Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen, das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen.
Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die verschiedensten Deutungen zulassen würden.
Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen. Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige Tatsachen, — in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“.
Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als Palladium verteidigt haben — und die doch, mit dem und trotz dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging — und die uns so das Tor überhaupt weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“, die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind.
Ein solcher Mann war Fechner.
Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge gebracht, die wieder mein Grundthema berührt.
Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine Macht, — trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm „fertig“ zu sein glaubten.
Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder aufgelegt worden, — überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe.
Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten, schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek, das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis war.
Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf, sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen muß.
Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit Zend-Avesta gemacht.
Ich weiß noch heute eine ganze Anzahl trefflicher, kenntnisreicher, ethisch hochstehender Männer, die es genau so machen. Man braucht dem Gespräch nur eine bestimmte Wendung zu geben und dann plötzlich einen Fechnerschen Zend-Avesta-Gedanken mitten aus dem Zusammenhang dazwischen zu werfen, — etwa: man spricht über die Spektral-Analyse der Gestirne im Anschluß an das treffliche Buch unseres Potsdamer Astrophysikers Scheiner und wirft hinein, daß Fechner noch im Jahre 1851 die Gestirne für „beseelt“ gehalten habe; auch über das Antlitz eines sehr milden, sehr sachlichen Zuhörers wird ein Lächeln fliegen, das so viel besagt, wie: werfen wir den Mann fort aus jeder ernsthaften Debatte.
Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten, — dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der tatsächlichen nackten Unkenntnis ist.
Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem die den Fechner heute wieder suchen, — nun die ihn eben suchen.
Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil.
Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie — und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“ zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle, von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist, ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, — ein Denkerkopf, den „wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre.
Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte.
Aber es ist genau ebenso eine Gesamtstimmung.
Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil auf, wie es in dem Spruche heißt: „Nemo contra Deum, nisi Deus ipse.“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter, die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren.
Optimismus sucht unsere Zeit.
Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der antiquarische Buchname Fechner, — wie Pessimismus ein ander Ding war als der mystische Wille und Schopenhauer.
Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum auch kommt sie auf Fechner zurück.
Sein Name ist ein Zeichen heute, das kein Lächeln und Lachen über Pflanzenseelen und Gestirnseelen mehr fortschaffen kann. Er ist ein Symptom einer äußerst charakteristischen Wende, und das muß ernst genommen werden.
Was Fechner wollte?
Wie der Faden eines großen Kunstwerks läßt sich der Kerngedanke auch seiner ganzen Philosophie auf eine Nußschale schreiben.
Der Angelpunkt liegt in dem schlichtesten Wort, über das auch im exaktesten Kreise doch unmöglich als solches gelacht werden kann: in dem Wörtchen Natur.
In diesem Wörtchen steckt eben noch mehr als bloß etwas Spektral-Analyse oder Energiegesetz. Unsere größte Lebens- und Herzensfrage steckt allmählich darin. In vierhundert Jahren ist das langsam über uns gekommen, und es hilft keine Phrase mehr darüber fort. Das ganze achtzehnte und das ganze neunzehnte Jahrhundert ist eine einzige fortgesetzte Krisis vor diesem Begriff.
Rekapitulieren wir noch einmal.
Zuerst kam die große Zeit von Kopernikus bis auf Newton mit ihren überwältigenden äußeren Bildern der Natur. Die ungeheure negative Rolle des Neuen setzte ein. Vor den Sternen in Galileis Fernrohr verblaßte ein ganzer alter Lichthimmel. Vor dem Naturgesetz Newtons versank der Wunderbegriff. Wo einst Überwelt und kleine Erdenwelt eng aufeinander geprallt waren, da schob sich jetzt das Riesending dazwischen, das wir eben im neueren Sinne „Natur“ nennen: Myriaden Sonnen im Raum, Äonen der Vergangenheit, natürliche Entwickelung in der eisernen Hand des Naturgesetzes — und diese Welt dem Forscher zugänglich, das leise Ticken ihres Lebens sich wiederspiegelnd auf seiner Uhr, ihr in allen Äonen gleichmäßig geregelter Schritt sich aufprägend auf seiner Wage.
Auf einmal ist das da, gigantisch groß, zermalmend für unzählige altvertraute Vorstellungen, mit nichts mehr fortzudisputieren. Wir lieben es, das neunzehnte Jahrhundert im engeren hervorzuheben als die Epoche der Naturforschung, der Naturerkenntnis. In Wahrheit bezeichnet es nur den Wellenkamm, wo das Bewußtsein des Erreichten einsetzt. Ein Werk wie Humboldts „Kosmos“ ist charakteristisch für dieses Jahrhundert als eine Zusammenfassung, ein erster, ganz großer Rechnungsabschluß.
Lange ehe es dazu kommt, setzt aber bereits eine ganz andere Linie ein, — eine, die ebenso folgerichtig einsetzen mußte.
Der Begriff Natur hat die ganze sichtbare Welt erobert. Streng genommen sogar die unsichtbare. Wo der alte Glaube Himmel und Hölle jenseits der Schranke unseres Sehens träumte, träumt er immer noch wieder Sterne. In die Ewigkeit reicht sein Naturgesetz.
Aber ob nun da oben durch die Fugen der Aetherglocke der Schimmer des Paradieses blitzt oder ob Sterne kreisen im leeren Raum, getragen vom Gravitationsgesetz: auf der Erde sitzt der gleiche Mensch, stützt den Kopf auf die Hand und fragt sich, wie er sich in ein Verhältnis setze zur Welt.
Ist die Welt „Natur“ geworden, — wie also zu dieser Natur?
Einen Augenblick, unter dem Krachen der alten Säulen, kann er vielleicht meinen, mit diesen Säulen sei jenes Anschlußbedürfnis selber zerstört. Aber das ist nur ein negativ übertäubter Moment. Mensch bleibt Mensch. In dem alten Tempelbau ließ sich leben. Wie ist’s nun in der Natur?
Wenn die Flut eine halbe Insel wegreißt und die Leute auf ein Viertel des alten Raumes drängt; wenn ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch eine ganze Stadt wegtilgen: die verschüchterten Menschen meinen auch zuerst, jetzt würden sie ewig im Chaos bleiben; in ein paar Jahren haben sie sich doch wieder eingerichtet, so gut es geht, und die nächste Generation weiß es schon nicht anders.
Die Naturerkenntnis verhieß nun umgekehrt sogar unendlichen Zuwachs. Für den engen Tempel eine Sternenwelt. Immerhin lag das alte Haus für den Moment unter der Lava und es wollte ein neues Dach gebaut sein, unter dem der Mensch die Sterne ruhig ertragen konnte.
Die Linie, die von hier heraufkommt, darf man gar nicht in der Weise, wie jene erste, grundlegende, zunächst bei den Naturforschern suchen, ja nicht einmal bei den Naturphilosophen vom abstrakten Feld.
Die Frage, wie man praktisch, als ganzer Mensch mit allen echten, unzerstörbaren Menschenbedürfnissen, mit der „Natur“ leben solle, ist in ihrer eigentlichen Intensität auch von den intensivsten Ganzmenschen zuerst brennend gestellt worden: den künstlerischen und ethischen Köpfen.
Ihre größte erste Entladung in der Tiefe des achtzehnten Jahrhunderts liegt nicht bei irgend einem exakten Naturforscher (nicht einmal bei Newton), sondern bei Rousseau.
Rousseau kämpfte im Kleinen noch einmal den ganzen Kampf des Alten und Neuen bei sich aus.
Als eine durch und durch ethische Natur lief er zunächst mit dem harten Kopf gegen moralische Widersprüche in seiner Zeit. An der Unmöglichkeit, sie mit dem alten Glauben noch zu lösen, erkannte er die Krisis des neuen Menschen. Der Mensch mußte sich mit irgend etwas neu einrichten, um diesen Dampf zu durchdringen.
In dieser Stimmung bot sich ihm das Wort „Natur“.
Die Natur erschien ihm als die Erlösung. Heim ans Herz der Natur!
Rousseau zuerst suchte in der Natur mit der ganzen Inbrunst des Erlösungsringers nicht die Ziffern irgend einer Naturforscherrechnung, ja nicht einmal philosophische Spekulation: er suchte in ihr einen neuen ethischen Grundwert und Urwert, den Fels, an den der neue Mensch sich klammern könnte, den ruhenden Punkt des Gemütes, das Herz, an das dieses Gemüt heim wollte.
Es ist die Tragik in Rousseaus Leben, daß der Begriff Natur bei alle dem ihm selber ein schwankender, halber, phantastisch-unklarer blieb. Er mußte eine sentimentale Natur erfinden, die in dieser Form für die nächste Folge dem Fortschritt der echten Naturerkenntnis schroff entgegenstand. Und selbst darin blieb er halb.
Hätte Rousseau die Kraft des Wissens und der Phantasie gehabt, seinen Naturbegriff wirklich groß und suggestiv zu machen, so wäre er mit seiner ethischen Wucht ein Religionsstifter geworden, wozu er in vielen Zügen das Zeug hatte. So blieb er in der Natur-Krisis stecken, allerdings mit einer ungeheuren Wirkung innerhalb dieser Krisis. Ein Gewaltigerer löste ihn ab: Goethe.
Auch Goethes Leben ist ein unausgesetzter Kampf um den Natur-Begriff.
Goethe ist eine unendlich viel positivere Gestalt als Rousseau, schon weil er viel stärker Künstlernatur ist.
Er geht für sich niemals so herb von dem Riß zwischen Alt und Neu aus. Viel mehr Naturforscher auch als Rousseau, steht er von Anfang an fester auf dem Natur-Boden. Von Spinoza her ist er zugleich auf den Einheitsbegriff gedrillt. Ihm kann der Schnitzer nicht passieren, daß er nun doch noch wieder den Riß in die Welt hineinprojiziert und einen Schnitt macht zwischen Natur und Kultur, die Kultur als Abfall ansieht von einer künstlich konstruierten „Natur“.
Goethe ist es, der, nicht abstrakt wie Spinoza, sondern künstlerisch schauend, das Wort einführt: „Gott-Natur“.
Wenn ein Wort die Probleme hier wie irgendwo endgiltig lösen könnte, so wäre die Schlacht für diese ganze Linie damit gewonnen gewesen.
Aber Goethe selbst hat in unablässigem Ringen, Tasten, Versuchen deutlich genug gezeigt, wie sehr er sich bewußt war, daß das Wort erst eine Direktive sei, keine Erfüllung. Vielleicht das Größte, was er uns im Kampfe um den Naturbegriff geleistet hat, war aber der Mut, mit dem er dem Ding ins Auge schaute, ohne jede Sorge, es könne ihn fressen, statt ihn zu erlösen.
Es lag schon in der Luft damals, dieses Gefressenwerden durch den Natur-Begriff. Ganz langsam hatte sich in die große Linie der Naturforschung der seltsame Faden hineinversponnen, von dem ich schon gesprochen habe.
Da stand der große neue Lichtbau der Welt, aufgemauert mit cyklopischen Quadern der Forschung. Aber nun der Mensch sich darin einrichten wollte, hing über der Tür plötzlich etwas wie ein Gorgonenschild.
Die Natur ist das Absolute; aber dieses Absolute ist ein sinnloser Blödsinn!
Eine närrische Ausgeburt des Chaos, diesem Chaos wieder verschrieben mit Leib und Seele!
In herrlichem Siegeszuge hatte die Naturforschung in der Rechnung ein Mittel erkannt, dem Geheimgewebe der Natur in die Maschen zu rücken; jetzt hieß es: die Natur selber ist nichts anderes, als eine dürre Ziffernfolge. Wir selbst sind auch nur gleichgültige Ziffern darin. Ein wahnsinniger Totentanz rast die Wirklichkeit an uns vorüber. An uns, — an ein paar Spiegelplättchen für Momente. Morgen ist alles aus. Was war im Grunde die ganze Erkenntnisjagd? Ein tappender Gang im Labyrinth, Kammer um Kammer durch, von Treppe zu Treppe. Bis endlich, unentrinnbar, in der tiefsten Zelle, der schwarze Minotaurus saß, der uns alle fraß. Warum? Danach durfte man nicht mehr fragen.
Goethe kannte diese Auffassung ganz genau.
Er hat sein Leben lang Aug in Auge mit ihr gestanden.
Er wußte, daß hier die Stelle war, wo der Natur-Begriff seinen wildesten Versucher in sich selbst hatte, wo er, mit einem Schritt nur über die Kante, hoffnungslos abstürzte in den Pessimismus.
Wenn der Natur-Begriff über diese innerlichste Krisis nicht gerettet wurde, so war seine ganze Zukunftsrolle verspielt. Denn im Pessimismus dieser absolut hoffnungslosen Art würde die Menschheit sich nicht dauernd zufrieden geben. Durch irgend eine Spalte würde die alte, überwundene Weltanschauung, die vor Copernikus und Galilei zersplittert war, wieder zurückkriechen und von dieser verrannten Ecke aus den ganzen wundervollen Lichtbau der Naturforschung überhaupt wieder auseinandersprengen.
Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese Nachtansicht der Natur.
Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam, lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, — so wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann. Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler, ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut wieder emporzog, anstatt ihn in die Minotaurus-Höhle zu stoßen.
Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses Spiegelplättchen.
Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren im Faust die Szene mit dem Erdgeist.
In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß, daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel, das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne uns.
Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben, auf das es starrt, — unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und damit aktiv in der Welt zu bleiben, — anstatt sich dort dauernd zum hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur, die ihn innerlich nichts angeht.
Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen.
Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in der Natur-Idee.
Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere.
Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu definieren, wie nur irgend denkbar.
Weil ihr Verlauf ein gesetzmäßiger ist, sollte er ein sinnloser sein.
Weil wir eine tiefe Logik der Dinge gewahren, die auch aus einer scheinbar chaotischen Zertrümmerung aller kosmischen Gebilde dennoch immer wieder eine der Harmonie sich annähernde Welt heraufentwickeln würde, sollte der Kosmos in Wahrheit ein Chaos sein.
Weil es die Natur war, die im Menschengeiste sich zu grenzenlosen Herrlichkeiten der Erkenntnis, der Kunst, der Ethik emporgearbeitet hatte, sollten alle diese Errungenschaften plötzlich gleichgültige Seifenblasen eines törichten Spieles sein.
Immerfort hat dieses Jahrhundert dem Menschen einschärfen wollen, daß er in der Natur als seiner umfassenden Idee aufgehe, — aufgehen müsse, weil diese Natur im monistischen Sinne Goethes das wahre All sei, in dem es nicht ein Außen und Innen gebe. Und immer hat dieses gleiche Jahrhundert dem Menschen tatsächlich an den Kopf geworfen, daß er in der Natur unterzugehen habe, unterzugehen wie ein armer Schwimmer, der sich sträubt und sträubt und den der tückische Strudel endlich doch in seinen schwarzen Abgrund saugt.
Und der Erfolg ist Pessimismus gewesen, Pessimismus bis über die Ohren, während draußen alle bunten Triumphraketen der grandiosesten Naturerschließung prasselten.
Ein Mann aber, der sich gewehrt hat gegen diese Definitionen mit aller Kraft seines unsagbar reichen und logischen Geistes, war Fechner.
Es ist äußerst bezeichnend für Fechner, daß er gerade das war, was Goethe Zeit seines Lebens am wenigsten der Anlage nach gewesen ist: exakter Physiker.
Er kam gleichsam aus der engsten Geheimzelle der modernen Naturforschung, vom feinsten Räderwerk des ganzen Getriebes. Bei ihm ist kein Zweifel über richtige Handhabung der Forschungsmethode, kein Zweifel über die Beherrschung der Forschungsresultate seiner Zeit. Wo er als reiner Sachforscher im Detail aufgetreten ist, da hat er sich ausnahmslos den Ruf eines geradezu klassischen Arbeiters erworben. Wer sich die Mühe gibt, auf Eleganz der Methode bei ihm nachzuprüfen, der wird den Verfasser der Elemente der Psychophysik unbefangen neben Gauß, Weber, Faraday und Helmholtz in der Geschichte der modernen Naturforschung stellen können.
Und doch lag Fechners Denker-Ehrgeiz tatsächlich auf einem anderen Gebiete, weit darüber hinaus. Auch er wollte den Naturbegriff selbst reformieren, ihn endlich, angesichts so erdrückenden Naturmaterials der Forschung, zu einem wirklichen Hause umschaffen, in dem sich für den ganzen Menschen wieder wohnen ließ.
Und dieser Fechner ist es, der uns heute, nachdem die Krisis des Begriffs nachgerade wieder einmal fünfzig Jahre gedauert hat, auch erst recht wieder interessiert.
In drei Werken hat er seine Allgemein-Anschauungen niedergelegt, in der Mitte seines Schaffens in „Nanna“ und „Zend-Avesta“, im Alter in der „Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“. Es sind keine leichten Bücher, die man in einer müßigen Stunde wie einen Roman lesen kann. Ich denke aber, die Frage, ob es eine Versöhnung von Optimismus und moderner Naturanschauung geben könne, ist auch nicht die Frage einer müßigen Stunde.
Was Fechner im ganzen versucht hat, das ist eine ungeheure Hilfskonstruktion zu dem Satze: was könnte die „Natur“ doch noch in einem optimistischen, unser Sehnen beruhigenden Sinne sein unter Achtung aller festen oder fest geglaubten Tatsachen und Lehrsätze der exakten Naturforschung von heute?
Es ist bei dieser Stellung der Frage von vornherein klar, daß kein Rückfall mit ihr möglich ist in eine Weltauffassung, die mit diesen Tatsachen und Lehrsätzen noch nicht gerechnet hatte, als sie entstand, und die in der Folge sich nur in erklärtem Widerspruch zu ihnen erhalten hat.
Das unzerstörbare Walten der Logik im Naturgesetz, das jedes „Wunder“ ausschließt; die Einheit aller Dinge Himmels und der Erden im monistischen Sinne ohne jedes „Hinter der Natur“, die den ganzen alten Dualismus und die ganze alte, schlechte Sorte der Metaphysik fortstreicht; das ewige Gebundensein alles Seelischen an einen materiellen Untergrund, mit dem alle Gespensterei und Theorie der stofflich unabhängigen Seelen aufhört: — solche und ähnliche Sätze der Naturforschung sind für Fechner eherne Säulen, die fertig dastehen, ehe er seine ganze Konstruktion anfängt, und bei denen eben jene Achtung in Kraft tritt.
Was er aber behauptet, das ist: daß jenes pessimistische Minotaurusbild, ja auch schon jenes ganz indifferente Bild einer kalten Weltenrechnung ohne inneren Anschlußpunkt für uns, eben selber auch nur eine Hilfskonstruktion innerhalb dieser Säulen sei — und zwar weder die einzige, noch auch die logisch beste.
Im Gegenteil.
Es läßt sich eine optimistische Hilfskonstruktion denken, die dem Harmonie- und Erlösungsbedürfnis des Menschen vollkommen gerecht wird und den Menschen aktiv an die Natur angliedert als den umfassenderen Organismus, ohne daß dabei ein Titelchen verrückt zu werden braucht an jenen Grundsäulen der Forschung. Und es läßt sich gerade diese Hilfskonstruktion innerlich sogar mit einer konsequenteren Logik zwischen diese Säulen einbauen, als es für jene andern denkbar ist. Das ist Fechners wesentlichstes Denkbekenntnis.
Das „Wie“ seiner Konstruktion steht in den drei Büchern. Es läßt sich darüber streiten, und Fechner verlangte, daß man darüber stritt, eventuell ihn widerlegte.
Der Schmerz seines Lebens war, daß man ihn statt dessen totschwieg.
Nie hat er das vollauf berechtigte Gefühl überwunden, daß es sich um Fragen von solcher Heiligkeit, Fragen auf Leben und Tod wie des modernen Menschen, so der modernen Naturforschung, hier handle, daß diese Antwort absolut unwürdig sei.
Heute würde er es als einen neuen Beweis seines optimistischen Naturprinzips selbst hinnehmen, daß die Geistesentwickelung uns ganz von selber darauf führt, die alte Sünde wett zu machen.
Im Moment, da wir nach so viel abgeflossenen schwarzen Wassern des Pessimismus wieder Optimismus suchen, sind wir mit drei Schritten wie bei dem Sänger der Gott-Natur, so auch wieder bei dem stillen Philosophen im Leipziger Rosental.
Denn so viel Stationen der modernen Geisteswallfahrt nach dieser Seite haben wir nicht, daß wir im Gedränge fehl gehen könnten.
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