Es war Mr. Bowlby, der Allan am nächsten Morgen etwas nach halb neun Uhr weckte. Allan schnellte aus dem Bett, schlaftrunken und ganz überzeugt, daß es Herr Benjamin Mirzl war, der kam, um sich sein übriges Geld zu holen.
„Sie, Mr. Bowlby!“
„Allerdings ich, junger Freund. Ich erhielt Ihre Botschaft durch den Portier, als ich heute nach vier Uhr nach Hause kam. Entschuldigen Sie, daß ich so in Ihr Schlafgemach eindringe — damn it, es ist eines der kleinsten, das ich je gesehen habe! — aber Sie werden doch meine Neugierde begreifen! Ein Loch in meinem Rauchzimmer, groß genug, um einen Indianer drinnen zu fangen! Das Zimmer voll von Detektivs, die mich verhört haben und Sie zu verhören gedenken, und eine tolle Deliriumsgeschichte des Nachtportiers von zwei Herren auf Nr. 417. Ich hatte erwartet, Sie schon früher zu sehen, aber Helen vertraute mir eben an, daß Sie nie vor dem Lunch aufstehen.“
„Miß Bowlby ist zu strenge in ihren Urteilen. Gestatten Sie, daß ich Toilette mache, dann will ich versuchen, Ihnen das Ganze zu erzählen. Aber Sie wissen doch, daß alles vorderhand geheim bleiben muß?“
„Die Detektivs faselten irgend etwas vom Maharadscha.“
„Ich fürchte, es ist kein Gefasel, Mr. Bowlby.“
Allan hüpfte aus dem Bett und begann ungeniert seine Waschungen vor den Augen des Amerikaners, während er die Abenteuer der Nacht erzählte. Die Beschreibung des Feuerfresser-Klubs entlockte Mr. Bowlby eine Serie Pfiffe, eines durchgehenden Expreßzuges würdig. Als Allan zu dem Bericht über seine Flucht kam und wie es Mirzl gelungen war, ihn und den Portier zu überlisten, unterbrach er ihn mit dem Ausruf:
„Aber das muß ja ein Teufelskerl sein, dieser Mirzl? Eine solche Kaltblütigkeit! Das ist doch das Frechste, was mir noch im Leben untergekommen ist!“
„Warten Sie einen Augenblick mit Ihrem Lob!“ sagte Allan. „Was glauben Sie, tat der Mann, als er mich in das Rauchzimmer eingesperrt und die Kontakte abgedreht hatte?“
„Verduftete, natürlich.“
„Verduften! Da kennen Sie Mirzl schlecht. Er ging in mein Zimmer hinauf und setzte sich nieder, um mir eine Warnung zu schreiben, mich nicht mehr in seine Angelegenheiten einzumischen —“
„Da hört sich aber alles auf!“
„Und als er dabei zufällig fand, daß ich einen verriegelten Koffer hatte, der nach wertvollem Inhalt aussah, öffnete er ihn. Bedenken Sie, daß der Portier die ganze Zeit dastand und der Polizei telephonierte. Im Koffer hatte ich meine Reisekasse, elftausend schwedische Kronen und etwas darüber —“
„Sie sind aber höchst unvorsichtig! Und die nahm er?“
„Von diesen nahm er die Hälfte oder ein bißchen mehr, worauf er sich niedersetzte und mir diesen Brief schrieb.“
Allan reichte Mr. Bowlby nicht ohne einen gewissen Stolz Herrn Mirzls Brief.
Der Amerikaner las ihn langsam durch und gab eine neue Serie betäubender Expreßsignale von sich.
„Sie haben doch natürlich der Polizei telephoniert?“
„Der Polizei! Warum nicht gleich einer Kleinkinderbewahranstalt und habe sie um eine Amme gebeten? Ich ging zu Bett.“
In das Gesicht Mr. Bowlbys trat ein Ausdruck von ehrlichem Respekt.
„Well! Ich muß sagen — —!“
Er starrte Allan an, während dieser sich das Jackett anzog. Allan öffnete ihm die Türe, und sie gingen die Stiege hinunter. Mr. Bowlby wiederholte:
„Ich muß sagen! Und gedenken Sie die Sache jetzt nicht anzuzeigen?“
„Da die Detektivs schon hier sind, werde ich ihnen die Sache natürlich anzeigen, aber es ist nur der Form wegen.“
„Mirzl scheint Ihnen Respekt eingeflößt zu haben!“
Allan nickte zustimmend. Im selben Augenblick erblickten sie Mrs. Bowlby und Miß Helen, die in der Treppenhalle des zweiten Stockwerks saßen. Mrs. Bowlby, die ein grellgrünes Kleid trug und papageienähnlicher aussah denn je, begrüßte Allan mit einem kleinen Schrei, der des erwähnten Vogelgeschlechtes durchaus nicht unwürdig war.
„Mister Cray! So! Also auf diese Art verbringen Sie die Nächte, wenn ich außer Sehweite bin! Ein großes Loch im Boden, und die Detektivs darum geschart wie Fliegen um eine offene Marmeladendose. Sie wollten mich nicht einmal in die Nähe lassen. Sie glaubten wohl, ich gedächte in das Schlafgemach des Untiers hinunterzuspringen. — Na, was haben Sie zu sagen? Setzen Sie sich und lassen Sie uns hören, aber alles, verstehen Sie? Sie waren natürlich in irgendeinem entsetzlichen Lokal? Haben also Sie das Loch in den Boden gemacht?“
„Wenn Sie zwischen halb eins und halb drei in Mr. Bowlbys Rauchzimmer gekommen wären, hätten Sie es sicherlich geglaubt, Mrs. Bowlby.“
Allan begann zum zweiten Male seine Erzählung. Mrs. Bowlby beehrte seine Beschreibung des Feuerfresser-Klubs nicht mit denselben Expreßpfiffen wie ihr Mann, aber ihre Kommentare waren darum nicht weniger ausdrucksvoll. Als Allan zum Schlusse von Herrn Mirzls Leistungen gekommen war, ergriff sie das Wort:
„Ja, dieser Herr ist natürlich ein Schurke. Aber ich sage Ihnen eines, ich würde tausendmal lieber das Untier hoppnehmen sehen als ihn.“
„Ich für mein Teil sechstausendmal lieber Herrn Mirzl,“ meinte Allan.
„Denken Sie nur, den ersten Abend, den er in London verbringt, in solche Lokale zu gehen,“ setzte die alte Dame ihren Anklageakt fort. „Natürlich war er in Damengesellschaft — versuchen Sie das nicht zu leugnen, ich glaube Ihnen ja doch nicht. Natürlich, obwohl er daheim bei sich das Haus voll und mehr als voll hat. Und natürlich ist es furchtbar unrecht von Ihnen, in ein solches Lokal zu gehen, aber ein verheirateter Mann, ein Mann, der hundertfünfzigfach verheiratet ist — — Und dieser alte, graubärtige Wüstling — —“
Allan wagte sie zu unterbrechen.
„Sind sie noch nicht nach Hause gekommen, Mrs. Bowlby?“
„Die! Die werden sich nicht beeilen, nach Hause zu kommen, da seien Sie ganz beruhigt! Ich kenne die Männer.“
Mr. Bowlby hatte gedankenvoll dem Reglement des Hotels getrotzt und während Allans Erzählung eine Zigarre geraucht. Jetzt nahm er sie plötzlich aus dem Mund und hinderte Allan, seine Befürchtungen über das Schicksal des Maharadschas auszusprechen, nun der Einbruch mißlungen war.
„Da sind zwei Dinge,“ sagte er, „die ich nicht begreife, wie durchtrieben auch dieser Gauner und seine Bande sein mögen. Sie haben Sie natürlich von dem Augenblicke an, in dem Sie das Hotel verließen, beobachtet. Aber wie konnten sie Sie gerade in das Haus lotsen, wo sie den Maharadscha hatten?“
„Hm, Mr. Bowlby, das ist ja nicht so merkwürdig. Zufälligerweise marschierte ich ja in Gesellschaft des Helfershelfers in jenes Café, und wurde von ihm angesprochen. Das war ein Zufall. Aber in einem anderen Lokal wäre das Resultat dasselbe gewesen. Im Notfall wären sie wohl auch nicht vor Gewalt zurückgeschreckt.“
„Well, soviel kann ich zugeben, aber da ist noch eine Sache. Sie haben natürlich im Hause und außer dem Hause nach dem Maharadscha Ausschau gehalten. Aber Sie sind ja in keinerlei Verbindung mit dem Maharadscha oder jemand aus seiner Gesellschaft gestanden, und Ihr eigenes Zimmer liegt im vierten Stock. Gestern abend forderte ich Sie allerdings auf, bei mir einen Whisky zu trinken ... Aber wie zum Teufel konnten die Kerls das wissen und sich darnach richten? Das frage ich. Wir saßen doch, soweit ich sah, allein an dem Tisch.“
„Und woher konnten sie wissen, daß wir die halbe Nacht wegbleiben würden, Papa?“
„Das ist keine Kunst, liebe Helen, wenn sie Spione im Hotel haben. Aber als ich diesen jungen Mann zu mir einlud, war, soviel ich mich erinnere, keine Seele in der Nähe, und ich habe ein gutes Gedächtnis.“
„Sie brauchten es ja nicht zu wissen, Papa. Sie hätten das Attentat auf die Juwelen auf jeden Fall unternehmen können. Sie haben gesehen, daß Mr. Cray und wir verkehren, sie haben ihn den ganzen Abend beobachtet, wie er selbst sagt und ihn aus dem Wege geschafft, und dann hat sich dieser Mirzl als Mr. Cray verkleidet —“
Miß Bowlby kam in ihrer Erklärung nicht weiter. Allan war von seinem Stuhl aufgesprungen und hatte Mrs. Bowlby beim Handgelenk gepackt. Die alte Dame schnellte, den Kopf im streitbaren Papageienwinkel schräg gelegt, in die Höhe:
„Was fällt Ihnen ein, Sir? Glauben Sie, Sie sind noch in diesem Lokal?“
„Mrs. Bowlby! Sie haben bestimmt mit dem, was Sie über Ihre Landsmännin sagten, recht gehabt! Jetzt verstehe ich, oder glaube wenigstens zu verstehen! Aha! Sie gehörten also doch zusammen!“
„Meine Landsmännin? Wer?! Was verstehen Sie?“
„Mrs. Langtrey! Jetzt erinnere ich mich. Gerade als Sie gestern vom Speisen aufstanden, sah ich zufällig nach rechts, und da, tief im Schatten der Palmblätter, saß Mrs. Langtrey. Sie wissen, Sie machten einige ... hm, offenherzige Bemerkungen, bevor Sie gingen, wie groß die Aussichten dieser Dame wären, auf den Gesandtschaftsball zu kommen. Als ich sie erblickte, sah sie aus wie eine Tigerin. Seien Sie sicher, sie hat sowohl das gehört, was Sie über sie sagten, wie das, was Mr. Bowlby zu mir sagte, ich möge heraufkommen und einen Whisky trinken. Ihr Mann versprach mir ja sogar, den Bedienten von meinem Kommen zu verständigen. Und sie hat eben — — Sie wissen doch, daß ich sie und Mirzl zusammen auf dem Hamburger Bahnhof sah, wenn ich auch damals nicht glaubte, daß sie sich kannten — —“
Allan hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Mrs. Bowlby aus ihrem Sessel aufflog wie der Habicht aus seinem Horst und mit raschen Flügelschlägen die Stiege hinuntersauste. Ihre Augen strahlten vor Triumph. Mr. Bowlby zuckte philosophisch die Achseln und steckte eine neue Zigarre an. Allan, der über die Kampfesmiene der alten Dame lächeln mußte, wollte eben seine Erklärungen ergänzen, als ein Hotelangestellter auf ihn zukam.
„Der Detektivinspektor ist in Mr. Bowlbys Rauchzimmer und möchte Ihre Aussage hören, Sir.“
Allan folgte ihm in den Raum, der am vorhergehenden Tage Zeuge von Herrn Mirzls Niederlage gewesen — und seiner eigenen. Er war nicht ganz so mit Detektivs angefüllt, wie Mrs. Bowlbys Worte ihm Anlaß gegeben hatten zu vermuten. Aber er beherbergte auf jeden Fall doch die respektable Anzahl von vier Kollegen Sherlock Holmes’. Der unter ihnen, der dem Aussehen nach seinem berühmten mageren Kollegen am ähnlichsten sah, war offenbar auch der Inspektor; denn bei Allans Eintreten bat er ihn, Platz zu nehmen und begann dann ihn zu verhören. Er saß an einem kleinen Tischchen, das mit Dokumenten und mystischen Dingen in Kuverts und Schachteln bedeckt war.
Allan appellierte an seine Sherlock Holmes-Erinnerungen und zog den Schlußsatz, daß die Kuverts und Schachteln die „Spuren“ enthielten, die man gefunden hatte. Der magere Mann blätterte ein paar Seiten in seinem Notizbuch um und brachte die Füllfeder in Ordnung.
„Sie sind Mr. Allan K—r—a—g—h?“
Er buchstabierte den Zunamen, offenbar gänzlich abgeneigt, sich in irgendwelche phonetische Fallen zu verstricken.
„Ja. Aus Schweden.“
„Aus Schweden. Ja. Sie wohnen auf Nr. 417?“
„Ja.“
„Sie waren derjenige, der gegen halb drei Uhr nachts nach Hause kam und in Gesellschaft des Nachtportiers einen Versuch machte, die Einbruchsdiebe zu überraschen?“
„Ich war es.“
„Erzählen Sie, wie es kommt, daß Sie überhaupt eine Ahnung hatten, daß ein Einbruchsdieb hier war.“
Allan begann zum dritten Male an diesem Morgen seine Erzählung in derselben Form wie früher, er beschrieb seinen Besuch im ‚Loch in der Wand‘, den Fremden, der ihn dort angesprochen, den Lift, der sie in den Feuerfresser-Klub geführt, das Erscheinen des Maharadschas in ihrer Loge, und wie ihm plötzlich der Verdacht aufgestiegen war, der ihn dann dazu gebracht hatte, aus dem Klub zu flüchten. Offenbar hatte der Detektivkommissar die Erzählung schon durch die Polizisten gehört, die in der Nacht dagewesen waren; denn er verglich sie mit einem Papier, das er bei sich hatte. Hier und da machte er eine Notiz. Er ließ Allan zu Ende sprechen, bevor er sein Verhör begann.
„Wollen Sie den Mann, der Sie im ‚Loch in der Wand‘ ansprach, so genau Sie können, beschreiben.“
„Er war ziemlich untersetzt, hatte ein viereckiges Gesicht, glänzende schwarze Haare und eine blauviolette Schattierung am Kinn und an den Wangen. Ich fürchte, nicht viel, wonach man sich richten kann. Er war in Abendkleidung. Er behauptete ein Deutscher zu sein; auf jeden Fall sprach er fließend Deutsch.“
„Sie sprechen selbst Deutsch?“
„Ja.“
„Und der Mann, der in Gesellschaft des Maharadscha war?“
„Das war ein Engländer, wenigstens sagten es die anderen; sie nannten ihn Stanton. Er war blond, scharfäugig und überaus korrekt seinem ganzen Aussehen nach — eine ungewöhnlich typische Rasseerscheinung, wenn ich so sagen darf.“
Der Detektivinspektor blätterte einen Augenblick in seinen Papieren.
„Sie hatten gestern abend die Adresse des mystischen Hauses vergessen. Sie ist Ihnen nicht etwa heute nacht eingefallen?“
„Nein, ich hatte, als ich fortlief, zu große Eile, um daran zu denken, aber wenn Sie wissen, daß die kleine Schenke das ‚Loch in der Wand‘ heißt —“
„Es gibt hundert Bars mit diesem Namen und von diesem Aussehen in London. Wo war sie denn ungefähr gelegen?“
„Etwa eine halbe Stunde weit von Leicester Square. Ich kenne mich in London nicht aus, aber ich glaube, so lange brauchte ich im gemächlichen Schlendern, um hinzukommen. — Darf ich eines fragen, Herr Inspektor?“
„Lassen Sie hören!“
„Der Maharadscha ist also nicht zurückgekommen?“
„Nein, wir haben seit halb vier Uhr nachts Nachforschungen angestellt, aber sie mußten so diskret als möglich durchgeführt werden. Sowohl des Maharadschas, wie auch des Hotels wegen. Was uns freut, ist, daß der Einbruchsdiebstahl verhütet wurde.“
Allan flog auf:
„Darf ich fragen, woher Sie das wissen?“
Der Detektivinspektor lächelte zum erstenmal.
„Ich weiß es durch einen ... hm ... eigentümlichen Zufall ... Wie ist es denn, haben Sie nicht auch für Ihre eigene Person eine Anzeige zu machen?“
Allan zuckte heftig zusammen. Das schlug jeden Rekord. Von solchem Detektivscharfsinn hatte er noch nie gelesen oder auch nur geträumt! Hatte der magere Inspektor seinen Geldverlust an der Art gemerkt, wie er sein Schuhband knüpfte, oder an irgendeinem Fleck auf dem linken Rockärmel? Er starrte den Inspektor an, ohne etwas zu sagen. Dieser zog lächelnd ein Papier aus dem Haufen vor sich und reichte es ihm.
„Bitte lesen Sie,“ sagte er. „Das ist mit der ersten Morgenpost gekommen.“
Allan nahm das Papier, das ihm gereicht wurde, und durchflog die Zeilen mit ihrer nur allzubekannten Schrift:
„An die Scotland Yard!
Herr Allan Kragh aus Schweden, wohnhaft Zimmer Nr. 417 Grand Hotel Hermitage, wurde heute nacht zwischen halb drei Uhr und drei Uhr in seinem Zimmer um eine Summe von sechstausend schwedischen Kronen (in Tausendkronenscheinen) bestohlen.
Der Verüber des Diebstahls möchte darauf aufmerksam machen, daß dies die überaus milde Strafe ist, die Herrn Kragh aufzuerlegen für angemessen befunden wurde, wegen seines Eingreifens in die andere Affäre, die sich in derselben Nacht im Grand Hotel Hermitage abspielte.
Für den Fall, daß Herr Kragh die Sache noch nicht angezeigt haben sollte, gestatte ich mir hiermit Sie davon zu benachrichtigen. Herr Kragh ist ein liebenswürdiger junger Mann, der Ihre eifrigen Bemühungen verdient.
In Eile
Benjamin Mirzl.
P. S. Die Zeit gestattet mir nicht ‚alias‘ hinzuzufügen.“
Der Detektivkommissar beobachtete lächelnd Allans Mienenspiel bei der Lektüre dieser Epistel.
„Sie kennen Mirzl offenbar nicht, da Sie so überrascht sind,“ sagte er.
„Ich kenne ihn nicht? O doch, ein bißchen, wie schon aus dem Brief hervorgeht. Und Sie? Kennen Sie ihn?“
„Ich kann antworten wie Sie, ein bißchen! Er hat uns vor drei Jahren hier in London das Leben zur Hölle gemacht — die zehn Einbrüche in Regent Street, die Entführung des Ascotpokales, die Eskamotierung der irländischen Kronjuwelen und ein Dutzend anderer Dinge, die man ihm allerdings nicht direkt nachweisen kann, aber von denen wir schwören möchten, daß er dahinter steckt. Ja, wir kennen Herrn Mirzl ein wenig. Gottlob verließ er das Land nach den Ascotrennen und ging dazu über, sich den Behörden seiner Heimat unangenehm zu machen. Jetzt hat er das wohl satt bekommen und —“
„Und wäre wohl nie über die Grenze gekommen, wenn ich ihm nicht dazu verholfen hätte!“
Allan konnte es nicht unterlassen, diesen kleinen Trumpf auszuspielen. Die Detektivs hörten schweigend die Schilderung seines Abenteuers im Expreßzug an. Als er zu Ende gesprochen, sagte der Inspektor:
„Ich will Ihnen einen guten Rat geben: sprechen Sie drüben nicht von dieser Geschichte, ich bezweifle, daß Sie eine Medaille dafür kriegen werden.“
„Und welchen Dank ich von Mirzl selbst habe, haben Sie gesehen. Darf ich fragen: Da Sie nun wissen, daß Mirzl im Spiel gewesen ist, und so gründliche Untersuchungen angestellt haben, haben Sie doch wohl Hoffnung, ihn wenigstens diesmal zu fangen?“
„Offiziell, offiziell,“ nickte der Detektivinspektor, „haben wir überaus günstige Hoffnungen. Aber was uns für den Augenblick beinahe noch mehr am Herzen liegt, als Herrn Mirzls habhaft zu werden, ist, Se. Königliche Hoheit Yussuf Khan zu finden.“
Der Detektivinspektor verstummte und schlug mit gerunzelter Stirn sein Notizbuch ein Mal ums andere auf den Tisch. Allan fing einen gemurmelten Fluch auf, der sich den Weg aus seines Herzens Tiefen bahnte. Im selben Augenblicke wurde die Türe aufgerissen, und ein grimmiger alter Herr mit weißem Schnurrbart kam hereingestürzt. Allan erkannte in ihm den europäischen Mentor des Maharadscha, Oberst Morrel.
„Na!“ rief er. „Neuigkeiten? Spuren?“
Der Detektivinspektor schüttelte den Kopf.
„Wir hoffen, im Laufe des Tages ...“ begann er.
„Im Laufe des Tages, im Laufe der Woche, warum nicht gleich im Laufe des Jahres!“ brüllte der alte Oberst und stampfte auf den Boden, daß alles dröhnte. „Sie müssen, hören Sie, Sie müssen meinen schwarzen Ado — Seine Hoheit vor heute abend finden. Wir sind zum Empfang beim Minister für Indien gebeten, diesem Ziviltrott — hm, — für fünf Uhr. Tee, und der Himmel weiß was! Sie müssen ihn bis dahin hier haben, hören Sie, sonst schlage ich alles kurz und klein —“
„Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Herr Oberst, ich würde eine Absage schicken. Unbedingt. Wenn wir noch irgendeinen Zweifel gehegt haben, daß Benjamin Mirzl im Spiel ist, so ist er nach der Aussage dieses jungen Herrn zerstreut; und Mirzl, der die irländischen Kronjuwelen gestohlen hat, hat wohl auch nichts dagegen, einen regierenden Fürsten zu stehlen —“
„Dieser junge Herr! Wer, zum Geier, ist dieser junge Herr?“ Der Oberst starrte Allan an wie einen kleinen renitenten Trommelschläger.
„Mr. Allan K—r—a—g—h,“ buchstabierte der Kommissar aus seinen Papieren, „aus Schweden.“
„Schweden, Norwegen, ist mir total schnuppe. Wer zum Henker ist Mr. Allan K—r—a—g—h?“
„Der Herr, der seine Fürstliche Hoheit in dem mystischen Klub, von dem Sie gehört haben, Herr Oberst, zuletzt gesehen hat!“
„Ah—h—h!“ Der Oberst brüllte auf, wie ein zuschanden geschossener Tiger. „Sie waren es, Sir, der meinen schwarzen Ado — Se. Hoheit durch Gassen und Gäßchen in dieses verdammte Lokal hinaufgelockt hat, wo er jetzt ausgeraubt und ermordet liegt. Sie waren es, versuchen Sie nicht zu leugnen! Sie waren es!“
Allan, der aufgestanden war, hatte alle Mühe, ernst zu bleiben. Der Oberst war burgunderrot vor Wut bei dem Gedanken an Allans Schurkenstreich. Wahrlich, es lohnte sich, gute Werke zu tun und die Kronjuwelen indischer Fürsten vor dem Gestohlenwerden zu retten! Es schien eine ebenso dankbare Sache, wie den Personen, welche besagte Juwelen zu stehlen wünschten, behilflich zu sein, sich ihrem allzu anhänglichen Vaterland zu entziehen.
„Nicht ich habe Seine Hoheit dorthin gelockt —“
„Doch, Sie! Das sieht man Ihnen an. Ich pfeife auf alles, was Sie da zusammenreden!“
„Ich nicht,“ sagte Allan, der schon befürchtete, daß den Oberst bei seinem hartnäckigen Leugnen der Schlag treffen könnte. „Es war ein Mithelfer von Mirzl, von dem Sie den Herrn Inspektor sprechen gehört haben. Ich wurde selbst in den Klub hinaufgelockt —“
„Haha! Hahaha! Hinaufgelockt! Arretieren Sie ihn doch, Inspektor! Er war es, zu allen Teufeln, das müssen Sie doch sehen und hören.“
„Ich wurde selbst von einem anderen Genossen Mirzls in den Klub hinaufgelockt. Wir wurden freigebig mit Wein bewirtet, ich und der Maharadscha und der alte Hofdichter, die nach einer Weile in die Loge kamen, in der ich saß. Darf ich fragen, Herr Oberst, kennen Sie jemand, der Stanton heißt?“
„Stanton? Stilton? Wer zum Teufel ist dieser Stanton?“
„Das war der Mann, der Se. Hoheit dort hinaufgelockt hatte.“
„Haha! Natürlich! Inspektor —“
„Nach einiger Zeit gelang es mir durchzubrennen, und ich kam glücklicherweise noch zur rechten Zeit, um den Einbruch hier zu verhindern, der von Mirzl selbst in höchsteigener Person ausgeführt wurde. Er hatte sich so kostümiert, daß er mir ähnlich sah —“
„Gütiger Gott im Himmel, Inspektor, hören Sie, oder sind Sie taub? Können Sie noch mehr Lügen dieses Menschen hinunterschlucken ohne daß Sie daran ersticken? Kostümiert wie er. Da will ich doch gleich tot niederfallen, wenn ich je etwas Aehnliches gehört habe! Er war es, natürlich, er war es, wie ich Ihnen jetzt schon seit einer Stunde in die Ohren schreie!“
„Lieber Oberst, darf ich Sie eines fragen: Kann man zugleich hinter und vor einer Türe sein?“
„Natürlich, wenn man will!“
„Das ist nämlich die einzige Möglichkeit dafür, daß der Portier diesen jungen Herrn einerseits durchs Eingangstor entfliehen sah und ihn andrerseits, als er mit den Konstablern heraufkam, übel zugerichtet hier im Zimmer fand.“
„Dann ist er einfach durch das Loch im Boden wieder heraufgeklettert.“
„Und ist also an den Wächtern vorbei in das Schlafgemach des Maharadscha gekommen und ohne Leiter durch das Loch im Boden hier herauf, um den Polizisten in die Arme zu laufen?“
Der Oberst verstummte endlich. Die Möglichkeiten, die der Inspektor dafür dargelegt hatte, daß Allan der Verbrecher war, schienen sogar seiner bereitwilligen Phantasie etwas zu vage. Er sank auf einen Stuhl und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirne.
„Aber gütiger Gott im Himmel,“ stöhnte er, „der Minister erwartet uns um fünf Uhr mit Tee und der Himmel weiß was noch! Und mein Ruf! Und die Regierung in Indien!“
„Sie sollten diesem jungen Mann dankbar sein,“ fuhr der Kommissar sanft, aber unerbittlich fort, „daß er doch wenigstens verhindert hat, daß die Juwelen gestohlen wurden. Es hing an einem Haar. Dankbar, ganz gewiß.“
Der Oberst heftete ein blutunterlaufenes Auge auf Allan, das gerade keine lebhaftere Potenz von Dankbarkeit ausdrückte. Er murmelte etwas Unhörbares, sprang auf und stürzte zur Türe hinaus.
Allan sah den Kommissar an, der sein Lächeln erwiderte. Im selben Augenblicke wurde die Türe aufgerissen, und Mrs. Bowlby sauste herein wie eine grüne Bombe. Sie erblickte Allan und pflanzte sich vor ihm auf.
„Haben Sie ihnen von Langtreys Frau erzählt?“ rief sie, sich bald zu Allan, bald zum Kommissar umwendend. „Ja?“
„Langtreys Frau?“ fragte der Kommissar. „Wer ist denn das?“
„Eine gräßliche Person,“ rief Mrs. Bowlby triumphierend. „Gräßlich. Sie steckt hinter der ganzen Geschichte, Sie werden schon sehen.“
„Darf ich einen von Ihnen bitten, zu erzählen, aber so klar als möglich,“ sagte der Kommissar und ergriff die Feder.
„Darf ich, Mrs. Bowlby?“ sagte Allan.
Mrs. Bowlby nickte, indem sie sich triumphstrahlend bereit hielt, alle erforderlichen Randbemerkungen beizusteuern. Allan begann:
„Unmittelbar vor dem Verhör ist mir eine Sache eingefallen, die mir zu denken gegeben hat, Herr Inspektor. Offenbar hat Mirzl und seine Bande über alles, was im Grand Hotel Hermitage vorging, durch Spione genaue Kontrolle ausgeübt. Es können ja Bediente, Kammerjungfern, Kellner, Laufburschen gewesen sein, von denen es hier wimmelt. Durch sie wußten sie Bescheid über die Lokalitäten, und auch, daß ich mich mit der Familie Bowlby, die die Zimmerflucht über Seiner Hoheit hat, angefreundet habe. Sie haben erfahren, daß Mr. Bowlby mit Familie gestern bis spät nachts ausbleiben würde. Diese Sache war schon Freitag bestimmt, und sie haben sofort ihren Coup geplant. Daß er unter normalen Verhältnissen diese Form angenommen haben würde, nämlich daß Mirzl sich gerade in meine Gestalt gehüllt hätte, ist wohl nicht ausgemacht, wenn auch immerhin möglich. Aber nun kam hinzu, daß Mr. Bowlby mich gestern, bevor er vom Mittagstisch aufstand, freundlich aufforderte, ungeniert in sein Rauchzimmer hinaufzukommen, wenn ich Lust hätte, einen Whisky mit Soda zu trinken. Dies war gegen acht Uhr, und Mr. Bowlby versprach sogar, seinen Diener zu verständigen, daß ich vielleicht kommen würde. Frappiert Sie dieses Detail? Wir waren damals allein bei Tisch; es war niemand vom Personal in der Nähe. Sollte Mirzl das im letzten Moment erfahren haben, hat es ihn natürlich in seiner Wahl der Verkleidung bestimmt. Aber wie konnte er es erfahren haben? Wie ich Ihnen schon sagte, war niemand von der Dienerschaft in der Nähe. Aber kurz nachdem Mr. Bowlby mit seiner Familie gegangen war, warf ich zufällig einen Blick nach rechts, von unserem Tisch aus gerechnet; und da, tief im Schatten der Palmen, die diesen Teil des Speisesaales dekorieren, und so gut wie von ihnen verborgen, saß eine Dame, von der Mrs. Bowlby behauptet, daß sie von zweifelhaftem Charakter ist, eine Amerikanerin aus guter Familie, die vor mehreren Jahren aus Amerika durchgegangen ist und sich vermutlich hier in Europa mit einem Abenteurer zusammengetan hat. Ihr Name ist Mrs. Langtrey ...“
„Und heute,“ ertönte Mrs. Bowlbys schrille Stimme wie ein Trompetenton, „heute um halb acht Uhr morgens ist Mrs. Langtrey aus dem Hotel verschwunden, nachdem sie ein Lokal-Expreßtelegramm bekommen hat!“