An einem wenig freundlichen Märztage des Jahres 1859 fuhr frühmorgens ein hochbeladener Postwagen, mit acht Pferden bespannt, zu dem Tore von Königsberg hinaus. Auf dem Außensitze saß Otto von Bismarck und schaute in den dämmerigen Morgen, der ihn aus Deutschland entführte nach den Ufern der Newa.
Eine behagliche Fahrt war es eben nicht.
In den Steppen Rußlands lag noch tiefer Schnee, und mühsam arbeiteten sich die Pferde fort, so daß der Gesandte es manchmal vorzog, neben dem Wagen herzuschreiten, zumal das den frosterstarrten Gliedern guttat. Bergab war es am schlimmsten; die Pferde glitten auf den glatten Wegen aus und kamen wiederholt zum Stürzen, und in einer Stunde war man einmal etwa 20 Schritte vorwärts gekommen. Dazu keine Nachtpost. Durch das unbehagliche Dunkel leuchteten nur mit müdem Scheine die Wagenlaternen, ein eisiger Wind blies über die Steppen und wehte den feinen, beißenden Schneestaub dem Reisenden in das Gesicht, der auf seinem freien Sitze auch gar nicht daran denken konnte, zu schlafen. Es war eine Wohltat, das letzte Stück des Weges im Eisenbahnwagen zurücklegen zu können.
Nach sechs Tagen traf er in Petersburg ein. In den winterlichen weißen Hermelin gehüllt, lag die russische Kaiserstadt, und ihre Pulsader, die Newa, flutete noch unter der Eisdecke dahin. Durch die prächtigen Straßen fuhr Bismarck nach dem Hotel Demidoff, wo er fürs erste sein Quartier nahm.
So verlebte er diesmal seinen Geburtstag fern von der deutschen Heimat und den lieben Seinen, aber er war doch nicht ohne Bedeutung; er überreichte an demselben dem Zaren Alexander II. sein Beglaubigungsschreiben. Um die Mittagszeit war das reich vergoldete Gefährt mit dem kaiserlichen Wappen vorgefahren, das den Gesandten nach dem Winterpalais brachte. Durch die entlaubten Lindenalleen ging es pfeilschnell hin, vorüber an dem Prachtbau der Admiralität, von dessen Turme sich der herrlichste Blick über die Zarenstadt bietet, über den Paradeplatz hinweg und dann hinein durch das Tor in den Hof des Palastes.
Der Empfang ließ an Feierlichkeit und würdigem Zeremoniell nichts zu wünschen, aber er hatte auch beinahe den Anstrich einer gewissen Herzlichkeit. Der Kaiser empfing den preußischen Gesandten herablassend liebenswürdig und schien an dessen feinem und offenem Wesen von der ersten Stunde an Gefallen zu finden.
Auch sonst hatte Bismarck nicht über Mangel an freundlichem Entgegenkommen zu klagen. Wie einst die Großfürstin Helene, die geistvolle Witwe des Großfürsten Michael Pawlowitsch, eine geborene Prinzessin von Württemberg, sich in seinem gastlichen Hause in Frankfurt wohl befunden hatte, so vergalt sie ihm jetzt diese Gastfreundschaft in liebenswürdigster Weise in Petersburg. Manch schöner Abend wurde bei ihr verlebt, gemeinsam mit bedeutenden und angesehenen Persönlichkeiten; besonderes Interesse aber erregte es, wenn man mit Bismarck in intimem Gespräche in irgendeiner Fensternische einen kleinen, grauhaarigen Herrn mit dem glattrasierten Gesichte und den klugen Augen, die hinter glitzernden Brillengläsern hervorsahen, erblickte. Das war der russische Kanzler, Fürst Gortschakoff.
Die Freundschaft der beiden war nicht neu, sie datierte schon aus Frankfurt, wo der Fürst Gesandter seiner Regierung beim Bundestage gewesen war, und sie wurde hier mit einer gewissen Herzlichkeit erneuert.
Endlich kam auch für Petersburg der Frühling. Die Kanonenschüsse, welche eines Tags von der Festung aus donnerten, verkündeten der freudig aufatmenden Residenz, daß die Newa die starre Eisdecke zerbrochen habe und ihr glänzender Wasserspiegel mindestens auf eine Bootsbreite zutage getreten sei, und jedes Kind in Petersburg wußte es, daß zu dieser Stunde der Kommandant der Festung im Paradeanzug, und von seinen Offizieren begleitet, in eine reichgeschmückte Gondel steige, in einem goldenen Becher Wasser aus dem Strome schöpfe und dann hinüberfahre nach dem Winterpalais, um es dem Kaiser zu überbringen. Tausende von Menschen strömten zusammen und füllten den Platz, während der mächtige Herrscher oben den Becher empfing und auf das Wohl seiner Residenz leerte. So war es alter Brauch, und der Kommandant erhielt demselben gemäß zweihundert Dukaten.
Nun begann der Lenz auch die Ufer des Flusses zu schmücken, und die Straßen der Stadt wurden lebendiger, zumal der glänzende Newski-Prospekt. An der Umgebung der Residenz aber fand Bismarck kein besonderes Gefallen. Nach Süden zu hatte die Kunst der Natur einigermaßen nachgeholfen, nach den übrigen Seiten hin war noch viel einförmiger Wald und Wildnis.
Ein Punkt aber hatte für ihn eine freundliche Anziehungskraft; hier wehte es ihm entgegen wie der Hauch der Heimat. Das war das Schloß Peterhof, der überreich geschmückte Sommersitz Peters des Großen, das Versailles der russischen Kaiser, zu jener Zeit aber der Aufenthaltsort der Kaiserin-Mutter Charlotte, der Tochter der unvergeßlichen Königin Luise von Preußen.
An einem herrlichen Lenztage hatte er sie abermals aufgesucht, und sie empfing ihn wie eine mütterliche Freundin. Auch heute saßen sie auf dem Balkon, die Kaiserin auf der Chaiselongue, er selbst in einem Fauteuil, und sahen hinaus auf das Bild zu ihren Füßen: Unmittelbar unter ihnen der prächtige Garten mit seinen leise rauschenden Bäumen und seinen springenden Kaskaden, dann weiter hinaus der wunderbare Blick auf die märchenhafte Landschaft, in der aus grünen Gehegen weiße Schlösser hervorlugen, darunter zumal das anmutige Babigon, glitzernde Teiche, breite Alleen, dann zur Rechten die große Residenzstadt, zur Linken die weißen Mauern der Festung Kronstadt, und im Hintergrunde das schimmernde Meer und die im Blauen verdämmernde Küste von Karelien. Die alte Dame in dem schwarzen Seidengewande, die mit langen Holzstäben an einem Wollschal strickt, läßt die fleißigen Hände einen Augenblick sinken und sagt:
»Manchmal habe ich hier an Potsdam gedacht und Sanssouci; hier ist ja alles größer und glänzender, daheim aber ist es voll lieber Anmut –«
»Ja, Majestät, die Scholle, auf welcher unsere Wiege stand, bleibt immer die schönste,« erwiderte Bismarck, »und sie lieben wir unvergessen, und für sie setzen wir unser bestes Blut ein.«
»Das kann der Mann; die Bestimmung der Frau ist anders, zumal die der Fürstin. Ihr gibt das Geschick oft eine neue Heimat, die ihr von Gottes und Rechts wegen an das Herz wachsen muß, und es kann dann für sie nichts herber sein, als wenn ihr Herz in Zwiespalt kommt, mit den leidigen Erwägungen der Politik. Ich und der Kaiser nicht minder, wir haben uns gefreut, daß Preußen im Krimkriege Neutralität bewahrte, und dafür sind wir Ihnen ganz besonders dankbar, lieber Bismarck.«
»Ich habe dabei lediglich das Beste für Preußen im Auge gehabt, Majestät, genau so, wie ich es in der gegenwärtigen Verwicklung zwischen Österreich und Italien halte.«
»Sie meinen nicht, daß es für Preußen richtig sei, zugunsten Österreichs zu intervenieren?«
»Wenn wir hier eingreifen, so wird das für uns gleichbedeutend damit, daß wir Österreich den Krieg abnehmen und uns für dasselbe opfern. Mit dem ersten Schuß am Rhein wird der deutsche Krieg die Hauptsache, weil er Paris bedroht. Österreich bekommt Luft, und wird es seine Freiheit benutzen, um uns zu einer glänzenden Rolle zu verhelfen? Wird es vielmehr nicht dahin streben, uns das Maß und die Richtung unserer Erfolge so zuzuschneiden, wie es dem spezifisch österreichischen Interesse entspricht? Und wenn es uns schlecht geht, so werden die Bundesstaaten von uns abfallen wie welke Pflaumen im Winde, und jeder, dessen Residenz französische Einquartierung bekommt, wird sich landesväterlich auf das Floß eines neuen Rheinbundes retten.«
»Sie mögen recht haben, und haben auch den schärferen Blick für die Verhältnisse – ich möchte nicht so düster sehen, aber wir Frauen sind Gefühlspolitiker. – Doch schauen Sie!«
Die hohe Frau deutete mit der Rechten hinaus auf das Landschaftsbild, wo über der See die Sonne unterging. Ein rötlicher Schimmer lag über den blinkenden Wasserspiegeln, heller hoben sich die Häuser der Residenz, die schweren Gebäudemassen von Kronstadt vom Horizonte ab.
»Es hat doch jedes Land seine wunderbaren, ihm eigentümlichen Schönheiten – das Bild ist einzig, Majestät!«
»Dies Bild hat seinen eigentümlichen Reiz. – Gewiß, aber Petersburg selbst ist eine moderne Großstadt wie die meisten anderen. Wenn Sie ein eigenartiges Stadtbild sehen wollen, müssen Sie nach Moskau fahren. Moskau ist Rußland, das alte, starre, halbasiatische Rußland. Den Genuß lassen Sie sich nicht entgehen. Und jetzt eben wäre die beste Reisezeit; wenn Ihre Geschäfte es gestatten, würde ich Ihnen sehr dazu raten, lieber Bismarck.«
Und nun plauderte die Kaiserin so heiter und geistvoll von der alten Russenstadt, daß ihr Zuhörer sich ganz in die seltsamen Bilder versenkte, welche sich vor seinem Geiste entrollten, und entschlossen war, bereits in der nächsten Zeit nach der Stadt aufzubrechen, welche einst dem großen Napoleon zu fürchterlichem Verhängnis geworden war.
Es war zu Anfang des Juni, als er seinen Vorsatz ausführte.
Der Sonnenschein lachte in die Fenster des Kupees herein und lag draußen über dem grünen Lande, als er abfuhr; die Tage brachten eine beinahe unbehagliche Wärme, und da die Gegend anfing einförmig zu werden mit ihren weiten, grünen Ebenen, Sumpfgeländen und Birkenwäldchen, zwischen welchen keine Stadt, ja, selten ein Dorf das Vorhandensein von Menschen bekundete, gab sich der Reisende dem Behagen des Schlafes hin.
Als er am nächsten Morgen erwachte – es war hinter der Station Twer – und durch das Fenster blickte, glaubte er seinen Augen kaum trauen zu dürfen; im Frührot schimmerte weithin auf der Ebene der Schnee!
Und weiter rollte der Zug und hielt endlich im Bahnhofe in Moskau, der heiligen Stadt der Russen. Feiner Regen sickerte nieder, als er durch die Straßen fuhr, und der Schnee war wieder verschwunden. Bismarck stieg im Hotel de France ab, und nachdem er von hier aus einen brieflichen Gruß an Frau Johanna geschickt hatte, machte er sich daran, die wunderliche Stadt kennen zu lernen, in welcher Europa und Asien sich gleichsam die Hand reichen, und die einen seltsamen Zauber auf jeden Besucher ausübt. Das Aussehen von Moskau ist seit dem großen Brande im Jahre 1812 sehr zu dessen Vorteil verändert, aber auch in der Erneuerung ist man dem alten Stil treu geblieben in der Anlage der meist gekrümmten Straßen und in der Mischung aller Bauarten der Welt. Von freier Höhe sah Bismarck die Stadt unter sich liegen mit ihren grünen Dächern, ihren zahllosen grünen Kirchenkuppeln, ihren prunkenden Palästen; zwischendurch windet sich das glitzernde Band der Moskwa, an deren linkem Ufer das Kapitol der Stadt, der Riesenbau des Kreml mit seinen 32 Kirchen und zahlreichen Palästen, sich erhebt, überragt von dem achteckigen »Iwan Weliki«, über dessen zwiebelförmiger Kuppel das hohe, vergoldete Kreuz weithin leuchtet im Sonnenglanz. Es war ein Städtebild von überwältigender Großartigkeit und einem märchenhaften Reiz.
Auch die Umgegend der Stadt wurde durchstreift, dem Schlosse Petrowski, das nach dem großen Brande Napoleon zum Hauptquartier gedient hatte, ein Besuch abgestattet und zwischen Dörfern und Fabriken weit hinausgeschweift in die wellenförmige, fruchtbare Ebene, bis sie in die weite, wüste Steppe übergeht.
Aber für die mannigfachen Genüsse dieser Reise mußte Bismarck büßen. Nach Petersburg zurückgekehrt, erkrankte er an einem rheumatischen Leiden, das sich immer mehr steigerte, und so lag er in seinen Schmerzen fern von der Heimat und von seinen Lieben, an welche er mit Sehnsucht dachte, und ließ sich von den russischen Ärzten Schröpfköpfe aufsetzen und mit spanischen Fliegen quälen, bis seine gute Natur wenigstens einigermaßen ihn auf die Beine brachte, so daß er imstande war, am 28. Juni nach Peterhof hinauszufahren zu der Kaiserin-Mutter, welche über sein Aussehen erschrak.
»Aber Sie müssen Urlaub nehmen, lieber Bismarck, und einige Zeit in der Heimat zubringen. O, die Luft der Heimat und der Hauch der anmutigen Häuslichkeit tun Wunder. Ihre Frau wird recht in Sorge um Sie sein!« sagte die gütige Zarin.
Bismarck erwiderte:
»Um den Urlaub habe ich bereits nachgesucht, Majestät, und was Frau Johanna betrifft, so hat sie gottlob keine Ahnung, wie man mir hier zugesetzt hat – sie weiß nur etwas von meinen üblichen Hexenschüssen.«
»Sie sind ein guter Gatte – aber Frau Johanna verdient einen solchen nach allem, was ich von ihr weiß. Grüßen Sie dieselbe herzlich von mir.«
Nach einiger Zeit brach er nach Deutschland auf. Angenehm war das Reisen nicht. Bis Dünaburg ging es an, weil im Eisenbahnkupee doch noch einigermaßen Bequemlichkeit zu erreichen war. Von dort aus nach Königsberg aber ging es zu Wagen weiter, und Bismarck merkte schon während der Fahrt, daß das Leiden sich mit erneuter Heftigkeit eingestellt hatte.
So kam er in Berlin an, ein kranker Mann, und der Arzt war beinahe der erste, welcher ihm seinen Besuch im Hotel d’Angleterre abstattete. Zumal mit dem linken Beine sah es schlimm aus. Hier hatte er eine Erinnerung an seine schwedischen Jagdfahrten sitzen, wo er sich bei einem Falle am Schienbein verletzt hatte – und hier rumorte nun der Rheumatismus am heftigsten, so daß die verordnete Jodtinktur nicht nur nicht wirkte, sondern, wie es schien, das Übel noch verschlimmerte.
Da blieb denn nichts anderes übrig, als den besten Arzt herbeizurufen. Dieser trat denn auch, eben aus Pommern angekommen, in die Krankenstube und brachte Sonnenschein und eine heilende Hand mit. Es war Frau Johanna. Sie machte dem Gemahl zärtlich besorgte Vorwürfe, daß er nicht früher ihr von seinem Zustande Mitteilung gemacht hatte; der aber war glücklich, als er sie bei sich hatte, und als sich auch ohne Jodtinktur durch ihre sorgsame Pflege, durch ihr klares, heiteres Wesen, durch ihre Umsicht und ihr Geschick sein Zustand bald so besserte, daß er daran denken konnte, nach dem Bade Nauheim zu gehen.
So kam der September, und der Prinzregent rief ihn nach Berlin, wo er, obgleich von der Jodvergiftung noch nicht ganz erholt, doch seine Kraft dem Vaterlande zur Verfügung stellte, da es galt, den russischen Kaiser in Warschau zu begrüßen und ihn von dort nach Breslau zu begleiten zu einer Zusammenkunft mit dem Prinzregenten.
Am 16. Oktober reiste Bismarck von Berlin ab und hatte das Glück, unterwegs mit einem alten russischen General zusammenzutreffen, welcher ihn auf einer polnischen Station erkannt hatte. Die Wirtschaft hier an der russischen Grenze war für gewöhnliche Reisende nicht gerade ergötzlich: Die Polizeibehörde verlangte den Paß, die Zollbehörde begehrte Einsicht in das Gepäck, – so ein russischer General ist jedoch ein Gewaltherr, mächtiger als ein preußischer Gesandter, und Bismarck wurde nicht bloß aller Plackerei überhoben, sondern fuhr auch mit dem alten Herrn in dessen Extrazug weiter, noch dazu im kaiserlichen Salonwagen.
So ward Lagienki erreicht, wo einst Stanislaus August sich einen prächtigen Sommersitz erbaut hatte inmitten eines herrlichen, weit ausgedehnten Gartens, in welchem noch eine ganze Anzahl kleiner Paläste sich um das Schloß des Herrschers gruppieren.
Hier vergingen einige Tage in vergnügter Weise. Ein prächtiges Hoffest, bei dem Wald und Wasser märchenhaft schön beleuchtet war und das alte, prachtliebende polnische Blut seinen ganzen Glanz und seine volle Lebhaftigkeit entfaltete, sowie eine Jagd im Parke von Skierniewice hatten für Bismarck besonderes Interesse, und doch war er froh, als er über Breslau wieder in Berlin eintraf und von hier nach dem lieben, stillen Reinfeld fuhr.
Und wenn es denn nun wieder nach Rußland auf seinen Posten gehen sollte, so sollte er diesmal doch nicht allein reisen; seine Familie ging mit ihm an die Newa, und nun überkam ihn beinahe eine stille Sehnsucht nach dem Winterquartier in Petersburg; mit Frau Johanna und seinen Kindern zur Seite gedachte er auch den russischen Winter auszuhalten.
Er war mit den Seinen bereits in Elbing eingetroffen; da dachte er seines Freundes, des Herrn von Bülow, der nicht gar fern auf seinem Gute Hohendorf saß, und diesen suchte er auf. Es war nur ein kurzes Wiedersehen geplant, aber das Geschick fügte es anders. Er erkrankte hier auf Hohendorf an einer schweren Lungenentzündung, und wieder hatte Frau Johanna mit ihrem besorgten Herzen alle Hände voll zu tun, um den teuren Mann zu pflegen.
Für diesen Winter war an die Petersburger Reise nicht mehr zu denken. Am behaglichen Kamin zu Hohendorf saß der langsam Genesende, stocherte nach seiner Gewohnheit in der zuckenden Flamme, freute sich, daß er wenigstens die Seinen bei sich haben konnte, und plauderte mit seinem Freunde über die politische Lage, die ihm ganz leidlich behagte.
Der österreichisch-italienische Krieg war vorüber, Preußen hatte sich dabei nichts vergeben, sondern in würdiger Weise seine Stellung gewahrt, ja, es war durch die Verhältnisse in den Stand gesetzt, näher an die eigentliche deutsche Frage herantreten und eine Reorganisation des deutschen Bundes ins Auge fassen zu können.
Der Rekonvaleszent auf Hohendorf freute sich, daß die Dinge still für sich weiterreiften, ohne damals zu ahnen, daß er selbst die letzten entscheidenden Worte dabei sprechen und die entscheidenden Taten dafür tun sollte.
Es kam wiederum der Frühling; der Mai streute seine Blüten durch das deutsche Land, und nun konnte Bismarck erst daran denken, mit seiner Familie auf seinen Posten abzureisen.
Am 5. Juni rollte der Wagen durch die russische Residenz, welcher den preußischen Gesandten und die Seinen nach dem englischen Kai führte, wo er im Hause der Gräfin Stenbock schon im vorigen Jahre eine entsprechende Wohnung gemietet hatte. Sie war weit und geräumig, und wenn auch die Möbel darin abgenutzt und »ruppig« schienen, bald ging auch durch diese Räume wie einst in Frankfurt der Hauch einer Gemütlichkeit und eines vornehmen Behagens, wie es hier an der Newa vielleicht einzig dastand.
Der Sommer und Herbst vergingen. Besuche und Jagdfahrten unterbrachen das Petersburger Leben in angenehmer Weise. Auf Peterhof hatte Bismarck zum letztenmal am 1. Juli 1860 die liebenswürdige Kaiserin-Mutter besucht – sie starb bald darauf – und er behielt die hohe Frau in freundlichstem Gedenken. Auf der Wende von Herbst und Winter aber begannen die Jagden. Da gab es noch Bären und Elche in den russischen Wäldern, und für den Weidmann war es eine Lust, im dicken, kurzen Jagdpelz und mit den hohen Juchtenstiefeln durch Gestrüpp und Schneehalden zu waten nach köstlicher Beute.
Der Winter aber rückte einen freundschaftlichen Kreis näher aneinander. In den hohen, weiten Räumen flimmerte der Lichtglanz, behagliche Wärme durchflutete die Gemächer, und im Speisezimmer saßen liebe Gäste: Der gute Graf Kaiserlingk, der einst in Berlin den Studiosus Bismarck mit Beethovenschen Sonaten erfreut, und welcher jetzt die Würde eines Kurators der Universität Dorpat bekleidete, die preußischen Gesandtschaftsmitglieder General von Loën und Legationsrat von Schlözer, der russische Hauptmann von Erckert und andere.
»Ja, was wollen Sie, Kaiserlingk,« sagte der liebenswürdige Hausherr, »so glänzende Feste wie der französische Gesandte kann ich nicht geben bei meinen 25 000 Talern Gehalt und 8000 Talern Mietgeld; er hat 300 000 Franken zur Verfügung.«
»Dafür kann auch er keine Feste geben wie Sie, Exzellenz!« erwiderte Erckert; »dort ist man immer unter einem unbehaglichen Zwange, hier fühlt man sich wie daheim.«
»Na, das freut mich! So ist mir’s auch am liebsten! Doch nun erlauben Sie mir, daß ich mich an den Kamin setze, das gibt mir ein absonderliches Behagen!«
Zwanglos gruppierten sich die Gäste, und einer von ihnen bemerkte:
»Sie haben doch wenigstens freie Feuerung, Exzellenz, und das will in Rußland etwas bedeuten.«
»Gott bewahre, mein Bester, die muß ich auch bezahlen. Das Holz wäre übrigens nicht so teuer, wenn die Beamten es nicht so teuer machten. Da sah ich einmal schönes Holz auf einem finnischen Boote. Ich fragte die Bauern nach dem Preise, und sie nannten mir einen sehr wohlfeilen. Als ich’s aber kaufen wollte, fragten sie mich, ob es für den Fiskus wäre. Da beging ich die Unvorsichtigkeit, zu antworten: Nicht für den kaiserlichen Fiskus, sondern für den königlich preußischen Gesandten. Preußen wäre wohl ein Gouvernement des russischen Reiches? Ich sagte, das gerade nicht, aber die Gesandtschaft hat mit der kaiserlichen Krone zu tun. Das war eben unvorsichtig, undiplomatisch; es befriedigte die Bauern offenbar nicht, und es half auch nichts, daß ich ihnen das Geld gleich geben wollte. Sie fürchteten ohne Zweifel, daß ihnen dasselbe von mir wieder abgedrückt werden würde, und daß man sie obendrein unter dem Vorwande, sie hätten das Holz gestohlen, einstecken und ihnen Prügel aufzählen würde. Als ich später wiederkam, waren sie alle auf und davon. Hätte ich ihnen die Adresse eines Kaufmanns gegeben, mit dem ich mich inzwischen verständigen konnte, hätte ich das Holz um den dritten Teil dessen gehabt, was ich sonst bezahlte.«
Das Gespräch kam auf die Jagd, zumal sich manche schöne Trophäe derselben in der Wohnung Bismarcks befand.
»Sie scheinen ein besonderer Günstling St. Huberts zu sein nach allem, was ich sehe und höre,« sagte einer der Anwesenden, und Hauptmann Erckert erwiderte:
»Herr von Bismarck schießt eine absolut sichere Kugel. Da erzählte mir ein Bekannter, der Oberst M., vor kurzem, er sei mit fünf anderen Jagdgefährten und unserem liebenswürdigen Hausherrn auf die Bärenpirsch gefahren. Als der erste Bär sich zeigte, schoß Herr von Bismarck, und das Tier brach im Feuer zusammen; es kam ein zweiter Bär, der nächste Schütze fehlte ihn, Herr von Bismarck aber streckte ihn mit einem Prachtschuß nieder. Ein dritter Bär rückte an, der Oberst schoß zweimal nach demselben ohne Erfolg, und in demselben Augenblick hatte Herr von Bismarck ihn mit tödlicher Sicherheit gefällt. Ein vierter Bär kam nicht!«
Das Töchterchen Bismarcks lehnte bei diesen Gesprächen an dem Fauteuil der Mutter, die beiden Söhne, der zehnjährige Herbert und der achtjährige Bill (Wilhelm), hörten dem Gespräch von einer Ecke des Gemaches aus zu. Als die Rede von der Bärenjagd war, flüsterten sie einander etwas zu und eilten dann hinaus. Das Gespräch hatte bald eine andere Wendung genommen, als sie wiederkehrten, und hinter ihnen trabten und kollerten zwei kleine, drollige, braune Tiere herein.
»Ah, da kommt Mischka,« rief lachend Bismarck, einige Damen schrien in augenblicklichem Schrecken auf, aber als sie die zwei possierlichen Kerle näher ansahen, schwand jede Furcht. Es waren zwei junge Bären, die der Hausherr gleichfalls auf der Jagd erbeutet hatte. Die Tiere waren offenbar nicht das erstemal in den Gesellschaftsräumen der preußischen Gesandtschaft. Sie wälzten sich behaglich auf dem Teppich, kletterten sogar auf den Tisch und gingen behutsam darüberhin, und als ein Diener erschien und Erfrischungen servierte, schienen sie zu glauben, daß ihnen ein Genuß zugedacht sei, und sie hefteten sich an die Fersen des Mannes; als er sich nun nicht um sie kümmerte, zwickten sie ihn in die Beine, so daß er Mühe hatte, sich der drolligen braunen Burschen zu erwehren.
So verfloß der Abend in zwangloser Heiterkeit und liebenswürdigem Verkehr.
Auch in Petersburg ließ sich’s leben, und sogar mit einem gewissen Behagen. Die Vormittage gab es wenig zu tun, und sie wurden der Promenade, dem Frühstück und etwaigen Kurvorschriften gewidmet. Der Nachmittag bis fünf Uhr gehörte dem Dienst, der Abend, soweit es möglich war, der Familie. Sonnabend abends nahm Bismarck überdies eine Repetition vor mit seinen Söhnen, die sich dann mit ihren Heften bei ihm einzufinden hatten, und die der Vater in Gegenwart ihres Hauslehrers, des Kandidaten Braune, sehr eingehend examinierte.
Drei Jahre gingen in Petersburg hin, vielfach allerdings durch Reisen im Dienst unterbrochen. Mancher bedeutsamen Fürstenzusammenkunft hatte er mit dem Prinzregenten beizuwohnen, und am 18. Oktober 1861 war er in Königsberg Zeuge der erhebenden Feier der Krönung Wilhelms I., der seinem am 2. Januar verstorbenen Bruder auf dem Throne folgte. Als »Wirklicher Geheimer Rat« kehrte er nach Petersburg zurück, und in seiner Seele leuchteten wie ein herrlicher Stern die Worte nach, welche der neue königliche Herr gesprochen hatte:
»Meine Pflichten für Preußen fallen mit meinen Pflichten für Deutschland zusammen.«
Noch einmal sah er die in Eisesfesseln geschlagene Newa, die verschneiten Paläste des Alexander Newski-Prospektes, die glänzenden Feste des Zarenhofs, und sein einfach-vornehm-gemütliches Haus war die liebliche deutsche Oase im russischen Osten.
Im Mai 1862 war er bereits wieder in Berlin, gewärtig dessen, was sein König über ihn verfügen würde. Es war eine Zeit einer unangenehmen Spannung, und er war nahe daran, in das neugebildete Ministerium berufen zu werden. Aber die Sache blieb in der Schwebe, und Bismarck ritt jeden Morgen mit neuer Ungeduld auf seiner Fuchsstute hinaus in den Tiergarten, sah den Frühling ringsum sich entfalten und Blüten treiben und dachte an seine Lieben, welche indes in dem stillen Pommern weilten. So kam er wieder einmal heimgeritten, und das erste, was man ihm noch im Sattel entgegenreichte, war ein amtliches Schriftstück mit dem bekannten großen Siegel. Er erbrach es und las, daß er zum Gesandten in Paris ernannt sei.
So ging es aus dem Osten nach dem Westen Europas, und noch im Mai traf er in der glänzenden Weltstadt an der Seine ein, wo Napoleon III. sein neues Kaiserreich errichtet hatte und den Plan entwarf, »die Karte von Europa in Ordnung zu bringen.«
Ein freundlicher Frühlingstag lachte über Paris, seinen glänzenden Boulevards und seinen leichtlebigen Menschen, der 1. Juni war’s, und durch die Straßen fuhr die goldglänzende Hofequipage, welche den preußischen Gesandten nach den Tuilerien führte und zur Empfangsaudienz bei dem Kaiser. Dieser war freundlich und entgegenkommend, und auch die Kaiserin zeigte sich von einer liebenswürdigen Seite.
Hier warm zu werden, durfte Bismarck kaum hoffen; er hatte die Empfindung, auf einer Durchgangsstation zu sein, die ihn bald entweder auf den Ministersitz in Berlin oder in das Stilleben des märkischen Landedelmannes führen mußte.
Noch im Juni hatte er sich zur Weltausstellung nach London begeben, und dabei die hervorragendsten englischen Staatsmänner kennen gelernt, und nachdem ihm ein Urlaub bewilligt worden, verließ er das sommerheiße Paris, um den schönen Süden Frankreichs kennen zu lernen.
In dem alten Königsschlosse der Orleans, Chambord, das wie ein Märchenbild mit seinen sonnbeglänzten stillen Hallen und Höfen sich vor ihm auftat, dachte er der versunkenen Herrlichkeit des alten französischen Herrschergeschlechts; vom alten Schlosse von Amboise schaute er mit Entzücken hinaus auf das blühende Gelände an der Loire mit den weißen Schlössern und Landhäusern, den weiten Maisfeldern, den dunklen Kastanienwäldern und den grünen Weinbergen, und durch das Land der Reben, wo an sonnigen Hängen von Margaux, Lafitte, St. Julien, Latour und Armeillac die dunkelglutigen Trauben reifen, streifte er in angenehmer Gesellschaft.
Von Bordeaux fuhr er nach Bayonne durch Fichtenwälder, purpurblühendes Heidekraut und gelben Ginster wie auf einem Blumenteppich, und von dort durch die herrlichste Landschaft nach San Sebastian. Zur Linken erhoben sich die gewaltigen Berge der Pyrenäen, zur Rechten leuchtete der Spiegel des Meeres. Im Fuentarabia betrat er den Boden Spaniens, »des schönen Lands des Weins und der Gesänge«. Steile, enge Gassen, Balkone vor den Fenstern, Schönheit und Schmutz und lustiges Lärmen von tanzenden Weibern auf dem Markte – ein fremdes, neues Bild!
Dann saß er in dem berühmten Seebade Biarritz und schaute aus den Fenstern des Hotel l’Europe hinaus auf die blaue See, wie sie weiß aufschäumte zwischen den Klippen und gegen den Leuchtturm brandete, der in ruhiger Majestät über Meer und Land hinblickte. Und am Strande von Biarritz konnte man wohl auch an schönen Morgen, wenn der Wind kühl und weich zu Lande wehte, ein paar Menschen sehen, denen alle die anderen Badegäste nachschauten, und vor denen sich alle Häupter entblößten: den breitschultrigen, hochgewachsenen preußischen Gesandten mit dem Schlapphut auf dem mächtigen Haupte und ihm zur Rechten den dunkel gekleideten kleinen Mann, der trotz seines Zylinderhutes nicht die Größe des anderen erreichte – Kaiser Napoleon III.
Zu Anfang September war Bismarck in Luchon und bestieg den Col de Venasque. Durch Buchenwälder ging es empor, bis der Schnee begann und wunderliche dunkle Seen aus dem weißen Rahmen und zwischen den bizarren Klippen hervorschauten. Von einer Höhe von 7500 Fuß schaute er hinab ins spanische Land mit seinen Palmen und Kastanien, wie es eingefaßt von der Kette des Maladetta dalag. Unter den Beschauern lag es grün und sonnig, durchgezogen von dem Silberband seiner Flüsse, und im Hintergrunde abgegrenzt von schneestarrenden Gipfeln und bläulichen Gletschern, hinter denen das stolze Aragonien sich ausbreitet.
Eine Fülle von einzig schönen, fremden Bildern prägte sich der Seele des deutschen Mannes ein, aber immer wieder kam ihm dabei der Vergleich mit dem lieben Heimatlande, seinen grünen Bergen und seinem alten, schönen Rhein. Und die Freude war nur halb für ihn, da er sie nicht mit der lieben Frau teilen konnte, der er oft genug seine Grüße nach dem stillen Reinfeld sandte.
Am 15. September traf er in Avignon ein, dem französischen Rom, und hier fand er eine telegraphische Nachricht von größter Wichtigkeit: Sein König berief ihn als Minister nach der Heimat zurück.
Sinnend schritt der ernste Mann durch die herrlichen Gärten des Südens. Seine Seele war voll von den Gedanken an die Zukunft, aber kein Ahnen verkündete ihm noch, welchen Weg er eigentlich gehen, und welche Bahnen er brechen sollte. Nach Frieden stand seine Seele, und durch blutige Kriege sollte er schreiten! Über seinem Haupte rauschten noch die Ölbäume Frankreichs, und er griff empor und brach sich einen Zweig ab, den er sinnend betrachtete.
Und mit dem Ölzweig, dem Symbol des Friedens, zog er in Berlin ein.