V
Das große Hotel (Fortsetzung)

„Waren Sie oben, und haben Sie ihn gesehen, Miß Helen?“

„Gewiß. Nicht alle bleiben bis zum Lunch liegen, wie Sie, Mr. Cray. Einen hübschen Schlips haben Sie da.“

„Sehr erfreut, das von Ihnen zu hören. Aber wie sieht er aus?“

„Prachtvoll. Er hatte weiße Tennishosen und einen Zylinder.“

„Nicht viel für September.“

„Machen Sie keine schlechten Witze! Er hatte noch eine Menge anderer Dinge an. Uebrigens sieht er sehr gut aus, obwohl er ein bißchen dick zu werden anfängt.“

„Wie alt ist er denn?“

„Er sieht aus, wie ungefähr dreißig. Er hat einen schwarzen Schnurrbart und wunderschöne Zähne. Und das Gefolge — Sie sollten sich wirklich schämen, so lange zu schlafen.“

„Waren Elefanten, Kamele und Nigger dabei?“

„Wenigstens Nigger. Es war überhaupt nur ein weißer Mann in der Gesellschaft, ein alter barscher Herr mit weißem Schnurrbart. Der Portier sagte, es ist ein englischer Oberst, der dazu angestellt ist, das Untier, wie Mama ihn nennt, zu bewachen.“

„Und die übrigen waren Nigger?“

„Wenn man sie so nennen will. Sie haben eine dunkle Gesichtsfarbe, aber ich versichere Ihnen, sie sehen stattlich aus. Er hat so eine Art Leibwache von zehn Mann mit Turbanen und Krummsäbeln, die seine Zimmer Tag und Nacht bewachen sollen. Und dann war da noch ein alter Herr, so irgendeine Art Würdenträger, vermute ich, der war in Zivil und sah so ehrwürdig aus, wie ein Erzbischof. Er hatte einen grauen Bart, der nach beiden Seiten weggekämmt war, ganz wie auf dieser Zeitungsreklame.“

„Die ungarische Pomade?“

„Ja, ganz richtig. Als sie die Eingangstreppe hinaufgingen, sprach er irgend etwas in Versen. Es klang wie eine Beschwörung. Mir wurde ganz andächtig zumute.“

„Kam ein Djinn? Hat er nicht auch irgendeine Kupferlampe gerieben?“

„Das weiß ich nicht. Er hatte so weite Kleider, das konnte man nicht sehen.“

„Asiatische?“

„Jedenfalls nicht aus Newyork. Aber sonst ein stattlicher alter Herr. Er sah ein bißchen wild aus, aber gebildet, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Aber sicherlich. Wie ein gebildeter Amerikaner.“

„Herrgott, wie witzig Sie sind, Mr. Cray! Hier kommt Mama.“

Mrs. Bowlby kam in weißer Morgentoilette in die Halle des Grand Hotel Hermitage hereingehopst; es sah aus, als setzte sie, wenn sie ging, beide Füße gleichzeitig vor wie ein Vogel. Sie ließ ein schrilles Zwitschern der Befriedigung hören, als sie ihre Tochter und Allan auf zwei der schwarzen Büffelledersessel der Halle entdeckte. Allan beeilte sich, noch einen herbeizuziehen, in dessen Tiefen Mrs. Bowlby verschwand wie ein Zuckerwürfel in einer Tasse Kaffee.

„Gott sei Dank! Ich habe geglaubt, das Untier hat dich schon entführt, Helen.“

„Aber Mama! Er hat ja schon hundertfünfzig Sultaninnen.“

„Ach, ich kenne die Männer! Ob sie hundertfünfzig haben oder eine, immer sind sie gleich bereit, zu betrügen.“

„Aber ich versichere dir, er hat mich nicht einmal angesehen.“

„Wie sieht er aus, Helen?“

„Er sieht sehr gut aus, nur ein bißchen fett.“

„Mit hundertfünfzig Frauen!“

„Er war natürlich ein bißchen exzentrisch angezogen. Aber du hättest die Leibwache sehen sollen. Zehn — Aber hier kommt Papa. Er sieht aus, als hätte er etwas zu erzählen.“

Mr. Bowlby kreuzte die Halle, das Gesicht voll unerzählter Neuigkeiten.

„Guten Morgen, alle miteinander!“ rief er. „Well!

„Nun, John, was gibt es?“

„Sei ruhig, Susan, du wirst es schon erfahren, obgleich es so geheim als möglich gehalten werden soll, der Londoner Diebe wegen.“

„Was ist es, John? Etwas mit den hundertfünfzig?“

„Nicht mit denen, die du meinst. Er hat noch hundertfünfzig Kleinigkeiten mit —“

„Also alles in allem dreihundert!“

„... auf die er wohl bedeutend mehr Wert legt. By Jove! Der Direktor zittert an allen Gliedern. Es gibt ihresgleichen wohl nicht in Europa und kaum in Indien.“

„Wovon sprichst du denn, Papa?“

„Von seinen Juwelen, mein Kind! Hundertfünfzig Schmuckstücke und eine Anzahl einzelner Steine, alle von einer Qualität, die hors concours ist. Oberst Morrel, der alte Engländer, der als sein Beschützer mit ist, sprach davon wie vom achten Weltwunder, sagte der Direktor, obwohl er sonst nicht den Eindruck macht, sich leicht imponieren zu lassen.“

„Er hat sie natürlich dem Hotel zur Aufbewahrung im Safe übergeben, Mr. Bowlby?“

„Nein, junger Freund, das ist eben das Arge. Der Oberst drang darauf, daß sie übergeben werden sollten. Aber der Maharadscha will sie oben in seiner Wohnung haben. Sie werden begreifen, daß der Direktor nervös ist! Denken Sie sich, wenn so irgendeine Hotelratte ...“

„Aber in das Grand Hotel Hermitage kommt doch keine Hotelratte, Mr. Bowlby! Ist das nicht überhaupt eine ausgestorbene Gattung wie Plesiosauren und Pterodaktylen?“

„Glauben Sie das nicht so sicher, Mr. Cray. Ich erinnere mich, wie vor zwei Jahren in Newyork — aber das tut nichts zur Sache. Nun hat er natürlich seine Leibwache, die Tag und Nacht vor seiner Suite ...“

„Unserer Suite, John.“

„... Wache hält. Die zehn wilden Gesellen mit den Krummsäbeln, die du gesehen hast, Helen. Das wird wohl Schutz genug sein. Aber der Direktor hat mir noch etwas erzählt.“

„Was denn, Papa? Etwas über den graubärtigen Bischof?“

„Bischof? Das ist sein Hofpoet und Lehrer! Ali heißt er, scheint mir. Hast du ihn deklamieren gehört, als er die Treppe hinaufging, Helen? Nein, vom Maharadscha selbst. Der ist noch verrückter als Pierpont Morgan, nur in anderer Art. Pierpont J. sammelt alte Sachen, da das Alte das einzige Neue ist, was er finden kann. Der Maharadscha, der alle Hände mit alten Sachen voll hat, ist ihrer müde, und wißt ihr, was er zu tun gedenkt? Er will die Fassungen aller Diademe ändern lassen! Sonst, glaubt er, würde er von den Europäern ausgelacht werden. Well!

Mr. Bowlbys Ausruf kam ihm vom Herzen. Er sah sich in der Halle um, und kaum hatte er das getan, als er einen neuen Ausruf von sich gab.

Blow me! Wenn man den Wolf nennt ... Da habt ihr schon den Mann, der geholt wurde, um die Aenderungen vorzunehmen. Der Maharadscha hat es aber eilig! Er hat noch kaum Zeit gehabt zu frühstücken!“

„Wo siehst du ihn, Papa?“

„Dort drüben. Der mit dem großen Schnurrbart, der da steht und mit dem Direktor spricht.“

By Jove!

Nun war es an Allan, einen anglosächsischen Ausdruck des Erstaunens hervorzustoßen. Gerade beim Eingang zum Hotelkorridor, im Gespräch mit dem breitschultrigen, bocksbärtigen Herrn, der, wie er wußte, der Direktor des großen Hotels war, stand kein anderer, als sein alter Bekannter aus dem Hamburger Bahnhof — der Mann mit der bordeauxfarbenen Raubvogelnase und dem borstigen, graugelben Schnurrbart. Der Direktor sprach überaus ehrerbietig zu ihm und schien Erklärungen abzugeben. Er zuckte unaufhörlich die Achseln, so als erzählte er etwas, wofür er jede Verantwortung ablehnen wollte.

„Was ist denn, Mr. Cray?“

Allan wandte endlich den Blick von den beiden Herren ab. Er zögerte einen Augenblick, bevor er mit seiner dramatischesten Stimme erklärte:

„Was es ist, Miß Bowlby? Nichts anderes, als daß ich den Mann kenne, von dem Mr. Bowlby eben sprach!“

„Sie kennen ihn? Wie heißt er?“

„Ja ... das weiß ich nicht.“

„Aber ich weiß es,“ sagte Mr. Bowlby, „er ist ein Holländer und heißt van Schleeten. Er ist einer der größten Juweliere oder jedenfalls Juwelenspezialisten Europas. Er hat das große Diadem gemacht, das die französische Republik der Kaiserin von Rußland geschickt hat und Dutzende ähnlicher Dinge. Der Direktor hat es mir erzählt. Er hat mir auch anvertraut, daß der gute Mynheer van Schleeten seiner Zeit ein großer Don Juan gewesen ist. Wie können Sie ihn kennen, ohne zu wissen, wer er ist, Mr. Cray?“

„Das ist eine Spezialität von Mr. Cray! Er kannte ja auch Mrs. Langtrey, ohne zu wissen, wie sie heißt.“

Allan nickte.

„Sie haben recht, Miß Bowlby, und das Wunderliche ist, daß ich sie von derselben Gelegenheit her kenne. Ich fuhr damals mit ihnen, Sie wissen, als man mein Gepäck stahl. Sie waren miteinander.“

„Dann ist der Juwelier ein Hochstapler. Langtreys Frau kennt nur Hochstapler. Dann will er die Juwelen des Untiers stehlen.“

„Susan, sei doch vorsichtiger mit dem, was du über die Leute sagst. Ich habe dir doch schon erzählt, wer er ist. Glaubst du, der Direktor würde es wagen, eine zweifelhafte Persönlichkeit in die Nähe der Juwelen des Maharadschas zu lassen, was er doch offenbar jetzt zu tun gedenkt?“

Mrs. Bowlby antwortete nur mit einem verächtlichen Kopfschütteln. Sie fixierte den bordeauxnasigen Juwelier mit einem durchdringenden Blick, während er an der Seite des Direktors durch die Halle zum Aufzug ging. Ihre Nase drückte stumm, aber beredt die Auffassung aus, die sie sich von Herrn van Schleeten nach dem, was Allan von seinen Damenbekanntschaften erzählt, gebildet hatte. Der Direktor und der Holländer verschwanden im Aufzug, und Mrs. Bowlby schnellte aus ihrem Klubsessel empor wie aus einer chinesischen Schachtel.

„Zeit zu lunchen,“ dekretierte sie. „Leisten Sie uns Gesellschaft, Mr. Cray, und erzählen Sie uns, was Langtreys Frau mit dem Juwelier zu tun gehabt hat.“

* *
*

Der Tag brachte noch eine Sensation für Allan, und zwar kam sie von jemand, den er in der Gesellschaft der Familie Bowlby schon fast vergessen hätte, nämlich Herrn Benjamin Mirzl.

Die Sensation hatte wieder einmal die Form eines Briefes. Allan hatte eben eine Nachmittagszigarre im Rauchzimmer beendet, als einer der unzähligen dienstbaren Geister des Hotels hereinkam und nach einer kurzen Inspektion des Zimmers auf Allan lossteuerte.

„Ein Brief für Sie, Sir.“

Allan sah auf, ein wenig erstaunt. Wer schrieb ihm hier einen Brief?

„An mich?“

„An Sie, Sir. Sie sind doch der Herr, der auf Nr. 417 wohnt, nicht wahr?“

„Das stimmt.“

Allan nahm den Brief von dem Tablett des Livrierten und belohnte ihn mit einem Sixpence. Aus alter Gewohnheit prüfte er das Kuvert, das eine verwischt abgestempelte Marke trug und suchte vergeblich zu ergründen, ob Paddington, Kensington oder Kennington daraufstand. Dann riß er das Kuvert auf, das, wie es sich zeigte, folgendes Schreiben enthielt:

„Lieber Herr Kragh! Nehmen Sie es nicht übel, wenn ich Ihnen einen guten Rat gebe: Verannoncieren Sie doch nicht Ihr Geld, um diesen Träger zu erwischen. Das einzige Resultat, wenn Sie so fortfahren, wird sein, daß Sie den Besuch irgendeines Schwindlers bekommen, der Ihre zwei Pfund nimmt und Ihnen den Buckel vollügt. Der wirkliche Träger kommt nie; sein Trägeramt währte nur einen einzigen Abend, und seine Ehrlichkeit ist zu groß, als daß er es so machen würde, wie jene Schwindler, vor denen er Sie soeben gewarnt hat.

Also, inhibieren Sie weitere Annoncen!

In Eile Ihr ergebener
Dr. Hauser,   
alias Ludwig Koch,  
alias ...... (nach Belieben).

P. S. Ich freute mich, daß Sie Star, Daily Mail und Daily Citizen für die Annonce gewählt haben und nicht die großen teuren Pennyzeitungen! D. O.“

Allan starrte stumm das kleine Schriftstück an. Das war doch ein Teufelskerl! Der mußte im Nacken und an allen Fingern Augen haben! Die Annonce hatte ja gar keinen Namen enthalten, nur die Adresse Grand Hotel Hermitage, und trotzdem hatte dieser Erzschelm sofort begriffen, von wem sie herrührte. Allan gab sich eine Weile der Bewunderung für Herrn Benjamin Mirzl hin und überlegte, was dieser Herr wohl in London vorhaben mochte. Nicht zum mindesten wunderte es ihn, daß Herr Mirzl sich Zeit nahm, sich mit einer so unbedeutenden Person, wie er es war, abzugeben. Schließlich steckte er den Brief in die Tasche und nahm sich vor, Bowlbys von der Sache zu erzählen.

Er fand dazu Gelegenheit, als er gegen sieben Uhr in den Speisesaal des Hotels kam. Mr. Bowlby mit Familie saß an einem der Tische in der Mitte des großen Speisesaales, im Schatten der Palmen rings um den ewig rieselnden Gold- und Marmorspringbrunnen. Er winkte Allan einladend zu, und dieser beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Diese originellen, urwüchsigen Menschen waren ihm höchst sympathisch. Er ließ sich nieder und erzählte Herrn Mirzls neue Leistungen, unter eifrigen Kommentaren von Mrs. Bowlby.

„Wollen wir wetten, Mr. Cray, daß dieser Kerl die Leute in London ausplündert! Das ist eine feine Nummer! Warum glauben Sie, hat er Ihnen Ihre Koffer zurückgeschickt?“

„Um das zu erfahren, habe ich ja die Annonce eingerückt, und da sehen Sie nun das Resultat.“

„Ein Erzgauner,“ bestätigte Mrs. Bowlby noch einmal. Dann unterbrach sie sich plötzlich.

„Sehen Sie!“ flüsterte sie, „sehen Sie, dort, Mr. Cray! John! Wahrhaftig, wird das wilde Tier nicht mit uns anderen zu Mittag essen! Sieh dir doch ihre Kostüme an, Helen!“

Allan drehte sich hastig um und sah ein Bild, das er nicht sobald vergaß. Im Parademarsch kam über die schweren gelben Teppiche des Dinersaales ein Zug von fünf Personen, wie das Grand Hotel Hermitage sie mit Ausnahme eines einzigen, wohl noch nie gesehen hatte. Voran, mit unnachahmlicher angeborener Grandezza schritt ein junger Mann von dreißig Jahren, etwas beleibt, aber von jener Beleibtheit, die Würde gibt. Sein Gesicht war schön oval mit einem kurzen, glänzenden, schwarzen Schnurrbart über einem unzufriedenen Mund. Der Teint war mattbraun, aber kaum dunkler, als der eines sonnverbrannten Sportsmannes. Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad! Er trug europäische Abendkleidung, aber hatte einen glänzenden weißen Turban auf dem Kopf und um den Hals ein breites Band aus grauen Perlen, das er wie einen Orden trug. In dem Turban stak eine Aigrette aus großen funkelnden Smaragden. Einen halben Schritt hinter ihm kam ein alter, ganz und gar englischer Gentleman mit frischer Gesichtsfarbe und buschigem, weißem Schnurrbart. Seine Augen waren klar blau und leuchteten augenblicklich vor Erregung; von welcher Art diese war, verriet sein Mund, der noch größeres Mißvergnügen ausdrückte als der des Maharadschas von Nasirabad. Es war sonnenklar, daß dieser Einzug im Cortège in das Grand Hotel Hermitage ihm als englischem Gentleman nicht gerade zusagte. Offenbar war dies Oberst Morrel, der die Verantwortung für den Maharadscha hatte. Und im Hinblick auf die drei übrigen Personen des Gefolges konnte man seine Gefühle nicht unberechtigt nennen. Ihm zunächst kam ein Hindu, der in Bezug auf die Jahre wohl ein Altersgenosse des Obersten sein konnte, aber dessen Aussehen im übrigen wenig Aehnlichkeit mit dem dieses Militärs hatte. Sein Gesicht, das von sechzig Jahren der Lebenserfahrungen gefurcht war, war lächelnd und freundlich; es wurde von einem gescheitelten, üppigen, grauen Barte umgeben, und Allan begriff sofort, warum Miß Helen mit ihrer amerikanisch-presbyterianischen Phantasie gesagt hatte, er sehe aus wie ein Erzbischof. Denn offenbar war dies die Persönlichkeit, die Mr. Bowlby als den alten Hofdichter und Lehrer des Maharadschas bezeichnet hatte — Ali. Gleich seinem Herrn hatte er sich in europäische Gewandung gehüllt, aber es war offenbar, daß er sie zum ersten Male trug, und ebenso offenbar, daß es ihm kein Vergnügen bereitete. Das einzige Kleidungsstück, das ihm zu passen schien, war der Turban. Hinter ihm kamen die zwei letzten Personen der Eskorte, zwei schwarze Krieger in ganz indischer Tracht, mit kurzen, vergoldeten Krummsäbeln in bunten Gürteln. Ihre schwarzen Augen funkelten beim Anblick des Speisesaales des Grand Hotel Hermitage und seiner Gäste. Aber im übrigen zuckten sie mit keiner Muskel ihrer bärtigen Gesichter, während sie in den Fußstapfen ihres Herrn einem rückwärtigen Tisch des Saales zuschritten. Ein rotbefrackter Oberkellner stand mit einer tiefen Verbeugung daneben; Yussuf Khan, Oberst Morrel und der alte Hofdichter setzten sich, und die schwarzbärtige Leibwache faßte hinter dem Stuhl ihres Herrn Posto. Rings an den Tischen in dem großen Saal schöpfte man tief Atem, und ein leises Gemurmel erhob sich.

Miß Bowlby war die erste an Allans Tisch, die ihren Gefühlen Worte lieh:

„Mama, du kannst sagen, was du willst, aber solche Perlen und solche Smaragden habe ich in meinem ganzen Leben nicht bei Tiffany gesehen!“

„Dacht’ ich mir’s nicht — Helen! Mir scheint, du bist schon verl...“

„Aber Mama, rede doch nicht so! Sei aufrichtig und sage, ob du je so etwas gesehen hast!“

Mrs. Bowlby schluckte eine Portion Gefrorenes, die ihr Inneres für ewige Zeiten vereist hätte, wenn sie keine Amerikanerin gewesen wäre.

Dann kniff sie den Mund zusammen, so daß er ganz im Schatten der Nase verschwand; so geschützt, gab sie zu:

„Nein, wenn du es durchaus wissen willst, ich auch nicht. Aber was nützt es dem Menschen, wenn er ...“

Allan war unartig genug zu unterbrechen.

„Oberst Morrel scheint nicht gerade erbaut davon zu sein, mit seinem Schützling hier zu essen, oder was meinen Sie, Mr. Bowlby?“

„Anscheinend nicht,“ gab Mr. Bowlby zu. „Er ist ein Engländer, und dieses Perlenband und der schwarze Hofdichter gehen ihm auf die Nerven. Wollen Sie um einen Cent wetten, Mr. Cray, daß er sich gesträubt hat, bevor er in dem Triumphzug mitging! Und ich setze meinen letzten Dollar gegen einen Hosenknopf, wenn er sich oft sträubt, dann gibt es Krach. Yussuf Khan sieht aus, als hätte er seinen eigenen Willen, und den zu zähmen braucht es eine Frau, vermute ich.“

Mr. Bowlby sah auf seine Uhr.

Well, Susan, wir müssen aufbrechen, wenn wir zurecht kommen wollen. Sie erinnern sich vielleicht, Mr. Cray, daß ich Ihnen erzählt habe, daß wir beim amerikanischen Gesandten zum Souper geladen sind und wohl erst nach vier Uhr heimkommen werden.“

Allan beeilte sich, Mrs. Bowlby, die nach dem Zugeständnis, das sie ihrer Tochter eben in Bezug auf das Untier gemacht hatte, etwas verstimmt schien, wieder aufzumuntern.

„Glauben Sie, daß Mrs. Langtrey auch beim Gesandten sein wird, Mrs. Bowlby?“

„Langtreys Frau!“ Mrs. Bowlbys Mund kam wieder aus seinem Schlupfwinkel hervor. „Die! Wenn die da ist, dann haben Sie uns in einer halben Stunde wieder hier.“

Mr. Bowlby lachte.

„Na, Mr. Cray, wenn Sie nichts anderes vorhaben, so schauen Sie doch in mein Rauchzimmer hinauf und trinken Sie dort einen Whisky, bevor Sie zu Bett gehen. Ist doch immerhin gemütlicher als unten in der Bar, nicht?“

Allan verbeugte sich.

„Sie sind zu liebenswürdig, Mr. Bowlby ...“

„Keine Zeremonien, junger Freund. Sie gefallen mir, und ich lade Sie ein. Gefielen Sie mir nicht, würde ich Sie nicht einladen. Gehen Sie nur hinauf und machen Sie es sich oben bequem.“

„Aber was wird Ihre Dienerschaft sagen?“

„Ich werde Henry schon verständigen. Well, adieu einstweilen, lieber Cray! Ich bin schon neugierig, welche Ueberraschungen der Maharadscha morgen für uns in petto hat!“

Die Familie erhob sich und nickte Allan zu. Allan sah sie in die Vorhalle verschwinden. Er steckte sich eine Zigarrette an und warf einen Blick auf den Tisch des Maharadscha. Oberst Morrels Laune schien während des Mittagessens nicht besser geworden zu sein. Er war krebsrot im Gesicht und richtete hier und da ein Wort, das offensichtlich kein Kompliment war, an den alten Hofdichter, dessen Kenntnisse der verschiedenen Gabeln und Messer bei einem europäischen Galadiner augenscheinlich nicht sehr eingehender Natur waren.

Plötzlich fuhr Allan in dem eigentümlichen Gefühl zusammen, das man manchmal hat, daß jemand einen fixiert. Er drehte rasch den Kopf nach rechts und sah zu seinem Staunen am nächsten Tische Mrs. Bowlbys Erzfeindin, Mrs. Langtrey. Sie saß tief im Schatten einer überhängenden Palme, ihre grauen Augen funkelten in dem Dunkel unter den großen grünen Blättern wie die einer Wildkatze. Hatte sie gehört, was Mrs. Bowlby gesagt hatte? Unmöglich, es zu entscheiden; auf jeden Fall saß sie vermutlich schon eine ganze Weile da, denn sie hatte eine Tasse Kaffee und ein Likörglas vor sich und eine Zigarette zwischen den Fingern.

Allan sah auf seine Uhr. Es war nach halb neun. Da Bowlbys so spät fortblieben, beschloß er, in irgendein Varieté zu gehen. Eventuell konnte man ja später von Mr. Bowlbys Einladung Gebrauch machen. Er winkte dem Kellner, beglich seine Rechnung und verließ den Saal.

Zwei Sekunden, nachdem er gegangen war, ging Mrs. Langtrey.

„Ich bin schon neugierig, was für Ueberraschungen der Maharadscha morgen für uns in petto hat,“ hatte Mr. Bowlby im Gehen zu Allan gesagt. Aber weder er noch Allan ahnte, was schon diese selbe Nacht an Ueberraschungen bringen sollte.