XI
Das vielleicht seine Aufgabe erfüllt, den Leser zu verwirren

In der Ziegelwüste des nordwestlichen Londons liegt, nicht weit von Maida Vale, ein Ziegelkanon Chesterton Mansions genannt. Tatsächlich erinnert er mit seinen steilen hohen Ziegelmauern an nichts so sehr wie an die berühmten Schluchten, die sich die Flüsse im Westen Amerikas gegraben haben. Warum er die Bezeichnung Mansions führt, ist unbekannt; im allgemeinen pflegt dieses Wort anzudeuten, daß eine Straße mit Bäumen bepflanzt ist; aber wenn das bei Chesterton Mansions einstmals der Fall war, so ist jetzt nur mehr der Name als einziges Rudiment übrig. Die siebenstöckigen Häuser der Straße sind in Mietwohnungen geteilt, zwei in jedem Stockwerk, so wie man es bei uns zulande kennt, aber wie es in England etwas relativ Neues ist. Da der Ruf der Straße nicht der beste ist, stehen oft eine Menge Wohnungen leer. In jenem September, in dem die Ereignisse dieses Buches sich abspielten, stand beispielsweise das Haus Nr. 48, das die Mietwohnungen Nr. 659–672 enthält, noch am 11. September leer. Am 12. fand sich jedoch ein Herr beim Hausverwalter ein, stellte sich als Baron de Citrac vor und wünschte eine so ungestörte Wohnung als möglich zu mieten. Er sei wissenschaftlicher Arbeiten wegen nach London gekommen und bringe seine Frau mit, für die er am liebsten eine separate Wohnung gegenüber seiner eigenen haben wolle. Der Häuserverwalter Mr. Markham, beeilte sich, ihm das Haus Nr. 48 zu zeigen. Der Baron entschied sich sofort für die Wohnungen Nr. 661–662 im ersten Stock, bezahlte im vorhinein und bat den Verwalter, ein einfaches, aber solides Ameublement für beide Wohnungen zu beschaffen. Er drückte seine Anerkennung für Mr. Markhams Entgegenkommen durch eine Fünfpfundnote aus, die Mr. Markham zu seinem Sklaven machte, und nahm dann Abschied.

Montag, den 15., zog er ein. Der Verwalter war selbst zugegen, und fand Gelegenheit, seine Meinung über den neuen Mieter in einem Punkte zu ändern. Die Reden des Barons von wissenschaftlichen Arbeiten hatte er nur als einen durchsichtigen Vorwand für etwas ganz anderes aufgefaßt, worin die Franzosen eine traurige Berühmtheit besitzen und dem auch Chesterton Mansions nicht fremd war: eine Eskapade mit einer nicht offiziellen Baronin. Er gab den Glauben daran auf, als er die Baronin de Citrac erblickte; denn gewiß war sie schön und pikant, mit grauen Augen und rotblondem Haar, aber dabei sah sie so vornehm aus, daß der Verwalter die ganze Zeit, die sie da war, mit dem Hute in der Hand dastand. Der Baron, der zwei Diener mit hatte, drückte seine Zufriedenheit mit der Möblierung der Wohnungen aus und verabschiedete den Verwalter.

Es dauerte bis zum 16., bevor dieser den neuen Mieter wiedersah, denn er wohnte selbst in einer Quergasse; aber als dies geschah, war es unter Umständen, die ihn aufs neue an dem Ernst von Herrn de Citracs wissenschaftlichen Studien zweifeln ließen. Mr. Markham war am Abend des 15. Septembers in einer Gesellschaft gewesen, die sich bedenklich in die Länge gezogen hatte; ein Freund von ihm, der Junggeselle war und ein Geschäft in einer Quergasse von Chesterton Mansions hatte, hatte ihn zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Diese hatte im „Roten Löwen“ in Maida Vale begonnen und war nach Schließung dieses populären Lokales in der Junggesellenwohnung des Freundes fortgesetzt worden. Die Haupterfrischung war irländischer Whisky gewesen, und Mr. Markham war sich des Einflusses dieses Getränkes auf die Balancierfähigkeit ganz bewußt, als er gegen halb vier Uhr morgens heimwanderte. Er nahm den Weg durch Chesterton Mansions aus dem Grunde, weil diese Straße eine unerklärliche Anziehung auf seine Beine auszuüben schien, doch ohne daß diese irgendwelche Parteilichkeit für eine bestimmte Seite derselben zeigten; und er hatte sich eben an einem Laternenpfahl auf dem linken Trottoir verankert, als die Nachtruhe von etwas anderem als dem Trommelwirbel, den seine Stöckel auf dem Pflaster vollführten, unterbrochen wurde. Ein Auto kam nach Chesterton Mansions gesaust und hielt vor dem Hause gegenüber von Mr. Markhams Laternenpfahl. Mr. Markhams irrender Blick hatte soeben konstatiert, daß es das Haus Nr. 48 war. Jetzt sah er zwei Herren mit aufgestellten Rockkragen aus dem Auto steigen und mit großer Anstrengung zwei andere herausheben, die in beträchtlich schlimmerer Verfassung schienen als Mr. Markham selbst. Sie konnten faktisch nicht auf den Beinen stehen. Mr. Markham glaubte zu sehen, daß sie in irgendein exzentrisches Kostüm gekleidet waren. Der Kontrast zwischen den Evolutionen der vier Herren und seiner eigenen sicheren Position am Laternenpfahl erfüllte ihn mit einer Befriedigung, die in einem herzlichen Lachen Ausdruck fand.

„Mi—mir scheint, die haben g—genug,“ sagte Mr. Markham.

Die Laterne, unter der Mr. Markham stand, war ausgelöscht, und Mr. Markham erregte daher nicht die Aufmerksamkeit der vier Herren. Jetzt sprang der Chauffeur ab und übernahm den einen der beiden übererfrischten Herren, während einer der Herren, die zuerst ausgestiegen waren, das Haustor von Nr. 48 öffnete. Der Mann, den der Chauffeur stützte, fiel seinem Helfer in die Arme, und verlor dabei einen weißen Turban, der auf das Trottoir rollte.

„Der ist wohl auf einem Ma—maskenball gewesen,“ sagte Mr. Markham. „Mir scheint, der hat genug. Und jetzt trei—treiben sie es, scheint mir, noch weiter!“

Jetzt öffnete sich die Haustüre, und ein mühsamer Transport begann, dem Mr. Markham unter großer Heiterkeit zusah. Schließlich kehrte der Chauffeur allein zurück, schloß das Tor und fuhr im Auto fort, ohne Mr. Markham gesehen zu haben.

„De—der wird sich auch ein schönes Trinkgeld verdient haben,“ murmelte Mr. Markham mit einem verständnisvollen Lächeln und löste sich von dem Laternenpfahl los. Er erreichte die nächste Straßenecke, wo er sich wieder verankerte, um einem Gedanken Luft zu machen, der sich in seinem Innern emporgearbeitet hatte.

„Nummer ach—achtundvierzig, hol mich der und jener!“ brummte Mr. Markham. „Die Wohnung des B—barons. Die einzige, die vermietet ist! Wissenschaftliche Arbeiten, hahaha! Go—gott helfe mir, wissenschaftliche Arbeiten!“

Er gewann diesem Gedanken alle Ergötzlichkeit ab, die er bot, bevor er den Laternenpfahl wieder losließ und seinen unsicheren Heimweg fortsetzte.

Mr. Markhams Gedächtnis war von jener beneidenswerten Sorte, die auch an einem Morgen nach irländischem Whisky funktioniert. Er erinnerte sich folglich am nächsten Morgen an die vier Herren, die er in das Haus Nr. 48 gehen gesehen hatte; und in der Morgenbeleuchtung erschien ihm dieser Vorfall nicht ganz so ausschließlich humoristisch wie in der Nacht. Nur der Chauffeur war wieder aus dem Hause herausgekommen; waren also die drei Herren die Nacht über beim Baron geblieben? Dann hatten sie sicherlich Lärm gemacht und die Nachtruhe der Nachbarn gestört. Mr. Markham machte einen Vormittagsbesuch in Nr. 46, um sich beim Nachbar des Barons darnach zu erkundigen.

Dieser war ein jüdischer Geldverleiher, der immer mit der Sonne aufstand, um soviel als möglich aus seinem fragwürdigen Beruf herauszuschlagen. An diesem Morgen war er schon seit halb sechs Uhr auf, wie er Mr. Markham erklärte, aber durchaus nicht infolge von Lärm im Nebenhause. Er hatte im Gegenteil kaum einen Laut von dort gehört; aber gegen sechs Uhr hatte er einen Herrn mit aufgestelltem Rockkragen Nr. 48 verlassen und die Sutherland Avenue hinuntergehen sehen.

„Einen?“ fragte Mr. Markham, „nur einen, Herr Streptowitz?“

„Nur einen,“ bestätigte Herr Streptowitz mit dem melancholischen Tonfall, den seine Stimme bei der Erwähnung so geringfügiger Zahlen annahm.

„Nur einer!“ wiederholte Mr. Markham. „Aber ich sah doch vier hineingehen, und da müßten wohl drei wieder herausgekommen sein, wenn der eine der vier der Baron war!“

„Die andern zwei Herren sind wohl vorangegangen,“ sagte Mr. Streptowitz, so melancholisch, als wollte er andeuten, daß die beiden Herren in eine andere Welt gegangen seien.

Mr. Markham gab zu, daß dies wahrscheinlich sei, und verabschiedete sich.

Am selben Nachmittag sah er den Baron und die Baronin. Sie standen im Stiegenhaus vor der offenen Türe ihrer Wohnung und sprachen eifrig mit gesenkter Stimme. Mr. Markham, der die Treppen hinaufkam, um die leeren Wohnungen zu besichtigen und seiner Gewohnheit gemäß in Gummischuhen ging, kam in Hörweite, ohne daß sie ihn bemerkten. Er fing einige Worte des Barons auf:

„Der verdammte schwedische Schlingel! Diese Nacht gehörte ihm, aber übermorgen gedenke ich durch dich Revanche zu nehmen ...“ Er erblickte Mr. Markham und verstummte plötzlich.

Mr. Markham, der innerlich zu der Schlußfolgerung gelangt war, daß der eine der Teilnehmer an der Orgie der Nacht — vermutlich der Herr mit dem Turban — ein Schwede war und offenbar seinen Gastgebern lästig geworden war, lächelte dem Baron diskret zu, während er grüßte. Er wollte eben eine feine Anspielung machen, um zu zeigen, daß er von den wissenschaftlichen Studien seines Mieters wußte, was er wußte, aber sah aus Respekt vor der Baronin davon ab.

Es dauerte bis Freitag, den 19. September, ehe er Anlaß hatte, wieder an die Herrschaften in Nr. 48 zu denken. Früh am Vormittag dieses Tages ging er an Mr. Streptowitz’ Wohnung vorbei. Dieser Herr stand in der Türe und rauchte in Hemdärmeln eine Pfeife. Als er Mr. Markham sah, nahm er die Pfeife aus dem Mund und winkte ihm.

„Jetzt sind die aus Nr. 48 abgereist,“ sagte er mit betrübter Stimme.

„Abgereist? Der Baron ist abgereist?“ stammelte Mr. Markham.

„Das weiß ich nicht, aber die zwei Herren, von denen Sie dieser Tage sagten, daß sie Ihnen fehlten.“

„Was meinen Sie, Mr. Streptowitz?“

„Die zwei Herren, die dieser Tage fehlten. Sie sagten doch, Sie hätten drei fremde Herren hineingehen sehen, und ich sah nur einen wieder fortgehen. Heute morgens um halb fünf Uhr, als ich mich ankleidete, sah ich sie in einem Auto in Gesellschaft eines anderen Herrn fortfahren. Sie sahen aus wie Inder und wie schwer betrunken. Es war noch kaum taghell. Ich stehe am Freitag immer so früh auf, weil die Leute für den Sabbath Geld brauchen.“

„Inder und bis jetzt da!“ rief Mr. Markham, „und um halb fünf Uhr früh schwer betrunken! Das ist ja unanständig, Mr. Streptowitz.“

„Das ist es auch,“ gab Mr. Streptowitz mit einem etwas freudigerem Tonfall zu. „Um fünf Uhr soll man aufstehen und arbeiten, und nicht betrunken sein. Was macht denn der Baron auf Nr. 48?“

„Er studiert!“ rief Mr. Markham mit einem schrillen Lachen. „Studiert die Wissenschaften, Streptowitz! Gott helfe mir, die Wissenschaften!“

„Das ist traurig,“ sagte Mr. Streptowitz, „sehr traurig. Sie werden schon sehen, bei dem kommt noch etwas Merkwürdiges heraus, Mr. Markham.“

Mr. Markham, der sich an seine Fünfpfundnote erinnerte, erklärte energisch, seine Mieter stünden hoch über jedem Verdacht.

Am selben Tage etwas später führte ihn sein Weg zum Baron. Chesterton Mansions war bis jetzt nur mit Gas versehen gewesen; nun war die Rede davon, Elektrizität einzuführen, wenn die Mieter sich dafür aussprachen. Mr. Markham klingelte beim Baron an, um sich zu erkundigen. In der Wohnung reagierte niemand darauf. Mr. Markham klingelte bei der Baronin an. Zu seinem Staunen kam sie selbst und öffnete. Sie machte nur einen kleinen Spalt der Türe auf, um zu sehen, wer da war. Sie sah etwas übernächtig aus, ihre grauen Augen waren nicht so ruhig und kalt wie sonst, und Mr. Markham bemerkte, daß sie Ringe unter denselben hatte. Mr. Markham brachte sein Anliegen vor und sagte, daß er schon an der Wohnung ihres Mannes geklingelt habe.

„Mein Mann ist ausgegangen,“ sagte sie kurz, aber verbesserte sich sofort: „verreist, meine ich. Nach Oxford, seiner Arbeit wegen.“

Mr. Markham, der sich an Mr. Streptowitz’ Erzählung von den drei Herren erinnerte, die am Morgen abgereist waren, starrte sie an und machte seiner Neugierde Luft.

„Hat der Baron Besuch gehabt?“ fragte er.

Sie zog die Augenbrauen zusammen.

„Was meinen Sie?“

„Jemand hat heute morgens zu sehr früher Stunde drei Herren abreisen sehen,“ stammelte Mr. Markham.

Die Baronin sah ihm fest in die Augen.

„Der Baron ist heute früh mit seinen zwei Dienern abgereist,“ sagte sie kurz. „Ich bin bis morgen allein in der Wohnung, aber seien Sie so gut und lassen Sie das nicht bekannt werden. Eine Dame allein kann Unannehmlichkeiten haben.“

„Und die Elektrizität?“ murmelte Mr. Markham mit einer demütigen Verbeugung.

„Hat Zeit, bis der Baron in ein oder zwei Tagen wiederkommt. Guten Abend.“

Sie schloß die Türe artig, aber bestimmt Mr. Markham vor der Nase zu. Dieser blieb stehen und starrte die Türe an, und plötzlich zuckte er zusammen. Er hätte es nicht beschwören können — aber war das nicht eine Männerstimme, die er drinnen aus der Wohnung gehört hatte, in der die Baronin allein war? Nur einen Augenblick, dann war es wieder still ... Mr. Markham machte einer ententefeindlichen Ansicht über die Moral der Franzosen Luft und ging, indem er murmelte:

„Streptowitz hat recht, das ist bestimmt eine merkwürdige Gesellschaft, die hier auf Nr. 48.“

Hätte Mr. Markham die Gabe gehabt, in dem Augenblicke, in dem er diese Aeußerung machte, durch die geschlossene Türe zu sehen, wäre sie noch berechtigter gewesen. Mr. Markhams Ohren hatten ihn nicht getäuscht; es war eine Männerstimme, die er soeben aus der Wohnung der Baronin gehört hatte, und was sie gesagt hatte, war:

„Wer war das? Der Verbrecherkönig?“

Die Stimme kam von einem jungen Manne, der auf einem Diwan lag. Er war von bräunlicher Gesichtsfarbe mit einem kurzen Schnurrbart, nicht ohne Spuren von Wohlleben, und seine Augen waren von schwarzen Ringen umgeben, die ebenso gut von Wohlleben wie von Entbehrungen stammen konnten. Denn der junge Mann, der auf dem Diwan lag, war an Händen und Füßen gebunden und wurde außerdem durch einen losen Gürtel über der Brust an dem Diwan festgehalten. Die Baronin hatte sich ruhig in einem Fauteuil niedergelassen; der Gefangene auf dem Diwan wiederholte seine Frage:

„War das Euer Gatte, der Verbrecherkönig?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sie sind beharrlich in Ihrer Ausdrucksweise,“ sagte sie. „Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß der Mann, den Sie den Verbrecherkönig nennen, nicht mein Gatte ist?“

„Aber ihr wohnt doch hier zusammen?“

„Nein, sage ich Ihnen. Wir haben jeder unsere Wohnung. Die seine liegt meiner gegenüber, und der jetzt angeläutet hat, war der Mann, der die Wohnungen vermietet. Er hatte eine Anfrage. Sind Sie jetzt nicht durstig? Soll ich Ihnen Zitrone und Wasser geben?“

Der Gefangene auf dem Diwan runzelte heftig die Stirne.

„Ich nehme ebenso wenig von Euch etwas an, wie von ihm, von dem Ihr behauptet, daß er nicht Euer Gatte ist,“ sagte er.

Seine Stimme zitterte vor unterdrückter Empörung.

„Ihr beide habt unauslöschliche Schmach auf meinen Namen gehäuft und die Pläne ganz durchkreuzt, um deretwillen ich in diesen Weltteil gekommen bin, der ewig verflucht sein möge.“

„Aber ich sage Ihnen, es dauert mindestens zwei Tage, bis Sie frei werden. Sie werden verhungern oder verdursten.“

„Lieber das, als etwas von Euch annehmen.“

Dies junge Frau neigte den Kopf.

„Wie Sie wollen,“ sagte sie. „Vielleicht können Sie zwei Tage leben, ohne sich so tief zu demütigen. Die Menschen in Ihrem Lande können sich ja sogar lebend begraben lassen ohne zu sterben. Im übrigen müßte ja Zitrone und Wasser nicht als Salz und Brot gelten.“

Der Gefangene lag mit geschlossenen Augen da, ohne zu antworten. Sie fuhr langsam wie für sich selbst fort:

„Als Sie vor einigen Stunden zum Bewußtsein erwachten, tranken Sie zwei ganze Gläser, die Ihnen gut zu tun schienen.“

Er öffnete die Augen und starrte sie an.

„Ist das wahr, oder lügt Ihr, um mich in einer Falle zu fangen?“

„Ich bin eine Abenteurerin, aber ich lüge Sie nicht an. Nicht einmal, um Sie in eine Falle zu locken.“

Er starrte sie an ohne zu antworten. Endlich sagte er:

„Eine Abenteurerin? Was ist das?“

Sie zog die Augenbrauen empor.

„Wie soll ich es Ihnen sagen? Ich war verheiratet, mein Mann starb, ich war des Lebens, das ich kannte, müde und zog aus, um etwas Neues kennen zu lernen.“

„Und Ihr fandet es?“ Seine Stimme war eifrig, aber ohne die frühere Erregung.

„Ich fand wenigstens eine neue Sorte von Mann,“ sagte sie.

„Wen? Den Verbrecherkönig?“

„Ja. Er glich keinem anderen Mann, den ich getroffen hatte. Er beging Torheiten, die ihm das Leben und die Freiheit kosten konnten, um einer Laune willen, und er konnte den Gewinn um einer Laune willen hinwerfen, die törichter war, als andere Menschen es sich auch nur träumen lassen können.“

Der Gefangene auf dem Diwan starrte vor sich hin und murmelte:

„Auch ich war des Lebens, das ich kannte, müde und zog aus, um etwas Neues zu suchen, das ich nicht kannte.“

Sie lächelte.

„Aber das haben Sie ja unleugbar gefunden!“

„Was ich suchte, war ein Weib, dessengleichen ich noch nie gesehen.“

Sie lächelte wieder.

„Und ich suchte einen solchen Mann, vermute ich!“

Er starrte sie verachtungsvoll an.

„Und Ihr begnügtet Euch mit einem Verbrecherkönig!“

„Es gilt König auf irgendeinem Gebiete zu sein,“ sagte sie.

„Und Ihr, die Ihr es verdient, Königin, wo es auch sein mag, zu sein, entscheidet Euch dafür, die Königin der Verbrecher zu sein. Beim Propheten, ich kann meinen Sinnen nicht glauben.“

„Sie sind artig gegen mich,“ sagte sie. „Sie würden es vermutlich nicht sein, wenn ich Ihnen sagte, daß ich mich nicht wie andere Königinnen damit begnüge, den König regieren zu lassen. Heute nacht unternahm ich einen Versuch, das zu tun, was dem König vor drei Tagen mißlungen ist. Sie haben schon selbst herausgefunden, warum Sie hier sind.“

„Einer Anzahl farbiger Steine wegen; die weißen Sahibs denken nie an etwas anderes als an Gewinn.“

„Einer Anzahl recht ungewöhnlicher, farbiger Steine wegen,“ wendete sie ein. „Aber farbig oder nicht farbig hätten sie für mich nur durch das Bewußtsein Wert gehabt, daß mir gelungen ist, was dem König mißlang.“

„Eurem Gemahl! Dem Mann, den Ihr liebt!“

„Nein, sage ich Ihnen!“ Sie stampfte mit ihrem schwarzen Samtschuh auf den Boden, „ein Bewerber um meine Hand. Nichts anderes. Lassen Sie mich erzählen, was er und was ich getan haben, und sagen Sie mir, wer bisher des Throns würdiger ist.“

Indem sie ihre Finger miteinander verschlang und hie und da nach der Sonne sah, die hinter dem Ziegelhorizont von Chesterton Mansions verschwand und ihr Haar zu einer goldroten Krone machte, begann sie zu sprechen. Der Gefangene auf dem Diwan hörte ihr schweigend zu, während der Blick seiner Augen die ganze Skala von Verachtung bis zum Enthusiasmus durchlief. Nach einiger Zeit verstummte sie und sah ihn an, die Augenbrauen über ihren grauen Augen fragend gehoben. Er schwieg, dann sagte er langsam:

„Und alles wegen ein paar farbiger Steine! Wäre ich frei, sie wären in diesem Augenblicke die Euren.“

Sie richtete sich ein wenig auf.

„Meinen Sie, was Sie sagen?“ fragte sie. „Könnten Sie Juwelen, die in Geld gar nicht zu schätzen sind, einem Wesen schenken, das alles dazu getan hat, Sie derselben zu berauben? Ach, Sie sprechen wie andere Männer — der schönen Worte wegen.“

Er sah sie mit einem intensiven und zugleich müden Blick an.

„Ihr könnt so etwas nicht für möglich halten,“ sagte er, „seid Ihr doch eine aus dem Volke der Sahibs. In meinem Lande werden Reichtum und edle Steine nur für das geschätzt, was sie sind, und was ein Mann leistet, gilt alles. Aber Ihr seid aus dem Volke der Sahibs, und Euch scheint es undenkbar, daß ich aus einer Laune etwas wegwerfe, was für Euch Ziel und Zweck des Lebens ist.“

Sie erhob sich aus ihrem Fauteuil und glitt zu dem Diwan, auf dem er lag.

„Was würden Sie tun, wenn ich jetzt Ihre Bande löste?“ sagte sie.

Er sah sie mit derselben Ruhe im Blick an.

„Mein Versprechen lockt Euch?“ sagte er. „Ihr wollt sehen, ob eines Königs Wort auch eines Königs Wort ist, wenn es sich um hundertfünfzig Juwelen handelt?“

In ihren Augen blitzte es auf, und sie machte zwei Schritte zurück.

„Sie könnten mir die Steine jetzt geben, und ich würde sie Ihnen ins Gesicht werfen,“ sagte sie. „Wenn es mir heute nacht gelungen wäre, mich Ihrer Juwelen zu bemächtigen, für deren Besitz ich viele hundert Meilen gereist bin, ich würde dasselbe damit tun. Sie können mir aufs Wort glauben. So sehr Sie König sind, bin ich Königin.“

Er machte einen Versuch, sich auf dem Diwan aufzurichten, aber wurde von den Banden gehindert und sank zurück. Er starrte sie lange und unverwandt an, wie um sich von dem Gehalt ihrer Worte zu überzeugen. Sie hielt stand und betrachtete ihn mit demselben Licht in den Pupillen und derselben leichtgeschürzten Oberlippe. Endlich sagte er langsam und beinahe demütig:

„Ich bin blind gewesen. Verzeiht! Ihr seid das, was Ihr sagtet, und meine Kehle ist trockener als eine Wüste. Aus Eurer Hand empfange ich alles, was sie gibt, wie der Bettler eine Gabe.“

Sie zuckte zusammen; ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, und sie eilte durch das Zimmer zu einem Tisch mit Gläsern und Flaschen. Nach einem Augenblick war sie wieder bei ihm, mit einem Glas, dessen Inhalt er auf einen Zug austrank. Er sank auf den Diwan zurück, sie zog den Fauteuil etwas näher heran und setzte sich. Sie maßen einander noch immer mit den Blicken, und schließlich sagte er:

„Erzählt mir noch mehr aus Eurem Leben. Seid Ihr wirklich mehrere hundert Meilen gefahren, um meine Juwelen zu erringen? Ohne sie auch nur um ihres Geldwertes willen zu begehren?“

Sie neigte den Kopf.

„Mich dünkt,“ sagte er langsam, „als wäre ich einen noch weiteren Weg gepilgert, oh Maharaneeh, um Euch zu begegnen.“

* *
*

Am Nachmittag des nächsten Tages, als Mr. Markham bei der Baronin und dem Baron anklingelte, meldete sich niemand. Mr. Markham stürzte zu Mr. Streptowitz hinauf. Dieser nickte bestätigend.

„Jawohl, sie ist abgereist. Ich habe sie selbst gesehen. Aber sie war nicht allein!“

„Nicht allein? War sie in Gesellschaft des Barons?“

„Nein,“ sagte Mr. Streptowitz, „sie war mit einem Hindu. Das Haus muß voller Hindu sein. Ich bin überzeugt, das sind Anarchisten. Und dieser Hindu und die Baronin lächelten sich an wie ein verliebtes Paar.“

Und das war das letzte, was Chesterton Mansions von dem freiherrlichen Paar de Citrac sah.