Es gibt lange nicht so viele Tagfalter wie Schwärmer, Glasflügler, Eulen usw. Aber da die letzteren meist in der Dämmerung oder abends fliegen, kennen wir die Tagfalter, die sich im hellen Sonnenschein umhertummeln, am besten. Ihre Raupen sind nicht so schädlich im Garten wie die der anderen Schmetterlinge, mit Ausnahme von der des Kohlweißlings, über den wir im dritten Buche gesprochen haben.
Es ist sehr unterhaltend, im Frühling und im frühen Sommer die Raupen der gewöhnlichen Schmetterlinge zu sammeln und sie in einem Kasten zu halten, über den ein Stück grober Musselin gespannt ist, so daß man sie beobachten kann, bis die Schmetterlinge auskriechen.
Auf diese Weise wird man ihre Farben viel besser zu sehen bekommen, als wenn man sie fängt, da ihre Flügel nicht vom Wind und Regen beschädigt werden wie sonst oft beim Auskriechen. Und man braucht sie nicht zu töten. Nachdem man sie betrachtet hat, kann man sie frei lassen, damit sie den Sonnenschein genießen.
Es ist sonderbar, daß so viele Schmetterlinge ihre Eier auf die Blätter der Brennessel legen. Der Grund ist vielleicht der, daß Kühe und Schafe diese Pflanzen nicht fressen, und die Eier auf ihnen also sicher sind. Das Tagpfauenauge, der kleine Fuchs und der Admiral legen alle ihre Eier auf Nesseln. Dort findet man also ihre Puppen, und ich will euch erzählen, wie man sie unterscheiden kann.
Die Eier des Pfauenauges sind in Klümpchen unter die Nesselblätter geklebt, und im Juni kann man die kleinen schwarzen, weißpunktierten Raupen finden, wie sie in Gruppen an den Blättern fressen. Früh im Juli wird jede von ihnen eine kleine, seidige Wulst unter ein Blatt gesponnen haben, an welchem die merkwürdige steife Puppe mit dem Kopfe nach unten hängt; sie sieht aus wie eine bräunliche glänzende Muschel (vergleiche bunte Tafel I. 3).
Wenn man Raupe oder Puppe mit nach Hause nimmt, so wird man gegen Ende Juli einen prächtigen Schmetterling auskriechen sehen. Die Hinterflügel sind braun, die Vorderflügel rot und blau, und auf jedem der vier Flügel befindet sich ein großer glänzender Fleck, der aussieht wie die Augen in den Schwanzfedern des Pfaues. Der Körper ist ganz dunkel gefärbt, die Fühler am Kopfe sind lang und dünn und an den Enden keulenförmig verdickt. Wenn aber der Schmetterling seine Flügel schließt (siehe bunte Tafel I. 1 a), so sind alle die glänzenden Farben verborgen, und er unterscheidet sich infolge der graubraunen Außenseite kaum von seiner Umgebung, so daß die Vögel ihn während der Ruhe nicht leicht sehen können.
Wenn ihr aber aus Versehen einmal eine andere Puppe von den Nesseln mit nach Hause bringt, so wird euch ein ganz anderer Schmetterling überraschen. Seine Flügel sind am Rande stark eingekerbt; sie sind samtschwarz mit roter Binde und weißen Flecken mit blauem Rande. Es ist der Admiral, dessen Puppe auch unter den Blättern der Brennnessel hängt. Ihr werdet euch nicht irren, wenn ihr die Raupe findet, denn sie ist nicht schwarz wie die des Tagpfauenauges, sondern grünlichgelb oder braunrot mit einer Reihe halbmondförmiger Flecke an jeder Seite und mit gelben ästigen Dornen. Sie nährt sich von Nesselblättern, die sie mit seidigen Fäden um sich befestigt. Ihr müßt euch nun merken, daß aus diesen Raupen ein Admiral wird.
An einer anderen Stelle findet ihr vielleicht ein Bündel von Nesselblättern, die mit Seide zusammengewebt sind, und in deren Innern eine Menge Raupen sitzen. Sie sind mit kurzen Dornen besetzt und haben einen schwarzen Leib mit gelben Streifen und Punkten. Aus ihren Puppen wird der kleine Fuchs auskriechen.
Die sicherste Art und Weise, diese drei Raupen gut kennen zu lernen, ist die, daß man sie alle mit nach Hause nimmt und dort aufbewahrt, bis die Schmetterlinge auskriechen. Dann wird man viele kleine Unterschiede bemerken, die hier nicht alle aufgezählt werden können.
Auf Disteln findet man eine andere Raupe, die sich in die Blätter einspinnt, und deren Puppe aschgrau, braun oder gelblich und mit mehreren Goldpunkten und Dornen besetzt ist. Aus ihr wird ein rotbrauner Schmetterling auskriechen, der Distelfalter. In manchen Jahren gibt es nur wenige von dieser Art, während sie in anderen Jahren sehr zahlreich ist.
Wir gehen nun an einer anderen Stelle auf die Suche, nämlich unter dem Kreuzdorn und Faulbaum am Flußufer, entweder im Vorfrühling oder gegen Ende Juli, da der nachbenannte Schmetterling zwei Flugzeiten hat.
Man muß unter den kleinen Zweigen nach einer hübschen, grünen, rotgefleckten Puppe suchen, die einer gerippten Muschel ähnlich sieht. Sie hängt wagerecht an einem feinen Seidenfaden (vergleiche bunte Tafel I. 5). Achte darauf, wie klug die Raupe ihn befestigt hat, so daß das schwere breite Ende dem langen, dünnen das Gleichgewicht hält. Dann schneide den Zweig ab und nimm ihn mit nach Hause. Aus der Puppe wird der Zitronenfalter auskriechen, dessen hellgelbe Flügel vier rote Flecke haben (Tafel I. 4). Ihr werdet ihn sehr gut kennen, denn er ist gewöhnlich der erste Schmetterling, der im Frühling fliegt.
Nun wollen wir einmal tief unten auf den Pflanzen, die auf Wiesen wachsen, suchen. Es sind weiße oder lila Blumen, deren Blumenkronblätter in der Form eines Kreuzes stehen. Sie heißen Schaumkraut und Bitterkresse. Wenn man unter ihren Blättern sucht, so findet man oft eine sehr sonderbare Puppe (siehe bunte Tafel I. 7), die an beiden Seiten zugespitzt und wie ein Boot geformt ist. Aus ihr wird der Aurorafalter auskommen, der breite orangerote Flecke an den Spitzen der weißen Vorderflügel hat. Dieser Schmetterling ist sehr bunt, wenn er fliegt, aber wenn er sich niederläßt (siehe bunte Tafel I. 8) und seine Flügel aufrecht stellt, kann er kaum auf den Blättern der Pflanzen, aus deren Blüten er Honig saugt, gesehen werden.
Ein anderer gewöhnlicher Schmetterling ist der Heufalter oder das Wiesenvögelchen (vergl. bunte Tafel I. 9), das man an einem schönen Tage im Juni oder September finden kann, wie es den Honig aus dem Heidekraute saugt. Die grüne Raupe nährt sich von weichen Grasarten, und der hübsche kleine Schmetterling ist gelbbraun mit runden Augenflecken.
Ihr wißt also nun, wie man nach Raupen, Puppen und Schmetterlingen suchen muß, und könnt das übrige dabei selbst lernen. Überall wo Ackerveilchen und Hundsveilchen wachsen, kann man die dornige Raupe der hübschen Perlmutterfalter finden. Bläulinge findet man vorzugsweise auf Kalkboden, doch ist der gemeine Bläuling fast überall zu Hause, und man kann ihn häufig in der Gesellschaft der kleinen dunkelbraunen Bläulinge antreffen, deren dunkel glänzende Flügel zwischen den hübschen Bläulingen lebhaft auffallen.
Wo man auch immer einen fliegenden Schmetterling sieht, sollte man versuchen, ihm zu folgen, bis er sich niederläßt; denn eine der lehrreichsten Beobachtungen, die man bei allen Schmetterlingen machen kann, ist die, wie die untere Färbung der Flügel ihnen hilft, sich zu verbergen, wenn sie ruhen, während die Farben der Oberseite hell und bunt sind.
Suche Raupen und Puppen und beobachte sie. Merke dir die Pflanze, von der sich die Raupe nährt. Vergleiche die Unterseite der Flügel mit den Pflanzen, worauf sie sich niederlassen.