König Friedrich Wilhelm III., der die Not und die herrliche Erhebung Preußens gesehen, war gestorben, und sein Sohn, Friedrich Wilhelm IV., hatte den Thron bestiegen. Das war im Jahre 1840, und in den Oktobertagen desselben fanden sich zahlreiche Vertreter des Volkes und des Adels zur Huldigungsfeier in der Hauptstadt ein. Die Sonne des 15. Oktobers war freundlich aufgegangen über dem Lustgarten, wo die tausendköpfige Menge sich um die reichgeschmückten Söller drängte, von welchen herab der neue Herrscher zu seinem Volke sprechen wollte.
Nun war er erschienen, ließ seine hellen Augen über die in Ehrfurcht schweigende Versammlung schweifen, und dann begann er in der ihm eigenen lebhaften und begeisternden Art zu sprechen. Und die Stimme klang so klar wie Glockenton hinein in die heftiger pochenden Herzen:
»Ritter, Bürger, Landleute und von den hier unzählig Gescharten alle, die meine Stimme vernehmen können, ich frage Sie, wollen Sie mit Geist und Herz, mit Wort und Tat und ganzem Streben, in der heiligen Treue der Deutschen, in der heiligeren Liebe der Christen mir helfen und beistehen, Preußen zu erhalten, wie es ist, wie es bleiben muß, wenn es nicht untergehen soll? Wollen Sie mir helfen und beistehen, die Eigenschaften immer herrlicher zu entfalten, durch welche Preußen mit seinen nur 14 Millionen den Großmächten der Erde beigesellt ist, nämlich Ehre, Treue, Streben nach Licht, Recht und Wahrheit, Vorwärtsschreiten in Altersweisheit zugleich und heldenmütiger Jugendkraft? Wollen Sie in diesem Streben mich nicht verlassen und versäumen, sondern treu mit mir ausharren durch gute und böse Tage? O, dann antworten Sie mir mit dem schönsten und klarsten Laut der Muttersprache, antworten Sie mir ein ehrenhaftes Ja!«
Und mit überwältigender Macht brauste das Wort durch die bewegten Lüfte, unten aber in der dichtgedrängten Menschenmenge faßte ein junger, stattlicher Mann die Hand des neben ihm Stehenden mit warmem Drucke und sagte:
»Das soll gelten, Bernd, für alle Zeiten!«
»Helf uns Gott, Otto!« erwiderte der andere; der alte, stattliche Herr aber, welcher bei den beiden stand, wischte sich einmal mit der Hand über die Augen.
Die Menge wogte auseinander. Die drei jedoch schritten langsam hindurch, der alte Herr in der Mitte, der nun sagte:
»Das war seit langem wieder eine schöne, erhebende Stunde, die wir alle nicht vergessen wollen. Schade, daß wir der Mutter nicht mehr davon erzählen können.«
Es waren drei hochragende, prächtige Gestalten, welche durch die belebten Gassen schritten nach der Behrenstraße zu; ehe sie aber dieselbe erreichten, kreuzte ein junger Mann von gleichfalls auffälliger Statur ihren Weg. Er zog überrascht den Hut, und der Jüngste von den dreien rief lebhaft:
»Schenk! – Du bist hier?«
Eine herzliche Begrüßung der Freunde folgte, und bald gingen sie, nachdem sie sich von den beiden anderen verabschiedet hatten, zusammen auf den Bürgersteig hin, und betraten endlich ein Weinhaus, wo sie in einer abgelegenen Ecke sich niederließen. Der Kellner brachte Wein, leise klangen die Gläser zusammen, und Wilhelm von Schenk sagte: »Nun weißt du meine Erlebnisse, lieber Bismarck, jetzt laß mich hören, wie es dir gegangen ist, seitdem du nach Aachen übergesiedelt warst.« Der andere sprach:
»In Aachen habe ich nicht lange ausgehalten. Ich kam beinahe wieder in die alte Burschenherrlichkeit hinein, und das wollte mir nicht passen. Ich hatte das Bewußtsein, daß mein preußisches Beamtentum mir dort mit Grundeis gehe, und das wollt’ ich nicht. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, redlich zu arbeiten im Dienste des Vaterlandes, und so wurde ich auf mein Ansuchen im Herbste 1837 nach Potsdam versetzt, wo der Geheimrat Wilke mir Pünktlichkeit und Strammheit im Dienste angewöhnte. Die konnte ich auch ganz gut brauchen, als ich im nächsten Frühling des Königs Rock anzog und bei den Potsdamer Gardejägern als Einjährig-Freiwilliger die Anfangsgründe der Kriegskunst exerzierte. Das habe ich so ein halbes Jahr getrieben. Dann ließ ich mich zum 2. pommerischen Jägerbataillon in Greifswald versetzen. Da war ich Soldat und Student zugleich und hörte in Eldena landwirtschaftliche Vorlesungen, denn in dem Hintergrunde der nächsten Zeit lag bereits die Aussicht, einen Teil unserer Güter übernehmen und Landwirt werden zu müssen. Es gab so manches gutzumachen und in die Höhe zu bringen – na, wie das eben so geht. Ostern 1839 war ich denn auch wieder in Kniephof. Meine Eltern zogen sich nach Schönhausen zurück, und Bernhard und ich übernahmen die pommerischen Güter, so zwar, daß mir Jarchelin und Kniephof und meinem Bruder Külz zukam. Es fiel mir aber gleich in den Anfang dieser selbständigen Tätigkeit ein trüber Schatten – du weißt wohl – –«
»Ich weiß, deine treffliche Mutter ist voriges Jahr gestorben – nimm noch die Versicherung meiner herzlichen Teilnahme! Sie war eine ausgezeichnete Frau!«
»Ja, sie war »Verstand des Hauses«, und uns war sie noch mehr. Nun sitzt mein Vater ernst und trüb in Schönhausen, und Malwine sucht ihn zu erheitern, so gut das gehen will. Ich aber habe den Diplomaten an den Nagel gehängt und baue meinen Kohl!«
»Und wenn das Vaterland ruft, bist du doch da!«
»Das ist selbstverständlich. War das nicht herzerhebend heute, wie alle die Tausende dem König die Versicherung ihrer Treue gaben? Mir ist mein »Ja« aus vollem Herzen gekommen – laß uns anstoßen: Dem Vaterlande die ganze Kraft!«
Die Gläser klangen hell und voll, und die Augen der beiden jungen Männer leuchteten. Sie saßen noch eine Weile beisammen und tauschten alte Erinnerungen, dann erhob sich Bismarck:
»Mein Aufenthalt in Berlin ist knapp bemessen, so daß wir uns hier kaum noch einmal sehen. Aber wenn dich dein Weg ins Pommernland führt, so erinnere dich, daß Otto von Bismarck auf Kniephof bei Naugard sitzt und seinen Freunden dankbar ist, wenn sie ihm die Gelegenheit geben, sie zu bewirten!«
Kurze Zeit darauf saß er wieder in seinem schlichten Herrenhause. Mit Scharfblick und Tatkraft erfaßte er die Verhältnisse und suchte nach allen Kräften zu bessern. Am frühen Morgen schon war er im Sattel und ritt durch die Felder, um nach dem Rechten zu sehen, oder bei erfahrenen Nachbarn Rat zu erholen, und daheim machte er sich über seine Wirtschaftsbücher und brachte Klarheit und Ordnung in die Verwaltung seines Besitztums. Im dämmernden Abendschein schritt er durch den Park, begleitet von seiner Dogge, und manchmal kamen ihm recht wunderliche Gedanken, und ein stürmischer Tatendrang wollte ihn erfassen und in die Welt treiben.
An einem solchen Abend kam er unmutig herein in seine vereinsamten, stillen Räume. Die Bücher, welche er sonst in diesen Stunden zur Hand nahm, wollten ihm heute nicht gefallen, die Pfeife war ihm ausgegangen, und mit weitausgreifenden Schritten ging er durch die Wohnräume seines Kniephof. Da blieb er vor einem Bilde stehen. Es war ein alter preußischer Reiteroberst, der da aus dem Rahmen auf ihn herunterschaute, sein Urgroßvater, Herr Friedrich August von Bismarck, dem weiland in der Czaslauer Schlacht eine Kugel zwischen Leib und Seele gefahren war. –
»Ein ganzer Mann, dieser alte Herr! Das Leben genießen und dann einen fröhlichen Reitertod sterben fürs Vaterland – das muß schön sein! Ich glaube, in mir steckt etwas von dem »tollen Bismarck«, und ein lustig Reiten, ein fröhlich Zechen tut mir wieder einmal not, wenn ich nicht versauern soll. Dabei braucht man nicht zu verderben! Morgen geht’s einmal ins Weite!«
So sprach er zu sich selber, und wie er wieder nach seinem Zimmer zurückschritt, sah er seine Pistolen an der Wand hängen. Er nahm sie herab.
»Ich muß mir Luft schaffen!« rief er, wie einstens in der Behrenstraße 53 im Zimmer seines Bruders, und gleich darauf krachten die Schüsse und schlugen in die Decke, daß Kalk und Mörtel splitterten.
Am anderen Morgen ließ er sein Pferd satteln und brauste fort, »daß Kies und Funken stoben«. Er hatte sich erinnert, daß in Kollin bei Stargard an diesem Abend eine vergnügte Gesellschaft beisammen sei, und wenn es bis dahin auch etwa 14 Meilen waren, er wollte zeigen, was ein tüchtiger Reiter und ein gutes Pferd leisten können.
In Wangerin hielt er Mittagsrast. Am Tische neben ihm saß ein junger Mann, der sich ihm als Weinreisenden vorstellte und seine Ware anpries. Bismarck verlangte, daß er ihm Proben vorführe, und der andere brachte, was er bei sich hatte.
Ein Fläschchen um das andere wurde vor den Augen des erstaunten Reisenden leer, und Bismarck begehrte immer mehr Proben, bis dem anderen der Vorrat ausging. Das war in einem kleinen Stündchen abgetan, und nun ging’s wieder zu Roß weiter auf der Stargarder Straße, und abends traf der wilde Reiter in Kollin ein und überraschte die heitere Gesellschaft. Nun gab es ein fröhlich Zechen, schallendes Gelächter bei manchem lustigen Schwank, und dem Besucher, der aus der Einsamkeit seines Kniephof kam, erfrischte es Herz und Mut, sich wieder einmal in genialer Burschenlust gehen zu lassen.
Er lud seine Freunde ein, ihn auf seinem Schlößlein zu besuchen, und sie blieben nicht aus. Der alte Kniephof sah nun manche übermütige Stunde. In die Nacht hinaus klangen lärmende Zecherlieder, und oben ging das Trinkhorn in die Runde, und aus den großen Pokalen trank man Porter und Champagner durcheinander. Dann raste es mitunter nächtlicherweile wie die wilde Jagd durch den schweigenden Park, krachende Schüsse weckten die Ruhe der Schläfer, von abenteuerlichen Streichen, von wunderlichen Wetten gingen die seltsamsten Geschichten in der Runde, und bald hieß es: »der tolle Bismarck ist auf Kniephof wieder lebendig geworden!«
Manch einer kam, angezogen durch dieses Treiben; er fand ein gastliches Haus, einen gefüllten Becher, einen jovialen Wirt, – aber es geschah, daß dieser mitten in der übermütig lärmenden Unterhaltung ein Wort aufgriff, an das er ernste und geistvolle Erörterungen knüpfte, wie sie aus historischen Reminiszenzen und aus seinem eigenen, für die Ehre des Vaterlandes begeisterten Herzen kamen. Dann horchte die verwunderte Tafelrunde hoch auf, und manch einem kam ein Ahnen, daß in dem jungen Gutsherrn mehr stecke, als zur Verwaltung von Kniephof gehöre.
Das Herz hatte er auf dem rechten Flecke, und das hat er, wo es galt, bewiesen. Im Sommer 1842 war er als Landwehroffizier in Lippehne. Der schneidige Ulanenleutnant war auch hier einem kecken, lustigen Streiche nicht abgeneigt, so wenig wie den Freuden des Bechers. Eines Nachmittags kam er mit einigen Kameraden an den Wendelsee. Er wollte mit seinen Begleitern über die Brücke gehen, die über denselben führt, da er aber merkte, daß eben sein Reitknecht ankam, um in dem Wasser sein Pferd zu schwemmen, blieb er stehen. Der Bursche ritt zwischen der Brücke und der Gotthardtschen Gerberei in den See. Ob nun die Anwesenheit der Offiziere ihn verwirrte, oder ob das Pferd den Grund verlor, – genug, er zog die Zügel zu straff an, das Tier wurde unruhig, bäumte sich, und der Reiter flog herab und verschwand auch sogleich in den Wellen.
Bismarck überlegte in diesem Augenblicke nicht; er warf Mütze und Säbel fort und sprang, wie er war, in Uniform, über das etwa 15 Fuß hohe Brückengeländer kopfüber in den See. Mit starker Hand faßte er den Burschen, der halb bewußtlos ihn so umklammerte, daß er selbst in freier Bewegung gehindert war. Da riß er denselben mit sich nieder zum Grunde, um ihn bewußtlos zu machen. Es waren bange Augenblicke für die, welche auf der Brücke standen. Blasen stiegen aus dem Wasser … aber die beiden Menschen kamen nicht empor. Endlich tauchte das Haupt Bismarcks auf. Er hatte mit fester Hand den Burschen gepackt, ihn auf den Rücken geworfen, und zog nun schwimmend ihn hinter sich her, bis er Grund fand. Nun schleppte er den Bewußtlosen auf seinen Armen an das Ufer, wo er freudig begrüßt wurde.
Eine gewaltige Erregung ging durch die ganze kleine Stadt, und als Bismarck, der sich in der Nähe umgekleidet, nach derselben zurückkehrte, kam ihm eine Schar von Bürgern mit dem Oberpfarrer Stöhr in seiner Amtstracht an der Spitze entgegen, um ihn zu begrüßen und zu beglückwünschen.
Bald darauf erhielt er vom König die Rettungsmedaille, welche er jederzeit mit Stolz getragen hat.
Der flotte Offizier ging wieder nach Kniephof zurück. Es kam ihm doppelt still vor, und manchmal war’s ihm, als dränge es ihn hinaus in die Welt, – der gärende Most wollte noch nicht zur Klärung kommen. Das Wort, das seine herrliche Mutter einst gesprochen: »Bernhard soll Landrat, Otto Diplomat werden!« kam ihm immer wieder in den Sinn. Der erste Teil war zur Wahrheit geworden, sein Bruder saß als Landrat in Naugard, und der Ausspruch der Mutter erschien ihm bezüglich seiner selbst wie eine vorwurfsvolle Mahnung.
So kam es, daß er einen neuen Anlauf nahm und wieder bei der Potsdamer Regierung als Referendar eintrat. Ein rechtes Behagen fand er aber bei alledem nicht, zumal sein Vorgesetzter, der Regierungspräsident, ihn in beinahe geringschätziger Weise behandelte. Da kam ihm der alte Bismarcktrotz, und es brauchte nicht viel, um den Becher des Unmuts bei ihm überschießen zu lassen.
Eines Tages erhielt er von seinem Bruder das Ersuchen, ihn auf einige Zeit zu vertreten. Er begab sich zu seinem Vorgesetzten, um sich einen Urlaub zu erbitten. Als er eintrat, stand dieser am Fenster, kehrte ihm den Rücken zu und trommelte auf der Scheibe. Bismarck stand einige Augenblicke ruhig, dann schritt er an ein anderes Fenster und begann nun seinerseits erst leise, dann immer vernehmbarer und lustiger einen Marsch mit den Fingerspitzen zu exekutieren.
Jetzt fuhr der Präsident unmutig herum, und während der Referendar noch weitertrommelte, fragte er zornig:
»Was wünschen Sie?«
»Eigentlich wollte ich mir einen Urlaub nachsuchen, jetzt bitte ich um meinen Abschied.«
Und nun ging er nach Pommern, um für seinen Bruder einzutreten, dann aber trieb es ihn hinaus in die Welt, und selbst seine Freunde wußten nicht immer, wo sie mit ihrem Gedanken ihn suchen sollten.
Im Herbst 1844 trafen sich zwei derselben im Seebad Norderney. Der eine fragte:
»Wissen Sie nichts von Otto von Bismarck?«
»Nach den letzten Nachrichten war er in England – und dieser Tage habe ich eine Mitteilung aus Pommern erhalten, nach welcher er von dort nach Indien zu gehen beabsichtigt.«
»Sieht ihm ähnlich, dem unruhigen Geiste, – er weiß eben nicht, wohin er soll mit seiner Kraft.«
Und während die zwei so redeten, kam er selber mit langsamen Schritten über die Dünenhügel her. Die Gestalt schien noch stattlicher geworden; aus dem gesunden, bartumrahmten Gesichte blitzten die klaren Augen, und kraftvoll und sicher kam er heran, sehr zum Staunen und zur Freude seiner Freunde.
Lange hielt er an der See nicht aus. Er mußte heim, es zog ihn nach Schönhausen, wo am 30. Oktober ein schönes Familienfest stattfinden sollte, die Vermählung seiner Schwester Malwine mit seinem Jugendfreunde Oskar von Arnim-Kröchlendorff. Das Herrenhaus in der Altmark prangte im Festschmucke, seine »Malwine« strahlte vor Glück, und sein Vater war freudig erregt, ihn selbst aber wollte eine leise Wehmut fassen bei dem Gedanken, daß sein »sehr Geliebtes« jetzt aus dem Elternhause gehe und sein Vater nun ganz allein bleiben sollte.
Als der Hochzeitslärm und die Festlust verrauscht war, blieb er noch bei dem alten Herrn zurück. Sie gingen täglich zusammen durch den Park und nach der Schäferei, widmeten sich gemeinsam der Beobachtung der Thermometer und bemühten sich gleich weiland Karl V. die Uhren im Herrenhause in Übereinstimmung zu bringen. Endlich mußte er aber doch daran denken, wieder nach Kniephof zu gehen. Beim Abschied von Schönhausen band er dem Inspektor Bellin und seiner Frau es dringendst auf die Seele, recht gut für den alten Herrn zu sorgen, eine Mahnung, welche die kleine, wackere Frau beinahe als Beleidigung hätte ansehen dürfen.
Nicht lange danach gab es eine zweite Hochzeitsfeier, auf dem pommerschen Herrensitze Triglaff, wo Bismarcks liebster Freund, Moritz von Blankenburg, mit der Tochter des Hauses sich vermählte. Es war ein vergnügtes Fest, und die Zahl der Gäste eine große. Unter den Brautjungfern aber befand sich ein anmutiges Edelfräulein, einfach und doch gewinnend in ihrem ganzen Wesen, und als Bismarck ihr vorgestellt wurde, hatte er ein eigentümlich wonniges Empfinden. Das Mädchen mit den blauen Augen, Johanna von Puttkamer, hatte es ihm von der ersten Begegnung ab angetan.
»Sie ist die einzige Tochter von Jakob von Puttkamer; seine Frau ist eine geborene von Glasenapp, und sie sitzen auf Reinfeld,« hatte Blankenburg ihm gesagt, und ein anderer Freund fügte bei:
»Da geht’s anders zu als auf Ihrem Kniephof, lieber Bismarck. Da gibt’s keine tollen Wetten, keine wilden Jagden und kein Porter-Sekt-Gemisch aus Ochsenhörnern, da ist alles fein ehrsam und sittsam, ruhig und fromm. Ihr singt »Freut euch des Lebens«, und auf Reinfeld werden nur Choräle gesungen. Also sehen Sie dem Fräulein von Puttkamer nicht zu tief in die Augen!«
Aber Bismarck tat, wie es ihm paßte, und als er abends im Garten zu Triglaff neben dem anmutigen Mädchen saß und mit ihr plauderte, da war ihm das ganze Feuerwerk gleichgültig geworden, welches dem jungen Paare zu Ehren losgebrannt wurde. Die Stimmung war bei allen eine froherregte: Die spielenden Lichter, die rollenden Feuersonnen, die aufzuckenden Strahlengarben, welche in die Abenddämmerung hineinglühten, erhöhten dieselbe, und Scherze und heitere Zurufe gingen hin und her. –
Da sauste zischend eine Rakete empor, den funkelnden Schweif nach sich ziehend, und aller Augen folgten. In demselben Moment erhob sich ein stärkerer Windstoß, welcher das Geschoß seitwärts trieb gegen den Wirtschaftshof. Dort fiel es auf ein Strohdach nieder, und nach wenigen Minuten loderte daraus eine Flamme empor, welche nichts weniger als programmgemäß war. Der Wind machte die Sache noch gefährlicher. Angstrufe erschollen, Verwirrung kam unter die Gäste, die Dienerschaft und die Dorfleute liefen davon, und die glühende Lohe schlug bereits hoch empor und schwelte hinüber nach einem Nachbargebäude.
Bismarck verlor keinen Augenblick seine Besonnenheit. Er eilte nach dem Stalle, wo er mit der neuvermählten Frau von Blankenburg zusammentraf, welche, beseelt von gleicher Energie, ihm half, die Pferde herauszuholen und vor einen Wasserwagen zu spannen, und gleich darauf jagte der junge Edelmann die Rosse nach der Brandstätte zu und brachte hier mit seinem bestimmten Wesen, mit seiner sicheren Klarheit Ordnung in die Löschanstalten. Das Feuer aber griff trotzdem rasch um sich, und am Morgen beleuchtete die aufgehende Sonne die rauchenden Trümmer auf dem Gutshofe wie im Dorfe selbst.
Als Bismarck von Triglaff schied, sagte ihm der alte Herr von Thadden:
»Ich glaube, lieber Freund, es hat gestern zweimal gebrannt auf Triglaff, und der zweite Brand wird sich wohl nicht wieder löschen lassen. Na, Sie wissen wenigstens, wo die Brandstifterin wohnt und können sie auf Reinfeld zur Rechenschaft ziehen. Viel Glück dazu!«
Die Worte sangen und klangen dem jungen Edelmann noch lange in den Ohren, und wenn er daran dachte, mußte er still vor sich hinlächeln.
Der Winter ging, und der Frühling kam, und der junge Gutsherr hatte alle Hände voll zu tun mit seiner Landwirtschaft, dazwischen brach wohl auch einmal die alte, stürmische Lust, in die Welt zu jagen, sich Bahn. Das Gefühl einer gewissen Vereinsamung überkam ihn manchmal auf seinem Kniephof, und er strich dann freundlicher über den Kopf Odins, seines Hundes, der ihm ein treuer Begleiter war.
Das Jahr sollte auch noch trübe genug enden. Im November erhielt Bismarck die Nachricht, daß es mit seinem Vater, der von einem Schlaganfall sich nicht mehr erholen konnte, recht schlimm stehe, und so eilte er nach Schönhausen. Er fand den Teuren sehr schwach, und gab sich keinen Hoffnungen hin. Auch der Inspektor Bellin und seine Frau waren mutlos und verzagt. Die Frau erzählte:
»Ach, ich hab’s ja schon kommen sehen. Vor einigen Wochen, Sonntags, kam der gnädige Herr gar nicht, um sich zur Kirche zu begeben, die er doch nie versäumte. Die Glocken hatten schon geläutet, und so nahm ich mir den Mut, bei ihm einzutreten und ihn zu erinnern. Da sprach er ganz traurig: ›Ach, liebe Bellin, ich muß doch sehr schlecht hören, wenn ich die Kirchenglocken überhöre.‹ Und dann ging er eilig nach dem Gotteshause.«
Und der Inspektor fügte bei:
»Er hat manchmal so Ahnungen gehabt, und das gefällt mir nicht. Wie heuer im Frühjahr uns die Elbe bis in den Park hereinkam und einige von unseren schönen, alten Linden wegnahm, da war der gnädige Herr so sehr gedrückt. ›Mein lieber Bellin,‹ sagte er, ›die Linden sind eingegangen, ich denke, ich gehe nun auch bald ein‹.«
Und am 22. November hielt der treue Sohn die erkaltende Hand des Vaters in der seinen und drückte diesem die Augen zu.
Das war ein Trauertag für Schönhausen, als der alte, brave Gutsherr in die Gruft gesenkt wurde, und von den Bauern wischte sich manch einer die Augen aus, dem der Verewigte mit Rat und Hilfe beigestanden. Ernst und trübe sahen die beiden Brüder den Sarg hinabsenken, dann gingen sie schweigend nach dem Herrenhause zurück.
»Wie ist’s, Otto,« sagte dort Bernhard, »du übernimmst Schönhausen und überläßt mir Jarchelin.«
»Wenn dir’s so recht ist, Bernd – ich bin einverstanden!«
So war die Erbschaftsangelegenheit glatt und einfach geordnet, und das alte Schönhausen sah im nächsten Frühling einen freundlicheren Tag. Johannistag war’s, das liebliche Sommersonnwendfest. Die alten Linden blühten und dufteten, die Sonne blickte hell vom blauen Lenzhimmel, und am Portal des Herrenhauses standen der Inspektor und seine Frau, Knechte und Mägde, Bauern und Bäuerinnen. Der Eingang war mit grünen Reisern umwunden, und Otto von Bismarck hielt seinen Einzug in seinen Stammsitz, und nannte sich nun von Bismarck-Schönhausen.
Aber einsam war es ihm hier, gar so einsam. Der tolle Jugendübermut schien ausgeschäumt zu haben, er hatte wiederholt bereits dem Ernst des Lebens in das Auge geschaut, hatte Amt und Würden angenommen als Deichhauptmann und als Vertreter der Ritterschaft des Kreises Jerichow im Merseburger Provinziallandtag. Aber seine Seele sehnte sich nach dem Glücke des Familienlebens, und immer wieder trat das Bildnis jenes anmutigen Fräuleins, das es ihm auf Triglaff angetan, vor ihn hin.
In solcher Stimmung traf ihn eine Aufforderung seines Freundes Blankenburg zu einer Herbstreise; auch Fräulein von Puttkamer werde sich beteiligen. Das war der Wink des Schicksals, ihm mußte Folge geleistet werden.
Was war doch das für ein herrliches Wandern durch die malerischen Täler, auf die umgrünten Höhen des eigenartigen deutschen Gebirges! Blauer Himmel über herrlichen, lachenden Landschaftsbildern, Lerchengesang in der Luft und jauchzenden Herzschlag in der Brust. Das junge Blankenburgsche Paar störte den in zwei Seelen erwachenden Frühling nicht, und unter den leise rauschenden Bäumen des Harzwaldes ward der Bund so gut wie geschlossen. Glückselig kehrte Bismarck in sein Schönhausen heim und setzte sich nun hin, um an Herrn und Frau von Puttkamer auf Reinfeld zu schreiben und sie um die Hand ihrer Tochter zu bitten.
Der Brief tat eine wunderliche Wirkung. Der alte Herr, der eben von einem Ritt ins Feld heimkam, las ihn und traute seinen Augen kaum. Dann eilte er zu seiner Frau.
»Höre, Luitgard, – lese ich denn recht? – Mir ist’s, als hätt’ mir einer mit der Axt auf den Kopf geschlagen! – Der wilde Bismarck will unsere Johanna zur Frau!«
Frau von Puttkamer schlug die Hände zusammen.
»Unmöglich – unser stilles, frommes Kind und dieser tolle Bismarck. Da ist kein Segen drin, dazu gebe ich niemals meine Hand!«
»Ja, er schreibt auch hier, mit Johanna wäre er einig – na, das ist eine schöne Bescherung!« Die Frau des Hauses war aufgesprungen, sie rief nach ihrer Tochter. Das Fräulein kam mit geröteten Wangen, sie schien zu ahnen, um was es sich handle, und daß sie nun den ersten Kampf für den Mann ihrer Wahl bestehen müsse. Und sie bestand ihn siegreich gegen die Aufregung des Vaters und gegen die Tränen der Mutter. Von der Kraft ihrer Herzensneigung erfüllt, trat sie mutvoll für den Geliebten ein, und als die Eltern den entschiedenen Willen ihrer sonst so sanften Tochter erkannten, wurde der Freier eingeladen, nach Reinfeld zu kommen.
Und er kam. Die imponierende Persönlichkeit mit ihrer ritterlichen, gewinnenden Vornehmheit gewann die Mutter, der patriotische, warmherzige, königstreue Sinn den Vater, und so gab es eine fröhliche Verlobung.
Nun ward auf Schönhausen gerüstet zum Empfang der Herrin. Das alte Herrenhaus ward neu in Stand gesetzt, aber es kam noch ein Winter und ein Frühling, ehe der Bund den Segen der Kirche erhielt.
Der Lenz des Jahres 1847 zog ins Land mit Sturm und Brausen, und der Deichhauptmann ritt hinaus, um in Wetter und Graus seinen Pflichten zu genügen, und dabei lebte seine Seele in einer freundlichen Zukunft, wie schön es sein werde, wenn er nach stürmischem Tage heimkommen und Sturmmütze und Regenmantel ablegen und in das wohnliche Heim eintreten werde, wo zwei freundliche Augen ihm entgegenleuchten, zarte, liebe Lippen ihn begrüßen werden. Was kümmerten ihn die Frühlingsschauer und die rauhen Wettertage! Mitunter trieb es ihn auch zu Fuße hinaus an den Strand, um zu sehen, ob dem Uferlande keine Gefahr drohe. So kam er einmal dahergeschritten, mit seinem forschenden Auge die Deiche prüfend. Eine große, tiefe Lache – die Elbe war über ihre Ufer getreten – hemmte ihn auf seinem Wege. Er stand einen Augenblick still in ruhiger Überlegung, da erblickten ihn zwei Bauern, die mit ihren Angelruten am Ufer standen.
Der eine kam eilig herbei:
»Herr Deichhauptmann, ich trage Ihnen auf dem Rücken hinüber.«
Bismarck lachte: »Lieber Pietsch, das sind 182 Pfund!«
»All’ eins, Herr Deichhauptmann, Ihnen tragen wir alle mit Freuden!«
Dem Edelmann schlug das Herz wärmer bei solchen Worten des schlichten Mannes aus dem Volke. Das war die ehrliche märkische Art, die Art, aus welcher die Liebe auch zu König und Vaterland in Not und Gefahr erwuchs. Er dankte dem Manne herzlich, dann trat er mit seinen hohen Stiefeln ruhig in die Lache und schritt hindurch. Wenn es der einfache Bauer konnte, so mußte es auch der Deichhauptmann können. Die Bauern aber sahen ihm noch ein Weilchen nach, dann sagte der eine:
»Ein ganzer Mann mit dem Herzen auf dem rechten Flecke!«
»Gott erhalt’ ihn!« sprach der andere.
Der Sommer kam, und am 20. Juli ward in Reinfeld ein schönes Fest gefeiert, das zwei Menschen für ein ganzes reiches Leben verband, wie sie besser sich nicht finden konnten: Die Kraft und die Anmut, die Energie und die Milde hatten sich vereint – Otto von Bismarck hatte für sein Haus »das Herz« gefunden.
Und nun ging es hinein in die lachende Gotteswelt, dem schönen Süden entgegen. Die Tiroler Alpen und die Schweizer Firnen sahen nieder auf das glückliche Paar, dem die ganze Welt zu gehören schien, und das sein Glück widerspiegelte in den dunkeläugigen Bergseen und in der lachenden Wonne des italienischen Landes.
In der alten Dogenstadt Venedig hielten sie kurze Rast und fuhren über die in ernstem Schweigen ruhenden Lagunen und des Markusplatzes historische Pracht, aber das Herz des märkischen Edelmannes schlug höher, als er vernahm, daß gleichzeitig auch sein König Friedrich Wilhelm IV. in der alten Stadt der Wunder weile, und er konnte es sich nicht versagen, ihm seine Ehrerbietung auszudrücken.
Auch der König war erfreut über die Begrüßung, zumal ihm Bismarcks Name aus seiner jungen politischen Tätigkeit, die er seit kurzem entwickelte, vorteilhaft bekannt war; er unterhielt sich mit ihm in seiner lebhaften, geistvollen Art und war sichtlich erfreut über die ehrliche, schlichte Weise seines Untertans, so daß er ihn zur Tafel lud. Einen hoffähigen Anzug führte Bismarck freilich nicht auf seiner Hochzeitsreise mit, und er hatte Not, in Venedig etwas Passendes zu erhalten, aber das Herz, das unter dem geliehenen Gewande schlug, war und blieb die Hauptsache.
Begeistert für seinen König noch mehr als zuvor, setzte Bismarck mit seiner jungen Gattin seine Reise fort, und erst der Herbst lockte ihn wieder nach der Heimat, in das trauliche Nest, in dem er sein Vöglein betten wollte.
Die Altmark zeigte dem Heimkehrenden kein besonders freundliches Gesicht. Die Ernte war längst vorüber; kahl standen die Felder, durch die Kiefernbestände fauchte der Herbstwind, und durch den sinkenden Abend fuhr das Paar dem alten Herrensitze an der Elbe entgegen.
Sie hofften überraschend zu kommen, aber der Tag ihrer Ankunft war doch kein Geheimnis geblieben. Über den alten, rauschenden Linden hin zog sich ein grüßender Lichtschimmer, und als der Wagen hielt, da strahlte es von hundert Lichtern und Fackeln, und ihr Schein vergoldete das alte Bismarckwappen über dem Portal, die grünen Kränze und Girlanden, die es reich umschlangen, und die glücklichen Gesichter einer lebendig bewegten Volksmenge, welche erschienen war, des Hauses junge Herrin festlich zu begrüßen.
Jubelnder Zuruf klang dem Paare entgegen, höher loderten die Fackeln und Lichter, so daß ein rötlicher Schimmer über dem ganzen Bilde lag und gegen den Himmel stieg. Noch wogte die Lust und Freude, als Räderrasseln erklang und eine Spritze aus dem nahen Dorfe angefahren kam, deren Bemannung, getäuscht durch den Lichtschein, jetzt erkannte, daß es hier nichts Ernstliches zu löschen gab.
Nun konnte der Winter kommen; das freundliche Herrenschloß hatte seinen Sonnenschein alle Tage, und der wackere Deichhauptmann fand, wenn nach des Tages Mühen Frau Johanna im traulichen Gemache sich an den Flügel setzte und den Zauber der Töne mit ihren gewandten Fingern heraufbeschwor, daß es kein Glück gebe, dem einer anmutigen Häuslichkeit vergleichbar.