Über die letzte Zeit habe ich wenig Interessantes, noch Erfreuliches zu berichten. Ich meine, daß ich seit Wochen schauerlich schlechter Laune und höchst ungemütlich gewesen bin. Manchmal befielen mich wahrhafte Wutparoxismen, so daß ich am liebsten jede lästige Fessel gesprengt hätte und hingeeilt wäre zu derjenigen, die unausgesetzt all' mein Denken gefangen hielt – hin zu Madame de Baranow nach Wiesbaden. Dann aber versank ich auch wieder in eine stumpfsinnige Apathie, welche mir das Dasein fast ekelhaft fade erscheinen ließ. Glücklicherweise ist der bedeutungsvolle Fächer noch vor dieser Trübsinnsperiode vollendet worden und befindet sich jetzt schon in den Händen von bella Susanna. Was ich darauf gezaubert?
Ich glaube wirklich, der Genius der Malerei hat mir dabei die Hand geführt und Amor die Palette gehalten. Seit jenem Abende fragte Agnes allerdings nicht mehr nach dem Fächer; doch weil ich so unvorsichtig gewesen, ihn einmal unverschlossen liegen zu lassen, hatten ihre Kinderaugen ihn dennoch erblickt.
Mehreremale in jeder Woche besuche ich das Haus der Schwiegereltern, um mich pflichtschuldigst nach dem Befinden meiner Gemahlin zu erkundigen, welche wieder sanft und freundlich zu mir ist, aber auffallend traurig. Der Herr Papa dagegen betrachtet mich öfters mit seltsam herausfordernden Blicken, während die Frau Mama mir stets so offen ihre Ungnade zeigt, daß sie mit mir überhaupt nicht mehr spricht. Amico Carolo! Es will mich bedünken, es steigen düstere Wolken über meinem unseligen Haupte auf. Zuweilen sogar regen sich im Busen leise Anwandlungen von Reue, und ich sage mir dann ganz ehrlich, daß ich doch ein recht ungemütliches, trübseliges Leben führe, welches anders – besser sein könnte, wenn ich – ja, was denn eigentlich? Ich glaube, der Fächer hat mich verhext – ich bin ein Narr! Adieu!
Gilbert.«
Berlin, 3. Mai 188.
»Bester Freund!
Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut, lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität – das alles prägt sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus.
Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert, was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen. Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die Erde geplumpst wäre, nein, amico, moralisch habe ich einen Purzelbaum gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich knirsche – ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme – ich glaube, es ist das bessere Ich in meiner Brust – mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert, gründlich reingefallen!«
Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede, als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte, demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche Theater«.
Gesagt – gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen: Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war glücklicherweise ein Eckplatz.
Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des Himmels! Das konnte niemand anders – das mußte Susanna – Madame de Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen – beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos. Wo – wo war – wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt – von diesem still verborgenen Platze aus – vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit, die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.
Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten Matronen bestand. Nur links von mir – in der ersten Reihe, sah ich die wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...? Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß! Diese und keine andere mußte bella Susanna sein!
Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. – Da – noch während ich dies niederschreibe – lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner Rechten – da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer – ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden Blicken erspähe ich darauf – das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal – hoffte ich – würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der Ruhestörerin um, la bella Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind denn meine Augen getrübt, – bin ich verrückt oder treibt der Satan sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe. Einerlei – ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre? O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?
Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn – die häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und gepeinigt hat. Und ich Narr, – ich Esel, – bin hier so einfältig auf den Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula, nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern, schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen! Wirklich schändlich – empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf. Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.
»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei angetrunken.
»Nein, rot – feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen. Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill – öde und einsam dünkte mir in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.
Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte, ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens, Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren.
Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte, rechtzeitig zu vollenden.
Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht
Deinem
Gilbert.«
»Alter lieber Freund!
Wie neugeboren fühle ich mich, wenigstens, wie ein Mensch, der eine lange Krankheit überstanden und nun mit hoffnungsseligen Empfindungen in der Brust jetzt ein sonniges Dasein vor sich sieht. – Übrigens – Du bist ein Diplomat, Freundchen! Vielleicht haben auch Deine Briefe, der warme, herzliche, durchaus nicht mentorhafte Ton, der daraus spricht, sowie Dein stets vermehrtes Interesse für Agnes ein wenig zu meiner Heilung beigetragen.
Aber ich will dem Gange meines »kleinen Romans« nicht vorgreifen, sondern da weiter erzählen, wo ich im letzten Briefe stehen geblieben bin.
So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk – kein Bravourstück sollte diese Arbeit werden, – Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, – ein Etwas, was ihr sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im Galopp davon!
Endlich – endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau. Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen.
Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte. Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar nicht gemacht worden, und hatte ich es nur en passant erfahren. Darum sah ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich male – male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da – auf einmal macht ein schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält.
»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen.
»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen, hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde.
»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit.
»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?«
Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen.
»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube, daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht einfältiges Gesicht gemacht habe.
»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das Bild ist – ist entzückend!«
»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben aus – dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das – andere, was noch darauf ist, sind – natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein, wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt.
Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre! Ich überwand mich. Nicht jetzt – nicht um des Fächers willen sollte die Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste – ein anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und – ging. –
Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt!
Bist Du jetzt mit mir zufrieden, amico?
Dein Gilbert.«
(24 Stunden später.)
»Herzensfreund!
Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe, ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner Künstlerlaufbahn jemals erlebte.
Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte; aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen – mit ihr – mit mir – mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn solchen Glückes auch wert?«
Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? – –
Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes, weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen Gedanken und Empfindungen. Ich wußte – fühlte, daß ein veredelnder Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen Briefen noch zur Genüge studieren konntest, – nein, nein, und tausendmal nein! – nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten, der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort »Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand. Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen. Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. –
Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher zuerst nur an sich selbst dachte!
Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm, im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich – alles mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. – Da – da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen – ich taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen – meines Kindes ist's, was ich vernehme.
Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, – keine Macht der Erde hätte mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht – und befinde mich alsbald in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen: »Gilbert!«
Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner Frau Schwiegermutter – machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam, am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt, den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«
Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand, woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals.
»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« –
Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht, leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm. Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen
stets getreuen Freund Gilbert.«
Deutlich steht die greisenhafte, schlanke Gestalt der Cousine des seligen Großvaters noch vor meinem Geiste.
Damals – lange Jahre sind nun auch seitdem vergangen – imponierte mir Achtzehnjährigen, die ich erst seit wenigen Monaten mit stolzem Selbstgefühl das Prädikat »Frau« trug und somit in Tante Babettens Familie hineingeheiratet hatte, diese kleine wahrhaft originelle Dame von vierundneunzig Jahren gewaltig.
Noch niemals im Leben hatte ich einem so alten menschlichen Wesen gegenüber gestanden, und als ich zum erstenmal in dem mit steifer Empirepracht möblierten Paradezimmer mich tief zur Erde niederbückte, um meiner alten Verwandten, die kerzengerade und unleugbar hoheitsvoll von ihrem Sitze sich erhob, in Ehrfurcht die runzelige Hand zu küssen, da überkam mich eine Empfindung, als wäre ich um acht Jahrzehnte zurückversetzt, und eine jener mythenhaften Ahnmütter, deren Existenz mir nur dunkel vorschwebte, sei plötzlich zum Leben erwacht. Wie konnte dieses mumienartige, zusammengeschrumpfte Gesichtchen, mit den kaum einem Menschen ähnlichen wimperlosen trüben Augen noch Spuren von Leben, Geist und Intelligenz verraten? Was wohl würde dieses seltsame Wesen aus einer längst begrabenen Zeit mit mir, dem heiteren Kinde des neunzehnten Jahrhunderts, sprechen? War es denn möglich, daß dasselbe überhaupt noch Interesse zu finden vermochte an Leuten und Verhältnissen, die – nach meiner Idee – den Anschauungen jener Tage so weit entrückt lagen? Das alles dachte ich im ersten Moment meiner Bekanntschaft mit Tante Babette.
Wie sehr sollte ich mich jedoch geirrt haben! Heute noch, nachdem der Greisin kleiner Körper längst von allen irdischen Mühsalen ausruht, – heute noch gehören alle die Stunden, welche ich in ihrer Gesellschaft verbringen durfte, mit zu den liebsten, heitersten Erinnerungen meines Lebens. Tante Babette war zwar ein Original, allein ein geistreiches, witziges, zuweilen etwas elegisch angehauchtes, zuweilen aber auch ein wenig scharf boshaftes Original. Von Gedächtnisschwäche und dem bei solch' hohem Alter vielleicht sehr natürlichen Verwechseln von Personen, Namen und Daten war an Großtantchen keine Spur zu bemerken. Staunen erregte es in mir wirklich, wie sie für alles, was in der eigenen Familie, unter ihren Bekannten, ja sozusagen in der Welt vorging, nicht bloß das lebhafteste Interesse bezeigte, sondern wie sie sogar in den reichen Schatz ihrer Erlebnisse mit einer Sicherheit und Genauigkeit zurückzugreifen vermochte, um dieses oder jenes interessante Stücklein oder lustige Episode eines langen, erfahrungsreichen Lebens ans Tageslicht zu fördern.
Dreißig Jahre war Tante Babette als Hofdame bei einer thüringischen Herzogin gewesen, und schien es besonders diese Zeit zu sein, bei der ihr reger Geist am liebsten verweilte. Kam es mir, der in Andacht Lauschenden, dabei doch zuweilen vor, als rolle sich ein Stück Geschichte oftmals vor meinen Augen auf.
In bunten Farben schilderte mir die alte Dame unter vielem anderen das amüsante Leben am zeitweiligen Hofe der Kaiserin Josephine zu Kassel, dessen wechselvollen Reiz Tante Babette in Begleitung ihrer Herzogin kennen zu lernen das seltene Glück gehabt. Mit eigenen Augen hatte sie den überaus glänzenden Kreis geschaut, in welchem Josephine durch Schönheit wie durch Geist, die Königin Hortense dagegen durch liebenswürdige Anmut den Mittelpunkt gebildet. Sobald sie aus jener Zeit erzählte, dann reckte sich die kleine, dürftige Gestalt in die Höhe, und dünkte es mir zuweilen, als husche dabei ein Schimmer einstiger Jugend über die welken, verwitterten Züge von Tante Babette, die übrigens niemals schön gewesen sein soll. Ganz besonders aber war es ein Name, der ihre matten Augen stets in merkbarem Feuer aufflammen machte.
Zwar bezeigte Großtantchen sich immer als gute Patriotin, hing auch mit Leib und Seele treu an ihrem Königshause und hatte in Preußens Sturm- und Drangperiode gewiß im tiefsten Innern unter des Usurpators Joch geseufzt und getrauert. Allein trotzdem schlug ihr Herz, wie sie mir oftmals versichert hatte, in einer ihr unerklärlichen, halb bangen, halb berauschenden Freude, wenn sie in jener aufregenden, so verhängnisvollen Zeit des Weltbezwingers Antlitz mit den durchdringenden, stahlgrauen Adleraugen einmal begegnete. Lächelnd und ungeachtet ihrer vierundneunzig Jahre mit fast jungfräulichem Senken der Lider gestand Tante Babette mir eines Tages ein, daß sie nie für einen anderen Mann geschwärmt habe, als für den großen Kaiser Napoleon.
»Und er?« hatte ich mit schüchternem Einwurf zu fragen gewagt; worauf Großtantchen – noch in der Erinnerung an die dahingegangene Jugend und deren mannigfache Enttäuschungen – seufzend erwiderte, daß der Stolze, Gewaltige der kleinen, so wenig schönen Hofdame wohl eigentlich niemals Beachtung, ja kaum einen eingehenden Blick geschenkt. Und dennoch hatte eine Schicksalstücke an dem für eine still im Busen getragene Neigung so blinden, undankbaren Mann sich zu rächen ersonnen. Tante Babette sollte eine, wenn auch nur zweifelhaft ehrenvolle Revanche haben.
Ihre eigenen, genau in der ihr charakteristischen, sentimentalen, dabei jedoch scharf witzigen Redeweise wiedergegebenen Worte sind es daher auch, welche ich hier bringe, und die in nachstehender kleinen Episode aus Großtantchens Hofdamenleben mir damals eben so scherzhaft als originell erschienen, daß ich heute, nach fast fünfundzwanzig Jahren, weder irgend Bedenken hegen, noch eine Indiskretion zu begehen fürchte, wenn ich sie wahrheitsgetreu nacherzähle:
»Der Kaiser – der Kaiser sollte auf Besuch zu meinen Herrschaften kommen! Gleich einem Lauffeuer durchflog diese überraschende Kunde unser herzogliches Schloß. Wann er eintreffen, wie lange der hohe, mächtige Gast in unseren bescheidenen Mauern weilen würde, davon verlautete fürs erste noch nichts. Mir genügte, daß er kam, daß ich ihn sehen, daß meine Füße denselben Boden berühren sollten, den er gestreift! Eines Abends war ich länger als gewöhnlich bei der Frau Herzogin in deren Gemächern zurückgehalten worden. Der französische Roman, welchen vorzulesen mir befohlen worden, hielt uns dermaßen in Aufregung und Spannung, daß wir der späten Stunde gar nicht gedachten. Endlich – ich glaube, es schlug bereits halb zwölf Uhr – nahm meine Gebieterin mir das Buch aus der Hand und hieß mich zur Ruhe gehen.
»Mit tiefem Kompliment nach rückwärts hatte ich mich verneigt und war die Thürklinke bereits in meinen Fingern, als die hohe Frau einen seidenen Shawl ergriff und eigenhändig ihn mir um Kopf und Schultern schlang.
»›Die Gänge des Schlosses sind kalt, und der Weg nach Ihren Zimmern ist weit, mein liebes Kind!‹ sagte sie dabei freundlich wie immer. ›So, nun aber laufen Sie recht schnell, ich wünsche, daß Ihnen niemand begegnen möge! Denn – denn ...‹
»Der Herzogin weitere Worte verstand ich nicht mehr, da sie mich rasch auf die Stirn küßte und zur Thür hinausschob.
»Hu! Ich fror wirklich; wenigstens rieselte ein eigenartiger Schauer durch meine Glieder, einerseits verursacht durch die aufregende Lektüre, andererseits aus Bangigkeit, in schon so weit vorgerückter Nachtstunde den endlos langen Korridor des Schlosses und sogar noch eine Stiege aufwärts bis zu meiner ziemlich entfernten Wohnung allein zurücklegen zu müssen. Spukgeschichten hat wohl ziemlich jedes größere, ältere Schloß aufzuweisen, und so kam es denn auch, daß in diesem Moment allerlei gruselige Dinge und Gestalten vor meinem Geiste auftauchten, um so mehr noch, weil man hinsichtlich der Beleuchtung in jener Zeit noch äußerst haushälterisch zu Werke ging und nur hier und da in den weitläufigen Fluren und Gängen ein bescheidenes Lämpchen anbrannte.
»Thorheit! dachte ich, ärgerlich über mich selbst, und schüttelte das kindische Grauen von mir ab. Schnell rannte ich eine Strecke in das gespenstige, ab und zu von einem magischen Lichtschein unterbrochene Dunkel hinein. Wie unheimlich laut hallten doch meine Schritte von den hohen gewölbten Wänden wieder! – Doch vorwärts mußte ich. Noch einmal holte ich tief Atem und lief, das Tuch fester über den Kopf ziehend, weiter. Beinahe war die Biegung, in welcher der lange Korridor des zweiten Schloßflügels und auch die Treppe zum oberen Stockwerk mündete, glücklich erreicht, – da höre ich eine Thür leise öffnen und wieder schließen, und ein fester, energischer Tritt kommt den Gang entlang, mir gerade entgegen.
»Entsetzt fahre ich zusammen. Das mußte ein Mann sein. Schrecklich! mich, der Frau Herzogin Hoffräulein, um die Mitternachtsstunde in den Gängen des Schlosses anzutreffen! Gerade an unserem Hofe hielt man auf strengste Etikette. War es aber nicht sofort erklärlich, daß ich aus den Gemächern meiner Gebieterin kam? Bekannt war es ja, daß diese gern sehr lange aufzubleiben beliebte.
»Immer näher ertönen die verhängnisvollen, eigentümlich kurzen, energischen Schritte. Keiner der Lakaien wagte so sicher aufzutreten. So mußte es also wohl jemand von den Hofkavalieren sein. Wie ärgerlich, wie fatal! Jetzt – neugierig spähe ich – trotz meines fieberhaften Herzklopfens – mit einem Auge aus dem mich verhüllenden Shawl. Eine kaum an die Mittelgröße hinanreichende, von einem weiten Radmantel bedeckte Mannesfigur steht vielleicht nur noch zehn Fuß von mir entfernt und stutzt. Gleich einem vom Geier eingeschüchterten und verfolgten Hühnchen ducke ich mich und krieche förmlich in mich zusammen, um mit geschickter Wendung an der drohenden Gestalt rasch vorbeizuhuschen.
»Da – ich glaube, jeder Blutstropfen zog sich während dieses entsetzlichen Augenblicks in mein armes Herz zurück und machte es fast springen vor Angst und Scham – da vertritt der Unverschämte mir schnell und gewandt den Weg. Empört weiche ich etwas nach rückwärts, doch noch nicht genug; er breitet die Arme aus und drückt mein schmächtiges Figürchen stürmisch an die Brust.
»Schreien hätte ich mögen vor Wut und Zorn. Allein was hilft das; es würde die böse Situation eher noch verschlimmert haben. Mein energisches Zerren und Winden, um die Umschlingung zu lösen, blieb wenigstens umsonst. Denn ein bartloses Männergesicht bog sich mit Blitzesschnelle zu meinem Kopfe nieder, und – ehe ich noch so recht zum klaren Bewußtsein kam, brannte ein herzhafter Kuß auf meinen Lippen!
»Entsetzlich! Mich, der Frau Herzogin sittsames, anerkannt prüdes Hoffräulein, so sans façon zu küssen! Wer war der Beleidiger? Das konnte – das durfte ich nicht so ruhig hinnehmen.
»Zum Glück vermochte der arglistige Attentäter, dem die dunkle Nachtstunde gerade willkommen schien, ein ahnungsloses Fräulein arglistig zu überfallen, mich nicht zu erkennen, indem ich das Tuch mit heftigem Ruck noch tiefer herabgezogen hatte. Doch zwischen den langen seidenen Franzen hindurch, die schützend ihm meine Züge verhüllten, sah ich nun direkt in ein lachendes Gesicht mit einem Paar flammensprühender Augen.
»Allgütiger Gott! Der Kaiser Napoleon – mein angebeteter Held – mein Ideal war es!!
»Die Füße versagten mir fast den Dienst, und es war nicht weit davon, so hätte ich laut aufgeschrien. In diesem Moment wußte ich wahrlich nicht, ob es Todesschreck – ob es Freude war, was mir jede Spur von Fassung raubte. Die kraftvollen Arme gaben mich nun endlich frei, und halb betäubt, nur die Geistesgegenwart bewahrend, daß ich fortan mein Angesicht vor ihm verbarg, taumelte ich nach rückwärts.
»›Adieu, ma belle! Au revoir!‹ tönte ein heiterer, merklich spöttischer Ruf mir nach. Aber wie von Furien gejagt, nicht rechts noch links schauend, stürmte ich meines Wegs – die Treppe hinan und erreichte atemlos, dabei an allen Gliedern bebend, glücklich mein Zimmer. – –
»Den anderen Vormittag war ein großer, offizieller Empfang des Kaisers Napoleon bei der Frau Herzogin. Schon in der Frühe hatte die freudige, überraschende Kunde sich im Schlosse verbreitet, daß der Allgewaltige, nur von seinem Adjutanten begleitet, augenscheinlich um jeder lästigen Feierlichkeit auszuweichen, ganz plötzlich eingetroffen sei. Die glänzende Suite war dem Kaiser erst am Morgen nach jenem kleinen Abenteuer gefolgt. Wir drei Hofdamen, Gräfin N. N., Fräulein v. Z. und ich, standen zu Ehren des hohen Gastes, aufs schönste geschmückt, im Vorzimmer, welches direkt zu Ihrer Hoheit Privatgemächer führte, und harrten in Aufregung und banger Ungeduld des verhängnisvollen, so wichtigen Moments. Beugte sich damals doch alles vor dem siegesstolzen, durch Glück und Ruhm verwöhnten Mannes Haupt. –
»Endlich – Napoleon in seiner rücksichtslosen Art liebte es, auf sich warten zu lassen – endlich öffneten sich die Thüren, und ein glänzender Zug, eingeführt durch den Hofmarschall unseres Herzogshauses, der Kaiser in großer Uniform an der Spitze, überschreitet die Schwelle ...
»Erst nach unserer tiefen Verneigung vermochte ich in schüchternem Blick die Augen zu erheben zu dem angebeteten und doch wieder gefürchteten Manne. Stolz, gleich einem Siegesgotte, den charaktervollen Kopf in den Nacken zurückgelegt, einen Zug von blasiertem Hochmut und unbeugsamen Trotz um den festgeschlossenen Mund, – so kam er dahergeschritten. Nun erst mußte er unserer ansichtig werden. Denn plötzlich stutzte er, und das große, stahlfarbige Auge richtete sich eine Weile mit neugierigem, indes scharfprüfendem Ausdruck auf uns drei Damen.
»Gräfin N. N. war eine große, schlanke Blondine, Fräulein v. Z.s Figur zeigte auffallend üppige Formen. Beide waren um ein beträchtliches Teil hübscher als ich. Allein gerade an meiner unbedeutenden, kleinen, zierlichen Gestalt blieb das Kaiserauge am längsten und eingehendsten haften. Fest und voll schaute er mir darauf ins Gesicht hinein. Ein Moment war das, wo ich am liebsten in die Erde hätte sinken mögen. Denn ich gewahrte, wie die scharf markierten Brauen dieses seltsamen Antlitzes sich finster zusammenzogen und sichtlich Zeichen von Ärger und Verdruß um die stolz geschwungenen Lippen sich ausprägten.
»Was war das? – Hatte er mich wiedererkannt? – War diejenige, welcher sein heiterer Zuruf: ›Au revoir, ma belle!‹ gegolten, vielleicht nicht ganz nach seinem Geschmack, nicht seinen Erwartungen entsprechend? O, daß ich in dieser bitteren Stunde meinen so wenig anziehenden Zügen den Stempel der Schönheit hätte zu leihen vermögen!
»Noch stolzer und steifer richtete der Kaiser sich empor, grüßte nur mit kurzer, vornehmer Handbewegung nach uns hinüber und verschwand in den Gemächern der Frau Herzogin. –
»Während seines zweitägigen Aufenthalts an unserem Hofe hat der Allgewaltige auch nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. –
»Eingeschüchtert und mit Thränen in den Augen habe ich jedoch später meiner Gebieterin diese kleine ›Aventure‹ gebeichtet. Sie lachte nur dazu und meinte, daß sie von der Ankunft des Kaisers an jenem Abende schon gewußt, es aber für besser gehalten, zu mir darüber zu schweigen. Im übrigen tröstete sie mich mit den heiteren Worten: ›Einen Kuß in Ehren, kann niemand wehren!‹ Mir aber ist es zeitlebens nicht recht klar geworden, worin die große Ehre dieses Kusses eigentlich bestanden. Wenigstens wußte ich nie, ob ich mich darüber freuen oder grämen sollte!« –
Als Großtantchen mir jene niedliche Episode erzählte, mußte sie indes wohl die Enttäuschungen, welche der damalige Besuch Napoleons mit sich gebracht, längst verschmerzt haben. Denn auch sie lachte dabei: nur hatte sie die Augen geschlossen und leise flüsternd hinzugefügt: »Mein Ideal – mein kaiserlicher Held blieb er aber dennoch!« – – –
Großtantchen hat das seltene Alter von 97 Jahren erreicht und erfreute sich bis zu ihrem eigentlich unerwartet schnellen Ende einer unerschütterlich guten Gesundheit. Die Kammerfrau fand die dürftige, kleine Gestalt derselben eines Morgens kalt und steif in ihrer, auf goldenen Löwenklauen ruhenden, prächtigen Empire-Bettstatt.
Mir selbst, die ich am entgegengesetzten Ende Deutschlands lebte, war es leider nur selten beschieden, nach Thüringen reisen und die alte Verwandte besuchen zu können, allein wurde diese Freude mir einmal zu teil, so unterließ ich es sicher nicht, Tante Babette zu bestimmen, mir gelegentlich irgend ein interessantes Episödchen aus dem reichen Schatzkästlein ihrer Erlebnisse während einer dreißigjährigen Hofdamenzeit mitzuteilen.
»Ich bitte mir aber aus, Kind, daß Du nicht etwa alle diese Dinge schon zu Papier bringst und drucken läßt, so lange ich noch unter den Lebenden weile. Wenn ich nicht mehr bin, dann magst Du nach Gutdünken damit verfahren,« hatte die alte Dame einmal lächelnd und mir dabei mit dem Finger drohend, gesagt. Ich glaube daher jetzt, nachdem Tante Babette schon mehr als fünfundzwanzig Jahre unter dem grünen Rasen schlummert, keine allzu große Indiskretion zu begehen, wenn ich das einstige Hoffräulein der Herzogin von X... abermals selbst reden lasse und eine ihrer Erzählungen hiermit aus der Erinnerung niederschreibe:
»Die Geißel des Krieges und das eiserne Joch des Usurpators lastete schwer auf unserem armen Vaterlande. Nach den unglückseligen Schlachten von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 war nunmehr auch das gottgesegnete Thüringen der Schauplatz schrecklicher Verheerungen geworden. Die Felder lagen unbebaut oder waren durch endlose Truppendurchmärsche verwüstet, die Städte geplündert, die Dörfer zum teil niedergebrannt, überall Not, Krankheit und Jammer!
»Um so überraschender mochte es erscheinen, daß, gleich einer Oase in der Wüste, unser Ländchen von allem Greuel und Ungemach des Krieges verschont geblieben war. Was hielt den Weltbezwinger wohl davon ab, das unbedeutende Herzogtum X... nicht mit gleicher Tyrannei und Willkür zu behandeln. Uneingeweihte mochten sich über diese sonderbare Huld vielleicht den Kopf zerbrechen. Allein bei uns am Hofe war es durchaus kein Geheimnis mehr, daß Napoleon diese Rücksicht einzig und allein dem Herzoge und Gemahl meiner hohen Gebieterin angedeihen ließ, der, wie allgemein bekannt war, eine schwärmerische Verehrung, ja, ich möchte sagen, glühende Anbetung für des Kaisers Person hegte und mit seinen Gefühlen keineswegs hinter dem Berge hielt.
»Man sprach davon, daß Napoleon, der für jede Schmeichelei sehr empfänglich war, sich über diese in einem Männerherzen für ihn entflammte Leidenschaft königlich amüsierte und in einem Anfalle seiner unberechenbaren Launen den Befehl gegeben habe, das Herzogtum X... nicht allein in jeder nur erdenklichen Weise zu schonen, sondern auch von allen Kriegslasten zu entbinden.
»Wie von seiten anderer Höfe dieser seltsame Umstand aufgefaßt und beurteilt, ob es dem deutschen Fürsten verdacht wurde oder ob man gar über ihn spöttelte, das ficht den Gemahl meiner Gebieterin durchaus nicht an. War es doch ein Mensch, dessen krankhaft überspannter Geist sich selten mit der Wirklichkeit beschäftigte, sondern sich meist in einer eingebildeten Welt voll eitler Hirngespinste und traumhafter Ideale bewegte. Der Herzog lebte nämlich in dem thörichten Wahne, das Fühlen und Denken, ja die Seele eines Weibes zu besitzen und bemühte sich daher, jedwede Männlichkeit zu verleugnen und abzuschwören. Aus diesem Grunde drehten sich auch alle seine Gedanken und Interessen nur um Dinge, die im Gesichtskreise der Frau liegen.
»Wer diesen eigentümlichen Mann nicht mit eigenen Augen gesehen, konnte sich von seiner wunderbaren Erscheinung gar keinen klaren Begriff machen.
»So war des hohen Herrn Kleidung ganz ausgesprochen frauenhaft, was zu seinem bartlosen Gesicht mit dem weichlich elegischen Ausdruck und den schmachtenden großen blauen Augen allerdings nicht übel paßte. Lang wallende, meist weiße Gewandungen umhüllten seine etwas schlaffen Glieder, während das üppige, gelockte Blondhaar sich unter einer turbanartigen Kopfumhüllung bis tief in die Stirn hineinsenkte.
»Waren wir, das heißt, die Frau Herzogin mit ihren drei Hoffräuleins, zu Seiner Durchlaucht zum Thee geladen, so lag Serenissimus in halb griechischem Kostüm mit breitem Goldgurt um die Hüften, den für einen Mann wirklich blendend weißen Hals und Nacken teilweise entblößt, die vollen, ebenfalls bloßen Arme über und unter den Ellbogen mit kostbaren Spangen geschmückt, auf einem Ruhebett und empfing uns, indem er sich graziös erhob und nach Art der Damen sich verneigte.
»Niemals drehte sich die Unterhaltung um die damals alle Gemüter beschäftigende Politik und die aufregenden Ereignisse einer schweren Zeit, sondern nur um seichte französische Romane – Hofklatsch und – Toilettenangelegenheiten!
»Selbstverständlich waren wir Hofdamen viel zu gut geschult und nebenbei von einer zu innigen Teilnahme und Verehrung für unsere Gebieterin erfüllt, als daß wir gewagt hätten, auch nur den kleinsten Schimmer eines Lächelns um unsere Lippen zucken zu lassen. Die Etikette jener Zeit erheischte die allergrößte Rücksicht.
»Daß unter den obwaltenden Verhältnissen sich unsere Frau Herzogin sehr unglücklich in ihrer Ehe fühlte und wohl nur die äußere Form und Konvenienz dieses gewiß niemals innig gewesene Band der beiden Gatten noch zusammenhielt, sind Dinge, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte. Nur einer kleinen Episode will ich noch Erwähnung thun, die wirklich höchst spaßig war und dem in seinen Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen oftmals zur Überspanntheit hinneigenden Fürsten eine gründliche Lehre geben sollte.
»Napoleon, der sich auf seinem Siegeszuge auf dem Wege nach Berlin befand, glaubte unserem Herzoge keine größere Freude bereiten zu können, als wenn er ihm die Ehre eines Besuches schenkte. Vielleicht waren es auch leise und sehr natürliche Regungen der Neugierde, den als Original bekannten Fürsten einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die den Weltbezwinger zu diesem Schritte – persönlich nach X. zu kommen – veranlaßten.
»Kurz, Serenissimus schwamm in einem Meer von Entzücken und ersann die denkbarsten und undenkbarsten Sachen, um dem vergötterten Kaiser einen ihm gebührenden Empfang zu bereiten.
»Natürlich spielte die Toilettenfrage dabei wieder eine nicht unbedeutende Rolle, und mochte die gefallsüchtigste, kokettste Frau wohl kaum so lange über die Mittel, ihre Reize in das beste Licht zu stellen, – nachgegrübelt haben, als es der Herzog vor dem zu erwartenden Besuche des Kaisers gethan.
»Vielleicht sollten wir, die am Hofe befindlichen weiblichen Elemente, alle in Schatten gestellt werden.
»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war, ließ in ihrer edlen Herzensgüte und rührenden Bescheidenheit alles über sich ergehen. Daher hatte auch Seine Durchlaucht, zweifellos um seine eigene Person noch mehr zur Geltung zu bringen, den Empfang des hohen Gastes nach seinen Privatgemächern verlegt, so daß wir übrigen eigentlich nur Staffage bilden sollten.
»Vorausschicken muß ich noch, daß Napoleon dem Herzoge bereits schriftlich die Stunde seines Besuches angekündigt hatte, und in diesem äußerst huldvollen Briefe mit einfließen ließ, derselbe möge sich irgend eine Gnade vom Kaiser erbitten.
»Und der große mit Sehnsucht und Spannung erwartete Moment kam endlich! War doch die Macht und das Ansehen des Mannes, der auf dem Wege war, sich ganz Europa zu unterjochen, eine so große, daß hoch und niedrig, alt und jung vor seinem bloßen Angesicht zitterte.
»Von seinen Generälen, Adjutanten und einem Kreise besonders bevorzugter Männer umgeben, betrat Napoleon das mit verschwenderischem Luxus eingerichtete, jedoch an ein mit verweichlichtem, üppigen Geschmack ausgestattetes Frauengemach erinnernde Zimmer des Herzogs, in dessen Mitte ein schwellendes Ruhebett stand, von dem sich eine dem Auge eines Fremden ganz seltsam erscheinende Gestalt emporrichtete.
»Hinter meiner Gebieterin versteckt, vermochte ich des Kaisers Züge genau und völlig unbemerkt zu beobachten, daher sah ich deutlich, wie plötzlich ein heiteres, allein merkbar spöttisches Lächeln über das ehern finstere Antlitz glitt und das durchdringende Adlerauge halb ungläubig, halb staunend an dem sich seinen Blicken Darbietenden haften blieb.
»War das eine Komödie, eine ganz besondere Überraschung etwa, die man ihm hier vorgeführt? Was bedeutet das? – so mochte der hohe Gast wohl bei sich denken, indem er sich jetzt mit fragendem Gesichtsausdrucke seitwärts wandte, wo mit gesenkten Lidern und sich schüchtern verneigend, meine Gebieterin stand! Dieser aus dem Kaiserauge sie treffende Blick war ebenso demütigend als niederschmetternd, das fühlte selbst ich – die Hofdame.
»Entsetzlich! In dieser merkwürdigen, von blaßrosa Seidenstoffen umwallten Figur, deren entblößter Hals und Arme von kostbarem Geschmeide strotzte, konnte Napoleon doch unmöglich den Herrn und Gebieter eines deutschen Fürstenstaats, den regierenden Herzog von X. vermuten! So weibisch verputzt, in fast lächerlichem Aufzuge, so jeder Männlichkeit Hohn sprechend, hatte der Weltbezwinger sich denjenigen, dessen glühende Anbetung er sich bisher stillschweigend gefallen ließ, doch nicht vorgestellt. Deutlich sah ich die tiefe Falte des Unwillens über der eisernen Stirn, welche nur zu wohl besagte, daß Napoleon sein Erscheinen in unserem Schlosse bereits bereuen mochte.
»Den Herzog vielleicht ausgenommen, fühlten wir alle, daß dies ein furchtbar peinlicher Moment war, und schien es den Herren aus des Kaisers Suite wirklich Mühe zu kosten, Fassung und Contenance zu bewahren. Einige, wenigstens die Jüngsten davon, hatten nicht übel Lust, aller Hofetikette zum Trotz laut aufzulachen und ihrem Übermut und Witz die Zügel schießen zu lassen. Andere bissen sich krampfhaft in die Lippen und sahen unverwandt zu Boden.
»Obwohl es auch Napoleon noch immer sehr verräterisch um die Mundwinkel zuckte, trat er jetzt mit hastigen Schritten der in ihrem zweifelhaften Liebreize vor ihm stehenden rosaumhüllten Gestalt entgegen, maß dieselbe mitleidigen, spöttischen Blickes und sagte in seiner bekannten schroffen Art:
»›Fürwahr, ein sonderbarer Empfang! Aber Wir nehmen ein gegebenes Wort niemals zurück. Durchlaucht dürfen Sich von Uns eine Gnade erbitten. Sie soll gewährt sein. Eh bien?‹
»Die vollen weißen Arme verlangend nach dem Kaiser ausgestreckt, die blauen Augen in einem Ausdruck schwärmerischer Sinnlichkeit zu des Weltbezwingers Antlitz emporgeschlagen, flüsterte der Herzog mit frauenhaft sanfter Stimme, aber laut genug, um von den Anwesenden verstanden zu werden: ›Un baiser, Sir!‹
»Für Sekunden war es, als ob der lähmende Druck einer Erstarrung auf uns allen lastete. Wahre Totenstille herrschte ringsum, weil wohl jeder befürchten mochte, daß jetzt sicherlich ein brüskes, spottgefärbtes Lachen oder gar der Ausbruch jenes zügellosen Zornes – vor dem Europa zitterte – von den Lippen des Allgewaltigen hervorbrechen würde.
»Nichts davon. Trotzdem mir unter dem knappen Atlasleibchen das Herz in wilden Schlägen hämmerte, verwandte ich von Napoleon keinen einzigen Blick.
»Jetzt richtete sich die kleine Gestalt in der ihr eigenen hochmütigen Weise stolz empor – das stahlgraue Auge verfinsterte sich merklich, doch ohne daß in den charaktervoll wie gemeißelt erscheinenden Zügen der geringste Schimmer von Bewegung sichtbar wurde, stieß er schroff und verächtlich hervor: ›Vous êtes un fou! Adieu!‹
»Sprach's und verließ, von seiner glänzenden Suite gefolgt, unverzüglich das Gemach.
»So kläglich endete des Kaisers Besuch an unserem Herzogshofe.«
Niagara-Falls, den 18. Oktober.
Teure Carrie!
Der glühendste Wunsch meines Lebens ist wirklich in Erfüllung gegangen. Ich bin unter dem Niagara-Falle gewesen! Nicht allein, daß es mir vergönnt war, das kolossalste Naturschauspiel unserer Erde zu bewundern, in stummer, staunender Erstarrung versunken, die gigantischen Fälle in die Tiefe stürzen zu sehen, während mir dabei ein eisiges Gruseln über jenes Wunder durch die Glieder bebte, – nein, Carrie, Herzensschwester, in die berühmte cave of the winds (Windhöhle) bin ich mit Papa hinabgestiegen! –
Von Goat-Island aus ist es möglich, unter die Fälle zu gelangen, oder richtiger gesagt: unter den Raum zwischen der Felsenwand und den über dieselbe hinabstürzenden Fluten des amerikanischen Falles. Kaum glaublich ist das, und doch ist es nur der kleinste Teil der mächtigen Katarakte, unter welche ein menschliches Wesen sich wagen kann.
Indes ist es durchaus nicht meine Absicht, Dir, Du Hasenfuß, der aus purem Mangel an Courage sich an unserer schönen Partie nicht beteiligen wollte, eine eingehende Naturbeschreibung zum besten zu geben. Wenn es Dich interessiert, so nimm Dir ein Reisehandbuch vor, und Du bist schneller orientiert, als ich es zu thun vermöchte. Nur von einem allerliebsten Abenteuer muß ich Dir noch berichten. Denke Dir: ein Abenteuer unter dem Niagara-Falle! So etwas erlebt ein einfacher Sterblicher, ein Mädchen von neunzehn Jahren, und noch dazu eine Deutsche, nicht oft im Leben!
Höre also!
Der Fremden-Andrang an den Fällen war, wohl der vorgerückten Jahreszeit wegen, nicht mehr sehr groß. Nur fünf Personen, darunter Papa und ich, machten sich auf den Weg nach der Windhöhle; ich als die einzige Dame, was meinen Stolz nicht wenig hob, besonders, da man mir von verschiedenen Seiten das wirklich Gefährliche und Anstrengende unseres Unternehmens klar zu legen sich bemühte. Vor allem war es ein junger Deutscher, – die Visitenkarte, welche er uns reichte, lautete: »Arnulf Clemens, Privatdocent. Berlin«, – der fast außer sich darüber geriet, als er erfuhr, daß ich die Herren begleiten, mein blutjunges Leben, wie er feurig sich ausdrückte, diesen elementaren Mächten der Tiefe preisgeben wolle. Er selbst habe den Weg durch die Windhöhle in wissenschaftlichem Interesse schon einmal gemacht, kenne daher die gefährliche Passage ziemlich genau, worauf er dann noch eine schauerliche Schilderung derselben folgen ließ. Doch ich blieb unerschütterlich und lachte. Nichts in der Welt hätte mich auch von meinem Vorhaben abzubringen vermocht. Hatte mein Widerstand den Deutschen verletzt oder gekränkt? – ich weiß es nicht. Wenigstens verlor ich ihn bald darauf aus dem Gesicht, das heißt, sein Gesicht verlor sich unter der riesigen Kapuze des sogenannten »wasserdichten« Anzuges aus safrangelbem Wachstuch, womit man uns vom Kopfe bis zu den Füßen bekleidete. Nebenbei vervollständigten monströse Filzpantoffeln, die einem jeden von uns unter die Füße gebunden wurden, die originelle Toilette. Das Betreten des nassen, schlüpfrigen Gesteins wäre ohne letztere auch eine Unmöglichkeit. Und so traten wir, derartig ausgerüstet, die Reise nach der Unterwelt an.
Aber, o Carrie! Deine waghalsige kleine Schwester hatte doch ihren Mut und ihre Kräfte überschätzt.
Gar schnell verschwand das übermütige Lachen von meinem Gesicht, und fast bereuete ich, Mr. Clemens' wohlmeinender Warnung kein Gehör geschenkt zu haben. Ein unheimliches Brausen und wahrhaftes Donnergetöse umfing uns bald, und der ungeheure Luftdruck, durch die Gewalt und Geschwindigkeit des herabstürzenden Wassers verursacht, übte einen so beklemmenden Einfluß auf unsere Lungen aus, daß man kaum zu atmen vermochte. Über unsere Häupter hinweg raste und rauschte die Wasserflut mit betäubendem Gebrüll in den Abgrund, dicke, graue Nebeldämmerung und fortwährender feiner Regen erfüllte die Atmosphäre ringsum, während von Zeit zu Zeit brausende Schaumwolken weißen Gischtes bis zu uns heranschlugen.
So ging man langsam aus dem nur durch ein höchst primitives Geländer geschützten Wege vorwärts. Drei vermummte Gestalten bewegten sich vor mir; ich selbst wankte hinterdrein, und zuletzt schritt noch ein Mensch, es konnte nur Papa sein, der bisher dicht an meiner Seite geblieben war.
Überwältigend und kaum mehr erträglich wirkte auf mich das furchtbare Tosen. O spotte meiner deshalb nicht! Denn was sind Menschennerven gegenüber jenen entfesselten Naturgewalten. Du wirst es daher natürlich finden, daß wir nicht lange in diesem schauerlich schönen Raume blieben. Die Großartigkeit der Windhöhle spottet überhaupt jeder Beschreibung.
Dann kehrte ein jedes auf dem Absatz um und, äußerst vorsichtig, Schritt um Schritt genau beachtend, tappte man den lebensgefährlichen Weg wieder rückwärts. Da überkam mich plötzlich ein derartiger Schwindel, daß ich die Füße nicht mehr zu heben vermochte und die Augen schließen mußte. Das Geländer umklammerte ich krampfhaft und taumelte hin und her. Im Moment aber umfaßten auch schon zwei starke Arme meine bebende Gestalt vorsorglich. Nur denken konnte ich noch: »welches Glück, daß Papa neben mir ist!« Dann schmiegte ich mich halb besinnungslos, allein glücklich und beruhigt, an die treue Brust.
Indes währte diese vorübergehende Schwäche wohl kaum zwei Minuten. Da schlug ich die Augen auf und drängte wieder vorwärts. Dort, ein ziemliches Stück von uns entfernt, schritten bereits die übrigen, die während dem vorgekommen waren. Mutig raffte ich mich daher empor. Und, dem Himmel sei gedankt, endlich wurde es auch heller, das fürchterliche Sausen und Brausen verminderte sich. Freier vermochten die Lungen wieder zu atmen, und schon drang Tagesschein bis zu uns. Nur ein kurzer Pfad noch aufwärts, und, – Gott Lob, wir waren gerettet! Freudetrunken schaue ich zurück, um für meine Heldenthat von Papa mich beglückwünschen zu lassen, – da, – o Schrecken! – der Deutsche, Mr. Arnulf Clemens, war es, der mir folgte. Die Kapuze hatte er abgeworfen, und übermütig lachten seine blauen Augen mich an.
Gräßlich, Carrie! Nicht wahr? Von seinen Armen umschlungen, habe ich an seiner Brust geruht! Verwünscht habe ich in diesem Momente alle meine Niagarasehnsucht. Ich hätte mich selber ohrfeigen mögen.
Was aber half es? Mußte ich nicht noch gute Miene zum bösen Spiele machen? Das heißt, ich glaube, daß ich mit wütendem Gesichte gestammelt habe: ich hätte Papa hinter mir vermutet. Innerlich schäumte ich und nahm mir fest vor, dem zudringlichen Patron meinen Zorn fühlen zu lassen.
Auf dem Rückwege nach dem Hotel wich er noch dazu nicht von meiner Seite, als ob der mir geleistete Dienst ihm etwa gar das Recht einräume, fernerhin meinen Beschützer zu spielen. Nebenbei entwickelte er eine echt deutsche Redseligkeit, um mich zu unterhalten.
Vorausschicken muß ich übrigens, daß er kein übler Mann ist, – gewiß nicht, Carrie! Elegante Figur; zwar nicht besonders hübsch, aber hervorragend intelligent ist sein Gesicht, die Augen könnte man sogar als schön bezeichnen. Sie sprudeln von Geist und lachen von Herzensgüte. Eine tiefe Narbe, wahrscheinlich eine Reminiscenz aus der Studentenzeit, zieht sich über die linke Backe hin. Allein der Mensch hatte sich meine vollste Ungnade zugezogen, und dafür sollte er büßen.
Eine günstige Gelegenheit fand sich rasch genug, indem er, da wir deutsch sprachen, seine Freude ausdrückte, in mir eine Landsmännin zu begrüßen. Die Männer besitzen alle eine gründliche Portion Neugierde, und so schlich er denn, wie man in unserem alten lieben Deutschland zu sagen pflegt, gleich der Katze um den heißen Brei. Er tippte hier, – er tippte dort an; kurz, er brannte darauf zu erforschen, wer wir seien.
Aha, dachte ich, das ist die Falle!
Endlich erkühnte er sich, zu fragen, ob wir stetig oder nur vorübergehend in den Vereinigten Staaten wohnten!
»Stetig. Der Beruf und die so überaus einträgliche Stellung meines Vaters hält ihn in Amerika fest,« log ich in größter Gemütsruhe.
»Advokat? Politiker offenbar?« forschte er weiter.
»O nein!« entgegnete ich mit der ernsthaftesten Miene der Welt. »Papa ist der – Totengräber von New York!«
Bin ich nicht ein gräßliches Mädchen, solch' haarsträubenden Unsinn zu sprechen, Carrie? Dear old Pa? Ich könnte mich tot lachen über meinen Witz. Und doch, – im Moment, da die Lüge heraus war, that er mir leid. Denn das bisher überaus fröhliche Gesicht meines Begleiters nahm einen so erschreckten, traurigen Ausdruck an, als ständen wir plötzlich inmitten des großen Gräberfeldes von Greenwood-Cemetry in der Zeit, wo die Uhr die Geisterstunde schlägt, – huh!
Armer Arnulf Clemens!
Er verbeugte sich höflich, indes merklich steif gegen mich, und wir legten schweigend den Weg nach dem Hotel zurück. Die Medicin that demnach bereits ihre Wirkung. Auffallende Abkühlung! Die erhöhte Temperatur seines Blutes sank auf den Normalstand zurück!
Während des Lunch saß Mr. Clemens Papa und mir schräg gegenüber und unterhielt sich lebhaft mit unseren Reisebegleitern. Nur ab und zu streifte mich ein scheuer – unsäglich trauriger Seitenblick. Aus den Gesprächen vermochte ich jedoch so viel zu entnehmen, daß Arnulf Clemens Geologe sei und eine sechs- bis achtmonatliche Studienreise nach den Vereinigten Staaten unternommen habe. Darauf sprachen die Herren schrecklich gelehrte Dinge, über Schliemann, über die alten Ruinen des Forts Ticonderoga am Champlain-See, über die wunderbare Bodenbeschaffenheit im Yellowstone-Park, und mehr dergleichen. Ich merkte es Papa an, wie gern er an dieser wissenschaftlichen Unterhaltung sich beteiligt hätte. Allein, da ich ihn bereits vor dem Frühstücke von meinem Scherze in Kenntnis gesetzt, so that er mir wirklich den Gefallen, mich nicht zu blamieren, und vertiefte sich statt dessen lediglich in die Wissenschaft der »Gastronomie«. Dabei legte er auch einen so indifferenten, fast möchte ich sagen stumpfsinnigen Ausdruck in sein liebes Gesicht, der dem Totengräber von New York wahrhaftig alle Ehre machte. Im übrigen zürnte er mir durchaus nicht und äußerte, mit dem Finger drohend, bloß, daß ich ein loser Schelm sei! – Eine Stunde später dampften wir zurück nach New York. –
Vollkommen befriedigt war meine wißbegierige Seele von unserem Ausfluge. Auch Papa zeigte sich in bester Laune, schwatzte heiter und machte schon Pläne für die nächste Sommerferienreise. Und dennoch – mir, Carrie, – nun bitte ich wiederum, mich nicht auszulachen –, mir war das Herz ein wenig schwer! Warum? Ja, das wußte ich selbst nicht. Du Vernünftige, Vortreffliche, Du, mein besseres Ich, – Du würdest sagen: das ist die Reue über eine böse That! Vielleicht hättest Du recht. Der tieftraurige, erschreckte Blick aus Mr. Arnulf Clemens' blauen Augen peinigt mich zuweilen fürchterlich. Die Strafe dafür, daß sein schützender Arm eine schwankende Mädchengestalt im Momente der Gefahr gehalten und an sich gedrückt, war wohl doch zu grausam? –
So endete mein Abenteuer unter dem Niagara-Fall. Gehab' Dich wohl, amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington und schreibe gelegentlich einmal an
Deine kleine Schwester Terrie.
Meine liebe Terrie!
Dein frommer Wunsch: amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington hat sich glänzend erfüllt. Die letzten Wochen brachten eine solche Fülle von Abwechselungen und interessanten Bekanntschaften, daß ich Dich um Dein spaßiges Niagara-Abenteuer wahrlich nicht beneide.
Unsere guten Newtons sind Menschen, welche sehr hohe Achtung und große Liebe hier genießen, so daß jeder, der zum Besuche in ihrem Hause weilt, täglich mehr von dem Werte dieses vortrefflichen Ehepaars überzeugt wird. Mich verhätscheln sie fast wie ein Baby und sinnen nur immer darauf, mir neue Amüsements zu verschaffen. Daher werde ich so bald nicht heimkehren, und Du wirst für unseren guten Papa noch einige Zeit allein Sorge tragen müssen. Ach, Terrie, es ist so wundervoll, sich einmal von einem Mütterchen ein bißchen verwöhnen zu lassen und zu fühlen, daß ...!
Doch davon später! –
Dein allerliebstes Abenteuer unter dem Niagara, welches mich höchlichst amüsiert und meine prüde, schnell aufbrausende Terrie wieder einmal recht charakterisiert hat, sollte ein Nachspiel finden –; staune nur! Und das habe ich erlebt! Mich hatte das Schicksal auserkoren, die Sünden meiner herzlosen Schwester zu sühnen!
Trotz der ziemlichen Entfernung zwischen Washington und New York, höre ich bei diesen Worten Dein Herz klopfen, – sehe auch deutlich, wie unruhig und ängstlich Deine Augen flackern. Allein Du mußt noch einige Minuten Geduld haben, mein teures Schwesterchen, und mich erst in Ruhe über diese komischste aller irdischen Zufälligkeiten Bericht erstatten lassen.
Es war bei einer reizenden Tea-party bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Schon hieraus magst Du ersehen, welch bevorzugtes Menschenkind ich bin, daß sogar die exklusiven, geheiligten Räume des weißen Hauses sich für mich geöffnet haben.
Also: das glänzende Fest war bereits in vollem Gange, – übrigens wurde auch getanzt, – als aus den dichten Reihen der jüngeren Herren die Gestalt eines Mannes sich löste, welche sofort meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Elegante Figur, – intelligentes Gesicht mit einer tiefen Narbe über der linken Backe, – schöne, geistvolle blaue Augen!
Die schäumenden Wasser des Niagara-Falles, die safrangelbe Kapuze, meine halbohnmächtige, kleine Schwester und, – der Totengräber von New York, – das alles tauchte plötzlich zündend vor meinem Geiste auf.
Eine Pause nach dem Tanze war eben eingetreten, und ich lehnte mich, ein wenig ermüdet, an einen der riesigen Gas-Kandelaber des Saales, das bunte, reizvolle Bild gedankenvoll überschauend. Wahrhaftig! Der bewußte Herr schreitet schnurstracks auf mich zu. Was sollte das wohl bedeuten? – Das Herz pochte mir zwar eben nicht; aber etwas Unruhe, oder vielmehr Unbehagen beschlich mich dennoch. Denn daß ich dem Mr. Arnulf Clemens, Privat-Docenten aus Berlin, gegenübertreten sollte, war zweifellos. Ebenso zweifellos aber erblickte er in mir die liebliche Nymphe des Niagara.
Offen gestehe ich Dir ein, daß die frappante Ähnlichkeit mit Dir, welche bisher meinen Stolz und das Glück meines Lebens bedeutete, mir in diesem Momente zum erstenmale peinlich wurde. Hatte der junge Mann den schändlichen Betrug entdeckt? Wohl sicher nicht, folgerte ich ziemlich richtig. Denn dann würde er in der Empörung seines Herzens Dich gewiß mit Verachtung gestraft und die frühere Begegnung völlig ignoriert haben.
Nein! Ersichtlich war es ja, daß er jene flüchtige Bekanntschaft mit Dir zu erneuern wünschte, daß das lebhafte Interesse für meine boshafte kleine Schwester ihm rasch über alle etwaigen Bedenken hinweggeholfen. Warum soll die Tochter eines »Totengräbers« nicht eine reizende, feingebildete junge Dame sein, für welche ein feuriges Mannesherz sich begeistern kann, zumal, wenn man dieselbe auf dem Balle bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antrifft? – Amerikanische Verhältnisse sind eben andere, als deutsche. So viel hatte Mr. Clemens sicher schon ausfindig gemacht während des hiesigen Aufenthaltes. Ich hätte sogar darauf schwören wollen, daß er, als er den heroischen Anlauf nahm, zu mir heranzutreten, hinter seiner klugen Stirn kombinierte und meinte, ein Totengräber in Amerika nähme mindestens die hohe Stellung eines deutschen Geheimrates ein. Und das besiegte entschieden die letzten Skrupel.
Den vollendeten Kavalier verratend, indes nicht etwa mit einem tieftraurigen Blicke, verbeugte sich Mr. Arnulf Clemens vor mir und fragte artig: ob die Partie nach der Windhöhle mit all den großen Anstrengungen und Fatiguen auch keine üblen Folgen für mich gehabt? Und lächelnd setzte er hinzu:
»Sie waren an jenem Morgen so schnell abgereist, daß ich gar nicht mehr Zeit gefunden, mich bei Ihnen zu verabschieden.«
Was sollte ich thun? Irgend ein witziger, oder wenigstens witzig sein wollender Mensch hat einmal geäußert, daß junge Mädchen im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren in für sie kritischer Situation, selbst wenn ihnen das Weinen nahe sei, nichts klügeres thun könnten, als – immer nur lachen!
Gut! Da ich eben erst neunzehn Jahre geworden bin, so lachte ich.
Mein Lachen schien ihn jedoch noch mehr zu ermutigen. Denn mit einem schwärmerischen Aufschlage seiner schönen Augen fragte er weiter, ob der gemeinsame interessante Ausflug nicht doch sehr reizvoll und poetisch gewesen sei? Er selbst wäre seitdem wie von einem wunderbaren Zauberbanne umfangen. Sicherlich müßten Nixen und Geister der Tiefe in der Windhöhle ihr Wesen treiben.
Nun war aber der Moment gekommen, ihn über die Täuschung, in der er schwebte, aufzuklären.
»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich ebenfalls sehr höflich, doch glaube ich, daß mir dabei der Schalk um die Mundwinkel zuckte. »Meine Augen haben das große Schöpfungswunder, den Niagara-Fall, niemals geschaut. Meine Schwester war es, mit der Sie dort zusammengetroffen sind.«
Fast ungläubig stutzte er und schien forschend meine Züge zu mustern, während Ärger und Verlegenheit deutlich über sein Gesicht huschten.
»O, verzeihen Sie! Diese fabelhafte Ähnlichkeit, mein Fräulein! Ich konnte unmöglich ahnen ...!« stieß er lebhaft hervor.
»Wir sind auch Zwillings-Schwestern!« kam ich ihm mitleidig zu Hilfe.
Darauf wollte er sich mir noch einmal in aller Form vorstellen; doch war ich so unbedacht, zu verraten, daß Du mir von ihm bereits geschrieben, und er daher mir kein völlig Fremder sei. Merkwürdig strahlten bei dieser Nachricht seine blauen Augen auf. Ich glaube, Terrie, die Nixen der Tiefe haben es ihm gewaltig angethan.
Die Musik rief jetzt zur Quadrille, zu der mich Mr. Clemens pflichtschuldigst aufforderte. Da indes genügend Paare vorhanden waren, und wir beide eben keine große Lust zum Tanzen verspürten, so behielten wir unseren Platz inne und plauderten weiter.
Deine Beschreibung seines Äußeren paßt übrigens vollkommen; ich habe ihn auch sofort erkannt. Allein, wenn Du Dich gleich mir eine Viertelstunde mit ihm unterhalten hättest, würdest Du jene häßlichen Worte: »zudringlicher Patron« ihm im stillen abbitten. Ich finde Arnulf Clemens nicht nur liebenswürdig und charmant, sondern ich bin sogar überzeugt, daß er ein ganz vortrefflicher Mensch ist. Doch brauchst Du, wenn dieser Mann sich nicht von vornherein Deine vollste Ungnade zugezogen, Dir somit also höchst gleichgültig ist, nicht im geringsten auf mich eifersüchtig zu sein, aus Gründen, die ich Dir am Schlusse meines Briefes mitteilen werde.
Rührend sprach er von seinem lieben, alten Mütterchen in der Heimat und von zwei jungen, unmündigen Brüdern, für die er arbeitet, und welchen eine Stütze zu sein, bisher seine Lebensaufgabe gewesen. Nach der Rückkehr von dieser Reise hoffe er eine Professur an einer hervorragenden Universität zu erlangen. Jedes Wort, das er sprach, ja sein ganzes Sein und Denken erschien so treuherzig, edel und wahr, daß es mich wirklich fast schmerzte, wie Du an diesem Manne frevelhaft Dein Mütchen hast kühlen können. O schäme Dich, böse Terrie!
Gleich alten Bekannten plauderten wir zusammen, sodaß er ganz vergessen zu haben schien, eine fremde junge Dame vor sich zu haben, und gewiß kaum mehr daran dachte, daß wir des »Totengräbers« Töchter seien. Um ein Haar wäre ich auch selbst bald aus der Rolle gefallen, indem ich unvorsichtigerweise äußerte: Du seiest seit drei Wochen mit Papa wieder in New York, da die Herbstferien zu Ende gegangen, und ersterer betreffs des Winter-Semesters sehr in Anspruch genommen würde.
Der starre, fragende Blick des jungen Mannes brachte mich indes schnell zur Besinnung. Seine Stirne zog sich in Falten, und schweigend schaute er zu Boden. Offenbar mußte er darüber nachsinnen, wie komisch es klinge, daß auch Totengräber Ferienreisen unternähmen, oder ob die Sterblichkeit in Amerika wohl in Semester eingeteilt wäre.