Ich blättere wieder in den Büchern. Man merkt es noch an anderem, daß der Darwinismus aus dem Schwabenalter kommt.

Es lösen sich persönliche Beziehungen.

Die Taufpaten, die das Kind aus der Wiege hoben — Darwin, Lyell, Huxley — sind fast alle schon hin. Die zweite große Generation aber fängt an, ihr Testament zu schreiben. August Weismann gibt seine „Vorträge über Deszendenztheorie“ heraus, in zwei dicken Bänden. Haeckel hat seine „Gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen aus dem Gebiete der Entwickelungslehre“ ebenso in zwei Bände gesammelt.

Gleich in der Vorrede lese ich da bei Weismann: „Wenn ein arbeitsfreudiges Leben sich seinem Ende zuneigt, so regt sich wohl der Wunsch, die Hauptergebnisse desselben zu einem abgerundeten und in sich harmonischen Bild zusammenzufassen und gewissermaßen als ein Vermächtnis den nach uns Kommenden zu hinterlassen. — Das ist der Hauptgrund, der mich zur Veröffentlichung dieser Vorträge veranlaßte.“ Ein Werk, das solche Sätze an der Spitze trägt, legt eine neue Verpflichtung auf.

Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut.

Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie aktuell, eine Schattierung innerhalb des Darwinismus, die spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries.

Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch Raum hat für so verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen. Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht.

Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war.

Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, — eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt, Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht.

Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte.

Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher Gedanke, der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, — und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben —, daß im ganzen Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist — nomina sunt odiosa.

Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, — wer hat denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche feiert das seinen Triumph.

Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was gemeint ist, — mag er das Begriffene danach schelten.

Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet, daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie. Das bestimmt eben seine Eigenart.

Man muß, um seine Stellung andeutend zu fixieren, auf den alten Gegensatz zurückgehen zwischen Lamarck und Darwin, einen Gegensatz, der überhaupt mit den Jahren wieder immer interessanter geworden ist.

Als Darwin sich an den Entwickelungsgedanken wagte, schien es ihm vor allem nötig, ihn aus dem Schutt herauszuarbeiten, in den er mit Lamarck geraten war. Heute haben wir umgekehrt wieder eine feste Schule von Neo-Lamarckisten, die ungefähr etwas Ähnliches von Darwin sagen.

Umgekehrt ist aber auch aus dem immer noch vorsichtigen Darwinschen Vorstoß contra Lamarck eine Lehre erwachsen, die dann erst mit Stumpf und Stiel den letzten Lamarcksrest austreiben möchte. Und das ist die Farbe Weismann im Bilde.

Lamarck hatte eines deutlich erfaßt, und das ist übriggeblieben in allen späteren Meinungen.

In der Entwickelung der Tier- und Pflanzenarten sind zwei Faktoren zu beachten.

Ein äußerer und ein innerer.

Außen wechseln die Bedingungen des Lebens auf Erden. Sie ziehen vorbei wie ein großes Wandelpanorama.

Innen, in den Lebewesen selbst, reagiert aber etwas darauf. Sie passen sich diesen Bedingungen an.

Wie aber ist nun das wahre Verhältnis von drüben und hier? Wir suchen in der Natur Kausalzusammenhänge. Wo sind sie hier?

Lamarck sagte: Außen wirkt auf innen. Die äußeren Bedingungen treten nach innen auf als Forderungen. Und diese Forderungen finden Gehör bei einer Eigenschaft des Innern. Sie rufen „Übung“ hervor. Der Arm, der zum Schlagen gefordert wird, stählt sich, der Hals, der hoch reichen soll, streckt sich. Das Resultat dieser Übung aber wird auf die Nachkommen vererbt. Ihr Arm wächst sogleich muskelstärker, ihr Hals gleich in der nötigen Länge. So fixiert sich die Übung hier bereits als angeborene Anpassung. Und so fort.

Nun Darwin.

Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch haben wir auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung herausgeworfen werden. Diese Variation macht z. B. einen Frosch, der sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam. Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten, weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das ist die berühmte Auslese der Passendsten.

Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß. Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als Erklärungsgrund versagt.

Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer.

Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz? Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins.

Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser Linie unangetastet.

Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede Meinung über die tieferen Ursachen der artbildenden Variation.

Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein festes inneres Hausgesetz der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war?

Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren, vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“, auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden, direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck zurückzukehren, — in ein Drittes hinein.

Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der Variation?

Im „Zufall“?

Das ist oft als Hilfs- und Notwort gesagt worden. Jeder wußte aber, daß Zufall einen eigentlichen Sinn in einem Spiel von Kausalzusammenhängen, wo alle Karten aufgedeckt sind, gar nicht besitzt. Und nach solchem Spiel suchte man doch.

So sah man sich unhemmbar wieder ins „Außen“ gedrängt.

Steckten die Anstöße zur Variation nicht doch irgendwie im Druck der Verhältnisse, im Milieu selbst, — also außen?

Hier lag eine unverkennbare Möglichkeit, in äußerster Schwenkung doch noch wieder auf einen vertieften Lamarck zu kommen. Darwin hat in späteren Jahren selbst etwas paktiert mit dieser Richtung. Die Neo-Lamarckisten haben sie offen proklamiert.

Das jetzt ist aber die Stelle, wo Weismann vor Jahren zuerst in die Debatte mit einem wahren Blitzschlage eingegriffen hat.

Er versuchte, den ganzen Lamarckismus nachträglich in Grund und Boden zu schlagen durch die Behauptung, daß die Ergebnisse dieser ganzen direkten Einflüsse von außen auf innen, wie Übungsstärkung u. s. w., also jene vom Individuum erworbenen Eigenschaften, nicht vererbt werden könnten.

War das richtig, so konnte auf dem Lamarckswege niemals eine neue Art entstanden sein, denn jeder Anlauf zu einer Anpassung blieb individuell und starb mit dem Tode des Individuums wieder aus, ohne in die Unsterblichkeit der Generationenfolge durch Kinder und Enkel einzutreten.

Mochte das nun bestritten werden — und wie ist es bestritten worden bis auf diesen Tag nicht bloß von Lamarckisten, sondern auch von engeren Darwinisten und auch von ganz indifferenten Physiologen und Vererbungstheoretikern —: für Weismann war damit seine weitere Bahn endgültig gegeben. Ihm galt es, den Darwinismus vom letzten Rest Lamarckismus reinzuputzen. Da er kein drittes Prinzip im Sinne Nägelis hatte, blieb schlechterdings nichts übrig, als die natürliche Zuchtwahl auch in allen Fällen, wo Darwin noch Lamarck Raum gelassen, für die absolute Macht zu erklären. Es wurde die Allmacht der Naturzüchtung proklamiert.

Das für sich vollzogen, wurde aber nun wieder etwas hochinteressant.

Nämlich: wie endlich Weismann ohne Nägeli und auch ganz ohne Lamarck den geheimen Mechanismus der Variation für sich deuten werde.

Abermals wird hier eine neue, zunächst unabhängige Linie der Darwinschen Schule wichtig: der Ideengang von Wilhelm Roux.

Roux faßte den Gedanken — einen der genialsten nach Darwin, — daß es nicht bloß eine äußerliche Zuchtwahl geben müsse, sondern auch eine im Innern. Eine Zuchtwahl nicht bloß des Milieus gegenüber den Individuen, sondern auch eine Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein der Teile im Individuum selbst.

Wir wissen ja, daß jedes Individuum, jedes echte Einzeltier, jede echte Einzelpflanze, aus Teilen besteht, die mehr oder minder jeder für sich etwas Selbständiges in ihm darstellen. Das einfachste Beispiel in allen etwas entwickelteren Lebensformen sind die Organe. Goethe stand schon tief bewegt vor diesem Geheimnis. In dem ersten seiner morphologischen Hefte sagt er: „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen, selbständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.“ Einundzwanzig Jahre, nachdem diese Stelle gedruckt, einunddreißig, nachdem sie geschrieben war, wurde in der „Zelle“ ein noch viel fundamentaleres Bauelement der Lebewesen entdeckt. Seit Schleiden, Schwann und vor allem seit Virchows bahnbrechenden Arbeiten wissen wir, daß alle höheren Pflanzen wie Tiere ungeheure Komplexe, Genossenschaften, Staaten solcher Zellen sind. Erst tief an der Wurzel alles Lebendigen fällt Zelle und Individuum zusammen. Aber selbst vor der Zelle macht die Auflösung noch nicht Halt. Selbst sie noch erscheint als ein verwickeltes Sozialgebilde aus einer ungeheuren Masse noch einfacherer Lebensträger.

Nun denn: auch diese Teile und Teilchen bis ins Winzigste, Unsichtbare hinein, sie müssen in einem unausgesetzten Konkurrenzkampfe stehen. Besser gelagerte, besser genährte überwinden die minderwertigen. Bestimmte Gruppen siegen und unterliegen; eine große Zuchtwahl waltet.

So weit im Kern der Ideengang Roux’. Nun darüber hinaus wieder Weismann.

Dieser Kampf der Teilchen mit seiner inneren Auslese findet auch in dem Allergeheimnisvollsten statt, was die lebenden Wesen besitzen: in ihrem körperlichen „Unsterblichkeitsteil“, nämlich dem sogenannten Keimplasma, dem Kraftreservoir, das bei der Fortpflanzung mitgegeben wird. Und sein Resultat ist die Variation der neu entstehenden Gesamtindividuen, die natürlich erblich sein muß, da es sich ja um Resultate sozusagen im Herzen aller Vererbung, im ewigen Keimplasma, handelt. Bei den Ergebnissen dieser Variation mag dann die Zuchtwahl höheren Grades, die Darwin zunächst nur gesehen hatte, sie, die feste Arten mit zweckmäßigen Anpassungen bildet, einsetzen.

Erst in diesem „Testament“ kommt Weismanns Gedankengebäude zum ersten Mal völlig klar heraus. Erst jetzt wird deutlich, was der Satz von der Allmacht der Zuchtwahl schließlich doch für Wahrscheinlichkeiten selbst wieder öffnet.

Wohl: außen ist jetzt Zuchtwahl, innen Zuchtwahl, Zuchtwahl überall. Doch gerade dabei zeigt sich plötzlich erst recht eine feine, aber sichere Brücke von „außen“ nach „innen“.

Das Milieu, das außen die Individuen ausliest, wirkt doch auch in ihnen als Ernährung mit. Wenn dieser Einfluß lange Zeit ein gleichartiger ist, so muß er im inneren Kampf der Teile bis in das entscheidende Keimplasma hinein schließlich auch schon eine ganz bestimmte Auslese, einen bestimmten Sieg, eine bestimmte Richtung der Variation dort bewirken.

Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon in die Hände arbeiten. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“.

Man sieht, was das bedeutet.

Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur in etwas entlastet durch die innere.

Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse die Anpassung schafft.

In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat und genügt damit formal zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten.

Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern, mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm widerspricht.

Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem zuletzt empfinden muß: man kommt auf die Urfragen.

Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist, Zweck, Zeit, Kausalität?

Und er meint, wir müssen da ewig resignieren.

Muß es nicht so sein? fragt er.

Auch wir sind Anpassungsprodukte jener großen Lebensmühle, angepaßt an ganz bestimmte Forderungen des Lebens. Zu diesen Forderungen gehört aber nicht, daß unser Verstand etwas ergrübelt über jene letzten Fragen. Lassen wir also den Versuch, über uns selbst hinausgreifen zu wollen; bescheiden wir uns.

Ich kann diesem Schluß Weismanns nicht zustimmen.

Seit drei Jahrtausenden mindestens besteht eine ganz bestimmte Beziehung zwischen dem Glück grade der edelsten, denkenden, voranschreitenden Menschen und diesem innigen Ringen um die Grundfragen der Philosophie, diesem immer erneuten Ringen um das „du segnest mich denn“ an dieser Stelle.

Das Glück der Menschheit verlangt nicht mehr bloß nach Anpassung an die äußeren Bedingungen der Welt im Sinne einer immer mehr vervollkommneten Technik — fester und fester verspinnt es sich mit jenen Fragen nach Sinn und Wesen der Welt, mit der einfachen Frage der Philosophie.

Es gibt sich nicht mit der Resignation allein zufrieden. In ihr muß der Mensch hungern, wie nur je ein schlecht angepaßtes Tier gehungert hat.

Aber gerade in Weismanns Buch wird so hinreißend deutlich gemacht, wie der Hunger, das Bedürfnis das Ideal, die vollkommnere Anpassung selbst herausgezogen, heranentwickelt hat — damals, bei den Pflanzen und Tieren, so tief da unten.

Und oben bei uns soll das nicht mehr so gehen?

Bei unserem Geisteshunger ...?

* *
*