Karl Graf Cobenzl

SAINT-GERMAIN IN DEN ÖSTERREICHISCHEN NIEDERLANDEN (1763)

I
Aus dem Schriftwechsel des Grafen Karl Cobenzl[337]

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 8. April 1763.

Vor etwa drei Monaten ist der unter dem Namen Saint-Germain bekannte Mann hier durchgekommen und hat mich aufgesucht. Ich fand in ihm den seltsamsten Menschen, der mir im Leben begegnet ist. Seine Herkunft kenne ich noch nicht genau; ich glaube jedoch, daß er einer heimlichen Verbindung aus einem mächtigen und berühmten Hause entsprossen ist. Er ist im Besitz großer Mittel, lebt aber äußerst einfach. Er weiß alles und zeigt eine bewundernswerte Rechtschaffenheit und Seelengüte.

In einem zahlreichen Bekanntenkreise hat er vor meinen Augen einige Versuche gemacht, von denen ich Eurer Exzellenz einige Proben senden werde. Die wesentlichsten bestehen in der Verwandlung von Eisen in ein Metall, das ebenso schön ist wie Gold und sich wenigstens ebenso zu allen Goldschmiedearbeiten eignet, ferner in der Färbung und Bearbeitung von Leder in einer solchen Vollkommenheit, daß es alle Maroquins der Welt und die vollkommensten Gerbverfahren übertrifft. Auch die Seiden- und Wollfärberei hat er zu einer bisher unbekannten Vollendung gebracht. Hölzer färbt er in den lebhaftesten Farben, und zwar durch und durch, ohne Indigo oder Cochenille, mit den einfachsten Zutaten und somit sehr billig. Er stellt auch Malfarben her, das Ultramarin so tadellos wie das aus Lapislazuli gewonnene. Schließlich nimmt er den zum Malen verwendeten Ölen den Geruch und stellt aus Rüböl und anderen noch schlechteren Stoffen das beste Provencer Öl her.

Alle diese Erzeugnisse sind vor meinen Augen hergestellt und befinden sich in meinen Händen. Ich habe sie aufs schärfste prüfen lassen, und da ich einen Millionengewinn darin erblicke, habe ich die Freundschaft, die er mir erweist, dazu benutzt, ihm alle seine Geheimnisse zu entlocken. Er überläßt sie mir und verlangt nur einen angemessenen Gewinnanteil, wohlverstanden, erst wenn ein Gewinn da ist.

Da alles Wunderbare notwendig zweifelhaft erscheinen muß, habe ich die zwei Klippen vermieden, mich täuschen zu lassen und mich auf übermäßige Ausgaben einzulassen. Zur Vermeidung der ersten Klippe habe ich einen Vertrauensmann herangezogen, in dessen Gegenwart ich die Versuche vornehmen ließ. Dabei habe ich mich voll überzeugt, daß es mit diesen Erzeugnissen seine Richtigkeit hat und daß sie billig sind. Betreffs des zweiten Punktes habe ich Herrn von Surmont — so nennt sich Saint-Germain jetzt — einen guten, zuverlässigen Kaufmann aus Tournai[338] beigegeben, bei dem er jetzt arbeitet. Die sehr geringen Vorschüsse habe ich durch Frau Nettine[339] zahlen lassen, deren Sohn und Schwiegersohn, Herr Walckiers[340], diese Manufaktur leiten sollen, sobald die Einnahmen aus den ersten Versuchen uns in den Stand setzen, sie ohne Risiko anzulegen. Der Augenblick des Gewinnes steht schon bevor, denn zwei unserer besten Kaufleute, Barbieri und Francolet, sind über die Schönheit der Seidenfarben so entzückt, daß sie mir zur Zeit alle Seiden zum Färben geben, die sie in den hiesigen Provinzen wie in ganz Niederdeutschland vertreiben.

Diese Einzelheiten sind noch sehr unvollkommen, aber ich bitte E. E., sie nur als vorläufigen Bericht über eine Sache zu betrachten, die für die Staatsfinanzen und die Wohlfahrt der Völker Ihrer Majestät von größter Bedeutung werden kann und muß. Zugleich versichere ich E. E., daß ich keine beträchtliche Summe aufs Spiel setzen werde. Bald werde ich ausführlicher berichten und eine genaue Berechnung des Gewinns, die ich schon in Arbeit habe, einsenden. Inzwischen bitte ich um Gutheißung des Geschehenen. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich versichere, daß die Sache für das Wohl der Monarchie von größter Wichtigkeit ist.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 19. April 1763.

Ich will heute nur auf die Wunder eingehen, die der berüchtigte Graf Saint-Germain aus Freundschaft für E. E. vollbringen will. Ich sehe die Dinge aus der Entfernung und somit ohne den Zauber der Aufmachung. Aber Sie schreiben mir von Tatsachen, von unter Ihren Augen gemachten Versuchen, die die strengsten Prüfungen und Untersuchungen siegreich bestanden haben. Was soll man dazu sagen? Nur das eine, daß der Zweifel, ob das alles richtig gesehen wurde, hier um so begründeter ist, weil einerseits auch die gescheitesten Leute auf chemische Versuche hereingefallen sind, und weil andrerseits zwischen Versuchen im Kleinen und der Herstellung im Großen ein himmelweiter Unterschied ist. Ein Modell ist noch keine Maschine, und ein Versuch beweist noch nichts zu Gunsten einer Fabrik, deren Anlage kostspielige Vorbereitungen, unsichere Vorschüsse und sehr teure Betriebseinrichtungen kostet. Ich weiß nicht, was E. E. bereits für den Betrieb im Großen beschlossen haben. Frau Nettine scheint die gleichen Erwartungen wie E. E. an den Erfolg dieser Unternehmung zu knüpfen. Herr Walckiers leitet den wirtschaftlichen Teil, d. h. die Verwaltung. Das kann auch den ängstlichsten Finanzmann beruhigen.

Aber der Charakter des sonderbaren Mannes, der mehr geeignet ist, die Menschen zu betören als sie zu überzeugen, flößt mir kein Vertrauen und keine Sicherheit ein. Beiliegend ein paar Anekdoten über sein Leben. Ich stehe zwar nicht für ihre Richtigkeit ein, doch war ihr Verfasser an den Szenen beteiligt, die sich in Frankreich abgespielt haben. Der Rest ist allgemein bekannt. Das Stück ist in der Tat eine Komödie. Nur fürchte ich ein wenig, wir werden den Stoff für ihren letzten Akt liefern, und darum halte ich es für unklug, für die Inszenierung eine beträchtliche Summe aufs Spiel zu setzen.

Zudem sprechen E. E. sehr zuversichtlich von den Reichtümern des Herrn von Surmont. Welche Gewißheit haben Sie darüber? Welcher Art sind diese Reichtümer? Bestehen sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz, Handelseffekten? Hier sind viele Nebel zu verscheuchen, bevor wir klar sehen. Ich möchte, daß E. E. sowohl über die Grundlage des Unternehmens wie über die Verhältnisse des Erfinders Auskünfte einziehen, um meine Zweifel zu beheben, und daß Sie die mir in Aussicht gestellte Denkschrift durch einen Sachverständigen ausarbeiten lassen, der die Einzelheiten klar und deutlich anordnet und in seinem Gutachten soviel Licht verbreitet, daß wir die Dinge zu beurteilen vermögen.

Alles, was ich Ihnen schreibe, steht noch unter dem ersten Eindruck Ihrer Mitteilung von den Wundern, die Sie uns verheißen. Ohne die von Ihnen angeführten Tatsachen hätte die Sache mich eher belustigt als mir Eindruck gemacht. Aber es kommt gegenwärtig vor allem darauf an, die Interessen Ihrer Majestät nicht aufs Spiel zu setzen. Das muß ich Ihnen besonders anempfehlen. Ich erwarte mit Spannung positivere Auskünfte.

Anekdoten über die wunderbare Persönlichkeit, die sich gegenwärtig in Brüssel aufhält[341]

Vor vier Jahren lebte dieser eigenartige Mann in Frankreich unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain.

Er besaß angeborene Beredtsamkeit, sprach mehrere Sprachen fließend, war fein gebildet, verstand den Geschmack, die Neigungen und Schwächen derer zu erfassen, deren Vertrauen er gewinnen will, kannte alle Kniffe und Pfiffe der Adepten gründlich und wußte sich von den Großen am Versailler Hofe bewundern und umwerben zu lassen, ja sogar mehrere geheime Unterredungen mit dem König und der Marquise (von Pompadour) zu erlangen. Er fand solchen Anklang, daß man nicht nur von seiner erlauchten Herkunft überzeugt war, sondern auch glaubte, er werde die Finanzen durch sein tiefes Wissen und seine wunderbaren Geheimmittel wiederherstellen, und Wohlstand werde unter seiner wohltätigen Schöpferhand erblühen. Diese Bezauberung währte eine Weile. Er hielt alle, die sich einen Anteil an seiner Freigebigkeit und an den von ihm versprochenen Wundern versprachen, in einer Art von Ehrfurcht, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Sie wagten ihm nicht die geringste Frage über die Möglichkeit seiner wunderbaren Geheimmittel zu stellen, um dies schöpferische Wesen nicht zu kränken.

Trotz seiner einstudierten Miene und seines wohl überlegten Benehmens, seiner zurechtgelegten Reden und seines stets auf die Umwelt berechneten Auftretens entschlüpften ihm Unvorsichtigkeiten und Prahlereien, die die Illusion hätten zerstören müssen. Eines Tages vergaß er sich so weit, an einer Tafel, an der die erlauchtesten Personen des Hofes saßen, zu sagen, nur das Haus Bourbon sei ihm auf Erden ebenbürtig.

Ein Mann, der einem seiner größten und erlauchtesten Bewunderer nahestand, sah mit Kummer, wie dieser Herr sich blindlings in die Hirngespinnste des Grafen Saint-Germain verrannte, und wagte ihm gegenüber einige Zweifel zu äußern. Er fand zunächst schroffe Zurückweisung, ließ aber nicht locker und setzte es durch, den Grafen Saint-Germain in seiner Wohnung in Paris überraschen zu dürfen. Er ging tatsächlich hin und fand ihn in einer ziemlich unsauberen Wohnung. Er fragte ihn über seine Geheimmittel aus, bekam von ihm aber nur ein paar Farbproben zu sehen, sowie eine Art von Zauberbuch, eine alte Scharteke mit Angaben über chemische Prozeduren, deren Wertlosigkeit schon bei flüchtiger Durchsicht sofort erhellte.

Diese Feststellungen, die er dem genannten Herrn mitteilte, erschütterten Saint-Germains Kredit. Obwohl er immer nur von seinen Reichtümern, von seinen Geldmitteln an allen Plätzen Europas, von den Schiffen, die er auf dem Meere hatte, und von seiner Beteiligung an allen bekannten Banken erzählte, beging er die Unklugheit, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut für 1800000 Franken zu kaufen und einen förmlichen Kaufvertrag aufzusetzen. An den Tagen, wo die Raten fällig waren, trafen keine Zahlungen noch Wechselbriefe ein, und der Käufer verließ Frankreich.

In Holland angelangt, sprengte er aus, er hätte vom Allerchristlichsten König Vollmacht zu Friedensverhandlungen mit England[342]. Herr d’Affry schöpfte Verdacht, meldete Saint-Germains Äußerungen an seinen Hof und erhielt vom Minister des Auswärtigen Befehl, ihn verhaften zu lassen. Saint-Germain bekam Wind davon und entfloh nach England. Dort hielt er sich nur sehr kurz auf, vermutlich, weil das englische Ministerium, das damals mit dem Versailler Hof unterhandelte, eine Frankreich verdächtige Person nicht aufnehmen wollte. Man riet ihm, das Land zu verlassen.

Seitdem hat die Öffentlichkeit den eigenartigen Mann aus den Augen verloren. Man glaubte, er hätte sich nach Berlin begeben, aber wahrscheinlicher ist es, daß er sich in Holland verborgen hielt.

Kaunitz an Maria Theresia

Wien, 22. April 1763.

In der Generalverwaltung der Niederlande bereitet sich eine Szene vor, deren Ausgang mir so zweideutig erscheint, daß ich mich verpflichtet fühle, Eure Kaiserliche und Apostolische Majestät schon jetzt darauf vorzubereiten, wie ich diese Komödie ansehe.

Aus dem beiliegenden Auszug eines Berichtes des Grafen Cobenzl[343] ersehen E. M., welche Wunder ein seltsamer Mann, der vor vier Jahren unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain in Frankreich auftrat, zur Bereicherung Ihrer Finanzen und Untertanen vollbringen will. Graf Cobenzl spricht mit solcher Zuversicht von dem völligen Gelingen mehrerer unter seinen Augen gemachter Versuche. Mehr noch: Frau Nettine geht so hitzig darauf ein, daß ich die Möglichkeit der Sache nicht abzustreiten wagte, obgleich ich versucht bin, das Ganze als bloße Vision und Betrügerei anzusehen. Ich habe den Grafen Cobenzl also aufgefordert, äußerst vorsichtig zu sein, keine Staatsgelder aufs Spiel zu setzen und Nachforschungen über die Reichtümer seines angeblichen Orakels anzustellen, von denen er und Frau Nettine mit solcher Begeisterung, indessen ohne nähere Angaben, sprechen. Zu dem Zweck habe ich dem Grafen Cobenzl die gleichfalls beiliegende Antwort erteilt und die Anekdoten über das Leben des angeblichen Grafen Saint-Germain beigefügt[344], die zu meiner Kenntnis gelangt sind.

Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt. Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln, deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar recht brauchbare. Möglicherweise aber löst sich auch alles in Dunst auf. Auf jeden Fall wäre es angezeigt, wenn E. M. den Inhalt meines Berichts geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde Saint-Germain zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten müßte man die Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler anführen ließ, mit einem Schleier zudecken.

Eigenhändiges Marginal Maria Theresias

Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr zutrifft als das Cobenzl’sche und daß diese Torheit geheim gehalten werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 28. April 1763.

Auf den Erlaß vom 19. d. M. versichere ich zunächst, daß die Wunder, die ich täglich sehe, so groß und zugleich so einfach und so leicht sind, daß es mich gar nicht wundern würde, wenn E. E. nicht daran glauben wollten. Auch mir fiel es schwer, das zu glauben, was ich selbst gesehen habe und dann andere sehen ließ, die bessere Augen haben als ich. Jedes chemische Verfahren muß selbst denen verdächtig sein, die in dieser Wissenschaft besser Bescheid wissen als ich. Aber wie soll man den Glauben an etwas verweigern, das sich vor den eigenen Augen abspielt, das man selbst macht und das im großen wie im kleinen das gleiche sein muß? Denn es ist doch ausgeschlossen, daß mit einem Mittel, womit ein Stück gefärbt wird, nicht auch hundert Stück zu färben sind. Dazu kommt die völlige Klarheit der physikalischen Gründe, so daß man erkennt, daß Ursache und Wirkung gleich unfehlbar sind.

Wie ich E. E. schon berichtete, sind die Kosten nicht übermäßig, und die weiteren Ausgaben sollen aus dem Gewinn bestritten werden. Zur Verwandlung des Eisens, zum Färben von Holz, Wolle, Seide, Stoffen und Leder sind bereits folgende Einrichtungen getroffen. Wir haben einen guten, zuverlässigen Fabrikanten in Tournai[345] angenommen und lassen dort die nötigen Vorbereitungen treffen. Wir haben ihm den jungen Lannoy beigegeben, den E. E. in Wien oft gesehen haben. Alles wird so weit vorbereitet, daß Frau Nettines Sohn am 15. oder 16. Mai, nach der Rückkehr seiner Mutter von ihrer Reise nach Paris, die sie am 1. antritt, nach Tournai fahren kann, um dort das Verfahren zu sehen, das Geheimnis zu erfahren und die Herstellung zu lernen.

Bevor ich Punkt für Punkt auf die Mitteilungen über unseren Mann antworte, bitte ich E. E. zu bedenken, daß er nichts von uns verlangt und mir sein Geheimnis überlassen will. Seine persönlichen Eigenschaften sind uns ziemlich gleichgültig, wofern er uns sein Geheimnis preisgibt, das ich zum Teil schon besitze und das ich auf die obengenannte Weise ganz erfahren werde. Nur darauf kommt es an.

Ich sprach zuversichtlich von den Reichtümern dieses Mannes. Folgendes weiß ich darüber. Er besitzt ein Landgut in Holland, das zu zwei Dritteln bezahlt ist, und Wertsachen, die der Kaufmann, der sie in Seeland verpfändet hat, auf über eine Million schätzt. Diese Wertsachen läßt er herkommen, um sie bei Frau Nettine zu hinterlegen. Alles soll in einer Denkschrift von berufener Feder ausführlicher dargelegt werden. Bis dahin bitte ich E. E. versichert zu sein, daß ich sparsam und nur im Einvernehmen mit Frau Nettine vorgehen werde.

Ich komme zu den Anekdoten, die E. E. mir gütigst mitteilten. Die großen Fähigkeiten, die man unserem Manne zuschreibt, sind Tatsache, aber, wie ich hinzufügen muß, verachtet er die Adepten, und abgesehen von den Unterredungen, die er mit dem Allerchristlichsten König, der Marquise und den Ministern hatte, besitzt er viele Briefe von der Marquise und den Ministern, von denen er Gebrauch machen könnte, wenn er sich für die Härte rächen wollte, mit der Frankreich ihn behandelt hat.

Er stammt bestimmt aus einem erlauchten Hause, aber das tut nichts zur Sache, und so muß ich ihm gegenüber das Geheimnis wahren, das er mir darüber anvertraut hat. Er prahlt allerdings gelegentlich damit, aber unmöglich kann man an seinen Wundern zweifeln. Ich habe ihm tausend Einwände gemacht, aber er hat sie alle widerlegt: Ursache und Wirkung haben mich völlig überzeugt.

Die unbesonnene Bemerkung, die ihm entfahren sein soll, kann zutreffen. Wie gesagt, ist er in dieser Hinsicht ruhmredig. Ein Mensch, der seine Herkunft verbergen will, macht bisweilen ungewöhnliche Äußerungen, um die, welche ihn ausforschen wollen, irrezuführen. Aber nochmals: das tut nichts zur Sache.

Die Person, die ihn durch Überraschung entlarven wollte, hat ihn nicht gekannt. Er hat tausend Chemikalien in seinem Zimmer, mit denen er gar nichts macht. Er streut sie umher, damit man nicht auf die kommt, die er wirklich benutzt. Bei seinem Charakter wird man ihm sein Geheimnis durch Überrumplung nicht entreißen. Er überläßt es mir aus Freundschaft, und sicher wird er es nicht anders überlassen.

Er spricht von seinen Reichtümern und muß große besitzen; denn überall, wo er war, hat er prachtvolle Geschenke gemacht, viel ausgegeben und nie jemand um etwas gebeten, auch nirgends Schulden hinterlassen. Der Umstand mit dem Landgut des Herrn von Saint-Florentin ist mir nicht bekannt. Aber ich habe Einsicht in Schriftstücke gehabt, aus denen ich den Grund seiner Reise nach Holland ersah. Es handelte sich um folgendes.

Der Marschall Belle-Isle, dem er besonders nahestand, schickte ihn insgeheim nach Holland, um mit dem General Yorke über einen Sonderfrieden zu verhandeln. Das hat er getan; d’Affry wurde eifersüchtig und beschwerte sich lebhaft. Der Herzog von Choiseul war über die Sache wie über die Form aufgebracht und verfuhr gegen Saint-Germain in der allgemein bekannten Weise[346].

Ich habe die Schriftstücke gesehen und finde auf Saint-Germains Seite kein Verschulden. Aber selbst wenn ein solches vorläge, täte es nichts zur Sache; denn hier handelt es sich nur um Erlangung seiner Geheimmittel. Ich habe anfangs gefürchtet, daß Frankreich, nachdem es ihn aus Holland und England vertrieben hat, ihn auch hier verfolgen möchte. Aber er ist schon seit vier Monaten hier, und Frankreich hat bisher nichts unternommen. Daß dies noch geschehen könnte, fürchte ich um so weniger, als Frau Nettine den Grafen Starhemberg[347] und Herrn de Laborde[348] aufklären wird, und diese werden sicher verhindern, daß Frankreich bei uns seinethalben vorstellig wird.

Nach seiner Abreise aus England hat er sich in Holland aufgehalten. Er hatte dort besonders enge Beziehungen zum Grafen Bentinck[349], Herrn van Gronsfeld-Diepenbroek[350] und dem Bürgermeister Hasselaar[351] in Amsterdam. Er hat das Gut Ubbergen gekauft[352], nach dem er sich Surmont nennt. Dort wollte er eine Manufaktur einrichten. Der Zufall führte ihn hierher, und er besuchte mich auf der Durchreise. Seine Kenntnisse in der Malerei und Zeichenkunst bildeten den Anknüpfungspunkt; allmählich kam er auf seine Entdeckungen zu sprechen. Infolge meiner Ungläubigkeit ging er auf Einzelheiten ein. Da ich für Freundschaft empfänglich bin, bezeigte ich ihm die meine und machte ihn mit Frau Nettine bekannt. Die ausgezeichnete Erziehung, die sie ihren Kindern gibt, machte ihm Eindruck, und er schloß sich derart an sie und an mich an, daß ich glaube, wir könnten ihn zu allem bringen.

Das ist seine ganze Geschichte. E. E. werden sobald wie möglich genaue und ausführliche Einzelheiten über alle unsere Versuche nebst den Proben unserer Erzeugnisse erhalten und daraus erkennen, daß die Sache ihre Richtigkeit hat. Inzwischen wollen E. E. überzeugt sein, daß wir uns auf übermäßige Ausgaben nicht einlassen werden, und daß ein glücklicher Zufall uns durch diesen Mann, mag er sein, wer er will, ein Mittel geschenkt hat, um unsere Provinzen zu bereichern und den Staatsfinanzen einen vielleicht über Erwarten großen Gewinn zu verschaffen.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 10. Mai 1763.

Die Auskünfte Eurer Exzellenz zur Behebung meiner Zweifel an all den Wundern, die Herr von Surmont zugunsten unserer Finanzen wirken soll, vermehren nur meine Überraschung. Noch einmal: ich habe gegen Tatsachen nichts einzuwenden und glaube, wie E. E. schreiben, daß man mit einer Chemikalie, mit der man ein Stück Stoff färbt, auch mehrere färben kann. Weniger leicht ist der Nachweis, daß, wenn das Färben eines Stückes nur einen Gulden kostet, das Färben von tausend Stück sich nur auf tausend Gulden beläuft. Zur Herstellung im Großen bedarf es der Vorbereitungen, besonders bei chemischen Verfahren. Dazu kommt die Verwaltung, die Notwendigkeit, seine Geheimverfahren einer großen Zahl von Menschen mitzuteilen, tausend Zufälle, die durch Nachlässigkeit, Untreue oder Faulheit der Arbeiter entstehen, die Preissteigerung der Herstellungsmittel infolge starken Bedarfes. Alle diese Unkosten müssen berechnet und von dem Gewinn abgezogen werden, der aus einem Versuch im Kleinen errechnet ist. Hier gilt nicht die gewöhnliche Rechnung, daß zwei mal zwei vier ist. Deshalb gab ich E. E. zu bedenken, daß zwischen einem Versuch im Kleinen und der Herstellung im Großen ein himmelweiter Unterschied ist, und daß man bei dergleichen Untersuchungen nicht auf einfachen Versuchen fußen kann. Bliebe mir somit auch nicht der geringste Zweifel mehr über das Vorhandensein der wunderbaren Geheimverfahren des Herrn von Surmont, so kann ich mich doch nicht überzeugen, daß sie im Großbetrieb einen so sicheren und gewaltigen Gewinn abwerfen, wie er ihn in Aussicht stellt.

Auch die Geschichte von seinen Wertsachen, die auf eine Million geschätzt und doch in Seeland verpfändet sind, erscheint mir höchst verdächtig. Ein so schwer reicher Mann, der ein ganzes Peru in seiner Brieftasche trägt, verpfändet seine Wertsachen und besitzt ein Landgut, das er noch nicht bezahlt hat! Wie Sie mir zugeben werden, lieber Graf, sind das auffällige Widersprüche.

Aber schließlich halten die von Ihnen gesehenen und von Sachverständigen geprüften Tatsachen mich ab, diesen Zweifeln und Schwierigkeiten ganz nachzugeben. Ich bin nicht überzeugt, aber ich möchte es werden, und deshalb mache ich mir Sorge darüber, daß Sie sich für die Anlage von so kostbaren Manufakturen eine Stadt an der Grenze ausgesucht haben. Sie müssen dort notgedrungen die ganze Aufmerksamkeit und Eifersucht unserer Nachbarn erregen. Auch Herr von Surmont selbst ist dort nicht völlig sicher. Ich bin wirklich überrascht, Herr Graf, daß Sie, der Sie sich als Augenzeuge gewiß mehr von seinen Geheimmitteln versprechen, als ich bisher zu hoffen vermag, nicht gefürchtet haben, den ganzen Kram so aufs Spiel zu setzen, indem Sie ihn in Tournai anlegen. Doch auch das wird seine Gründe haben. Somit erwarte ich mit Spannung Ihre Denkschrift und Ihre Proben.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 19. Mai 1763.

Ich will E. E. heute nicht mit langen Einzelheiten über Herrn von Surmont belästigen; denn ich hoffe, bald einen eingehenden Bericht übersenden zu können. Alles Wunderbare oder Unbegreifliche überrascht, selbst wenn man es greifbar vorgeführt sieht. Die vorzügliche Qualität und die Billigkeit muß uns den Vorrang in der Färberei und Gerberei geben. Ich hoffe, die Proben zu erhalten, und werde sie E. E. sofort übersenden. Inzwischen darf ich versichern, daß ich keinen Schritt ohne Frau Nettine tue, und daß wir uns in den Ausgaben beschränken. Als Ort habe ich Tournai bestimmt, weil die Anlage dort billiger ist und ich dort einen Vertrauensmann und Sachverständigen für die Manufakturen (Rasse) habe, schließlich auch, weil ich dort am wenigsten Schwierigkeiten mit den abscheulichen Zünften befürchte. Mein Mann kommt heute aus Tournai zurück und wird in zwei bis drei Tagen mit Herrn von Nettine wieder hinfahren. Dieser letztere allein soll in das Geheimverfahren eingeweiht werden, und dies ist derart, daß weder die Arbeiter noch die Werkmeister es je erraten können. Frau Nettine hat bei ihrer Reise nach Paris nichts Ungünstiges über unseren Mann gehört und sich durch ihre Schwiegersöhne die Sicherheit verschafft, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten haben. Sobald Herr Nettine das Geheimverfahren kennt, werden wir einen richtigen Vertrag aufsetzen, den ich E. E. zur Genehmigung unterbreiten werde. Damit werden unsere großen Hoffnungen, die ich auf das Unternehmen setze, zur Gewißheit werden.

Brüssel, 27. Mai 1763.

Ich beehre mich, E. E. die Proben von Metall, gefärbter Seide, Wolle, Leder und Holz zu übersenden. Ich habe die Päckchen mit den vom Erfinder versehenen Aufschriften und den von ihm gegebenen Erläuterungen gelassen. Ich hoffe, E. E. werden alles vortrefflich finden. Ich wiederhole nur, daß all diese schönen Färbungen mit den einfachsten Mitteln hergestellt sind, und daß keine Cochenille verwandt ist; somit ist alles sehr billig. Alle anderen Farben sind in gleicher Weise zu erzielen. Grün gefärbte Seide, Wolle oder Holz habe ich nicht gesehen, aber wie mein Mann sagt, kann er auch das machen.

Sehr wichtig ist, wie ich selbst nachgeprüft habe, daß man nach erfolgter Färbung aus dem Farbwasser die schönsten Malfarben, selbst Ultramarin, gewinnt; bisher aber brauchte man zum Blau Cochenille. Der Erfinder glaubt jedoch, ein Verfahren zu finden, wo dies sich erübrigt. Doch ich kann nur für das einstehen, was ich selbst sah.

Nächsten Sonntag[353] fährt er mit Nettine nach Tournai und wird uns alle seine Geheimverfahren angeben. Nettine wird sie selbst ausprobieren, bis er sicher ist, sie nachahmen zu können. Danach werden wir unseren Vertrag entwerfen, und ich werde ihn E. E. zur Genehmigung vorlegen.

Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß diese Farben nicht die einzigen sind, mit denen wir färben können. Befehlen E. E. noch andere zu haben, so bedarf es nur der Zusendung einer Probe.

Brüssel, 28. Mai 1763.

Nach Abgang der Proben, die ich E. E. übersandte, übergab mir Herr von Surmont die beiliegende Denkschrift, die zur weiteren Erläuterung dient[354]. Ich hoffe, in einigen Tagen melden zu können, daß er uns seine Geheimverfahren angegeben hat; denn er wird morgen bestimmt mit dem jungen Nettine abreisen.

Dorn[355] an Cobenzl

Wien, 8. Juni 1763.

Der Herr Kanzler wollte heute die drei Briefe E. E. vom 27. und 28. Mai d. J. beantworten, wurde aber durch eine starke Kolik daran verhindert. Ich beehre mich also, E. E. in seinem Auftrage mitzuteilen, daß die Proben von gefärbter Seide und Wolle hier nicht die gleiche Bewunderung erregt haben wie in Brüssel. Das Färben von Holz ist keine Seltenheit und eignet sich nicht zu einem Handelsartikel, der in Wettbewerb mit über fünfzig indischen Holzarten treten muß. Diese sind eine schöner als die andere und sämtlich von einer Überlegenheit in den Farben und auch sonst für die Kunstschreinerei so viel besser geeignet, daß man sie stets Ihren billigen gefärbten Hölzern vorziehen wird. Die Metalle sind das verdächtigste und zugleich das belangloseste von all diesen Wundern. Nur das Leder scheint einige Beachtung zu verdienen. Es werden Musterkarten von gefärbter Seide und Wolle, die wir hier haben, aufgestellt werden. Neben jeder Gattung wird der Preis für ein Pfund vermerkt. Eine andere Musterkarte wird über gefärbtes Leder aufgestellt werden. Die Metalle werden chemisch geprüft und analysiert werden. E. E. sollen alle Auskünfte erhalten, die wir uns über diese Dinge beschaffen können.

Inzwischen aber sind wir weit entfernt, sie für so äußerst gewinnbringend zu halten, wie man es in den Niederlanden hofft. Der Herr Kanzler kann also nicht umhin, E. E. mitzuteilen, daß alle Vorarbeiten, die etwa zur Herstellung im Großen im Gange sein sollten, einzustellen sind, und daß mit Herrn von Surmont nichts abzuschließen ist, bis wir in der Lage sind, Ihnen den ausdrücklichen Befehl Ihrer Majestät hierüber kundzugeben.

Damit soll aber nicht alles verworfen werden. Unter diesen Geheimverfahren befinden sich einige, die, im Kleinen angewandt, wohl etwas Gewinn abwerfen könnten. Aber nach den Proben zu urteilen, befindet sich darunter nichts, dessentwegen man so große Ausgaben aufs Spiel setzen dürfte, wie sie schon die Vorbereitungen zur Anlage eines Großbetriebes vielleicht erfordern.

Herr von Surmont verspricht uns in seiner Denkschrift zwar Fortschritte in der Feinheit und Leuchtkraft der Farben; er müßte aber doch wissen, daß wir uns ein Urteil darüber nur aus den Proben bilden können, und die sprechen so wenig zu seinen Gunsten, daß unsere hiesigen Farben für Seide weit besser sind als die seinen. Es überrascht uns hier etwas, daß man seine Erzeugnisse nicht mit anderen verglichen hat, oder, wenn dies geschehen ist, daß man sich hat täuschen können. Man hat in Brüssel — oder sollte sie doch haben — die prachtvollen englischen und die glänzenden, schönen französischen Farben, mit denen die des Herrn von Surmont keinen Vergleich aushalten. Werden diese doch selbst von unseren Wiener Farben übertroffen. Die Billigkeit kann diesen Mangel nicht aufwiegen; denn entweder will man nur für den Absatz in den Niederlanden arbeiten, und dann ist die Sache gewiß nicht der Mühe wert, oder man will auch ans Ausland verkaufen und dessen Seiden zum Färben ins Land ziehen. Im letzteren Falle würden aber die Frachtkosten und Kommissionsgebühren, der Zeitverlust und zu alledem die Minderwertigkeit der Farben den Gewinn, der aus der Billigkeit entspringen könnte, auf ein Nichts herabdrücken. Das Färben ohne Cochenille und Indigo ist kein Kunststück. Kunckel, Lémery[356] und viele andere sehr verbreitete Bücher geben das Geheimnis und das Verfahren der Herstellung an. Nur wenn man ohne diese Farbstoffe so lebhafte, schöne, leuchtende und haltbare Farben herstellen könnte wie diejenigen, die auf Cochenille, Indigo und anderen teuren Farbstoffen beruhen, so wäre das ebenso ertragreich wie selten. Aber gerade das vermißt man bei den Surmont’schen Proben.

Was ich E. E. mitzuteilen habe, schließt nicht aus, daß Sie Herrn von Surmont in der bisherigen Weise weiter empfangen. Im Gegenteil, man darf ihm kein Mißtrauen zeigen. E. E. wollen nur darauf bedacht sein, nichts zu unternehmen, nichts abzuschließen und keine erhebliche Ausgabe zu machen, bis der Herr Kanzler Ihnen die Absichten Ihrer Majestät über die Gesamtheit Ihrer Unternehmungen mitteilen kann. Hiervon wollen E. E. auch Frau Nettine in Kenntnis setzen.

Dorn an den Kommerzienrat Thys in Klagenfurt

(Wien, 9. Juni 1763.)

Im Vertrauen auf Ihre Einsicht und Rechtschaffenheit möchte der Herr Kanzler Sie über eine Angelegenheit um Rat fragen, die für Ihre Heimat, die Niederlande, ebenso belangreich ist wie für den Dienst Ihrer Majestät. Somit möchten Sie nach Empfang dieses Schreibens oder wenigstens baldmöglichst mit der Post hierher kommen. Die Reisekosten werden Ihnen erstattet.

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Über das Ergebnis der Untersuchungen von Thys berichtet Kaunitz am 21. Juli 1763 an Maria Theresia:

„Da es sich um eine Unternehmung handelte, die nach Cobenzls ständig wiederholter Versicherung von größtem Nutzen für den Staat sein sollte, und ich in meinem Eifer dies Ziel sehnlichst herbeiwünschte, ließ ich aus Klagenfurt den Kommerzienrat Thys kommen, um ihn insgeheim zu Rate zu ziehen. Er hatte der hiesigen Beurteilung der Proben von Surmonts Geheimverfahren und der Unzuträglichkeit ihres Staatsbetriebes nichts hinzuzufügen und hielt es gleichfalls für unmöglich, diesen Erzeugnissen einen Absatz zu verschaffen, der den in den Niederlanden gehegten überspannten Erwartungen entsprach. Durch einen praktischen Versuch in Gegenwart des Departements-Referenten[357] stellte er fest, daß die meisten Surmont’schen Farben nicht mal die erforderliche Qualität besaßen. Auch war er überzeugt, daß das Gelb, wenn es auch leuchtender war als das hiesige, gegen das französische und englische Gelb nicht aufkommen kann. Schließlich hatte Surmont in seiner Denkschrift[358] erklärt, daß in den Niederlanden niemals Stoffe aus Ziegenhaar gefärbt worden seien, wie er sie zu färben sich anheischig machte, aber Thys versicherte, er selbst hätte Brüsseler Kamelott in dem gleichen Kübel mit Tuch zusammen scharlachrot gefärbt, und beides sei gleich gut ausgefallen.“

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 19. Juni 1763.

E. E. erhalten demnächst einen ausführlichen Plan der Manufaktur in Tournai. Wenn die Sache auch nicht so großartig ist, wie ich geglaubt habe, werden hoffentlich E. E. die Überzeugung gewinnen, daß der Versuch sich lohnt.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 21. Juni 1763.

Die Vorstellung, die Sie immer noch von den angeblichen Geheimnissen Ihres Adepten haben, steigert sich nachgerade zur Begeisterung. Das geht über meine Begriffe. Da Sie an Ort und Stelle die gefärbten Stoffe mit den englischen, französischen und holländischen vergleichen und durch sachkundige Kaufleute den Umsatz der Färberei in Europa abschätzen lassen können — wie ist es da denkbar, daß Sie sich einbilden, Ihre Farben, die, bis auf das Gelb, tatsächlich ganz gewöhnlich sind, würden Nachfrage finden oder es ergäbe sich die Möglichkeit zu einem anständigen Gewinn? Dabei spreche ich gar nicht einmal von dem Riesengewinn, den man Ihnen eingeredet hat. Da Sie absolut nichts Neues zu bieten haben, kommt auch ein Monopol gar nicht in Frage, der einzige Weg, auf dem sich Neuheiten wenigstens für eine Zeitlang ausbeuten lassen.

Ihre Hölzer und Metalle sind nur Armseligkeiten — verzeihen Sie mir den Ausdruck, mein lieber Graf! Von dem Holze zu reden, lohnt nicht einmal die Mühe. Was haben Sie mit dem Metall vor? Gesetzt, es eignete sich zur Herstellung von Leuchtern, Lichtputzern, Feuerzeugen usw., wollen Sie für das alles Werkstätten anlegen oder das Metall in Barren oder Blöcken verkaufen? In diesem Falle wird es entweder nachgeahmt, und Sie haben nur die Unkosten davon, oder es kommt in Mißkredit durch die Mängel, die so viele verschiedene minderwertige Verbindungen von Kupfer und Zink in Verruf gebracht haben, wie Tombak, Similor u. a. m., die eines guten Goldüberzuges bedürfen, um erträglich zu sein. Im ersten Falle aber frage ich: Wo ist die Aussicht auf Riesengewinne? Wo ist auch nur die Möglichkeit, die Konkurrenz so vieler, schon bestehender derartiger Fabriken aus dem Felde zu schlagen? Welche Sicherheit haben Sie, auch nur die Anlage-, Verwaltungs- und Betriebskosten zu decken?

Von Ihren Ölen will ich schweigen. Wie ich mir Ihren Abenteurer vorstelle, muß ich glauben, daß es ihm gelingen wird, Ihnen auch hierbei wie bei allem übrigen etwas vorzumachen. Wie, Herr Graf? Jemand, der anderthalb Millionen Vermögen und so wunderbare Geheimmittel besitzt, sollte nicht selbst Gebrauch davon machen, sondern Ihnen aus purer Freundschaft seine Reichtümer ausliefern? Wahrhaftig, ein derartiges Benehmen spricht aller Wahrscheinlichkeit zu sehr Hohn, als daß es auf irgendwen Eindruck machen könnte. Wäre der Mann seiner Sache gewiß, er brauchte Sie nur um Genehmigung zu bitten und dann auf eigene Rechnung zu arbeiten. Aber seine Geheimmittel werden teuer zu stehen kommen, so sagen E. E. jetzt selbst, und doch soll ihre Ausbeutung spottbillig sein. Mich deucht, wir stehen damit vor der Lösung des Knotens, und so erklärt sich auch die Freundschaft, die ihn zu seinen vertraulichen Eröffnungen gedrängt hat.

Wie dem aber auch sei, ich habe Sie rechtzeitig gewarnt, kein Geld auf Kosten Ihrer Majestät aufs Spiel zu setzen. Ich nehme daher an, daß Sie nicht zu weit gegangen sind, und warne Sie nochmals, etwas aufs Spiel zu setzen, bis wir auf Grund Ihrer Denkschrift klar, ganz klar sehen. Erst dann können wir Sie zu beträchtlichen Ausgaben oder kostspieligen Verpflichtungen ermächtigen.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 25. Juni 1763.

Ich berichte E. E. ganz gehorsamst über alles, was ich mit meinem eigenartigen Manne abgeschlossen habe. Der Ordnung halber muß ich einen Teil von dem wiederholen, was ich in meinen früheren Berichten gesagt habe.

Der Mann suchte mich hier gleichsam nur auf der Durchreise auf. Trotzdem seine Lebensgeschichte und selbst seine Person in geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist, fand ich bei ihm hervorragende Begabung für alle Künste und Wissenschaften. Er ist Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung, wie ich sie noch bei keinem Menschen fand, und er spricht alle Sprachen fast gleich gut, am besten Italienisch, Französisch und Englisch. Er hat fast die ganze Welt bereist, und da er bei all seinen Kenntnissen sehr unterhaltsam war, verbrachte ich meine Mußestunden sehr angenehm mit ihm. Ich kann ihm nur häufige Prahlereien über seine Talente und seine Herkunft zum Vorwurf machen.

Bis dahin drehten sich unsere Gespräche nur um Gegenstände der Bildung und Unterhaltung. Als er aber von seinen Geheimmitteln anfing, mir davon Erzeugnisse zeigte und Hoffnung machte, sie mir mitzuteilen, wollte ich mich nicht länger auf mich allein verlassen und machte ihn mit Frau Nettine bekannt. Sie war von den Talenten des Herrn von Surmont nicht weniger begeistert als ich. Er bezeugte die größte Freundschaft für sie, ihre Familie und für mich selbst, und wir ersahen daraus, daß es nur von uns abhing, in Besitz aller seiner Geheimmittel zu kommen. Also prüften wir eifrig ihre Brauchbarkeit und ersahen aus manchen Proben und den Gutachten aller Sachverständigen, daß sein Metall vielleicht gut ist, daß seine Färbstoffe hervorragend sind, daß seine Hölzer weit besser ausfallen als die in Frankreich gefärbten, daß seine Lederarten von größter Bedeutung sind, und daß seine Hüte einen sehr erheblichen Handelsartikel bilden können.

Je weiter wir mit ihm kamen, desto mehr erkannten wir, daß seine seltenen Gaben Hand in Hand mit äußerstem Eigensinn gingen, daß er unseren Wünschen nur entgegen kam, damit wir uns den seinen anbequemten, und daß es kein anderes Mittel gäbe, seine Geheimmittel zu erlangen, als in die Anlage einer Fabrik zu willigen. Hierzu wählte ich die Stadt Tournai aus den früher genannten Gründen[359]. Doch dazu waren Ausgaben nötig. Um mich darauf einzulassen, hätte es der vorgängigen Erlaubnis bedurft, die ich aber von E. E. nicht erlangen konnte. So sprang denn Frau Nettine mit ihrem gewohnten Eifer ein und erklärte sich, wie sie selbst an den Herrn Referendar schrieb[360], gern bereit, das Unternehmen auf eigene Rechnung zu führen, falls Ihre Majestät es nicht übernehmen wolle.

Die Anlage 1 enthält die Aufstellung der von ihr bereits aufgewandten sowie der noch weiter erforderlichen Summen.

Wir haben also unsere Manufaktur begründet. Der Graf ist mehrfach nach Tournai gereist, und der Kaufmann Rasse, bei dem ich ihn untergebracht hatte, hat ihn mit größtem Eifer unterstützt.

Unterdessen erzählte der Graf uns von seinen Reichtümern, insbesondere von den Wertsachen, die er in Holland hätte. Wir wollten Erkundigungen darüber einziehen, und der Kaufmann aus Nimwegen, sein Geschäftsfreund, veranschlagte sie auf mindestens eine Million. Da der Graf kein Geld hatte und seine Wertsachen herkommen lassen wollte, machte Frau Nettine ihm die in Anlage 2 aufgeführten Vorschüsse. Wir merkten indes, daß der Nimweger Geschäftsfreund mit ihm unter einer Decke stecken mußte; die hier eingetroffenen Wertsachen waren ganz unbedeutend, und was in Holland verblieben ist, besteht nur aus Gemälden, die er sehr hoch bewertet, die aber wenig Wert zu haben scheinen. Außerdem merkten wir, daß der Graf verschuldet war und von seinen Gläubigern in Holland gedrängt wurde. Dazu herrscht in seinen Privatverhältnissen so wenig Ordnung und Sparsamkeit, daß wir angesichts seiner Kenntnisse darüber staunen.

Wir konnten also nur wünschen, ihn loszuwerden, seine Geheimmittel möglichst billig zu erfahren, jede weitere Ausgabe zu vermeiden und die Leitung des Unternehmens einem Manne fortzunehmen, der bei seinem Mangel an Ordnung die Einkünfte in unmäßigen Ausgaben vergeudete. Zu dem Zweck schickte ich den Vicomte von Nettine nach Tournai, damit er sich dort alle Geheimmittel angeben ließ und sie selbst ausprobierte. Sobald ich sicher war, daß wir sie besaßen, schickte ich meinen Neffen[361] mit Herrn Walckiers nach Tournai, um den Handel mit dem Grafen abzuschließen. Das haben sie unter den in Anlage 3 angegebenen Bedingungen getan.

Wir sind jetzt also im Besitz folgender Geheimverfahren: Wir können Eisen in Metall verwandeln. Ist dies Metall gut, so ist es ein Vorteil mehr. Taugt es nichts, so ist die Ausgabe verschwindend, und wir gebrauchen auch nur wenig, da für das zum Färben der Häute erforderliche Wasser nicht viel nötig ist. Aber diese Färberei ist von höchster Bedeutung, und das Metallwasser besorgt nicht bloß das Färben, sondern zieht auch die Häute zusammen, wodurch sie stärker werden und auch kernig bleiben. Wir haben also eine Gerberei eingerichtet, von der in Anlage 4 die Rede ist. Anlage 5 enthält die Gegenüberstellung der bisher landesüblichen Preise für die Häute und der Preise, wie sie sich nach unserem Verfahren stellen.

Wir besitzen das Verfahren zum Färben von Wolle, Seide, Garn, Ziegenhaar und Baumwolle. Die Wichtigkeit dieser Sache ergibt sich aus dem in Anlage 6 dargelegten Preisunterschied zwischen unserem Färbverfahren und dem bisher angewandten. Der Absatz ist sichergestellt; denn unsere größten Kaufleute haben uns bereits schleunigst ihre Tuche, Kamelotte, Seiden und Wollstoffe zum Färben gegeben. Schon dieser Gewerbszweig allein kann Ihrer Majestät beträchtlichen Gewinn und den hiesigen Provinzen unendlichen Segen verschaffen.

Der Rückstand wird danach zum Färben des Holzes benutzt, was ein kostenloser Gewinn ist. Wäre er auch unbedeutend, so verdient er als Reingewinn doch Beachtung.

Die Malfarben, die, wie wir wissen, von französischen Malern ausprobiert sind, bilden ebenfalls einen Reingewinn ohne jede Kosten, denn sie werden nur aus dem Bodensatz der obigen, bereits benutzten Färbstoffe gewonnen.

Die Hutfabrikation schließlich ist auch ein sehr beträchtlicher Posten, wie sich aus Anlage 7 ergibt.

Aus allen diesen Einzelheiten ersehen E. E., welche Verfahren wir erworben haben, welchen Gewinn wir uns davon versprechen können und welche Auslagen wir bereits gemacht haben. Ich brauche nur noch über die weiter erforderlichen Ausgaben zu berichten, was in Anlage 8 ausgeführt ist.

Nun kommt es auf die Allerhöchste Entscheidung an, ob Ihre Majestät das Unternehmen der Frau Nettine überlassen oder es auf eigene Rechnung übernehmen will. Das letztere scheint mir in jeder Hinsicht empfehlenswert. In diesem Falle müßte man Frau Nettine ihre Vorschüsse auf das Unternehmen mit vier Prozent verzinsen und das Kapital nach und nach aus dem Gewinn zurückzahlen. Auch wäre es recht und billig, ihren Sohn zum Generaldirektor des Unternehmens zu ernennen. Er eignet sich dazu besonders durch seinen Eifer und seine Einsicht und als Alleinbesitzer des Geheimverfahrens. Er brauchte nur Seiner Königlichen Hoheit[362] und der Überwachung des Ministers unterstellt zu werden. Der Staatsrat und Lotteriedirektor Walckiers[363] könnte zum Königlichen Kommissar für das Unternehmen ernannt und dies der Lotterieverwaltung angegliedert werden. In Anbetracht des zu erzielenden Gewinns könnte Nettine entweder ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil bekommen.

Ich bitte E. E., mir über dies alles die Befehle Ihrer Majestät zukommen zu lassen, und bemerke nur noch, daß ich in alledem mit höchster Billigung Seiner Königlichen Hoheit verfahren bin und diesen Bericht, den ich ihm vorgelesen habe, nur auf seinen Befehl absende.

BEILAGEN

1. Aufstellung der für die Manufaktur in Tournai ausgegebenen Gelder

Färberei und Lager

Zwei große Häuser, das eine zum Abschweifen der Seide und zum Färben überhaupt, das andere als allgemeines Lager, nebst zwei kleinen anstoßenden Häusern. Kaufsumme in Gulden Kurant