Achtes Kapitel.
Der bestgehaßte Mann.

An einem Vormittage zu Anfang des November 1862 schritten zwei stattliche Männer durch die Straßen der preußischen Hauptstadt. Der eine war im Zivilanzuge mit dem dunklen Schlapphute auf dem mächtigen Haupte, der andere trug den Militärpaletot; sein ernstes, entschlossenes Gesicht mit dem kräftigen grauen Schnurrbart bekundete Festigkeit und Mut.

Die beiden waren sich eben begegnet und hatten sich die Hand geschüttelt, dann waren sie nebeneinander hergegangen, und der Offizier sagte:

»Nun, wie war’s bei der Abschiedsaudienz in Paris, lieber Bismarck?«

»Das will ich Ihnen kurz berichten, bester Roon. Am 1. November fuhr ich höchst feierlich in St. Cloud vor und überreichte unter allem herkömmlichen Zeremoniell dem Kaiser mein Abberufungsschreiben, wobei ich ihm zugleich mitteilte, daß Seine Majestät mich am 8. Oktober zum Ministerpräsidenten und Minister der Auswärtigen Angelegenheiten zu ernennen geruht haben. Napoleon war sehr liebenswürdig und gutmütig, aber einen Einblick in unsere Verhältnisse scheint er ebensowenig zu haben wie große wissenschaftliche Kenntnisse; ich glaube, daß er bei uns nicht einmal das Referendarexamen bestehen würde. Der Kaiser meinte, nachdem wir hier in Preußen erst einmal den Konflikt zwischen der Regierung und dem Abgeordnetenhause in der Frage der Heeresreform haben, würde es wohl nicht lange dauern, und es würde einen Aufstand geben in Berlin und Revolution im ganzen Lande, und bei einer Volksabstimmung hätte der König alle gegen sich. Ich sagte ihm, das Volk baue bei uns keine Barrikaden, Revolutionen machten in Preußen nur die Könige. Wenn der König die Spannung, die freilich vorhanden sei, nur drei bis vier Jahre aushalte, so habe er gewonnenes Spiel. Wenn er nicht müde würde und mich nicht im Stiche ließe, würde ich nicht fallen. Und wenn man das Volk anriefe und abstimmen ließe, so hätte er schon jetzt neun Zehnteile für sich. – Der Kaiser soll nach meinem Weggange geäußert haben: »Ce n’est pas un homme serieux« (das ist kein ernsthafter Mensch).«

»Und Sie haben in allem recht: daß wir in der Frage der Heeresverstärkung zum Besten Preußens nicht nachgeben dürfen, ist für uns selbstverständlich; sollen wir einmal dem Staat des großen Friedrich wieder die gebührende Stellung und vor allem seine Führerrolle in Deutschland sichern, so brauchen wir ein starkes Heer. Und daß wir das Volk auf unserer Seite haben, beweisen die zahlreichen Abordnungen aus allen Teilen des Landes, die an den König kommen, um gerade jetzt ihn der Treue und der Zustimmung seiner Untertanen zu versichern.«

»Gewiß, auch ich beharre fest bei dem, was ich in der Kammer schon gesagt, und es ist meine tiefinnerste Überzeugung, daß Preußen nicht, wie so oft schon, den günstigen Augenblick für sich verpassen darf aus Mangel an Kraft, und daß die großen Fragen der Zeit zuletzt nicht durch Reden und Majestätsbeschlüsse entschieden werden, sondern durch Blut und Eisen. Darin werde ich mich nicht irremachen lassen, und ich hoffe, die Zukunft wird mich verstehen.«

Die beiden Männer kamen an dem Schaufenster einer Buchhandlung vorüber, und Bismarck blieb stehen:

»Lassen Sie uns sehen, was es Neues gibt!« Da hingen wunderliche Bilder, Karikaturen, welche den Ministerpräsidenten in mancherlei Situation darstellten, als feudalen Junker, welcher mit dem Besen die großen Städte wegfegt, als Hausknecht, der den Saal der Abgeordneten reinigt u. a.

Der alte General biß sich auf den grauen Schnurrbart und fand in seinem Unmute kein Wort, Bismarck aber lachte:

»Sie sorgen damit besonders liebevoll für meine Popularität, und einzelnes ist wirklich gar nicht übel; ärgern kann ich mich über dies Zeug beim besten Willen nicht, ändern werden sie damit an mir auch nichts.«

Und sie schritten weiter, bis an die Ecke der nächsten großen Straße; hier wollte Bismarck sich verabschieden, Roon aber sagte:

»Nein doch, Verehrtester! Wenn Sie ein Stündchen Zeit haben, so nehmen Sie mit uns das Frühstück ein; meine Frau wird sich herzlich freuen – das wissen Sie!«

»Ich bin ohnehin schon mehr bei Ihnen als daheim in meiner Junggesellenwirtschaft – aber Sie wollen’s nicht anders, und ich kann mir’s gefallen lassen, solange ich hier noch allein stehe.«

Kurze Frist darauf saß er mit Roon zu Tische, und das Gespräch drehte sich nicht mehr um die leidige Politik. Der General äußerte, sich behaglich zurücklehnend in seinen Sessel: »Wenn ich mir das hätte träumen lassen, lieber Bismarck, als ich in Pommern als blutjunger Leutnant mit der Flinte hinauslief in die Felder oder Terrainaufnahmen machte und Sie als frischer, prächtiger Junge mich begleiten, daß wir einmal nebeneinander am Ministertische sitzen würden, Sie noch dazu – mit allem Respekt zu melden – als Präsident –«

»Weiter können wir nun allerdings nicht kommen, und meine gute Mutter, die schon auf Kniephof immer einen Diplomaten aus mir machen wollte, sollte doch einigermaßen ihre Freude an mir haben.«

»Na, dafür hat jetzt Frau Johanna diese Freude!« bemerkte Frau von Roon.

»Ja, meine gute Johanna! Sie kennt aber nicht bloß die Freuden, sondern auch die Leiden des Diplomatenlebens. Ach, wie ich mich danach sehne, endlich wieder die Meinen hier um mich zu haben in meinem einsamen Hause in der Wilhelmstraße, das glauben Sie kaum. Ich habe meiner Frau auch geschrieben, daß ich alle Tage bei den guten Roons esse, und wenn sie und meine Fuchsstute nicht wären, ich mir gar zu vereinsamt vorkäme. Dabei wie Leporello: Keine Ruh’ bei Tag und Nacht! Da wollte ich vor kurzem einige Tage wenigstens mich bei Malwine auf Kröchlendorf erholen, arbeitete bis tief in die Nacht hinein, und wie ich fertig war, goß ich statt des Streusandes die Tinte über die Geschichte, daß sie mir nur so an den Knien hinunterfloß, und die nächsten Tage brachten wieder so viel Arbeit, daß ich meinen schönen Gedanken aufgeben mußte. Aber alles für König und Vaterland! Unserem guten König!«

Er hob sein Glas mit dem funkelnden Wein, und hell klang es durch den Raum.

Dann kamen wiederum Tage heftiger Kämpfe. Das Abgeordnetenhaus war am 14. Januar 1863 wieder zusammengetreten, aber eine Verständigung über die von dem König gewünschte, von Bismarck als unbedingt notwendig verfochtene Heeresreform wurde zunächst nicht erzielt, ja, die Spannung zwischen der Regierung und den Kammern wuchs noch, als in Polen ein Aufstand gegen Rußland ausbrach und Preußen nur einen Vertrag mit demselben schloß, wonach bewaffnete polnische Banden und revolutionäre Flüchtlinge auch über die preußische Grenze verfolgt werden durften. Da die polnische Bewegung überall große Sympathien hatte, mußte sich Bismarck heftige Angriffe gefallen lassen, sogar auf seine »preußische Ehre«, und wohl nur wenige verstanden diesen meisterhaften politischen Schachzug des fernblickenden Staatsmannes, der sich für künftige Vorkommnisse die Freundschaft des mächtigen östlichen Nachbars sichern wollte.

In jenen Tagen war es, daß er in einer Gesellschaft dem englischen Gesandten, Sir Andrew Buchenan, begegnete, der ihn wegen des geschlossenen Vertrages interpellierte.

Bismarck erklärte rund und bündig:

»Wir können ein unabhängiges Polen an unserer Grenze nicht dulden.«

»Wie aber, wenn der immerhin mögliche Fall eintritt, daß die Russen aus Polen hinausgeschlagen werden, was werden Sie dann tun?«

»Dann müßten wir das Königreich selbst besetzen, um das Aufkommen einer uns feindlichen Macht zu hindern.«

»Dies wird Europa niemals dulden – nein, dies duldet Europa nicht!«

»Wer ist Europa?«

Der Engländer war über diese Frage einigermaßen verdutzt, dann erwiderte er:

»Nun, verschiedene große Nationen.«

»Sind dieselben bereits einig darüber?«

»Nun – die Frage ist ja – noch nicht ventiliert worden, aber Frankreich beispielsweise würde niemals eine neue Unterdrückung Polens zulassen.«

»Und für uns ist die Unterdrückung des Aufstandes eine Frage über Leben und Tod; übrigens ist es nutzlos, hier nicht vorliegende Möglichkeiten weiter zu erörtern.«

Das war am 11. Februar gewesen, und eine Woche später stand der Ministerpräsident im Abgeordnetenhause den erregten Volksvertretern in derselben Angelegenheit gegenüber, und schwertscharf gingen die Worte hin und her, so daß nicht lange darauf von dem König die Entlassung des Ministeriums verlangt wurde.

Dieser aber hielt seinen Minister, und der Landtag wurde aufgelöst.

Aber trotz aller Anfeindungen fehlte es für Bismarck auch nicht an ehrenvollen und ermunternden Anerkennungen. Besonders freute es ihn, als eine Anzahl Patrioten ihm einen Ehrendegen überreicht hatte, der auf der einen Seite der Klinge das Wahrwort des alten Ritters Frundsberg: »Viel Feind’ viel Ehr’« trug, auf der anderen Seite aber unter Bismarcks Wappen das Wort:

Das Wegkraut sollt du stehen lan,
Hüte dich, Jung, sind Nesseln dran.

Am 17. März 1863 hat er die schöne Waffe zum erstenmal getragen an einem schönen Feste. Ein halb Jahrhundert vorher hatte an diesem Tage König Friedrich Wilhelm III. den Aufruf an sein Volk erlassen zu dem heiligen Kampfe gegen Napoleon, und nach fünfzig Jahren versammelte König Wilhelm die Veteranen der Befreiungskriege um sich zu einer erhebenden Erinnerungsfeier. Die breite Straße Unter den Linden entlang zog die ehrwürdige Schar, geführt von dem Feldmarschall Wrangel, hinaus nach dem Lustgarten. Aus allen Fenstern wurden die ersten Blüten des Frühlings den greisen Männern zugeworfen, die an den Steinbildern ihrer heldenhaften Führer vorbeiparadierten, und an dem Orte Halt machten, wo das Standbild Friedrich Wilhelms III. sich erheben sollte. Das alte und das neue Preußen reichten sich hier die Hand, und Gottes helle Sonne beschien den vom besten Streben für sein Volk beseelten König und den stattlichen Recken in Kürassieruniform, der an seiner Seite hielt, den streitbaren und festen Ministerpräsidenten.

Der Konflikt mit der Volksvertretung jedoch dauerte fort, und Mißstimmung und Spannung gegen Bismarck waren noch im Wachsen. Aber nun konnte er sich wenigstens nach den Kämpfen des Tages wieder im Kreise seiner Familie erholen, und Frau Johanna hatte ihm in der Wilhelmstraße eine freundliche Häuslichkeit geschaffen.

Hier feierte er am 1. April 1864 seinen neunundvierzigsten Geburtstag, und er brachte ihm zahlreiche Beweise von Liebe und Anhänglichkeit aus Nähe und Ferne. Unter den vielen Schriftstücken lief auch eins ein, das wunderlich genug war: Das polnische geheime Nationalkomitee in Warschau teilte ihm mit, daß es das Todesurteil über ihn verhängt habe, und daß er der Vollstreckung desselben gewärtig sein solle.

Er las das Schreiben noch einmal, dann schritt er langsam dem Kamin zu, in welchem das Feuer flackerte, und warf den Drohbrief gleichmütig in die Flammen. Es war nicht das erstemal, daß ihm solches begegnete, und Frau Johanna sollte sich nicht ängstigen, wenn ihr der Zufall etwa ein solches Schreiben in die Hände brächte.

Zu derselben Zeit war übrigens bereits eine neue bedeutsame Aktion im Gange. Im Herbste 1863 war der König von Dänemark gestorben, und da sein Nachfolger damit umging, die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein gegen alles Recht seinem Staate einzuverleiben, nahm sich der deutsche Bund der Bedrängten an. Bismarck aber hatte mit weitschauendem Blicke erwogen, ob nicht eine Erwerbung dieser deutschen Ländergebiete für Preußen möglich sei, und so setzte er durch, daß Österreich und Preußen gemeinsam den Krieg gegen Dänemark führten. Und er wurde, trotzdem das Abgeordnetenhaus dem Ministerpräsidenten die Mittel verweigerte, entschieden und glücklich geführt, und endete damit, daß Schleswig-Holstein an Österreich und Preußen abgetreten wurde. Nun handelte es sich darum, wie es mit der Verwaltung beziehungsweise Regierung in den Herzogtümern werden sollte, und Bismarck war fest entschlossen, hier in keiner Weise sich von Österreich übervorteilen zu lassen. Noch lag auf Preußen »die Schmach von Olmütz«, und diese mußte gesühnt werden.

Es war im Hochsommer des Jahres 1865. Auf einer freundlichen, von Tannen umgrünten Höhe in dem herrlichen Badeorte Gastein liegt ein im Schweizerstil mit vorspringendem Dach und Holzveranden versehenes einfaches Haus, die Villa Hollandia, und hier war es, wo in den Augusttagen des genannten Jahres, in einer einfachen Stube, deren Fenster hinaussahen auf die grünen Föhren, eine Anzahl Staatsmänner in ernsten Verhandlungen sich zusammenfanden. Das Geschick von Schleswig-Holstein sollte entschieden werden. Heiß wurde hin und her gesprochen, während der Regen draußen tagelang niedersickerte und ab und zu den Ausblick verhüllte. Endlich erreichte Bismarcks Festigkeit und imponierende Ruhe, daß ein Vertrag vereinbart wurde, wonach Österreich über Schleswig, Preußen über Holstein Hoheitsrechte ausüben und Preußen gegen eine Abfindungssumme von 2½ Millionen das Herzogtum Lauenburg besitzen solle. Dabei gab es noch manche Nebenbestimmungen, welche Preußen wichtige Rechte auch für Holstein sicherten.

Am 20. August unterzeichneten in Salzburg die beiden Monarchen den Gasteiner Vertrag, und nicht lange danach verlieh Kaiser Franz Josef Bismarck den St. Stephanusorden, sein König aber zeichnete ihn durch den hohen Orden vom Schwarzen Adler aus und erhob ihn in den Grafenstand.

Aber die so geschaffenen Zustände in den Elbherzogtümern waren unhaltbar. Österreich begünstigte in Holstein die preußenfeindlichen Bemühungen des Herzogs von Augustenburg, Bismarck protestierte dagegen, von Wien aus erfolgte eine scharfe, abweisende Antwort, und so spitzte sich die Spannung zwischen Österreich und Preußen immer mehr zu. In Österreich begann man bereits militärische Maßregeln zu treffen, und auch Bismarck blieb nicht müßig. Er sicherte dem Staate einen Bundesgenossen in dem Königreiche Italien und wußte sich auch der eventuellen Neutralität Napoleons zu versichern, und nun mochte es zum Äußersten kommen. Einmal mußte doch die Führerschaft über Deutschland mit Blut und Eisen entschieden werden.

Im eigenen Lande aber verstand und würdigte man seine kühnen Pläne nicht, schalt ihn einen Friedensstörer und bekämpfte ihn mit gehässigen Verleumdungen, so daß zuletzt geradezu der Fanatismus gegen ihn entfesselt wurde.

Es war am 7. Mai 1866 um die fünfte Nachmittagsstunde. Bismarck kam aus dem königlichen Palais, wo er Vortrag gehalten hatte, und schritt sinnend, langsamen Schrittes die Straße »Unter den Linden« entlang. Er erwog die eiserne Notwendigkeit der Entscheidung mit den Waffen, zu welcher sein friedliebender Monarch sich noch immer nicht entschließen mochte, und so hatte er weder ein Auge für den beginnenden Frühling in den jungbegrünten Bäumen, noch für die Menschen, welchen er begegnete.

So kam er bis in die Nähe des russischen Botschaftshotels. Da hörte er plötzlich rasch nacheinander hinter sich zweimal einen kurzen Knall und fühlte beinahe gleichzeitig einen Schmerz in der Seite. Er wandte sich schnell um, und siehe, ganz nahe hinter ihm stand ein junger Mann, der mit dem Revolver in seiner Rechten gerade nach ihm hinzielte. Blitzschnell sprang er zu und faßte nach der Hand des Attentäters sowie nach dessen Kehle. Da ging der Schuß los und streifte den Minister an der Schulter; ehe es dieser versah, hatte der freche Angreifer auch schon die Waffe in die Linke genommen und feuerte noch zweimal aus unmittelbarster Nähe auf Bismarck; der eine Schuß fehlte, der andere aber traf eine Rippe, und der Getroffene fühlte den erschütternden Schlag so gewaltig, daß ihn die Besinnung zu verlassen drohte. Aber er bezwang sich mit eiserner Gewalt und hielt den Menschen fest. Das alles war wie in einem einzigen Augenblicke geschehen, und jetzt erklangen ganz nahe Weisen eines militärischen Marsches. Ein Bataillon des zweiten Garderegiments zog mit klingendem Spiele vorüber. Offiziere und Soldaten sprangen heran, und wenige Minuten später wurde der Attentäter gefangen abgeführt.

Der Minister atmete einigemal tief auf; über ihm lacht der blaue Lenzhimmel, um ihn bewegt sich die geschäftige Welt wie vordem, und die Klänge des fröhlichen Marsches schlagen noch immer an sein Ohr – und doch hat er in Minuten Großes erlebt. Er schritt langsam, aber von dem seltsam erhebenden Gefühl des göttlichen Schutzes erfüllt, weiter, und in seiner Wohnung in der Wilhelmstraße stieg er bereits völlig ruhig die Treppen hinan und begab sich nach seinem Arbeitsgemache, um vor allem seinem König die aufregende Meldung von dem Geschehenen zu machen.

Dann wechselte er den Anzug und begab sich in den Salon seiner Gemahlin. Er traf hier Gesellschaft, Damen und Herren, und begrüßte sie in seiner gewohnten liebenswürdigen Weise, indem er scherzend, zu Frau Johanna gewandt, beifügte:

»Warum essen wir denn heute gar nicht?«

Dann schritt er auf eine der Damen zu, um sie zu Tisch zu führen, und dabei fand er Gelegenheit, indem er seine Gemahlin leicht auf die Stirne küßte, ihr zuzuflüstern:

»Mein Kind, sie haben auf mich geschossen, aber sei ruhig, es ist nichts!«

Die Gräfin erbleichte, und ein banger Schauer ließ sie einen Augenblick erbeben – da war das Ereignis nicht länger zu verheimlichen. Eine gewaltige Erregung bemächtigte sich der Gäste, schreckensvolle Fragen, ängstliche Ausrufe klangen durcheinander, aber mit ruhigem, verbindlichem Lächeln bat der Minister die Herrschaften, sich zu Tisch zu begeben. Nun erzählte er kurz, wie sich alles zugetragen, und dann aß er mit solcher Ruhe, als ob er von einem Fremden berichte, während seine Gemahlin sowie die Gäste nicht imstande waren, sich um die aufgetragenen Speisen zu kümmern.

Man hatte den Arzt rufen lassen, der rasch genug zur Stelle war und nach seiner Untersuchung die Erklärung abgeben konnte, daß die erhaltenen Verletzungen durchaus leicht und unbedenklich seien.

»Bei fünf Schüssen aus solcher Nähe,« sagte einer der Anwesenden – »das ist wunderbar.«

»Gewiß,« erwiderte der Arzt – »hier gibt es eben nur eine Erklärung – Gott hat seine Hand dazwischen gehabt.«

Es war wahrlich kein ruhiges Diner, das an jenem Maitag im Ministerhotel in der Wilhelmstraße abgehalten wurde. Die Kunde von dem Attentat hatte sich mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitet, und zu Wagen und zu Fuß kamen jetzt die hochgestelltesten Persönlichkeiten der Hauptstadt, um ihre Glückwünsche auszusprechen.

Allen voran war König Wilhelm gekommen. Bismarck war dem teuren Herrn entgegengeeilt, und in einem stillen, einsamen Gemache standen die beiden allein sich gegenüber. Tief ergriffen schaute der Herrscher seinem treuesten Diener in die Augen, drückte ihm die Hände und zog ihn an sich wie einen lieben Freund, Bismarck aber konnte auf die gütigen Worte nur eines erwidern:

»Mein Leben gehört Eurer Majestät zu jeder Stunde, ob ich für Sie sterbe auf dem Schlachtfelde oder durch die Hand eines Mörders!«

Prinzen, Minister, Gesandte der fremden Mächte drängten sich in den nächsten Stunden herbei, um ihre Teilnahme und ihre Freude auszudrücken, und ehe sich noch der Abend niedersenkte in die Straßen der Residenz, strömten auch die Scharen des Volkes in der Wilhelmstraße zusammen, um ihre Grüße und Wünsche dem wunderbar Geretteten darzubringen. Der Haß gegen ihn schien wie hinweggewischt, all die Tausende, welche hier durcheinanderwogten, und stürmisch ihn zu sehen verlangten, empfanden jetzt vielleicht einen Hauch seines patriotischen, opferbereiten Geistes, und als er an das Fenster trat und die jubelnden, begeisternden Zurufe der Menge an sein Ohr schlugen, da wurde die Seele des gewaltigen Mannes wundersam ergriffen, da hatte er noch fester die Überzeugung, daß der Weg, welchen er gehe, der rechte sei.

Erst die Nacht brachte Ruhe in die Bewegung; im Ministerpalais in der Wilhelmstraße schloß Bismarck sein Tagewerk mit einem stillen Dankgebet und mit dem Gedanken, daß der Himmel selbst ihm ein Zeichen gegeben, daß er ihn schützen wolle bei allem, was er für des Vaterlandes Ehre unternehmen würde … und zur selben Stunde beinahe, in welcher er mit dem Frieden eines guten Gewissens sein Lager aufsuchte, hatte sich der frevelhafte Attentäter, der fanatische Karl Cohen, mit seinem Taschenmesser die Pulsader durchgeschnitten. Er war am anderen Morgen eine Leiche.

Jetzt mochten die Würfel weiterrollen, er wollte und mußte die gerechte Sache, die er begonnen, fortführen. Und die Ereignisse gingen nun schnell genug. Österreich selbst drängte der Katastrophe entgegen. Mit Verletzung des Gasteiner Vertrags überwies der Kaiser die Entscheidung über Schleswig-Holstein dem deutschen Bund, berief die holsteinsche Ständeversammlung, und als Preußen, um sein Mitbesitzrecht zu wahren, Truppen in Holstein einrücken ließ, stellte er beim deutschen Bunde den Antrag, gegen Preußen das Bundesheer mobil zu machen.

Das geschah am 11. Juni 1866. Und nun kam das Ende der morschen, kraftlosen deutschen Bundesversammlung.

Am 12. Juni fand die Abstimmung statt; mit 9 Kurialstimmen gegen 6 wurde die Bundesexekution gegen Preußen beschlossen, dessen Gesandter nunmehr im Namen seiner Regierung den Bund als zerrissen erklärte mit dem Beifügen, daß dieselbe auf besseren Grundlagen einen neuen zu errichten bemüht sein werde.

Nun mußte die Entscheidung durch die Waffen kommen. Eine fieberhafte Erregung ergriff die Gemüter, zumal in der Hauptstadt. Tag und Nacht arbeitete Bismarck, der Telegraph spielte ununterbrochen und trug seine Botschaften weit hinaus ins Land: Der König rief sein Heer.

In jenen Tagen saß der Minister einst im Vorzimmer des Herrschers. Dieser war noch mit seinem kriegerischen Beirat in ernsten Verhandlungen begriffen, welche sich außergewöhnlich in die Länge zogen. Stille war rings um den Staatsmann, der Tag war heiß, die Nacht arbeitsvoll gewesen. Da sank ihm langsam das Haupt auf die Brust, die Natur machte auch an dem Gewaltigen ihr Recht geltend – er schlummerte ein. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür des königlichen Arbeitszimmers, und heraus trat ein Mann in Generalsuniform, eine Mappe in der Hand. Er war weder sehr groß noch sehr kräftig, aber aus dem bartlosen Gesichte mit den scharfgeschnittenen, geistvollen Zügen sahen ein paar klare, kluge Augen, und um den schmalen Mund lag das Gepräge unerschütterlicher Ruhe und Festigkeit.

Das war Moltke, der große Generalstabschef, die Seele der Schlachten, der schweigende Kriegesdenker.

Er sah den Minister etwas wenig zusammengesunken in seinem Stuhle sitzen, und es überkam ihn beinahe eine Wehmut. »Er hat so viel gewacht für König und Vaterland« – dachte er – »wie gern gönnt’ ich ihm den Schlummer – aber es darf nicht sein!«

Leise berührte er Bismarcks Arm, dieser öffnete die Augen, sprang empor, und eingedenk der Situation drückte er dem anderen warm die Hand und schritt hinein in das Arbeitsgemach des Königs.

In den Junitagen begann der Bruderstreit.

Bei Langensalza wurde das Heer der Hannoveraner samt seinem König gefangen, und in Böhmen geschahen die ersten siegreichen Gefechte. Eine bange Erwartung lag über den Straßen Berlins, so schwül wie das sommerheiße, gewitterbange Wetter. Da brachte der Telegraph die ersten Siegeskunden. Am 29. Juni ging ein Wogen und ein Treiben, belebter als sonst, durch die Straßen der Hauptstadt. Unter den Linden vor dem Palais des Königs staute sich die Menge, begeisterter Zuruf klang hinauf zu den Fenstern, und in das stürmische Jauchzen schollen die Klänge der Vaterlandsweisen, welche zuletzt übergingen in das machtvolle Streit- und Siegeslied Martin Luthers: Ein’ feste Burg ist unser Gott!

Es waren Stunden einer gewaltigen Erhebung und Bewegung; aber die Menge hatte auch den Hauch jenes Geistes gefühlt, der von der Wilhelmstraße herkam, und Bismarck, der »Bestgehaßte«, wurde mit einem Zauberschlage der Bewunderte und Gefeierte. Die Volksmenge wälzte sich in dichtem Strome nach seiner Wohnung; die breite Straße vermochte sie nicht zu fassen alle die Tausende, die nach ihm riefen und ihm ihre Freude und Verehrung ausdrücken wollten. Dunkle Wetterwolken schwankten am Himmel, glutheiß lag es in der Luft – da trat Bismarck an das Fenster. In den Jubelsturm der Menge dröhnte ein langhallender Donner, der einem Blitze folgte, welcher mit seinem bläulichen Schein das bewegte Bild erhellt hatte – dann wurde es still, und Bismarck redete, kurz und klar, ergriffen und ernst, und als er mit einem Hoch schloß auf den König, da schien die Straße zu erbeben unter der Gewalt der Begeisterung.

Und wieder am Himmel ein flammender Blitz, ein schweres Rollen des Donners, und Bismarck rief:

»Der Himmel schießt Salut zu unseren Siegen!«

Einen Tag später war er mit seinem Könige auf dem Wege ins Böhmerland.