Eine Satire
Sie (das Ehepaar Cagliostro) gehen nach Wien. Im Adel, in der Geistlichkeit und im Kaufmannsstand herrschte solche Unzufriedenheit, daß sie gleich weiterfahren und nach Holstein reisen. Dort hatte der berüchtigte Graf Saint-Germain sein Tabernakel errichtet[118]. Dieser große Mann genoß seit mehreren Jahren die Wonnen der Unsterblichkeit und bildete friedlich das Glück dreier Personen, die ihn mit Champagner und Ungarwein tränkten — zum Dank für den Goldstrom, den er in ihr Land geleitet hatte.
Graf Cagliostro bat ihn um eine Geheimaudienz, um sich vor dem Gott der Gläubigen niederzuwerfen. Saint-Germain gab ihm 2 Uhr nachts an.
Als der Augenblick nahte, legten er und seine Frau eine weiße Tunika an, die ein aurorafarbener Gürtel zusammenhielt und stellten sich so im Schlosse ein. Die Zugbrücke senkte sich, ein sieben Fuß großer Mann in langem grauen Gewand führt sie in einen schlecht erleuchteten Saal. Plötzlich öffnet sich eine große Flügeltür, und ein von tausend Kerzen strahlender Tempel blendet ihre Blicke. Auf einem Altar saß der Graf; zu seinen Füßen hielten zwei Ministranten goldene Schalen, aus denen süße, sanfte Wohlgerüche emporquollen. Auf der Brust trug der Gott eine Diamantplatte von fast unerträglichem Glanze. Eine große, weiße, durchsichtige Gestalt hielt in ihren Händen eine Schale, auf der „Elixier der Unsterblichkeit“ stand. Etwas weiter erblickte man einen riesigen Spiegel, vor dem eine majestätische Gestalt auf und ab ging. Über dem Spiegel stand geschrieben: „Zuflucht der irrenden Seelen.“
Düsteres Schweigen herrschte in dem heiligen Bezirk. Eine namenlose Stimme rief: „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?“
Da warf sich der Graf Cagliostro nebst der Marquise zu Boden, und nach ziemlich langem Schweigen stammelte er:
„Ich komme, den Gott der Gläubigen, den Sohn der Natur, den Vater der Wahrheit anzurufen. Ich komme, ihn um eins der vierzehntausendsiebenhundert Geheimnisse zu bitten, die er im Busen trägt. Ich komme, um sein Knecht, sein Apostel, sein Märtyrer zu werden.“
Der Gott gab keine Antwort. Doch nach ziemlich langem Schweigen erklang eine Stimme: „Was will Deine Gefährtin?“
Sie antwortete: „Gehorchen und dienen.“
Da folgte Finsternis auf die Nacht, Lärm auf die Stille, Furcht auf Vertrauen, Verwirrung auf Hoffnung, und eine schrille Stimme sagte drohend: „Wehe dem, der die Prüfungen nicht erträgt!“
Der Graf und die Marquise wurden getrennt. Sie sah sich in ein Gemach eingeschlossen mit einem bleichen, hageren, Fratzen schneidenden Manne. Er erzählt ihr von seinem Glück auf Erden, seinen Schätzen, verliest ihr Briefe der größten Herrscher, und in plötzlicher Wendung fordert er ihr schließlich die Diamanten ab, die ihre Stirn schmücken. Entzückt, sie so leichten Kaufes los zu sein, entledigt sie sich ihrer schleunigst.
Auf diesen ersten Prüfer folgte ein Mann in sehr unanständiger Kleidung. „Bedenken Sie, Frau,“ sagte er, „daß Sie Ihre Blicke stets auf mein Antlitz richten müssen.“ Der Mann war sehr schön und hatte die ausdrucksvollsten Augen. Alles war gefährlich: ihn anzuhören, ihn anzusehen oder die Blicke zu senken.
Nach dieser peinlichen Viertelstunde kam eine Alte und sprach: „Ich allein kann Ihre Tugend erkennen. Die Prüfung, die Sie bestanden haben, besteht in der Feststellung, wie weit Ihre Sinne den Reizen kecker Jugend widerstehen können.“
„Tun Sie, was Ihres Amtes ist“, sagte die Marquise.
Die Alte tat es und übergab ihr dann ein Pergament; es war ein Patent des Widerstandes. Dann führte sie sie in einen großen Keller. Dort sah sie angekettete Männer, Frauen, die bis aufs Blut gepeitscht wurden, Scharfrichter, die Köpfe abschlugen, Menschen, die aus Giftbechern den Tod trinken mußten, glühende Eisen, Galgen mit Schandaufschriften. „Das“, sagte die Alte, „sind die Märtyrer unserer Kunst. So lohnen die Menschen, deren Glück wir uns weihen, unsere Gaben und unseren Eifer.“
Die Marquise blickte ruhigen Auges die traurigen Opfer der angeblichen menschlichen Gerechtigkeit an und verriet nicht die geringste Bewegung.
Die Prüfungen des Grafen waren anderer Art. Man versuchte ihn durch Lobsprüche zu ködern, zeigte ihm sein Weib in den Armen eines liebenswürdigen Mannes, um zu sehen, ob er aus Eifersucht in die lächerlichen Wallungen verfallen werde, die das Hirn der Ehemänner umnebeln. Schließlich las man ihm einen Abschnitt aus dem berühmten Buche der Zukunft vor, das die ihm bevorstehenden Verfolgungen enthielt.
Nach dieser Zeremonie wurden sie in den Tempel zurückgeführt. Dort erklärte man ihnen, sie sollten zu den göttlichen Mysterien Zutritt erhalten, sobald die Wölbung von ihren Gelübden widerhallte. Ein Mann in langem, unter dem Arm gerafften Mantel ergriff das Wort und hielt diese Rede, die jeder Adept behalten muß, ohne sie niederschreiben zu dürfen:
„Wisset, das große Geheimnis unserer Kunst ist, die Menschen zu regieren, und das einzige Mittel ist, nie die Wahrheit zu sagen. Richtet euch nie nach den Regeln des gesunden Verstandes; sprecht der Vernunft Hohn und bringt tapfer den größten Blödsinn zutage. Wenn ihr fühlt, daß diese großen Grundsätze nachlassen, so zieht euch zurück, geht in euch und durchwandert die Welt. Da werdet ihr sehen, daß der größte Blödsinn Anbetung findet. Die Torheiten kehren unter verschiedenen Namen wieder, aber sie sind ewig. Das Grab des heiligen Medardus[119] hat den Schatten des heiligen Petrus ersetzt, Mesmers[120] Zauberkasten den Teich des nazarenischen Philosophen[121]. Gedenkt, daß die erste Triebfeder der Natur, der Staatskunst, der Gesellschaft die Fortzeugung ist, daß das Hirngespinst der Sterblichen die Unsterblichkeit und die Kenntnis der Zukunft ist, selbst wenn sie die Gegenwart nicht kennen, daß sie Geist sein wollen, wo doch sie selbst und alles, was sie umgibt, Stoff ist.“
Nach dieser Ansprache verneigte sich der Redner vor dem Gott der Gläubigen und verschwand. Dann traten zwei junge Mädchen vor und entkleideten den Grafen, während drei junge Männer bei der Marquise die gleiche Zeremonie erfüllten. Als sie im Naturzustand waren, sprach die schon vernommene Stimme: „Nun wird dem einen die kostbare Gabe der Kraft und der anderen die noch köstlichere der Schönheit verliehen.“
Im selben Augenblick packte der sieben Fuß große Mann die Marquise an einem Beine, gebot ihr, ihre Hand auf seine Nase zu legen, und trug sie vor den Gott der Gläubigen. Der bedeckte ihren schönen Leib mit Wohlgerüchen und salbte ihr mit rosenfarbenem Öl die Partie zwischen den Lippen, die Rosenknospen ihres Busens, den Nabel und die Schenkel. Dann flüsterte er ihr etwas ins Ohr, und der sieben Fuß große Mann trug sie in eine anstoßende Kapelle.
„Hier werdet Ihr die Weihe vollenden,“ sprach er, „und unsere heiligen Mysterien mit dem großen Werk der Natur krönen. Indes stehen Euch die Mittel frei, und sofern unser beider Wesen sich verschmelzen und Zuflucht in dieser Kapelle finden kann, braucht Ihr Euch nicht den gewöhnlichen Formen zu unterwerfen.“
„Als ich den Fuß in diesen hehren Bezirk setzte,“ entgegnete die Marquise, „habe ich jeglichen Willen abgelegt. Wenn Ihr aber wollt, daß die Begierde dem Opfer vorangeht und es herbeiführt, so laßt mich ein Weilchen zu Atem kommen und sagt mir, unter wessen Messer ich fallen soll?“
„Gern,“ sprach er, „obwohl dies eigentlich nicht der Augenblick zu langem Gerede ist. Von zartester Jugend auf zu Großem berufen, habe ich mich bemüht, zu erkennen, worin der wahre Ruhm besteht. Die Staatskunst dünkte mich nur eine Kunst des Betruges, die Kriegskunst nur die Kunst des Mordens, die Philosophie nur ein dünkelhafter Wahn, Unsinn zu reden, die Naturwissenschaft nur ein schöner Traum über die Natur und ein fortwährendes Irren des Menschen in unbekannten Ländern, die Theologie nur eine Kenntnis des Elends, zu dem der menschliche Hochmut führt, die Geschichte nur ein trauriges, eintöniges Studium von Verirrungen und Niedertrachten. Daraus schloß ich, daß der Staatsmann nur ein geschickter Lügner ist, der Kriegsheld ein erhabener Narr, der Philosoph ein Sonderling, der Naturforscher ein beklagenswerter Blinder, der Theologe ein Lehrer des Fanatismus und der Geschichtschreiber ein Wortkrämer. Ich hörte vom Gott dieses Tempels sprechen; ich schüttete in seinen Busen meinen Kummer, meine Zweifel, meine Wünsche aus. Er bemächtigte sich meiner Seele, bildete sie und ließ mir alle Dinge in neuem Lichte erscheinen. Fortan begann ich in der Zukunft zu lesen, und diese so beschränkte, so enge, so öde Welt weitete sich. Ich lebte nicht nur mit den Gegenwärtigen, sondern auch mit den Toten. Da ich jung und leidenschaftlich war, brachte er mich mit den schönsten Frauen des Altertums zusammen. Ich lebte mit Aspasia, mit Leontion[122], mit Sappho, Faustina[123], Semiramis und Irene[124], von denen man so viel gesprochen hat. Ich fand es sehr hold, alles zu wissen, ohne etwas zu lernen, über die Schätze der Welt zu verfügen, ohne die Könige darum anzubetteln, den Elementen zu gebieten, statt den Menschen. Der Himmel schuf mich freigebig, jetzt kann ich meine Neigung befriedigen: alles, was mich umgibt, ist reich. Dieser Augenblick beweist das eben Gesagte. Ihr seid zweifellos eines der schönsten Weiber auf Erden, ich halte Euch in meinen Armen, und wenn Ihr darauf achtgeben wollt, werdet Ihr merken, daß die Wollust, auf die bei gewöhnlichen Sterblichen Ermattung folgt, ebenso unsterblich ist wie der Gott, der mir diese Gabe verlieh.“
Hier unterbrach sich der Redner, in der Annahme, auch einmal etwas beweisen zu müssen und den Glauben der Eingeweihten nicht auf eine zu harte Probe zu stellen. Er bewies also die Macht des ihn beseelenden Gottes mit unwiderstehlicher Tatkraft.
Mittlerweile wurde der Graf Cagliostro in ein anderes Mysterium eingeweiht. Man gab ihm zu bedenken, daß die angenehmsten Dinge keine Eintönigkeit ertrügen, daß das gebildeteste Volk der Welt die Griechen, der weiseste Sterbliche Sokrates gewesen sei, daß der liebenswürdigste Mann Alkibiades geheißen habe, daß das frömmste Volk die Italiener seien und daß er in seiner bevorstehenden Laufbahn jene Gefügigkeit haben müsse, die sich allen Gelüsten hingibt. Es war Antinous, der so den Demosthenes spielte. Der Graf unterwarf sich und wurde wie Cäsar behandelt.
Nachdem man sich wieder angekleidet, beschloß ein prächtiges Mahl die Zeremonie. Im Laufe des Festes erfuhren sie, daß das Lebenselixier nur aus Tokaier bestand, der je nach Bedarf rot oder grün gefärbt sei, daß sie Leute von Geist fliehen, verabscheuen und verleumden, Dummköpfe umschmeicheln, lieben und verblenden müßten, daß sie geheimnisvoll verbreiten sollten, Saint-Germain sei 500 Jahre alt, daß sie Gold und Tee machen und vor allem die Leute anführen sollten.
Mit diesen Weisungen reisten die etwas ausgerenkte Marquise und der etwas beschädigte Graf nach Petersburg, wo sie sich als Heilkünstler ausgaben.
Der vor einigen Jahren verstorbene und schon vergessene Graf Saint-Germain war ein ernsthafter Narr. Er besaß wenig Geist, einige chemische Kenntnisse, war für einen Schwindler nicht unverschämt genug, für einen Fanatiker nicht beredt genug und besaß nicht die Verführungskunst, um Halbwissende zu bestechen. In Chambéry bot er dem Marschall von Bellegarde seine Chemie an. Sie begannen zu schmelzen, doch der Schmelztiegel lieferte einen Stoff, der zwar Farbe und Gewicht, nicht aber die Dehnbarkeit des Goldes besaß. Diese Versuche fanden auf einem Landgute statt, wo der Graf binnen sieben Monaten dreimal Vater wurde. Das Geld schmolz zusammen, er hatte überall Schulden, und man riet ihm, abzureisen. In Paris das gleiche Spiel. Er hatte sich mit einem berühmten Gauner zusammengetan, einem früheren Spion des Marschalls Belle-Isle[126], der sich seitdem nach Bercy[127] zurückgezogen hatte, wo er das Ludwigskreuz auf einem zerlumpten Anzug und das Henkermal auf dem Rücken trug. Sie machten zusammen Vitriolöl. Das war der Vorwand zum Goldmachen. Sie verzankten und schlugen sich. Der Graf zog den kürzeren und verließ eine Stadt, die ihre Arme allen Betrügern öffnet.
November 1785.
Diese Schilderung ist in vieler Hinsicht falsch. Der Graf von Saint-Germain machte auf alle, die ihn kennen lernten, den Eindruck eines sehr geistvollen Mannes. Er besaß jene natürliche Beredtsamkeit, die mehr als alles andere besticht. Er besaß so große Kenntnisse in der Chemie und Geschichte wie wenige. Er besaß die Gabe, das Gespräch auf die bedeutsamsten Ereignisse der alten Geschichte zu bringen und von ihnen zu erzählen wie von einer Tagesneuigkeit, mit den gleichen Einzelheiten, in der gleichen fesselnden Art und mit der gleichen Lebhaftigkeit.
„Ungeachtet aller seiner Talente und Geistesgaben verließ diesen Wundermann (Saint-Germain) sein Hang zum Wunderbaren nie, und er wußte davon gar klüglich Nutzen zu ziehen; denn seine sogenannten arcana verkaufte er sehr teuer. Übrigens wurde er Stifter geheimer Gesellschaften und initiierte mit vielem Gepränge und Aufwand. Selbst den bekannten Abenteurer Cagliostro soll er in einen solchen mystischen Isisorden aufgenommen haben, und man muß gestehen, daß (die Gelehrsamkeit ausgenommen) Saint-Germain an ihm ein seinen geheimen Absichten vollkommen entsprechendes Mitglied fand.“