Neuntes Kapitel.
Im böhmischen Feldzuge.

Ein trüber Himmel breitete sich über der böhmischen Stadt Gitschin aus, und ab und zu sickerte der Regen nieder in die grauen Gassen. Der stille Ort sah an jenem 2. Juli hohe Gäste, wenn er sie auch freilich nicht willkommen hieß. Der König war mit Bismarck, Moltke, Roon und anderen hier eingetroffen, und traf von hier aus die Verfügungen für den nächsten Tag – den Tag der Entscheidung. Bismarck wußte, was von diesem abhing, und während in schweigender Nacht die Ordonnanzen auf allen Wegen hinjagten und der Regen klingend gegen die Fenster schlug, fand er lange keinen Schlaf. Er hatte in den Lazaretten an den Betten der Verwundeten gestanden und hatte mehr als irgendeiner empfunden, wie die Verantwortung für dies vergossene Blut und für diese Schmerzen auf ihm ruhe, und er dachte seines Königs, dem er aus treuester Überzeugung zu diesem Kampf raten mußte, und endlos lang dehnte sich die trübe Sommernacht.

Am frühen Morgen folgte der Aufbruch. Noch immer weinte es aus den grauen Wolken nieder, als die offenen Wagen, in deren erstem der König mit Moltke, im zweiten Bismarck mit dem Geheimen Legationsrat von Keudell saßen, durch Gitschins Straßen hinausrollten gegen Sadowa. Drei Stunden später – es war 8 Uhr morgens – hielt der König auf seiner Rappstute, von seinem Gefolge umgeben, auf der Höhe von Dub und sah hinaus in die Ebene von Königgrätz, und der begeisterte Zuruf der Soldaten mischte sich mit dem Dröhnen der Kanonen … Die schwere, entscheidende Schlacht war im Gange.

Unfern von seinem König hielt auf seiner kräftigen Fuchsstute Bismarck. Nebel und Pulverdampf wogen auf dem Walfelde durcheinander und verhüllen oft die Bewegungen der Truppen, langsam gehen die furchtbaren Stunden, und es ist um die Mittagszeit. Das preußische Heer ist in der Minderzahl, und seine Führer spähen besorgt gegen Nordwesten aus, von woher die Armee des Kronprinzen, die sehnlich erwartete, eintreffen sollte.

Der schweigsame Schlachtenlenker Moltke aber sitzt wie aus Erz gegossen auf seinem Pferde; sein Gesicht ist ruhig, und klar und sicher schauen die hellen Augen auf die wogende Schlacht. Bismarck reitet an ihn heran; er zieht sein Zigarrenetui heraus und reicht es geöffnet dem großen Strategen hin. Der sieht auf die beiden Zigarren, welche es enthält, mit einem prüfenden Blicke, dann greift er langsam nach der einen. Über die Züge des Ministers fliegt es wie ein leises Lächeln, er reitet zu seinem König zurück und spricht zu diesem:

»Majestät, unsere Sache muß gut stehen, denn Moltke hatte eben noch die Kaltblütigkeit, aus meinem Etui die bessere Zigarre auszuwählen.«

Noch immer spähten die Blicke nach Nordosten. Dunkle Streifen traten am Horizont hervor, die man bisher nicht bemerkt zu haben meinte. »Ackerfurchen!« sagte jemand aus der Umgebung des Königs, Bismarck aber schaute scharf aus, und plötzlich rief er:

»Das sind keine Ackerfurchen, die Zwischenräume ändern sich – das sind marschierende Kolonnen!« Ein tieferer Atemzug hob die Brust des Königs, dankend schaute eine Sekunde lang sein Auge gegen den grauen Himmel … Nun kam die Entscheidung. Nicht lange danach donnerten von Chlum her die preußischen Kanonen, der Kronprinz griff ein in die Schlacht, und der Sieg konnte den Preußen nicht mehr entrissen werden.

Da übermannte den König seine Bewegung. Er sprengte dicht heran an seine zujauchzenden Soldaten, die nach seinen Händen, nach seinem Mantel faßten und ihre Lippen daraufdrückten.

Die Kugeln sausten und schlugen ringsum ein, eine zerspringende Granate zerschmetterte ein Dutzend Reiter vom sechsten Kürassierregiment in nächster Nähe des Herrschers, und Rosse und Männer wälzten sich blutig übereinander, da ritt Bismarck dicht heran an den König, der mit voller Ruhe nur auf die freudig bewegten Truppen achtete, und sagte:

»Als Major habe ich Eurer Majestät keinen Rat zu erteilen, als Ministerpräsident aber bin ich verpflichtet, Eure Majestät zu bitten, sich nicht auf diese Weise der Gefahr auszusetzen.«

Der König wendete sich lächelnd dem treuen Warner zu:

»Wohin soll ich denn als Kriegsherr reiten, wenn meine Armee im Feuer steht?«

Bismarck entgegnete:

»Majestät, wenn Sie auch keine Rücksicht auf Ihre Person nehmen, so haben Sie wenigstens Mitleid mit Ihrem Ministerpräsidenten, von dem Ihr getreues Volk seinen König fordern wird; im Namen dieses Volkes bitte ich Sie, diese gefährliche Stelle zu verlassen!«

Der König sah gerührt den Treuen an, reichte ihm die Hand und ritt langsam weiter, viel zu langsam für den besorgten Begleiter, der seine Erregung nicht mehr bezwingen kann und mit seiner Stiefelspitze das Pferd des Herrschers in die Flanke stößt, daß es rascher ausgreift.

Die Entscheidungsschlacht war zu Ende – Bismarck sah am Abend auf einen der gewaltigsten Tage in der Geschichte Preußens zurück. Der Abend senkte sich auf das blutige Gefilde, Verwundete und Sterbende stöhnten ringsum, und das Grauen schritt über das furchtbare Feld. Da sah Bismarck, wie er so dahinritt, einen Dragoner zur Seite des Weges liegen. Beide Beine waren dem Unseligen zerschossen, der regungslos dalag und nur mit einem unsäglich bittenden Blick nach dem Reiter schaute. Diesem tat der Jammer des Unglücklichen weh, er stieg vom Pferde und trat an ihn heran. Gern hätte er ihm eine Linderung oder Erquickung angedeihen lassen, er suchte in allen Taschen – aber er fand nichts. Da stieß er mit der Hand an sein Zigarrenetui. Noch eine Zigarre lag darin, sie sollte ihm selbst ein Labsal sein nach den Anstrengungen und Aufregungen des Tages – aber der arme Teufel mit seinen zerschossenen Beinen brauchte ein solches mehr, und rasch entschlossen zog er seinen Schatz hervor, rauchte das duftende Kraut an und steckte es dem Verwundeten zwischen die Zähne. Aus den Augen des Soldaten aber leuchtete ein Blick unsäglicher Dankbarkeit, welchen Bismarck nicht vergessen konnte, und besser hat ihm, nach seinem eigenen Geständnis, keine Zigarre geschmeckt als diese, welche er – nicht geraucht hatte.

Vorwärts ging es, hinein in die sinkende Sommernacht, in Verfolgung des geschlagenen Gegners, und der Ministerpräsident kam bis hart vor die Laufgräben der Festung Königgrätz. Dann ritt er zurück, um sich ein Nachtquartier zu suchen. Seinen König hatte er untergebracht, wenn auch nicht besonders bequem; auf einem harten Sofa hatte derselbe ein Lager gefunden, nun galt es, für sich selbst ein Plätzchen zu finden, wo das müde Haupt ruhen konnte.

Die Nacht war dunkel und kühl, der Regen rann noch immer in dünnen Strähnen, und in dem Städtchen Horic waren alle Lichter längst erloschen, als Graf Bismarck durch die engen und schlechtgepflasterten Straßen ging. Er pochte da und dort an den Türen – niemand hörte, nur das Bellen verschlafener Hunde klang durch die Stille. Unmutig schlug er gegen die Fenster, daß die Scheiben splitterten – alles vergebens, das kleine Nest war wie ausgestorben.

Endlich fand er in der Dunkelheit einen Torweg, durch welchen er in einen Hofraum hineintappte. Im schmutzigen, weichen Boden sank der Fuß tief ein, endlich verlor er fast völlig den Grund und sank nieder auf das zwar nicht harte, aber sehr übelriechende Bett eines Düngerhaufens. Dreizehn Stunden war er im Sattel gewesen, seine Glieder waren wie zerschlagen, aber hier konnte er doch nicht bleiben. So raffte er sich aufs neue auf und suchte wieder die dunkle, unheimliche, stille Gasse auf und schritt bis auf den Marktplatz. In verschwommenen Umrissen standen die grauen Häuser da, dazwischen eine Art offener Halle. Dahin wandte sich Bismarck, und ob er auch die Überzeugung gewann, daß der Ort eigentlich zum Aufenthalt für Rinder bestimmt war, streckte er sich – froh, ein Dach über dem Kopfe und ein altes Wagenkissen unter demselben zu haben – auf die harten Fliesen aus und versank in Schlummer.

Aber noch einmal sollte er geweckt werden. Der Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg fand den Schläfer und beeilte sich, ihm in seinem eigenen Zimmer ein wenigstens einigermaßen behaglicheres Lager zu verschaffen.

In dem traurigen kleinen Horic befand sich in den nächsten Tagen auch das Hauptquartier des Königs, und hier traf in der Nacht zum 5. Juli eine Depesche Napoleons III. ein, welcher sich zum Friedensvermittler mit Österreich anbot und einen Waffenstillstand in Anregung brachte. Der König geriet darüber in heftige Erregung, Bismarck jedoch, der Mann der eisernen Selbstbeherrschung, fand auch hier die richtige Antwort. Den Frieden wollte er gleichfalls, nur mußte der Preis dafür ein entsprechender sein, und so erhielt der französische Kaiser die in bestimmter Form gehaltenen preußischen Vorschläge: »Österreich erkennt die Auflösung des alten deutschen Bundes an und widersetzt sich nicht einer neuen Organisation Deutschlands, an welcher es keinen Teil nimmt. Preußen bildet eine Union Norddeutschlands, welche alle Staaten nördlich der Mainlinie umfaßt. Die deutschen Staaten südlich vom Main haben die Freiheit, unter sich eine süddeutsche Union zu schließen. Die zwischen der nördlichen und südlichen Union zu erhaltenden nationalen Bande werden durch freies, gemeinsames Einverständnis geregelt. Die Elbherzogtümer werden mit Preußen vereinigt. Österreichs Integrität außer Venetien wird erhalten.«

Während die Verhandlungen noch schwebten, rückten die preußischen Truppen unaufhaltsam vor gegen die Kaiserstadt an der Donau, und wenn eine Besetzung derselben verhindert werden sollte, galt es für die beteiligten Mächte rasch zu handeln.

In Mähren liegt eine kleine Stadt, Nikolsburg mit Namen, überragt von einem stolzen Schlosse, dessen Warte stattlich ins Land hinaussieht; es ist Eigentum des Grafen Mensdorff und kam in den Julitagen des verhängnisvollen Jahres 1866 zu großer geschichtlicher Bedeutung.

Hier hatte König Wilhelm sein Hauptquartier, und hier fand sich am 18. Juli auch Graf Bismarck ein. Sinnend schritt er mit seinem Begleiter, dem Geheimen Legationsrat von Keudell, durch den Torbogen in den weiten, von stolzen Gebäuden umgebenen Hof, und wie er sein Auge darübergleiten ließ, sprach er:

»Mein altes Schönhausen ist doch nichts dagegen, dennoch ist mir’s lieber, daß wir hier bei Graf Mensdorff sind, als daß er jetzt bei mir wäre.«

In Nikolsburg fanden sich auch die Vertreter Österreichs und Italiens ein, und die Friedensverhandlungen begannen. Und hier brauchte es der ganzen geistigen Überlegenheit, der rückhaltlosen Tatkraft Bismarcks, um zu Ende zu führen, was er begonnen hatte. Friede wollte er haben, und er wollte ihn zum Abschluß bringen, trotzdem die Generale des siegreichen preußischen Heeres die Waffen noch nicht niederlegen wollten. Selbst der König schien jetzt kriegerisch gesinnt, und sein Ministerpräsident mußte auch ihm gegenüber seinen Standpunkt verfechten:

»Majestät, wir haben eine Höhe erreicht, von der aus die Wasser von selbst abfließen ohne Gewalt. Uns droht der Einfall der Franzosen in Süddeutschland, und ein neuer Kampf würde unsäglich viel Blut kosten, und die Cholera ist uns auf den Fersen. Ich kann die Verantwortlichkeit der Fortsetzung des Krieges nicht auf mich nehmen und müßte zurücktreten.«

Das verfehlte seine Wirkung nicht, und Bismarck erreichte bei seinem König auch die Zustimmung zu den meisten Einzelheiten seiner Friedensvorschläge, und während ein Waffenstillstand die bewehrten Gegner auseinanderhielt, ward in Nikolsburg auf den von Bismarck entworfenen Grundlagen weiter verhandelt. Am 26. Juli aber konnte der Meister der Politik sein Werk als fertig betrachten, und es war eines Meisters wert. Preußen sollte eine Vermehrung erfahren um die Gebiete von Hannover, Kurhessen, Nassau, Schleswig-Holstein und Frankfurt a. M. und eine ansehnliche Kriegsentschädigung. Dabei war Energie mit kluger Rücksichtnahme gepaart worden, der Weg zur Versöhnung mit dem Gegner war offen geblieben, das diesem verbündete Sachsen geschont worden, und worauf Bismarck sich viel zugute tun durfte – das alles war erreicht durch Preußens eigene Kraft, und fremde Einmischung war ferngehalten worden.

Wohl hatte Napoleon seinen Abgesandten Benedetti nach dem Kriegsschauplatze geschickt und einen Einfluß in die Friedensverhandlungen gewinnen wollen, aber es war nicht geglückt. Die Friedenspräliminarien waren fertig und brauchten nur noch unterzeichnet zu werden, da erschien Benedetti in Nikolsburg. Er ließ sich bei Bismarck anmelden, und dieser empfing ihn, obwohl ihn die Aufdringlichkeit des Franzosen unangenehm berührte, freundlich.

Der französische Gesandte sprach:

»Ich habe die Ehre, im Auftrage meines Souveräns Ihnen mitzuteilen, daß derselbe, wenn er seine Zustimmung zu einer ansehnlichen Vergrößerung Preußens geben solle, eine angemessene Entschädigung für Frankreich verlangen müsse. Sobald der Kaiser seine Vermittlerrolle in der preußisch-österreichischen Sache zu Ende geführt haben wird, wird er nicht verfehlen, sich mit der Regierung seiner Majestät des Königs von Preußen deshalb auseinanderzusetzen.«

Bismarck wurde von heißem Unmut erfaßt, aber zugleich auch von einem Gefühl der Befriedigung darüber, daß der Franzose zu spät kam. Sehr höflich, doch mit Festigkeit entgegnete er:

»Ich bedaure, Eurer Exzellenz bemerken zu müssen, daß amtliche Mitteilungen solcher Art heute durchaus nicht am Platze sind. Preußen hat die Vermittlung Frankreichs nicht gesucht und ist meines Erachtens um so weniger zu etwas verpflichtet, als der Friede bereits fertig ist ohne Intervention Ihres Souveräns und die Präliminarien noch in dieser Stunde unterzeichnet werden.«

Er wandte sich ab mit einer Verneigung gegen den verblüfften französischen Staatsmann und ging in sein Gemach. Die verhaltene Erregung brach nun bei ihm durch. Die Tränen schossen dem gewaltigen Manne aus den Augen, vor die er seine Hände preßte, ein Schluchzen erschütterte den starken Recken, der von einem Weinkrampf erfaßt, eine Zeitlang vergebens nach Fassung rang. Es war des Großen und Erschütternden selbst für ihn zuviel gewesen in jenen Julitagen des Jahres 1866.

Nun ging es wieder der Heimat zu. Mit seinem König traf Graf Bismarck am 4. August bereits in Berlin ein, begrüßt von einer enthusiastischen Volksmenge, die in maßloser Begeisterung dem König und seinem ersten Minister entgegenjubelte. Und schon am nächsten Tage klangen im weißen Saale des königlichen Schlosses die Friedensworte des Herrschers, mit welchen dieser den Landtag eröffnete. Begeisterung in allen Häusern, in allen Herzen, ein ganzes Volk, das dem so lange »bestgehaßten« Manne zujauchzte! Diesem aber ging die Seele auf bei dem Gedanken, wie Gott alles zum Herrlichen gewendet hatte, und in dem Hause in der Wilhelmstraße herrschte Glück und Freude.

Am Abend des 7. August war ein kleiner Kreis von Freunden hier versammelt. Im Salon saßen sie beisammen um den Teetisch, und die anmutige Hausfrau wetteiferte an Liebenswürdigkeit mit dem Gatten, der ganz das Behagen seiner wohltuenden Häuslichkeit empfand. Das war der gewohnte sonnige Hauch, welcher durch diese Räume wehte, der Hauch der vornehmsten und anmutigsten Gastlichkeit, welcher jedem den Aufenthalt hier so lieb machte.

Es mochte um die zehnte Stunde sein, da meldete der Diener dem Hausherrn, daß der französische Botschafter Benedetti um die Ehre einer dringenden Unterredung bitte. Bismarck war gewohnt, sich zu beherrschen; er entschuldigte sich in liebenswürdigster Weise bei seinen Gästen und ging nach seinem Kabinett. Er wußte wohl, weshalb der Franzose gekommen war; es war dieselbe Angelegenheit, welche er schon in Nikolsburg berührt hatte, die Frage wegen Abtretung deutschen Gebiets an Frankreich; aber Preußens Ministerpräsident war entschlossen, diesmal eine ganz unzweideutige Antwort zu geben. Und er durfte das; seines Königs Paladine Moltke und Roon hatten die Waffen geschliffen und konnten mit ruhiger Sicherheit auf eine schlagbereite Armee hinweisen, die stark genug sein würde, es auch mit Frankreich aufzunehmen.

Das ging ihm rasch noch einmal durch den Sinn, als er in sein Kabinett eintrat und Benedetti ihn mit höflicher Entschuldigung wegen der Störung begrüßte.

»Sie vermuten, weshalb ich Sie um einiges von Ihrer Zeit bitte,« begann der Franzose.

»Die schriftlichen Mitteilungen Ihrer Regierung, welche mir zugegangen sind, lassen mich annehmen, daß es sich um die von Frankreich gewünschte deutsche Gebietsabtretung handle.«

Sie hatten sich beide niedergelassen, und Benedetti fuhr fort:

»Frankreich glaubt für seine Haltung in der jüngsten Verwicklung einen Tribut der Dankbarkeit verdient zu haben.«

»Und worin sollte dieser Tribut bestehen?«

»Frankreich wünscht seine Grenze vom Jahre 1814 wiederhergestellt zu sehen.«

»Das heißt, wir sollen links des Rheines bayrisches, hessisches und preußisches Gebiet abtreten –«

»Nebst der Festung Mainz.«

»Und Ihre Regierung meint, daß wir darauf eingehen würden?«

»Sie hofft dies im Interesse Preußens, das noch nicht seinen Frieden gemacht hat mit den süddeutschen Staaten und nicht neue Verwicklungen wünschen kann.«

»Solche wünschen wir nicht, aber wir fürchten sie auch nicht, Exzellenz; darum bitte ich Ihre Vorschläge kurz und bündig zu präzisieren!«

»Nun denn: Das linke Rheinufer mit Mainz oder Krieg!«

Bismarcks Falkenauge blitzte hell auf, eine flüchtige Röte huschte über sein Gesicht, und er sah den anderen fest und ruhig an, als er sprach:

»Dann also Krieg!«

Der Franzose zuckte zusammen – eine kleine, peinliche Pause trat ein, in welcher man nur den Pendelschlag der Uhr vernahm, dann sagte Benedetti:

»Herr Ministerpräsident, bedenken Sie die Verantwortung die Sie mit solcher Entscheidung auf sich laden …«

»Da gibt es kein Bedenken, und ich weiß mich der Zustimmung meines königlichen Herrn sicher. Aber warum wollen Sie uns solche Sprünge machen? Sie müssen doch wissen, daß für uns die Abtretung deutscher Erde eine Unmöglichkeit ist. Ließen wir uns zu dergleichen herbei, so hätte wir trotz aller Triumphe Bankerott gemacht. Vielleicht könnte man andere Wege finden, Sie zu befriedigen. Aber wenn Sie auf diesen Forderungen bestehen, so gebrauchen wir – täuschen Sie sich darüber nicht – alle Mittel: Wir rufen nicht bloß die deutsche Nation in ihrer Gesamtheit auf, sondern wir machen auch sofort Frieden mit Österreich auf jede Bedingung hin, überlassen ihm ganz Süddeutschland, lassen uns selbst den Bundestag wieder gefallen. Aber dann gehen wir auch wieder vereinigt mit 800 000 Mann über den Rhein und nehmen Frankreich Elsaß ab. Unsere beiden Armeen sind mobil, die Ihrige ist es nicht; die Konsequenzen denken Sie sich selbst. – Also, wenn Sie nach Paris kommen, so verhüten Sie einen Krieg, welcher sehr leicht verhängnisvoll werden könnte.«

Benedetti senkte das Haupt, er fühlte das Zutreffende dieser Worte, und die Situation begann ihm immer unbehaglicher zu werden. Er erwiderte:

»Ich möchte gern Ihrem Rate folgen, aber mein Gewissen zwingt mich, dem Kaiser zu erklären, daß, wenn er nicht auf der Gebietsabtretung besteht, er mit seiner Dynastie der Gefahr einer Revolution ausgesetzt ist.«

»Machen Sie Ihren Souverän darauf aufmerksam, daß gerade ein aus dieser Frage entsprungener Krieg unter Umständen mit revolutionären Schlägen geführt werden könnte, daß aber gegenüber einer revolutionären Gefahr die deutschen Dynastien sich fester begründet zeigen würden als jene des Kaisers Napoleon.«

Die Uhr zeigte Mitternacht, und noch immer endete das inhaltschwere Gespräch nicht. Erst in der ersten Morgenstunde kam Bismarck in den Salon zu seinen Gästen zurück, heiter und liebenswürdig, denn in tiefster Seele wußte er, daß eine neue Gefahr abgeschlagen sei, daß Frankreich nach seinen bestimmten Erklärungen jetzt nicht wagen würde, das siegreiche Preußen anzugreifen. – – Und er täuschte sich nicht.

Noch der Verlauf des August brachte die Friedensschlüsse mit den süddeutschen Staaten, die auf Seite Österreichs gekämpft hatten, und mit diesem selbst, und in Preußens Hauptstadt erwartete man freudig erregt die Heimkehr der ruhmbedeckten Truppen.

Am 20. September trafen sie ein. Es war ein Festtag für Berlin. Am Brandenburger Tor drängte es von Tausenden, um hier bereits der Begrüßung des Königs durch die Vertreter der Stadt beizuwohnen. Grüne Girlanden schmückten die Säulen, die Fahnen wehten lustig in die Weite, und durch das Tor mit seinen stolzen Bogen kamen die Heldenscharen herein, umjauchzt von der Begeisterung der Menge. Die Straße Unter den Linden war verwandelt in eine herrliche via triumphalis, tausend Flaggen flatterten in den Lüften, tausend Kränze und Festons hingen an den Häusern und den Bäumen, Blumen regnete es von allen Seiten nieder auf die blitzenden Helme, und immer aufs neue brauste der Jubel auf in seinen vollsten, unvergleichlichen Akkorden: wie lauter Donner dröhnte er fort die breite Straße entlang, wo immer die Heldengestalt des greisen Königs erschien und die Gestalten seiner Paladine. Da ritten sie ihm vorauf mit leuchtenden Augen, der stattliche Roon, der ernste, ruhige Moltke und Graf Bismarck. Hochaufgerichtet saß er im Sattel, an der Uniform die Abzeichen als Generalmajor, wozu ihn sein König vor kurzem ernannt hatte, und das orangefarbige Band des hohen Ordens vom Schwarzen Adler über der breiten Brust. Unter dem blinkenden Kürassierhelm hervor blickten die hellen, scharfen Augen, und die gewaltige Erregung dieser Stunde machte, daß er die schwere Erschöpfung und Abspannung niederkämpfte, die den eisernen Mann infolge der letzten Zeit ergriffen hatte.

Aber der Erholung bedurfte er dringend, und er suchte und fand sie an der See, auf dem grünen Eiland von Rügen, wo er in stillem Behagen im Spätherbst jenes ereignisvollen Jahres saß, während in deutschen Landen sein Name von Mund zu Mund ging, während der alte Groll, den man gegen ihn gehegt, weil man ihn nicht verstanden, immer mehr und mehr verschwand. Es galt, zwischen Preußen und den Staaten bis zur Mainlinie, einschließlich von Sachsen, einen Verband zu schaffen zu Schutz und Trutz, zu gemeinsamer innerer Arbeit, und Bismarck hatte die Freude, den konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes am 24. Februar 1867 eröffnet zu sehen, der nun den von seinem Schöpfer ausgearbeiteten Verfassungsentwurf beriet. Ihm rief am 11. März der unermüdliche Bismarck zu:

»Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland in den Sattel, reiten wird es schon können!«

Am 16. April war die neue Verfassung angenommen, am 1. Juli trat sie ins Leben, und am 14. Juli war Bismarck Kanzler des Norddeutschen Bundes.

Eis. Kanzler IV.
Am Abend der Schlacht von Gravelotte.

Nun konnte er sich eine kleine Rast gönnen auf seinem neuerworbenen Tuskulum Varzin. In Hinterpommern bei dem Städtchen Schlawe liegt das Gut, welches Bismarck mit dem zugehörigen Besitz von Wussow, Puddiger, Misdow, Chomitz und dem Vorwerk Charlottenthal sich ankaufte aus der Ehrengabe, die er nach dem Kriege mit Österreich aus Staatsmitteln erhalten hatte. Es liegt nicht weit von dem freundlichen Reinfeld, wo die Wiege seiner Gattin stand, und hat einen prächtigen Waldbestand, der den Weidmann lockte. Im Frühling 1867, als der Park seinen Blätterschmuck angelegt hatte, und die Wiesen ringsum grünten, hatte er es erworben, und dann war er zum erstenmal hinausgefahren.

Die Eisenbahn führte damals nur bis Schlawe, und hier mußte die Fahrt mittels Extrapost fortgesetzt werden. Er kam mit einem Separatzug angefahren, früher, als man ihn erwartet hatte, und ließ sich nun behaglich auf einer Bank auf dem Perron nieder, brannte sich eine Zigarre an und ließ die friedliche Stille ringsum auf sich wirken. Da näherte sich ihm mit halb scheuer, halb neugieriger Miene ein Mann, seinem Äußeren nach ein biederer, schlichter Handwerker, der ihn grüßte und sich dann einigermaßen verlegen an das Ende der Bank setzte. Er betrachtete eine kleine Weile den ihm Unbekannten, dann fragte er:

»Sie sind wohl der Herr, welcher mit dem Extrazuge gekommen ist?«

»Jawohl,« erwiderte Bismarck, einigermaßen über die Anfrage verwundert, aber gutmütig-jovial fügte er bei: »Wer sind Sie?«

»Ich bin der Schuster N. aus Schlawe – und mit wem habe ich die Ehre?«

»Na, ich bin auch Schuster!«

»I, was Sie da sagen!« sprach beinahe erschrocken der schlichte Mann und sah doch einigermaßen ungläubig nach dem stattlichen Fremden – »und da fahren Sie mit Extrazug?«

»Warum nicht, lieber Freund? Wir Berliner Schuster können uns das bieten.«

Der brave, neugierige Handwerker war eben daran, seine Verwunderung auszudrücken, als eine Abteilung Husaren in Paradeuniform heranritt; man hörte das Kommando des Rittmeisters: »Eskadron halt! Richt’ euch, Augen rechts!« und mit Staunen sah der Schuster, wie der Offizier jetzt an den Fremden heranritt und salutierte. Er sprang beinahe entsetzt von der Bank auf und starrte seinen Nachbar an, als aber jetzt auch die Extrapost heranfuhr mit dem gleichfalls parademäßig herausgeputzten Postillon, reichte Bismarck dem vollständig verlegenen Manne die Hand und sagte lächelnd:

»Wenn Sie einmal nach Berlin kommen, so besuchen Sie meine Werkstatt!«

Dann fuhr er hinein in den Frühlingstag, während die Husaren ihm ihre Honneurs machten, vorbei an Feld und Wiese, durch grünen, rauschenden Wald, durch das hübsche, kleine, bucklige Ländchen, wie es die Gräfin Bismarck scherzend einst bezeichnete, bis die Landstraße hineinführt in das Hof- oder Herrengut. Da liegen ihm zur Linken die Wirtschaftsgebäude, zur Rechten das überaus schlichte, einstöckige Herrenhaus, aber hinter diesem grüßen und winken die Buchen und Eichen des Parkes und rauschen ihm entgegen:

»Willkommen in deinem neuen Heim!«