AUS DEM „TAGEBUCH EINES WELTKINDES“ VON GRAF LAMBERG[53]

Eine seltsame Erscheinung ist der Marquis von Aymar oder Belmar, bekannt unter dem Namen Saint-Germain. Er wohnt seit einiger Zeit in Venedig, wo er hundert Frauen, die ihm eine Äbtissin verschafft, mit Versuchen zum Bleichen des Flachses beschäftigt, dem er das Aussehen von italienischer Rohseide gibt.

Er glaubt 350 Jahre alt zu sein, und wohl um nicht zu arg zu übertreiben, behauptet er, den Thamas Chouli-Kan in Persien[54] gekannt zu haben.

Als der Herzog von York[55] nach Venedig kam, beanspruchte er beim Senat den Vorrang vor diesem. Als Grund gab er an, man wisse wohl, wer der Herzog von York sei, kenne aber noch nicht den Titel des Marquis von Belmar.

Er besitzt einen Verjüngungsbalsam: eine alte Frau, die sich zu stark damit einrieb, wurde wieder zum Embryo. Einem seiner Freunde gab er eine Haarwickel und diesem zahlte ein Bankier, der den Marquis nicht kannte, auf Sicht 200 Dukaten in bar.

Ich fragte ihn, ob er nach Frankreich zurückkehre. Er versicherte mir mit überzeugter Miene, daß die Flasche (mit Lebenselixier), die den König in seinem jetzigen Gesundheitszustand erhalte, zu Ende ginge. Infolgedessen werde er mit einem glänzenden Streich wieder auf der Bühne erscheinen und sein Name werde in ganz Europa bekannt werden.

Er soll in Peking gewesen sein, ohne sich irgendeinen Namen beizulegen; als die Polizei ihn drängte, seinen Namen zu nennen, entschuldigte er sich damit, er wisse selbst nicht, wie er heiße. „In Venedig“, sagte er, „nennt man mich den Herrn ‚Was geht’s dich an’, in Hamburg: ‚Mein Herr’, in Rom: ‚Monsignor’, in Wien: ‚Pst’. In Neapel pfeift man nach mir, in Paris beäugt man mich, und auf dieses Zeichen spreche ich gern jeden an, der mich anschaut. Mein Name kann Ihnen, meine Herren Mandarinen, also gleichgültig sein. Solange ich bei Ihnen lebe, werde ich mich wie der Träger eines erlauchten Namens benehmen. Ob ich Erbse oder Bohne, Piso[56] oder Cicero heiße, mein Name muß Ihnen gleichgültig sein.“ Selbst in Venedig erhält er Briefe, auf denen bloß „Venedig“ steht. Der Rest ist freigelassen, und sein Sekretär verlangt auf der Post einfach Briefe ohne jede Anschrift.

Der König (von Frankreich) gab ihm beim Tode des Marschalls von Sachsen[57] das Schloß Chambord und umarmte ihn, als er ihn verließ. Saint-Germain verkehrte in allen vornehmen Häusern und wurde sogar mit Auszeichnung empfangen. Er ging oft zur Fürstin von Anhalt-Zerbst[58], der Mutter der jetzigen Zarin. „Ich muß“, sagte er zu ihr, „recht gern bei Ihnen sein, um zu vergessen, daß mein Wagen seit zwei Stunden auf mich wartet, um mich nach Versailles zu bringen.“

Übrigens weiß niemand, wer dieser seltsame Mann ist. Man hält ihn für einen Portugiesen. Er besitzt tausend Talente, die bei einem einzigen Menschen selten vereint sind. Er spielt hervorragend Violine, aber hinter einem Wandschirm; dann glaubt man fünf bis sechs Instrumente zugleich zu hören.

Er spricht viel und gut. Jeden redet er mit so passenden Fragen an, daß es anfangs überrascht. In einer Art von Stammbuch, in dem Unterschriften mehrerer Berühmtheiten stehen, zeigte er mir eine lateinische Eintragung meines Ahnherrn Kaspar Felix, der 1686 starb, mit seinem Wappen und der folgenden Beischrift: „Lingua mea calamus scribae velociter scribentis. Ps. 44, Vers 2“[59]. Die Tinte und selbst das Papier waren sehr verblaßt und nachgedunkelt und schienen mir alt. Das Datum ist 1678. Eine andere Eintragung von Michel Montaigne[60] ist vom Jahre 1580: „Kein Mensch ist so bieder, daß er wohl nicht zehnmal den Galgen verdient, auch wenn er alle seine Handlungen und Gedanken der Prüfung der Gesetze unterwirft. Und doch wäre es sehr schade und ungerecht, einen solchen zu bestrafen und zu hängen.“

Ich schließe aus alledem, daß es ebenso leicht ist, zwei gleiche Handschriften herzustellen, wie zwei ganz ähnlich aussehende Menschen zu finden. Le Vayer[61] gibt Beispiele an, aus denen man folgern könnte, daß es vorzeiten ein Verdienst war, Handschriften nachmachen zu können ...

Die beiden genannten Eintragungen könnten das Alter des Marquis bestätigen, spräche die menschliche Natur nicht dagegen. Von welchem Zeitalter er auch spricht, man trifft selten auf einen Irrtum. Er erwähnt sehr zurückliegende Daten am rechten Ort und spielt sich dabei keineswegs auf. Er ist ein seltener, überraschender Mann, und was einem Spaß macht: er hält der Kritik stand. Mit großer Überredungsgabe verbindet er eine ungewöhnliche Gelehrsamkeit und das umfassendste Gedächtnis, obgleich es örtlich beschränkt ist. Er behauptet, Wildmann die Kunst gelehrt zu haben, Bienen zu zähmen und den Schlangen Sinn für Musik und Gesang beizubringen. Da beides auf feststehenden Tatsachen beruht, gibt es der Eigenart des Marquis kein anderes Gepräge als das der Neuheit, die er oft anderen anerkannten Vorzügen vorzieht.

Ich habe einen sehr fesselnden Brief abgeschrieben, den er mir 1773 aus Mantua sandte.

Schreiben von Saint-Germain an Lamberg

„Ich sah ihn (Wildmann) im Haag, als ich dort verhaftet wurde[62]. Bevor ich meinen Degen abgab, bestand ich darauf, d’Affry, den französischen Botschafter bei den Generalstaaten, zu sprechen. Ich wurde in meinem Wagen hingebracht, in Begleitung des Offiziers, der mich zu bewachen hatte. Der Gesandte empfing mich, als ob er überrascht sei, mich zu sehen; bald aber gebot er dem Wächter, sich zurückzuziehen und vor allem den Herren Bürgermeistern zu melden, daß ich die Protektion des Königs besäße und somit unter dem Schutz Sr. Majestät stände, solange ich in Holland bliebe. Ich glaubte, dem Offizier einen Diamanten von reinstem Wasser und von, wenn ich so sagen darf, ungewöhnlichem Karat anbieten zu sollen, aber er lehnte ihn ab, und da all mein Zureden fruchtlos blieb, zerschlug ich den Stein mit einem großen Hammer in mehrere Stücke, die die Lakaien zu ihrem Profit auflasen. Der Verlust des Diamanten, der in Brasilien und im Reiche des Mogul als solcher anerkannt worden, war mir indes nicht gleichgültig, zumal seine Herstellung mir unendliche Mühe gekostet hatte. Graf Zobor, der Kammerherr des verstorbenen Kaisers[63] (ein unvergeßlicher Fürst durch seine erhabenen Eigenschaften wie durch den Schutz, den er den Künsten gewährte), hat Diamanten mit mir gemacht[64]. Prinz T.... hat vor etwa sechs Jahren einen von mir hergestellten für 5500 Louisdors gekauft und ihn dann mit 1000 Dukaten Gewinn an einen reichen Narren verkauft. Man muß in der Tat ein König oder ein Narr sein, sagte der Graf von Barre, um für einen Diamanten erhebliche Summen auszugeben. Da die Narren im Schachspiel[65] übrigens den Königen am nächsten stehen, so verletzt das griechische Sprichwort: Βασιλεῦς ἤ Ὄνος (König oder Esel) und das andere: Aut regem aut fatuum nasci oportet[66] keinen Menschen. Frau von S... hatte einen vom gleichen bläulichen Wasser und ebenso schlecht geschnitten wie jener; in der Fassung sah er wie ein großer böhmischer Stein mit mattem Schliff aus.

„Nun, mein Herr, ein Mann wie ich ist bei der Wahl seiner Mittel sehr oft in Verlegenheit, und wenn es zutrifft, daß die Narren oder die Könige die einzigen sind, denen man einen großen Diamanten anbieten kann, so verdiente ich die Ablehnung des Offiziers; das Unrecht war ganz auf meiner Seite. Übrigens ist der Mensch geneigt, bei den Kunstfertigkeiten oft gewisse Leistungen, die allein auf Rechnung des Künstlers kommen, der Natur zuzuschreiben. Ein Pott, ein Marggraf, ein Rouelle[67] verkünden von ihrem Dreifuß, daß niemand Diamanten gemacht hat, weil sie die Gründe nicht kennen, die dem Gelingen entgegenstehen. Wenn alle diese Herren (ihre Zahl ist groß) die Menschen mehr studieren wollten als die Bücher, so würden sie bei ihnen Geheimnisse entdecken, die sie in der „Goldenen Kette Homers“ und dem großen und kleinen „Albertus“, in dem geheimnisreichen Band „Picatrix[68] usw. nicht finden. Die großen Entdeckungen werden nur dem zuteil, der reist.

„Ich verdanke die Entdeckung des Schmelzens der Edelsteine der zweiten Reise nach Indien, die ich 1755 mit dem Oberst Clive[69] unter dem Befehl des Vizeadmirals Watson[70] machte. Auf meiner ersten Fahrt hatte ich nur sehr geringe Kenntnisse über dies wunderbare Geheimnis erworben. Alle meine Versuche in Wien, in Paris, in London galten nur als Proben; den Stein der Weisen zu finden, war mir in der genannten Zeit beschieden.

Max Joseph Graf v. Lamberg
Stich von Maag

„Aus guten Gründen gab ich mich bei dem Geschwader nur als Graf C...z aus. Überall, wo wir landeten, genoß ich die gleichen Auszeichnungen wie der Admiral. Ohne mich nach meinem Vaterlande zu fragen, erzählte der Nabob von Baba mir nur von England. Ich entsinne mich, mit welchem Vergnügen er meiner Beschreibung vom Pferderennen zu Newmarket zuhörte. Ich erzählte ihm, daß ein berühmtes Pferd namens Eclipse schneller sei als der Wind, und ich log nicht; denn angenommen, daß dies Pferd in einer Minute eine englische Meile lief, d. h. 82½ Fuß in der Sekunde, könnte man, selbst wenn es diesen rasenden Lauf nur ein bis zwei Minuten aushielt, ohne Gefahr begründeten Widerspruchs behaupten, daß ein solches Pferd vor dem Winde herlief; denn dessen größte Geschwindigkeit beträgt 85 Fuß im freien Raum, und ein Schiff, das auch nur ein Drittel seines Anpralls aushielte, würde 6 (französische) Meilen in der Stunde vorwärts getrieben werden, was der größten bekannten Fahrtgeschwindigkeit entspricht.

„Der Nabob schlug mir vor, ihm meinen Sohn, den ich mithatte, dazulassen. Er nannte ihn seinen Lord Bute[71], nach dem Muster seiner Höflinge, die sämtlich englische Namen trugen. Dieser Nabob hatte unter seinen Kindern einen Prinzen von Wales, einen Herzog von Glocester, einen Herzog von Cumberland usw. Als Watson ihn besuchte, erkundigte er sich nach dem Befinden des Königs Georg, und als er erfuhr, daß dieser einen Sohn verloren hatte[72], rief er seufzend aus: „Auch ich habe meinen Prinzen von Wales verloren!“

Der Marquis Belmar.“

Eine Gabe, die Herr von Belmar allein besitzt und die in den Familien gelernt und gepflegt zu werden verdiente, ist, mit beiden Händen zugleich zu schreiben. Ich diktierte ihm etwa zwanzig Verse aus „Zaïre“[73], die er auf zwei Blättern Papier in denselben Schriftzügen zugleich schrieb. „Ich tauge nicht viel,“ sagte er zu mir, „aber Sie werden zugeben, daß ich meinen Sekretär ganz umsonst ernähre. Die Fortschritte in den Kunstfertigkeiten sind langsam; man beginnt mit Versuchen und gelangt schließlich zu einem festen System.“

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Am Schluß berichtigt Lamberg die Angabe der in Florenz erscheinenden Zeitung „Le notizie del mondo“, die im Juli 1770 unter der Rubrik „Nachrichten aus der Welt“ die Mitteilung gebracht hatte:

„Tunis, Juli 1770. Der kaiserliche Kammerherr Graf Maximilian Lamberg hat der Insel Korsika einen Besuch abgestattet, um verschiedene Forschungen anzustellen. Er weilt hier seit Ende Juni in Gesellschaft des Herrn von Saint-Germain, der in Europa wegen seiner umfassenden politischen und philosophischen Kenntnisse berühmt ist[74].“

Lamberg dementiert diese Nachricht mit dem Hinweise, daß ihn die Zeitung zum Reisegefährten Saint-Germains in Afrika mache, „zu einer Zeit, wo Herr von Belmar aus Genua an einen Freund in Livorno schrieb, er wolle nach Wien gehen, um den Prinzen Ferdinand von Lobkowitz[75] wiederzusehen, dessen Bekanntschaft er 1745 in London gemacht hatte.“

Schreiben des Grafen Lamberg an Opiz[76]

„Herr von Saint-Germain hat ziemlich lange in Paris gelebt und das allgemeine Gespräch gebildet. Er behauptete tatsächlich, vierhundert Jahre alt zu sein. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Eines Tages traf ich ihn bei der verstorbenen Prinzessin von Talmond. Ich fühlte ihm auf den Zahn und hörte ihm aufmerksam zu. Er schien mir sehr kenntnisreich und sehr unterhaltend. Abends erzählte ich von der zufälligen Begegnung in einem Hause, wo ich zur Nacht speiste. Ich sagte, ich hätte den berühmten Grafen von Saint-Germain gesehen. Man fragte mich, ob er wirklich 400 Jahre alt sei, wie er behaupte. Ich entgegnete kalt: „Ich glaube, er übertreibt. Er sieht nicht älter aus als 200 Jahre.“ Im übrigen empfiehlt sich dieser berühmte Abenteurer, der einen guten Teil seines Lebens mit der Leichtgläubigkeit der Menschen gespielt zu haben scheint, durch seine Kenntnisse und Talente. Die Eigenartigkeit ist durchaus nicht sein einziger Vorzug; man täte ihm Unrecht mit der Annahme, daß sein Ruf nur darauf beruht. Seine Reisen und Forschungen würden eigenartiges und nützliches Material für einen Schriftsteller liefern, der über sichere Nachrichten verfügt.“

Aus Lambergs „Kritischen, moralischen und politischen Briefen“[77]

Cagliostro[78] ist undurchdringlich und ebenso eigenartig wie der Graf von Saint-Germain, dessen Schüler er sein soll, wenn er auch seinem Meister an Talenten und Genie weit nachsteht. Dieser verdankte seine Berühmtheit seinem Wissen; jener verdankt sie dem Glück und dem Ränkespiel: Mundus vult decipi[79].

Epigramm des Grafen Lamberg auf Saint-Germain[80]

Dreihundert Jahre bin ich für die Welt.
Zweihundert zähle ich für meine Freunde.
Beim Trinken bin ich fünfzig Jahre alt.
Bei Iris sind es fünfundzwanzig bloß.
Ich bin zwar nicht Fortunas Feind in allem,
Doch macht sie mich zu ihrem Spielball nicht:
Ich selber war’s, der stets mit ihr gespielt.

Grabschrift Saint-Germains auf den Grafen Lamberg[81]

Um einen Weltmann traure, braver Bürger,
Der Gottes Freund, Freund von Gesetz und Recht,
Des Kaisers Freund und auch des Nächsten war.
Lamberg starb arm, doch unverdienstlich nicht.
Er ward es satt, lichtscheuer Dummheit Licht
Zu bringen, doch das Schicksal war gerecht:
Der Nachwelt weiht es seinen teuren Namen,
Den siechen Leib den Würmern, und sein Herz
Dem Vaterland, der Freundschaft seine Seele,
Den Musen aber seinen hohen Geist.

Zur Kritik Lambergs

Der brandenburgische Forscher Moehsen schreibt im Anschluß an Lamberg in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg“, S. 22 (Berlin und Leipzig 1783):

„So hat auch in unseren Tagen der berühmte Marquis Belmar oder Graf Saint-Germain von der außerordentlichen Kraft eines solchen Verjüngungsbalsams eine große Erfahrung durch einen Apostolischen K. K. Kammerherrn bekannt werden lassen. Eine alte Dame hatte sich zu stark damit gerieben und sahe sich in kurzer Zeit in den Zustand eines Embryons versetzt, und man kann sich vorstellen, wie künstlich und beschwerlich es dem Herrn Grafen geworden, wenn er sie wieder zur Welt bringen und aufpäppeln müssen.“