In dem großen Kampfe um den Natur-Begriff steckt aber noch ein tieferer Kampf.

Der Kampf überhaupt um die Wirklichkeit.

Um Begriff und Sinn und Kraft der Wirklichkeit.

Auch um sie hat das neunzehnte Jahrhundert unablässig gerungen, mit und ohne Wissen, mit und ohne Segen, aber rastlos, unermüdlich.

Es ist seltsam: ganz andere Erinnerungsfäden spinnen sich mir an, ganz andere Assoziationen, wie ich an dieses Wort „Wirklichkeit“ denke.

Kampfbilder tauchen mir zunächst auf aus dem ästhetischen Gebiet. Wie ist in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gestritten worden über den Begriff des Realismus in der Kunst, — über Wirklichkeitskunst!

Auch von dieser ästhetischen Fehde ist im Persönlichen heute viel antiquiert.

Da hängt Zola’s Bild an meiner Wand. Zola ist tot.

Dort stehen die grünen Hefte der „Freien Bühne“, der deutschen Zeitschrift, in der die Rede vom Naturalismus und Realismus der Kunst so lautes Leitwort war. Das trotzige Frühlingsgrün ihrer Umschläge ist zum sanften Grau abgeblaßt. Ach ja! Moderne Umschlagsfarben halten kein Jahrzehnt! Es ist mir aber auch schon wie ein Omen zur Sache.

Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe in jenem größeren Streit, — dem eigentlichen Geisteskampfe um die Wirklichkeit.

Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in eine freiere Luft.

So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von ihr getragener Naturphilosophie — und Kunst. Erste Lösungen, die ich versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich aber ist mir dabei wenigstens ein echter Wert aufgegangen: nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische.

Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin aufs Schlachtfeld.

Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein Instrument der Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert, wenn die Kunst darüber gerauscht ist.

Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was hinter jenem Kunstkampfe um den Realismus stand.

— — —

Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens.

Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas.

Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert geistigen Bedeutung fassen.

Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“ im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen voneinander wie ein grandioses Kunstwerk.

Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines Entdeckerschiffs.

Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und Geschichtsdinge schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht, wo das gewöhnliche Auge versagt.

Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort.

Es lautet: Wirklichkeit.

Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts, — die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am nächsten steht.

In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“.

Es lag dieser Tat aber doch in Wahrheit ein anderer, ein eigener Gedanke zugrunde.

Das achtzehnte Jahrhundert (in diesem Sinne immer jetzt nur als eine lose Annäherung gefaßt an die Jahresziffer) philosophierte abstrakt, träumte, dichtete, phantasierte, lebte und schwelgte in Gefühlswelten.

Alle seine Maßstäbe waren ästhetische.

Seine Naturgeschichte war Naturphilosophie.

Seine soziale Besserungssehnsucht wandelte in Utopien, versenkte sich in mystische Gründe, konstruierte sich eine romantische Geschichte, die nie existiert hat, und baute darauf in die Wolken hinein eine märchenhafte Zukunft.

Immer hat dieses Jahrhundert einen Stich ins Ungemessene, ein Überfliegen der Dinge durch den Gedanken, eine naive Befreiung von der Schwere.

Das neunzehnte Jahrhundert kennt nur einen Maßstab: den technischen.

Sein Blick ist auf einmal kurz, aber auf diese kurze Spanne mikroskopisch scharf.

Sein Boden, seine eigentliche Erdwissenschaft, aus der Antäus Kraft schöpft, ist die Naturgeschichte, aber sie ist jetzt im echten Sinne Naturwissenschaft und nur solche.

Auf ethischem, auf sozialem Gebiete ist es das Jahrhundert der kurzen Programme, die nicht die Welt neuschöpfen wollen, sondern einen einzigen nächsten besseren Schritt eisern ins Auge fassen, ganz nüchtern, — für diese Menschheit, für dieses Leben, für diese Prozentziffer Schlechtigkeit weniger und für diesen konkreten Laib Brot mehr.

Hinter allen Taten dieses Jahrhunderts scheint obenan der Gedanke zu stehen: beschränken wir uns.

Beschränkung ist aber keine Beschränktheit. Man nimmt dem Worte die Spitze, wenn man sich das Wesen jenes Beschränkens aus seinem Kern heraus klar macht.

Das neunzehnte Jahrhundert hat alle seine Siege erfochten im Zeichen der Wirklichkeit.

Dieser Begriff gerade in dem Sinne, wie ihn das Jahrhundert am meisten im Munde geführt hat, kommt aber selbst nur zustande durch eine Beschränkung.

Das muß erfaßt werden, wenn man den Dingen gerecht werden will.

Wir gebrauchen das Wörtchen „wirklich“ gewöhnlich in einer Auffassung, über die ein Zweifel nicht möglich scheint.

Wirklich ist das Blatt, ist der Tisch, auf denen ich diesen Satz schreibe. Wirklich ist die Tapete meines Zimmers, der Ahornbaum vor meinem Fenster, der Schornstein der Fabrik, der darüber vorlugt, der Blitzableiter auf diesem Schornstein, und der Vogel, der eben darüber hin fliegt. Wirklich ist der Atlantische Ozean, ist Amerika, ist die Stadt New-York. Wirklich war einmal im neunzehnten Jahrhundert, einige siebzig Jahre lang, der Darwin, dessen Bild dort an der Wand hängt.

Nicht wirklich ist dagegen die Hallucination des Fieberkranken, die sich als Gestalt im Zimmer dort bewegt, einen bestimmten Teil der Tapete dort ihm verdeckt, menschliche Worte zu ihm spricht. Nicht wirklich sind die Sirenen und Cyklopen der homerischen Gesänge. Niemals wirklich war die Traumlandschaft, in der ich heute Nacht im Schlafe unwirkliche Abenteuer ausgefochten habe. Niemals wirklich waren Faust und Gretchen.

Es ist diese Wirklichkeit sans phrase, auf deren Ergründung, deren Wiedergabe die ganze Forschung, die ganze Naturforschung beruht.

Und es ist jene Unwirklichkeit, deren Ausmerzung bis in den heikelsten Schlupfwinkel hinein ebenso sehr Ziel und Bedingung dieser Forschung ist.

Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist.

Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist.

In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom „Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende, raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte.

Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern.

Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff.

Vor dem Begriff des Erlebnisses.

Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt — ganz genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles.

Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung.

Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker allein.

Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen.

Umgekehrt, den Ahornbaum und den Schornstein da draußen sehen alle Menschen mit normalen Augen genau so gut wie ich.

Wenn wir zu mehreren sprechen, so rechnen wir mit ihm als etwas Gemeinsamem. Es liegt eine Identität unseres Erlebens vor. Mag sie auch keine absolute sein, da jeder schließlich doch den Ahornbaum etwas subjektiv anders sieht als der zweite und dritte. Aber diese Differenz ist zu gering, um ein ernstes Hemmnis abzugeben.

Kein Zweifel: es ist in diesem zweiten Falle ein soziales Moment berührt.

Die „Wirklichkeit“ des Ahornbaumes wird bestimmt durch das identische Urteil vieler, sie fußt auf einem Kollektiverlebnisse, sie kommt zustande, man möchte sagen, durch eine Abstimmung, einen Majoritätsbeschluß. Bei der Hallucination fehlt dieser Beschluß vollständig.

Das soziale Moment beginnt ja schon in mir selbst.

Jeder einzelne von uns ist doch in sich schon eine Art sozialen Wesens hinsichtlich seiner Erlebnisse. Bloß kein räumliches, sondern ein zeitliches.

Ich löse mich zeitlich rückwärts in Tausende und Tausende von Personen auf, die etwas erlebt haben. Diese Tausende verknüpft allerdings ein Gemeinsames, Identisches. Schon das Gedächtnis ist ja ein solches Identisches. Aber hinsichtlich der Erlebnisse stellt sich gleichwohl eine Kette von Personen dar. Auch diese Personen legen nun schon ihre Erlebnisse zusammen und erzielen in mir selbst ähnliche Majoritätsbeschlüsse. Ich selbst werde schon zu einer Unterscheidung genötigt zwischen dem Ahornbaum und dem Traumwald. Die tausendfache Prozentziffer des immer erneuten Ahornbaum-Erlebnisses mit allem, was darum und daran hängt, erhebt sich mit einer schweren Majorität gegen das einmalige Traum- oder Fiebererlebnis.

So arbeitet aus mir bereits etwas jenem Sozialbeschlusse der vielen Menschen entgegen.

Aber die innere Unterscheidung des Einzelnen würde in unzähligen Fällen doch nicht ausreichen.

Man denke an den Zustand eines Irrsinnigen, der subjektive fixe Ideen, hallucinatorische Erlebnisse viele Jahre lang ebenso regelmäßig haben kann wie den Anblick des Ahornbaumes. Die eigentliche Entscheidung fällt erst die soziale Gemeinschaft mehrerer, schließlich, als Idealziel, aller Menschen.

Die schrankenlose Flut der Erlebnisse wird durchgesiebt auf das Identische, das Gemeinsame hin. Und so erst entsteht das, was wir konventionell Wirklichkeit oder Wahrheit nennen.

Durch ein Filtrieren, ein Ausschließen.

Durch einen Akt der Beschränkung!

Je mehr Gleichartigkeit, je mehr Stäte für möglichst viele Menschen in den Erlebnissen, desto stärker anwachsend der Schatz an „Wirklichkeiten“, der Wahrheitsschatz der Menschheit in ganz bestimmtem Sinne.

Es liegt wahrlich nichts in dieser Herkunft, was den Wirklichkeitsbegriff herabsetzen könnte.

Jene schlichte Tatsache, daß ein gewisser Kreis von Erlebnissen sich bei mehreren oder gar allen Menschen deckt, ist eine Grundtatsache überhaupt zum Zustandekommen jedes sozialen Zusammenschlusses der Menschen gewesen von Anfang an. Auf Grund nur davon haben sie sich verständigen können. Diese „Wirklichkeit“ ist das eigentliche Band der Zersplitterten geworden, die größte Identität, in der sie sich zusammenfanden. Zusammenfanden zu gemeinsamer Arbeit.

Dieses Herausheben einer gewissen Reihe von Erlebnissen aus dem regellosen Andrange als „Wirklichkeit“ war der erste große Schritt zu einer Ordnung der Dinge, die dem Menschen eine neue Stellung in der Welt verhieß.

Denn an diese Ordnung schloß sich die Beherrschung, die Herrschaft über die Natur, über die „Wirklichkeit“.

In diesem Begriffe, der sozial gedacht war, konnte die Menschheit ihre Einzelarbeit summieren, vor ihm konnte sie gemeinsam vorgehen, wo der einzelne ohnmächtig versagte.

Das ganze Wort Kultur hat eine Wurzel hier.

Vielleicht gibt es kein schärferes Trennungszeichen zwischen einem Naturvolke und einem Kulturvolke, als das Steigen im Wertmesser einer für alle im Volke gemeinsamen „Wirklichkeit“.

Wo der Begriff mit Bewußtsein erfaßt wird in der Gesamtgeschichte, da ist es, als überschreite die Kultur eine Wasserscheide ihrer Entwickelung.

Die Vorstellung einer ganz „objektiven Wahrheit“ wird in dem Augenblicke geboren und damit eigentlich das Fundament gelegt für alle höhere Wissenschaft und Forschung.

Ungeheuer freilich ist die Arbeit, die fort und fort getan werden will, um die rechte Auswahl zu treffen und zu wahren zum Zwecke dieser objektiven Wahrheit.

Je mehr Völker in den Kulturkreis hineinwachsen, je mehr diese Kultur sich inhaltlich erweitert, desto strenger die Auslese des Gemeinsamen.

Es gilt nicht mehr bloß das Objektive, das Gemeinsame fort und fort zu fixieren gegenüber dem bloß Subjektiven, dem Traum, der Hallucination, kurz alledem, was das Individuum einsam erlebt ohne Übereinstimmung mit seinen Genossen in der Kultur.

Es müssen auch, wenn das Wort erlaubt ist, ganze Hallucinations-Genossenschaften immer wieder ausgemerzt werden.

Ein Volk, ein Kreis, eine Zeit einigen sich, daß dieses oder jenes für sie Wirklichkeit sei. Aber dieser Glaube hält vor einer umfassenderen Einheit, einer vorgeschrittenen Zeit nicht Stand, sinkt ins Subjektive, muß wieder ausgesiebt werden aus dem wahren Bestand.

Wo immer ein Ding auf Majoritätsbeschlüssen ruht, da zeigt sich ja dieser Verlauf als natürliche Folge fortschreitender Entwickelung: die Majorität wird gelegentlich abgelöst durch eine höhere Majorität.

Aber soviel schwere Arbeit, soviel Erfolg.

Von Jahrhundert zu Jahrhundert wächst den Menschen ihr gemeinsamer Erfahrungsbestand — ein eiserner Bestand, in dem sie eine immer solidere Einheit über alles Schwankende des Individuums hinaus bilden.

Unablässig fallen Millionen von Individuen ab. Aber das Gemeinsame scheint unsterblich, diese ideale Einheit paralleler Erlebnisse in soviel Köpfen in soviel Jahrhunderten.

Immer mehr streckt sich ihr Gigantenleib, der Einzelne scheint nur noch wie ein Punkt in ihr zu schwimmen, — in der „Wirklichkeit“, diesem kolossalen Komplex aller gemeinsamen Erlebnisse der Kulturmenschen von sieben oder acht Jahrtausenden.

Diese Wirklichkeit ist es, von der das neunzehnte Jahrhundert beherrscht wird.

Und zwar stärker beherrscht als irgendein Jahrhundert zuvor, — als sei ein durch die Jahrtausende rollender Schneeball endlich zur Lawine geworden.

— — —

Zwei Linien der Entwickelung arbeiteten sich dazu in die Hände.

Seit rund nun vier Jahrhunderten war die eine in ein verstärktes Tempo geraten.

Man muß über das achtzehnte Jahrhundert noch weit zurück, um sie in ihrem Urstamm zu fassen.

Es ist wieder in den Tagen des Columbus, und von denen zunächst heraufwachsend bis auf die Zeit etwa, da Galilei beobachtet. In dieser Epoche vollzieht sich für die Menschheit ein grundlegend Neues.

In der Gruppe der Menschheit, die sich als europäische Kultur zusammenfassen läßt, erfolgt ein großer Ruck hinsichtlich des Werkzeuges. Die Buchdruckerkunst ersetzt die Schrift. Das Schiff wird zu einem Werkzeug, das nicht mehr bloß die menschenbewohnten Küsten eines Flusses, eines Binnenmeeres verknüpft, sondern Weltmeere zur Brücke nach fernsten Erdteilen macht und eine halbe Erdkugel neu erschließt. Das Fernrohr schiebt sich zwischen Mensch und Mond, zwischen Padua und den Jupitertrabanten steht es plötzlich wie eine wahre Himmelsleiter. Das Mikroskop löst den Schleier über dem Infusorium und über den Winzigkeiten unseres eigenen Leibes, den Blutkörperchen und Samenzellen, — also über einer Welt, die bisher eingeschachtelt lag wie in einer uns unerreichbaren Dimension.

Ein Ruck hinsichtlich der Werkzeugtechnik bedeutet aber nichts anderes als einen unmittelbaren Fortschritt gewisser menschlicher Körperorgane.

Es ist der Körper des Menschen mit seinen Organen und Sinnen, der sich eine Stufe weiter entwickelt.

Seit prähistorischen Zeiten, seit das erste, roheste Werkzeug von einem Menschen hergestellt wurde, hatte dieses gerade Verhältnis bestanden. Die Keule war nur eine Fortsetzung des schlagenden Armes. Das Kleid ein höheres Fell. Der Einbaum, aus dem das Schiff geworden ist, ein künstlicher Wasserleib mit Anpassung hinsichtlich der Schwere an das Wasser. Das Neue war bloß, daß diese Werkzeuggestaltung des Urmenschen nicht mehr am lebendigen Zellenleibe herumformte, sondern zweckmäßige Projektionen schuf in fremdes, totes, bloß angeeignetes Material hinein. Der Mensch entwickelte sich keinen zermalmenden Elefantenfuß, festgewachsen an seinem Leibe. Er behielt die kleine, einfache, gelenkige Hand mit dem großen Daumen bei, wie er sie von seinen frühtertiären Säugetier-Ahnen überkommen hatte. Doch mit dieser Hand faßte er Keule und Streitaxt und zermalmte damit den Schädel des Gegners. Mit dieser Hand hat er in den späteren Tagen, von denen wir sprechen, gelernt, ein Fünkchen an das Pulver einer Kanone zu bringen, und diese Kanonenkugel fällte den stärksten Elefanten. Die Schiffe des Columbus, Vasco da Gama und Magelhaens waren nichts anderes als solche projizierten Schwimmorgane, mit denen der Mensch jetzt endlich sogar den Walfisch überbot und Weltmeere durchquerte. Das Fernrohr Galileis und das Mikroskop des Leeuwenhoek waren verschärfte Augen, gebaut nach dem gleichen Linsenprinzip unseres leiblichen Auges, wie wir es als Säugetier mitbekommen haben — bloß soviel besser, daß wir jetzt in die Krater des Mondes und jenes Spiel der Samentierchen und der roten Blutkügelchen schauten.

Aber damals schon lag und immer liegt in dieser Art des Organfortschrittes, den wir Werkzeug nennen, etwas Besonderes unlösbar mit enthalten.

Was hatte die Menschheit, oder sagen wir die Tierheit in ihr, gezwungen, überhaupt diesen Schritt zum Werkzeug über das angewachsene Körperorgan hinaus zu tun?

Zwei entscheidende Faktoren der Nützlichkeit hatten dazu gedrängt.

Wenn ich bloß mit der Faust zuschlage und der Gegenstand, nach dem ich schlage, ist zu hart: so bricht mir der Knochen im Fleische. Ich empfinde einen ungeheuren Schmerz, weil Fleisch und Knochen unmittelbar im Bereiche meines subjektiven Nervensystems liegen. Und mehr: die Faust ist mindestens für lange Zeit, vielleicht für immer, gelähmt, — ich bin mit einem Schlage in einen Zustand der Wehrlosigkeit gestürzt.

Umgekehrt: die Keule zersplittert. Ich empfinde den Bruch des toten Werkzeuges nicht als Nervenruck in mir. Ich werfe die Trümmer einfach fort und greife eine andere auf. Holz wächst ja genug. Ich habe schon welche auf Reserve geschnitzt. Oder kann sie doch jederzeit schnell beschaffen.

Und dazu jetzt und gleich hier anknüpfend ein zweiter, unsagbar großer Vorteil.

Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt, erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule. Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal erliegt der Feind.

Das Werkzeug ist einfach ein soziales Organ.

Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug.

Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute, eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen. Ich bin längst vergessen — und diese künstliche Faust, die ich mir geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine soziale Faust geworden, die Generationen überdauert.

Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die Vergänglichkeit des Individuums, — es ist ein Organ am sozialen Leibe des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer Zellenleiber.

Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr.

Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in ihr.

Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das damals. Aber es war gerade umgekehrt.

Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter gesichert vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja jetzt schon der Allgemeinheit an.

Tausende konnten die gleiche Linse benützen.

Ein Mittel der Forschung wurden diese Gläser sofort — der objektiven Forschung, die sich grundsätzlich nur noch zu den gemeinsamen Menschheitswerten, also zu der sogenannten Wirklichkeit, bekannte.

So mußte von hierher eine Welle steigen und steigen. Mußte steigen mit der neuen Epoche der Technik. Eine Welle, die auf die Wirklichkeit, auf ein ungeheures Übergewicht dieser Wirklichkeit loseilte.

Denn die Werkzeugtechnik begann mit jenen Tagen einen Siegeslauf, der schlechterdings nicht mehr zu hemmen war.

Das ganze achtzehnte Jahrhundert ist nur eine leichte Kurve in ihm.

Im neunzehnten bricht ein Triumph aus, so überwältigend, daß die Geschichte der Technik von so und so viel Jahrtausenden sich auseinander zu spalten scheint in zwei Perioden: alles bis dahin — und dieses neunzehnte Jahrhundert.

Technische Fortschritte wie die Verwertung der Dampfkraft und der Elektrizität lassen sich in der gesamten Kulturgeschichte an Größe nur noch vergleichen mit den uralten gigantischen Türhütern der Werkzeugerfindung überhaupt: mit dem ersten Steinmesser, dem ersten selbst gegossenen Stück Bronze, oder mit jener Tat aller Taten, mit der künstlichen Erzeugung der roten Herdflamme.

Im eigentlichsten Sinne durchsponnen erscheint dieses ganze letzte Jahrhundert mit Fäden, mit Netzen der Technik. Ein Geräusch kommt von ihm herauf wie ein großes Summen, Klirren, Sausen — ungezählte Räder, wirbelnde Schwungriemen, stöhnende Metallwände, hinter denen eine Kraft eingekerkert ist. Eine weiße Dampfwolke liegt darüber, in die blaue Lichtbänder fließen.

Was aber da rasselt und rauscht und glüht, das sind neue Nerven, neue Muskeln des Menschen, soziale Muskeln, die als Dampfhammer niederdröhnen, als Dynamit den Granitberg sprengen, soziale Nerven, die als Kabel von Kontinent zu Kontinent durch schwarze Meeresschlünde leiten, das sind Leuchtorgane des millionenköpfigen Kollektivwesens Mensch, Blitzorgane, ins Erdumwälzende vergrößert aus jener schwachen Kraft, die den Zitteraal Venezuelas seine elektrischen Schläge austeilen läßt. Im Zeichen des Sozialorgans wehen bis in jeden Winkel die Fahnen dieses Jahrhunderts, und alles, was in ihm lebt, von der steilsten Schneehöhe des reinen Denkens bis in den tiefsten Meeresazur der Kunst: es fühlt das Fächeln dieser Fahnen über sich.

Und dazu nun eine zweite Welle, auch sie sich rapid steigernd auf das neunzehnte Jahrhundert zu. Der anderen parallel, oft zum Verschmelzen eng.

Der soziale Zusammenschluß der Menschheit als solcher.

Auch das rauscht durch die Jahrtausende.

Zuerst die einfacheren Hilfszusammenschlüsse bis zum Volke. Dann der Begriff des auserwählten Volkes: des Kulturvolkes, der Kultur überhaupt.

Im Orient zuerst, dann bei den Griechen, dann das Mittelmeer umfassend, endlich im Lichtfelde ganz Europas, als liege hier allein fortan das Aufmerksamkeitsfeld des Menschenbewußtseins im großen. Eine bevorzugte Menscheninsel, die Kulturinsel. Unabsehbar um sie, die Erdscheibe überflutend, der rohe Ozean des Halbmenschentums, des Barbarentums.

Aber kaum, daß sich das konstituiert hat, so gebiert auch diese Kultureinheit schon mit innerer Notwendigkeit das Ideal einer noch höheren Umfassung: die Idee einer wirklichen „Menschheit“. Jener ganze Ozean saugt die Kultur wie eine Farbe, die von einem Fleck ausgeht, in sich ein, durchfärbt sich damit.

„Menschheit“ fällt zusammen mit „Kultur“.

Das letzte ist nun schon ein Begriff, den wir selbst erst werden, erst wachsen sehen, blaue Berge vor uns, halb im Nebel noch. Aber in die große Linie ordnet sich die Arbeit von Jahrtausenden auch hier stufenweise ein.

Im Grunde ist dieser soziale Gesamtzug die umfassendere Leistung gegenüber der Technik, der Ausbildung bloß des sozialen Organs.

Dieser allgemeine Sozialverband der Menschen zum Zweck gemeinsamen Wirkens, gemeinsamer Behauptung, gegenseitigen Schutzes, gegenseitig gewährten Glückes umspannt viel mehr als bloß den Sozialanteil an technischen Erfindungen — viel mehr Säulen des Menschengeistes.

Das sagt ja das Gesamtwort Kultur schon, das zugleich das Gemeinsame und das Tiefe ausspricht.

Aber in bestimmter Betrachtung ist doch auch wieder jede große technische Fortschrittsepoche ein Ausgangspunkt dieser allgemeinen Sozialfortschritte.

In den Tagen zwischen Columbus und Galilei ist es, als lege sich eine ganze neue Quader unter den Begriff Kultur. Der Kulturmensch ist fortan der, der gedruckte Bücher besitzt, mit Fernrohr und Mikroskop beobachtet. Noch ist das im wesentlichen damals der europäische Mensch. Man denkt an den Spanier, den Portugiesen, der über Meer fährt und zu nackten Wilden kommt. Aber eben solche Fahrt, ermöglicht durch technische Hilfen, wie Schiff und Kompaß, ist zugleich eine Geburtshelferin jenes erweiterten Kulturbegriffes, der an keinem einzelnen Erdteil mehr haftet. Indem die Kultur Europas nach Amerika überfließt, geht in jenem Bilde ein Farbstreifen quer durch den Ozean. Eine halbe neue Erdkugel wird die Kultur einsaugen. Auf den Schiffen der Columbus und Magelhaens steuert der Idealbegriff einer Kulturmenschheit, in der es überhaupt keine Wilden, keine Barbaren mehr gibt, als blinder Passagier mit.

Mit seinem Triumph der Technik war dem neunzehnten Jahrhundert schon ganz von selbst vorgezeichnet, daß es auch ein soziales Jahrhundert ersten Ranges werden mußte.

Immer bewußter, hell wie die blauen elektrischen Lichtbänder dieses Jahrhunderts, tritt die Kultureinheit hervor.

Schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mindestens geschieht kein größeres Werk mehr, ohne daß wir uns direkt mit Worten dieser Einheit dabei erinnerten.

In einer Welt, die noch unter Kriegsschrecken bebt und in tausend Ketten knirscht, klingt das Wort wohl oft wie eine Phrase. Aber in solcher Phrasenform sind alle großen Ideale auf Erden millionenmal und siebenmillionenmal aufgetaucht — bis sie endlich doch ein Lebenswort wurden.

Es ist aber eben jenes achtzehnte Jahrhundert gewesen, das dem neunzehnten noch ein weiteres soziales Ferment übermittelt hat.

Jenes Bild der älteren Kultur, die auf einer Insel sitzt, weithin um sich das finstere Meer der Barbarei, des kultursozial noch nicht angeschlossenen menschlichen Rohstoffes, hat noch eine andere Bedeutung als bloß eine geographische, bei der Europa die Insel ist.

Es findet sich zum zweiten Mal wieder innerhalb unserer Kulturvölker selbst.

Da ist ein enger Stand zunächst, der die Bildung, das soziale Werkzeug, all das andere, Tiefere, Vergeistigte, was die Kultur sonst noch ausmacht, besitzt und die Glückssonne dieser Errungenschaften über sich leuchten läßt.

Um diesen Sonnenstand aber nach unten wogt abermals ein ungeheures Meer nackter, hilfloser, isolierter Feuerländer und Australneger unseres eigenen Volkes.

Auch nach hier hinab hebt nun eine Mischströmung an, auch in diesen Ozean stößt Schiff um Schiff allmählich ab, um Farbströme hinter sich herzuziehen, bis eines Tages auch diese ganze Barbarensee die Kultur aufgesaugt haben wird und ihrer Vorteile teilhaftig ist.

Wir haben uns gewöhnt, die Arbeit nach dieser Richtung im engeren Sinne als das soziale Problem zu bezeichnen. Und es braucht nicht mehr gesagt zu werden, mit welcher wachsenden, orkanartigen Intensität das neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert dieses sozialen Problems gewesen ist. Und es braucht auch nicht das Allbekannte erzählt zu werden: wie gerade das soziale Organ, die Maschine, auch hier die Felsblöcke in krachenden Sturz gebracht hat, allerdings in besonderer Weise. Nicht die Geschichte dieser Dinge berührt mich ja hier, sondern das Gesamtantlitz, das sie dem Jahrhundert geben.

Auf das Soziale deutet dieses Antlitz im neunzehnten, wo immer es uns anstarrt.

Es sieht nicht den Menschen, sondern die Menschen.

Und wo sich ein einzähliges Wort ihm dennoch auf die Lippe drängt, da ist es ein Idealwort, geschmiedet aus fünfzehnhundert Millionen Köpfen: — Menschheit.

Wo dieses bis in jede Faser sozial durchfärbte Jahrhundert Weltenwerte, Erlebniswerte wog und für seine Bedürfnisse aussonderte: da war es, da mußte es sein jene Auslese der Erlebnisse, die sozial gemacht werden, — also der „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen.

Das Blut, von dem es trinken mußte, um zu leben, um nicht ein leerer Schatten zu sein, rann ihm hier zu.

Wirklichkeit! Wirklichkeit!

Aus den Myriaden individueller Sondererlebnisse durchgesiebt die übereinstimmenden, die sozial brauchbaren, die, bei denen man Mensch mit Mensch packen konnte.

Und als brächte der Ruf, das Verlangen danach selber das Blut zum Strömen, so strömte und strömte dieses rote, nahrhafte, verbindende Blut der Wirklichkeit nun auch diesem Jahrhundert tatsächlich wie aus unerschöpflicher Ader zu.

— — —

Dem neunzehnten Jahrhundert glückt es, Dinge in den Bereich der Wirklichkeitswerte ganz oder doch nahezu hineinzuziehen, an deren Wirklichkeitsmöglichkeit selbst die aufgewecktesten Kulturepochen in sieben Jahrtausenden nicht in kühnster Hoffnung gedacht hatten.

Ein prachtvoller Eroberungszug bemächtigt sich des Menschen selbst.

Zum erstenmal entsteht eine eigentliche Naturgeschichte des Menschen. Und im Rahmen dieser Naturgeschichte eine erste auf Tatsachen, auf Wirklichkeiten gestützte „wahre“ Geschichte.

Über den Ursprung der Menschheit enthüllen sich schlechterdings neue Dinge, die jeder fortan greifen kann. Es ist das Problem aller Probleme, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die mit diesem Punkte berührt ist. Das Centralgeheimnis aller Erlebnisse, der Blick ins eigene Sein.

Seltsam genug: gerade die Geschichte, der Ursprung des Menschen hatte bis in dieses Jahrhundert hinein mit einer zähen Hartnäckigkeit außerhalb der sozial kontrollierbaren „Wirklichkeiten“ gelegen.

Der biblische Mensch, der Mensch der uralten babylonisch-jüdischen Schöpfungslegende herrschte für diesen Punkt, und er beherrschte von hier aus das Bild des Menschen überhaupt.

Dieser biblische Mensch reichte seiner eigenen Schöpfung im Menschengeist nach aber in Zeiten zurück, die an Wirklichkeitswerten und an Sehnsucht nach solchen noch unendlich viel ärmer gewesen waren als auch nur etwa das Jahrhundert des Columbus.

Einzelne objektive, von vielen erlebte Tatsachen mögen ja immerhin bei seinem Uranfang mitgewirkt haben. Der Glaube an die Sintflut hat zweifellos an die versteinerten Muscheln auf Berghöhen angeknüpft, die man anders nicht zu erklären wußte. Die Entstehung des Menschen aus einem Lehmkloß schloß sich an die angebliche Beobachtung, daß kleine Tiere, Flöhe, Maden und Mäuse, unmittelbar aus toter Substanz hervorzukommen schienen.

Aber diese Erfahrungen traten später so gut wie ganz in den Hintergrund. Der biblische Schöpfungsmythus lebte fort einfach als Überlieferung. Irgend einem, etwa Moses, sollte das so offenbart worden sein. Dieses innere Erlebnis wurde aber sozial gemacht, zu einem Erlebnis für alle, also zu einer „Wirklichkeit“ gemacht nur durch eine Art Machtgebot, eine künstliche Sanktion.

Glaube wurde verlangt, Beweise nicht mehr für nötig erachtet.

Und anderthalb Jahrtausende hielt sich das wirklich so in einer notdürftigen Balance.

Aber jene innere Logik der Dinge, die alle Sozialwerte, auch die scheinbar fest errungenen, immer wieder durchsiebt, mußte langsam endlich durchsickern lassen, wie sehr in diesem überlieferten Glaubenswerte die Gefahr eben doch einer bloß subjektiven Annahme, sagen wir: einer Hallucination, steckte. Mochte es die Hallucination einer ganzen Kulturepoche sein. Auch solche werden, wie gesagt, schließlich ausgemerzt, wenn die Kultur weiter steigt.

Um den Sozialwert der biblischen Menschengeschichte und Menschenauffassung dauernd und in immer wirklichkeits-energischere Zeiten hineinzuretten, mußte man ihn schließlich doch mit gewöhnlichen Wirklichkeitswerten wieder zu stützen versuchen.

Der Glaube suchte endlich doch einen Halt bei der Forschung.

Es ist aber im ganzen achtzehnten Jahrhundert schon ein öffentliches Geheimnis der besten Köpfe, daß dieser Rettungsversuch scheitern müsse.

Es war unmöglich, wirkliche Tatsachengründe, die jeder greifen konnte, für die Bibeltradition zu finden.

Der biblische Gott in seiner Gestalt eines bloß vergrößerten Übermenschen, Adam und Eva, das Paradies, der Sündenfall, Noahs Arche in der Flut, sie verschwebten im Blau, unfaßbar, ohne Akten und Siegel im Sinne sonstiger greifbarer Tatsachengeschichte, im Sinne von „Wirklichkeit“.

Dieses Ergebnis war ja zunächst ein rein negatives.

Und im Zeichen dieses Negativen steht das ganze achtzehnte Jahrhundert.

Die Bibel sinkt in die Rolle eines subjektiven Erlebnisses ohne Sozialwert, ohne Gebrauchswert für viele, hinab. Die wahre Geschichte des Menschenursprunges ist jetzt ein nacktes weißes Blatt.

Das Jahrhundert geht ins nächste mit Stimmen, die jede Möglichkeit anzweifeln, daß je noch Schrift der Wirklichkeit auf dieses Blatt kommen werde. Ist all das bunte Märchenspiel seiner biblischen Wiege dem Menschen ins Blaue verdampft — so scheint sein Ursprung, scheint er selbst in seiner zeitlichen Dehnung rückwärts erst recht jetzt im Nebelblau des absolut Unbekannten.

Das hier einsetzende neue Jahrhundert aber bringt gerade das Unerwartete: den Bruch grade dieses Geheimschlosses nun doch durch die Wirklichkeit.

Die Technik wieder ist es, die den Spaten gibt.

Der Spaten wird eingesetzt — und jetzt kommen Erlebnisse realster Art zustande, Erlebnisse für alle, die der Kultur angehören.

Ein solcher Spaten ist das künstliche Auge des Fernrohres, das in die Nebelflecke schaut. Das Thermometer, das die Wärmeverhältnisse des Alls mißt, eine verfeinerte Haut gleichsam des Menschen. Das Spektroskop, ein nochmals neues, chemisches Auge, das Sternenlicht in seine Elemente zerspaltet.

Jedes dieser erweiterten Sinnesorgane eröffnet erweiterte Wirklichkeitswerte.

Im unendlichen Raume erscheint die Urmaterie nebelhaft zerstreut. Sie glüht auf als Fixsterninsel. Als Sonne. Diese Sonne entläßt feurige Reifen, die sich zu Planetenkugeln aufrollen. Eine solche Kugel saust Trillionen Jahre lang im eiskalten Raume und sie erstarrt. Ein metallischer Eisblock, läßt sie sich nur noch von der Sonne erwärmen. Aber ihre Rinde wird das Spiel unzähliger chemischer Prozesse. Im milden Sonnenatem erhält sich der Sauerstoff, gemischt mit andern Gasen, als Luftschicht, verbunden mit Wasserstoff dauert er als flüssiges Meer. Dieses Meer umwogt Länder. Und so baut sich, schon eine Folge von Aeonen, die Urerde auf, noch einmal herausgesehen aus der heutigen Wirklichkeitswelt mit Hilfe jener gesteigerten Wirklichkeitsorgane der Technik.

Diese Technik wandelt aber wieder einen anderen Weg.

Zu den Gemeinsamkeitserfahrungen der Menschheit gehören gewisse Gesteinsmassen der Erde. In diese Gesteinsmassen dringen technische Organe vor, sie bohren Tunnels hinein für einen künstlichen Muskel- und Nervenstrang des Kolossalwesens Mensch, sie bauen die Steinkohle heraus, damit sie selber ein Leuchtorgan, ein Wärmeorgan dieses Menschen werde, sie tragen Schiefer Platte um Platte davon ab, um eine Form ihres sozialen Gedächtnisses, die Bilderschrift des lithographischen Druckes, damit herzustellen.

Dabei aber kommen neue Erfahrungen zustande: versteinerte Baumstämme, Abdrücke und Knochen seltsamer Tiere. Handgreiflich gemeinsame Erfahrungen, die, in öffentlichen Museen aufbewahrt, durch photographische Platten jenseits aller Hallucinationsmöglichkeit fixiert, von allen fünfzehnhundert Millionen Menschen der Erde gesehen werden können und den nachgeborenen Generationen ebenso unverändert erhalten bleiben.

In die Jahrmillion der Urwelt auf dem erkalteten Planeten zeichnen sich damit neue Bilder ein. Am Ufersande entlegenster Zeit regt sich gallertiges Gewürm. Durch die blaue Flut ziehen Schwärme bunter Medusen. Der Wind knattert durch die Schachtelhalmwälder sumpfiger Inseln. In diesem Sumpfe kriechen gepanzerte Molche auf dem feuchten Moosboden. Der Farrnwald wird zum Nadelgehölz. Gigantische Saurier, turmhoch auf den Hinterbeinen, watscheln hindurch. Der erste Vogel, noch mit einem langen Eidechsenschwanz hinter sich, flattert darüber. Dann ein Palmenwald in Sachsen, mit Affen und Antilopen. Urwaldfichten, deren Harztränen zu Bernstein werden. Groteske Dinotherien mit Walroßhauern bei Mainz. Ein Menschenaffe auf der schwäbischen Alb. Endlich Eisgletscher über ganz Norddeutschland, auf denen schwedischer Granit, als Moräne verfrachtet, bis nach Berlin rutscht.

Und jetzt in diese nie geahnten Wirklichkeitspanoramen eingehend — der Mensch.

Eines jener neuen gemeinschaftlichen Werkzeugaugen, das Mikroskop, löst ihn in winzige Urelemente des Lebens, die Zellen, auf. Aus solchen Zellen baut sich auch jedes Tier, baut ich jede Pflanze. Aus einer einzigen Zelle, der Eizelle, entsteht geschichtlich als einzelner jeder Mensch. Auf Wesen, nur aus einer Zelle bestehend, läßt sich auch die ganze Fülle des Tier- und Pflanzenlebens auf Erden zurückführen, wenn man zu ihren geschichtlichen Wurzeln zurückgreift.

Die Fülle der Gesichte, über jene ganze Urwelt ausgebreitet, ordnet sich dann hintereinander.

Aus dem Niederen das Höhere.

Einzellige Urwesen am ersten Strand. Niedrige Pflanzen, später niedrige Tiere. Doch der Stammbaum wachsend, Ast um Ast, bis zur Rose, bis zum Säugetier. Und dieses Säugetier wird an einer letzten Stelle Mensch. Mensch nach oben — nachdem es nach unten Eidechse, Molch, Fisch, Wurm wie Häute seiner Entwickelung durchgemacht und abgestreift hat. Noch im Säugetier steigt eine ganze Skala an, Schnabeltier, Beuteltier, zuletzt gibt es eine Gabelung, die hier den Affen entläßt, dort unaufhaltsam in den Menschen empor sich steigert. Nicht in einen Paradieses-Adam, sondern einen harten Kämpfer. Unter Eis stöhnt die Erde, als er noch jung ist. Der Höhlenlöwe brüllt vor seinem Versteck. Aber in diesem Versteck entzündet er sich die Herdflamme und bei ihrem Schein schlägt er sich den Stein immer vollkommener zur Waffe.

Hier hebt das andere, höhere Epos an: die Kultur.

Immer aber, in jedem Zuge, ist diese neue Schöpfungsgeschichte getragen von gemeinsamem Erfahrungsmaterial: von „Wirklichkeiten“.

Noch jetzt leben Tierformen vor jedermanns Blick, die bis zu jenen Einzellern hinunter seinen Ahnen gleichen.

Sein Embryo im Mutterleibe, der heute noch die Kiemenbogen des Fisches, das Wollkleid, die spitzen Ohren und den Schwanz des niederen Säugetieres wiederholt, steht im Museum.

Greifbar zieht ein Forscher gar aus einem Flußbett Javas die Hirnschale und den Schenkelknochen des Pithekanthropus, der halb Gibbonaffe und halb Mensch vor mehr als einer halben Million Jahren gewesen ist. An der Stätte, wo Goethe gewandelt ist, dicht bei Weimar, in den Kalktuffen der Ilm, speit der Boden Steinwerkzeuge aus, gemischt mit den von Menschenhand bearbeiteten Knochen des Elefanten und des Rhinoceros. Auf dem Felsen von Rüdersdorf folgt die Hand der Glättung und Ritzung des Gesteines, die dem alten Riesengletscher jener Eiszeit verdankt werden.

Nicht eine Hand bloß, von der dann die Tradition allein bleiben müßte wie einst von den Gesichten des mosaischen Schöpfungsdichters.

Hundert, Millionen Hände, immer wieder, wenn sie sich bloß die Mühe machen wollen.

Von „Wirklichkeiten“ ist diese neue Schöpfungsgeschichte umspannt, umklammert wie von einer Eisenhand.

Von Wirklichkeiten in eine ganz bestimmte, nicht mehr erschütterbare Gestalt gepreßt, schreitet der Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Eine Kette klirrt hinter ihm her aus diesen Wirklichkeiten, eine eherne Nabelschnur, die ihn, wohin er auch schreite und was er nun sei, fortan rückwärts angeschmiedet hält an einem ungeheueren weltallsschweren Granitblock übereinstimmender Erlebnisse der Menschheit selbst über ihren Ursprung.

Ein Jahrhundert, das einen solchen Triumph mit der Wirklichkeit erlebt hatte — ist es ein Wunder, wenn es allmählich wie in Ekstase geriet vor diesem Begriffe?

— — —

Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie das Jahrhundert zwei Phasen in sich durchläuft, was diesen Punkt anbelangt.

Grob kann man es genau auf seine Mitte, auf den Umschwung zu den Fünfzigerjahren, durchschneiden, um sie zu erhalten.

In der ersten Hälfte ist es, als seien Zwerge schweigend bei einer Nachtarbeit.

Blöcke werden noch geräuschlos aufgetürmt. Die Technik wächst langsam empor. Die erste Lokomotive dampft. Der erste Telegraphendraht spannt sich. Das zusammengesetzte Mikroskop beginnt zu arbeiten. Neue Wissenschaften blühen auf, alle mit der Färbung nach der naturwissenschaftlichen Seite. Das allgemein Soziale reckt sich und zeigt mehr und mehr Fühlung mit der Technik. Der alte Goethe stirbt schon mit dem Gefühle, daß eine neue Zeit dabei sei, sich zu erfüllen, eine Zeit der sieghaften Realwerte.

Aber bei alledem haben diese ersten fünf Jahrzehnte im ganzen doch noch etwas Intuitives, etwas dumpf im Mutterleibe Wachsendes, etwas bloß im dunklen Drange geradeaus Gehendes ohne Nachdenken.

Das eigentliche Bewußtsein all der Dinge blitzt erst mit der Wende zur zweiten Hälfte auf. Die Nebel fallen über dem Zwergenschlosse und es steht auf einmal da, vor aller Welt Augen, und es zwingt diese Augen zu sich.

Nach fünfzig Jahren stillen aber steten Ringens um die „Wirklichkeit“ kommt in den ersten beiden Jahrzehnten der zweiten Phase mit Übergewalt gerade jetzt auch jener stolzeste Eroberungszug wie eine reife Frucht: die neue Lehre vom Menschen, das neue Weltbild, aufgebaut auf Wirklichkeit. Lange schon hat diese Frucht ungesehen im dichten Laube gehangen, jetzt fällt sie, und ihr Poltern zieht die ganze bewußte Aufmerksamkeit auf sich. So und so viel noch fest Schlafenden fällt sie auf den Kopf — und sie müssen aufwachen, müssen begreifen.

Um das Ende der Fünfziger und den Anfang der Sechziger erfolgt nach dieser Seite ein Hauptschlag um den anderen.

Die Spektralanalyse, die die Gestirne enträtselt.

Darwin.

Das Gesetz von der Erhaltung der Energie fest begründet.

Boucher de Perthes’ prähistorische Funde bestätigt.

Zum ersten Mal läßt sich der Faden einer Kosmogonie auf Grund von lauter Wirklichkeiten spinnen, wie es Haeckel in ewig unvergeßlicher Weise versucht hat.

Der Kampf gegen die Bibel, durch Strauß angebahnt, nimmt unter dem Druck dieses positiven Ersatzmaterials den Charakter eines Vernichtungskampfes an. Alles, was mit dogmatischer Religion zusammenhängt, kommt ins Bröckeln. Die Autorität der Tradition wankt in ihr im Verhältnisse, wie die Autorität der Wirklichkeit, das Vertrauen zur Wirklichkeit überall wächst.

Andererseits ist dieser gleiche Zug gegen die alte Autorität bloßer Überlieferungen im allgemein Sozialen wie ein Frühlingssturm merkbar.

Wie in der Philosophie, so in der Politik. Abkehr vom Phantastischen zugleich und minderer Glaube an alte Bücher, alte Titel, alte Verträge, zweifelhafte Dokumente von lediglich traditioneller Heiligkeit. Die wachsende soziale Bewegung sucht sich auf greifbare Realwerte hin neu, solider, weltgerechter zu ordnen.

Scheinbar fliegt eine ungeheuere Masse Pietät über Bord.

Aber in Wahrheit nur, weil eine einzige ganz bestimmte Pietät überwiegend, erdrückend, alles verschlingend geworden ist: die Pietät vor den „Tatsachen“, vor der „Wirklichkeit“.

Der darwinistische Mensch und der sozialistische Mensch reichen sich in diesem Pietätsgefühl brüderlich die Hand.

Und all diese Dinge, dieser ganze Zug der Zeit haben einen so greifbaren Glücksinhalt!

Es liegt wie ein großes Aufatmen in der Entlastung von soviel schweren Berglasten der Illusionen, Glaubenssätze, Vertröstungen, Subjektivitäten mit Autoritätsmacht. Das Feld für neue Entwickelungen scheint endlich wieder frei, und das Bewußtsein davon gießt junge Kraft in alle Adern.

Wo immer die Wirklichkeit resolut erfaßt wird, philosophisch, technisch, sozial — es fließt und fließt ein überwältigender Strom von Glück zu.

All sein körperliches Glücksbedürfnis eines ungeheuer sinnlich kräftigen Organismus wirft das Jahrhundert nach dieser Seite, all seine brennende Seelensehnsucht.

Die Kirche sank, der Himmel schloß sich mit seinen Belohnungen, seiner außerweltlichen Bestimmung des Menschen, seiner unmittelbaren Gotteshilfe. Das ganze alte Gefüge der Autoritäten, Traditionen, Moraltafeln, privilegierten Stammbäume krachte.

Aber die Wissenschaft schenkte einen neuen Himmel mit Millionen Sternen. Sie schenkte einen neuen Menschen, der in ganz neuer, solider Weise auf der Erde stand. Und die Technik, Schöpferin zugleich und Kind dieser Erkenntnis, würde Brot und Muße für alle aus diesem Boden zaubern, hier auf dieser Erde — eines Tages.

Noch verwirrten ja ihre Maschinen eher, als daß sie halfen. Aber das war nur der letzte Nebel vor Sonnenaufgang. Die soziale Neuordnung und Gesamtkonstituierung der Menschheit würde ein irdisches Reich der Liebe und Gerechtigkeit gründen, aufgebaut auf Arbeit im richtigen Maße. Keine Herrschenden und Unterdrückten mehr, nur der freiwillige Arbeiter triumphierend.

Und das alles schließlich verdankt dem großen Umschwung in der Wertschätzung der Wirklichkeit. Sie war der Fels endlich im Meer, wo die Arche landen konnte ....

Man kann die Dinge bis hierher ruhig in ihrem ganzen Königsmantel rauschen lassen, ohne auch nur ein Wort einschränkender Kritik hinzuzusetzen.

Die vollkommene Größe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint wirklich so, die ihm nie wieder irgend eine Zukunft entreißen wird.

Das Jahrhundert der Dampfmaschine und des Telegraphendrahtes, Darwins und der beginnenden Umwandlung des alten Christuswortes von der Nächstenliebe in reale soziale Tat — es hat mit seiner „Wirklichkeit“ in Wahrheit Berge versetzt, Berge, an denen sich der Strom der Menschheitsentwickelung gestaut hätte, wenn nicht eine Hand sie endlich wegriß und die Wasser schäumen ließ.

— — —

.... Aber es wird kein Kind geboren, auch kein Heiligenkind, ohne daß edles Mutterblut dabei verströmte.

Jede große Entwickelungserweiterung der Menschheit, bei der ein neues Flußbett sich gräbt, hat seine gewissen Züge auch des Dammbruches, der Überschwemmung, der entfesselten Gewalt, die Fruchtbäume bricht und Ackerboden verschüttet.

Auch in der größten Tat des Genius erscheint unabänderlich der Erdenrest bestimmter Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Übertreibungen.

Im Grunde, wenn man tiefer blickt, ist dieser scheinbare dunkle Fleck eigentlich nichts anderes als der schwarze Schnittpunkt der Entwickelung selbst, die auch in der erhabensten Leistung nicht ganz erfüllt, nicht ganz zum Stillstand gebracht sein darf, sondern ihre Ecke behalten muß, wo sie auch diese Leistung wieder zersetzen, wieder überwinden wird — zum Nutzen des unablässigen Weiterganges.

Auch das neunzehnte Jahrhundert hat diesen Schnittpunkt. Und es hat ihn genau mitten in dem, was seine Größe ausmacht: in dem Begriffe der „Wirklichkeit“. Dieser Begriff ist seine Sonne — aber es ist auch sein größter Sonnenfleck darin.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treten mit dem wachsenden Bewußtsein von jener großen Fügung auch ganz allgemach die Spuren einer gewissen Verschiebung auf.

Der Begriff Wirklichkeit nimmt in einer Menge von Köpfen eine eigentümliche Schwere an.

Er bekommt etwas von einem Block, der sich nicht mehr recht bewegen lassen will, der selber wieder lastet, drückt.

Die Wirklichkeit hatte zu solchem Triumph geführt, eröffnete solche Glücksbilder. Wie nahe lag es, sie für das einzige zu erklären, was für den Menschen überhaupt in Betracht kam, was Wert für ihn besaß!

Wir erinnern uns jener Grunddefinition: daß „Wirklichkeit“ eine Auslese der für viele, eventuell alle Menschen gemeinsamen Erlebnisse darstelle.

In dieser Definition ist noch kein Werturteil enthalten, was besser sei: diese sozialen Erlebnisse in ihrer Ganzheit oder der Rest des tausendfältig Subjektiven, der daneben schwimmt, ohne aufgelöst zu werden, all der individuellen Erlebnisse, die jeder zunächst für sich hat ohne Parallelen bei andern.

Höchstens konnte man sagen: die Wirklichkeit wurde jedenfalls etwas zweiten Grades, — eben als Auslese.

Jetzt aber wird der Spieß umgekehrt.

Die Frage taucht auf, ob das Subjektive nicht bloß ein wertloser Rest, etwas Überzähliges ohne Sinn sei?

Die Wirklichkeit allein das echte Erlebnis, das erlebenswerte!

Das Subjektive dagegen, das mit ihr nicht zusammenfällt, bloß ein gleichgültiges Schaumgekräusel — Schnitzelwerk des Erlebens, das nebenherlaufend nicht immer zu vermeiden ist, aber jedenfalls eine Luxusproduktion darstellt!

Ja, war es bloß die?

Der Schritt in der Logik ist äußerst klein vom Wertlosen zum Widerwärtigen, zum Schändlichen.

Man hatte so deutliche Beweise, wo das Subjektive geschadet hatte, indem es das Wirkliche fälschte, zum Beispiel in religiösen Dogmen.

Der eigentliche Schaden hatte zwar strenggenommen in solchen Fällen immer in der blinden Tradition bestanden, in der Nachlässigkeit, die Subjektives für allgemeine Wahrheitswerte einfach leichtfertig hinnahm, und in der Autorität, die solche Verwirrungen heiligte und gewaltsam durchdrückte.

Aber war es nicht doch die nackte Existenz des Subjektiven in der großen Menschheitsrechnung gewesen, die den Anlaß gab, daß dergleichen überhaupt in Szene treten konnte?!

Jede Zeit hat ihren Versucher, der als kleines Schlänglein hinter dem Apfelbaume hervorkriecht. Für das neunzehnte Jahrhundert steckte er in dieser harmlosen Frage. Es kroch eigentümliche Wege, das Schlängelchen, aber mit der ganzen schwarzen Teufelslogik.

Alles Subjektive, das nicht in das Gemeinsame paßte, war also tauber Schuß, Rankenwerk, das besser abgeschnitten wurde.

Man vergaß, daß das Subjektive tatsächlich der große Nährboden war, aus dem alles zunächst einmal wuchs und gewachsen war, auch das „Wirkliche“.

Man vergaß, daß dieses Wirkliche in keinem Moment etwas Absolutes war, sondern unablässig nur ein schwankendes Lichtfeld innerhalb der subjektiven Erlebnisse bildete, in das beständig Neues aus der subjektiven Masse einwuchs und aus dem schon Aufgenommenes beständig wieder austrat.

Man vergaß, daß man im Subjektiven den wahren seelischen Boden berührte, der dem Antäus die Mutterkraft gab — während das „Wirkliche“ sich immerzu einem rein objektiven Werte näherte, für den man in dem Denken wenigstens, das das neunzehnte Jahrhundert nach seiner großen Religionskrisis beherrschte, keinerlei höhere seelische Einheit zur Verfügung hatte.

In der ganzen zweiten Hälfte des Jahrhunderts sinkt in der allgemeinen Auffassung des Menschen überall das Individuum.

Die „Wirklichkeit“, dieses Gemeinsame der Individuen, gewinnt einen Zug, bei dem das Einzelne als das sozusagen Überflüssige erscheint.

Sie umfaßt es.

Eine Null ist es schließlich vor ihr. Seit man seine Geschichte mit Werten in ihr belegen kann, scheint sie von allen Seiten ganz um ihn herumgewachsen zu sein.

Philosophisch kräuselte sich das zu dem Gedanken aus: sie ist überhaupt bloß.

Der einzelne Mensch ist lediglich eine Welle in ihr. Sie dauert, er vergeht. Allerdings ist sie bloß eine ungeheuere Maschine, gleich den Sozialorganen des Menschen. Aber diese Maschine eben ist das eigentlich Seiende. Die Menschen sind nur in ihr geborene und wieder zerstörte Spiegelplättchen.

Allmählich sinkt das ganze Aktive der Welt mehr und mehr in diese gemeinsame Wirklichkeit.

Der Mensch ist nur noch Passives.

Er liegt in einer ungeheueren Maschine.

Sie treibt heute ihren Dampf in ihn und läßt ihn laufen. Morgen wirft sie ihn auf den Schwungriemen und wirbelt ihn gegen die Decke.

In diesem Jahrhundert grandioser technischer Werkstätten nimmt auch dieses Bild grandiose, monumentale Formen an.

Aber in seiner philosophischen Konsequenz muß es zu einem Pessimismus der schärfsten Färbung führen: dem Pessimismus, der in allen Kulturjahrtausenden immer wieder die Reaktion des Individuums gewesen ist, das von einer Weltanschauung wie eine Schnecke im Weinberg zertreten wird.

Und dieser Pessimismus wird tatsächlich doch nur verdankt einem falschen erkenntnistheoretischen Schachzuge.

Das Jahrhundert beginnt sich seinen schönsten Zauberstab, die „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen, zu versteinern, zu entwerten, zu einer Geißel gegen sich selbst umzuübertreiben.

Das aber einmal in voller Gährung, fließen die Wellen jetzt unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ab, den Rest des Jahrhunderts mit ihrem Rauschen durchhallend.

Aus dem wundervollen neuen Menschen, den uns das Jahrhundert aus Nebelflecken und Urzellen gezogen hatte, diesem Menschen, der einen Kosmos um ein Paradiesgärtlein eingetauscht hatte, der auch in der schlichtesten Arbeiterbluse fortan ein Sonnensohn war, dessen Adelsbaum bis in die Milchstraßen ragte: aus diesem unsagbar prächtig vergrößerten Menschen ging in der Logik der falschen Doktrin auf einmal der „Normalmensch“ hervor, ein kleines spaßhaftes Philisterlein mit einer Nummer vor der Stirn, der nicht zu mucken, sondern nur zu folgen hatte.

Dieses Menschen-Maschinlein war der Mensch, ausgemünzt bloß noch auf die bestehenden Allgemeinwerte hin, unter absolutem Niedersäbeln jedes subjektiven Lebens als einer „Schädlichkeit“.

Von einer blinden Vergottung der heute gerade errungenen Wirklichkeitswerte aus wurde dieses Menschlein zurückgezahlt als erstarrte Schablone, die jetzt in die Praxis allenthalben hineingepreßt werden sollte.

Es war die Entwickelung, die sich selber den Ast absägte, die Quelle verstopfte, den ewigen Jungbrunnen zuschüttete.

Denn mit der Nichtigkeitserklärung den ganzen rein subjektiven Werten gegenüber erstickten alle die Keimkristalle des Fortschrittes in der Erweiterung des Wirklichkeitsbildes, die unablässig in dieser großen Mutterlauge des Subjektiven anschossen.

Jede große Allgemeinwahrheit war einmal in einem einzelnen Kopf als heterogene, als ketzerische Subjektivität geboren, jede Allgemeinnützlichkeit an einem subjektiven Leibe zuerst erprobt worden. Aber was sollte das, wenn man alles Aktive in diesem nachgeborenen Produkt, in der schon bestehenden „Wirklichkeit“ selbst suchte, anstatt in den Individuen mit ihren Subjektivitäten, die unablässig neues Material aus ihrer Aktivität heraus zur Auslese des sozial Passenden ins Feld warfen?

Der Normalmensch wuchs wirklich für die Theorie sieghaft auf, so und so viel tausend und tausend Spiegelplättchen, alle auf dieselbe omnipotente „Wirklichkeit“ eingestellt und nur gemessen auf die Korrektheit dieser Einstellung.

Wer im genauesten Winkelmaß ziffernmäßig eingerenkt stand, — der war „gesund“.

Jede subjektive Abweichung aber war — Krankheit.

Obwohl alle letzten Gedankengänge, die schließlich bis hierher geführt hatten, falsch oder wenigstens übertrieben waren, so tritt doch auch darin noch die Größe des Jahrhunderts hervor, daß die Verfolgung dieser Dinge jenseits des schlechten Punktes eine so gewaltige Logik entwickelte, daß schon das allerstärkste Bollwerk nötig wurde, um sie endlich doch zum Falle zu bringen.

Es liegt aber ein solches Bollwerk tatsächlich inmitten des unendlich schwankenden Halbdunkelgebietes des „Subjektiven“ — und zwar sind seine Zinnen von alters in ihrer ganzen Cyklopenkraft bekannt.

Es ist die Kunst.

— — —

Auf einem Höhepunkte der Verwickelung mußte die Kunst das Ilion werden, vor dessen Mauern der große Kampf zum Stillstande der Entscheidung kam.

Der Kampf zwischen der versteinerten, vergötzten „Wirklichkeit“ — und dem Aktiven in der Subjektivität, das neue Werte schuf und den ewigen Fluß, die ewige Relativität, die ewige Entwickelung vertrat jenes Ausschnittes aus dem grundlegenden Gesamtergebnisse der Menschheit, den wir „Wirklichkeit“ nennen.

Die Kunst nimmt in dem Gegensatze zwischen Subjektivem und Sozialem, zwischen der großen Erlebniswirklichkeit und der engeren, gemeinsamen „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen eine so schlechterdings besondere Stellung ein, eine so raffiniert verwickelte Grenzstellung, daß jede Übertreibung hier ein Zwist auf Tod und Leben werden muß.

Nichts ist seltsamer, ist von gewissem Boden aus unwahrscheinlicher und ist doch tatsächlich wahrer als der Satz, daß in der Kulturgeschichte noch jede Welle, die vergewaltigend gegen die Kunst anbrandete, schließlich zerbrochen und verschäumt ist, — als sei hier der feinste Kern- und Schutzwert der Menschheit berührt, dessen Antastung jäh alle Alarmsignale auslöst und zum generalen Widerstande bläst.

Auch in der Auffassung des Ästhetischen läßt sich das neunzehnte Jahrhundert ziemlich gut auf seine zwei Hälften trennen.

Die erste Hälfte steigt herauf geradezu aus einer ästhetischen Hochblüte. Ästhetisch ist also förmlich aufdringlich zuerst noch ihre Grundstimmung.

Während die Naturforschung, die Technik, der Realitätssinn in der Stille schon die ganze Unterströmung beherrschen, liegt das Bewußtsein doch noch hell im ästhetischen Felde. An den ästhetischen Begriffen wird zunächst noch gemessen, was aus jener engeren Wirklichkeitswelt zufließt. Noch kann man von einer ästhetischen Weltanschauung reden, die selbst Naturforscher ersten Ranges beherrscht.

Aber in dieser Vorherrschaft ist sie allerdings schon in einer absteigenden Linie. Und der Umschwung wird in der zweiten Hälfte vollständig sichtbar.

Aus einem ästhetischen Wellenkamm ist nunmehr ein Tal geworden.

Jene Wirklichkeitsstimmung hat die Lichtgrenze des Bewußtseins allenthalben erobert. An ihr, an Wirklichkeitswerten, wird das Ästhetische des Tagesgebrauches jetzt umgekehrt gemessen. Und da alsbald noch mehr als das.

Indem die „Wirklichkeit“ in den Brennpunkt der Übertreibung tritt, erfolgt etwas, wovor am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allen guten Köpfen gegraut hätte wie vor der Sünde wider den heiligen Geist.

Die Existenzfrage der Kunst wird gestellt.

Die Berechtigungsfrage aus jenen Gedankengängen heraus.

Die Welle auf der schiefen Ebene hat die Mauer erreicht und platzt.

Von der einen Seite kommt eine Strömung, die sich wissenschaftlich nennt.

Sie wird eingeleitet durch eine gewisse allgemeine Stimmung.

Man weiß in bestimmten Kreisen mit dem Ästhetischen plötzlich nichts Rechtes mehr anzufangen.

Naturforscher einer ganz bestimmten Färbung, Techniker, Realpolitiker aller Art, echteste, auf beiden Beinen, wie sie glauben, unerschütterlich fest stehende Jahrhundertkinder, rufen nach Tatsachen, immer nur wieder Tatsachen. Tatsachen helfen, Tatsachen machen frei, gut, glücklich. Künstler aber geben keine Tatsachen in diesem Sinne. Ob die Kunst also nicht etwas ist, was sich auslebt, wie die Religion? Etwas Sanfteres, Ungefährlicheres, aber doch auch etwas Epigonenhaftes, Abblassendes, eine Kinderei und Jugendeselei der Menschheit?

Man konnte ab und zu sagen hören, daß der Mensch wirklich jetzt endlich und glücklicherweise aus den losen Kinderspieltagen und Phantasiezeiten heraus und in der Schule sei, wo es lesen, schreiben, rechnen und vor allem stille sitzen gelte. Wer auf die nützliche Schiefertafel dort, statt Rechenexempel zu schreiben, Männchen mit humoristischen Nasen malte, bekam Arrest.

So grob ist das allerdings nur vereinzelt ausgesprochen worden. Aber in der Zeitstimmung lag es.

Man las es zwischen den Zeilen, wohin man sah.

Und man wird die ganze Realperiode des neunzehnten Jahrhunderts nie verstehen, wenn man es da nicht mitliest.

Aus der Stimmung erwuchs dann ein Angriff.

Ein altes Aperçu Diderots sagte, die Narren, Lumpen und Genies kämen aus demselben Topf. Das wird eines Tages „naturwissenschaftliche“ Kunsttheorie. Es wird zum Urteil (im juristischen Sinne) über die Kunst.

Man hatte ja jetzt das Gesetzbuch dazu.

Jener famose Normalmensch gab die Grundlage.

Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas Pathologisches.

Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des Wahnsinns!

Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand.

Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem.

Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der „Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt worden.