AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER GRÄFIN GENLIS[82]

Ich komme nun zu einer seltsamen Persönlichkeit, die ich länger als ein halbes Jahr fast täglich gesehen habe. Das war der berühmte Schwindler Graf Saint-Germain. Er sah damals höchstens wie ein Fünfundvierzigjähriger aus, aber nach dem Zeugnis von Leuten, die ihn 30 bis 35 Jahre vorher gesehen, war er sicherlich weit älter.

Er war nicht ganz mittelgroß, gut gewachsen und hatte einen sehr leichten Gang. Seine Haare waren schwarz, seine Haut stark gebräunt, sein Gesichtsausdruck sehr geistreich, seine Züge ziemlich regelmäßig. Er sprach fließend Französisch, ohne eine Spur von Akzent, ebenso Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.

Er war ein hervorragender Musiker, begleitete auf dem Klavier aus dem Kopfe alles, was man sang, und mit solcher Vollendung, daß Philidor[83] darüber erstaunt war, ebenso über sein Präludieren.

Er war ein guter Physiker und ein großer Chemiker. Mein Vater, der das wohl beurteilen konnte, bewunderte seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr. Er malte auch in Öl, freilich nicht hervorragend, aber doch nett. Er hatte ein Geheimverfahren für wirklich prachtvolle Farben, durch das seine Bilder hervorragend ausfielen. Er malte im Stil der Historienmalerei; seine Frauengestalten waren stets mit Juwelen geschmückt. Für diese Schmuckstücke benutzte er seine Farben, und seine Smaragde, Saphire, Rubinen usw. hatten wirklich die Leuchtkraft, den Wiederschein und Glanz der wirklichen Steine. Latour, Vanloo[84] und andere Maler besichtigten seine Gemälde und bewunderten aufs höchste den erstaunlichen Kunstgriff dieser leuchtenden Farben, die allerdings den Nachteil hatten, die Gesichter auszulöschen und ihre Naturwahrheit durch ihre überraschende Täuschung zu zerstören. Aber für die Ornamentalmalerei hätten diese seltsamen Farben von großem Nutzen sein können, hätte Saint-Germain das Verfahren nicht geheim gehalten.

Im Gespräch war er belehrend und unterhaltend. Er war viel gereist und beherrschte die neuere Geschichte mit erstaunlicher Kenntnis der Einzelheiten. Man sagte daher, er spräche von längst verstorbenen Personen, als hätte er mit ihnen gelebt. Aber ich habe dergleichen aus seinem Munde nie gehört.

Er zeigte die besten Grundsätze, erfüllte gewissenhaft alle äußeren Pflichten der Religion, war sehr wohltätig und, wie allgemein zugegeben wurde, von größter Sittenreinheit. Kurz, in seinem Benehmen wie in seinen Reden war alles gesetzt und moralisch.

Dieser Mann erschien außergewöhnlich durch seine Talente, seine umfassenden Kenntnisse und alles, was persönliche Achtung verschafft — Wissen, vornehmes, gesetztes Wesen, lauteren Wandel, Wohlstand und Wohltätigkeit. Trotzdem war er ein Schwindler oder doch ein halber Narr, der sich Maßloses auf seine paar besonderen Geheimmittel einbildete, die ihm eine kräftige Gesundheit und ein längeres Leben als das des Durchschnitts der Menschen verschafft hatten. Ich bin überzeugt, und mein Vater glaubte es fest, daß Saint-Germain, der damals höchstens 45 Jahre alt schien, mindestens 90 alt war. Triebe der Mensch nicht Mißbrauch mit allem, so würde er insgemein noch zu höheren Jahren kommen; Beispiele dafür sind vorhanden. Ohne unsere Leidenschaften und unsere Unmäßigkeit würden wir 100 Jahre alt werden und bei sehr hohem Alter 150 bis 160 Jahre. Dann stände man mit 90 Jahren in der Kraft eines Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Somit hat meine Annahme über Saint-Germain nichts Ungereimtes, vorausgesetzt, daß er mit Hilfe der Chemie die Bereitung eines Trankes oder einer Flüssigkeit gefunden hätte, die seinem Temperament entsprach. Auch ohne an den Stein der Weisen zu glauben, könnte man annehmen, daß er damals viel älter war, als ich hier voraussetze.

In den ersten vier Monaten unseres vertrauten Umgangs tat Herr von Saint-Germain keine maßlose Äußerung, ja nicht mal eine ungewöhnliche. In seinem Wesen lag etwas so Gesetztes und Achtenswertes, daß meine Mutter ihn gar nicht über die Seltsamkeiten, die man von ihm behauptete, zu fragen wagte. Eines Abends jedoch, als er mich beim Vortrag mehrerer italienischen Arien nach dem Gehör begleitet hatte, sagte er zu mir, ich würde in vier bis fünf Jahren eine sehr schöne Stimme haben. „Und wenn Sie siebzehn bis achtzehn Jahre alt sind,“ setzte er hinzu, „würden Sie dann nicht gern in diesem Alter bleiben, wenigstens für eine lange Reihe von Jahren?“ Ich wäre entzückt darüber, entgegnete ich. „Wohlan!“ fuhr er tiefernst fort, „das verspreche ich Ihnen.“ Und sofort ging er auf andere Dinge über.

Frau von Genlis
Steindruck von Henry Meyer

Diese paar Worte ermutigten meine Mutter, ihn kurz darauf zu fragen, ob er wirklich aus Deutschland stamme. Da schüttelte er geheimnisvoll den Kopf und versetzte mit einem tiefen Seufzer: „Alles, was ich Ihnen über meine Herkunft sagen kann, ist, daß ich mit sieben Jahren in Begleitung meines Gouverneurs durch die Wälder irrte und daß auf meinen Kopf ein Preis gesetzt war!“ Bei diesen Worten schauderte ich, denn die Ehrlichkeit dieser großen Offenbarung stand für mich außer Zweifel. „Am Tage vor meiner Flucht“, fuhr Saint-Germain fort, „befestigte meine Mutter, die ich nicht wiedersehen sollte, ihr Bild an meinem Arme.“

„Ach Gott!“ rief ich aus. Bei diesem Ausruf blickte Saint-Germain mich an und schien gerührt, weil er meine Augen voller Tränen sah.

„Ich will es Ihnen zeigen“, sagte er.

Damit schlug er seinen Ärmel zurück und zeigte ein Armband mit schöner Emailmalerei, das eine bildschöne Frau darstellte. Ich betrachtete es mit tiefer Bewegung. Saint-Germain sagte nichts weiter und ging auf ein anderes Thema über.

Als er fort war, machte sich meine Mutter zu meinem großen Kummer über seine „Ächtung“ und seine „Königin-Mutter“ lustig; denn der Preis, der mit sieben Jahren auf seinen Kopf gesetzt war, die Flucht in die Wälder mit seinem Gouverneur ließen durchblicken, daß er der Sohn eines entthronten Herrschers war. Ich glaubte an diesen Königsroman und wollte daran glauben, so daß die Scherze meiner Mutter mich sehr verdrossen. Seit jenem Tage sagte Saint-Germain nichts Bemerkenswertes mehr in dieser Hinsicht; er sprach nur noch von Musik, Kunst und Merkwürdigkeiten, die er auf seinen Reisen gesehen.

Er brachte mir jedesmal ausgezeichnete Bonbons in Fruchtform mit, die er, wie er versicherte, selbst gemacht hatte. Von allen seinen Talenten war mir dies nicht das unliebste. Er gab mir auch eine sehr merkwürdige Bonbonniere, deren Deckel er angefertigt hatte. Die Schachtel war aus schwarzem Perlmutter und sehr groß. Der Deckel war mit einem weit kleineren Achat verziert. Stellte man die Schachtel ans Feuer und nahm sie gleich darauf wieder fort, so sah man den Achat nicht mehr, sondern an seiner Stelle eine hübsche Miniatur, die eine Schäferin mit einem Blumenkorb darstellte. Diese Figur blieb so lange, bis die Schachtel wieder erwärmt wurde; dann erschien der Achat wieder und verdeckte die Darstellung. Das wäre ein reizendes Mittel, ein Bild zu verbergen. Ich habe seitdem eine Zusammensetzung entdeckt, mit der ich alle möglichen Steine, selbst durchsichtige Achate, täuschend ähnlich nachahme. Durch diese Erfindung habe ich den Kunstgriff von Saint-Germains Schachtel erraten.

Um mit meinen Erinnerungen über den seltsamen Mann zu schließen, muß ich sagen, daß ich 15 bis 16 Jahre später bei der Durchreise durch Siena in Italien erfuhr, daß er in dieser Stadt wohnte und daß man ihn nicht für älter als 50 Jahre hielte. 16 bis 17 Jahre darauf, als ich in Holstein war, hörte ich vom Prinzen von Hessen, dem Schwager des Königs von Dänemark und Schwiegervater des (heute regierenden) Kronprinzen[85], daß Saint-Germain ein halbes Jahr vor meiner Reise nach Holstein bei ihm gestorben sei. Der Prinz ging auf alle meine Fragen über den berühmten Mann ein. Wie er mir sagte, sah er zur Zeit seines Todes weder alt noch gebrechlich aus; nur schien er von einer unbezwinglichen Trübsal verzehrt. Der Prinz hatte ihm in seinem Schloß eine Wohnung angewiesen und machte mit ihm chemische Experimente. Saint-Germain war nicht als armer Mann zu ihm gekommen, doch ohne Begleitung und ohne glänzendes Auftreten. Er besaß noch mehrere schöne Diamanten. Er starb an Auszehrung, und zwar unter Zeichen furchtbarer Todesangst. Selbst sein Verstand war getrübt. Zwei Monate vor seinem Tode war er ganz geistesgestört. Alles an ihm deutete auf ein gequältes Gewissen hin, das sein Inneres in ungeheuren Aufruhr versetzte. Diese Erzählung betrübte mich; ich hatte noch immer viel für diesen seltsamen Mann übrig.