Elftes Kapitel.
Des neuen Reiches Kanzler.

Im freundlichen Badeorte Kissingen war die Saison in vollem Gange, und der Sommer des Jahres 1874 hatte auch die anmutige bayrische Stadt nach gewohnter Weise lieblich und festlich herausgeputzt, und zahlreiche Gäste aus allen Weltgegenden suchten hier Genesung und Erholung. Zu Anfang des Juli war auch der deutsche Reichskanzler hier eingetroffen und bildete beinahe den mächtigsten Anziehungspunkt des schönen Kurorts, dessen zweifellos berühmtester Besucher er war. Wo er ging und fuhr, blieb man stehen, drängte man sich näher heran, freute man sich seines Grußes und war man stolz, wenn man eines Wortes von ihm gewürdigt wurde.

An einer Straßenbiegung stand um die Mittagszeit des 13. Juli eine größere Anzahl von Damen und Herren. Man wußte, daß der Kanzler um diese Zeit hier vorüber nach seiner Wohnung im Hause des Dr. Diruff fahren werde. Zwei vornehm aussehende Herren gingen langsam auf und ab in lebhaftem Gespräche; der eine sagte:

»Deutschland darf mit Recht stolz sein auf ihn; er ist der größte Staatsmann, welchen es vielleicht jemals besessen hat.«

»Wissen Sie, daß eine solche Anerkennung gerade aus Ihrem Munde besonderen Wert hat?« sagte der andere.

»Weshalb?«

»Weil Sie Österreicher sind, und dazu noch ein begeisterter Österreicher, bei dem es schwer wiegt, wenn er das Jahr 1866 Bismarck vergibt und seine Größe so voll anerkennt.«

»Ja, der Schlag von damals hat uns weh getan, und ich habe wie Tausende meiner Landsleute ihm gegrollt, aber zuletzt muß ruhige Überlegung und vorurteilslose Betrachtung seiner Erfolge ihm die Herzen gewinnen, zumal aller, die deutsch reden und empfinden, ob sie im neuen Reiche oder in Österreich wohnen. Wie herrlich hat er es verstanden, mit den ehemaligen Gegnern an der Donau seinen Frieden zu machen; seinen Bemühungen war im Jahre 1872 die Zusammenkunft der drei Kaiser von Deutschland, Österreich und Rußland in Berlin zu danken, und was dieselbe für den europäischen Frieden bedeutet hat, wissen wir alle.«

»Gewiß, aber nicht minder bewundere ich als Engländer seine Tatkraft und Energie der Anmaßung Roms gegenüber. Das Konzil, das die Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma gemacht hat, hat viel Unheil gebracht und hätte dem protestantischen Kaisertum eine schwere Schädigung zufügen können, wenn Bismarck nicht wie der getreue Eckart zum Schutze der Rechte der Krone und des deutschen Volkes eingetreten wäre. Die Maigesetze (vom 15. Mai 1873) haben der römischen Anmaßung einen Damm gesetzt. Die katholischen Priester sollen bei ihrer ganzen Ausbildung und die geistlichen Oberhirten bei deren Anstellung eingedenk bleiben, daß sie nicht außerhalb der Nation stehen, sondern zu dieser sich zu zählen haben. Aber verzeihen Sie – Sie sind selbst Katholik –«

»Aber ein solcher, der das Wort: ›Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist,‹ verstanden zu haben meint, und dem die Äußerung Bismarcks in der Sitzung vom 14. Mai 1872: ›Seien Sie außer Sorge, nach Canossa gehn wir nicht!‹ die Seele erfreut und erwärmt hat – doch sehen Sie, hier kommt er!«

Die beiden Männer standen still und sahen in der Richtung nach der Saline hin, von woher ein offener Wagen heranrollte. Im Fond lehnte der Kanzler, mit dem gewohnten breitrandigen Schlapphute auf dem mächtigen Haupte, und dankte freundlich den Grüßen, welche von allen Seiten her ihm entgegengebracht wurden.

Die zwei Herren zogen ebenfalls ihre Hüte ab, als der Wagen vorüberfuhr, dann sahen sie ihm nach und kehrten zu ihrem Gespräche zurück. Plötzlich vernahmen sie einen Knall, kurz und scharf, und der Engländer rief:

»Das war ein Schuß!«

Gleich darauf eilten beide in der Richtung hin, woher der Schall gekommen war, dem Wagen Bismarcks nach. An einer der nächsten Straßenecken bereits drängte sich eine dichte Menge Volkes, geballte Fäuste hoben sich in die Lüfte, und nun wurde auch ein bleicher, aufgeregter junger Mensch dahergeschleppt, gegen welchen sich drohend der Unmut und Zorn der Menge wendete.

»Er hat auf Bismarck geschossen – der Hund!« So lief es unheimlich von Mund zu Mund – dazwischen klangen Fragen nach dem Kanzler.

»Er ist an der Hand verwundet, die er zum Gruße gehoben hat.«

Der Wagen, in welchem Bismarck gesessen, hatte angehalten, er selbst war ausgestiegen, und um ihn drängten sich nun alle. Freudig begeisterte Zurufe mischten sich mit lebhaften Kundgebungen der Teilnahme und des heiligen Zornes, und immer dichter scharte es sich um ihn her, als wollten alle eine Mauer bilden zum Schutze um den teuren Mann, und wenig fehlte, so wäre er im Triumphe heimgetragen worden.

Entsetzt und erschreckt vernahm die Gräfin sowie Komtesse Marie, was geschehen war, und wie einst in Berlin, so war er selbst auch hier am meisten gefaßt und ruhig. Er ließ sich den Attentäter vorführen. Dieser war ein Böttchergeselle aus Magdeburg, namens Kullmann, der durch die fanatischen Worte seines Pfarrers zu seinem Verbrechen getrieben worden war und unumwunden eingestand, daß er Bismarck habe töten wollen wegen der von demselben ausgegangenen Kirchengesetze.

Mit einer Mischung von Abscheu und Mitleid betrachtete der Kanzler den irregeleiteten Burschen, der auch aus deutschem Blute entsprossen war und in seiner Verblendung die Mörderfaust heben konnte gegen einen Mann, der in allem, was er tat, nur seines Volkes Ehre und seines Vaterlandes Größe im Auge hatte.

Die Aufregung, welche durch das freundliche Kissingen ging, war groß, gewaltiger noch jene, welche das ganze deutsche Land durchzitterte. An dem Abend des unseligen Tages aber fanden sich Tausende von Menschen ein vor dem freundlichen Hause des Dr. Diruff, um ihrem Herzen Luft zu machen und ihre Liebe und Begeisterung für Bismarck zum Ausdruck zu bringen. Stürmische Hochrufe brausten empor; man wollte den Mann sehen, welchen die Huld des Himmels so augenscheinlich behütet hatte, und endlich trat er heraus auf den Balkon, tiefbewegt über die Kundgebungen treuer Anhänglichkeit und liebender Teilnahme.

Er winkte mit der unverwundeten Hand – man verstand, daß er sprechen wolle, und tiefe, feierliche Stille lag ringsum. In diese hinein klang die ruhige sonore Stimme, weithin vernehmbar:

»Ich danke Ihnen herzlich für die wohltuende Teilnahme, die Sie mir bekunden, und die mich herzlich freut. Es geziemt mir nicht, weiteres über den heutigen Vorgang zu reden. Die Sache ist dem Urteil des Richters übergeben. Das aber darf ich wohl sagen, daß der Schlag, der gegen mich gerichtet war, nicht meiner Person galt, sondern der Sache, der ich mein Leben gewidmet habe: der Einheit, Unabhängigkeit und Freiheit Deutschlands. Und wenn ich auch für die große Sache hätte sterben müssen, was wäre es weiter gewesen, als was Tausende unserer Landsleute betroffen hat, die vor drei Jahren ihr Blut und Leben auf dem Schlachtfelde ließen! Das große Werk aber, das ich mit meinen schwachen Kräften habe beginnen helfen, wird nicht durch solche Mittel zugrunde gerichtet werden, wie das ist, wovor Gott mich gnädig bewahrt hat. Es wird vollendet werden durch die Kraft des geeinigten Volkes. In dieser Hoffnung bitte ich Sie, mit mir ein Hoch zu bringen dem geeinigten deutschen Volke und seinen verbündeten Fürsten!«

Begeistert und aus bewegten Herzen stimmte die Menge in den Ruf ein, der in allen Gauen Deutschlands frohen Widerhall fand.


Wer in den siebziger Jahren in die Hauptstadt des deutschen Reiches kam, konnte wohl erstaunt und erfreut sein über die Rührigkeit, die sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zeigte, wie über die Verschönerungen auf den Plätzen und in den Straßen, durch Gebäude und Denkmäler. Am Sedanstage 1873 war das imposante Siegesdenkmal auf dem Königsplatze eingeweiht worden, im nächsten Jahre die herrliche Nationalgalerie; das Zeughaus hatte durch einen Umbau hervorragend an Schönheit und monumentaler Bedeutung gewonnen, Museen und Galerien wuchsen aus der Erde empor, und unter den Denkmälern war es besonders jenes der unvergeßlichen Königin Luise, welches Auge und Herz gefangen nahm.

Und wer nach Berlin kam, verabsäumte auch nicht, nach der Wilhelmstraße zu wandern, um das schlichte Palais zu sehen, in welchem der Mann wohnte, der »Deutschland in den Sattel gehoben hatte«, und dem es zu danken war, daß es im Völkerrate eine hervorragende, ja, die erste Rolle spielte. Das konnte zumal einem Besucher klarwerden, der in den Junitagen des Jahres 1878 nach der Wilhelmstraße kam und sah, wie in den Mittagsstunden ein Wagen nach dem anderen heranrollte, und hörte, wer die Besucher des Reichskanzlerpalais waren. Die Staatsmänner sämtlicher europäischen Großmächte fanden sich hier zusammen zu wichtigen Beratungen, und wenn wir in den vornehmen, doch einfachen Sitzungssaal einen Blick werfen, sehen wir den österreichischen Kanzler Grafen Andrassy in seiner goldstrotzenden Husarenuniform neben dem russischen Kanzler Grafen Gortschakoff, der durch seine glänzenden Brillengläser mit seinen klaren, scharfen Augen Umschau hält; ihm zur Seite steht Graf Schuwaloff, der russische Botschafter, im Gespräche mit dem hageren englischen Ministerpräsidenten Beaconsfield, und dem italienischen Gesandten Grafen Corti; der Charakterkopf des Lords Odo Russel taucht neben den mit dem Fez bedeckten Häuptern von Mohammed Ali Pascha und Karatheodori Pascha auf; mit dem ungarischen Grafen Caroly konversieren lebhaft die Gesandten Frankreichs, Waddington und Desprez … und unter all diesen bedeutenden Persönlichkeiten steht Graf Bismarck, hervorragend durch seine äußere Erscheinung sowie durch seine Stellung, welche ihm in diesem Kreise angewiesen ist.

Das ist der europäische Friedenskongreß, welcher auf Bismarcks Anregung zusammengetreten ist, um nach Beendigung des im Jahr 1877 geführten Krieges zwischen Rußland und der Türkei weitere feindselige Verwicklungen fernzuhalten, und der deutsche Kanzler ist der Präsident des Kongresses und leitet die Verhandlungen mit seiner sicheren Ruhe und energischen Klarheit. Und Europa durfte ihm Dank dafür wissen. Er wollte dabei nicht mehr sein als »der ehrliche Makler«, und das Wort hat er redlich eingelöst.

Der Kongreß war aber zu einer Zeit zusammengetreten, da das Herz des Kanzlers noch blutete unter dem Nachklang ungeheurer Freveltaten, welche das ganze deutsche Volk tief erschüttert hatten.

Schon am 11. Mai nachmittags hatte ein verkommenes Individuum, der Klempnergeselle Hödel, ein Attentat verübt gegen den greisen Kaiser Wilhelm, aber Gott hatte schützend seine Hand gehalten über dem geweihten, vielgeliebten Haupte.

Da geschah das Unglaubliche, Ungeheure zum zweiten Male. Als Kaiser Wilhelm am 2. Juni die Straße Unter den Linden dahinfuhr, fielen aus dem zweiten Stockwerk des Hauses Nr. 18 rasch nacheinander zwei Schüsse. Zahlreiche starke Schrotkörner drangen in Kopf, Arm und Rücken des greisen Helden, der blutüberströmt, auf seinen Leibjäger gestützt, im offenen Wagen dahinfuhr, während die zornig erregten Zuschauer des entsetzlichen Vorgangs in das Haus eindrangen, von welchem aus der Attentäter gefeuert hatte. Die Tür seines Zimmers wurde aufgesprengt, einige Offiziere, Kriminalschutzleute und andere Personen drangen ein, noch zwei Schüsse krachten ihnen entgegen, am Ofen des Gemaches aber lehnte mit blutigem Antlitz ein Mensch, der nach seiner Freveltat bereits Hand an sich selbst gelegt hatte. Rasch war er überwältigt und in Haft gebracht, und es ergab sich, daß er der Landwirt Dr. phil. Nobiling war, und ebenso wie Hödel durch die fanatische Verhetzung der Sozialdemokratie zu dem furchtbaren Verbrechen veranlaßt worden war.

Wie ein Lauffeuer war die entsetzliche Kunde durch Berlin geflogen, der Telegraph hatte sie fortgetragen durch die Welt und hatte sie schnell genug auch nach dem stillen Friedrichsruh gebracht, wo der Kanzler an der Gürtelrose erkrankt war. Da schreckte er empor, er vergaß seine Krankheit und eilte an das Schmerzenslager seines teuren, greisen Herrn. Noch sah er die Wunden auf dem geliebten Angesicht, und Schmerz, heiliger Zorn und glühende Hingebung erfaßten den gewaltigen Mann. Er fühlte, wie es ihm heiß in die Augen stieg, aber er gelobte sich auch in dieser Stunde auszuhalten bei seinem Kaiser, solange ihn dieser nicht entlassen würde.

Aber auch dem furchtbaren Feinde galt es zu Leibe zu gehen, der das Mark des deutschen Volkes zu vergiften sich bemühte, und der durch seine verhetzenden Grundsätze deutschgeborenen Männern die Mordwaffe gegen ihren Kaiser in die Hand gedrückt hatte – der Sozialdemokratie. Und unter dem Eindruck der fluchwürdigen Tat Nobilings stimmte der Reichstag dem von dem Kanzler ihm vorgelegten Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu.

Wie ein zorniger Löwe war er eingetreten für dies Gesetz, das dem Schutze des friedlichen Bürgers dienen sollte, und ergreifend klangen die Worte, welche er im Reichstage sprach, durch alles deutsche Land:

»Wenn die sozialistischen Agitatoren den Leuten, die zwar lesen, aber nicht das Gelesene beurteilen können, glänzende Versprechungen machen, dabei in Hohn und Spott, in Bild und Wort alles, was ihnen bisher heilig gewesen ist, als einen Zopf, als eine Lüge darstellen, alles das, was unsere Väter und uns mit dem Motto: »Mit Gott für König und Vaterland!« geführt und begeistert hat, als eine hohle Redensart, als einen Schwindel hinstellen, ihnen den Glauben an Gott, den Glauben an unser Königtum, die Anhänglichkeit an das Vaterland, den Glauben an die Familienverhältnisse, an den Besitz, an die Vererbung dessen, was sie für ihre Kinder erworben, ihnen alles das nehmen, so ist es doch nicht allzu schwer, einen Menschen von geringem Bildungsgrade dahin zu führen, daß er schließlich mit Faust spricht: »Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben und Fluch vor allem der Geduld!« Ein so geistig verarmter und nackt ausgezogener Mensch, was bleibt dann dem übrig, als eine wilde Jagd nach sinnlichen Genüssen, die allein ihn noch mit diesem Leben versöhnen können! Wenn ich zu dem Unglauben gekommen wäre, der diesen Leuten beigebracht ist – ja, meine Herren, ich lebe in einer reichen Tätigkeit, in einer wohlhabenden Situation; aber das alles könnte mich doch nicht zu dem Wunsche veranlassen, einen Tag länger zu leben, wenn ich das, was der Dichter nennt: »an Gott und bessere Zukunft glauben«, nicht hätte. – Rauben Sie das dem Armen, dem Sie gar keine Entschädigung gewähren können, so bereiten Sie ihn eben zu dem Lebensüberdruß vor, der sich in ruchlosen Taten äußert, wie wir sie soeben erlebt haben.«

In jenen Tagen tiefgehender Erregung war ihm der Frieden seines Hauses und Heims doppelt wertvoll, und die Stunden im Kreise seiner Familie, im vertrauten Verkehr mit Freunden und selbst parlamentarischen Gegnern an seinem Herde boten manche Anregung und Erholung.

Wilhelmstraße 76! Es ist ein ziemlich einfaches, mäßig großes Gebäude, dies Wohnhaus des deutschen Reichskanzlers in Berlin, in dessen erstem und einzigem Stockwerk der größte deutsche Mann der Gegenwart sein Heim hatte.

Es war Herbst geworden in dem unseligen Jahre 1878, und die Bäume in dem Parke hinter dem Palais haben angefangen sich zu verfärben. Unter ihnen schreitet der Kanzler hin, und wie einst als Knabe, so freut er sich auch jetzt noch der Schönheiten der Natur, wo immer sie ihm begegnen. Hier ist für ihn in dem geräuschvollen, lärmenden Berlin eine freundliche Oase. Aus den Kronen uralter, stammgewaltiger Buchen und Linden singen die Vögel, dichtes, noch immer grünes Buschwerk umsäumt die Wege, und in der herrlichen, von stattlichen Rüstern überwölbten Allee schreitet der Kanzler hin neben der geliebten Frau, der Gefährtin seiner Tage, seinem guten Kameraden.

Die Frau des Hauses ist zwar heute besonders beschäftigt, denn am Abend gilt es Gäste zu empfangen zu einer der beliebten parlamentarischen Soireen, aber etwas Zeit bleibt für den Gatten, der so manches in ihr treues, verschwiegenes Herz niederlegt, ehe er mit anderen darüber verhandelt. Ein Stündchen ist zwischen den grünen Gehegen rasch genug vergangen, und Bismarck geht nach seinem Arbeitszimmer. Es ist nicht besonders groß, einfach, aber geschmackvoll in seiner ganzen Ausstattung. Über dem großen Schlafsofa hängen mehrere Porträte, darunter vor allem jene des kaiserlichen Herrn im Zivilanzuge, wie in Generalsuniform; von einer anderen Wand schaut das Bild König Ludwigs II. von Bayern her, es fehlen nicht in breiten goldenen Rahmen die lebensgroßen Porträte der beiden gewaltigen Hohenzollern, des Großen Kurfürsten und Friedrichs II., aber auch der Gegenwart wird ihr Recht. Über dem Mahagonistehpult sehen die freundlichen Augen der Fürstin Bismarck herab, und in ovalem Goldrahmen prangt an der Wand das in Öl ausgeführte Porträt der Komteß Marie. Auch das Gipsmedaillon des treuen Genossen, des Generals Moltke, fehlt nicht.

In der Mitte des Raumes steht der umfangreiche Schreibtisch, davor zwei Polsterlehnstühle, in deren einem der Kanzler sich langsam niedergelassen hat. Er lehnt sich noch einmal sinnend zurück und läßt den Blick über den Tisch hinschweifen, an dem so manches bedeutsame Schriftstück die letzte Vollendung erhalten hat. Seine Hand hat einen der großen Bleistifte gefaßt und gleitet mit diesem über das rote Löschpapier, das auf der grünen Tuchunterlage ruht. Vor ihm stehen mancherlei Erinnerungen: Ein Briefbeschwerer aus einer 1866 eroberten Kanone, und ein anderer, zu dem ein französisches Geschütz das Material geliefert hat, und anderes mehr.

Das Signal »der Fürst ist im Arbeitszimmer« ist durch das Haus gegangen, und es währt nicht lange, so erscheint der Geheime Legationsrat Lothar Bucher, ein Herr von etwa sechzig Jahren mit einem vornehmen Gesichte und klaren, verständigen Augen, der seit 1864 ein treuer und gediegener Mitarbeiter Bismarcks geworden ist; er hält dem Kanzler Vortrag, und nimmt seine Weisungen entgegen. Und von dem kleinen Arbeitszimmer Bismarcks aus laufen all die tausend Fäden, die mit der Regierung eines großen Reiches verknüpft sind.

So kommt der Abend, und der Kanzler hat daran zu denken, daß er die Pflichten des gastfreundlich liebenswürdigen Wirtes zu üben hat.

Um die neunte Stunde belebten sich die Räume der ersten Etage. Abgeordnete von allen Parteischattierungen stiegen die teppichbelegten Treppen hinan, vorüber an zahlreichen Dienern in schwarzweißer Livree, und betraten das behagliche, freundliche Empfangszimmer, wo der Hausherr nebst seiner Gemahlin sie bereits begrüßte und den meisten herzlich die Hand drückte. Flüchtig streiften die Augen der Ankommenden durch den hellen Raum, und manch einer ließ sie auf dem springenden Hasen, der auf dem Büfett stand, haften.

Da es sich just etwas um den Hausherrn lichtete, und die Besucher in das Billardzimmer traten, fragte einer derselben flüchtig, was wohl dieser »Meister Lampe« für eine besondere Bedeutung habe.

»Ja, sehen Sie, dieser Hase ist brünett,« sagte lächelnd der Kanzler.

»Brünett?«

»Ja, er hat einen dunkelbraunen Kopf und Rücken, während seine Verwandtschaft gelb ist. Er war der einzige Brünette unter fünfzehnhundert, die wir an dem Tage schossen.«

Durch die offene Tür warfen die Besucher einen Blick in das Arbeitszimmer des großen Staatsmannes, ehe sie in die eigentlichen Gesellschaftsräume traten und sich in denselben verteilten. Es herrschte bald der heiterste und zwangloseste Verkehr, die weißen Glacéhandschuhe verschwanden, in den Nischen der Fenster, an den kleinen Tischen, überall bildeten sich plaudernde Gruppen, während die Diener den Tee herumreichten. Frack und Uniform verkehrten friedlich und gemütlich, sowie die Vertreter aller Fraktionen selbst. Da saß der kleine, bewegliche Exminister von Hannover, Windthorst, zusammen mit dem liberalen Forckenbeck, der Zentrumsführer Reichensperger mit dem mitunter boshaften Lasker, und Scherzworte gingen hin und her.

Der Verkehr zog sich mehr nach dem länglich runden Speisesaale mit seinen gelben Marmorwänden, von dessen Decke der altertümliche Kronleuchter mit Messingreifen und Glasperlen herniederhängt, während von der Wand eine Anzahl siebenarmiger Bronzeleuchter ihr Licht hinwerfen über das belebte Bild. In diesem Raume war das Büfett aufgestellt, das gar manches Verlockende darbot, und bald sah man die Gäste da und dort beisammen stehen mit ihrem Teller in der Hand, während behaglichere sich zusammensetzten, und die herumgehenden Diener aus prächtigen silbernen Humpen das schäumende Bier einschenkten.

Der liebenswürdige Gastgeber aber tauchte mit seiner breiten Gestalt bald da, bald dort auf, unter der machtvollen Stirne leuchteten die Augen so frei und freundlich, und überall fand er das rechte Wort, um die Stimmung zu beleben, und beim Zusammentreffen der Gegensätze jede feindselige Spitze abzubrechen. Zuerst hatte das Gespräch noch eine vorwiegend politische Färbung gehabt im Anschlusse an die erregten Debatten über das Sozialistengesetz.

»Großen Nutzen erwarten wir von dem Gesetze nicht, Ausnahmegesetze sind immer bedenklich!« hatte ein oppositioneller Abgeordneter bemerkt, und Bismarck, welcher es vernahm, erwiderte:

»Mit der bloßen Abwehr der sozialistischen Umtriebe ist es freilich nicht getan, es muß auch an die positive Heilung der sozialistischen Schäden gegangen werden. Der Staat muß sich des kleinen Mannes, der arbeitenden Klassen annehmen und ihnen helfen!«

»Aber das ist ja Staatssozialismus!« rief eine Stimme.

»Halt, meine Herren, so möchte ich es nicht bezeichnen, es ist vielmehr praktisches Christentum, denn meines Erachtens sollte ein Staat, der seiner großen Mehrzahl nach aus aufrichtigen Bekennern des christlichen Glaubens besteht, auch bemüht sein, den Armen, Schwachen und Alten zu helfen.«

Aber schon schweift der Blick des Kanzlers wieder durch den Kreis seiner Gäste. Auf einem alten Herrn bleibt er haften, das war ein Verbindungsbruder aus der fröhlichen Göttinger Studentenzeit, und mit dem Glase in der Hand trat der Fürst an ihn heran: »Auf das alte Blau-Rot-Gold der Göttinger Hannovera, Herr Korpsbruder!« und kräftig klingen die Gläser zusammen.

Gleich darauf wendete er sich einer Gruppe von Herren zu, deren heiteres Lachen ihn an ihren Tisch zog.

»Der vortreffliche Rehrücken verleitet zu Jagdgeschichten, und der Herr Kollege X. verübt ein beneidenswertes Jägerlatein!« sagte einer der Herren. Bismarck ließ sich bei ihnen nieder.

»Hören Sie, meine Herren, da kann ich mir’s nicht versagen, just in Ihrem Kreise – und Sie repräsentieren Frankfurt-Nassau – eine Jagdgeschichte zu berichten, die Ihren Landsmann, den »dicken Daumer« mitbetrifft. Vielleicht ist einem oder dem anderen unter Ihnen erinnerlich, daß derselbe von einer beständigen und gewaltigen Todesfurcht gepeinigt wurde und durchaus nicht an das Sterben erinnert sein wollte. Eines schönen Herbstmorgens bin ich mit ihm bei Frankfurt auf der Jagd gewesen. Als wir hoch im Gebirge Rast hielten, fand ich zu meinem Schrecken, daß ich mich nicht mit einem Frühstück versehen hatte. Der »dicke Daumer« aber zog mit Behagen eine mächtige Wurst hervor, von welcher er mir in großmütiger Weise die Hälfte anbot. Er begann zu schmausen, mit einem beneidenswerten, in meiner Situation aber sehr bedauerlichen Appetit, denn er war bereits in meine Hälfte seiner Wurst hineingeraten. Ich hätte vor Wehmut Frankfurterisch reden mögen. Da frage ich ihn denn so von ungefähr:

»Ach, sagen Sie mir, Her Daumer, was is doch des Weiße da unne, was aus de Zwetschebaim herausschaut?«

»Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit vergehe – des is der Kirchhof.«

»Aber, lieber Daumer, da wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen suchen, da muß sich’s wunderbar friedlich ruhn.«

»Nu, Exzellenz, nu leg’ i awer die Wurscht weg.« Der dicke Daumer blieb bei seinem Entschlusse, und ich hatte mein ordentliches Frühstück!«

Unter dem allgemein anhaltenden Lachen war Bismarck aufgestanden und bereits zu einer anderen Gruppe getreten. Hier wurde eben erzählt, daß ein bekannter Herr mit dem Pferde gestürzt sei, und er bemerkte:

»Ich glaube, daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß mir das wohl fünfzigmal passiert ist. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es auf einem liegt, das ist schlimm. Dabei habe ich mir in Varzin einmal drei Rippen gebrochen. Das Seltsamste aber, was ich in dieser Beziehung erlebte, war das: Ich war mit meinem Bruder auf dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört mein Bruder, der etwas voraus war, auf einmal einen fürchterlichen Knall: Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd war von der Laterne eines entgegenkommenden Wagens gescheut und mit mir zusammengefallen, und zwar auch auf den Kopf. Ich verlor zuerst die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, hatte ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. Da mein Sattel zerbrochen war, nahm ich das Pferd des Reitknechts und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde zur Begrüßung anbellten, hielt ich sie für fremde Hunde und schalt auf sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man solle ihn doch auf einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ich wußte nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war ich und auch zugleich der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, dann ging ich zu Bette, und als ich am Morgen ausgeschlafen hatte, war alles wieder gut.«

Nun wurden im Saale die Zigarren angebrannt, der Kanzler aber bat sich aus, seine Pfeife rauchen zu dürfen; behaglich stiegen die blauen Wölkchen gegen die Decke, und die Stimmung der Gäste wurde immer lebendiger.

»Eine hocherfreuliche Eintracht zwischen Nord- und Süddeutschland!« rief der Fürst lachend an einem Tische, wo Abgeordnete von diesseits und jenseits des Mains sich in heiterster Weise unterhielten und eben mit den gefüllten Gläsern anstießen. »Lassen Sie mich dieselbe mitfeiern!«

»Ihr Verdienst, Durchlaucht!« rief einer der Gäste.

»Na, wie man’s nimmt! Der Himmel hat’s zum Segen gewendet. Aber wissen Sie, wäre der Krieg von 1866 uns mißglückt, so hätte ich als Soldat den Tod gesucht, denn ich bin überzeugt, daß mich sonst die alten Weiber in Berlin mit nassen Handtüchern totgeschlagen hätten.«

»Ihr Empfinden in weltgeschichtlich bedeutenden und entscheidenden Momenten muß aber doch jederzeit ein erhebendes und gewaltiges gewesen sein, Durchlaucht,« bemerkte ein Abgeordneter, »wie war Ihnen wohl zumute, als Sie mit Kaiser Napoleon nach Sedan zusammentrafen?«

»Ja, sehen Sie, meine Herren, das ist nun fast wunderlich. Als ich in dem Stübchen des Weberhauses bei Donchery mit ihm zusammensaß, war mir so wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum Kotillon engagiert hatte, mit dem ich kein Wort zu sprechen wußte, und das niemand abholen wollte.«

So verrann die Zeit in dem gastfreundlichen, liebenswürdigen Hause, und um die elfte Stunde brachen die Besucher allmählich auf. Der Fürst reichte jedem freundlich die Hand und vergaß nicht, ein herzliches »Auf Wiedersehen« beizufügen.

Der letzte Gast ist gegangen; der Kanzler steht einige Augenblicke allein in dem Teezimmer und stützt die Hand auf einen kleinen Mahagonitisch, auf welchem eine Metallplatte angebracht ist mit der Inschrift: »Auf diesem Tische ist der Präliminarfriede zwischen Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles, Rue de Provence Nr. 14, unterzeichnet worden.« Sein Blick fliegt über die Ahnenbilder an der Wand, ein leises Lächeln huscht um die Mundwinkel, als ob ein angenehmer Gedanke ihm durch die Seele ziehe, dann tritt er in das kleine anstoßende Gemach, wo bei traulichem Lampenschimmer seine Gemahlin mit einigen verwandten Damen sitzt, und bringt noch einige Zeit in anmutigem Geplauder zu.

Hierauf sucht er noch einmal sein Arbeitsgemach auf, aber diesmal nur flüchtig, und tritt von hier aus durch eine Tapetentür in sein Schlafgemach, wo das von einem rotbekleideten Schirm umgebene Bett steht, und wo ein behagliches Sofa mit einigen Polsterlehnsesseln, eine kleine Mahagonikommode und ein alter Holzschrein an der Wand die einfache Einrichtung vervollständigen.

Der Kanzler tritt noch einmal an das einzige Fenster, schiebt den Wollvorhang zurück und sieht hinaus. Leise verhallend klingt der Lärm der auch in der Nacht nicht rastenden Großstadt hierher, aber er stört nicht, und hoch am Himmel blinken die tausend und abertausend Sterne. Der einsame Mann aber betet im frommen Aufblick in tiefster Seele:

»Vater im Himmel, schütze Reich und Kaiser!«