Die Marquise von Urfé[104] trachtete immerfort nach dem Pulver zur Verwandlung von Kupfer in Gold und arbeitete Tag und Nacht, um sich ein Lebenselixier herzustellen. Sie verließ ihr Laboratorium kaum noch und gewährte nur wenigen Zutritt dazu. Ihr Verkehr beschränkte sich auf Adepten und Rosenkreuzer[105]; sie ging nur noch mit Öfen, Retorten und Destillierkolben um. Vier Jahre lang arbeitete sie mit dem angeblichen Grafen von Saint-Germain an Kabbala und dem Stein der Weisen, was ihr 100000 Taler gekostet hat ...
Der Graf von Saint-Germain war ein Zeitgenosse Christi, des Kaisers Tiberius und des Vierfürsten Herodes von Galiläa, von dem er eine dicke braune Haarsträhne besaß. Er kannte Pontius Pilatus aus Jerusalem und aus Grenoble, seinem späteren Exil, aber dieser Mann war ein solcher Tropf, daß er vor Bekanntwerden der Evangelien nur eine undeutliche Erinnerung an Christus hatte ...
Eines Tages besuchte ich Frau von Urfé in Gesellschaft der Gräfin von Brionne. Obwohl die Alchimistin kaum noch Besuche annahm, wurde die Toreinfahrt beim Anblick meiner Livree geöffnet, und wir gingen hinauf. Man führte uns ohne Anmeldung zu ihr, wie es in diesem geheimnisvollen Hause Brauch war, und wir fanden die Marquise — es war im Juli — bei einem starken Kaminfeuer sitzend. Ihr gegenüber saß ein Mann, der wie zu Olims Zeiten gekleidet war. Auf dem Kopfe trug er eine große betreßte Kappe. Beim Erscheinen der Gräfin nahm er sie weder ab, noch stand er auf. Sie war darob sehr betroffen.
„Ich habe gestern einen Brief von Herrn von Créquy-Canaples erhalten“, sagte die Marquise von Urfé zu mir. „Er klagt, daß er in den Hundstagen im Artois friert.“ Teilnehmend setzte sie hinzu: „Er ist offenbar nicht mehr klar im Kopfe.“
„Bei Gott!“ rief der Herr laut und barsch, „ich weiß, woher das kommt! Ich kannte den alten Kardinal de Créquy[106]. Ich habe ihn während der ersten Tagung des Konzils von Trient[107] oft gesehen. Er redete da nichts als dummes Zeug. Ich kann Ihnen versichern, daß er völlig überspannt war. Damals war er Bischof von Rennes.“
Ich erriet, daß ich Herrn von Saint-Germain vor mir hatte, dessen Aufschneidereien und die Geschichten, die man davon erzählte, mich stets geärgert hatten. Ich wandte mich mit offener, harmloser Miene an ihn und sagte:
„Sie meinen wohl: Bischof von Nantes?“
„Nein, Madame, Bischof von Rennes, Rennes in der Bretagne. Ich weiß sehr wohl, was ich sage und von wem ich rede!“
„Mein Herr,“ entgegnete ich etwas von oben herab und mit herausfordernder Lustigkeit, „Sie wissen offenbar nicht, mit wem Sie reden.“
„Madame!“ rief er mit Donnerstimme und warf mir wütende Blicke zu.
„Regen Sie sich doch nicht auf, mein Herr“, versetzte ich. „Und da Sie so vieles wissen, sagen Sie mir doch gütigst, wie ich heiße.“
„Unter anderem“, rief er im Ton eines Hierophanten, „tragen Sie einen Namen, dessen Wurzel kufisch, hebräisch und samaritanisch ist, einen gesegneten, sieghaften Namen, aber blutbedeckt, seines Glanzes beraubt und verderblich!“
„Ach!“ unterbrach ich ihn mit vorwurfsvoller, verletzter Miene, „ein durchaus kufischer und vor allem verderblicher Name! Dem werde ich gewiß nicht beistimmen!“
„Wie haben Sie nur erraten, daß sie Viktoria heißt?“ fragte ihn Frau von Urfé mit zärtlich bewunderndem Blick.
„Es wäre mir lieber gewesen,“ fuhr ich etwas frostig fort, „wenn der Herr uns gesagt hätte, daß ich die Marquise von Créquy bin. Der Kardinal von Créquy“, setzte ich hinzu, „ist nie etwas anderes gewesen als Bischof von Nantes und Amiens, Erzbischof von Tyrus und Patriarch von Alexandria. Auch das Beiwort alt trifft auf ihn nicht zu, denn er starb mit 45 Jahren an der Pest, und was das dumme Zeug anlangt, das er bei der ersten Tagung des Konzils von Trient im Jahre 1545 geredet haben soll, so darf man ihm keinen allzu schweren Vorwurf daraus machen, denn er war damals erst fünf bis sechs Jahre alt ...“
„Madame, Sie beleidigen mich!“
„Nein, mein Herr, ich gebe Ihnen bloß eine Antwort, und ich beleidige Sie so wenig damit wie die Wahrheit.“
„Ich wette um 10000 Louisdors.“
„Mein Herr, ich lebe vom Ertrag meiner Landgüter und habe nicht 10000 Louisdors zu verwetten.“
„Dann wette ich um 100 Louisdors.“
„Lassen Sie es dabei bewenden“, entgegnete ich ihm in gebieterischem Tone, so daß er seine Schwindeleien und Grobheiten herunterschlucken mußte. „Nur Engländer oder Lakaien können eine Dame mit ‚Ich wette! Ich wette!’ herausfordern. Und auch nur, wenn sie keine triftigen Gründe haben.“
Frau von Urfé, die ich dabei anblickte, schien mir lächerlich verwirrt. Sie bat mich, weder zu Hause noch sonstwo darüber zu reden; denn sie fürchtete sich vor dem Kardinal Fleury[108], der kein Freund der Schwindler war, und das versprach ich ihr gern. Die Folge war, daß die Tür ihres Laboratoriums mir nur noch halb geöffnet wurde, und auch nur, wenn sie allein war.
Der Baron von Breteuil hatte als Minister des Königlichen Hauses[109] in den Archiven ausfindig gemacht, daß der angebliche Graf von Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes aus Straßburg war und eigentlich Daniel Wolf hieß. Er war 1704 geboren, damals also 68 Jahre alt, während er sich als Mann von 1814 Jahren ausgab — dank einem Lebenselixier, dessen Rezept er angeblich einer ihm sehr gewogenen Königin von Judäa verdankte. Mit 68 Jahren sah er aus wie ein Mann in diesem Alter, der sich kräftiger Gesundheit erfreut. Er hielt sich gerade und hatte einen raschen Gang, sprach bestimmt und gut, wenn auch mit leichtem Elsässer Akzent. Sein Blick war fest, ja frech, seine Haut weiß und glänzend, sein weißes Haar voll, sein Bart üppig, desgleichen die Augenbrauen. Frau von Urfé pflegte deshalb zu sagen, er gleiche Gottvater[110] ...
Eine andere kräftige Abfuhr, die viel von sich reden machte und recht amüsant war, erfuhr Saint-Germain durch den Grafen von Chastellux in einer Gesellschaft bei Herrn Le Normand d’Étioles[111]. Saint-Germain hatte sich nach den Tischgästen erkundigt und sich besonders über Herrn von Chastellux Rat geholt, Bücher gelesen und sich schnell so auf sein Thema vorbereitet. Als der Graf von Chastellux gemeldet wurde, eilte er auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ein Nachkomme des Marschalls von Chastellux[112] sei, der im 14. Jahrhundert Statthalter der Normandie war. Herr von Chastellux entgegnete, er glaubte sein Nachkomme im siebenten Grade zu sein.
„Ihr erlauchter Ahn war ein Held,“ versetzte Saint-Germain. „Der König[113] bezahlte für ihn im Jahre 1418 2500 Livres Lösegeld. Ich werde mich zeitlebens erinnern, daß ich ihn als Schirmherrn des Domkapitels und Ehrendomherrn der Kathedrale von Auxerre im Chor sitzen sah. Zu dem Zweck trug er ein Chorhemd über seinem Harnisch, einen Chorherrenmantel darüber und den Marschallstab von Frankreich in der Hand. Seine ehrwürdige Mutter, Alix von Bourbon-Montpeyroux[114], war die leibliche Nichte seines Vaters. Ja, Herr Graf, dieser ehrwürdige Marschall, Ihr Vorfahr, war mein Busenfreund, und seinen ältesten Sohn liebte ich wie meinen Augapfel. Sie wissen? Sein ältester Sohn, Johann III. von Beauvoir, Herr von Chastellux und Vicomte von Avallon, der die Tochter des Herrn von Aulnery geheiratet hatte. Ich sehe sie vor mir und versichere Ihnen, sie war im Jahre 1493 eine reizende Frau! Der junge Mann hatte nur einen Fehler, er war verschwenderisch wie ein Landsknecht, und wenn er in Ihren Wäldern von Coulanges und Baserne die hohen Bäume abholzen ließ, war sein Vater wütend auf ihn. Ja, der alte Marschall war knauserig! Ich entsinne mich: eines Tages zu Ostern wollte er seine Familie und seine Leute weiter fasten lassen, weil in seiner Küche eine große Menge Fische übrig geblieben war, die er zur Fastenwoche hatte fischen lassen.“
„Verzeihen Sie, Sie verwechseln den Großvater mit dem Enkel“, entgegnete Graf Chastellux mit vornehmer Höflichkeit und größter Kaltblütigkeit. „Der Marschall war von prachtvoller Freigebigkeit. Philipp II. von Chastellux, sein Enkel, galt für — sparsam.“
Nun gab es einen chronologischen Disput und beiderseitige Zitate; der Abenteurer brauste auf, aber die Diskussion fiel durchaus zugunsten des Grafen von Chastellux und der Freigebigkeit seines Vorfahren, des Marschalls, aus. Man ließ zwei alte Bücher aus der Bibliothek holen und brachte zwei alte Spottverse von Alain Chartier und Saint-Gelais[115], die 92 Jahre auseinanderlagen, zum Beweise bei. Somit war erwiesen, daß der Graf von Saint-Germain nur ein ungeschickter und schlecht unterrichteter Schwindler war.
Eine andere schöne Geschichte ist die des Prinzen von Craon, den Saint-Germain nicht von Angesicht kannte und der eines Tages im Hotel Uzès in eine große Gesellschaft hineinplatzte, wo besagter Saint-Germain seine Flausen gerade zum besten gab und man ihm mit offenem Munde zuhörte. Es war von Nicolas Flamel[116] und seiner Frau Perronelle, ihrem Lebenselixier und ihrem sympathischen Pulver die Rede.
„Mein Gott!“ rief der Prinz von Craon, „wissen Sie denn nicht, was eben bei der Gräfin von Sennecterre geschehen ist?“
„Was denn? Was denn?“ fragte Saint-Germain, der ihr für bare 200 Louisdors ein Fläschchen seines Elixiers „überlassen“ hatte.
„Denken Sie nur, mein Herr,“ entgegnete jener, „der Herr Graf Saint-Germain, ein guter Bekannter der Gräfin Sennecterre, hat ihr aus Großmut ein Fläschchen ätherischer Flüssigkeit geschenkt, das sie verjüngen sollte, wenn sie einen Tropfen mit 50 Jahren, zwei nach vollendeten 60 Jahren, vier mit 90 Jahren und so fort nahm. Sie wollte ihrem Gatten, der erst 71 Jahre alt ist, die Sache verheimlichen. Offenbar findet sie ihn noch zu jung.“
„Keine spitzen Bemerkungen! Bitte zur Sache!“ rief die Herzogin von Uzès, die vor Ungeduld und Besorgnis umkam, da sie dasselbe Mittel eingenommen hatte.
„Frau von Sennecterre hatte ihr kostbares Fläschchen einem Fräulein Jacoby anvertraut, einer alten, biederen und sorgsamen Person. Gestern ging Frau von Sennecterre auf einen Ball, und als sie um 5 Uhr morgens zurückkommt — wen findet sie da, meine Damen? Ein kleines Mädchen von sieben bis acht Jahren, das auf allen Möbeln herumkletterte und wie ein Zicklein durch die Zimmer hüpfte. ‚Aber was ist denn das für ein dreistes kleines Ding, das da herumspringt? Wo sind meine Kammerfrauen?’ — ‚Wie, Frau Gräfin,’ erwiderte das Mädchen mit heller, kecker, kichernder Stimme, ‚Sie erkennen Fräulein Jacoby nicht, die Sie seit Ihrem vierten Jahre erzogen hat? Das ist doch arg!’ — ‚Aber wie ist denn das möglich?’ — ‚Ach Gott, ich hatte Leibweh und wollte von dem Wasser des Herrn von Saint-Germain trinken. Es hat mich so prächtig kuriert! Und doch hab’ ich nur ein Schlückchen getrunken.’ — ‚Das war wohl das mindeste, daß Sie mir ein paar Tropfen in dem Fläschchen übrig ließen’, sagte Frau von Sennecterre mit kaum verhehltem Ärger. ‚Schicken Sie mir wenigstens die Julie zum Auskleiden. Wo ist denn Julie?’ — ‚Da, Frau Gräfin’, sagte ihre alte Erzieherin und lachte wie närrisch. Damit wies sie auf ein kleines Kind von höchstens sechs bis acht Wochen, das auf dem Teppich saß und am Daumen lutschte. ‚Das ist Julie. Sie hat alles ausgetrunken, Frau Gräfin, und nun ist sie so verjüngt, daß man sie kaum mehr sieht.’“
„Ich versichere Ihnen,“ fuhr der Prinz von Craon mit unerschütterlichem Ernst fort, „man muß bei der Verabreichung des Lebenselixiers sehr vorsichtig sein. Herr von Saint-Germain bringt uns in Gefahr, wieder zu Kindern zu werden, und hat man Prozesse zu führen oder Töchter zu verheiraten, so ist es nicht immer angebracht, zum Sabberlatz und Gängelband zurückzukehren. Also man kann nicht vorsichtig genug sein.“
Herr von Saint-Germain hatte sich aus dem Staube gemacht, sobald er merkte, daß der Prinz von Craon ihn zum besten hielt. Seitdem machte sich jedermann über Saint-Germain lustig.