Zwölftes Kapitel.
In Ehren und Schmerzen.

Am Abend des 1. März 1885 ging durch Berlin eine freudige Erregung. Es war der Vorabend des siebzigsten Geburtstages des Reichskanzlers, und die Hauptstadt rüstete sich, denselben festlich zu begehen. Zumal Unter den Linden, in der Wilhelmstraße und in allen angrenzenden Straßen bis zum Kreuzberg hinauf drängten und fluteten Hunderttausende durcheinander, um den großartigen Fackelzug zu sehen, den die Verehrung der Vertreter eines ganzen Volkes dem großen Staatsmann darbrachte.

An den verschiedensten Punkten hatten sich die Teilnehmer gesammelt, und um die siebente Stunde fanden sich die einzelnen Züge im Lustgarten zusammen, und dann strömte es hinein in die breite Straße Unter den Linden, um zuerst an dem Königsschlosse vorüberzudefilieren. Um ½8 kam die Spitze des Zuges bei demselben an, und weithin schallender Jubel, begeisterter Gesang der Königshymne verkündete, daß der greise Kaiser sich seinem Volke zeigte, freudig bewegt über die Kundgebung der Verehrung, die seinem treuesten Diener dargebracht wurde.

Eine Viertelstunde später bog der Zug in die Wilhelmstraße ein. Alle Fenster waren dichtbesetzt von Menschen, die Straße selbst lag in feierlicher Stille, abgesperrt von jedem Verkehr. Sechs Fanfarenbläser in reicher Heroldstracht eröffneten den Zug, dann kamen im Galawagen das Zentralkomitee, zahllose Sänger und die Vertreter der deutschen Hochschulen mit flatternden Fahnen und wehenden Bannern, auf welche der rote Schimmer der Fackeln leuchtete, welche die nebenher Schreitenden trugen.

Vor dem Reichskanzlerpalais bogen die Sänger in den Schloßhof ein – am Eckfenster erschien die stattliche Gestalt des Fürsten, und während aus tausend Kehlen wie ein machtvoller Hymnus das Lied »Deutschland, Deutschland über alles« erklang, immer aufs neue übertönt von den brausenden Hochrufen, entwickelte sich der glänzende Zug immer mehr.

Nun flutete heller Lichtschimmer durch die Straße. Der Zug der Künstler kam. Alles war in Pracht und Glanz getaucht, und märchenhaft schön trat aus den wogenden Menschen ein riesenhaftes Schiff hervor, auf welchem unter einem prachtvollen Baldachin die imposante Gestalt der Germania sich zeigte, den Goldhelm auf dem blonden Gelock, das blanke Schwert im Arm, wie sie freundlich niedersah auf ein Bild des Friedens. Ihr zu Füßen stehen, in anmutigen Frauengestalten verkörpert, die deutschen Stämme um den von Adlern geschirmten Thron, und um sie her bindet der Landmann seine Garben, hämmert der fleißige Schmied, regt sich Gärtner und Fischer und scharen sich fleißige Schüler um das engumschlungene liebliche Schwesternpaar Elsaß-Lothringen. Nach dem Bugspriet zu aber halten deutsche Soldaten, um ihre Fahnen gereiht, die Friedenswacht.

Dann kamen, von deutschen Künstlern wirksam dargestellt, die deutschen Brüder aus den Kolonien, die Bismarck dem Reiche gewonnen. King Bell auf hohem Kamele reitet ihnen voran, und ihm folgen die Würdenträger von Kamerun, das wunderliche Volk der fremden Schlangenbändiger und Sänger, und die drastischen Gestalten der braunen Landwehrleute, die sich vor dem Kanzler platt auf die Erde niederwerfen.

Vorüber! Bei zweihundert Ruderer und Segler bilden die Einleitung zu den patriotischen Vereinen der Hauptstadt, es folgen die Innungen mit den festlich geschmückten Bannern; rot glänzt der Schein ihrer tausend Fackeln, der dunkle Qualm lagert sich breit und wuchtig über dem Bilde, und immer aufs neue folgen phantastische Prunkwagen, schimmernde Embleme, wunderliche Transparente und noch immer kein Ende!

Anderthalb Stunden waren vergangen. Mit den Seinen stand der Kanzler am Fenster, hochaufgerichtet, die Seele erfüllt von glücklichem Stolze, von dem freudigsten Bewußtsein der Verehrung des deutschen Volkes, das ihn in dieser Stunde entschädigte für manchen herben und bitteren Tag.

Mit einmal begann es heller zu leuchten als je zuvor. Ein Schimmer wie von vollem Sonnenlichte flog durch die breite Straße und über die vielen Menschen leuchtend in weißem Glanze lagen die Häuser da, und einige Augenblicke schlossen sich die schier geblendeten Augen. Die Arbeiter der Scheringschen Fabrik waren es, die mit Magnesiumleuchten heranzogen, und als der volle magische Lichtglanz die Szene überflutete, da traten die Sänger, wohl mehr als zweihundert, aus dem Vorhofe des Schlosses und stimmten machtvoll ergreifend ihr harmonisches Hoch auf das Geburtstagskind an.

Da winkte der Kanzler mit der Hand – er wollte sprechen. In wenigen Augenblicken lag die Stille des Gotteshauses über der menschenvollen Straße, und die Stimme Bismarcks klang klar und vernehmlich: »Noch zehn Jahre wie heute – –«

Aber schon brauste der Jubel wieder auf bei den ersten Worten.

»Zwanzig Jahre – hundert Jahre für den Fürsten! – Hoch Bismarck! – Hoch der Kanzler!«

Und mit geradezu elementarer Gewalt brach sich die Begeisterung Bahn, und Luft und Erde schien zu beben unter dem Jubelsturm. Immer aufs neue winkte der Gefeierte mit der Hand, beschwichtigend und dankend zugleich, und wiederum wurde es still, und seine Stimme klang weithin:

»Ich danke Ihnen allen aus tiefstem Herzen für die großartige Ovation, welche Sie mir aus Anlaß meines siebzigsten Geburtstages dargebracht haben. Das Verdienst, Deutschland groß und stark zu sehen, gebührt unserem greisen Heldenkaiser, dem wir jetzt fünfzehn Jahre des Friedens verdanken. Seine Majestät der Kaiser, er lebe hoch!«

Wenn die ungeheure Begeisterung überhaupt noch einer Steigerung fähig war, so trat eine solche jetzt ein. Die ganze Liebe einer großen, starken, glücklichen Nation drängte sich in diese riesigen, nie gehörten Rufe der Begeisterung. Das Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht – aber während das aufgeregte Berlin noch lange in seinem Jubel fortklang und sang, ward es allgemach still in der Wilhelmstraße, und die Schleier der Nacht hüllten wieder das Haus ein, das noch vor kurzem vom hellsten Lichte umflutet war.

Am Morgen des ersten April schritt der Kanzler langsam durch die breite Allee seines Parkes. Noch waren die Rüstern unbelaubt, nur das Moos an den gewaltigen Stämmen schimmerte grünlich, an dem Gesträuch ringsum aber drängte es bereits hervor von knospendem Frühlingsweben. Vieles ging durch die Seele des einsamen Mannes, Erinnerungen an Tage heißen Kämpfens, aber auch schöne Erfolge.

Was war nicht durch ihn errungen und geschaffen worden seit der Erneuerung des Reiches! Das Fundament desselben schien gesichert gegen die Angriffe von innen und außen. Den Rachegelüsten Frankreichs war die Spitze abgebrochen worden durch eine meisterhafte politische Aktion, welche Deutschland mit Österreich und Italien zu einem Dreibund für Schutz und Trutz vereinte. Der Kanzler denkt daran, wie er im September 1879 von Gastein aus nach Wien gefahren, wie ihn die Hauptstadt Österreichs freundlich sympathisch aufgenommen, und Kaiser Franz Joseph, der um seinetwillen die Jagd in Steiermark unterbrochen hatte, mit herzlicher Liebenswürdigkeit empfing, in Schönbrunn ihm zu Ehren ein diplomatisches Diner veranstaltete und ihn dabei an der Schwelle des Saales als seinen Gast begrüßte. – Das alles dreizehn Jahre nach Sadowa!

Der Fürst denkt auch an die Gefahr, die dem neuen Reiche von der Eifersucht Rußlands drohte, und wie sie unter dem Einfluß günstiger Umstände und dank seiner klugen diplomatischen Schachzüge beseitigt worden war; er erinnert sich mit Freude und Dankgefühl der schönen Stunde, da im September 1884 auf dem Schlosse Skierniewice sich die Kaiser von Deutschland, Österreich und Rußland in Freundschaft die Hände reichten zu einem neuen Dreikaiserbündnis und zu einer Bürgschaft des europäischen Friedens.

Und weiter gehen an seinem Geiste vorüber seine Bemühungen, den Ruhm und Ruf der deutschen Flagge und des deutschen Namens über die Weltmeere zu tragen und in fernen Weltteilen, zumal in Afrika, Ländereien und Kolonien zu gewinnen, um dem deutschen Handel neue Bahnen zu erschließen und ihn zu fördern und zu heben.

Er denkt aber auch in dieser Stunde der heißen Kämpfe, die er mit einzelnen Richtungen der deutschen Volksvertreter im Reichstage auszustreiten hatte, und wie er manchmal an das Wort des Altmeisters Goethe erinnert wurde: »Ach, ich bin des Treibens müde!« Mehr als einmal hat er sein Amt niederlegen wollen in die Hände seines Kaisers, der aber hatte auf sein Entlassungsgesuch nur das eine Wort geschrieben: »Niemals!«

Dem gewaltigen Recken will es feucht und heiß in die Augen steigen, wenn er des vielgeliebten greisen Herrn denkt, und er entsinnt sich des Wortes, das er einst vor den Vertretern des deutschen Volkes gesprochen: »Nachdem ich im Jahre 1878 meinen Herrn und König nach dem Nobilingschen Attentate in seinem Blute habe liegen sehen, da habe ich den Eindruck gehabt, daß ich dem Herrn, der seinerseits seiner Stellung und Pflicht vor Gott und den Menschen Leib und Leben dargebracht und geopfert hat, gegen seinen Willen nicht aus dem Dienste gehen kann. Das habe ich mir stillschweigend gelobt.«

Heute ist er siebzig Jahre alt geworden im Kampf, aber auch in Ehren. Doch dieser Tag gehört nicht ihm allein, er gehört dem ganzen deutschen Volke. – Daran denkt er jetzt, und langsam wendet er seine Schritte dem Hause zu.

Schon am vorhergehenden Tage waren Glückwünsche und Geschenke in überreicher Zahl von allen Seiten her eingetroffen, heute aber kamen deren noch weit mehr.

Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit schenkte ihm zum Angebinde den alten Besitz seiner Familie in Schönhausen, Schloß und Gut, das 1835 an die Familie von Gärtner gekommen war; die deutschen Papierfabrikanten hatten einen gewaltigen Eichenschrank gesendet, der in seinen schier zahllosen Fächern und Schubladen aller Arten Papier und Kuverts, Stahlfedern und Bleistifte von den kleinsten und dünnsten bis zu den mächtigen Parlamentsstiften, kurz, alles Schreibmaterial in solcher Menge enthielt, daß Enkel und Urenkel des Kanzlers es kaum aufbrauchen werden. Das war ja in den Sälen eine kleine Industrieausstellung. Dazu der überreiche Blumenschmuck, und die »Getreuen in Jever«, die alljährlich zu diesem Tage aus dem Lande der Friesen 101 Kiebitzeier zu senden pflegten, fehlten natürlich auch diesmal nicht, und hatten ihrer Gabe das hübsche plattdeutsche Wort beigefügt:

Säbentig Johr lewt,
Uemmer dütsch strewt,
Uemmer dütsch dahn:
Lat wieder so gahn!

Das Schönste und Liebste aber war doch wohl die Gabe seines greisen Herrn und Kaisers, jenes prachtvolle, von der Meisterhand Anton von Werners gemalte Bild, welches die ewig denkwürdige Szene der Kaiserproklamation im Schlosse zu Versailles in überaus lebensvoller Weise zur Darstellung brachte.

Tiefgerührt stand der Kanzler vor dem Gemälde, das ihm einen der herrlichsten Augenblicke seines Lebens vor die bewegte Seele stellte, noch mehr aber ergriff ihn das Handschreiben seines Kaisers, welches der Gabe beigefügt war. Er las es, während es sich wie ein leiser feuchter Schleier über seine Augen legte. Es lautete:

»Mein lieber Fürst!

Wenn sich im deutschen Lande und Volke das warme Verlangen zeigt, Ihnen bei der Feier Ihres siebzigsten Geburtstages zu bestätigen, daß die Erinnerung an alles, was Sie für die Größe des Vaterlandes getan haben, in so vielen dankbaren Herzen lebt, so ist es Mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, Ihnen heute auszusprechen, wie hoch es Mich erfreut, daß solcher Zug des Dankes und der Verehrung für Sie durch die Nation geht. Es freut Mich die für Sie wahrlich im höchsten Maße verdiente Anerkennung und erwärmt Mir das Herz, daß solche Gesinnungen sich in so großer Verbreitung kundgetan, denn es ziert die Nation in der Gegenwart, und es stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wenn sie Erkenntnis für das Wahre und Große zeigt, und wenn sie ihre hochverdienten Männer ehrt und feiert. An solcher Feier teilzunehmen, ist Mir und Meinem Hause eine besondere Freude, und wünschen Wir Ihnen durch beifolgendes Bild auszudrücken, mit welchen Empfindungen dankbarer Erinnerung wir dies tun; denn dasselbe vergegenwärtigt einen der größten Momente der Geschichte des Hohenzollernhauses, dessen niemals gedacht werden kann, ohne sich zugleich auch Ihrer Verdienste zu erinnern. Sie, mein lieber Fürst, wissen, wie in Mir jederzeit das vollste Vertrauen, die aufrichtigste Zuneigung und das wärmste Dankesgefühl für Sie leben wird, Ihnen sage ich daher mit diesem nichts, was ich Ihnen nicht oft genug ausgesprochen habe, und ich denke, daß dieses Bild noch Ihren späten Nachkommen vor Augen stellen wird, daß Ihr Kaiser und König und sein Haus sich dessen wohl bewußt waren, was Wir Ihnen zu danken haben. Mit diesen Gesinnungen und Gefühlen endige ich diese Zeilen, als über das Grab hinaus dauernd. Ihr dankbar treu ergebener Kaiser und König Wilhelm.«

Und unter allen den vielen, den hervorragenden Persönlichkeiten, welche an diesem Tage in das Palais nach der Wilhelmstraße kamen, war die herrlichste der greise Kaiser selbst. Es war der weihevollste, ergreifendste Augenblick dieses Tages, als der Herrscher in tiefer Bewegung seinen treuen Kanzler in die Arme schloß, als das Haupt Bismarcks sich einige Sekunden an die Schulter des teuren Herrn lehnte, dem er sich mit Blut und Leben verpflichtet hatte bis zum letzten Atemzuge.

Solche Minuten mußten dem Recken neue Kraft geben zu weiteren Kämpfen, die er herrlich und mannhaft durchfocht zur Ehre und zum Segen des Deutschen Reiches und Volkes. Immer wieder das rachelustige Säbelrasseln von Paris her, und auch in Rußland machte sich eine deutschfeindliche Strömung bemerkbar. Da galt es beizeiten zu kräftiger Abwehr zu rüsten, und eine Verstärkung des Heeres zu erlangen. Und das deutsche Volk widerstrebte der wiederholt vorgetragenen Forderung nicht, und Bismarck konnte aller Welt das herrliche Wort zurufen:

»Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!«

Das war am 6. Februar 1888 gewesen, und das Wort klang in vieltausend deutschen Herzen wieder, denen in jenen Tagen ein solcher Trost ungemein not tat. Denn das Unheil hatte sich leise und heimtückisch herangeschlichen an das Kraftgeschlecht der Hohenzollern, und des Kaisers herrlicher Sohn, der Kronprinz Friedrich, »unser Fritz«, siechte fern von der Heimat, in Italien, an einem furchtbaren Leiden hin, das aller Kunst der Ärzte spottete. Das griff auch dem greisen Herrscher an Seele und Leben.

Er erkrankte in den ersten Tagen des März, und dumpfes, schmerzliches Bangen erfaßte alle Gemüter.

Am 8. März hatte der treue Kanzler seinem Herrn noch einmal kurzen Vortrag gehalten, und die schwache Hand des kranken Greises, der »keine Zeit hatte, um müde zu sein«, hatte mit zitternden Händen noch einmal den kaiserlichen Namen unter das Dokument gesetzt, welches den Schluß des Reichstags verkünden sollte.

Tieferschüttert, nahezu hoffnungslos war Bismarck fortgegangen. Vor dem Palais aber drängten sich Tausende voll Liebe und Besorgnis, und sie sahen ihm in das ernste Gesicht, das eisern seine Fassung zu wahren bemüht war.

Eine endlos lange, bange Nacht verstrich; die Besorgnis raubte dem Kanzler und manchem anderen die Ruhe, angstvoll schaute man dem Morgen entgegen, und in dessen Verlaufe geschah das Traurige. Am 9. März um ½9 Uhr vormittags schied Kaiser Wilhelm aus dem Leben – nicht lange danach sank die Kaiserstandarte auf dem Schlosse nieder, und ein ganzes Volk weinte um seinen liebsten Helden.

Das waren unvergeßliche Stunden: schmerzerstarrte Männer, schluchzende Frauen, weinende Kinder überall! Bei dem edlen Toten aber stand noch einmal an jenem Vormittage des Reiches erster Kanzler. Da ruht der Greis, dem er sich ganz geweiht hatte, halb sitzend, zurückgelehnt in die weißen Kissen, und auf dem Antlitz liegt der Zug seligen Friedens, unbeschreiblicher Ruhe und Milde. Da überwältigt es beinahe den gewaltigen Mann; ihm stürzen unaufhaltsam die Tränen aus den Augen, und er braucht sich ihrer nicht zu schämen, denn wer dem stillen, unvergeßlichen Toten nahte, der mußte weinen im Übermaß eines Jammers, der das ganze Volk durchzitterte.

Aber den Kanzler ruft seine Pflicht.

Um ½10 Uhr erschien er, fest und stark, aufgerichtet und gefaßt im Reichstagssaale. Er erbat sich das Wort, und unter tiefem, heiligem Schweigen begann er:

»Mir liegt die traurige Pflicht ob, Ihnen die amtliche Mitteilung von dem zu machen, was Sie bereits tatsächlich wissen werden, daß Seine Majestät der Kaiser Wilhelm heute vormittag ½9 Uhr zu seinen Vätern versammelt worden ist –.«

Hier drohten die Tränen die Stimme des Redners zu ersticken, er rang mit seiner Rührung wie ein Held, und fuhr fort:

»Die Folge dieses Ereignisses ist, daß die preußische Krone und damit nach Artikel 11 der Reichsverfassung die deutsche Kaiserwürde auf Seine Majestät Friedrich III., König von Preußen, übergegangen ist. Nach den mir zugegangenen telegraphischen Nachrichten darf ich annehmen, daß Seine Majestät, der regierende Kaiser und König, morgen von San Remo abreisen und in der gegebenen Zeit hier eintreffen wird.

Ich hatte von dem Höchstseligen Herrn in seinen letzten Tagen« – wiederum rannen dem Redner die Tränen über die Wangen – »in Betätigung der Arbeitskraft, die ihn erst mit dem Leben verlassen hat, noch die Unterschrift erhalten, welche vor mir liegt, und welche mich ermächtigt, den Reichstag in der üblichen Zeit nach Abmachung seiner Geschäfte, das heißt also etwa heute oder morgen, zu schließen. Ich hatte die Bitte an Seine Majestät gerichtet, nur mit dem Anfangsbuchstaben des Namens noch zu unterzeichnen, Seine Majestät hatten mir darauf erwidert, daß Sie glaubten, noch den vollen Namen schreiben zu können. Infolgedessen liegt dieses historische Aktenstück hier vor.

Unter den obwaltenden Umständen nahm ich an, daß es den Wünschen der Mitglieder des Reichstages ebenso wie denen der verbündeten Regierungen entsprechen wird, daß der Reichstag noch nicht auseinander geht, sondern zusammen bleibt bis nach dem Eintreffen seiner Majestät des Kaisers, und ich mache deshalb von dieser Allerhöchsten Ermächtigung weiter keinen Gebrauch, als daß ich dieselbe als historisches Denkmal zu den Akten gebe und den Präsidenten bitte, die Entschlüsse, welche den Stimmungen und Überzeugungen des Reichstages entsprechen, in dieser Sitzung herbeizuführen. Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt. Diese Gefühle bei dem Ausscheiden des ersten deutschen Kaisers aus unserer Mitte, die mich tief bewegen, leben im Herzen eines jeden Deutschen. Es ist deshalb nicht nötig, demselben hier Ausdruck zu geben. Aber eines glaube ich Ihnen dennoch nicht vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern von meinen Erlebnissen, die Tatsache, daß inmitten der schweren Schickungen, welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und Trost erfüllten. Die eine war diejenige, daß die Leiden seines einzigen Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzt regierenden Herrn, in der ganzen Welt Teilnahme erregten. Ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork erhalten, das von Teilnahme erfüllt war und das Vertrauen beweist, das sich die Dynastie des deutschen Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Das ist ein Erbteil, kann ich wohl sagen, was des Kaisers lange Regierung dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das sich die Dynastie erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen. Die zweite Richtung, in der Seine Majestät einen Trost gefunden hat bei den schweren Schickungen, war diejenige, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe, der Herstellung und Konsolidierung der Nationalität des Volkes, dem er als deutscher Fürst enge angehörte, daß der Kaiser auf die Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, die den Abend seines Lebens verschönte und erleuchtete. Es trug dazu namentlich in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit seltener Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen, aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags, dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte, als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde. Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und noch in den letzten Unterredungen, die ich mit meinem dahingeschiedenen Herrn gehabt habe – es war gestern – hat er darauf Bezug genommen, wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation, wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist, gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herrn, es wird für Sie alle erwünscht sein, das Zeugnis, das ich aus eigener Wahrnehmung aus den letzten Äußerungen unseres dahingeschiedenen Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, da jeder einzelne von Ihnen einen Anteil an diesem Verdienste hat. Die heldenmütige Tapferkeit, meine Herrn, das nationale Ehrgefühl, die treue, arbeitssame Pflichterfüllung und die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer Nation sein, das uns der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser hinterlassen hat. Das hoffe ich zu Gott, daß dies Erbteil von allen, die wir an den Geschäften des Vaterlandes mitzuwirken haben, im Krieg und Frieden, in Heldenmut und Hingebung, Arbeitsamkeit und Pflichttreue bewahrt bleibe.«

Lautlose Stille folgte den Worten, die Abgeordneten, selbst jene der sozialdemokratischen Partei, hatten sich von ihren Sitzen erhoben, der Reichskanzler aber, der sein Schluchzen kaum mehr verhalten konnte, hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und schlug die Hände vor das Antlitz. Es war ein erschütternder Anblick, den gewaltigen Mann, den eisernen Kanzler, weinen zu sehen um seinen toten Kaiser.

Der Präsident von Wedell-Piesdorf schloß mit wenigen Worten die ewig denkwürdige Sitzung, und nun schritt Bismarck von seinem erhöhten Platze hinab in das Haus. Sein Blick haftete auf seinem treuen Genossen, dem greisen Feldmarschall Moltke, der trotz der Nachtwachen, trotz der Anstrengung und Aufregung der letzten Tage seiner Pflicht getreu, seinen Sitz im Abgeordnetenhause eingenommen hatte. Er trat dem Kanzler entgegen, und die Hände der beiden Männer fanden sich zu einem beredten Drucke. Sprechen konnte zunächst keiner von ihnen, die Tränen standen beiden in den Augen – es war eine ergreifende historische Szene. Endlich faßte sich Bismarck, mit wärmerem Drucke der Hand sprach er, und seine Stimme bebte:

»Uns beide hält des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr im Gleise!«

Der Dienst aber rief den Kanzler zur Begleitung und Heimholung des neuen Kaisers Friedrich III. Der deutsche Himmel war nicht freundlich, als der kranke Dulder heimkam. Es war, als liege Trauer und Schmerz ausgebreitet durch das Land und durch die Lüfte. Als Bismarck, der seinem neuen Herrn bis Leipzig entgegengefahren war, mit diesem nach seinem Lande, in die Mitte seines bange und traurig harrenden Volkes eilte, schnob der Ostwind eiskalt durch die Straßen, und der Sturm wehte winterliche Flocken wild durcheinander, und in derselben Nacht, um die Mitternachtsstunde, in der kein Stern vom Himmel leuchtete, und nur die trübe flackernden, schneeverhüllten Gaslaternen und tiefrot qualmende Fackeln die erschütternde Szene erhellten, ward die Leiche Kaiser Wilhelms nach dem Dome überführt.

Dem Trauergottesdienst selbst vermochte Bismarck in seiner tiefen, gramvollen Ergriffenheit nicht beizuwohnen, auch Moltke blieb fern – beides auf Wunsch des neuen Kaisers, der ja selbst nicht seinem toten Vater das letzte Geleit geben konnte, aber am 16. März, als der teure Verblichene hinausgeleitet wurde nach dem stillen Mausoleum in Charlottenburg, um dort neben seinen Eltern beigesetzt zu werden, da fehlte der Kanzler nicht.

Als der Trauerzug die Schloßterrasse betrat, – es war etwa um ½4 Uhr, erschien oben an einem Fenster eine hohe Gestalt in Generalsuniform, das Orangeband des Schwarzen Adlerordens über der breiten Brust. Die Hand winkte mit dem Taschentuche wehmutsvolle Grüße, und die stattliche Erscheinung schien ab und zu wie von gewaltsamem Schluchzen durchbebt zu werden. So schied der kranke Kaiser Friedrich von dem toten Kaiser Wilhelm, der Sohn von dem heißgeliebten Vater …

Nun folgte die Regierung der 99 Tage, und solchen Heldenmut hat die Welt selten geschaut, wie Kaiser Friedrich ihn zeigte. »Lerne leiden, ohne zu klagen!« war sein schönes Wort, und treue Pflichterfüllung bis in den Tod seine schöne Tat.

In ein freundliches, hohes Gemach des lieblichen, stilltraulichen Schlosses Charlottenburg fiel der Schimmer des Frühlings. Vor den Fenstern draußen lachten die Blüten von Baum und Strauch, und die Vögel jauchzten, der kranke Kaiser aber saß in seinem Sessel zurückgelehnt, zusammengebeugt, und wendete das bleiche Gesicht seinem Kanzler zu, der vor ihm saß und ihm Vortrag hielt. Über das Antlitz Bismarcks lief ab und zu ein leises Zucken, wie von mühsam unterdrücktem Schmerz, und der Kaiser fragte:

»Ihnen ist nicht wohl, lieber Fürst?«

»Mein altes Nervenleiden, Majestät – die Neuralgie setzt mir wieder einmal zu, aber man muß darüber wegkommen.«

Da erhob sich der Herrscher und zog einen Sessel heran; auf diesen legte er die Füße seines treuen Beraters, und, damit noch nicht zufrieden, ließ er eine Decke herbeibringen und wickelte dieselben darin ein. Ein Gefühl tiefer Rührung erfaßte den Kanzler; der Kaiser, kränker als er selbst, sorgte in so gütiger Weise für ihn … Der echte Sohn des großen, edlen Hohenzollern, der ihm Herr und Freund zugleich gewesen war.

Kaiser Friedrich war nach dem bei Potsdam gelegenen schönen Friedrichskron übergesiedelt – – aber nur, um dort zu sterben. Am 14. Juni hatte Bismarck den kaiserlichen Herrn noch einmal gesehen und noch einmal den warmen Druck seiner Hand gefühlt; zu sprechen vermochte der große Dulder beinahe nicht mehr – und einen Tag später starb der edle Fürst.

Zum zweiten Male in kurzer Frist stand das deutsche Volk an der Bahre seines Kaisers, und unsagbares Weh durchzitterte die Brust des greisen Kanzlers. Aber er richtete sich auf in dem Gedanken, daß in dem Enkel seines großen Kaisers der Geist desselben fortleben werde, und ihm widmete er nun seine Treue und Liebe. – – –

Zum zweiten Male hatte Deutschland die schmerzliche Erinnerung an den Tod Kaiser Wilhelms begangen – da fiel in den Nachklang dieser Stimmung eine Kunde, welche alle Herzen mächtig bewegte: Im »Reichsanzeiger« vom 20. März 1890 stand es zu lesen, daß Fürst Bismarck und mit ihm seine beiden Söhne aus dem Staatsdienst ausgetreten seien. Die Hand, welche so lange das Staatsschiff sicher und fest geleitet, zog sich zurück von dem Steuer – was mußte dazu veranlaßt haben?

Seltsame Kunden liefen von Mund zu Mund und durch die Spalten der Blätter – absolut Sicheres war nicht festzustellen. Eine Meinungsverschiedenheit sei zwischen dem Fürsten und dem jungen Kaiser entstanden – das war zuletzt alles, was im Bewußtsein des deutschen Volkes deutlich ward und dieses bis in die weitesten Schichten hinein schmerzlich berührte.

In hohen Gnaden entließ Kaiser Wilhelm II. den treuesten Ratgeber der Hohenzollernkrone – er ernannte ihn zum Herzog von Lauenburg und zum Generalobersten, aber die Bitterkeit konnte er nicht bannen aus dem Herzen des Mannes, der die Empfindung hatte, als solle er in die Verbannung gehen. Aber er hatte den Trost, daß die Liebe mit ihm ging, wohin er sich auch wenden mochte.

Noch einmal hatte der Fürst seinen guten alten Kaiser aufgesucht in seiner stillen Gruft im Mausoleum in Charlottenburg. Von ihm mußte er Abschied nehmen, ehe er Berlin verließ, so wie der treue Soldat, der abkommandiert wird von seinem Posten, sich noch einmal bei seinem Vorgesetzten meldet. Das freundliche blaue Licht übergoß den weihevollen Raum und zitterte weich auf den Marmorbildern, der Kanzler aber war an den Sarkophag seines heißgeliebten Herrn herangetreten und neigte schwer das Haupt. Kein Menschenauge hat es gesehen, kein Herz es nachempfunden, was in jener Stunde durch die Seele des gewaltigen Mannes ging … Dann fuhr er nach Berlin zurück, und nun – nachdem der heiligsten Pflicht genügt war – hatte er hier nichts mehr zu tun.

Am 29. März verließ er das kleine Palais in der Wilhelmstraße, wovon durch so lange Jahre der Hauch seines Geistes bewegend und belebend ausgegangen war durch die ganze Welt, und der Abschied sollte ihm nicht leicht werden. Nicht die Erinnerungen allein erschwerten dem Fürsten denselben, sondern auch die gewaltig an ihn herandringende Liebe des Volkes. Was galt aller Parteizwist in einer solchen Stunde!

Die Wilhelmstraße vermochte die Menschenmenge nicht zu fassen, welche am Nachmittage jenes 29. März sie durchwogte. Um die fünfte Stunde waren die Wagen vorgefahren, und nun erschien der Kanzler mit den Seinen, einen letzten, bedeutsamen Blick noch zurückwerfend. Als aber die Tausende, die seiner harrten, ihn erblickten, da brach ein Brausen und Rufen aus, eine elementare Begeisterung, in welcher Liebe, Verehrung und Dankbarkeit ihren Ausdruck suchten. Stürmische Hochrufe wiederholten sich immer aufs neue, Blumenspenden wurden von hundert Händen herangereicht, und so dicht wogte die Volksmenge, daß die Wagen nur langsam zu fahren vermochten. Das war kein Vergessener und Verstoßener, es war ein Triumphator, der wegzog von der Stätte jahrzehntelangen Wirkens, um die wohlverdiente Ruhe zu suchen.

In allen Straßen dasselbe Bild – die schweigend, in ernster, wehmütiger Weise harrende Menge, die, sobald der Wagen Bismarcks herankommt, in endlose begeisterte Rufe ausbricht, die trotz der zahlreichen Schutzmannschaften durch alle Schranken drängt, um dem geliebten Manne den letzten Gruß, die letzte Blumenspende zu bieten.

So war der Wagen am Lehrter Bahnhof angekommen und an den kaiserlichen Gemächern vorgefahren. Der Fürst stieg aus, und in der Vorhalle blieb er stehen, während die Menge der Nachdrängenden nur mit größter Anstrengung so weit zurückgehalten werden konnte, daß für den Scheidenden und die Seinen ein Weg freiblieb; er sah mit feuchtschimmernden Augen noch einmal zurück und winkte mit der Hand zu Gruß und Dank.

Hell und warm lag die Frühlingssonne über dem ergreifenden Bilde; sie blitzte auf den blanken Gardekürassieren, deren eine Schwadron dem Fürsten das Ehrengeleite gab, auf den Helmen der Schutzleute und in den Tränen von Hunderten.

Weiter schritt der Fürst nach den Gemächern, und überall streckten sich ihm hier die Hände entgegen zu herzlichem Abschied. Hohe Offiziere, Diplomaten, die Gesandten fremder Staaten, der neue Kanzler von Caprivi – alle waren sie gekommen, ihm ihre Verehrung und Freundschaft zu bekunden, und zarte Frauenhände reichten ihm auch hier immer neuen und herrlicheren Blumenschmuck.

Nun schritt er langsam hinab nach dem Perron auf blütenüberstreutem Wege. Der Trompetenklang der Kürassiere erschallte, an ihrer Front vorüber ging er hochaufgerichtet, selbst in der Uniform der Seydlitz-Kürassiere, seinem Wagen zu. Nun aber ließ sich die Menge nicht mehr halten. Durch die geöffneten Türen der Wartesäle flutete es heraus in breitem Strome und umringte den Wagen des Gefeierten, in welchem dieser mit den Seinen in einer Fülle von Blumen Platz gefunden hatte. Mit einem beinahe wehmutsvollen Blick streift sein Auge über die herrliche Blumenspende, die mit dem schwarz-weiß-roten Bande umflochten ist, – der Abschiedsgruß des Kaisers; die Fürstin aber hat den prächtigen Korb voll Flieders an sich herangezogen, die Spende der Kaiserin, und neigt sich darüber.

Nun trat Bismarck wieder an das Fenster und schaute tiefbewegt hinaus auf die Tausende. Da pfiff die Lokomotive. Ein brausender, nicht endenwollender Ruf: »Wiederkommen!« durchzitterte die Luft, der Kanzler aber legte bedeutsam, beinahe unmutig den Zeigefinger an den Mund. Das letzte Glockenzeichen erklang, ein Kommando der Kürassiere erscholl, und ehern standen ihre präsentierenden Reihen, während die Musik einen Marsch anstimmte. Dazwischen schallte der brausende Gesang der »Wacht am Rhein«, die immer erneuten Zurufe: »Wiederkommen!« – »Lebewohl!« und das stürmische »Hoch«, das noch immer nicht verhallt, als der Zug bereits den Bahnhof verlassen hat und den Kanzler hinwegführt in die friedliche Stille des Sachsenwaldes.