Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen? Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da geleistet worden ist, voraussetzt und anerkennt, um dann weiterzukommen, — und nicht eine wirkliche Umkehr.

Umkehr, — ja wohin?

Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe.

Heute habe ich Lust, es noch einmal ganz zu veröffentlichen, — als ein Kapitelchen, klein aber mein, zu diesem großen Schlagwort Umkehr. Inhaltlich ist es entschieden noch nicht vergilbt.

Es ist das Protokoll einer eigenen Sitzung mit dem Medium Valeska Töpfer aus den achtziger Jahren, wie ich es mir selber zu späterer Kontrolle und Beruhigung damals sofort niedergeschrieben.

Sachliches Interesse für alles, was mit Weltanschauungsfragen zusammenhängt, und der Wunsch zugleich, für eine bestimmte dichterische Arbeit Stoff zu sammeln, veranlaßten mich damals zu Studien über den Spiritismus. Was ich sonst da an Materialien erlangt, ist in meinem Roman „Die Mittagsgöttin“ (Zweite Auflage, 1902, im Verlage von Eugen Diederichs in Leipzig) enthalten und kritisch verarbeitet. Diese Töpfer-Sitzung aber blieb als solche dort unbenutzt.

Sie ist auch kein „großer Fall“.

Trotzdem glaube ich, daß sie gerade mit ihren ganz schlichten Angaben einen gewissen Beitrag zur Klärung bieten kann.

Sie führt in die Anfangsgründe dieser Dinge ein — wenn aber irgendwo, so gilt vom Spiritismus dieser groben Art der Satz: Es ist nur der erste Schritt, der etwas kostet.

Ich lasse den Wortlaut genau so, wie er damals niedergeschrieben wurde.

— — —

Unsere spiritistischen Wortführer behaupten zwar mit besonderer Energie, jedem Zweifler werde täglich an allen möglichen Orten ausreichend Gelegenheit gegeben, Augenzeuge der seltsamsten und überzeugendsten Geistermanifestationen zu werden, man brauche nach dem Worte Richard Wagners „nur zu wollen“ und man werde schon die neue Kunst sehen. In Wahrheit ist es nicht ganz so leicht, als irrende Seele im Chaos einer Weltstadt wie Berlin die Pforte einer Gespensterkammer aufzuspüren; Vereine für diese Sachen sind ja vorhanden und lassen sich auch finden, aber man ist dort unter Gläubigen und entbehrt der wichtigsten Freiheit: in bekannten Räumen und im Verein mit Freunden, auf die man vollkommen rechnen darf, Experimente anzustellen.

Der Zufall ist in solchem Falle der Glücksgott.

Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden, der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit — er war ausübender Künstler von Beruf — widmete und schließlich die Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte gewonnen werden können.

Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will — der Name tut ja nichts zur Sache — war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war eine entsprechend erschöpfende.

Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein.

Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose zu bestätigen.

Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen verständen, sondern nicht selten auch eine übernatürliche „Führung“ hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien.

Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war, selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften, einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden, ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse.

Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr Dinge“ sich ereignen würden.

Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte.

Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich der Flasche ergeben haben.

Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden.

Solche Kästchen und Pappschachteln sind der Theorie nach gewissermaßen die Tür des Geisterlandes. Sobald Menschen mit hinreichender mediumistischer Veranlagung ihre Hand lose darauflegen, öffnet sich diese Tür, die bereitstehenden Geister fahren in das Kästchen, lassen es nach Belieben auf einer größeren Tischplatte herumkriechen und beantworten Fragen vermittelst hörbarer Klopflaute im Holz oder regelmäßigen Auftickens der einen Seite des Kästchens bei schwebender Stellung an der Tischkante.

Der Dinge harrend, die da kommen wollten, nahmen mein Freund Bruno Wille, unser freundlicher Gastgeber O. und ich zunächst jetzt am Tische Platz und legten unsre sechs Hände lose auf das Deckbrett der Schachtel.

Lange Zeit ereignete sich absolut nichts.

Die bunte Ausstattung des Ateliers um uns her mit ihren fertigen und halbfertigen Studienköpfen, Staffeleien und Paletten versank allmählich in Dämmerung.

Die Spannung bei uns war trotz aller Vorurteile immerhin eine ziemlich bedeutende.

Zuweilen, wenn einer von uns sich etwas bewegte, krachte das Kästchen.

O. geriet dann in lebhafte Erregung, beschrieb wilde Kreise mit den Händen in der Luft, um den magnetischen Strom überzuleiten, und begann schließlich in einer Weise mit der Holzschachtel zu reden, als handle es sich allen Ernstes um ein lebendiges Wesen. „Liebes Kästchen, willst Du uns etwas sagen? Bitte, bitte, liebes Kästchen, sei so gut, antworte uns, bewege Dich, rücke auf einen von uns zu, den Du auszeichnen willst“ etc.

Dann, und, nachdem inzwischen auch noch die Gebrüder Heinrich und Julius Hart erschienen waren und damit unser Beobachterkreis vollzählig geworden, begannen denn allerdings die ersten seltsamen Vorgänge, alle für heute lokalisiert auf das bewußte Kästchen.

Ich will sie zunächst bloß dem Tatsächlichen gemäß beschreiben und die aufklärenden Bemerkungen, die ich machen kann, zusammenhängend folgen lassen.

Die Schachtel fängt also an, sich unter unseren Händen zu bewegen, nach rechts, nach links, bald rascher, bald langsamer, bald auf Momente wie angenagelt verharrend, um dann in kurzen krachenden Stößen wieder weiter zu rücken — endlich kommt es zu einer tollen Wirbelbewegung, der die einzelnen kaum folgen können.

Nachdem diese Sache so glänzend gelungen, versucht die vergrößerte Kette den ganzen Tisch zu bewegen, was aber mißlingt.

Freund O. pocht wiederholt kräftig auf den Deckel des Kästchens und wenn dann alles hinhorcht, um antwortende Klopflaute zu vernehmen, so hört man mehrfach ein unendlich feines Knistern im Holz.

Nun wird mit dem Kästchen experimentiert, um zu ergründen, ob es unter den Händen auf einen in der Kette (etwa ein besonderes starkes Medium) über den Tisch wegkriechen könne.

Es rutscht in der Tat auf mehrere zu, zuletzt besonders nachdrücklich auf mich, und klappt mehrfach an der Tischkante auf. Nach O.s Interpretation bedeutet das einen „Geistergruß“.

Nunmehr soll ein Anwesender, der nicht in der direkten Kette ist, also die Hände nicht auf dem Kästchen liegen hat, sich einen in der Kette Befindlichen denken, zu dem die Geisterschachtel hinrücken soll.

Neben mehreren mißlungenen Versuchen tritt ein eklatantes Gelingen ein in einem Falle, wo Heinrich Hart in Gedanken seinen Bruder Julius als den Betreffenden bezeichnet hat und das Kästchen tatsächlich und mit förmlicher Leidenschaft auf Julius zusteuert.

Der Höhepunkt der Sitzung wird schließlich erstiegen, als die Holzschachtel sich hartnäckig an der Tischkante in schräg schwebender Lage festsetzt. O. stellt in gesellschaftshöflicher Form die laute Anfrage an den Geist, ob er uns jetzt bestimmte Fragen durch Aufticken beantworten wolle. Das Kästchen schwankt gegen die Tischplatte herunter und tickt sehr vernehmbar dreimal auf. Drei Schläge bedeuten im spiritistischen Geistervolapük „Ja“!

Die Frage wird also gestellt: „Wovon wirst Du bewegt?“

Einer zählt das Alphabet, immer von neuem anhebend, laut her, und jedesmal tickt bei irgend einem Buchstaben das Kästchen dreimal mehr oder minder stark auf, so daß der Satz zustande kommt: „Von Geist Heochios.“

Die Anwesenden ergehen sich mit ganzem Aufgebot ihrer philologischen Kenntnisse in den kühnsten Hypothesen über den Ursprung dieses Namens.

Auf die neue Frage „Woher?“ antwortet der Geist in der Schachtel: „Aus Südosten.“ Bei dem Wunsche, den genaueren Namen des Landes zu hören, kommt noch ein M., dann scheint die Leitung gestört, und es erfolgt nichts mehr.

Man versucht also neue Experimente.

Ich selbst stelle im Nebenzimmer den großen Zeiger meiner Uhr auf die Ziffer drei, und das Aufticken des Kästchens ergibt für die Experimentierenden im andern Raume richtig „drei“.

Ein zweiter analoger Versuch, bei dem O. seine Uhr nebenan auf zehn stellt, mißlingt allerdings, indem der Kasten auch diesmal nur drei Schläge tut.

Gegen 9 Uhr abends wird die Sitzung infolge äußerster Erschöpfung aller Anwesenden abgebrochen.

So das Protokoll, das von O. in ähnlicher Fassung festgestellt und auf seinen Wunsch von sämtlichen Zeugen als richtig anerkannt und unterschrieben worden ist.

Nun einige kritische Bemerkungen dazu.

Die Beschaffenheit der äußeren Umstände brachte es mit sich, daß es sich für mich bei dieser ersten Probesitzung in keiner Weise um eine „Entlarvung“ handeln konnte. Bei den bedenklichen Dingen, die mir O. von den Experimenten seiner Frau Töpfer erzählte, mußte ich allerdings an bewußte Täuschung seitens des Mediums denken, wenn gewöhnliche Erklärungen zulässig sein sollten. Bei unsrem Freunde selbst aber konnte lediglich unbewußte Selbsttäuschung ins Spiel kommen. Diese galt es zu beobachten und das erforderte ein sehr vorsichtiges Prüfen.

Während jener ersten halben Stunde, in der, wie erzählt, durchaus nichts sich ereignete, das Kästchen vielmehr regungslos unter den sechs Händen von Wille, O. und mir lag, hatte ich hinlänglich Zeit, mir über einen gewissen Feldzugsplan klar zu werden.

Wenn das Kästchen sich ohne mein Zutun bewegte, so war dreierlei möglich; entweder es mischte sich wirklich eine fremde Kraft, sagen wir also einmal, ein „Geist“, in die Sache; oder winzige, mit Bewußtsein nicht kontrollierbare Zuckungen und Druckdifferenzen aller Beteiligten brachten in der Weise, wie längst von Physikern (Faraday z. B.) das Tischrücken erklärt worden ist, allmählich eine Bewegung zustande; oder Freund O. arbeitete im leidenschaftlichen Drange, Bewegungen bestimmter Art zu sehen, ohne eigenes Wollen mit und dirigierte den Kasten.

Von Wille durfte ich annehmen, daß er vollkommen passiv blieb und bloß vermöge der größeren Schwere seiner Hände den zweiten Fall beeinflussen konnte.

Nun zeigte sich lange Zeit überhaupt nichts. Geister schienen nicht da zu sein, jene unwillkürliche Muskelbewegung (die ich bei späteren Gelegenheiten, wo Wille und ich allein experimentierten, in voller Wirkung gesehen habe) ließ sich wenigstens für diesen Anfang noch nicht verspüren.

Nunmehr stellte sich bei mir folgender Gedankengang ein.

Es war psychologisch unwahrscheinlich, daß die Selbsttäuschung bei O. so weit gehen würde, daß er selbständig das Kästchen zu schieben begann. Dagegen sprach alles dafür, daß er, wenn einmal die geringste Bewegung sich gezeigt, die Herrschaft über seine Hände so weit verlieren würde, daß er jetzt auch aktiv eingriff.

Ich beschloß also, einen Anstoß zu geben, gleichsam als psychologische Falle, und ich hatte dabei zugleich ein lebhaftes Interesse an Feststellung der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der man absichtlich eine Bewegung hervorbringen könne.

Die Leichtigkeit, so zeigte sich sofort, war die denkbar größte.

Ich brauchte nur den minimalsten Seitendruck mit der Fläche irgend eines Fingers auszuüben, so rückte der Kasten. Mir selbst war es vollständig unmöglich, an der Oberseite meiner fest auf dem Deckel schwebenden Hände irgend welche Bewegung bei diesem Drücken wahrzunehmen. Drückte ich mit dem kleinen Finger der linken Hand, so rutschte das Kästchen nach rechts, und umgekehrt.

Für O. aber hatte ich absolut richtig gerechnet. Sobald einmal die Bewegung da war, fühlte ich das lebhafteste Mitarbeiten von seiner Seite her.

Ich konnte nun die eigenen Hände ganz aufheben, das Kästchen lief doch, und bei der Leidenschaft, die unsern Freund ergriffen, sah man sogar deutlich jetzt das Arbeiten seiner Hand darauf.

Je schneller der Kasten lief, desto mehr fühlte ich selbst, wie die Entscheidung, ob ich drückte oder bloß folgte, immer schwerer wurde, und da es den übrigen Teilnehmern ebenso ging, so hat von einem bestimmten Punkte ab, wo die Kette größer war, zweifellos jeder bald mitgeschoben, bald im Wunsche, nicht zu schieben, sondern bloß zu folgen, unbewußt gehemmt oder dem Gange eine neue Richtung gegeben. Vollends beim Kreisen der Schachtel kreisten alle Arme und Hände unwillkürlich derartig mit, daß man die Schachtel getrost hätte wegnehmen können und doch noch einen Augenblick unsre leeren Hände wie toll hätte durch die Luft herumwirbeln sehen.

So viel zur Erläuterung des „Ur-Phänomens“, wie es Goethe genannt haben würde.

Nun zu Einzelheiten.

„Geklopft“ hat es in dem Kasten niemals. Das kam in klassischer Vollendung erst bei der später zu schildernden Sitzung mit jenem echten Medium vor, und hier ist es uns zweifellos geworden, daß bewußter Betrug im Spiele war.

Ein Knistern und Krachen im Holze ließ sich dagegen wiederholt vernehmen, ich konnte es ebenso wie die Bewegung in jedem beliebigen Moment durch bewußte Konzentrierung des Druckes erzeugen, und von den andern ist es unbewußt mehrfach auf die gleiche Weise hervorgebracht worden.

Wenn Freund O. mit ziemlich bedeutender Kraft seines Zeigefingergelenks auf den ohnehin an einer Stelle brüchigen Kasten schlug, so war es durchaus kein Wunder, wenn beim folgenden Hinhorchen ein schwaches Knistern in den sich wieder aufrichtenden Fasern des dünnen Deckels dem Ohre bemerkbar wurde.

Das Hinrutschen der Schachtel zu irgend einem der Anwesenden ist mehrmals von mir selbst bewußt beeinflußt worden.

In andern Fällen hat jedenfalls unbewußtes Ziehen einzelner stattgefunden, da bei noch soviel Skepsis doch der eine oder der andere im entscheidenden Moment, wo es sich darum handelte, wen der Geist für das größte anwesende Medium erklären werde, im Zwange der kleinen harmlosen Eitelkeit stand, er selbst möchte der Erwählte sein.

Den eklatanten Treffer, daß Julius Hart, den der außerhalb des Kreises stehende Heinrich sich in Gedanken ausgewählt hatte, vom Kästchen begrüßt wurde, verdankte man lediglich mir; bei so wenigen Möglichkeiten war das zufällige Treffen leicht genug gemacht, und ich hatte auf das Nächstliegende, den Bruder, geraten.

Nachdem ich nun in der genannten Weise genügend auf eigene Faust in die Phänomene hineinexperimentiert, beschloß ich, für den Rest der Sitzung bloß noch zu beobachten, und nahm der schärferen Kontrolle wegen an den nächsten Experimenten überhaupt nicht mehr aktiv teil. Ich schützte Ermattung vor und trat aus der Kette aus.

Es folgten die Kunststücke an der Tischkante. Wie vorhin das Schieben, so war jetzt das Überkippen- und Aufschlagenlassen der Schachtel ein Kinderspiel für jeden Beteiligten, ja es war noch leichter gemacht, da das Kästchen in der äußersten Schwebe hing und sich niederbog, wenn einer auch nur den Gedanken hatte, es solle es tun, — und dabei war die Nervosität in sämtlichen beteiligten Fingern jetzt eine derartige geworden, daß die Kontrolle durch das Bewußtsein fast nicht mehr möglich war.

Folgendes ist im einzelnen zu der seltsamen Antwort „Von Geist Heochios“ zu sagen.

Das — den andern ziemlich unerwartete — „von Geist“ hatte sich Heinrich Hart, dessen Hände an der kritischen Stelle lagen, eingestandenermaßen als mögliche Antwort gedacht und nahezu mit Bewußtsein erzeugt.

Bleibt noch das famose „Heochios“.

Dieses Wort ist nach unserm (d. h. der Beobachter) einstimmigem Urteile ein Produkt der verschiedensten Einflüsse.

Heinrich Hart gibt an, er habe „Hart“ herausbringen wollen, das „a“ jedoch verpaßt und den Rest dann dem Zufall und den andern überlassen.

Ein Erklärung aus „reinem Zufall“, in dem doch ein gewisser logischer Zwang steckte, ließe gerade die Entstehung des H., wie ich nebenbei und für analoge Fälle erwähnen will, auch zu. Man bedenke, daß acht Hände auf dem lose schwankenden Kasten liegen. Einer zählt laut das Alphabet her. Jeder erwartet, daß bei irgend einem Buchstaben die Schachtel sich beugen werde. Anfangs wartet jeder. Die ersten Buchstaben gehen vorüber, die Spannung wächst. Es liegt eine psychologische Wahrscheinlichkeit darin, daß gerade in der Gegend vom H., also am Ende ungefähr des ersten Drittels vom Alphabet, ein Höhepunkt eintritt, bei dem einem in der Kette die Hände entweder ganz lose oder ganz schwer werden; sobald das aber erfolgt, klappt das Kästchen auf, und daß es dreimal klappt, ist unvermeidlich, teils weil jeder erwartet, es müsse dreimal klappen, und teils schon, weil überhaupt durch den Rückstoß ein Geschaukel entsteht, das wiederholt sogar zu vier oder fünf Schlägen führte. Ein oder zwei Schläge mehr gelten aber nur als besondere Bestätigung seitens des Geistes.

Beim Suchen nach dem zweiten Buchstaben durch erneutes Hersagen des Alphabetes ist dann mit höchster Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß ein Vokal und nicht ein Konsonant kommen wird. Jeder hat, er mag wollen oder nicht, im Kopfe sich irgend eine oder auch mehrere Fortsetzungen zu dem H gebildet, bei denen allen aber natürlich ein Vokal folgt. Daß gerade E, der zweite Vokal, kommt, liegt auch wieder nahe, bei A will jeder noch abwarten, bei E ist die Spannung schon genügend gesteigert, bei I würde die Wahrscheinlichkeit vollends ganz groß sein, da die meisten sich kaum noch weiter werden bezwingen können, die Erwartung „Jetzt muß es kommen“ wird zu stark.

O und C mögen mehr durch Zufall entstanden sein, obwohl die Vermutung, es komme ein ans Griechische anklingender Name, jetzt bereits ausgesprochen war und einer laut auf „Henoch“ geraten hatte, womit O in den Ohren klang.

H nach C ist einfach selbstverständlich, die griechische Endung erschien unter dem Zwange des laut eingestandenen „Das muß kommen, da es unbedingt ein griechischer Name ist!“

Dem „Südosten“ ging die Vermutung voraus: es braucht nicht direkt Griechenland zu kommen, es kann auch Kleinasien oder sonst so etwas werden.

Bei M mag einer an Makedonien oder Medien gedacht haben, doch entstanden bei diesem allzu bestätigenden Fortgang jetzt offenbar selbst bei O. Zweifel, ob unsre Gedanken nicht beeinflussend wirkten, jeder beeiferte sich, einmal ganz und gar nichts zu tun, und — sofort stand die Maschine wirklich still.

Das Experiment mit der Uhr endlich ist ohne alle Beweiskraft, da in beiden Fällen lediglich der gewohnte Rhythmus der drei Schläge wiederkehrte; als der Zeiger zufällig auf drei wies, ergab sich eine Übereinstimmung, bei zehn blieb sie ebenso naturgemäß aus.

Der Leser wird den Kopf schütteln über diese Haarspaltereien.

Und doch ist diese Zergliederung grade der allereinfachsten spiritistischen Kunststücke das unbedingt Nötige als Vorschule zur Auflösung der schwierigeren Probleme.

Der Fundamentalfehler, der immer wieder begangen wird und dem dann selbst gute geschulte Beobachter erliegen, ist, daß man gleich ein Medium der hohen Schule prüfen will, ein ungeheures Raffinement in verwickeltsten Kunststücken überwinden zu müssen glaubt und dann grade durch die ganz einfachen, haarsträubend simplen Sachen, die man als zu einfach gar nicht in Rechnung zieht, überlistet und gefangen wird. Fritz Schultze, der ein an Material ziemlich reichhaltiges, dafür im Raisonnement allerdings schwaches und stellenweise ziemlich ungeschicktes Buch gegen den Spiritismus geschrieben hat (Die Grundgedanken des Spiritismus. Leipzig, Günthers Verlag, 1883), hat bei Gelegenheit dieses Punktes nicht mit Unrecht an eine Kriminalnovelle Edgar Poes erinnert, in der ein wichtiger Brief gerade deswegen von der Polizei, die doch jeden Winkel des Hauses durchstöbert, nicht gefunden wird, weil er gar nicht versteckt ist, sondern offen vor jedermann auf dem Tische liegt.

— — —

Nachdem die Ergebnisse der ersten Sitzung bei O. im engeren Kreise der unbefangenen Beobachter genügend durchgesprochen waren, kam es acht Tage später zu einem zweiten Experiment.

Bruno Wille und ich hatten diesmal ein Stichwort „Merkwürdig“ verabredet, das zur Kontrolle für den andern dienen sollte, wenn der eine mit Bewußtsein und zum Zwecke irgend einer Probe oder Falle in die Handlung eingriff.

Zunächst wurden noch einmal die meisten Phänomene der vorigen Sitzung der genaueren Bestätigung wegen wiederholt, wobei zur Abwechslung an Stelle des Uhren-Experiments das Kästchen heute angeben sollte, wieviel Kleingeld sich in meinem und in einem zweiten Falle in Willes Portemonnaie befinde.

In beiden Fällen wußte ich die Zahl nicht genau, habe aber doch durch leichte Drucknachhilfe einmal genau und einmal beinah das richtige Resultat hervorgebracht, zum guten Beweise dafür, wie leicht auf Grund auch nur annähernd richtiger Kombination einiger bekannter Anhaltspunkte das genau richtige Erraten der Wahrheit gemacht wird und wie gutmütig der Zufall in solchen Fällen auszuhelfen pflegt, wenn man nur den Mut hat, überhaupt zu raten.

Der wesentlichste Fortschritt in dieser zweiten Sitzung war aber in einem Experiment mit dem „spiritistischen Schreibapparat“ gegeben.

Dieser Apparat besteht in einem runden Holzplättchen, das eben gerade Raum für zwei aufgelegte Handflächen bietet, und an dessen unterer Seite drei Stützen (gewissermaßen drei Stuhlfüßchen) angeleimt sind; eine dieser Stützen ist ein Bleistift. Man setzt das Ganze auf einen großen Bogen weißen Schreibpapiers. Einer legt die Hände auf die Platte und eventuell noch ein zweiter seine auf die des andern, und dann erwartet man regungslos das Eintreten einer Bewegung des Holzapparats, die den Bleistift aufkratzen läßt und so, bei korrekter „Geisterführung“, eine Schrift hervorbringt, — eine „Geisterschrift“ mit individueller „Geisterhandschrift“ und einem vom „Geiste“ gewollten Inhalt.

Freund O. hatte seine Hände kaum auf die Holzplatte gelegt, als der Apparat auch bereits mächtig zu wirbeln begann.

Der Bleistift beschrieb eine große Spirale und raste dann förmlich über das Papier dahin, den Bogen mit kindlich ungeschickten, aber doch lesbaren Buchstaben bedeckend.

Aber O. klagte dabei selbst, er fürchte unbewußte Selbsttäuschung, er „schreibe nur, was er denke“. Ein andrer möge an seine Stelle treten, vielleicht hätten wir ein noch unerkanntes gutes „Schreibmedium“ unter uns.

So legte ich denn meine Hände auf, er wollte seine eigenen nur lose darüber legen, „um die Kraft zu verstärken“. Ohne daß ich im geringsten bewußt mithalf, kamen auch jetzt mehrmals lange Schriften zu stande.

„Gott zum Gruß“, begann jede der Offenbarungen, dann folgten ein paar allgemeine Redensarten und zum Schluß, Wunder über Wunder, kam zweimal mit gewaltigen Lettern die famose Unterschrift „Heochios“!

O. war entzückt, da er diese Fälle, wo seiner Ansicht nach unbedingt nicht er geschrieben hatte, ich aber bestimmt versichern konnte, auch nicht absichtlich hineingearbeitet zu haben, für beweisend hielt sowohl für die Existenz eines uns umschwebenden Geistes Heochios, als auch für meine Befähigung zum Schreibmedium.

So weit auch hier wieder der rein äußerliche Sachverhalt und Folgendes zur Aufklärung.

Von den drei oben erwähnten Erklärungsmöglichkeiten: Geist, unwillkürliche Muskelbewegung, Selbsttäuschung, die äußerlich zum entscheidenden Mitwirken wird, fällt die mittelste hier von vornherein fort. Wenn ich — ich habe es in einer der nächsten Sitzungen bis zur Dauer von 20 Minuten fortgesetzt — meine Hände ohne O. auf den Apparat legte, so ergaben sich nachher die Spuren dieser Muskelzuckungen auf dem Papier als eine ganz kleine, blitzartig zackige Linie, die aus einzelnen Punkten gebildet schien und aus der, wie ich annehmen muß, bei einem gesunden Menschen niemals auch nur ein einzelner Buchstabe hervorgehen könnte, geschweige denn eine fortlaufende Schrift, die am Zeilenende von selbst absetzt und eine neue Reihe anfängt.

Mit vollkommenster Deutlichkeit dagegen fühlte ich, sobald O. seine Hände auf meine legte, wie er drückte, über meine sehr kleine Hand mit seiner weit größeren weggriff und wie er nach allen Regeln der irdischen Physik so die Schrift selbst zustande brachte.

Das scheint mir ein Maximum von Selbsttäuschung, das im höchsten Grade interessant ist.

Freund O., so muß ich mir den Fall erklären, hat bei Frau Töpfer, die bewußt täuschte, oftmals gläubig dem Schreiben zugesehen. Er hat sich die traditionellen Formeln des Geisterschreibens (das Beginnen mit der Spirale etc.) gradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen, er hat jene Beigaben auswendig gelernt, wie das „Gott zum Gruß“, das der wohl hauptsächlich amerikanischen Verquickung des spiritistischen Versuchs mit frömmelndem Sektiererwesen seinen Ursprung verdankt. Er hat dann in Mußestunden mit Bewußtsein Proben angestellt, wie man mit dem Apparat schreiben muß, — ohne diese Schulung wäre es nicht möglich, daß er es überhaupt so glatt fertig brächte.

Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder, was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete, ein Geist Heochios führe den Apparat.

Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war Heochios ein wirklich erschienener Geist.

Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei dem ich nicht den geringsten Grund habe, mala fides vorauszusetzen, die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem „Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken.

Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne nennenswerte Erfolge zu erzielen.

Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen und Telepathie.

Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben Gedankenlesens — Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt — gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt Führende.

Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt worden sind.

Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“ (Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen also und ohne Auge und Ohr.

Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche anstellte.

Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich dem irgendwelche Beweiskraft beimesse.

Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte Skepsis.

Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien und ihren Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen.

Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu geleiten.

Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort „Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten.

Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden ausschlagen müßte.

Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können.

Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann begleitet.

Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare glatt emporgeknotet, — der Herr Gemahl ein kleiner Berliner Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein Glas Bier erbat.

Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand, Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln, die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien.

Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits stark „mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein.

In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen, bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu kommen.

Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben, um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen.

Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige — allerdings bewußt täuschende — Quelle dieser Geisterstimmen sei. Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln.

Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen, denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“

Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s Aussage überraschend zu gelingen pflegte.

Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt auf die Geister energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“

Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte Stimmung dauernd zu zerstören.

Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken.

Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!) zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte.

Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen.

Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts.

Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit einer lesbaren Schrift zu bedecken.

Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene berühmte Spirale, das „Gott zum Gruß“ und ein paar ähnliche alberne Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete „Werner“.

Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses „Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein.

Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders.

Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer — und mit dem Mut kamen verstärkte Wunder.

Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren.

Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen, die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“.

Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, — übrigens keine einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und Bewegungen der Füße hervorbringen können.

Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“.

Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken.

Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen: „Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei Geistermanifestationen niemals.“

Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von „unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst vorsorglich auf das Klavier.

Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach, es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen.

Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin, daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß, der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“

Damit schloß der erste Akt der Sitzung.

Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen jedes auffallende Licht abzuschließen.

Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen sollten, hinderte mich an der Durchführung.

So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich zu erzählender Umstände wieder wachsende Ängstlichkeit des Ehepaars es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber die Gelegenheit zu einem solchen auch diesmal so günstig war (der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte überraschen dürfen.

Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete eine „Dunkelsitzung“.

Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß werde der Tisch nun endlich emporfliegen.

Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft, — sehr merkwürdig!“

Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat.

Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am Stuhl — wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer.

An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß.

Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen echten andern Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr.

Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört, unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl wir andern erst später erfuhren, was.

Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße unsres Freundes O. dort zusammentraf.

Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten Selbsttäuschung bei O. zu beobachten.

O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß, durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte.

So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster Blüte nebeneinander.

Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der Scherz hinzu — der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen.

In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei.

Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen.

Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes Radikalmittel.

Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden.

Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater, Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf....

Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila.

Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener Meisterschaft eingeübt.

„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“ (Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind raten, und sie riet entsetzlich schlecht.

Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein Herkules sei.

Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das Licht der Welt erblickt.

Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille.

Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben Fieber gestorben.“

Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der Galle zusammen.

Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben, in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern lesen und dann glauben lernen.

Die alte Wahrheit: „Wer sich entschuldigt, ist’s gewesen!“

Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang.

Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend deutlich durch.

Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes, einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat am gelben Fieber gestorben.

Wir hatten genug und gingen nach Hause.

So weit meine alten Aufzeichnungen.

Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen.

Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“, die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, — und die sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren Möglichkeiten ...

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