X
Die Nachwirkungen einer tollen Nacht auf Fürsten und Poeten

Allan starrte Mr. Bowlby an und Mr. Bowlby Allan. Dann gab er ein Expreßsignal von sich, das wie ein Schwert durch alle Stockwerke des Hotels ging und klang wie: Lebensgefahr, alle Bremsen anziehen, augenblicklich stoppen!

„Schon wieder Mirzl! By Jove!

Endlich fand Allan die Stimme wieder und wendete sich an den Beamten. „Kann ich mit Ihrem Chef sprechen?“

„Im Augenblick bin ich allein hier, Sir, aber wenn Sie es wünschen, kann ich den Hoteldirektor anrufen. Ich sehe ja, daß da etwas nicht klappt, obwohl ich es nicht verstehe.“

„Danke, rufen Sie ihn sofort.“

Drei Minuten später kam der Direktor in das Kontor gestürzt. Es war schon von weitem unverkennbar, daß er nicht in rosiger Laune war, und die Aeußerung, die er in der Türe Mr. Bowlby zuwarf, verriet sofort die Ursache.

„Weiß Gott, warum ich Sie je gebeten habe, aus Ihrer Wohnung auszuziehen, Mr. Bowlby!“

„Gibt es etwas neues?“

„Neues! Nichts anderes, als daß ich diesen Morgen vier Dutzend Journalisten hinter mir her habe. Die Wiederauffindung des Maharadschas im East End in einem solchen Zustande war in zehn Minuten in Fleet Street verbreitet. Die dummen Polizisten, die ihn fanden, hatten natürlich nicht den Verstand, das Maul zu halten ... Und dazu ein Loch im Boden, das geflickt werden muß — und eine Türe, vom Obersten ärger zugerichtet als der Birnbaum von George Washington. Ein Vergnügen, feine Gäste zu haben, was?“

„Sie haben auch heute Morgen feine Gäste hier gehabt, ohne daß Sie es wissen,“ sagte Mr. Bowlby. „Hören Sie nur!“

Und er erzählte, was Allan widerfahren war. Der Direktor starrte ihn an, wie ein Gespenst. Schließlich stammelte er:

„Also ... was meinen Sie? Wer ist hier gewesen?“

„Mirzl! Sie wissen doch, daß er meinem jungen Freunde die Hälfte seines Geldes abgenommen hat, als er sich das erstemal konterkarriert sah. Woher er weiß, daß der Rest hier deponiert wurde, kann ich nicht verstehen.“

„Es ist vielleicht nicht so schwer zu erklären,“ sagte Allan. „Sie sagen (er wendete sich an den Bankbeamten), daß ich vor einer Stunde hier war und mein ganzes Guthaben behoben habe. Erzählen Sie, wie das zuging.“

Der junge Bankbeamte warf einen scheuen Blick auf den Direktor und begann:

„Es war eben, als ich öffnete. Da kam ein Herr herein, der Ihnen aufs Haar ähnlich sah, Sir, und wendete sich an mich: ‚Wieviel habe ich doch hier deponiert?‘ ‚Ihr Name, Sir,‘ sagte ich der Form wegen, denn ich erkannte Sie ja ganz gut, Sir. ‚Am besten, ich buchstabiere ihn Ihnen vor,‘ sagte er und lächelte. ‚Allan K—r—a—g—h. Schwer, den Namen auszusprechen.‘ ‚All right, Sir,‘ sagte ich und schlug im Buche nach. ‚Sie haben etwas über fünftausend schwedische Kronen deponiert — dreihundert englische Pfund.‘ ‚Es ist gut, ich nehme sie heraus,‘ sagte er, ‚geben Sie mir eine Quittung, dann werde ich unterzeichnen.‘ ‚Sie haben den Depotschein, den Sie seiner Zeit bekamen, nicht bei sich, Sir?‘ fragte ich. Er suchte in seinen Taschen. ‚Na aber! den muß ich in meinem anderen Anzug vergessen haben. Aber wenn ich einstweilen hier quittiere, kann ich ihn ja später bringen.‘ ‚All right, Sir,‘ sagte ich, denn ich dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß es jemand anderes sein könnte, als Mr. Kragh. Und die Schrift war ...“

„Der Teufel soll das ganze holen!“ schrie der Direktor. „Ich werde schon bald ebenso verrückt, wie der Oberst. Journalisten, Einbruchsdiebe, andere Diebe, schwarze Regenten, die um sechs Uhr früh in öffentlichen Parks gefunden werden — man kann ja toll werden! Von heute an müssen die Leute sich einem Polizeiverhör unterziehen, bevor sie die Nase zur Türe meines Hotels hereinstecken dürfen!“

Mr. Bowlby fiel ihm ins Wort.

„Sie sollten ein bißchen dankbarer gegen meinen jungen Freund aus Schweden sein,“ sagte er. „Er hat nun schon zweimal die Diebstähle beim Maharadscha verhindert ...“

„Dann sollte er zum Teufel doch auch die Diebstähle bei sich selbst verhindern,“ rief der Direktor. „Dankbar! Gewiß bin ich dankbar. Wieviel hatten Sie doch in englischer Münze?“

„Fünftausendvierhundert in schwedischer — dreihundert englische Pfund,“ sagte Allan kurz. „Bitte, machen Sie sich keine Gedanken darüber, Herr Direktor. Aber ich muß um einen kleinen Aufschub bei der Rechnung bitten, nachdem Herr Mirzl meine ganze Reisekasse übernommen hat.“

Der Direktor schüttelte ihm die Hand.

„Aber, aber!“ rief er, „nehmen Sie es doch nicht übel. Mißverstehen Sie mich nicht. Natürlich ist das Hotel für deponiertes Geld verantwortlich. Aber die Umstände in diesem Falle sind solche, daß ich nicht auf eigene Hand entscheiden kann. Mißverstehen Sie mich nicht. Wenn Sie den Obersten drei Tage lang hinter sich her gehabt hätten, und heute morgen einen Schwarm von Journalisten, die Ihnen die Ohren vollschreien — bei Gott, da kommt der Oberst. Was ist denn schon wieder geschehen? Was für ein Verbrechen ist denn jetzt im Hotel verübt worden?“

Die Miene des Obersten war wirklich nicht so sonnig, daß der Direktor mit seinen Befürchtungen nicht recht haben konnte. Immerhin erwiesen sie sich als unbegründet.

„Ich hörte, daß Sie hier sind, Direktor!“ rief er. „Warum um Himmels willen lassen Sie dieses verdammte Zeitungsschmiererpack nicht hinausschmeißen?! Sie setzen mir nach wie Hunde einem Fuchs. Ob es wahr ist, daß der Maharadscha so gut wie ermordet in einem Park aufgefunden wurde? Ob es wahr ist, daß man ein Attentat auf seine Juwelen und ein anderes auf ihn selbst verübt hat? Welche Ansicht der Maharadscha über London hat? Welche Ansicht ich über das eigentümliche Attentat auf ihn habe — — Gentlemen, schrie ich, ich habe die unmaßgebliche Ansicht, daß Sie ein Haufen gottverdammter Vampire sind, und wenn Sie sich nicht augenblicklich packen, werde ich versuchen, sie Ihnen mit meinem Sechsläufigen klarzumachen. Die Ansicht des Maharadscha über London ist, daß es eine entzückende Stadt sein würde, wenn die Londoner nicht wären, und um sie so wenig als möglich zu sehen, pflegt Se. Hoheit jeden Morgen in aller Frühe einen Spaziergang durch die Parks in East End zu machen, wo er heute von einer bedauerlichen Schwindelattacke befallen wurde, die Anlaß zu tausend idiotischen Gerüchten gab, die nur Leute glauben können, die dumm genug sind, Zeitungen zu lesen, die von noch größeren Idioten geschrieben werden als sie selbst; und wenn Sie mit diesem Bescheid nicht zufrieden sind, meine Herren, dann können Sie mir den Bu — —“

Die Stimme des Obersten kippte vor Gemütserregung um, ohne daß es seinen Zuhörern Schwierigkeiten bereitete, seinen elliptischen Satz zu ergänzen. Mr. Bowlby wischte sich die Augen und sagte:

„Sie sollten Minister des Aeußeren sein, Herr Oberst, dann käme doch ein bißchen mehr Schwung in den diplomatischen Verkehr! Haben Sie Herrn van Schleeten heute schon gesehen?“

„Schleeten! Ich habe mit den Tintenkulis genug zu tun gehabt. Er wird schon im Laufe des Tages kommen, und dann werde ich ihm meine Meinung sagen. Heute früh ist mir etwas eingefallen. Wer beweist mir, daß Schleeten nicht mit im Spiel war? Ich glaube, das Ganze war ein Komplott, und ich werde die Detektive davon verständigen.“

„Aber Herr Oberst, einer der ältesten und angesehensten Juwe ...“

„Der sich von einer verdammten kleinen Abenteuerin in Hosen düpieren läßt. Es war ein Komplott. Da können Sie Gift darauf nehmen.“

„Sie ging ja wohl nicht immer in Hosen herum, Herr Oberst. Und was sagen Sie zum Chloroform? Sie haben doch selbst gesehen, daß er betäubt dalag.“

„Als ob das nicht gerade das Komplott beweisen würde! Hat man nicht schon tausendmal gehört, wie Leute falsche Einbrüche arrangieren! Das ist mir nur nicht früher eingefallen. Das werde ich sofort den Detektiven telephonieren! — Guten Morgen, junger Freund! Wie steht es?“

Er schien Allan erst jetzt zu bemerken.

„Danke, Herr Oberst,“ sagte Allan. „Es geht mir so gut, als es einem gehen kann, wenn man eben um seine ganze Barschaft bestohlen worden ist.“

„Ihre ganze Barschaft! Das ist sie und Schleeten!“

„Ich bezweifle nicht, daß Herr van Schleeten ebenso bereit wäre, zu behaupten, daß ich und sie das Attentat heute nacht arrangiert haben. Nein, es war ein anderer ihrer Freunde, den sie in letzter Zeit auch kennen gelernt haben — Herr Benjamin Mirzl.“

Der Oberst lauschte mit weitaufgerissenen Augen Allans Erzählung, drehte seinen weißen Schnurrbart und sprach in einigen kernigen Worten seine Ansicht über Mrs. Langtrey und Herrn Mirzl aus:

„Wielange werden diese Blindschleichen die Herrschaften noch frei herumlaufen lassen? Ich glaube wirklich, dieser Mirzl ist der leibhaftige Teufel!“

Der Direktor unterbrach ihn.

„Wie steht es mit Seiner Hoheit, Herr Oberst?“

Die Stirne des Obersten umwölkte sich.

„Er und das andere Prachtexemplar liegen noch todbesoffen da,“ sagte er. „Weiß Gott, was die Räuber ihnen eingetrichtert haben. Der Doktor und die Krankenschwestern plagen sich schon eine Stunde lang mit Massage, Injektionen und Elektrizität ab, sie stellen sie bald auf den Kopf, bald auf die Füße, ohne daß sie sich mucksen. Der Doktor glaubt, es wird Aether oder Morphium sein oder vielleicht beides.“

„Ist es nicht eigentlich merkwürdig, daß die Verbrecher sie losgelassen haben, Herr Oberst?“ wagte Allan einzuwerfen. „Ohne den Versuch zu machen, etwas zu erpressen! Und gerade in derselben Nacht, in der ihr anderer Plan mißlungen ist!“

„Das ist mir total schnuppe,“ sagte der Oberst behaglich. „Sobald sie nur wieder die Schnauze in die Luft strecken können, geht es nach Indien zurück, da lassen Sie nur mich dafür sorgen. Ich gehe zum Minister für Indien und erzähle ihm die ganze Sache privatim. Und dann kann sich Se. Hoheit meinetwegen grün und blau protestieren, aber es gibt keinen weiteren Europa-Séjour für ihn und keine Werbungen um schöne weiße Prinzessinnen.“

Der Direktor des großen Hotels wendete die Augen mit einem Ausdruck der lebhaftesten Dankbarkeit himmelwärts und verabschiedete sich, nachdem er dem jungen Bankbeamten die Weisung gegeben, Allan auszuzahlen, was er momentan von ihm haben wollte. Allan wendete sich an den Obersten.

„Kann man die Patienten sehen, Herr Oberst?“

„Noch nicht, junger Freund. Jetzt muß ich selbst hinauf und sie ein wenig beaugapfeln. Wir treffen uns noch!“

Er stürzte davon. Mr. Bowlby sah auf seine Uhr.

„An der Zeit, etwas zu essen,“ sagte er. „Kommen Sie, wir wollen doch sehen, was Susan und Helen machen.“

Sie fanden Mrs. Bowlby und Miß Helen im Salon der Familie Bowlby. Mrs. Bowlby trug eine purpurfarbene Toilette, die ihr eine frappante Aehnlichkeit mit einem brasilianischen Kakadu gab.

„Nun endlich!“ rief sie. „Wo hast du dich so lange herumgetrieben, John? Ich und Helen, wir vergehen ja schon vor Neugierde. Was ist also geschehen? Ist es wahr, daß man das Untier halb tot von Ausschweifungen auf der Straße gefunden hat? Die Dienerschaft sagt es. Und den alten grauhaarigen Wüstling? So erzähle doch, John! Und der Dritte aus der sauberen Gesellschaft soll ja einen Anfall von Delirium gehabt haben, er hat die Leibwache niedergemetzelt und große Löcher in den Fußboden und die Wände gestoßen? So erzähle doch, John!“

„Sobald du mich läßt, liebe Susan. Der Ma...“

„Es ist also wahr, natürlich! Halbtot von Ausschweifungen! Helen, du solltest nicht zuhören, mein Kind, aber es kann ganz gut für dich sein, zu wissen, wie es die Männer treiben. Und der Oberst, John?“

„Liebe Susan, lasse mich doch zuerst nur zwei Worte über den Maharadscha sagen.“

„Natürlich, du willst ihn in Schutz nehmen!“

„Der Maharadscha, geliebte Susan, wurde heute Morgen in einem Park in East End aufgefunden, betäubt ...“

„Von Ausschweifungen!“

„Betäubt mit Aether oder Morphium von der Bande, die ihn und den alten Hofdichter geraubt haben.“

„Behaupten sie selbst, haha!“

„Behaupten sie nicht selbst, da die Belebungsversuche des Arztes bis jetzt weder beim Maharadscha, noch bei dem alten Ali gelungen sind.“

„Haha, John, du bist wirklich zu naiv!“

All right. Aber du hast nach dem Obersten gefragt.“

„Der gestern abend das Delirium hatte, das sagt die Dienerschaft. Ich will ja zugeben, daß der arme Prinz nicht gerade von leuchtenden Beispielen umgeben war. Diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. Wenn er von einem alten Wüstling seiner eigenen Religion in entsetzliche Lokale gelockt wird und sieht, wie sich ein weißhaariger Heuchler, der sich Christ nennt, bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, kann man ja verstehen, daß ein Mensch, von schwachem Charakter in Versuchung geraten kann. Und dann fehlt ihm doch auch die Stütze einer Frau.“

„Er hat doch hundertfünfzig, liebe Susan.“

„Solche nenne ich nicht Frauen, John, das weißt du.“

„Aber du hast es doch bisher getan, liebe Susan.“

„Weil ich die Ohren meiner kleinen Helen schonen wollte. Sie bekommt ohnehin genug zu hören, das arme Kind.“

„Geniere dich meinethalben nicht, Mama, ich weiß sehr gut, was für ein Wort du anwenden wolltest.“

„Helen!“

„Liebe Mama, es steht doch im Shakespeare und in der Bibel.“

Mrs. Bowlby wechselte das Gesprächsthema.

„Wie ist es also mit dem Obersten, John? Ist er in eine Irrenanstalt gebracht worden?“

„Noch nicht, liebe Susan. Wir trennten uns eben vor einem Augenblick. Er ging zu seinen Schützlingen hinauf. Er war ein bißchen erregt nach seinen Gesprächen mit dreißig oder vierzig Reportern. Sonst befand er sich ganz wohl. Und wenn du Mr. Cray so halbwegs in Frieden erzählen lassen willst, kannst du hören, wie das mit seinem Delirium zusammenhängt. Du glaubst doch Mr. Cray?“

„Soviel ich nach zwanzigjähriger Ehe einem Mann glauben kann, John.“

„Liebe Susan, sei mir nun nicht böse, weil ich dir deine Illusionen über den Maharadscha und die beiden anderen geraubt habe. Erzählen Sie, Mr. Cray!“

Allan wiederholte seinen Bericht über das, was am vorhergehenden Abend passiert war. Mrs. Bowlby hörte halbwegs ruhig zu, bis er zu der Szene kam, die sich dem Obersten und ihm selbst im Arbeitszimmer Herrn van Schleetens geboten hatte. Da stieß sie einen Schrei aus, der der baseballspielenden amerikanischen Nation würdig war.

„Der auch! Ein Schwindler! Der alte Roué! Jetzt sind die Juwelen also gestohlen?“

„Noch nicht, Mrs. Bowlby. Der Oberst und ich kamen gerade in der letzten Sekunde, um es zu verhindern, und sicherlich hat die Säbelattacke des Obersten gegen die Türe den Dieb in die Flucht gejagt.“

„Den Dieb? Sie meinen den Mitschuldigen!“

„Sie sind derselben Ansicht wie der Oberst, wenn Sie das sagen, Mrs. Bowlby. Aber sie ist, mit Ihrer Erlaubnis gesagt, nicht richtig. Es war eine Schwindlerin, die Herrn van Schleeten düpiert hatte.“

In Mrs. Bowlbys Gedankennetz trat ein Kurzschluß ein.

Eine Schwindlerin! Sie haben doch gesagt, daß jemand in Männerkleidern mit ihm hinaufging?“

„Ja, aber es war doch eine Schwindlerin, Mrs. Bowlby, verkleidet.“

„In Hosen! Da würde ich doch lieber ... Helen, du siehst, wie Frauen werden können, wenn sie einmal anfangen. Tausendmal ärger als die Männer. Wer war es, Mr. Cray? Weiß man es? Eine Holländerin?“

„Eine Amerikanerin, Mrs. Bowlby. Schöpfen Sie tief Atem, bevor ich Ihnen den Namen sage.“

„Sie meinen doch nicht —“

„Ja, allerdings: Mrs. Langtrey!“

Es war offensichtlich, daß Mrs. Bowlby seiner Aufforderung in Bezug auf das Atmen nachgekommen war, denn der Ruf, den sie ausstieß, ging durch Mark und Bein.

„Hatte ich also recht, Mr. Cray?!“

„Es sieht so aus, Mrs. Bowlby.“

„So etwas, dieser alte ausschweifende Schwindler läßt sich verlocken, von einem Frauenzimmer — Helen, mein Kind, höre nicht zu was wir sprechen — in Hosen!“

„Er ist seiner Strafe nicht entgangen, Mrs. Bowlby. Sie hat ihn chloroformiert und würde alle Juwelen gestohlen haben, wenn wir nicht rechtzeitig gekommen wären. Nun gelang es ihr zu entkommen, aber die Juwelen mußte sie im Stiche lassen. Es war ihr Glück, daß dem Obersten die Hand zitterte. Er hat ihr sechs Schüsse durch das Fenster nachgeschickt. Aber ich muß gestehen, daß ich ihre Kaltblütigkeit bewundere, die Strickleiter anzuzünden!“

„Sie sollen nie etwas bewundern, was unmoralisch ist, Mr. Cray. Und um die Juwelen ist sie also gekommen?“

„Ja, und zum Dank dafür bin ich heute durch Herrn Mirzl von dem Rest meines Geldes befreit worden.“

Now, demmit lively! Was sagen Sie?“

Allan beschrieb, was im Bankkontor passiert war. Mrs. Bowlby hörte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Als er zu Ende war, atmete sie tief und sagte:

„Ich muß gestehen, dieser Mirzl ... Nein, daß er Langtreys Frau in die Krallen geraten mußte! Ich bin überzeugt, sie hat ihn auf Abwege gebracht wie diesen alten Roué von einem Juwelier.“

„Glauben Sie, sie hat ihn mit Chloroform betäubt, Mrs. Bowlby?“

„Eine Frau braucht zu so etwas kein Chloroform. Ich muß sagen, daß ich diesen Mirzl auf jeden Fall beinahe bewundern muß.“

„Sie sollen nie bewundern, was unmoralisch ...“

„Keine vorlauten Bemerkungen, junger Mann. Demmit. Also jetzt haben Sie es das zweitemal verhindert! Glauben Sie, er wird sich damit zufrieden geben?“

„Wahrscheinlich ist es nicht. Aber sobald der Maharadscha sich erholt hat — die Schnauze in die Luft stecken kann, wie der Oberst sich so schön ausdrückte — soll er wieder nach Indien zurückgebracht werden. Darauf schwor der Oberst. Und dann hat Mirzl keine Chancen mehr.“

Nach dem Lunch unternahm Allan einen Ausflug in das erste Stockwerk. Aber die schwarze Leibwache versperrte ihm den Weg mit einem wiedererkennenden Zähneblecken. Vor die Türe, die der Oberst gesprengt hatte, hatte man eine Draperie gehängt. Allan suchte sich den schwarzen Kriegern verständlich zu machen, aber sie antworteten nur mit einem Wort, von dem Allan schließlich begriff, daß es Oberst bedeute. Der Oberst hatte offenbar allen den Zutritt verboten.

„Lassen Sie mich mit dem Oberst sprechen,“ sagte er.

Sie schüttelten den Kopf und sagten irgend etwas Unverständliches, als sich im selben Augenblicke eine Türspalte öffnete und ein blasser Kopf im Turban sichtbar wurde. Es war der alte Ali.

„Verehrungswürdiger Poet,“ rief Allan. „Lassen Sie mich hereinkommen und Ihnen die Hand drücken! Wie geht es Ihnen? Erinnern Sie sich meiner nicht aus dem Hause der Tausend Freuden, auch Feuerfresserklub genannt?“

Der alte Hofdichter fuhr sich über die Stirne.

„Das Haus der Tausend Freuden war ein vermummter Eingang zum Palast der Plagen,“ sagte er. „Es kommt mir nun vor, daß ich mich Ihrer erinnere, junger Mann. Von Ihnen hat man uns gesprochen! Sie waren es, dem es gelang, von diesen Söhnen Scheitans zu flüchten und es zu verhüten, daß die Juwelen meines Schülers gestohlen wurden.“

„Es war meine Wenigkeit,“ sagte Allan.

„Kommen Sie also herein, und seien Sie gesegnet! Nicht so sehr von mir — denn was sind wohl Juwelen anderes als farbiger Kies? — aber von meinem Schüler, dessen Herz in jugendlicher Torheit von den vielfarbigen Lichtnebeln dieser Welt erfüllt ist, von denen diese Steine ein Symbol sind. Beim Propheten, mein Kopf schmerzt. Seit Jamshyd König von Kaikobad war, hat es einen solchen Rausch nicht gegeben, der große Richter sei mir gnädig. Kommen Sie herein!“

Allan passierte ein Spalier von Säbeln. Drinnen fand er den Mann, um den so viele Intrigen gesponnen waren, in derselben Stellung liegen, wie er ihn zuletzt im Feuerfresser-Klub gesehen, auf einem Diwan ausgestreckt, aber mit einem bedeutend matteren und weniger freudigem Lächeln als damals. In der halbgeöffneten Türe zu einem inneren Zimmer sah er eine Krankenpflegerin. Bei Allans Eintritt hob Yussuf Khan beide Hände zum Gruß.

„Seid mehr als tausendmal gegrüßt!“ sagte er mit schwacher Stimme. „Verzeiht mir, daß ich mich nicht erhebe, edelster der Sahibs. Man hat es mir verboten. Sagt, was Ihr als Belohnung für das, was Ihr an mir getan, wünschet! Sprecht frei!“

„Wir wollen ein andermal darüber reden,“ sagte Allan, „es ist mehr dem Zufall als mir zu verdanken, daß den Verbrechern ihr Anschlag mißlungen ist. Lassen Sie mich lieber hören, was für Abenteuer Ew. Hoheit und dieser verehrungswürdigste der Dichter, seit wir uns zuletzt sahen, erlebt haben.“

Der alte Ali sank auf einen Stuhl, nachdem er Allan einen hingestellt hatte.

„Setzen Sie sich,“ sagte er. „Ich bin, wie mein Schüler, ermattet von der Behandlung, der die Söhne Scheitans uns unterworfen haben. Nach dem, was mir Oberst Morrel Sahib sogleich, als ich hier wieder zum Leben erwachte, anvertraute, habe ich für immer meinen guten Namen und meinen Ruf verwirkt. Mit Recht sagt der göttliche Zeltmacher von sich selbst:

Gurt, Kleid und Seele, alles, was mir teuer,
Gab ich als Pfand dem Schenken-Ungeheuer.
Nun denn, so bin ich frei von Furcht und Hoffen
Und los von Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Dasselbe sagte Oberst Morrel Sahib von mir, nur nicht in so melodischer Sprache wie der göttliche Omar. Ich weiß kaum, was ich erlebt habe, junger Freund, und noch weniger, was mein Schüler erlebt hat. Von dem Augenblicke, wo ich ihn mit mildem, freundlichem Lächeln um die Lippen auf einem Diwan im Hause der Freuden ausgestreckt sah, habe ich ihn nicht wieder gesehen, bis ich heute die bleischweren Augenlider in diesem Zimmer aufschlug. Da war ich von weißgekleideten jungen Frauen umgeben, die mich rieben, so wie der Wucherer sein Gold reibt und beinahe noch eifriger. Außerdem befanden sich im Zimmer ein weißgekleideter Hakim (Arzt) und mein Schüler sowie Oberst Morrel Sahib, der mir sofort sagte, ich sollte geköpft und vor den Stadtmauern Nasirabads aufgehängt werden, als milde Strafe für meine Untaten, für die es in der Sprache der Sahibs gar keinen Ausdruck gibt.“

„Wo ist Oberst Morrel jetzt?“ warf Allan ein. Er konnte sich die Suada des Obersten vorstellen.

„Oberst Morrel Sahib ist ausgegangen, um mit dem Minister für Indien über wichtige Angelegenheiten zu sprechen, die er uns andeutete. Mein Schüler und ich, die wir unseren guten Namen und unseren guten Ruf in dieser Stadt verloren haben, die noch nie von ähnlichen Dingen gehört hat, sollen so still und verschwiegen als möglich wieder heimgebracht werden. Das will Oberst Morrel Sahib als eine Gnade vom Minister zu erwirken trachten, der beabsichtigt hat, uns ohne Turbans und mit geschorenen Köpfen fortzujagen.“

„Aber erinnern Sie sich an nichts aus dem Feuerfresser-Klub bis heute?“ rief Allan. „Das ist ja drei Tage her!“

„Junger Freund,“ sagte der alte Hofdichter, „ich bin ein rechtgläubiger Anhänger des Propheten und habe stets getrachtet, mich unbefleckt von den Irrlehren zu erhalten, die an Nirwana und ähnliche Einfälle einer irregeleiteten Phantasie glauben. Aber wenn ich an den Zeitraum zurückdenke, den Sie eben erwähnt haben, fühle ich eine bedauerliche Neigung zu glauben, daß die Reden dieser Irrlehrer doch etwas für sich haben, so vollständig erloschen war mein Bewußtsein in dieser Zeit, von der Sie sagen, daß sie drei Tage währte. Und mein Schüler, den ich nach seinen Erfahrungen befragt habe, sagt für seine Person das gleiche aus.“

„Das ist wahr,“ kam Yussuf Khans Stimme vom Sofa. „Was mein Lehrer sagt, ist wahr wie der Koran. Ich erinnere mich an nichts anderes, als an eine große Dunkelheit, in der ich auf einem unruhigen Meer zu treiben glaubte und von bösen Träumen gequält wurde. Plötzlich faßte jemand meine Seele, wie man einen Ertrinkenden faßt, und als ich den Kopf wieder über das schwarze Meer hob, befand ich mich in diesem Gemach, umgeben von weißgekleideten Krankenpflegerinnen und einem weißgekleideten Hakim. Die Verbrecher, die uns in das Haus der Freuden gelockt und dann entführt haben, konnten, dank Euch, meine Juwelen nicht stehlen, aber sie stahlen mir drei Tage meines Lebens.“

„Mein Schüler spricht gut,“ sagte der alte Ali bewundernd. „Wenn ich ihm auch, wie Oberst Morrel Sahib versicherte, ein so schlechtes Vorbild gewesen bin, daß diese ganze Stadt darüber empört ist und mich in vier Teile zerstückelt sehen will, merke ich doch, daß es mir einigermaßen gelungen ist, seinen Sinn für Poesie und Beredsamkeit auszubilden. Allah — dessen Name ewig gepriesen sei — gebührt die Ehre dafür. Jetzt erinnere ich mich doch an etwas, das ich früher vergessen hatte. Während meine Seele von dieser Dunkelheit umschlossen dalag, wie von einem Gefängnis mit unendlich dicken Mauern, rieselte plötzlich ein kleiner Lichtschimmer durch die Mauer hinein. Wie in einem Traum, oder so wie man durch dichten Nebel sieht, entsinne ich mich, daß ich ausgestreckt auf einem Lager lag, ob entkleidet oder nicht, weiß ich nicht. Nicht weit von mir, auf einem anderen Lager dünkte es mir, daß mein Schüler sich befand. Gerade als ich diese Empfindung hatte, glaubte ich zu sehen, daß ein Mann, der über mich gebeugt dagestanden hatte, von meinem Lager zu dem meines Schülers ging und sich über ihn beugte, mit einem bösartigen Grinsen, wie es die Götzenbilder in den Tempeln der Ungläubigen auf ihrem Antlitz tragen. Und seltsamerweise glaubte ich dicht neben ihm eine Frau zu gewahren. Doch, was wäre daran seltsam? Wo böse Menschen ihren Versammlungsort haben, da ist auch das Haus voll Weiber, sagt das Sprichwort, und der Koran — der allzeit gepriesen sei — teilt diese Anschauung.“

„Es ist um so wahrscheinlicher, daß Sie richtig gesehen haben,“ rief Allan, „als eine Frau in das gestrige Attentat verwickelt war. Vielleicht haben Se. Hoheit und Sie noch nicht davon gehört?“

Yussuf Khan, der sich lebhaft auf dem Ellbogen aufgerichtet und seinen Lehrer während seiner Erzählung unverwandt angestarrt hatte, schüttelte den Kopf, und der alte Ali sagte:

„Oberst Morrel Sahib nahm sich wenig Zeit zu anderem, als mir meinen Mangel an guten Eigenschaften vorzuhalten, und wie ich ihn sühnen könnte. Dann eilte er zum Minister, um einen Aufschub der Strafen zu erwirken, die dieser mir zugedacht hat. Oberst Morrel Sahib hat ein gutes Herz.“

Ohne dem alten Hofdichter seine Auffassung von Oberst Morrels Maßnahmen zu rauben, erzählte Allan, was sich am vorhergehenden Abend zugetragen hatte. Die Libationen des Obersten hüllte er in einen Schleier, aber machte eine große Nummer aus seiner Attacke gegen die Türe. Die beiden anderen lauschten ihm wie einem Märchenerzähler im Basar. Allan hatte kaum zu Ende gesprochen, als im Korridor Schritte ertönten und die Türe aufgerissen wurde. Es war der Oberst selbst, in Gesellschaft Herrn van Schleetens. Der alte Ali erhob sich mit ängstlicher Miene von seinem Sitz.

„Wie ist es abgelaufen, Oberst Morrel Sahib?“ fragte er. „Kann Se. Exzellenz der Minister uns verzeihen, oder sollen wir wie Pferdediebe aus der Stadt gejagt werden?“

Oberst Morrel zögerte einen Augenblick mit der Antwort, während er den Maharadscha und den alten Hofdichter fixierte. Endlich sagte er mit derselben Langsamkeit wie ein Klassenvorstand, wenn er zu zwei schlechten Schülern spricht:

„Ich habe ein sehr schweres Stück Arbeit gehabt. Ich fand Se. Exzellenz, den Minister für Indien, meinen hochgeschätzten Freund“ (Allan erinnerte sich, diesen Herrn von Oberst Morrel anders titulieren gehört zu haben), „in äußerst erregter Verfassung. Die Ansichten, die er über das Vorgefallene aussprach, und die ich leider nicht ganz mißbilligen konnte, die Befürchtungen, die er davor hatte, was man Allerhöchsten Orts sagen und denken würde; die Kommentare, die leider in der Presse gemacht werden — all dies hatte seine Gemütsstimmung derart beeinflußt, daß ich fürchten mußte, meine Aufgabe würde sich als unlösbar erweisen. Nur durch Aufgebot meiner ganzen Ueberredungskunst, nur durch wiederholte Berufung auf unsere alte Freundschaft und nur indem ich heilig und teuer versprach, daß die Abreise Ew. Hoheit augenblicklich erfolgen würde, gelang es mir, zu erwirken, daß Se. Exzellenz ihren Entschluß änderte. Ich kann also mitteilen, daß wir unbehelligt abreisen dürfen, wenn dies längstens übermorgen geschieht. Ein Dampfer nach Bombay geht an diesem Tage um drei Uhr ab.“

Während der alte Ali mit einem tiefen Salaam seine Hand zu fassen suchte, wischte sich der Oberst die Stirne, ermattet von der Anstrengung seiner Rede, und fuhr in einem völlig veränderten Tone fort:

„Jetzt habe ich für Ew. Hoheit getan, was ich konnte. Nun ist es Ew. Hoheit Sache, mit diesem Herrn zu tun, was Sie für angemessen finden. Es hängt von Ihnen ab, was mit ihm geschehen soll.“

Der Maharadscha, der nach der Rede des Obersten in die Hände geklatscht hatte und eigentümlicherweise gar nicht enttäuscht darüber schien, Europa so rasch verlassen und alle Träume von weißen Prinzessinnen aufgeben zu müssen, wendete sich an Herrn van Schleeten.

„Das ist ja der Juwelenkünstler,“ rief er, „wie weit ist die Arbeit an meinen Steinen gediehen?“

„Ich ... ich habe die Arbeit vorgestern begonnen,“ stammelte Herr van Schleeten, „mit Erlaubnis des Herrn Obersten ...“

„Mit meiner Erlaubnis, an den Juwelen zu arbeiten,“ schrie der Oberst, „aber nicht Frauenzimmer heraufzuschleppen, die Sie betäuben und jene stehlen.“

„Ich ... ich sah mich gestern in die Notwendigkeit versetzt, einen Mitarbeiter heranzuziehen, um ... um die Arbeit so rasch als möglich zu Ende zu führen ... so rasch als möglich ... wie Ew. Hoheit wünschten. Leider fiel meine Wahl auf eine ungeeignete Persönlichkeit, die ...“

„Auf ein Dämchen, in das Sie verliebt waren, das Sie mit Chloroform betäubte wie in einer Klinik und alles in Bausch und Bogen gestohlen hätte, wenn nicht der Zufall und dieser junge Herr dazwischengekommen wäre! Heraus mit der Sprache!“ rief der Oberst. „Bedenken Sie, daß niemand weiß, wieviel Sie von ihr wußten!“

Herr van Schleeten warf einen wütenden Blick auf Allan, getreu dem Prinzip, sich über andere zu ärgern, wenn man sich selbst zürnen sollte.

„Es ist ja möglich, daß die Sache sich so verhält, wie der Herr Oberst sagt,“ murmelte er, „aber diesen jungen Herrn habe ich auf jeden Fall vor knapp einer Woche auf einem Bahnhof in Deutschland verhaften sehen. Wer weiß, was er ...“

„Sie sollten sich schämen,“ rief der Oberst, „nun schon zum zweiten Male mit solchem verdammten Gerede zu kommen. Sie wissen, daß es nur Gerede ist. Versuchen Sie nicht zu leugnen!“

„Es ist leider kein Gerede, Herr Oberst,“ sagte Allan und berichtete in wenigen Worten, was er im Expreß erlebt hatte.

„Ich fiel Herrn Mirzls List zum Opfer. Aber was Herr van Schleeten nicht unerwähnt lassen sollte, ist, daß er bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft der Dame von gestern Abend machte. Ich war selbst Zeuge davon. Und daß diese Bekanntschaft in ihrem Plane lag, von Mirzl gar nicht zu sprechen, ist wohl recht sicher. In der einen oder anderen Weise haben sie Wind bekommen, welchen Auftrag Herr van Schleeten in London hatte, und waren entschlossen, alle Möglichkeiten wahrzunehmen. Herr van Schleeten ging in die Falle, begreiflicherweise, denn die betreffende Dame spielt ihre Karten geschickt aus und ist ungewöhnlich schön.“

„Hat sie blaue Augen,“ fragte der Maharadscha „und blondes Haar? Ah, daß ich sobald nach Indien zurückreisen muß!“ (Oberst Morrel fuhr von seinem Sessel in die Höhe und starrte ihn an.) „Nein, Oberst Morrel Sahib, ich reise, beglückt über die Gnade Sr. Exzellenz des Ministers. Aber ...“

„Und was sagen Ew. Hoheit zu der Affäre mit Herrn van Schleeten?“ sagte der Oberst wieder beruhigt. „Hoheit wissen, daß man gestern abend eine Anzahl Juwelen gestohlen hat.“

„Ach, ein paar Juwelen mehr oder weniger!“ sagte Yussuf Khan mit einem müden, mißmutigen Kopfschütteln. „Ich kam nach Europa, um mein Herz an eine weiße Frau zu verlieren, wie die Sahibs es tun, und alles, was ich verloren habe, ist mein guter Name und ein paar Juwelen.“

„Mein Schüler spricht schön,“ sagte der alte Ali befriedigt. „Der Aufenthalt in dieser Stadt hat ihm in dieser Beziehung merklich gut getan.“

„Nun, und Herr van Schleeten?“ beharrte der Oberst, der den Holländer ungerne dem Schandpfahl entgehen sah.

„Ich sage ja,“ sagte Yussuf Khan, „daß ich diesen Juwelenkünstler beneide, dem es gelungen ist, sein Herz an eine Frau zu verlieren. Ich habe hundertfünfzig Frauen in meinem Palast, schön wie Gazellen und zärtlich wie Turteltauben im Lenzmonat, und noch hat keine von ihnen mich für mehr als eine Stunde bezaubert. Seinen Namen und seinen Ruf für eine Frau zu wagen wie dieser Mann — das muß wunderbar sein. Der Juwelenkünstler hat meine Vergebung und meinen Neid.“

„Wahrlich,“ sagte der alte Ali, „mein Schüler spricht immer besser und besser! Die Lehren, die ich ihm eingepflanzt habe, tragen späte, aber schöne Früchte. Es muß der Aufenthalt in dieser Stadt sein, der sie zur Reife gebracht hat.“

Herr van Schleeten, dessen bordeauxfarbene Nase sich bei Yussuf Khans Rede, die er als Hohn auffaßte, zornig gerümpft hatte, richtete sich nach seinen letzten Worten erleichtert auf. Er begann etwas zu stammeln, aber Yussuf Khan schnitt seine Danksagungen ab, indem er zum Obersten sagte:

„Nun liegen mir noch zwei Sachen am Herzen, Oberst Morrel Sahib, erstens, daß eine angemessene Belohnung diesem jungen Mann überreicht wird, der nun zweimal den listigen Verbrechern zuvorgekommen ist. Wollt Ihr dies besorgen, da ich der europäischen Gebräuche ungewohnt bin?“

Allan wollte protestieren, aber der Oberst schnitt ihm das Wort ab.

„Eine Weigerung würde den Maharadscha zwecklos verletzen,“ sagte er. „Was meinen Ew. Hoheit zu einigen der Juwelen, die der junge Mann gerettet hat? Und was sagen Sie selbst, junger Freund?“

Allan murmelte etwas, und Yussuf Khan klatschte in die Hände.

„Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!“ rief er. „Man bringe die Juwelen herein.“

Eine Minute später durfte Allan zum erstenmal die Juwelen in ihrem vollen Glanze schauen, die er mitgeholfen hatte, ihrem rechten Besitzer zu bewahren. Es wäre zu wenig gesagt, daß sie ihm den Atem benahmen. Etwas Aehnliches hatte er nie gesehen, ja nicht einmal geträumt. Es war das Morgenland, das ihm aus den Fassetten dieser tausend Steine entgegenstrahlte, wie durch ein vielfarbiges Fenster. Als er sich halbwegs erholt hatte, wählte er befangen ein paar einzelne Edelsteine aus, aber der Maharadscha, in den beim Anblick der Juwelen neues Leben gekommen zu sein schien, nahm ein Diamantenhalsband mit einem blutroten Rubin in der Mitte, in einer Goldkettenfassung, die vom Alter verblichen war, und reichte es Allan.

„Nehmt dies,“ sagte er, „wenn Ihr wollt. Es ist ein unwürdiger Beweis meiner Dankbarkeit.“

„Es gehörte einmal,“ schaltete der alte Ali ein, „Mahmud, Sultan von Naishapur, an dessen Hof der göttliche Zeltmacher lebte. Vielleicht hat er es am Halse einer der Favoritinnen des Sultans bewundert und vielleicht besang er dieses Diadem mit den Worten ...“

„Ja, ja! Vortrefflich!“ sagte der Oberst. „Und die andere Sache, die Ew. Hoheit wünschten?“

Es war klar, daß der Oberst die Poesie des göttlichen Zeltmachers nicht im gleichen Grade liebte wie der alte Ali, und auch, daß er in glänzender Laune war, nun er die Abreise gesichert sah. Yussuf Khan erwiderte:

„Die andere Sache war, daß ich gerne mit dem Mann sprechen möchte, der diese Karawanserei innehat ... wenn er kommt, werde ich schon erklären, warum. Wollt Ihr ihn rufen lassen, Oberst Morrel Sahib?“

Mit wieder unruhigem Gesichtsausdruck klingelte der Oberst; ein paar Minuten später erschien der Direktor des großen Hotels, von einem Angestellten gerufen. Er begann den Maharadscha zu seiner Genesung zu beglückwünschen. Der Oberst unterbrach ihn:

„Se. Hoheit mit Gefolge reist übermorgen, Herr Direktor!“

Der Direktor schlug einen dankbaren Blick zur Höhe auf, während er sich verbeugte.

„Nicht so eilig, Oberst Morrel Sahib!“ sagte Yussuf Khan. Der Direktor blieb erschrocken in seiner Verbeugung stecken. „Nicht so eilig! Wir reisen übermorgen, Dank der Gnade Sr. Exzellenz des Ministers, aber vorher wünsche ich noch etwas.“

Er wendete sich an den Direktor:

„Zweifelsohne habt Ihr einen Saal, wo Festlichkeiten abgehalten werden? Einen Saal mit Raum für viele, so wie ich ihn in dem Hause der Freuden sah?“

Der Direktor bejahte es.

„Gut. Hört also meinen Willen. Dieser Saal soll für morgen abend zu einem Feste bereitet werden, und alles soll dem, was wir in Indien haben, so ähnlich als möglich sein. Da ich nicht mehr von dem Lande der Sahibs sehen kann, will ich den Sahibs mein eigenes Land zeigen. Darum ist es mein Wille, daß alles dem, was wir in meinem Lande haben, so ähnlich als möglich sein soll.“

Der Direktor verbeugte sich tief.

„Zu diesem Feste,“ fuhr Yussuf Khan fort, „das so festlich sein soll wie die Vermählung eines Maharadschas, ist es mein Wille, daß alle jene eingeladen werden, die in der Zeit, die ich hier war, unangenehme Erlebnisse gehabt haben.“

Er machte eine Geste, die sämtliche Anwesende umfaßte; Allan murmelte dem Obersten zu:

„Dann müßten Bowlbys mit dabei sein.“

„Was sagte der junge Mann?“ fragte Yussuf Khan.

„Er meinte, daß eine amerikanische Familie, aus deren Wohnung das erste Attentat unternommen wurde, eingeladen werden sollte,“ sagte der Oberst.

„Sie soll eingeladen werden,“ sagte Yussuf Khan ohne Zögern. „Und dieser Mann, dem die Karawanserei gehört?“

Der Direktor erklärte mit einer Verbeugung, daß es ihm erstens unmöglich sei, in seinem eigenen Hotel zu Gast zu sein, daß er sich zweitens undenkbar zu der Kategorie von Personen rechnen könne, die durch die Anwesenheit Sr. Hoheit Unannehmlichkeiten gehabt hatten. Die Anwesenheit Sr. Hoheit im Hotel habe im Gegenteil ...

Yussuf Khan unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Der Oberst warf knurrig ein:

„Und Herr van Schleeten?“

„Natürlich auch der Juwelenkünstler,“ sagte Yussuf Khan. „Von allen beneidet soll der Mann an der festlichen Tafel sitzen, der sein Herz an eine Frau verlieren konnte.“

Herr van Schleeten verbeugte sich, ohne daß besondere Freude über die Rolle, die ihm bei der Festtafel zugedacht war, sich auf seiner bordeauxfarbenen Nase spiegelte. Der alte Ali rief hingegen:

„Mein Schüler spricht immer besser und poetischer! Der Aufenthalt in dieser Stadt, die wir Dank Oberst Morrel Sahib mit unversehrtem Turban und ungeschorenem Kopfe verlassen dürfen; hat ihm in dieser Beziehung wunderbar gut getan.“