soldat mit der freien Hand sein Gebetrad und betete die ganze Zeit inbrünstig.