Ein lachender Sommertag! Weiße Wölkchen schwimmen langsam über den blauen Grund des Himmels und spiegeln sich in dem glitzernden Teiche. Leise rauscht das Röhricht an dessen Ufersaum, und in den Kronen der alten Bäume ringsumher im Park flüstert es wie von Geschichten vergangener Tage. Und die stattlichen Rüstern und Linden wissen wohl viel zu erzählen von lustigen Festen und von ernster Zeit, zumal erst sechs bis sieben Jahre entschwunden sind seit den glorreichen Befreiungskriegen und der mutigen Erhebung des ganzen deutschen Volkes, die ihre Wellen auch ins Pommernland und an die Mauern des freundlichen Herrensitzes Kniephof, der sich zurzeit im Besitze des Herrn Ferdinand von Bismarck befand, getragen hatte.
Heute ist Friede im Lande, und die alten Wunden fangen langsam zu vernarben an.
Zwischen den grünen Bäumen sieht das Schlößchen hervor, schlicht, mit Holzfachwerk, aber traulich und behaglich. Aus dem Eingang tritt ein Knabe, fünfjährig, schlank, mit blondem, leicht gelocktem Haar, und schaut mit hellen, blauen Augen in die Welt. In dem frischen Gesichte ist Lebenslust und Tatendrang zu lesen. Er sieht hinauf nach dem heiteren Himmel, hinüber nach den grünen Bäumen des Parks, steckt die Hände in die Taschen und steht nun breitbeinig da, offenbar in der Überlegung, woran er im Augenblicke seine junge Kraft am besten erproben könne.
Da kam ein Knecht.
»Jochem, wohin?« rief der Kleine.
»Der Fuchs muß ein neues Eisen haben!« sagte der Angeredete in behaglichem Platt.
»Da geh’ ich mit!« jauchzte das Bürschlein, offenbar erfreut über den Fingerzeig des Schicksals, und nun trabte er lustig neben dem Manne her nach dem Wirtschaftshofe und in den Stall. Der Fuchs wurde herausgeholt. »Jochem, setz mich drauf!« gebot der Kleine, und der Knecht hob ihn auf den breiten Rücken des Tieres, über welchen die kurzen Beinchen des Reiters kaum wegreichten. Daß der Mann das Pferd am Halfter führte, duldete das Bürschchen nicht, er mußte es frei gehen lassen, und der Kleine hielt sich an der Mähne und suchte nun durch Zuruf den Ackergaul zu einem rascheren Tritt zu bringen, was ihm aber nicht gelang.
Beim Schmied hob ihn der Knecht wieder ab, und nun stellte er sich so, daß er die glühende Esse und den Amboß sah. Die jungen Augen blitzten vor Lust, wenn unter den Hammerschlägen des Meisters die Funken sprühten, und am liebsten hätte er selbst zu dem verrußten Werkzeug gegriffen und mitgeholfen, denn er ahmte unwillkürlich die Bewegungen des Schmiedes nach. Aber nicht lange hielt er aus, dann schlenderte er, die Hände in den Taschen, weiter, hinaus ins Freie. Die Wiesen, reif zum Gemähtwerden, standen voll saftigen Grases und im bunten Blütenschmuck. An ihnen hinstreifend, pflückte er Blumen, und dazu sang er ein Kinderlied.
Die Zampel fließt durch das grüne Gelände; Erlen und Weiden neigen sich schattend über das klare Wasser, und zwischen ihnen ragen stattliche Ulmen. Dorthin lenkte der Knabe seine Schritte, brach sich einen Zweig aus dem Gebüsch, streifte die Blätter ab und köpfte nun die fetten, roten Disteln, die so protzig über den Wiesengrund emporragten. Während dieser Beschäftigung sah er einen Reiter auf einem Feldwege kommen. Hastig lief er ihm entgegen und schrie schon von weitem jauchzend: »Papa, Papa!«
Der Angerufene hielt sein Pferd an. Es war ein stattlicher Herr mit einem gutmütigen Gesicht, aus dem die Freude lachte über den munteren, frischen Jungen.
»Was machst denn du hier, Otto?« fragte er.
»O nichts, Papa, ich gehe spazieren und schlage dabei den Disteln die dicken Köpfe herunter! Darf ich mit dir?«
Der Reiter beugte sich herab und hob den kleinen Burschen empor, welchen er vor sich hinsetzte, und der nun ohne weiteres die Zügel nahm. Der Braune schien ähnliches gewohnt zu sein, er schritt munter aus und langte bald bei dem Herrenhause an. Ein Knecht nahm das Tier in Empfang und hob den Kleinen aus dem Sattel, und dann ging dieser an der Hand des Vaters in das Herrenhaus.
»Nun, Otto,« sagte dieser, »nächste Woche kommt Bernd (Bernhard) aus Berlin!«
»Ach, das wird hübsch!« jauchzte der Bursche, »weiß das Mama schon und Lotte Schmeling?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte er in das Haus und in das Gemach, in welchem er seine Mutter vermutete. Eine hochgewachsene, schöne Dame mit klaren, freundlichen Augen trat ihm entgegen.
»Wo steckst du denn, Otto, und so erhitzt?« sagte sie mit gütigem Vorwurf und strich mit der weißen Hand über die feuchten, zerzausten Locken ihres Lieblings.
»Ach, ich komme mit Papa und bin auf dem Braunen geritten – und nächste Woche kommt Bernd. Da wird’s lustig! Er erzählt immer so hübsch von Berlin. Darf ich auch nach Berlin, Mama?«
»Ja, ja, mein Junge!«
Er küßte die Hand der Mutter und war hinaus, noch ehe der Vater eintrat. Er eilte nach der Küche, wo »Lotte Schmeling« regierte.
»Ach Lotte, gib mir zu essen, ich habe Hunger – und weißt du – nächste Woche kommt Bernd!«
Viel Zeit gönnte er sich zur Stillung seines Hungers nicht, denn bald darauf war er wieder im Parke. Einen Teil seines Frühstücks trug er noch in der Hand, und die kleinen Taschen hatte ihm Lotte Schmeling vollgestopft mit Speiseresten, denn er wollte die Karpfen füttern. Aber im Parke hielt ihn manches auf. Wenn er einen Vogel locken hörte, blieb er stehen, weil er wissen mußte, wen er vor sich habe; wo ihm ein Nestchen in den Büschen bekannt war, sah er vorsichtig nach, ob noch alles in demselben und um dasselbe in Ordnung sei; wo ein Eichkätzchen an einem Stamme hinhuschte, mußte er seinen Weg verfolgen und sich an seinem possierlichen Wesen ergötzen.
Endlich stand er an dem Karpfenteiche und trat auf das kleine Podium hinaus, um seine Gaben zu spenden. Schon nach dem ersten Wurfe der kleinen Hand tauchten die silbergrau schimmernden Rücken auf und kamen heran, und gierig schnappten die großen, runden Mäuler. Otto jauchzte, wenn sie um einen besonders großen Bissen sich drängten und balgten und ihn einander zu entreißen suchten, und er warf seine Gaben bald rechts, bald links, um auch den minder Zudringlichen und weniger Starken etwas zukommen zu lassen. Ganz im Hintergrunde, nach der Mitte zu, waren einige kleinere Fische, die bei jedem Wurfe schnappten, aber nicht herankommen konnten. Auch sie sollten ihr Teil erhalten. Der Knabe füllte die ganze Hand dicht mit Brocken und holte nun mit ganzer Kraft zum Wurfe aus. Dabei aber hatte er sich wohl etwas zu weit vorgebeugt, er verlor das Gleichgewicht; klatschend schlug er ins Wasser, so daß die Fische erschreckt auseinanderstoben, und nun arbeitete und strampelte der kleine Bursche mit Armen und Beinen in einer nicht ungefährlichen Lage, denn der Teich war ziemlich tief. Er faßte nach dem Schilfe und suchte sich daran festzuhalten, aber das schwanke Rohr bot keine Stütze. Doch war es ihm geglückt, näher an das Podium heranzukommen; mit aller Anstrengung und durch eine unbewußt günstige Bewegung unterstützt, konnte er es ergreifen, beide Hände faßten rasch und sicher zu – und gleich darauf hatte sich der kleine Mann glücklich herausgearbeitet.
Er sah ganz verdutzt zuerst nach dem Teiche und dann an sich selbst hinab. Seine Beine waren schlammbedeckt, und Schilf hing an den durchnäßten Kleidern. Er schüttelte sich einmal kräftig, dann trabte er fort nach dem Herrenhause.
Er wollte zu Lotte Schmeling, seiner Vertrauten, flüchten, kam aber gerade der entsetzten Mama in den Weg.
»Was ist passiert, Otto?« schrie sie erschrocken auf, als sie den Kleinen sah, aus dessen Haaren das Naß niederrieselte auf das triefende Gewand.
»O nichts, Mama – ich bin nur, wie ich die Karpfen füttern wollte, ein bißchen in den Teich gefallen. Es tut nichts – bloß entsetzlich kalt ist’s!«
Die Zähnchen schlugen ihm jetzt im Frost zusammen, und unter Beihilfe von Lotte Schmeling wurde er rasch zu Bette gebracht und mußte heißen Tee trinken.
Am Abend fühlte er sich wieder völlig munter. Der Vater hatte bei ihm gesessen und mit ihm geplaudert: er hatte ihm gesagt, daß er schwimmen lernen müsse, wie die Karpfen im Teiche, und zwar, sobald er wieder aus dem Bette sein werde, und das hatte ihm viel Vergnügen gemacht. Dann aß er sein gewohntes Abendsüppchen, und endlich, beim Dunkelwerden, kam Mama noch einmal.
»Siehst du, Otto, wie gut es der liebe Gott meint mit kleinen, dummen Jungen? Überall schickt er einen Engel mit ihnen, der ihnen hilft, wenn sie in Not sind. Du wärst im Karpfenteich ertrunken, wenn er nicht bei dir gewesen wäre und dich herübergezogen hätte, so daß du das Podium fassen konntest. Dafür mußt du dem lieben Gott heute auch ganz besonders danken!«
So sagte die schöne, freundliche Frau, und der Knabe faltete die Händchen und sprach sein Abendgebet mit besonderer Herzlichkeit.
»Amen!« sagte die Mutter bewegt, als er damit zu Ende war, dann küßte sie ihren Liebling, deckte ihn sorgsam zu und ging. –
Der Unfall hatte für Otto keine weiteren unangenehmen Folgen, und in gewohnter vergnüglicher Weise lebte er seine Tage weiter. Als nach einiger Zeit Bernd (Bernhard), der um fünf Jahre ältere Bruder, aus Berlin ankam, erzählte er ihm beinahe mit einem gewissen Selbstgefühl sein Abenteuer, vergaß dabei aber nicht, auch des Schutzengels Erwähnung zu tun.
Bernhard war ein frischer, schlanker Junge, dem es besonderes Vergnügen machte, nach dem Berliner Aufenthalte frei durch Feld und Wald zu schweifen, und Otto war sein beinahe unzertrennlicher Begleiter. Die Erzählungen des Älteren von der Haupt- und Residenzstadt Preußens und ihren Herrlichkeiten, von den militärischen Schauspielen, von dem König und seinem Hofe verfehlten nicht, die Phantasie des Jüngeren zu erregen und in ihm eine Sehnsucht nach diesen Wunderdingen zu wecken. Dann setzte Bernhard der Begierde des Bruders wohl einen kleinen Dämpfer auf, indem er ihm erzählte, wie es in der Plamannschen Anstalt, in welcher er untergebracht war, zuging.
»Das ist nicht so wie bei Muttern. Und da kannst du nicht den ganzen Tag im Parke herumschlendern und Karpfen füttern, und kannst auch nicht, wenn dich hungert, zu Lotte Schmeling laufen. Da heißt’s jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen. Dann gibt’s Milch und Brot als Frühstück, und von sieben Uhr an mußt du drei Stunden lang auf der Schulbank sitzen, dafür erhältst du um zehn Uhr ein Salzbrot, das du im Sommer mit einem Apfel oder einer Birne dir schmackhafter machen kannst, und nach einer halben Stunde geht’s wieder in die Schulstube. Mittags um zwölf Uhr wird gemeinsam in einem großen Saale gegessen, und da fragt dich niemand, ob dir’s schmeckt oder nicht. Wenn du dein Schüsselchen nicht ausessen kannst, mußt du mit demselben so lange im Garten stehen, bis du es geleert hast. Dann wieder von zwei bis vier Uhr Unterricht, zum Vesper ein Salzbrot und nun nochmals bis sieben Uhr auf die Schulbänke. Du, da ist man froh, wenn’s Abend geworden, und man sein Warmbier oder Butterbrot erhält. Nur das Turnen und Fechten, das ist hübsch! Ja, mein lieber Otto, auf Kniephof oder Schönhausen ist’s schon schöner!«
Der Kleine hat bei solchen Schilderungen die Hände in die Taschen gesteckt, bleibt breitbeinig vor dem Bruder stehen und sagt dann ruhig und beinahe überlegen:
»Weißt du, Bernd, wenn du es ausgehalten hast, kann ich’s auch!«
Kurze Zeit darauf gab der Vater Ottos, Herr Ferdinand von Bismarck, ein kleines Fest, wie es der an der Geselligkeit sich freuende Mann ab und zu liebte. Offiziere aus dem nahen Naugard und anderen Garnisonen hatten sich eingefunden, und die Gastlichkeit des von Bismarckschen Hauses, in welchem an des heiteren, lebensfrohen Gatten Seite eine ungemein liebenswürdige und in jeder Weise feine und edle Hausfrau waltete, kam in aller Herzlichkeit zur Geltung.
Bei der Mittagstafel herrschte ein lebhafter, munterer Ton, und der Wein löste die Zungen noch mehr. Bernhard und Otto saßen an einem Seitentischchen, und der letztere besonders ließ sich wenig von dem Gespräch entgehen, zumal dasselbe bald genug auf ein Gebiet kam, das noch immer alle Gemüter lebhaft bewegte! Die Zeit der Schmach und der Erhebung Preußens und Deutschlands. Die Männer an dem Tische und in den Uniformen hatten fast alle ihren Teil an jenen Tagen und jenen Begebenheiten, und mancher wies ein blinkendes Ehrenzeichen, mancher auch eine ehrenvolle Wundennarbe auf.
»Sie haben die Befreiungskriege nicht mitgemacht, Herr von Bismarck?« fragte einer der jüngeren Offiziere.
»Im eigentlichen Sinne, als Streiter des Heeres, nicht. Ich habe den Soldatenrock schon früh ablegen müssen, der Familienverhältnisse halber. O, ich bin sehr jung schon Soldat gewesen, habe als Knabe schon im Rathenower Leibkarabinierregiment gedient und stramm meinen Dienst geübt. Jeden Morgen Schlag 4 Uhr war ich da und habe den Reitern den Hafer zumessen lassen. Bei Kaiserslautern hab’ ich unter dem Herzog von Braunschweig mitgefochten, aber es war keine Ehre zu holen. Darum hab’ ich als Rittmeister meinen Abschied genommen.«
»Haben Sie auf Ihrem Gute viel von den Franzosen zu leiden gehabt?« fragte einer der Gäste.
»Wir sind damals, als Preußen zusammenbrach, nicht auf Kniephof, sondern auf Schönhausen gewesen. 1815 am 1. April ist uns der kleine Schlingel, der Otto, geboren worden – mit dem wir hoffentlich nicht in den April geschickt werden, – aber es war eine trübe Zeit gewesen für das Vaterland. Ob wir sie mitempfunden haben, meine Herren? – Na, Minchen« – er wandte sich zu seiner Frau – »ich denke, wir vergessen’s all unsere Lebenstage nicht! Zwei Tage nach der Unglücksschlacht von Jena und Auerstädt, an einem rauhen Oktobertage des Jahres 1806, kam die liebe, gute Königin Luise, flüchtig und geängstigt, und blieb im Schlosse Tangermünde, Schönhausen gegenüber am linken Elbufer, über Nacht, dann floh sie weiter gegen Ostpreußen, und hinter ihr drein zogen die französischen Scharen und die preußische Schande. – Wenige Tage später saß im Tangermünder Schlosse der Marschall Soult, und seine zügellosen Banden tauchten in der ganzen Gegend auf. Damals habe ich mein bißchen Barvermögen in Gold im Parke vergraben und flüchtete mit meiner Frau unter Mühen und Gefahren bis nach dem »Trüben«, einer sumpfigen, umbüschten Niederung an der Elbe, wohin die Schönhauser sich zurückgezogen hatten. Der Aufenthalt in der langen, kalten Oktobernacht in dem feuchten Sumpfloche war fürchterlich, zumal wir jeden Augenblick davor bangten, daß über unserem Besitztum der rote Flammenschein auflodern würde. Endlich, nach entsetzlich langen Stunden, graute der Morgen. Einige schlichen nach Schönhausen und brachten die Kunde, der Feind sei fort, und so zogen wir heimwärts. Aber wie hatten diese Teufelsfranzosen gewirtschaftet! Verwüstung und Elend überall in den Kätnerhütten wie im Herrenhause. Im Schlosse war alles durcheinandergeworfen, vieles zertrümmert; den Stammbaum der Bismarck, der im Bibliothekzimmer hing, hatten sie mit Säbeln zerhauen und zerstochen, daß die Fetzen davonhingen – na, ich denke, dem Stamme selber soll das nicht geschadet haben.
Als ich nach meinem Gelde im Garten ging, fand ich die Erde aufgewühlt … aber ich sah auch bald die Goldstücke blinken. Der Feind hatte sie nicht gefunden, und die Erdarbeit mochte das Werk eines spürenden Hundes gewesen sein. Später habe ich, um mich und meine Bauern zu bewahren, mir von Soult eine Schutzwache erbeten, aber meine Frau habe ich doch größerer Sicherheit wegen nach Rathenow gebracht. Ach Gott, aber die allgemeine Not war doch noch schlimmer als die des einzelnen, und als unser liebes Preußen zerrissen wurde, da grenzte Schönhausen hart an das neue Königreich Westfalen, es fehlte nicht viel, so hätten wir Jerôme als König bekommen.«
Der brave Rittmeister nahm einen kräftigen Schluck, wie um die schlimmen Erinnerungen damit fortzuschwemmen. Einer der Offiziere aber fragte: »Und wie war’s in den Befreiungskriegen? Sie hatten ja auch in der Altmark Ihren Landsturm?«
»Und ob wir einen solchen hatten! Und er hat redlich die Heimat vor Franzosen und Russen behütet. Ich darf’s wohl ohne Ruhmredigkeit sagen, daß ich treulich das meine dabei getan habe. Und wir hatten an der Elbe gute Helfer gehabt in den braven Lützowern, die im Mai 1813 nach Schönhausen kamen und mit uns die Übergänge über den deutschen Strom bewachten. Das bleibt mir eine unvergeßliche Erinnerung, jener Gottesdienst in unserer einfachen, alten Dorfkirche, bei welchem die neueingetretenen freiwilligen schwarzen Jäger eingesegnet wurden. Es war rührend, wie Männer mit ergrauten Haaren neben frischen Jünglingen sich um den braven Major von Lützow scharten, und ich habe damals mit Tränen in den Augen manchen Wackeren gesehen, den ich nicht vergesse. Da war der junge Theodor Körner, der Freiheitsdichter, mit seinen dunklen Feueraugen, der dann bei Gadebusch gefallen ist, der Turner Ludwig Jahn mit seinem Löwenkopfe, und sie sangen ein Lied ihres jungen Kampfgenossen und leisteten einen heiligen Eidschwur fürs Vaterland, und unser Prediger Petri hat ihnen den Segen gegeben, und der Segen hat geholfen!«
»Ja, er hat auch mitgeholfen,« sagte jetzt der Major von Schmerling, dessen Brust mit dem Eisernen Kreuz geschmückt war, und der noch immer den einen Arm in der Binde trug. »Wir haben’s den Franzosen tüchtig heimbezahlt bei Großgörschen und Großbeeren, bei Dennewitz und an der Katzbach und zuletzt in der Leipziger Schlacht. Und jeder, der dabei gewesen ist, darf mit Stolz davon erzählen. Am 16. Oktober haben wir um Wachau und Güldengossa gestritten und den Reitersturm des Königs Murat zurückgeschlagen, am 17. verübte der alte Marschall Vorwärts seinen glücklichen Reiterstreich bei Möckern, wo Ihr Bruder, lieber Bismarck, der brave Major Leopold von Bismarck, den Heldentod starb, und am 18., Kinder, da war der große Entscheidungstag. Das war ein Geschützdonner, wie ich ihn all mein Lebtag nicht gehört habe; in Probstheide schlugen die Kanonenkugeln von allen Seiten ein, als ob irgendwo von oben her ein Apfelbaum geschüttelt würde. 1500 Geschütze spien ihr Verderben gegeneinander, aber Gott war mit uns, und in der Völkerschlacht haben wir den Mann des Jahrhunderts überwunden.«
Mit leuchtenden Augen und vorgebeugt hatte Otto nach dem Sprecher hingesehen, und kein Wort verloren, welches aus seinem Munde ging. Als der Major jetzt innehielt und das Glas ansetzte, sprang der kleine Bursche auf und trat dicht vor ihn hin. Mit dem vorgestreckten Zeigefinger deutete er auf das Eiserne Kreuz an seiner Brust und fragte mit vollem Ernste:
»Ist Er auch von einer Kanonenkugel geschossen worden?«
Die naive Frage des Knaben löste die ernste Stimmung, welche in dem Kreise eingetreten war, alle lachten, der Major aber zog den Kleinen zu sich heran und sagte:
»Nein, mein Schelm, dann säße ich heute wohl nicht mehr hier. Na, wie ist’s – du willst wohl auch einmal Soldat werden?«
Die Frau des Hauses nahm das Wort:
»Ich glaube, Otto wird einmal Diplomat, Staatsmann, und Bernhard Landrat!«
Wieder lachten die fröhlichen Gäste, aber Herr von Bismarck sagte:
»Ja, meine Frau schlägt nicht aus der Art: Da sehen Sie die Diplomatentochter, die sich einmal in den Kopf gesetzt hat, daß etwas vom Geiste ihres ausgezeichneten Vaters, des wackeren Geheimen Kabinettsrats Menken, auf unseren Jungen übergegangen ist. Na, wie Gott will – er wird es schon richten!«
Heiter ging der Tag zu Ende, der für Otto manche Erregung und Bewegung gebracht hatte. Am Abend kam er zu der Mutter, um ihr »Gute Nacht« zu sagen.
»Otto, hast du denn auch ordentlich dein Süppchen gegessen?«
Der Knabe stand einen Augenblick verdutzt bei dieser Frage, und anstatt eine Antwort zu geben, stürmte er hinaus nach der Küche zu Lotte Schmeling.
»Höre, Lotte, habe ich eigentlich schon mein Süppchen gegessen?« fragte er hastig.
»Freilich und hat sehr gut geschmeckt, denn es war schnell genug verschwunden.«
Wie der Wind sauste der kleine Mann davon und kam zu der erstaunten Mama zurück, um dieser nun erst, nachdem er selbst sich authentische Sicherheit verschafft, eine wahrheitsgetreue Antwort auf ihre Frage zu geben. Und jetzt ging er mit gutem Gewissen zur Ruhe.
Herr und Frau Bismarck saßen noch ein Weilchen beisammen, und letztere war es, die das Gespräch auf die Kinder, besonders auf Otto, brachte.
»Es nützt nichts, er muß aus dem Hause. Hier wird er verzogen, von mir, von dir, von Lotte und von allen. Und am besten ist’s, er kommt zu Plamann, wo er an Bernd eine Stütze hat, daß ihm das Heimweh nicht zu schwer wird. Ich halte dafür, eine rationelle Erziehung nach festen pädagogischen Grundsätzen kann nicht zeitig genug anfangen.«
Herr von Bismarck wollte einige Einwendungen machen, aber er kam gegen die Grundsätze seiner geistvollen, von einem vortrefflichen Vater geschulten Frau nicht auf; seufzend gab er nach, und so ward bestimmt, daß Otto nächste Ostern nach Berlin kommen sollte.