Wer von Berlin nach Hamburg fährt, passiert den Sachsenwald mit seinen einzigen, herrlichen Buchenbeständen, die nur da und dort von dem dunkleren Grün des Nadelholzes unterbrochen werden. Etwa eine Meile von Hamburg entfernt liegt die Station Friedrichsruh, ein kleines Örtchen mitten im Buchenwald, an dem munteren Flüßchen Aue gelegen. Hier ist die Residenz des »Herzogs von Lauenburg«, des ersten deutschen Reichskanzlers. Das Besitztum mit dem reichen Grund und Boden ringsumher hat ihm die Huld seines alten kaiserlichen Herrn nach dem großen Kriege im Jahre 1871 geschenkt, hier hat er seinen Ruhesitz gefunden, nachdem er aus dem Amte und aus Berlin weggegangen war.
Sein Schloß, das er eigentlich erst sich erbaut hat, ist nicht prunkvoll und stattlich, wohl aber traulich und behaglich. Ringsum rauschen die mächtigen Buchen und verhüllen mit ihren dichten grünen Kronen das freundliche Haus und lassen beim Näherkommen nur die rote Umzäunungsmauer des Parkes schauen. Eine schmale Pforte in derselben führt uns in die anmutige Idylle hinein; das gelblich getünchte schmucke Wohnhaus lacht uns entgegen, so gastlich und lieb, daß ein warmes Behagen davon auszugehen scheint. Auf dem Vorplatze ragt eine mächtige Tanne empor, ein Riese der Vorzeit, wie ein Symbol der Kraft des Mannes, der sich hier seinen Herd gebaut hat. Die pyramidenartig verlaufende Krone hebt sich hoch hinauf nach dem blauen Himmel. Kein Vestibül nimmt uns auf, aus dem Korridor geht es sogleich hinein in das Wohnzimmer und in die Reihe der Familiengemächer, aus deren Fenstern der Blick gern hinausschweift in den grünen Park, auf spiegelnde Wasserflächen und prachtvolle Baumgruppen.
Hier wohnt der Gewaltige, friedlich und still, im Kreise der Seinen, und sieht wie der Adler aus freier Höhe herab auf das Treiben seiner Tage und freut sich an der Verehrung und Liebe des deutschen Volkes, die ihm auch hierher gefolgt ist. Seine Kinder und Enkel suchen ihm den Abend seiner Tage zu verschönen, und oft genug kommen Gäste aus allen Teilen Deutschlands nach dem ruhigen Sachsenwalde.
Wiederum feierte er seinen Geburtstag. Freundlich war die Sonne aufgegangen über dem Sachsenwalde, und wenn auch der Frühling noch nicht seinen Einzug zwischen die Baumriesen gehalten hatte, so blaute doch der Himmel verheißungsvoll, und an den Waldrändern läuteten die Blütenglocken.
Der nahezu achtzig Jahre alte Fürst hatte sich zur gewohnten Morgenstunde erhoben, frisch und kraftvoll, und hatte mit herzlicher Freude und Dank die Glückwünsche seiner Familie entgegengenommen sowie jene der bereits eingetroffenen Gäste. Um die elfte Stunde betrat er das Empfangszimmer, und hier lag ringsum ausgebreitet die Fülle der Gaben, welche die Liebe des deutschen Volkes aus allen Gauen des Reiches dem verehrten Manne übersandt hatte. Hunderte von Kisten waren schon tags zuvor eingetroffen und ausgepackt worden, und nun stand alles wohlgeordnet: Erzeugnisse der Kunst und des Gewerbes, Spenden der Wissenschaft und der fleißigen Frauenhand, und dazwischen ein Blumenschmuck, als sei in diesem Saale selbst der Frühling voll erblüht.
Im tiefsten Herzen ergriffen stand der Reichskanzler inmitten dieser Spenden, und dann schritt er an ihnen entlang, jedes einzelne beschauend, an allem sich freuend, gleichviel ob es seinen Wert an sich hatte oder ihn erst erhielt durch die Liebe des Gebers.
Da klangen feierlich und getragen die Klänge eines Chorals in den Saal; der Fürst horchte einen Augenblick auf, dann trat er, begleitet von den Seinen, hinaus auf die freundliche Terrasse auf der Rückseite des Schlosses. Da stand eine Militärkapelle und spielte die ergreifend fromme Weise, welche das Morgenständchen einleitete, welches sie dem alten Kanzler darbringen wollte.
Es war ein schönes Bild: Im Vordergrunde unter den alten Bäumen die Musiker in ihren bunten Uniformen, umringt von einem kleinen Kreise derer, die Zutritt zu dem Parke erlangt hatten, und jenseits desselben auf grünem Wiesengrunde, der von den dunklen Rahmen des Föhrenwaldes sich freundlich abhob, und von welchem aus die Schloßterrasse voll zu überschauen war, eine bewegte, dichtwogende Menschenmenge, die von nah und fern herbeigeeilt war. In dem Saale aber, der nach der Terrasse sich öffnete, standen die Festgäste, Herren und Damen, und sahen mit freudiger Teilnahme auf den herrlichen Mann, der im Interimsrock der Kürassiere, die weiße Mütze auf dem mächtigen Haupt, hochaufgerichtet dastand und in den sonnigen Frühlingsmorgen, in die ihm zulachende Welt hinausblickte.
Von der Wiese herüber aber brausten in die Klänge der Musik die lautschallenden, begeisterten Hochrufe der Menge, die ihn heraustreten sah, und ihm ihren stürmischen Liebesgruß sandte. Da winkte er mit der Hand hinüber zu freundlichem Danke, und lauter noch jauchzte die Begeisterung auf.
Dann trat er auf den Kapellmeister zu und reichte ihm die Rechte mit leutseligen Worten, und aufs neue erklangen die Weisen der Musik, jetzt heller und frischer, und ihnen reihten sich Liederklänge an, denn ein stattlicher Sängerchor aus Hamburg oder Altona war angekommen und brachte seine Grüße und seine Huldigung. Und in dem Parke hallte es wider, und die Menge auf der Waldwiese, deren Zahl immer mehr anwuchs, stand und lauschte und harrte der Stunde entgegen, da es auch ihr vergönnt sein würde, den Gefeierten aus größerer Nähe begrüßen zu können.
Fast ward es zuviel für den beinahe Achtzigjährigen, und sein treuer ärztlicher Hüter, Dr. Schweninger, bat endlich für ihn um ein Stündchen Ruhe.
So ging der Apriltag hin und kündete dem alten Reichskanzler immer neu und beredt die Liebe eines ganzen Volkes, das nicht von ihm lassen konnte, und das immer wiederum alles dessen gedenken mußte, was Deutschland seinem Bismarck verdankte.
Nur ein bitterer Tropfen blieb in seiner Seele, eine Verstimmung, die wie ein Schatten zwischen ihm und dem jungen Kaiser lag. Er hatte das Empfinden, als hätte ihn derselbe nicht so, eben so ziehen lassen dürfen. Was galten ihm die äußeren Ehren, die ihm zum Abschied noch angetan worden waren, ein Herzenswort und eine Herzenstat hätten ihm weit schwerer gewogen.
Das deutsche Volk aber fühlte wie einen kältenden Hauch die Entfremdung zwischen dem Enkel des großen Kaisers Wilhelm und dem treuesten Paladin des letzteren, und hoffte in tiefster Seele, daß auch hier ein Frühlingstag kommen möge, der diesen Hauch hinwegfegen werde. Und des Volkes Hoffen sollte nicht betrogen werden.
Es lebt echtes, hochherziges Hohenzollernblut auch in Kaiser Wilhelm II., und so war er es, der dem Alt-Reichskanzler die Hand reichte zum freundlichen Bunde. Durch ganz Deutschland flog es wie ein warmer Lichtstrahl, als erzählt ward, wie der Herrscher dem Fürsten, der von einem heftigen Krankheitsanfall in einem süddeutschen Bade Genesung gesucht hatte, eines seiner Schlösser für die Zeit der Rekonvaleszenz zum Aufenthalt anbot, und wie er ihm manche Aufmerksamkeit erwies, wie nicht der Kaiser seinem Untertan, sondern der Freund dem Freunde sie zu erweisen bemüht ist, und noch erfreuter schlug des deutschen Volkes Herz, als die Kunde erscholl, daß Fürst Bismarck nach Berlin kommen und persönlich dem jungen Herrscher für sein huldvolles Entgegenkommen danken werde.
Am 26. Januar 1894 war es, als die erwartungsvolle Hauptstadt des Reiches der Ankunft des greisen Kanzlers entgegenharrte. Die Sonne war herrlich aufgegangen, als wolle sie ihn freundlich mitbegrüßen, und die Straßen vom Lehrter Bahnhofe nach dem Königlichen Schlosse waren durchwogt von freudig erregten Menschen. Die breite Straße Unter den Linden hatte reichen Flaggenschmuck angelegt, vom Zeughaus und dem Kommandogebäude wehten die Fahnen, und auf dem Königsschlosse prangte die gelbe Kaiser- und die rote Königsstandarte.
Immer dichter wurde das Menschengewühl, und lebhafter wurde die Bewegung, als im hellen Sonnenglanz eine Abteilung Garde-Kürassiere nach dem Bahnhofe ritt, um das Ehrengeleit für den Fürsten zu bilden.
Bald nach den glänzenden Reitern – es war um die Mittagszeit – fuhr ein offener kaiserlicher Wagen durch die Straße, umbraust von Hoch- und Hurrarufen: Des Kaisers Bruder, Prinz Heinrich, fuhr nach dem Lehrter Bahnhofe, um den Ankommenden im Namen des Herrschers zu begrüßen. Er dankte mit freudigem Gesichte dem jubelnden Volke und den an der Moltkebrücke in vollem Wichs aufgestellten studentischen Verbindungen.
Auf dem Lehrter Bahnhofe hatten sich eine größere Anzahl hochgestellter Persönlichkeiten und Freunde des Fürsten eingefunden. Kurz nach ein Uhr fuhr der Zug ein, und Prinz Heinrich trat auf den Salonwagen zu, an dessen Fenster sich bereits das markige Antlitz Bismarcks gezeigt hatte. Nun stieg dieser aus, und der Prinz bewillkommnete ihn auf das herzlichste und bot ihm seinen Arm.
Wohl hatte sich die Sonne wieder verhüllt, aber auch das trübere Licht vermochte dem ergreifenden Bilde nichts von seiner Wirkung zu nehmen. Auf den Arm des Kaisersohnes gestützt, schritt der greise Kanzler in seiner Kürassieruniform, langsam, aber aufrecht einher, das ehrwürdige Angesicht leuchtend vom Widerschein schöner freudiger Bewegung. Die Tausende aber, die vor dem Bahnhofe seiner harrten, brachen bei seinem Anblick in endlose Jubelrufe aus, die sich fortsetzten, wo immer der kaiserliche Galawagen mit seinen beiden Insassen auftauchte. Die Fenster des letzteren waren freilich wegen des kalten winterlichen Hauches und mit Rücksicht auf die Gesundheit des Fürsten geschlossen worden, aber sein freundliches Gesicht war doch sichtbar hinter den Scheiben und begeisterte das Volk, das in musterhafter Ordnung in fünf bis sechs Reihen dicht hintereinander stehend den Mittelweg Unter den Linden besetzt hielt vom Brandenburger Tor bis an die Brücke.
Da tauchten die alten Erinnerungen wieder auf an die glanzvollen Tage, welche Deutschland unter Kaiser Wilhelm I. und seinem Kanzler geschaut hatte, an den Siegeseinzug von 1866 und nach 1870, und sehnsuchtsvoller, dankbarer schlugen die Herzen dem herrlichen Manne entgegen, dessen Name mit jener gewaltigen Zeit auf ewig verbunden war.
An allen Fenstern drängten sich die Köpfe, ja, von den Kandelabern der Straßenlaternen herab schauten neugierig-mutwillige Knabengesichter, und die Schutzmannschaft nahm es heute nicht übel, wenn hier und da wohl auch einer auf einem Lindenast einen Sitz gefunden hatte.
Die Wachtparade war zur gewohnten Zeit, kurz vor ein Uhr, mit klingendem Spiele nach dem Schlosse gezogen, und ihre Musikklänge erhöhten die freudige Stimmung der Menge. Eine geraume Viertelstunde später blinkten vom Brandenburger Tor her die Helme der Garde-Kürassiere, und mit ihnen kam ein Brausen und Rufen, das sich von Mund zu Mund fortpflanzte, immer anwachsend und immer stürmischer. Eine Abteilung berittener Schutzleute jagte im stürmischen Ritt über den Reitweg, näher kamen die Kürassiere, und hinterher der kaiserliche Wagen.
Viel zu schnell für die Begeisterung der Menge, welche noch hinter ihm dreinklang, war er vorüber, und die Blicke folgten ihm nach, wie er seinen Weg verfolgte nach dem königlichen Schlosse zu.
Im Lustgarten standen die Bürgersteige gleichfalls voll dichtgedrängter Menschen, die alle nach der Residenz hinüberschauten, vor deren Eingang sich das bewegte Leben widerspiegelte, das heute in ihr herrschte. Hofequipagen rollten heran und hinweg, Offiziere und Hofbeamte eilten hin und her, herrlicher Blütenschmuck mitten im Winter war in reichster Fülle herbeigebracht, und alles machte den Eindruck, daß man einen lieben, hochzuehrenden Gast erwarte.
Die vom zweiten Garderegiment gestellte Ehrenkompagnie rückte mit klingendem Spiele an und nahm zwischen den beiden Portalen Aufstellung, und um die erste Mittagsstunde erschien der Kaiser. Er trug die Kürassieruniform, und, mit begeistertem Morgengruß von seinen Grenadieren empfangen, schritt er langsam deren Front entlang und trat dann durch das Schloßportal zurück.
Unter den schmetternden Klängen der Musik schritt der Fürst neben dem Prinzen Heinrich an der Front der präsentierenden Grenadiere hin, und nun war kein Halten mehr für die immer stürmischer vordrängende Flut des Volkes. Über den freien Platz vor dem Schlosse wogte sie heran, schnell und immer schneller, und bald war der Gefeierte umringt von den Tausenden, die nach seinen Händen, nach dem Saume seines Paletots faßten, um ihm ihre Liebe und Verehrung zu bezeigen.
Jetzt betrat er das Schloß, durchschritt in dem ersten der für ihn bestimmten Gastgemächer die Reihe des kaiserlichen Hauptquartiers – und im zweiten stand er Kaiser Wilhelm II. selbst gegenüber, Auge in Auge, Hand in Hand, und niemand war Zeuge dieser Begrüßung, deren Bedeutung aber nachempfunden wurde, soweit die deutsche Zunge klingt.
Schöner konnten die freundschaftlichen Beziehungen des Herrschers zu dem treuen Berater seines Hauses freilich kaum angedeutet werden, als bei der Frühstückstafel, welche im allerengsten Kreise eingenommen wurde. Zwischen dem Kaiser und der Kaiserin saß der Alt-Reichskanzler, und niemand störte die freundliche Weihe dieser Stunde.
Dann war Kaiser Wilhelm auch auf die Ruhe seines Gastes bedacht, der sich auf seinen Wunsch einige Zeit in seine Gemächer zurückzog. Aber nicht für lange, denn ein solcher Tag konnte nicht zur Rast bestimmt sein, und der Fürst zeigte, daß er trotz Alters und Unwohlseins noch immer »der eiserne« Kanzler war. Um 4 Uhr nachmittags, nachdem ihm schon vorher sein Amtsnachfolger General von Caprivi und sämtliche Staatssekretäre durch Abgabe ihrer Karten begrüßt hatten, fuhr er bei der Witwe Kaiser Friedrichs vor, um ihr seine Ehrerbietung zu beweisen, und nach 6 Uhr fand er sich an der kaiserlichen Tafel ein, an welcher außer dem kaiserlichen Paare auch König Albert von Sachsen und Graf Herbert Bismarck teilnahmen.
Aufs neue aber begann sich die Volksmenge Unter den Linden zusammenzuscharen, um den Fürsten auch bei seiner Abreise zu begrüßen. Heller Lichtglanz flutete aus den Fenstern »Unter den Linden«, als um 7 Uhr 10 Minuten die Gardereiter durch die breite, prächtige Straße ritten und hinter ihnen her der Galawagen rollte, in welchem diesmal Kaiser Wilhelm II. selbst seinem Gaste das Geleit gab.
Auch der Lehrter Bahnhof war von vollem Lichtglanz erhellt, dessen Schein die Gruppen der hohen Offiziere und des kaiserlichen Hauptquartiers beleuchtete, das in erwartungsvollem Schweigen auf dem Perron stand. Langsam schritt Bismarck zur Seite des Kaisers heran, nach dem Salonwagen. Noch einmal fügte sich Hand in Hand, und in sichtlicher Bewegung zog der junge Herrscher den greisen Recken näher heran zu sich und küßte ihn wiederholt auf die Wangen.
Nun bestieg Bismarck den Salonwagen; entblößten Hauptes stand er an dem Fenster und sah hinaus auf seinen Kaiser, der noch immer in huldvoller Weise redete.
Das letzte Glockensignal verklang – – in die weithin schallenden Hochrufe mischte sich der brausende Gesang:
Und den Nachhall dieses Liedes in gehobener Seele, fuhr der eiserne Kanzler wieder heimwärts nach seinem stillen Sachsenwalde. Der darauffolgende Besuch des Kaisers in Friedrichsruh besiegelte die Versöhnung. Der letzte Schatten war gewichen aus seiner Brust, der volle Friede eines großen, segensreichen, abgeschlossenen Wirkens erfüllte ihn und verklärte wie ein mildes Rot den Abend seiner Tage.
Er sollte seinen lieben, stillen Sachsenwald nicht mehr verlassen. Mit der gelassenen Ruhe des großen Mannes schaute er von seiner friedlichen Warte den Welthändeln zu, glücklich im Kreise der Seinen, und immer aufs neue erfreut durch die mannigfaltigen Kundgebungen der Liebe und Verehrung seines deutschen Volkes, die ihn auch in seinem weltfernen Asyl aufsuchten.
Da traf ihn der herbe Verlust seiner Gemahlin, die wie ein guter, treuer Kamerad mit ihm durch das Leben gegangen, und die ihm innig an das Herz gewachsen war. Seitdem sah ihn das Dasein mit immer trüberen Augen an, und seine eigene Gesundheit kam immer mehr ins Wanken. Und auch die treueste, hingebendste Liebe seiner Familie, die aufopfernde Pflege seines Leibarztes Dr. Schweninger konnten zuletzt das Unaufhaltsame nicht mehr aufhalten.
Es war der Sommer des Jahres 1898 gekommen und breitete seinen Schimmer über den grünen Sachsenwald. Aber im Herrenhause zu Friedrichsruh hegten liebende Herzen bange Besorgnisse. Der greise Fürst rang mit immer wiederkehrenden Beschwerden, und wenn seine starke Natur auch vorübergehend zu siegen schien, der heimtückische Gegner, mit dem er kämpfte, setzte sein furchtbares Werk fort und brachte es jählings zu Ende.
Am 28. Juli abends hatte der Fürst im Kreise der Seinen bei einem Glase Wein gesessen, die geliebte Pfeife geschmaucht und sich lebhaft und heiter wie in früheren Tagen unterhalten; am 30. vormittags las er seine Zeitungen, frühstückte in gewohnter Weise und klagte scherzend über den geringen Zusatz von Wein zu dem ihm gereichten Wasser. An dem Nachmittag desselben Tages brach er zusammen, und um die elfte Stunde der Nacht trat ihm schon der Tod an das große, treue Herz. Um ihn stand seine Familie, ihm zur Seite der treue Leibarzt, der die letzten Atembeschwerden ihm zu lindern bemüht gewesen, indes des Fürsten edle Tochter, die Gräfin Rantzau, ihm den Todesschweiß von der Stirn trocknete. Ihr galt des Sterbenden letztes Liebeswort: »Danke, mein Kind!«
Dann lag er wie ein Schlafender, mit mildem, friedlichem Antlitz, hoheitsvoll und edel. An seinen Sarg trat auch Kaiser Wilhelm II., der auf die Trauerkunde, die er auf einer Nordlandsreise in Bergen erhalten hatte, sogleich heimkehrte und am 2. August in Begleitung seiner erlauchten Gemahlin in Friedrichsruh eingetroffen war. Im Sterbezimmer fand die schlichte und doch so erhebende Trauerfeier statt. Das schwarz drapierte Gemach war erfüllt von betäubendem Blumenduft, der das ganze Schloß durchzog, und der schwarzpolierte Eichensarg verschwand unter riesigen Kränzen, von denen Wagenladungen aus allen Teilen Deutschlands nach dem stillen Friedrichsruh kamen. Am Fuße des Sarges aber lagerte der prachtvolle Kranz von Teerosen auf Lorbeerblättern und Eichenlaub, der auf einer weißseidenen Schleife die Anfangsbuchstaben des Kaiserpaares trug.
Der Kaiser hatte gewünscht, daß »sein großer Toter« im Dome zu Berlin beigesetzt werde, aber der eigene letzte Wunsch des Entschlafenen stand dem entgegen. In seinem stillen Sachsenwalde wollte Bismarck seinen letzten Schlaf schlafen in einem schmucklosen kleinen Hause, und die Grabschrift, die er sich selbst verfaßt, sollte lauten:
»Fürst von Bismarck, geboren am 1. April 1815, gestorben am ……, ein treuer, deutscher Diener Kaiser Wilhelms des Ersten.«
Im Sterbezimmer eingemauert blieb der Sarg mit den irdischen Resten des großen Kanzlers, bis das kleine Mausoleum auf dem Waldhügel gegenüber dem Parktor vollendet sein würde.
Es ist ein friedlich-stilles Plätzchen. Ringsum rauschen die alten Eichen, und von dem nahen Hügel, auf welchem die von treuen Anhaltinern gestiftete Hirschgruppe steht, grüßen die dunklen Tannen, und der Blick schweift über Schloß und Park und über ein schönes, freundliches Stück des Sachsenwaldes.
Hier wurde er am 16. März 1899 gebettet. Das ganze deutsche Volk war im Geiste zugegen, als sein großer Kanzler den letzten Pfad zurücklegte, und Hunderttausende haben es beklagt, daß es aus mancherlei Gründen nur einer kleinen Zahl Leidtragender vergönnt war, das ganze deutsche Volk in jener Weihestunde vertreten zu dürfen. Der deutsche Kaiser hat auch diesmal nicht gefehlt.
Beim dumpfen Klange des Chopinschen Trauermarsches bewegt sich der Zug aus dem Schlosse. Der Regimentskapelle folgt in weitem Abstande die Leichenparade, und längs des ganzen Weges flammt das Licht vieler tausend Fackeln auf, von deren düsterer Glut bestrahlt der Leichenkondukt langsam vorwärtsschreitet. Überall entblößte Häupter – Totenstille – auch die Natur hält den Atem an. Nun naht der Sarg der Fürstin, die an des Gatten Seite ruhen soll, und schwankt, von Kränzen beladen, auf den Schultern der in altspanische Tracht gekleideten Träger. Ihm folgt in einigem Abstande der Sarg des Kanzlers. Eine aus Lorbeer gewundene Fürstenkrone liegt zu Häupten. An den Seiten der Träger gehen im Schmuck der blinkenden Waffen Seydlitzkürassiere. Und unmittelbar hinter dem Sarge, an der Seite des Fürsten Herbert Bismarck, schreitet in der Uniform der Halberstädter Reiter der Kaiser, den blitzenden Stahlhelm auf dem Haupte, das bleiche Angesicht gesenkt.
Mit dem zwölften Glockenschlage werden die Särge in der Kapelle des Mausoleums vor dem kleinen Altare niedergesetzt, mit gezogenen Säbeln, starr wie Bildsäulen, stehen die Kürassiere. Auch der Kaiser läßt sich nicht nieder während der Feier. Der Lieblingschoral der verewigten Fürstin klingt durch die Halle: »Die wir uns allhier beisammen finden«, der Geistliche spricht kurze, erhebende Worte, dann kam wieder Orgelton und frommer Gesang des Liedes: »Mach End’, o Herr, mach Ende«! … Drei Salven der hinter dem Mausoleum aufgestellten Ehrenkompagnie dröhnten dazwischen … dann war alles zu Ende. – Die Gruft schloß sich über dem besten und größten Sohne Deutschlands!
Aber von ihm wird ein Singen und Sagen gehen bis in die fernsten Zeiten, und solange es ein Deutsches Reich und ein deutsches Volk geben wird, wird es zu seinen schönsten und edelsten Pflichten zählen, in ehrenvollster Erinnerung zu bewahren die große Zeit der Erneuerung des Reiches, den herrlichen Kaiser Weißbart und den Mann, der Deutschland in den Sattel gehoben hat, den eisernen Kanzler.
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