Ein herrlicher Sommermorgen ist über Varzin und seinem Parke aufgegangen, ein Julimorgen des Jahres 1870. Die Sonne spiegelt sich in den Fenstern des Herrenhauses, die Rosen blühen und duften in dem Garten, und über die Freitreppe schreitet Graf Bismarck herab. Er trägt eine einfache graue Joppe, ein leicht geschlungenes Tuch um den Hals, auf dem Haupte einen Schlapphut und in der Hand einen kräftigen Stock; gemessen folgt seinen Schritten eine schöne Ulmer Dogge, die ab und zu mit klugen, großen Augen nach ihm hinschaut. Über den knirschenden Kies der Gartenwege schreitet die stattliche Gestalt dahin, vorbei an großen Sandsteinfiguren und an einem kleinen Teiche und dann über eine Terrasse hinauf in den leise rauschenden Park, durch dessen grüne Laubkronen die spielenden Lichter niederhuschen. Jeden Baum sieht das klare Auge an, denn er kennt sie alle, die prächtigen Buchen und Eichen, und selbst den kleinen Nachwuchs. Wie einst der Knabe auf Kniephof, so freut sich jetzt der ernste, gewaltige Mann an jedem Nestchen, das zwischen dem Gezweige hervorlugt, an jedem Vogel, der über ihm singt, an jedem Stämmchen, das sich kräftig entwickelt.
Auf einer Bank hält er Rast. Das treue Tier liegt zu seinen Füßen und blinzelt hinauf nach dem blauen Himmel, sein Herr aber läßt vor seinem Geiste eine Reihe von Bildern vorüberziehen in der einsamen Stille, die ihm selten genug zuteil wird.
Er denkt der vergangenen Tage und all des Großen, was sie gebracht haben, aber er schaut auch aus in eine ernste Zukunft. Der Nachbar im Westen, Kaiser Napoleon III., der sich nicht ganz sicher fühlte auf seinem Thron, suchte nach irgendeiner Verwicklung, die ihm in den Augen der Franzosen Ruhm und Ansehen verleihen sollte. Er war bereits bestrebt gewesen, das Großherzogtum Luxemburg zu annektieren, das zum ehemaligen deutschen Bunde gehörte, aber Bismarck hatte erreicht, daß das Ländchen als neutrales Gebiet erklärt wurde, und Frankreich mußte die Finger davon lassen. Immer unbehaglicher wurde für Napoleon das wachsende Ansehen Preußens, und immer mehr drängte die Stimmung des französischen Volkes zu einer Demütigung desselben.
Da schien sich eine besonders günstige Gelegenheit zu bieten. Spanien hatte seinen eben erledigten Thron dem Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen angeboten, der mit Napoleon selbst verwandt war. Trotzdem hatte man in Frankreich erklärt, daß die Wahl eines Hohenzollern eine Schädigung seiner Interessen, ja, geradezu eine Herausforderung bedeuten würde, und hatte an König Wilhelm die Forderung gestellt, er solle dem Prinzen von Hohenzollern befehlen, sich der Bewerbung um den spanischen Thron zu enthalten. Der König hatte Benedetti in Ems erklärt, daß er dem Prinzen nichts zu befehlen habe.
So lagen die Dinge augenblicklich, und Bismarck fühlte mit aller Bestimmtheit, daß Frankreich immer neue Forderungen stellen und Preußen um jeden Preis zum Kriege reizen würde. Seine Beruhigung war jedoch die gerechte Sache seines Königs, die schlagfertige Armee und die Hoffnung auf das erwachende nationale Gefühl des deutschen Volkes.
Er sah hinein in die sonnige, stille Welt, in seinen grünen, schattigen Park und hinüber nach den weißen Mauern seines Herrenhauses, und eine Friedenssehnsucht zog ihm durch die Seele. Da kam den Kiesweg heran ein älterer Herr mit Zeitungen in der Hand; der Hund hob den Kopf, blinzelte mit den klugen Augen und wedelte leicht mit dem Schweife, – er begrüßte einen guten Bekannten, den Vorstand des Geheimbureaus Bismarcks, den Geheimen Legationsrat Lothar Bucher.
»Gibt’s Neues von Wichtigkeit, lieber Bucher?«
»Bis jetzt nichts von Belang, Exzellenz; die französischen Zeitungen aber rasseln sehr energisch mit den Säbeln, hier ist eine äußerst bezeichnende Stelle!«
Er hatte sich auf Einladung seines Vorgesetzten neben diesem niedergelassen und las:
»Unser Kriegsgeschrei ist bis jetzt ohne Antwort geblieben; die Echos des deutschen Rheines sind noch stumm. Hätte Preußen zu uns die Sprache gesprochen, welche Frankreich spricht, wir wären schon längst unterwegs.«
»Darin mögen sie recht haben,« sagte Bismarck, »es fragt sich nur, wie weit sie gekommen wären.«
»Wie ist die Stimmung in den deutschen Blättern, zumal in den süddeutschen?«
»Ganz ausgezeichnet, Exzellenz! Man erwartet, daß der König jedes freche Ansinnen Frankreichs entschieden zurückweisen werde und ist in Verurteilung des französischen Vorgehens von seltener Einstimmigkeit.«
»Na, und wenn es zum Äußersten kommt, wir sind bereit, denn auf Moltke und Roon können wir uns verlassen, und wir haben in acht Tagen gewaltige Heeresmassen marschfertig. Frankreich rennt in sein Verderben, wenn es den Krieg provoziert.«
»Das ist die öffentliche Meinung in Deutschland!« sagte Bucher und las aus hervorragenden Blättern einige Aufsätze Bismarck vor, der, die Arme auf den Stock gestützt, das Haupt vorgeneigt, ihn ruhig anhörte.
Nach einiger Zeit erhob er sich.
»Nun muß der Gutsherr in sein Recht treten. Auf Wiedersehen in einer Stunde. Hoffentlich bringt sie uns nichts Unangenehmes.«
Er ging langsam, gefolgt von der Dogge, nach dem Herrenhause zu, durchschritt hier einen langen, schmalen Korridor, und betrat am Ende desselben ein kleines Zimmer mit weiß getünchten Wänden und einem breiten Fenster, durch welches das volle Licht hereinfiel auf den einfachen Tisch und die daneben stehenden hohen Schränke, von welchen ausgestopfte Vögel herabschauten. Ein schwarzes Ledersofa, einige geschnitzte Stühle, altertümliche Glasgefäße auf dem breiten Kaminsims vervollständigen die Einrichtung des Gemachs, in welchem »der Gutsherr von Varzin« mit seinen Leuten verkehrt.
Da wartet schon mancher auf den großen Staatsmann, um mit ihm über Forstnutzung, Industrieanlagen, Gartenwirtschaft und dergleichen zu verhandeln, und eine Stunde ist rasch genug vorüber. Der letzte ist gegangen, aufatmend erhebt sich Bismarck und sieht nach der Uhr, – es ist Zeit zum Frühstück, und er wird wohl bereits erwartet.
Im Billardzimmer ist der Tisch gedeckt. Der große Raum sieht freundlich aus. Die Fenster gehen hinaus in das Grün des Gartens, an den Wänden hängen Bilder rheinischer Städte, die Möbel, teils gepolstert, teils mit braunem Schnitzwerk, sehen traulich und behaglich aus, die beiden Öfen mögen im Winter mit ihrem offenen Feuer die Gemütlichkeit des Raumes ganz besonders erhöhen, und das in einer Nische stehende Billard sowie der Flügel der Hausfrau lassen erkennen, daß der ernste Diplomat gerade hier manche Stunde verbringt, die ihm wohl Erholung und Zerstreuung bieten mag.
Hier ist er im Kreise der Seinen. Seine Gemahlin eilt ihm entgegen, seine Tochter, Komteß Marie, hängt sich an seinen Arm, seine Söhne grüßen ihn mit herzlicher Freundlichkeit, und bald sitzt er in seinem Lehnstuhl, aber noch immer ist es keine ungestörte Rast. Lothar Bucher hat ihm Briefe und Depeschen überreicht, ehe er sich mit an den Tisch setzte, und Bismarck öffnet und überfliegt die letzteren.
Ein Schatten zieht über sein Gesicht.
»Aus Ems. Benedetti sucht um eine neue Audienz nach bei dem König. Er wird die unverschämte Forderung seiner Regierung wiederholen; man hat die zweifellose Absicht, uns zu brüskieren.«
Da war das Gespräch ganz von selbst wieder bei der brennenden Tagesfrage, und Bismarck hatte zu tun, um die erregten Damen zu beruhigen. Er selbst nahm dabei das einfache Frühstück ein, das für ihn in der Hauptsache aus weichgekochten Eiern mit geröstetem Weißbrot, einer Schale Milch und etwas schwarzem Kaffee bestand. Nach Beendigung desselben sprach er:
»Aber nun ein halbes Stündchen ohne Politik! Laß uns einen Gang durch den Park tun, mein liebes Herz, ich muß dir drei junge Buchen zeigen, die aus einem Stamm herauswachsen, und die ich bisher noch gar nicht entdeckt hatte. Ich habe dabei unwillkürlich an unseren Wappenspruch denken müssen: In trinitate robur – in der Dreiheit die Stärke, und dann habe ich an unsere lieben drei gedacht! Komm, Marie, du mußt die Bäume gleichfalls sehen.«
Er reichte den beiden Damen den Arm, die Grafen Herbert und Wilhelm gingen hinterdrein. So schritten sie unter den stattlichen Bäumen des Parkes hin im lachenden Sommersonnenschein und vergaßen für eine kurze Zeit die Wetterwolken, die am westlichen Himmel Europas sich auftürmten.
Aber die kurze Spanne gemütlichen Behagens war bald vorüber, und Gattin und Tochter begleiteten Bismarck in sein Arbeitszimmer, in die Werkstätte des Diplomaten.
Ein großer, sechseckiger Raum von vornehmer Einfachheit. Eichenholzgetäfel in mehr als Manneshöhe zieht sich an den Wänden hin, und die Decke ist durch vortretende Eichenbalken in Quadrate und Dreiecke geteilt. In einem sechseckigen Erker sind drei schmale Fenster angebracht, an der Wand der Tür gegenüber ein breites. Nahe demselben steht der Schreibtisch aus Nußbaumholz mit blitzenden Messingbeschlägen an Türen und Schubladen. Auf der mit grünem Tuch überzogenen Platte befinden sich ein zweiarmiger Leuchter, mehrere verschieden geformte Briefbeschwerer, ein Schreibzeug, das aus dem Holze einer bei der Düppelstürmung eroberten Lafette geschnitzt ist, Federn und lange, dicke Bleistifte. Kleinere Tische, mit Büchern und Schriftstücken bedeckt, stehen da und dort, zwei Sofas laden zur Ruhe ein, im Erker steht ein kleiner Diwan neben einer Causeuse, und von hier schweift der Blick hinaus auf den blinkenden Spiegel eines kleinen Teiches, auf einen ferner liegenden Ruheplatz zwischen je einer stattlichen Eiche und Buche, und auf die wogenden Saatfelder, welche durch das dunkle Grün bewaldeter Hügel begrenzt werden. In einer abgestumpften Ecke aber steht das Prachtstück dieses Raumes, ein riesenhafter Kamin von nahezu vier Meter Breite und fünf Meter Höhe.
In dem Lehnstuhl am Schreibtische hat sich Bismarck niedergelassen, die Gräfin steht neben ihm, legt ihm zärtlich die Hand auf die Schulter und sagt mit einem besorgten Blick auf die sich häufenden Schriftstücke:
»Das wird dich wieder viele Anstrengung und Aufregung kosten, und du bist von deiner letzten Erkrankung noch nicht erholt!«
Der Kanzler des Norddeutschen Bundes lehnt sich behaglich in den Sitz zurück und spricht:
»Patriae inserviendo consumor! Das ist mein Wahlspruch, und du weißt, was es heißt: Im Dienste des Vaterlands will ich aufgehen! Und so schlimm wird es wohl nicht werden, wir Bismarcks sind aus altem märkischen Holze – das hält etwas aus.«
Er faßte nach der lieben Hand, die noch auf seiner Schulter lag, und streichelte sie, Gräfin Marie aber eilte herbei und brachte ihm die lange Pfeife.
»Danke, mein liebes Kind! Das ist auch ein Sorgenbrecher!«
Er öffnete den Deckel des vor ihm stehenden Tabakskastens, der dem Kopfe seines treuen vierfüßigen Begleiters, der prächtigen Dogge, die sich auch jetzt zu seinen Füßen gestreckt hat, nachgebildet ist, und stopft sich die Pfeife. Die junge, schöne Komteß hat den Fidibus angebrannt und hält ihn zurecht, – einige kräftige Züge, der blaue Rauch wirbelt um den Lehnstuhl und den, welcher darin sitzt, und nun gehen die Damen und überlassen den Staatsmann seinen Sorgen und seiner Arbeit.
Bismarck liest, und der mächtige Blaustift in seiner Hand arbeitet dabei unablässig. Lothar Bucher kommt, hält Vortrag und macht sich seine Notizen, und so arbeitet die Staatsmaschine von dem stillen Varzin in Hinterpommern aus unablässig. Die Stunden vergehen, und der Erholung darf nicht ganz vergessen werden.
Der Wagen ist vorgefahren, denn Bismarck darf, da er noch Rekonvaleszent ist von einem Nervenleiden, nicht reiten, und mit Frau und Tochter fährt er hinein in das freundliche, sonnige Land, und wo er vorüberkommt, bleiben die schlichten Landleute stehen und grüßen ihn und die Seinen mit aufrichtiger Herzlichkeit. Da und dort läßt er wohl auch halten und redet einen oder den anderen der Leute an. Ein alter Taglöhner stand am Wege und zog ehrerbietig die Mütze; er war krank gewesen bis vor kurzem, und Bismarck wußte dies. Er rief dem Alten zu:
»Nu, Krischan, du büst woll wedder ganz op den Tüge?«
»I, ja,« – sagte der Angeredete treuherzig. »Sie sollten man ok hier blieven, dann wurden Sie nochmal so frisch!«
Bismarck lachte, und im Weiterfahren sprach er:
»Ja, wer immer in Varzin sein könnte!«
Gegen sechs Uhr wurde das Diner eingenommen. Was auf den Tisch kam, stammte beinahe alles von den Besitzungen des Grafen selbst und mundete um so besser, als es mit heiterem Tafelgespräch gewürzt ward. Die Stunde ging rasch, und noch einmal wanderte der Kanzler mit den Seinen in den Park und freute sich des herrlichen Sommerabends, der grüngoldenen Lichter, welche auf den Wegen spielten, und der tiefen Ruhe. Da und dort ward kurze Rast gehalten; schlanke Rehe kamen aus dem nahen Walde und huschten durch den Park bis herein in den Garten, und Bismarck freute sich der Zutraulichkeit der schönen Tiere, die sich durch die Nähe der Menschen nicht verscheuchen ließen. Es war eine liebliche Idylle, in welche die Abendglocken vom Dorfe her stimmungsvoll klangen.
Nun ward der Tee eingenommen in der umgrünten Veranda. Die Dämmerung legte sich langsam über das Land, vom Blumengarten wehte süßer Duft, die Lampe warf ihren traulichen Schimmer über den Tisch, und die Gräfin Bismarck kredenzt dem Gatten das Getränk. Dann wird die lange Pfeife wieder angebrannt, behagliche Wölkchen ziehen durch den Raum; in seinen weiten Sessel zurückgelehnt, sitzt der große Staatsmann schweigend und träumend, indes aus den geöffneten Fenstern des Frühstückszimmers die Klänge an sein Ohr schlagen, welche Frau Johannas Meisterhand dem Flügel entlocken.
Noch eine kurze Stunde, dann neigt sich der Sommertag seinem Ende zu. Es ist noch nicht ganz um Mitternacht, als Bismarck sich erhebt, um sich zur Ruhe zu begeben … die letzten Lichter in Varzin verlöschen, der blaue Nachthimmel spannt sein weites Zelt über Schloß, Park und Dorf, und die ewigen Sterne flimmern so friedvoll in ihrer unvergänglichen Schönheit, und sie kümmern sich nicht um der Menschen und Völker Haß und Hader.
Und drei Tage später leuchteten dieselben Sterne, aber in den stillen Frieden von Varzin trägt fast um die Mitternachtstunde der Telegraph eine erregende Mitteilung: Der König beruft seinen Ratgeber sogleich nach Ems!
Am nächsten Tage war Bismarck bereits in Berlin. Hier fand er gute Kunde: Der Prinz von Hohenzollern hatte, um nicht Veranlassung zu einer blutigen Verwicklung zu geben, freiwillig auf den Thron von Spanien verzichtet. Den Franzosen war der Vorwand zum Kriege genommen, beruhigt atmete der Kanzler auf und glaubte nun auch seine Reise nach Ems nicht beschleunigen zu müssen.
Da geschah das Unglaubliche. Benedetti trat in Ems vor den König mit der Forderung, daß er schriftlich sich verpflichten solle, niemals einen Hohenzollern auf dem Throne von Spanien zu dulden. Würdig und entschieden lehnte Preußens Herrscher die demütigende Forderung ab, einen Tag später reiste Benedetti ab, und abermals einen Tag später, am 15. Juli, beschloß die französische Regierung unter dem übermütigen Zujauchzen eines fanatisierten Volkes den Krieg.
An eben diesem Tage reiste auch der König Wilhelm nach Berlin, und was er auf seinem Weg sah und hörte, durfte ihm wohl die Seele erheben und befreien. So weit die deutsche Zunge klingt, bebten die Herzen vor Entrüstung über die französische Frechheit und Anmaßung, und in Millionen lebte nur ein Gedanke: dieselbe gebührend zurückzuweisen. Überall dieselbe Begeisterung, die gleichen Beweise der Liebe und Verehrung des einen deutschen Geistes:
Bismarck war mit dem Kronprinzen sowie mit Roon und Moltke dem König bis Brandenburg entgegengefahren. Bewegt reichte der Herrscher seinen Treuen die Hand, und weiter ging es der Hauptstadt zu. Durch ihre Straßen flutete das Volk in dichtem Gedränge; mit entblößten Häuptern stand es da, und während aus allen Fenstern die Tücher wehten zum Empfangsgruß, schwollen die begeisterten Zurufe immer lauter an, je näher die Wagen dem Schlosse kamen. Bis in die Nacht hinein erklangen brausende Vaterlandslieder, stürmische Hochrufe, indes aus dem bekannten Eckfenster des schlichten Palais der Lichtschimmer seinen freundlichen Gruß hinaussandte. Dort beriet der König mit seinen Getreuen, und ein Adjutant ersuchte das Volk im Namen des Herrschers um Ruhe. Da ging ein Empfinden durch all die Tausende; tiefstill ward es um das Standbild des großen Friedrich her, und lautlos ging die Menge auseinander.
In derselben Nacht flogen die Befehle zur Mobilmachung des Heeres durch alle Gaue Norddeutschlands.
Es kam der 19. Juli, der Todestag der unvergeßlichen Königsrose Luise. Vor 60 Jahren war sie heimgegangen, hinsiechend an der Not des Vaterlands, und nun sollte in ihrem Sohne ihr ein herrlicher Rächer erstehen. Vormittags fand im Dome ein feierlicher Gottesdienst statt in Gegenwart des königlichen Hofes, der Ministerien und der Abgeordneten. Unter diesen saß in der letzten Reihe die hagere Gestalt des Generals von Moltke so schlicht und bescheiden, als wäre ihm nicht gerade eine Hauptrolle bestimmt in dem gewaltigen historischen Drama, für welches jetzt der Segen des Himmels erfleht wurde, und von der Empore herab schaute Graf Bismarck ehern und ruhig auf die Andächtigen nieder. Nach dem Gottesdienst erfolgte die Eröffnung des Reichstags im Weißen Saale des Schlosses durch den König. Es waren erhebende, mächtig bewegende Worte, und tiefe Ergriffenheit erfaßte die Versammlung, als er schloß:
»Je unzweideutiger es vor aller Augen liegt, daß man uns das Schwert in die Hand gezwungen hat, mit um so größerer Zuversicht wenden wir uns, gestützt auf den einmütigen Willen der deutschen Regierungen des Südens wie des Nordens, an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des deutschen Volks mit dem Aufrufe zur Verteidigung seiner Ehre und seiner Unabhängigkeit.
Wir werden nach dem Beispiele unserer Väter für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in diesem Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war!«
Kurze Zeit danach fuhr der König hinaus nach Charlottenburg. Dort liegt zwischen grünen Parkgehegen ein schlichter Bau, das Mausoleum, in welchem Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise ruhen. Zwei herrliche Marmorbilder, welche die Verewigten wie friedlich Schlafende darstellen, stehen über der Gruft, und bläulicher Lichtschimmer flutet mild und freundlich darüberhin. Hier in einsam weihevoller Stille betete der König und flehte den Segen seiner Eltern nieder auf den Pfad, den er nun gehen mußte für seine und seines Landes Ehre.
Und beinahe zur selben Stunde betrat Graf Bismarck den Sitzungssaal des Reichstags. Hochaufgerichtet und mit vor Erregung leuchtenden Augen betrat er die Tribüne, und aller Blicke hafteten auf dem herrlichen, stattlichen Manne, aller Parteigroll war geschwunden, und die Ahnung dessen, was dieser große Augenblick bringen sollte, ging durch jede Seele. Deutlich und fest klangen die inhaltschweren Worte des Kanzlers:
»Ich habe dem hohen Hause die Mitteilung zu machen, daß mir der französische Geschäftsträger Le Sourd heute die Kriegserklärung Frankreichs überreicht hat. Nach den Worten, die Seine Majestät soeben an den Reichstag gerichtet hat, füge ich der Mitteilung dieser Tatsache weiter nichts zu.«
Aufrecht standen die Vertreter des Volkes, jede Brust dehnte sich weiter, jedes Auge blitzte heller, und voll Begeisterung klang es durch den Saal: »Es lebe der König!«
Und durch das ganze deutsche Volk zitterte und brauste dieselbe Bewegung, und aus allen Gauen zogen die Söhne der einen Mutter Germania heran voll heiligen Kampfesmutes, voll Zuversicht auf die gerechte Sache und auf ihre Kraft. Bayern und Sachsen standen neben Preußen, und wenn Napoleon auf die alte Eifersucht der deutschen Stämme gerechnet hatte, so sollte ihm das zum fürchterlichen Verhängnis werden.
Umtost vom Jubel seines Volkes verließ der vierundsiebzigjährige König am 31. Juli seine Hauptstadt, und am 2. August übernahm er von Mainz aus, wo er mit Moltke, Bismarck und Roon eingetroffen war, den Oberbefehl über die deutschen Heere. Das blutige Kriegsspiel begann. Das waren heiße Augusttage bei Weißenburg und Wörth und um die trutzige Festung Metz, hinter deren Wällen der sieggewohnte französische Marschall Bazaine mit eisernen Klammern festgehalten werden mußte.
Am 16. August war das heiße Ringen bei Vionville und Mars la Tour. In Pont à Mousson war Bismarck im Hauptquartier des Königs, und dort, von woher die Donner der Schlacht brüllten, kämpften seine beiden Söhne in der dritten Schwadron der Gardedragoner. Das Vaterherz war voll banger Sorge und würde es noch mehr gewesen sein, wenn es gewußt hätte, wie das brave Reiterregiment furchtbar geblutet und viele seiner Offiziere, darunter seinen tapferen Obersten von Auerswald, verloren hatte. Der Abend senkte seine Schleier über das furchtbare Feld, und Bismarck ritt hinter seinem König her, um ein Nachtlager für diesen finden zu helfen. In allen Häusern und Hütten lagen Verwundete und Sterbende, und nur mit Mühe gelang es, ein Stübchen ausfindig zu machen, wo ein Feldbett für den hohen Herrn untergebracht wurde. Der aber wollte es nicht besser haben als die Seinen. Das Bett sollte für einen Verwundeten bleiben, er selbst wollte auf einem Strohlager schlafen, und Bismarck und Moltke mußten mit ihm das Zimmer teilen.
Der Kanzler fand wohl wenig Schlaf; er dachte »der Toten, der Toten,« er dachte seiner Söhne. Mit dem erwachenden Tage ritt er hinaus in das Schlachtfeld nach dem Lagerplatz der Gardedragoner und fragte nach seinen Lieben. Sie hatten sich beide brav geschlagen, und Herbert hatte für König und Vaterland geblutet, aber das Geschick war ihnen gnädig gewesen.
Im Lazarett in Mariaville fand er beide Söhne, und in freudiger Ergriffenheit trat er an das Lager Herberts, der durch eine Kugel am Oberschenkel verwundet war. Wilhelm hatte sein Pferd verloren, war aber sonst unversehrt geblieben.
Es war ein trotz allem schönes Wiedersehen, aber ein von einem leisen Wehmutshauch verschleiertes Abschiednehmen. Für den Grafen Herbert winkte die Rückkehr in die Heimat, Graf Wilhelm aber zog mit seinem Regimente weiter, neuen Gefahren und Siegen entgegen, und Vater und Sohn sollten sich erst am 2. September wiedersehen.
Am 18. August brüllten die ehernen Schlünde um Gravelotte und Rezonville. Am Morgen ritt Bismarck mit seinem König die Höhe bei Flavigny hinan und sah hinein in das wogende Kampfgewühl, das bis hierher brandete. Mehr als einmal kam er selbst sowie auch König Wilhelm in drohende Gefahr. Es war ein furchtbares Ringen, nicht eine Schlacht, sondern eine Reihe von Schlachten, die hier um das alte Metz geschlagen wurden. St. Privat war von den preußischen Garden und den braven Sachsen erstürmt worden nach heißem Streit und unter schweren Verlusten, und als der Sommertag sich zu neigen begann, sanken auch die Sterne des französischen Marschalls.
Noch einmal in der siebenten Abendstunde machte er einen verzweifelten Vorstoß über die Talschlucht von Gravelotte hinaus, aber die wackeren Pommern, die nach einem beschwerlichen Marsche erst vor kurzem auf dem Schlachtfelde eingetroffen, warfen sich ihm entgegen. »Es lebe der König!« scholl es in heller Begeisterung, und hinab ging es in den Talgrund, Bataillon um Bataillon und jenseits wieder die Höhen hinan.
Der greise Kriegsherr aber hielt auf der Höhe nördlich von Gravelotte und sah hinein in die sprühenden Pulverblitze, und um ihn her und über ihn hin sausten die todbringenden Geschosse und platzten die Granaten. Und wie einst bei Sadowa, so wußte Bismarck auch hier seinen königlichen Herrn aus der gefährlichen Stellung fortzubringen. Er blieb ihm treu zur Seite und geleitete ihn gegen Rezonville. Hier stieg der greise Held, ermüdet von dem furchtbaren Tage, vom Rosse und sah sich um nach einem Sitze. Es war nichts zu erblicken; nur ein toter Schimmel lag in der Nähe; auf den Leib desselben und auf eine alte Brückenwage ward nun eine Leiter gelegt, und hier saß der König, mit dem Rücken an eine Gartenmauer gelehnt.
Die Schatten des Abends wurden grauer, unheimlich loderten unfern die Flammen aus einem großen brennenden Gebäude gegen den Himmel, dumpf rollten fernher noch die letzten Donner der Schlacht, und um ihren königlichen Führer her geschart standen in erwartungsvollem Schweigen Generale und fürstliche Herren.
Um die neunte Stunde war es, als Moltke heransprengte; aus seinen ernsten Augen leuchtete es hell – er brachte die Kunde von dem errungenen Siege, von der endgültigen Festnagelung des französischen Marschalls hinter den Mauern von Metz.
Ein Telegraphenbeamter brachte eine Meldung; ihm diktierte Bismarck im Namen des Königs folgende Depesche an die Königin Augusta:
Biwak bei Rezonville, 18. Aug. 9 Uhr abds.
Die französische Armee in sehr starker Stellung westlich von Metz angegriffen, in neunstündiger Schlacht vollständig geschlagen, von ihren Verbindungen mit Paris abgeschnitten und gegen Metz zurückgeworfen.
Wilhelm.
Ein Marketender war herbeigerufen worden; er hatte wenig genug zu bieten, aber auch der bescheidene Rotwein, mit welchem die Feldflaschen gefüllt wurden, mundete, und aus einem zerbrochenen Tulpenglase trank der König. Sein Kanzler aber kaute an einer harten Brotrinde, denn besseres war augenblicklich nicht zur Stillung des Hungers zu finden.
Die Nacht sank nieder, und die Schwierigkeit, ein Lager zu finden, ließ sich kaum verkennen. Der König ritt mit seinen Begleitern hinab nach dem Dorfe Rezonville. In allen Häusern Verwundete, endlich in einem ärmlichen Hause ein kleines Stübchen! Aus einem Krankentransportwagen wurde eine Bahre herbeigeschafft, dazu einige Wagenkissen, und auf diesem unbequemen Lager, völlig angekleidet, mit seinem Mantel bedeckt, schlief der siegreiche alte Held, nachdem man mit Mühe noch ein Abendbrot für ihn aufgetrieben hatte.
Bismarck aber irrte durch die nächtlichen Gassen des kleinen französischen Nests, die erhellt waren von dem Feuerschein brennender Häuser. Bei dem Wagen des Königs hielt der Erbgroßherzog von Mecklenburg Wache, damit nichts abhanden komme, und der Kanzler selbst suchte Haus um Haus nach einem Unterkommen. Überall vernahm er, daß alles voll Verwundeter liege. Ein dunkles Fenster in einem Hause winkte verheißungsvoll, und diesmal ließ er sich auch nicht von dem Hinweise auf Verwundete abspeisen. Er stieg die Treppen hinan und fand in der Tat ein Stübchen mit drei Betten und hielt hier erquickliche Nachtrast.
Nun galt es, Frankreichs zweites Heer festzulegen und seinen berühmtesten Marschall Mac Mahon unschädlich zu machen, und die deutschen Heersäulen zogen mit ruhiger Sicherheit die Wege, welche der herrliche Schlachtenlenker Moltke ihnen anwies.
Am 23. August war das königliche Hauptquartier in Pont à Mousson. Am Abend hatte Bismarck seine Wohnung aufgesucht; bei dem Posten an der Tür des Hauses hielt er an:
»Nun, wie geht’s?«
»So gut es sein kann im Kriege, Exzellenz!«
»Wie steht’s mit der Verpflegung?«
»Untertänigst zu danken, Exzellenz – ich habe seit 24 Stunden keinen Bissen gegessen!«
Bismarck erschrak beinahe über die Äußerung des Soldaten, und sogleich eilte er in das Haus, suchte die Küche und kehrte bald mit einem tüchtigen Stück Brot, das er selbst abgeschnitten, zu dem Manne zurück, der die Gabe mit lebhaftem Dankgefühl entgegennahm.
Über Bar-le-duc ging es nach Clermont, einem kleinen Gebirgsstädtchen, wo das königliche Hauptquartier mit jenem der Maasarmee zusammenkam. In dem bescheidenen Schulhause wohnte der König, und in der Stube, in welcher sonst der Lehrer arbeitete, war das Gemach des Kanzlers, Arbeits- und Schlafzimmer zugleich. Eine Treppe höher in einem Saale war das Bureau eingerichtet. Über einem Sägebock und einer Tonne liegt eine ausgehobene Tür – das ist der Arbeitstisch, Kisten und Koffer bilden die wenig bequemen Sitze, flackernde Kerzen, die in leeren Weinflaschen stecken, werfen ein trübes Licht, und das Stroh an der Wand auf dem Boden ist die Lagerstelle. – Und in diesem Raume welch reges Leben, welch bedeutsame, hochwichtige Maschinerie! Da arbeiten die Legationsräte von Keudell, Graf Hatzfeld, Abeken, Graf Bismarck-Bohlen, und die Chiffreure, welche die Depeschen besorgen, da kommen und gehen die Feldjäger und Ordonnanzen, da läuft vom frühen Morgen bis in die Nacht ein Bericht nach dem anderen heraus und herein, und zwischen seinen Beamten erscheint ab und zu die Gestalt des Ministers im Interimsrocke der Landwehrreiter mit den gelben Aufschlägen, die Beine in den hohen Stulpenstiefeln, und gibt kurze und klare Anweisungen.
Und in einem nicht behaglicheren Raume des Schulgebäudes arbeitet der große Generalstab mit seinem schweigsamen Chef ernst, ruhig, klar und sicher weiter an seinem Werke, und von der Straße herauf schallt der Trommelschlag und die Marschmusik vorüberziehender Regimenter, und die wenigsten, die hier vorbeimarschieren, haben eine Ahnung, daß hinter den Fenstern dieses schlichten Hauses das Räderwerk tätig ist, das die ganze große Maschine in Bewegung setzt.
Das Vorspiel der großen Tragödie vor Sedan nahm seinen Anfang. Bei Beaumont schlug Sachsens ritterlicher Kronprinz die Nachhut Mac Mahons und schloß mit der von ihm befehligten Maasarmee den ehernen Gürtel, der sich nun um Sedan legte.
Gegen Beaumont ritt auch der Kanzler her im Gefolge seines Königs. Der Tag war heiß, schwül lag der Sommer auf dem Lande, und die Marschkolonnen zogen langsam ihre Straße. Bismarck ritt an eine Abteilung Bayern heran. Die Leute schienen sehr ermüdet und kamen nur langsam vorwärts. Ein tiefes Mitgefühl erfaßt den Minister mit den Braven, und er ruft dem Nächsten zu:
»Heda, Landsmann, wollen Sie einmal Kognak trinken?«
Der Mann sah, wie befremdet darüber, wie man eine solche Frage erst noch tun könne, zu dem hohen Offizier auf und nickte. Da reichte ihm der Kanzler seine Feldflasche, und als er die Kameraden des Beglückten so sehnsüchtig und neidvoll auf diesen und das gebotene Labsal blicken sah, ließ er die Flasche weitergehen, bis sie geleert zu ihm zurückkam. Einer seiner Begleiter aber folgte seinem Beispiele, und auch die zweite Feldflasche ging von Hand zu Hand. Nun holte Bismarck seine Zigarren heraus und fing an auszuteilen, und die vergnügten Gesichter der ermüdeten Soldaten waren ihm ein schöner Dank.
Was sich nun ereignete, in jenen ersten Septembertagen des Jahres 1870, wird für ewig unvergessen bleiben im deutschen Volke. Das Heer Mac Mahons, bei dem sich der Kaiser Napoleon III. selbst befand, war hinter Sedan zurückgedrängt, und hier erfolgte die Katastrophe, in welcher der französische Thron zerbrach.
Mit dem Morgen des 1. September hob das gewaltige Schauspiel an; noch lag der Nebel über den Gefilden, und von Bazailles her, wo die Bayern standen, zuckten rote Blitze, und dumpfer Donner grollte ihnen nach.
Rechts vom Dorfe Frénois auf einem Hügel hielt König Wilhelm mit seinem Gefolge, und von hier überschaute er den Verlauf des furchtbaren Ringens. Um die Mittagszeit war der Calvaire d’Illy, der Schlüssel der feindlichen Stellung, genommen, erdrückend lag die deutsche Heeresmacht um das bedrängte Sedan und um den verzweifelten Kaiser. Mac Mahon war verwundet worden und hatte den Oberbefehl über das französische Heer dem General Wimpffen übergeben. Aber auch dieser konnte nicht mehr retten, was verloren war.
Die Abenddämmerung legte einen leichten Schleier über die Walstatt. Brennende Dörfer leuchteten in der Runde, und die deutschen Batterien spien noch immer von allen Seiten Verderben und Vernichtung gegen die Festung. Endlich flatterte zwischen Rauch und Qualm auf der vorderen Bastion etwas Weißes empor, die Kapitulationsflagge.
Um die siebente Stunde ritt den Hügel von Frénois der französische General von Reille heran, tiefen Ernst in dem gebräunten Antlitz. Es war eine erschütternde Kunde, die er brachte: Kaiser Napoleon legte seinen Degen nieder in die Hand des Königs Wilhelm. In tiefer Bewegung las dieser die kurzen, inhaltschweren Zeilen des besiegten Gegners seinem Gefolge vor, und in Erschütterung und schweigend standen sie alle. Selten wohl hat die sinkende Sonne ein solches Bild beleuchtet: den greisen König, umgeben von deutschen Fürsten und Führern, der, auf einer umgestürzten Pflugschar sitzend, seine Antwort auf dem Rücken seines Adjutanten schrieb, indessen abseits in würdiger Resignation der französische Parlamentär harrte, während nicht lange danach der mit der wunderbaren Nachricht durch das ganze Heer fortschreitende, lawinengleich anwachsende Jubelruf zum Himmel jauchzte, der gerötet war von brennenden Ortschaften und von den Freudenfeuern, die weit ins fremde Land hineinleuchteten.
Für Bismarck wie für Moltke und manchen anderen brachte die kommende Nacht keine Ruhe. Es galt, mit dem General Wimpffen die Kapitulationsbedingungen festzusetzen, und auf den Wunsch seines Königs wohnte der Kanzler den Verhandlungen bei.
Im Erdgeschoß des Schlößchens von Donchery saßen die ernsten Männer in schweigender Nacht beisammen.
»Die französische Armee ist kriegsgefangen einschließlich der Offiziere, mit Waffen und Gepäck, doch sollen den Offizieren ihre Degen bleiben!«
So lautete Moltkes ruhig-feste Bedingung, und vergebens bemühte sich Wimpffen, eine günstigere zu erreichen. Er mahnte daran, wie man durch milderes Entgegenkommen sich die Dankbarkeit des französischen Volkes gewinnen würde, durch Härte aber dessen unauslöschlichen Haß heraufbeschwören müßte.
Im Antlitz Bismarcks zeigte sich Erhebung, er hob das mächtige Haupt und sah dem französischen General fest ins Gesicht, als er ihm erwiderte:
»An die Dankbarkeit des französischen Volkes vermögen wir nicht zu glauben, weil es keine dauerhaften Einrichtungen, keine Verehrung und Achtung vor seiner Regierung und seinem Fürsten hat, der fest auf seinem Throne sitzt. Auch wäre es Torheit, zu glauben, daß Frankreich jemals uns unsere Erfolge verzeihen könnte. Sie sind ein über die Maßen eifersüchtiges, reizbares und hochmütiges Volk, das in zwei Jahrhunderten uns dreißigmal den Krieg erklärt hat, und das uns den Sieg von Sadowa nicht verzeihen kann, gleich als ob das Siegen sein alleiniges Vorrecht wäre. Frankreich muß für seinen eroberungslustigen und ehrgeizigen Charakter gezüchtigt werden; wir wollen ausruhen, wir wollen die Sicherheit unserer Kinder wahren, und dazu ist es nötig, daß wir zwischen Frankreich und uns eine Schutzwehr, ein Gebiet, Festungen und Grenzen haben, die uns für immer gegen einen Angriff schützen. Das Glück der Schlachten hat uns die besten Offiziere der französischen Armee überliefert; sie in Freiheit setzen, um sie aufs neue gegen uns marschieren zu sehen, wäre Wahnsinn. Es würde den Krieg verlängern und dem Interesse beider Völker widersprechen. Nein, General, alle Teilnahme, welche uns Ihre persönliche Lage einflößt, alle gute Meinung, welche wir von Ihrer Armee hegen – beides darf uns nicht bestimmen, von den Bedingungen zurückzutreten, die wir gestellt haben.«
Es waren schwerwiegende, harte Wahrheiten, welche Bismarck hier nach seiner ehrlichen, festen Art aussprach, und denen Wimpffen nichts entgegensetzen konnte.
Die Mitternacht war vorüber, als der französische General mit seinen zwei Begleitern von Donchery hinüberritt nach Sedan; er wollte die letzte Entscheidung über die gemachten Bedingungen dem gebrochenen, kranken Manne überlassen, der sich noch den Kaiser von Frankreich nannte.
Bismarck hatte sich tief ermüdet nach seinem Quartier begeben und trotz der gewaltigen Erregung, die dieser Tag gebracht, Schlaf gefunden. Aber lange ward er ihm nicht gegönnt. Früh am Morgen wurde er geweckt mit der Nachricht, daß Napoleon von Sedan her bereits unterwegs sei und ihn zu sprechen wünsche. Er ritt dem Kaiser entgegen durch die dämmernde Frühe des kühlen Septembermorgens. Da kam ihm ein zweispänniger Wagen entgegen mit zwei galonnierten Dienern auf dem Bocke, und drei französische Offiziere ritten zur Seite. Im Fonds des Wagens lehnte mit müdem, gelbem Antlitz und mit dem Wesen eines kranken, gebrochenen Mannes – Napoleon; drei Generale saßen neben ihm, beziehentlich ihm gegenüber. Als Bismarck näherkam, stieg er vom Pferde, trat militärisch grüßend an den Wagen und fragte nach den Befehlen des Kaisers.
Dieser hatte die Mütze abgenommen, und seine Begleiter folgten dem Beispiel. Als Bismarck das gleiche tat, sagte Napoleon: »Bedecken Sie sich doch!«
Sein Wunsch, zu dem König geführt zu werden, ließ sich aus mehreren Gründen nicht erfüllen, und da er aus Furcht vor seinen eigenen Leuten nicht nach Sedan zurückzukehren wagte, bot ihm der Kanzler sein Quartier in Donchery an. Dahin fuhr jetzt der Wagen, dem Bismarck zur Seite ritt.
Aber noch ehe das Städtchen erreicht war, wünschte Napoleon zu rasten. Unfern der Maasbrücke, rechts von der Straße, deren einförmige Pappelreihe gleichmütig zum Himmel ragte, stand ein kleines, gelb getünchtes Haus mit vier Fenstern. Einem schlichten Weber gehörte es. Hier stieg der Kaiser ab und ging langsam und müde, gefolgt von Bismarck, die enge Holztreppe hinauf nach dem ersten Stockwerk. In einer kleinen Kammer, die nur von einem Fenster erhellt wurde, standen an einem fichtenen Tisch zwei Binsenstühle.
Hier saßen die beiden Männer, der kleine, zusammengebeugte, tiefgedemütigte Franzose, der hochragende, stattliche, ernst und teilnahmsvoll dreinsehende Deutsche. Eine Stunde beinahe verhandelten sie hier miteinander. Der Kaiser beklagte, daß er wider seinen Willen durch die öffentliche Stimmung in den unseligen Krieg hineingedrängt worden sei und suchte für die Kapitulation von Sedan günstigere Bedingungen zu erlangen. Bismarck mußte ihm darauf höflich, aber entschieden bemerken, daß er in dieser militärischen Angelegenheit inkompetent sei, wohl aber auf eventuelle Friedensverhandlungen eingehen wolle. Dazu aber glaubte sich der gefangene Kaiser nicht mehr berufen, und so floß das Gespräch ohne ein positives Resultat dahin.
Napoleon schien es zu enge zu werden in dem kleinen, kahlen Raume, er erhob sich, und der Kanzler folgte ihm hinaus ins Freie. Vor dem schlichten Weberhäuschen schweifte der Blick seitwärts über ein blühendes Kartoffelfeld und über Buschwerk hinaus ins Land. Die beiden Binsenstühle waren herausgetragen worden, und der Kaiser ließ sich noch einmal nieder, Bismarck zu seiner Seite. Unter dem Himmel Frankreichs ein wunderlich ergreifendes Bild! Noch einen letzten Versuch machte der hohe Gefangene, seiner eingeschlossenen Armee den Abzug auf belgisches Gebiet zu sichern, aber auch hier wich der Kanzler dieser Frage aus.
In der Nähe von Frénois liegt ein Schlößchen, Bellevue genannt. Dort sollte Napoleon einstweilen Wohnung nehmen, und, begleitet von einer Ehreneskorte des Leibkürassierregiments, führte Bismarck ihn dahin. Und hier war es, wo um zwei Uhr mittags, nachdem die Kapitulation von Sedan in dem von Moltke gewünschten Sinne abgeschlossen war, König Wilhelm den unseligen Mann besuchte, dem sein Ehrgeiz verhängnisvoll geworden war.
Es war um die zweite Nachmittagsstunde, als der Kaiser, das Haupt entblößt, auf der Freitreppe am Eingange des Schlößchens, den ehrwürdigen, weißhaarigen König begrüßte. In Napoleons Augen standen Tränen, aber auch der siegreiche Monarch war tief bewegt. Eine inhaltschwere Viertelstunde verrann, ehe die beiden voneinander schieden, der Kaiser, um nach Deutschland zu ziehen, als Gefangener nach jenem Schlosse Wilhelmshöhe bei Kassel, auf welchem zu Anfang des Jahrhunderts der napoleonische König Jerôme seine lustige Herrschaft geführt hatte, König Wilhelm in sein Hauptquartier zu Vendresse.
Der Champagner war selbst in Frankreich ein seltenes Getränk auf der Tafel des greisen Heerführers, an jenem 3. September aber fehlte er nicht, und bei dem schäumenden, perlenden französischen Weine im Kreise seiner besten Paladine sprach der König das schöne Wort:
»Wir müssen heute aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat.«
In der Stille des Abends aber saß am selben Tage Bismarck in seinem Quartier und schrieb an seine Gemahlin im Drange seines Herzens einen schlichten und dabei doch ergreifenden Brief, der freilich das Schicksal hatte, von den französischen Freischärlern abgefangen zu werden, aber durch seine Veröffentlichung in der Pariser Zeitung »Figaro« allgemein bekannt worden ist.
Mit Napoleons Gefangennahme hörte der Krieg nicht auf. Die Franzosen gaben ihren Kaiser preis, setzten ihn ab und proklamierten die Republik, und die Waffen redeten zunächst ihre ernste, furchtbare Sprache noch weiter. Frankreich gedachte neue Armeen aus der Erde zu stampfen und Freischarenbanden im Rücken der deutschen Heere organisieren zu lassen, um diese zu beunruhigen, und diese unheimlichen Gesellen in ihren dunklen Wollenblusen, mit der blauen Schärpe um den Leib, lagen allerorten im Hinterhalt, zerstörten Schienenwege und Telegraphenleitungen und suchten den deutschen Armeen die Zufuhr abzuschneiden. Paris, das Kleinod von Frankreich, wurde stark befestigt und eine starke Armee in die Hauptstadt gelegt, aber mit ruhiger Sicherheit gingen die deutschen Heere ihre Siegespfade weiter, und immer näher heran an die innerlich verkommene »Weltenseele«.
Es war am 19. September, als ein Mitglied der französischen Regierung, der Advokat Jules Favre, im deutschen Hauptquartier eintraf und mit Bismarck zu verhandeln wünschte. Dieser wohnte in der Nähe des Dorfes Montry in dem Schlosse La Haute Maison. Langsam fuhr der Wagen des Franzosen die bewaldete Anhöhe hinan, die nach dem wenig ansehnlichen Hause führte, und sein Auge blieb unwillkürlich an den Zerstörungen haften, die sich überall als Folgen von Kämpfen, die sich hier abgespielt haben mußten, bemerkbar machten.
Bismarck empfing den Gast mit ritterlicher Höflichkeit und erkundigte sich nach seinen Wünschen.
Favre wußte mit großer Gewandtheit und Geschicklichkeit auszuführen, wie die französische Regierung dem Frieden nicht abgeneigt wäre, wie dieselbe aber, ehe sie einen solchen schließen könne, gesetzlich anerkannt sein müsse. Es liegt darum die Notwendigkeit vor, eine konstituierende Nationalversammlung einzuberufen, was aber unmöglich sei während der Fortdauer des Krieges; seine Bitte gehe darum auf Abschluß eines Waffenstillstands.
Ernst und ruhig sah Bismarck dem Franzosen ins Auge, der einigermaßen erregt mit den schlanken Fingern sich durch den weißen Bart strich. Dann bemerkte er:
»Es wird Ihnen zweifellos klar sein, welche Nachteile für unsere siegreich fortschreitenden Heere in einem Waffenstillstande liegen, doch kann ich Ihren Standpunkt begreifen und würde geneigt sein, Ihren Wunsch zu befürworten, doch werden Sie einsehen, daß wir für dessen Gewährung eine entsprechende Entschädigung erhalten müßten.«
»Und worin würde diese wohl zu bestehen haben?«
»Da uns vor allem daran liegen muß, die Verpflegung unserer Heere und die damit zusammenhängende Verbindung mit Deutschland gesichert zu sehen, würden wir die Übergabe der Festungen Toul und Straßburg verlangen müssen.«
Der Franzose fuhr erregt auf:
»Das ist eine Forderung, die doch wohl zu weit geht.«
»Ich bedaure, darauf bestehen zu müssen.«
»Das wird Frankreich und Paris niemals zugestehen, eher wird die Hauptstadt in Trümmer sinken und alle seine Söhne opfern.«
Bismarck zuckte bedauernd die Achseln, und so beredt der Franzose auch sprechen mochte, er blieb fest. So schied Favre, ohne einen Erfolg erreicht zu haben, und der Kanzler geleitete seinen Besucher die Treppe hinab. Dieser wies auf die beschädigten Wände und Mauern.
»Die Spuren Ihrer Franctireurs,« bemerkte Bismarck – »die Gegend ist hier voll von ihnen, aber wir machen schonungslose Jagd auf sie; wir behandeln sie als Raubgesindel, denn sie sind keine Soldaten.«
»Aber bedenken Sie, es sind doch Franzosen, welche ihren Boden, ihren Herd und ihr Haus verteidigen. Sie sind doch wohl sicher in ihrem Rechte, wenn sie der feindlichen Invasion Widerstand leisten, und wenn Sie das Kriegsgesetz auf diese Leute anwenden, so ist das eine Verkennung desselben.«
Der Kanzler erwiderte ruhig:
»Wir kennen nur Soldaten, welche einer regelmäßigen Disziplin unterworfen sind, die anderen sind außerhalb dieses Gesetzes.«
»Dann gestatten Sie mir jedoch, Sie an das Jahr 1813 zu erinnern und an den Aufruf des Königs von Preußen an sein Volk. Was war diese Erhebung in Ihrem Lande damals anders als die gegenwärtige der Franctireurs?«
»Richtig,« bemerkte Bismarck, »aber unsere Bäume zeigen noch die Spuren derjenigen Landeseinwohner, welche Ihre Generale hängen ließen.« –
Noch einmal machte Favre am nächsten Tage den Versuch, auf Schloß Ferrières Bismarck zu günstigeren Waffenstillstandsbedingungen zu bewegen – umsonst! »Straßburg ist der Schlüssel zu unserem Hause – ihn müssen wir haben!« Das war der bittere Bescheid, welchen der französische Abgeordnete mit sich nahm, der von dem Kanzler mit den Worten schied:
»Ich bin sehr unglücklich, aber ich hoffe noch immer!«
Drohender zogen sich die Wetterwolken um Paris zusammen. Mit eisernen Armen umklammerten die deutschen Heere den Leib der koketten Seinestadt, die sich vergebens gegen die Erdrückung wehrte; am 19. September war die Einschließung vollendet. Etwa 8 Tage später kam von Straßburg her die Kunde, daß die Festung sich ergeben und die alte, gut deutsche Stadt von der Mutter Germania wieder heimgeholt worden sei.
Zu Anfang Oktober war das deutsche Hauptquartier in Versailles. Auf der Präfektur wohnte der greise preußische Herrscher, in einem kleinen Hause aber, in der Rue de Provence, von dessen Balkon die schwarz-weiß-rote Fahne lustig in die Straße hineinwehte, hatte Bismarck sein Quartier aufgeschlagen, und die Staatsmaschine arbeitete von hier aus unaufhörlich und wahrlich auch erfolgreich, denn vergebens hatte Frankreich den ruhig besonnenen, redegewandten Staatsmann Thiers dahin und dorthin an andere Regierungen gesandt, um eine Einmischung zu seinen Gunsten herbeizuführen, es hatte niemand Lust, sich um der jungen Republik wegen in Unkosten und Aufregung zu stürzen, und die Dinge gingen ihren Gang weiter.
Da kam auch die Kunde, daß Metz (am 29. Oktober) gefallen und die Armee Bazaines kriegsgefangen sei. Ein neuer Jubel durchbrauste die deutschen Heere, die Kampfesbegeisterung wuchs im Lager vor Paris, und wenn Bismarck durch die Straßen von Versailles ritt, die Kraftgestalt in der kleidsamen Kürassieruniform stramm aufgerichtet im Sattel, grüßten ihn die deutschen Soldaten mit warmer Herzlichkeit, und die Franzosen sahen mit einem Gemisch von Ingrimm und Verwunderung dem stattlichen Recken nach.
Und hier in Versailles, in dem schlichten Hause der Madame Jessé, liefen die Fäden zusammen, welche die starke Hand Bismarcks zu einem gewaltigen Ganzen verflocht, zum Bande, das das einige deutsche Reich umschlang. Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit hatte eine Bluttaufe erhalten, welche allen Zwiespalt verwischte, und aus allen Gauen des deutschen Südens kamen Wünsche, sich dem norddeutschen Bunde anzuschließen. Nach Versailles kamen die Sendboten von Baden und Hessen, Württemberg und Bayern, und die wichtigen Verhandlungen waren im vollen Gange, während die Kanonen gegen die Außenforts der französischen Hauptstadt ihre furchtbaren Grüße sandten.
Als der badische Minister Jolly Bismarck besuchte, brachte er ein sinniges Geschenk mit, eine goldene Feder.
»Der Pforzheimer Fabrikant Bissinger hat mich gebeten, Eurer Exzellenz diese Gabe zu überbringen und in seinem Namen zu bitten, daß Sie den dritten Pariser Frieden damit unterzeichnen möchten.«
Sinnend und mit überwallender Rührung betrachtete Bismarck das Geschenk, das ihm aus Deutschlands Süden zuging, wo er vor nicht zu langer Zeit noch der bestgehaßte Mann war. Dann sprach er:
»Was soll ich dem gütigen Spender sagen? Wie soll ich ihm danken? In einer Zeit, da das Schwert der deutschen Nation so ruhmreiche Taten vollbracht hat, tut man der Feder beinahe zu viel Ehre an, wenn man sie so kostbar ausstattet. Ich kann nur hoffen, daß der Gebrauch, zu welchem diese Feder im Dienste des Vaterlandes bestimmt ist, demselben zu dauerndem Gedeihen in glücklichem Frieden gereichen möge, und ich darf unter Gottes Beistand versprechen, daß sie in meiner Hand nichts unterzeichnen soll, was deutscher Gesinnung oder deutschen Schwertes unwert wäre.«
Der Winter war allgemach gekommen und trieb seine Flocken durch das französische Land, und in Bismarcks Wohnung knisterte das Feuer im Kamin. Es war am 23. November. Der Abend war schon lange hereingebrochen, die Teestunde, in welcher der Kanzler mit einigen seiner Beamten, so behaglich es angehen mochte, sonst zusammenzusitzen pflegte, war gekommen, und in dem kleinen Salon harrten bereits einige Herren. Nahe beim Kamin saß Graf Bismarck-Bohlen, unfern davon Graf Hatzfeld.
»Will denn die Angelegenheit noch nicht vorwärtsrücken?« sprach der eine. »Nun haben wir glücklich Baden und Hessen dem Norddeutschen Bunde eingegliedert – aber Bayern und Württemberg machen doch, wie es scheint, besondere Schwierigkeiten.«
»Im Prinzip gewiß nicht,« erwiderte der andere, »aber es ist begreiflich, daß sie gewisse Rechte sich reservieren wollen.«
»Ja, die Verwaltung von Eisenbahn-, Post- und Telegraphenwesen –«
»Und wie ich gehört habe, will Bayern auch die Leitung seines Heeres wenigstens zu Friedenszeiten nicht an Preußen abgeben. Hoffentlich scheitert nicht auch diesmal das große Einigungswerk an kleinen Bedenken.«
»Lassen Sie nur unseren geistvollen großen Chef machen, verehrter Freund; er hat Klugheit und Energie zugleich, und versteht zu rechter Zeit zu geben und zu nehmen.«
Der Schriftsteller Moritz Busch, der als Zeitungsberichterstatter sich im Hauptquartier befand, trat herein zu den beiden Herren.
»Seine Exzellenz konferieren wohl noch immer?« fragte er. Graf Hatzfeld deutete nach der Türe, welche zum Salon führte.
»Dort ist er mit dem bayrischen Kleeblatt, Graf Bray, Lutz und Prankh, und die Herren scheinen zäh zu sein.«
Noch eine Viertelstunde verstrich, da öffnete sich die Flügeltüre, der Kopf Bismarcks erschien mit hellen Augen, und das Antlitz in angenehmer Erregung. Als er die drei bemerkte, trat er in das Zimmer, einen Becher in der Hand. Seine Stimme klang bewegt, als er sprach:
»Nun, meine Herren, der bayrische Vertrag ist jetzt fertig und unterzeichnet, die deutsche Einheit ist gemacht und der deutsche Kaiser auch.«
Die Herren hatten sich erhoben, sie sahen mit leuchtenden Blicken den Sprecher an – einige Sekunden tiefer, ergreifender Stille verstrichen, dann erbat sich Dr. Busch die Erlaubnis, die Federn holen zu dürfen, mit welchen das bedeutsame Aktenstück unterschrieben worden war. Bismarck aber befahl dem Diener, eine Flasche Champagner herbeizubringen. Die Gläser mit dem Schaumwein klirrten zusammen, und der Kanzler sprach tief atmend:
»Es ist ein Ereignis.«
Dann schwieg er sinnend einige Augenblicke, und nun fuhr er fort:
»Die Zeitungen werden nicht zufrieden sein, und wer einmal in der gewöhnlichen Art Geschichte schreibt, kann unser Abkommen tadeln. Er kann sagen, der dumme Kerl hätte mehr fordern sollen; er hätte es erlangt; sie hätten gemußt; er kann recht haben mit dem Müssen. Mir aber lag mehr daran, daß die Leute mit der Sache innerlich zufrieden waren. – Was sind Verträge, wenn man muß! – und ich weiß, daß sie vergnügt fortgegangen sind. Der Vertrag hat seine Mängel, aber er ist so fester. Ich rechne ihn zu dem Wichtigsten, was wir in diesen Jahren erreicht haben. – Was den Kaiser betrifft, so habe ich ihnen denselben bei den Verhandlungen damit annehmbar gemacht, daß ich ihnen vorstellte, es müsse für ihren König doch bequemer und leichter sein, gewisse Rechte dem deutschen Kaiser einzuräumen, als dem benachbarten König von Preußen.«
Die Erneuerung der deutschen Kaiserkrone! Das war der Wunsch der Besten seit Jahrzehnten, das war die immer wieder erwachende Sehnsucht des deutschen Volkes, und nun sollte sie im fremden Lande sich erfüllen. Und die Erfüllung ward nicht künstlich herbeigeführt, sie wuchs aus den gewaltigen geschichtlichen Ereignissen selbst heraus. Die deutschen Fürsten und das deutsche Volk waren eins in diesem schönen Ziele.
Am 18. Dezember trafen in Versailles dreißig Mitglieder des Norddeutschen Reichstages ein, geführt von ihrem Präsidenten Simson. Die vornehme französische Präfektur sah sie durch ihre Prunkhallen schreiten, und die Bilder der alten französischen Herrscher schauten wohl mit Verwunderung herab auf die deutschen Männer, die hier im Namen eines ganzen Volkes kamen, um dem greisen König Wilhelm jenes Schreiben zu überreichen, das ihn bat, die deutsche Kaiserkrone anzunehmen. Draußen lag der Winter auf den Feldern von Frankreich, aber Sonnenschein war’s in allen deutschen Herzen, jener Lenzessonnenschein, der die Auferstehung schlafender Herrlichkeit verkündet.
Um den König standen die Edelsten des deutschen Volkes, seine Fürsten und Helden, und hervorragend unter diesen die Kraftgestalt des Kanzlers, der mit freudigem Bewußtsein daran denken durfte, daß er diese Stunde hatte vorbereiten helfen.
Mit bewegter Stimme sprach Dr. Simson:
»Eure Majestät empfangen die Abgeordneten des Reichstags in einer Stadt, in welcher mehrmals ein verderblicher Heereszug gegen unser Vaterland ersonnen und ins Werk gesetzt worden ist. Und heute darf die Nation von eben dieser Stelle her sich der Zuversicht getrösten, daß Kaiser und Reich im Geiste einer neuen lebensvollen Gegenwart wieder aufgerichtet und ihr, wenn Gott ferner hilft und Segen gibt, in beiden die Gewißheit und Macht von Recht und Gesetz, von Freiheit und Frieden zuteil werden.«
Das war des deutschen Volkes Weihnachtsgabe. Die Zeit des schlafenden Kaisers im Kyffhäuser sollte vorüber sein, der Kaiser Rotbart sollte verschwinden vor der Herrlichkeit des Kaiser Weißbart. Der Gedanke mußte all die tausend Männerherzen entschädigen, die in Eis und Schnee fern von der Heimat und ihren Lieben das schönste Fest, das Christfest, verleben mußten.
Im Hause in der Rue de Provence in Versailles dachte Bismarck mit verhaltener Wehmut an jenem 24. Dezember der Seinen. Im Kamin flackerte das Feuer, und um den Tisch saß ein kleiner Kreis von Männern, der hier gleichsam seine Familie repräsentierte, seine treuen Mitarbeiter. Ein Christbäumchen fehlte nicht, aber es war ein winzig Dingelchen, doch gehörte es in das deutsche Heim, um wenigstens einigermaßen Stimmung zu machen. Und unter dem Bäumchen lag eine liebe Gabe, die mit anderen von daheim gekommen war, ein Geschenk von Frau Johanna. Sie wußte, daß ihr Gemahl eine besondere Vorliebe für schöne Becher habe, und so hatte sie ihm in zierlichem Kästchen zwei derselben zugesandt, den einen in Tula-Manier, den anderen in geschmackvollem Renaissancestil.
Aber auch sein König hatte ihn nicht vergessen. Er sandte ihm am Christabend das Eiserne Kreuz erster Klasse, um die Verdienste des Mannes zu ehren, der mit sicherer Hand auch aus der Mitte des feindlichen Landes die Fäden der Politik zum Segen Deutschlands und zur Ehre seiner Heimat verknüpfte.
Der herrlichste deutsche Festtag aber, welchen das französische Königsschloß in jenen Tagen schaute, war der 18. Januar 1871. Vor 170 Jahre hatte der Brandenburger Kurfürst sich an diesem Tage die preußische Königskrone aufs Haupt gesetzt, und nun ward ein König von Preußen deutscher Kaiser. Im Palaste jenes Ludwig XIV., der einst so tiefe Schmach und Schädigung über deutsches Land und Volk gebracht, feierte unseres Reiches Herrlichkeit seine Auferstehung – ein Walten der Weltgeschichte, wie es nicht ergreifender gedacht werden kann.
Vom Herrenschlosse zu Versailles wehte die Fahne der Hohenzollern hinaus in die Winterluft. Um die Mittagsstunde standen zu beiden Seiten der Straße von der Präfektur her in Reih und Glied die Scharen der deutschen Soldaten, mit flammender Begeisterung im Auge, die Brust geschwellt von einem maßlosen Hochgefühl. Andere hatten sich um das mitten auf dem Schloßplatz sich erhebende gewaltige Reiterstandbild Ludwigs XIV. gruppiert und unter den Statuen französischer Kriegshelden. Die mächtigen Pforten des glänzenden Palastes, welche in goldenen Lettern die prunkende Aufschrift tragen: »A toutes les gloires de la France« waren weit geöffnet, um die erlauchten deutschen Gäste aufzunehmen, welche im glänzenden Zuge herankamen.
Nun nahte die ehrwürdige Gestalt des Königs. Ein Brausen und Jauchzen erhob sich, das die Lüfte erschütterte, und das selbst die neugierigen Gaffer mächtig ergriff und eine Ahnung treudeutschen Empfindens in ihre Seelen trug, und zwischen den jubelnden Soldaten schritt der königliche Greis hin, hochaufgerichtet und herrlich. Am Portale begrüßte ihn der Kronprinz, in den Vorgemächern empfingen ihn Fürsten, Minister und Generale, und so geleiteten sie ihn in die festlich geschmückte herrliche Spiegelgalerie des Schlosses. An der Decke des Saales war ein Bild, das wunderlich in diese Situation paßte, eine Verherrlichung Ludwigs XIV., vor dessen Thron sich die Mächte Europas demütig beugen. Am Mittelpfeiler der Gartenseite war ein Altar errichtet, zu dessen beiden Seiten die Vertreter des deutschen Heeres, Mannschaften aller Truppenteile, standen, und von einer Estrade her winkten die Fahnen der deutschen Armeen herab, welche von Unteroffizieren gehalten wurden, deren Brust das eiserne Kreuz schmückte.
Eine ergreifende Stille trat ein, als der König, von den Fürsten und seinen Recken umgeben, dem Altare zuschritt und demselben gegenüber Platz nahm. Mit frommem Aufblick zu Gott ward die feierliche Stunde eingeleitet. Wie daheim im Gotteshause erklang die Liturgie. »Jauchzet dem Herrn alle Welt!« jubelte der Sängerchor, und dann trat Hofprediger Rogge vor, um die Festpredigt zu halten. In die glänzende und weihevolle Versammlung rief er das Wort des Psalmisten: »Herr, der König freuet sich deiner Kraft, du setzest eine goldene Krone auf sein Haupt,« und nun wandte er den Blick empor zu dem übermütigen Deckengemälde und pries den Herrn, der den feindlichen Hochmut zuschanden gemacht hatte.
Machtvoll und erhebend klang der fromme Choral: »Nun danket alle Gott!« von hundert Männerlippen, und jetzt schritt der greise König, von dem Kronprinzen und Bismarck gefolgt, auf die Erhöhung, von der die Fahnen niederwallten, und verlas das Wort vom wiedererstandenen deutschen Reiche. Dann forderte er den Kanzler auf, des neuen Kaisers ersten Erlaß, seinen kaiserlichen Gruß, den Fürsten und Vertretern des Volkes zu verkündigen.
Stattlicher erhob sich die Gestalt Bismarcks, festen Fußes trat er einige Schritte vor, ernst und mit verhaltener Bewegung flog sein Auge durch den Saal, auf welchem tiefes, feierliches Schweigen ruhte, und dann klangen die Worte so ruhig und klar bis in die fernste Ecke des Raumes:
»Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen – nachdem die deutschen Fürsten und freien Städte den einmütigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des deutschen Reiches die seit mehr denn sechzig Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind – bekunden hiermit, daß Wir als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Rufe der verbündeten deutschen Fürsten und freien Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen. Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der Krone Preußens fortan den kaiserlichen Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen Reiches führen, und hoffen zu Gott, daß es der deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu verteidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermutigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren. Uns aber und unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allezeit Mehrer des deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.«
Langsam trat Bismarck an die Seite seines Kaisers zurück, aus dem Kreise der deutschen Fürsten aber schritt der Großherzog von Baden bis an die Erhöhung heran, hoch in der Rechten schwang er den blitzenden Helm, und in wahrer und warmer Begeisterung rief er:
»Seine Majestät der Kaiser Wilhelm lebe hoch!«
Schmetternd in Jubeltönen fiel die Musik ein, aus der ganzen Versammlung brauste es mit erhebender Gewalt empor, das stolze Wort, und während die Volkshymne machtvoll einsetzte, pflanzte sich die Begeisterung fort, hinaus durch die Hallen und Höfe, die Straßen und Plätze. Das war die Weihestunde des neuen Reiches.
Aber der Kampf auf Frankreichs Feldern und um seine Hauptstadt dauerte noch immer fort, bis in der letzteren die Not auf das äußerste gestiegen war: Übermütiger Trotz konnte hier nicht weiter nützen. Am Abend des 23. Januar fuhr durch die Straßen von Versailles ein Wagen, der wohl vordem dem kaiserlichen Hofe gehört haben mochte, aber das Wappen daran war beseitigt worden. Drei Männer saßen darin, der hagere, bleiche Advokat Jules Favre, dessen kleiner, beweglicher Schwiegersohn, der Maler Martinez de Rio und Graf d’Hérisson. In der Rue de Provence, vor dem Hause der Frau Jessé, hielt das Gefährt, die Insassen stiegen aus und gingen langsam die Treppen nach dem ersten Stockwerk hinan. Sie wurden von den Ministerialbeamten empfangen und erhielten an Bewirtung, was eben aufzutreiben war, dann bat Bismarck Favre und den Grafen d’Hérisson, bei ihm in den kleinen Salon einzutreten.
An einem runden Tisch saßen die drei, und Bismarck bot seinen Gästen Zigarren an, welche vor ihm standen. Beide lehnten dieselben ab, und lächelnd bemerkte der Kanzler:
»Sie tun unrecht daran; wenn man eine Unterredung beginnt, die zu heftigen Auseinandersetzungen führen kann, ist es doch besser, beim Zwiegespräch zu rauchen. Die Zigarre paralisiert, indem man sie hin und her dreht und nicht fallen lassen will, einigermaßen die körperliche Erregung und stimmt uns milder, man fühlt sich behaglich und macht sich eher Konzessionen.«
Der bleiche, hagere französische Abgeordnete saß etwas zusammengebeugt in seinem Stuhle, der Kanzler in seiner Kürassieruniform aufrecht und stattlich. Er führte die Verhandlungen in einem ausgezeichneten Französisch, welches Graf d’Hérisson geradezu mit Verwunderung anhörte. Jules Favre glaubte an die Unterredung von Schloß Ferrières wieder anknüpfen zu können, aber Bismarck bemerkte höflich:
»Sie vergessen, daß unsere Lage heute bereits eine andere ist wie damals. Wenn Sie an Ihrem Grundsatze festhalten: ›Keinen Zollbreit unseres Gebietes, keinen Stein unserer Festungen,‹ so ist es überflüssig, weiter darüber zu sprechen. Meine Zeit ist kostbar, die Ihrige auch, und ich sehe nicht ein, weshalb wir sie vergeuden sollten.«
Es handelte sich um die Bedingungen des Waffenstillstandes, und der redegewandte Franzose bot alles auf, dieselben den Verhältnissen gemäß günstig zu gestalten. Aber er fand einen überlegenen, eisernen Gegner. Übergabe der Außenforts von Paris, Kriegsgefangenschaft der Verteidigungstruppen, Entwaffnung der Nationalgarde und Einmarsch deutscher Truppen in Frankreichs Hauptstadt – das waren die wesentlichsten Forderungen des Kanzlers.
Jules Favres bleiches Gesicht rötete sich vor innerer Erregung, er strich sich die wirren weißen Haare aus der Stirn und begann aufs neue mit dem Versuche, eins und das andere abzudingen. Daß deutsche Soldaten durch die Straßen von Paris marschieren sollten, war dem Franzosen ein besonders unerträglicher Gedanke, und er bestürmte Bismarck, indem er an dessen Großmut appellierte und auf die tiefe Verletzung der französischen Nationalehre hinwies, darauf zu verzichten. Auch die Entwaffnung der Nationalgarde erschien dem Vertreter Frankreichs als tief demütigend und kränkend, und er bat dringend, von dieser Forderung abzustehen.
Der Kanzler sah ihn ernst an und erwiderte nach einer kleinen Pause:
»Ich will Ihnen in dem letzten Punkte entgegenkommen, aber glauben Sie mir, Sie begehen eine Dummheit. Sie werden selbst noch mit den Gewehren zu rechnen haben, die Sie den exaltierten Menschen lassen wollen.«
»Und Paris soll nicht verschont bleiben vor dem Schmerz einer Invasion Ihrer Truppen?«
»Ich würde Ihnen auch hier ein Zugeständnis zu machen bereit sein,« sprach der Kanzler, »aber der König und die Generale bestehen darauf. Das ist die Belohnung für unsere Armee. Wenn ich nach der Rückkehr in die Heimat einem armen Teufel mit einem Stelzfuß begegnen werde, dann wird er sagen: Das Bein, das ich vor den Mauern von Paris gelassen habe, gab mir das Recht, meine Eroberung zu vervollständigen; dieser Diplomat, der im Besitze seiner gesunden Gliedmaßen ist, hat mich daran verhindert. – Wir können uns dem nicht aussetzen, in diesem Punkte das öffentliche Gefühl zu verletzen. Wir werden in Paris einziehen, aber nicht über die Elyséischen Felder hinausgehen, und dort die Ereignisse abwarten. Wir werden auch den 60 Bataillonen der Nationalgarde, welche zuerst gebildet wurden und Sinn für Ordnung haben, die Waffen belassen.«
»Und wir dürfen wohl annehmen, daß in den abzuschließenden Waffenstillstand auch die von Garibaldi zu unserer Unterstützung herbeigeführte Armee eingeschlossen werde?«
In das Antlitz Bismarcks stieg eine wärmere Röte, sein ernstes Auge blitzte auf.
»Diese Truppen sind für uns keine völkerrechtlich anerkannte Heeresmacht; das sind Banden, die unter die Kategorie Ihrer Freischärler fallen, mit ihnen werden wir nicht paktieren. Haben wir uns auch veranlaßt gesehen, uns mit ihnen zu schlagen, so mag man uns doch nicht zumuten, durch ein solches Zugeständnis ihnen eine Berechtigung zuzuerkennen, sich in den Streit zweier großen Nationen zu mischen.«
Der gewaltige Recke war in heftige und zornige Erregung gekommen, und der Graf d’Hérisson, der ein schweigender Zeuge dieser ganzen Szene war, gedachte jetzt der Äußerung, welche Bismarck vorher getan. Mit einem raschen, kühnen Entschlusse faßte er den auf dem Tisch stehenden kleinen Teller mit Zigarren und bot mit einer ehrerbietigen Verbeugung dieselben dem Kanzler dar. Einen Augenblick sah ihn Bismarck einigermaßen erstaunt an, dann flog ein Schimmer von Verständnis über sein Gesicht, wie ein leichtes Lächeln spielte es um seinen Mund, und er sagte:
»Sie haben recht, Kapitän, es führt zu nichts, sich zu ereifern … im Gegenteil!«
Und als Jules Favre mit erneuter Wärme sich für den Waffenstillstand mit Garibaldi verwendete, wurde ihm derselbe auch tatsächlich noch zugestanden.
Die Verhandlungen dauerten auch in den nächsten Tagen noch fort. Am Abend des 26. Januar aber fuhr der kaiserlich französische Wagen mit dem abgekratzten Wappen wieder vor dem Hause in der Rue de Provence vor, und in verbindlicher Weise geleitete Bismarck seine Gäste zu demselben. Die stattliche, stolze Gestalt in der Kürassieruniform sah achtungsgebietend aus neben der etwas zusammengebeugten hageren und schlotterigen Erscheinung des Pariser Advokaten, dem der Kanzler freundlich die Hand reichte. Ein Mitgefühl erfaßte ihn für den Mann, der doch auch im Dienste seines Volkes und seiner Heimat unter den mißlichsten Verhältnissen wirkte, und er sprach:
»Ich glaube nicht, daß, nachdem wir so weit gekommen, ein Abbruch der Verhandlungen möglich wäre. Wenn Sie derselben Ansicht sind, wollen wir heute abend das Feuer einstellen.«
In den Augen des Franzosen leuchtete ein Strahl dankbarer Freude auf, als er erwiderte: