In der »goldenen Krone« zu Göttingen saßen an einem Maiabend des Jahres 1832 eine Anzahl junger Männer beisammen. Fröhlich klangen die Gläser, und durch die geöffneten Fenster hinaus schallten die kraftvollen alten Studentenweisen:
Das brauste einher mit machtvoller Begeisterung, und die Pokale läuteten abermals zusammen. Einer von den Burschen erhob sich an dem Tische, eine prächtige Jünglingsgestalt mit blitzenden blauen Augen, strotzend in der Fülle jugendlicher Kraft.
»Silentium! Bismarck will reden!«
Still ward es in dem Raume, und aller Blicke wendeten sich nach dem Sprecher.
»Kommilitonen! Wir haben in diesen Tagen und erst heute noch auf unserer Wanderung ein prächtiges Stück deutschen Landes gesehen, und das Herz ist uns aufgegangen in der Schönheit des Harzwaldes, in dem die Sage lebt auf der Bergeshöhe, wie im felsigen Talgrund, und wo in einem gesunden Geschlechte alte deutsche Kraft und Einfachheit der Sitten wohnt. Kommilitonen, ihr seid Mecklenburger, ich bin ein Altmärker – ist’s bei uns daheim etwa anders? – Lebt nicht überall derselbe gesunde Sinn, der sich freut in der Schönheit der Natur, und der an der deutschen Scholle hängt, auf welcher unsere Wiege stand? Mag auch ein halb Hundert verschiedenfarbiger Grenzpfähle im deutschen Lande stehen – das Auge sieht sie, das deutsche Herz weiß nichts davon, wenn es die Ehre der ganzen Nation gilt. Die Freiheitskriege haben es bewiesen. Laßt uns nicht schlechter sein als unsere Väter, die bei Leipzig und Waterloo geschlagen haben, und laßt uns immer an das Wort unseres großen Dichters denken: »Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!« Eine Muttersprache reden wir alle, und alle haben wir im Grunde nur ein Vaterland – und das eine, große, deutsche Vaterland, dem wir Blut und Gut weihen, es blühe und gedeihe! Füllt die Gläser: dem Vaterlande!«
Jubelnd schallte der Zuruf, stürmisch klang es zusammen, Otto von Bismarck aber goß den letzten Rest aus seiner Flasche, und mit dem Rufe: »Fort mit allem, was leer und nichtig ist!« schleuderte er die letztere durch das offene Fenster hinaus auf die Straße.
Die fröhlich lärmenden Burschen hörten weder den zornigen Aufschrei, der von draußen hereinschallte, noch das Klirren des Glasgefäßes auf dem Pflaster, immer höher gingen die Wogen der Begeisterung, und immer lauter schallten Becherklang und Studentenweisen hinaus in die schweigende Frühlingsnacht, bis endlich Bismarck erklärte: »Satis, quod sufficit!« und mit einem energischen »Prost Kommilitonen!« sich entfernte. Unter dem Tische erhob sich gleichzeitig eine mächtige englische Dogge, welche zu den Füßen ihres Herrn gelegen hatte, und schritt gravitätisch neben ihm hinaus.
Am nächsten Morgen schaute Otto von Bismarck mit Behagen zu seinem Fenster in der Roten Straße Nr. 299 hinaus. Seine »Bude« war einfach und sah »burschenmäßig« aus. Im Mobiliar war weder ein besonderer Überfluß noch hervorragende Eleganz, denn der Hauswirt, Herr Schumacher, wußte, wie schnell oft die Bewohner wechselten, und wie rasch diese Art eine »gute Stube« abzuwohnen pflegte. Bismarck wünschte es auch nicht besser. Über dem alten Sofa hatte er eine Anzahl auf Pappe gezogener Schattenrisse seiner Freunde gehängt, an der einen Wand prangte eine stattliche Pfeifensammlung, welche den Neid manches Kommilitonen schon herausgefordert hatte, und vor dem Sofa lag lang ausgestreckt die gewaltige Dogge und blinzelte schläfrig nach ihrem Herrn, der, wie erwähnt, im offenen Fenster lehnte, angetan mit einem bunten Schlafrock, und die lange Pfeife, welche weit hinaushing, im Munde.
Es war ein prächtiger Frühlingstag, und dem jungen Studenten war ganz wohlig zumute. Da unten schritten die ehrsamen Bürger hin, rasch hinhuschende Mädchen, geschäftige Arbeiter und sorglose Studenten, entweder ganz kommentmäßig in Flaus und Kanonen, mit dem Cerevis, oder im Schlafrock und Morgenschuhen, den Ziegenhainer in der Faust und die dampfende Pfeife im Munde. O, es war auch in Göttingen schön, und an der »Königlich Großbrittanisch-Hannoverschen Georgia Augusta« ließ sich’s leben!
Er hatte anfangs für Heidelberg geschwärmt, aber die besorgte Mama fürchtete den burschikosen Geist, der dort walten sollte, und nachdem in einem Familienrate ein Verwandter des Hauses, der geheime Finanzrat Kerl, Göttingen als eine Hochschule der vornehmen Welt empfohlen und Briefe an die Professoren Hugo und Hausmann mitzugeben versprochen hatte, war die Sache entschieden.
Nein, in Göttingen war es gar nicht so übel! Eben als der junge Student sich in diesen behaglichen Gedanken versenkte, pochte es an der Tür.
Die Dogge hob den Kopf, und auf das »Herein!« erschien auf der Schwelle der Universitätspedell und überreichte mit höflichem Gruße Bismarck ein Schreiben. Dieser liest mit einiger Verwunderung, daß er u. z. citissime – möglichst bald – vor dem Universitätsrichter zu erscheinen habe.
»Dem Manne kann geholfen werden!« zitierte der Studiosus halb pathetisch, halb ärgerlich; dann fuhr er langsam in die spiegelblank gewichsten Kanonenstiefel, sah sich einen Augenblick nach einer geeigneten Kopfbedeckung um, und ergriff endlich einen hohen Zylinderhut, den er sich auf das Haupt stülpte, und so, die weißen, ledernen Beinkleider umflattert von dem bunten Schlafrock, die lange Pfeife im Munde, schritt er, begleitet von der englischen Dogge, durch die Gassen der vornehmen Universitätsstadt nach dem Hause des Richters.
Als er bei demselben eintrat, fuhr der alte Herr entsetzt auf vor der respektwidrigen Erscheinung, und als ihm der gewaltige Hund, der noch vor seinem Herrn sich hereingedrängt hatte, um die Beine schnupperte, ward es ihm völlig unbehaglich, und er suchte sich mit vorgestemmtem Stuhle zu schützen, wobei er rief:
»Schaffen Sie sogleich den Köter hinaus!« Bismarck rief die Dogge und öffnete die Tür. Der Hund ging gehorsam hinaus, und jetzt kam der Richter hinter seinem Sitze hervor, noch immer ängstlich und zornig zugleich, und fragte:
»Wer sind Sie, und was wollen Sie?«
»Ich bin der Studiosus juris Otto von Bismarck, und was ich hier will, müssen Sie wissen, denn Sie haben mich zitieren lassen!« Er entfaltete das Papier, welches er erhalten hatte.
»Richtig – gut! Aber fürs erste habe ich Ihnen mitzuteilen, daß es verboten ist, Hunde mitzubringen vor das Universitätsgericht, und daß ich Sie darum mit einer Ordnungsstrafe von 5 Talern belege.«
»Hm – auch nicht übel!« brummte der Verurteilte halblaut, der andere aber fuhr fort:
»Die Sache, derohalben Sie zitiert worden sind, ist die: Gestern abend ist ein Herr, der an der »Goldenen Krone« vorüberging, durch eine Flasche am Arme getroffen worden. Die Erörterungen haben ergeben, daß die Flasche von Ihnen herrührte. Können Sie sich entsinnen, wie dieselbe auf die Straße gelangte?«
»Zweifellos durchs Fenster!«
»Na, ja, allerdings – aber ich meine, eine Wirkung, wie der Wurf einer Flasche durch das Fenster, muß doch auch eine Ursache haben!«
»Die war auch vorhanden in der Anspannung meiner Muskeln und der Schwungkraft des Armes. Wenn Sie wünschen, Herr Universitätsrichter, kann ich die Prozedur Ihnen ad oculos demonstrieren!«
Bismarck griff nach dem großen Tintenfasse auf dem Tische des Richters und hob dasselbe in bedrohlicher Haltung.
»Das genügt, Herr von Bismarck, und da Sie im übrigen das Faktum nicht in Abrede stellen, kann ich Sie entlassen. Das weitere wird Ihnen noch mitgeteilt werden!«
Die Aussicht auf das »weitere« stimmte den jungen Studenten nicht gerade heiter, und einigermaßen ärgerlich ging er mit seiner Dogge heimwärts.
Noch ehe er in die Rote Straße kam, begegneten ihm vier Korpsburschen von den Hannoveranern. Bismarck ging mit weitausgreifenden Schritten daher, mit fliegendem Schlafrock, die Pfeife wie eine Waffe in der Hand, und der hohe Zylinderhut, der wunderlich zu dem sonstigen Aufzuge paßte, glänzte in der Sonne. Die »Hannoveraner« blieben stehen und brachen in ein lautes Gelächter aus.
Bismarck war nicht in der Stimmung, sich etwas bieten zu lassen; er trat an den vordersten der Burschen dicht heran und fragte scharf:
»Lachen Sie über mich, Herrens?«
»Natur, das können Sie doch sehen!« lachte es ihm entgegen.
»Dummer Junge!« brauste nun der Geärgerte auf.
»Wen meinen Sie?« riefen die anderen.
»Natur, alle viere!«
Damit wandte er sich und ließ die einigermaßen verblüfften »Hannoveraner« stehen. Obwohl er noch ein Neuling war, wußte er doch, was nun kommen mußte. Das gab höchstwahrscheinlich vier blutige Auseinandersetzungen, aber auch davor ward ihm nicht bange. Da er Sekundanten und kommentmäßige Waffen brauchte, begab er sich gleich darauf zu dem Senior des Korps der Braunschweiger (Brunsvigia) und belegte dort die Schläger. Nun wartete er ruhig das weitere ab, aber das kam anders, als er gemeint hatte.
Die vier »Hannoveraner« waren zunächst aufgebracht über den »frechen Fuchs«, aber einer von ihnen, ein Hausgenosse Bismarcks, der diesen einigermaßen besser kannte, und dem die ganze »forsche« Art und Weise desselben gefiel, warf auch den anderen einen Gedanken hin, der diesen völlig annehmbar dünkte, und so kam es, daß alle vier noch an demselben Tage sich bei Bismarck einfanden.
Der empfing sie mit kühler Höflichkeit.
»Ich weiß, weshalb Sie kommen, meine Herren!«
»Verzeihen Sie, Herr von Bismarck, das dürften Sie nicht wissen. Wir kommen, um Sie wegen unseres Gelächters von heute morgen um Entschuldigung zu bitten, und hoffen, daß Sie die »dummen Jungen« zurücknehmen werden!«
»Unter solchen Umständen mit Vergnügen!«
»Schön. – Und wissen Sie auch, was uns veranlaßt zu solchem Vorgehen? – Sie gefallen uns, Herr von Bismarck, und da Sie noch nirgends eingesprungen sind, und wir uns auf einen so schneidigen Fuchs etwas zugute tun würden, so fragen wir an, ob Sie nicht für unser Korps zu haben sind?«
»Abgemacht! – Ihr gefallt mir, – ich bin der eure!«
Ein vierfacher herzlicher Händedruck, und die Sache war in Ordnung.
Aber um sein Duell kam er bei alledem nicht. Die »Brunsvigia« war empört, weil er bei ihr die Waffen belegt und nun bei einem anderen Korps eingesprungen war. Die Beleidigung konnte man nicht auf sich sitzen lassen, und der Konsenior der Brunonen ließ Bismarck seine Forderung überbringen.
Man war gespannt darauf, wie der junge Fuchs sich herausbeißen werde; der aber ging frohgemut auf die Mensur gegen seinen renommierten Gegner. Dieser glaubte anfangs den Neuling so leichthin behandeln und mit Leichtigkeit »abführen« zu können, aber Bismarck hatte Kraft und Übung; schon nach einigen Paraden ging er zum Angriff über, und gleich darauf zog sich ein blutiger Schmiß über das Gesicht des »Braunschweigers«. Im Triumph führten die »Hannoveraner« ihren Fuchs von dannen, doppelt froh, ihn für sich gewonnen zu haben, und er machte dem Korps auch als Paukant alle Ehre, denn aus allen seinen Mensuren ist er als Sieger hervorgegangen.
Eines Abends saß er in der Korpskneipe der »Hannoveraner«, im »Deutschen Haus«. Als Gast war auch ein junger Engländer, Coffin, anwesend, der zu seinem Vergnügen einige Vorlesungen besuchte. Die jungen Gemüter waren durch Gesang und Trunk angeregt, lebhafter schwirrte die Unterhaltung hin und her und kam endlich auch auf politisches Gebiet.
Angehörige verschiedener deutscher »Vaterländer« befanden sich in dem Kreise, und das schien den Engländer zu belustigen.
»Sie haben 36 Vaterländer und kein Vaterland, und ihr Schutzpatron, der deutsche Michel, hat’s auch gar nicht eilig, eine Eintracht zu schaffen. Er zieht behaglich seine Schlafmütze über die Ohren, hüllt sich vergnüglich in seinen bunten 36farbigen Schlafrock und – –«
Da stand Bismarck neben dem Fremden. Mit seinen flammenden Augen sah er ihn an, hochaufgerichtet und drohend.
»Herr, schwätzen Sie nicht, was Sie nicht verstehen, sonst dürften Sie den deutschen Michel ohne Schlafrock kennen lernen! – Umgürte dich mit dem ganzen Stolze deines England, ich verachte dich, ein deutscher Jüngling!«
Stürmische Bewegung ging durch den ganzen Kreis. Coffin war aufgesprungen:
»Das ist eine Beleidigung!«
»Sie haben zuerst beleidigt!«
»Wir werden uns an einem anderen Orte finden!«
»Ich werde nicht fehlen!« – –
Am nächsten Tage wurde die Sache mit den Waffen ausgetragen, und der Engländer erkannte, daß der »deutsche Michel« eine gute Klinge schlage. Damit war der Ehre Genüge getan und die Geschichte beigelegt. Schon wenige Tage später saßen die beiden Gegner wieder im »Deutschen Hause« beisammen und sprachen in ernster und ruhiger Weise.
»Und Deutschland wird doch einig werden, und in seiner Einigkeit sich wie ein Riese erheben über die Völker Europas,« sagte Bismarck.
Coffin schüttelte energisch mit dem Kopfe:
»Das wird niemals werden; aus so vielen Stücken wird kein Ganzes – niemals!«
»Und doch werde ich rechtbehalten; in zwei Jahrzehnten ist das ganze deutsche Volk eins geworden, aber es braucht dazu mehr als unsere Hieber und die Tinte der Diplomaten!«
»Davon werden Sie mich nicht früher überzeugen, als bis ich es erlebe!«
»Gut, – wetten wir! 25 Flaschen Champagner gibt der Gewinner, der Verlierer aber kommt übers Meer, um sie auszutrinken!«
»Das soll gelten, – die Herren sind Zeugen!«
So lebte in der stolzen, starken Jünglingsseele die Ahnung der großen kommenden Zeit, die freilich im Jahre 1853 noch nicht anbrechen sollte. Bismarck aber hat die Wette nicht vergessen und hätte sie seinerzeit auch eingelöst, wenn der Tod nicht vordem schon seinen Partner abgerufen hätte.
Ei, wie dem flotten Burschen die Tage dahinflogen im freundlichen Göttingen, so daß er beinahe gar nicht dazu kommen konnte, die Kollegien zu besuchen, weil er alle Hände voll zu tun hatte, mit anderen Dingen! Sein Name galt etwas in Studentenkreisen, und er hatte seinen Ruf nicht bloß auf dem Paukboden, sondern auch durch sein Geschick, Gegensätze auszugleichen und diplomatisch zu vermitteln, erworben.
Es war an einem kalten Januartage des Jahres 1833, als vor Göttingen draußen in einem Wäldchen sich einige junge Leute einfanden zu einem, wie es schien, recht ernsten Geschäft. Am Abend vorher war ein englischer Student, Knight, auf einem Balle von dem jungen Baron von Grabow beleidigt worden. Die Sache war an sich nicht von Belang, aber die Gegner waren hitzig geworden und hatten sich auf Pistolen gefordert. Und nun standen sie an dem klaren, kalten Wintermorgen da, um die Sache auszutragen.
Bismarck war mit Knight herausgefahren, um diesem als Dolmetsch zur Seite zu stehen. Da es aber an einem Unparteiischen fehlte, war er gern bereit, das Amt zu übernehmen. Die Sekundanten hatten die Waffen geladen, der Arzt stand seitwärts vor seinem aufgeschlagenen Verbandskasten, und auf allen Gesichtern lag schwerer Ernst, denn die Duellanten hatten nur drei Schritt Barriere verabredet.
Da sagte Bismarck:
»Meine Herren, Ihre Ausmachung bedeutet nicht mehr ein Duell, sondern einen Mord. Dazu gebe ich meine Hand nicht! Die Sache, um deretwillen Sie sich hier gegenüberstehen, ist, wie ich nicht zweifle, auf ein unseliges Mißverständnis zurückzuführen, und nicht derart, daß darüber zwei Menschenleben mit beinahe absoluter Sicherheit aufs Spiel gesetzt werden. Ich meine, der Ehre ist auch völlig genügt, wenn Sie zehn Schritte Abstand nehmen. Und nur für diesen Fall fungiere ich als Unparteiischer.«
Die Duellanten erklärten sich einverstanden.
Bismarck schritt die Entfernung mit weitausgreifenden Schritten ab und fügte noch zwei Schritte zu. Dann trat er an den Arzt heran, um diesen von der Eigenmächtigkeit zu verständigen – und nun mußten die Dinge ihren Lauf nehmen. Bismarck kommandierte, die Schüsse krachten gleichzeitig, – eine Sekunde lang stand jedem der Herzschlag still, – dann zog sich der bläuliche Rauch verschwimmend in die Morgenluft, und die Kugeln saßen irgendwo in zwei Baumstämmen. Blut ist bei jenem Zweikampf nicht geflossen.
Ruchbar ward die Sache aber trotzdem, und der Studiosus Bismarck erhielt zehn Tage Karzerstrafe, die er mit stoischem Behagen absaß, wobei er nicht versäumte, sich in die Präsenzliste einzuzeichnen, indem er seinen Namen in die Karzertür schnitt.
Nicht gar lange danach fühlte er eines Morgens ein seltsam Mißbehagen in seinen Gliedern. Das war ein Ziehen und Frösteln, so ganz anders als nach lustig durchlebter Nacht, und er fand, daß es doch vielleicht gut wäre, einen Medikus zu Rate zu ziehen. Der Arzt konstatierte Wechselfieber, und so lag er einige Tage zu Bette, verstimmt, gelangweilt, appetitlos, und versuchte unmutig ab und zu etwas von dem verschriebenen Chinin einzunehmen.
Da kam eines Morgens eine Sendung aus Pommern. Ein köstlicher Duft stieg aus der geöffneten Kiste, und der Patient begann mit zunehmendem Interesse die Herrlichkeiten auszupacken, welche mütterliche Liebe und Sorgfalt ihm hatte zugehen lassen. Neben den berühmten pommerschen Gänsebrüsten lachte ein saftiger bräunlicher Schinken, und behagliche Würste streckten ihre glänzenden Glieder dazwischen.
Ein Gruß aus der Heimat! Na, ein Stückchen Wurst wird auch bei Fieber nicht schaden! Die Mettwurst ist so saftig und würzig, und es ist ganz wunderbar, wie einem der Appetit beim Essen kommt. Der Kranke schneidet eine Scheibe nach der anderen herunter, und erst, als eines der kleinen Ungetüme, die ihre drei bis vier Pfund wiegen mochten, zur Hälfte verschwunden war, stellte Bismarck seine Tätigkeit ein. Dabei war ihm so wohl, wie seit einigen Tagen nicht, und der Arzt sah, als er kam, mit freudiger Verwunderung seinen Patienten.
»Da hat das Chinin wieder einmal sein Wunder getan!« sagte er mit Genugtuung; Bismarck aber sprach:
»Ich habe ein Mittel genommen, das mir noch wirksamer scheint. Recipe: Jede Stunde ein halb Pfund pommersche Mettwurst; ’s ist probat, lieber Doktor!«
Der Arzt sah mit verwundert großen Augen die geöffnete pommersche Kiste und »was Arbeit unser Held gemacht.«
Zu Michaelis ging’s nach Kniephof. Drei Semester waren verlebt an der Georgia Augusta. Da saß er wieder in dem kleinen pommerschen Herrenhause und sah hinaus auf die bewegten Wipfel im Parke und blies aus der langen Pfeife vergnüglich seine Rauchwolken. Die Frau Mama schaute ihn mit Liebe und Sorge zugleich an und schien von Göttingen ein wenig enttäuscht. Die kleine Schmarre auf der Wange – sie stammte von der abgesprungenen Klinge eines Gegners – die bunten Pfeifentroddeln, die Cerevis schienen ihr verwunderliche Geschichten zu erzählen, und sie wollte ihren Jüngsten von nun ab etwas mehr in ihrer Obhut wissen!
So kam es, daß Otto von Bismarck nicht nach Göttingen zurückging, sondern noch drei Semester an der Berliner Hochschule verbrachte. Es ging auch hier eine Zeitlang flott und lustig weiter, und das »Gaudeamus!« klang in der preußischen Residenz nicht minder frisch und froh als in Göttingen.
Eines Abends trat er bei seinem Freunde, dem jungen Grafen Kaiserlingk, ein.
»Wie ist’s – gehst du mit zur Kneipe?« fragte er.
»Heute bin ich nicht in der Stimmung, und denke mich darum in meinen vier Pfählen behaglich einzurichten. Bleib da, Bismarck, an »Stoff« soll’s auch hier nicht fehlen, und meine Pfeifen stehen dir zur Verfügung.«
»Soll gelten – das Wetter ist jetzt verlockend zum Daheimsitzen – höre, wie der Wind um die Fenster saust. – Ah, da ist auch Motley« – unterbrach er sich, als ein junger, blonder Mann eintrat, den die beiden anderen herzlich begrüßten – »na, tres faciunt collegium!«
Er streckte sich behaglich auf dem Sofa und bat: »Aber nun mußt du unser Konvivium auch stimmungsvoll einleiten, Kaiserlingk!«
Der junge Graf setzte sich an das Instrument, und das sang und klang durch den Raum, als webe eine Geisterschar an einem Märchen; bald weich und melodisch, bald wild bewegt wie ein aufgeregtes Gemüt – klang es aus den Saiten, und der große Beethoven hatte das Wort! Und auf dem Sofa saß der wilde, flotte Bursche und hatte sich in die Ecke gelehnt und den Kopf in die Hand gestemmt. Als der letzte Ton verklungen, sagte er:
»Sehr schön, Kaiserlingk! – das kann böse Geister bannen, und mir ist, als verstehe ich jetzt erst die Geschichte von Saul und David. Heute taugte ich überhaupt nicht mehr für die Kneipe. Motley, haben Sie nicht einen Ihrer geistvollen geschichtlichen Aufsätze bei sich, es wäre köstlich, wenn Sie uns was mitteilen wollten.«
»Wenn es gewünscht wird, kann ich etwas holen« – sagte der junge Engländer, der in demselben Hause wohnte, und ging. Als er zurückkehrte, hatten sich noch zwei junge Gäste eingefunden, und nun wurde der Abend in der anregendsten Weise verlebt. Es war spät geworden, als Bismarck bat: »Kaiserlingk, nun noch etwas zur guten Nacht!«
Und der junge Graf griff noch einmal in die Tasten, und der bestrickende Zauber der »Mondscheinsonate« nahm die jungen Gemüter gefangen.
»Kinder,« sagte Bismarck, »solch ein Abend gibt einem ordentlich eine Sehnsucht nach dem Philistertum; lacht mich aus, wenn ihr wollt – aber von morgen an werde ich solide und verlege mich aufs Arbeiten. Und das hat mit ihrem Singen die Loreley getan! Gute Nacht!«
Und in der Tat legte er sich ins Zeug, um das in der flotten Burschenzeit Versäumte nachzuholen. Um die Osterzeit des Jahres 1835 kam er eines Tages in das Haus seiner Tante, der Generalin von Kessel, und wurde hier, wie immer, von seinen Cousinen heiter und herzlich begrüßt.
»Na, heute bitte ich mir etwas Respekt aus! Seht ihr mir nichts an?«
Neugierig und lachend betrachteten ihn die jungen Damen von allen Seiten.
»Was soll denn aus dir wohl werden, so über Nacht?«
»Ja, das Raten ist nicht eure starke Seite! Da will ich’s euch sagen. Ich habe vorgestern mein Staatsexamen gemacht und bin als Auskultator für das Stadtgericht vereidigt worden!«
»Ah! – Gratuliere! – Aber ansehen kann man dir die Würde nicht!« rief es durcheinander, doch Fräulein Helene, die als Künstlerin sehr tüchtig war, rief:
»Diese Phase seines Lebens muß festgehalten werden! Otto, ich male dich als Auskultator!«
»Kann mir nur schmeichelhaft sein! Da weiß man später doch einmal, wie man als neugebackener Philister ausgesehen hat.«
Da trat Bernhard von Bismarck ein, der gleichfalls in Berlin als Referendar tätig war, und der mit Otto zusammenwohnte.
»Ich habe mir’s gleich gedacht, daß er bei Euch stecken wird« – rief er; »jetzt, da er in Amt und Würde ist, sucht er freundliche Häuslichkeiten mit heiratsfähigen Töchtern!«
»Aber Bernd« – riefen die Damen entrüstet.
»Freut euch doch, daß die Zeit vorüber ist, in welcher er jungen Damen die Fenster einzuwerfen pflegte.«
»Und das hat er wirklich getan?«
»Da sieht man wieder die Übertreibung,« lachte Otto von Bismarck – »wobei nicht einmal meine besondere Liebenswürdigkeit erwähnt wird. Daß der Göttinger Professor, der durch sein Verhalten gegen mich das Fensterattentat provoziert hatte, einige Töchter besaß, konnte ihn freilich vor meiner Rache nicht retten, aber ich kann zu meiner Entschuldigung sagen, daß ich die Scheiben nicht mit Steinen, sondern mit Kandiszucker eingeworfen habe, um den Mädchen wenigstens einigermaßen den Schrecken zu versüßen. Übrigens, bitte, stellt mir einmal einen dienstbaren Geist zur Verfügung! Ich habe einen Schuster in der Kronenstraße, welcher mir bis gestern ein Paar Stiefel liefern sollte, und mich, wie bereits in früheren Fällen, im Stiche ließ. Den Mann will ich Ordnung lehren. Seit heute früh sechs Uhr schicke ich ihm alle zehn Minuten einen Boten mit der Anfrage, ob meine Stiefel noch nicht fertig wären. Ich vermute, daß ich sie heute noch erhalte.«
Wenige Tage später saß der junge Auskultator im Berliner Stadtgericht und waltete seines Berufes mit Eifer und – je nachdem – auch mit Humor. Der Sommer verging und der Herbst, und der Winter brachte mit seinen geselligen Vergnügungen manche schöne Abwechslung in die Einförmigkeit seines Amtes. Von besonderem Interesse war dabei der erste Hofball, welchem er beiwohnte.
Seine äußere Erscheinung auf demselben war in jeder Weise vornehm und durch Gestalt und Haltung geradezu auffallend. Üppiges Haar umwallte das hochgetragene Haupt, und in dem geistvollen aristokratischen Gesichte blitzten frisch, lebhaft und durchdringend klar die Augen. Wie er so Arm in Arm mit seinem Kollegen, dem Auskultator von Scherk, dahinschritt, folgten alle Blicke den beiden prächtigen Gestalten, die der bekannte selige Preußenkönig sich für seine Potsdamer Riesengarde nicht gern hätte entgehen lassen. Auch dem Prinzen Wilhelm (dem nachmaligen Kaiser Wilhelm I.) fielen die beiden jungen Männer auf, und als sie ihm vorgestellt wurden, sagte er mit wohlgefälligem Lächeln:
»Nun, die Justiz legt wohl auch jetzt das Gardemaß an ihre Leute?«
»Königliche Hoheit,« erwiderte Bismarck, indem er klar und voll den Prinzen anblickte, »auch wir Juristen ziehen den Soldatenrock an, wenn es fürs Vaterland gilt!«
Am nächsten Morgen saß er, noch in Erinnerung an den vorigen Abend versunken, am grünen Tische des Stadtgerichts. Vor ihm stand ein biederer Berliner, der in einer Bagatellsache zu vernehmen war. Der Mann, welcher den kaustischen Humor, aber auch die Zungenfertigkeit des hauptstädtischen Proletariers besaß, glaubte, dem jungen Auskultator gegenüber sich noch mehr als üblich herausnehmen zu dürfen, und perorierte in nicht ganz ruhiger Weise. Bismarck, dem die Sache endlich zu arg ward, sprang mit seiner imponierenden Gestalt auf und rief: »Wenn Sie sich nicht mäßigen, werfe ich Sie hinaus!«
Der Mann war einigermaßen verdutzt über diesen unerwarteten Ausbruch, aber auf Bismarck selbst trat der anwesende Stadtgerichtsrat herzu und sagte, indem er ihm die Hand auf den Arm legte:
»Das Hinauswerfen ist meine Sache, Herr Auskultator!«
Bismarck nahm sein Gerichtsverfahren wieder auf, der Berliner aber, welcher nun Oberwasser erhalten zu haben meinte, wurde noch unangenehmer als zuvor, bis der Auskultator zum zweitenmal aufsprang und mit einem sehr bezeichnenden Seitenblick rief: »Herr, wenn Sie sich nicht mäßigen, lasse ich Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen!«
Das Stadtgericht wollte Bismarck überhaupt nicht länger behagen; er brauchte ein größeres Feld, einen weiteren Gesichtskreis, und so verließ er 1836 Berlin und begab sich als Hilfsarbeiter zur Königlichen Regierung nach Aachen, wo der Regierungspräsident Graf Arnim-Boytzenburg sich freundlich des jungen Referendars annahm und auch gesellig in seiner Familie mit ihm verkehrte.