Der Wald schimmert im blassen Sonnenglast nach einem Regenschauer.
Wie eine braune Schlange liegt der Bahndamm quer hindurch, vom Geleise glänzt es wie silberne Schuppen.
Die Telegraphendrähte vor den roten Kiefernstangen und schwarzen Kronsilhouetten wie glimmerndes goldrötliches Spinngewebe. Einmal ist es, als spinne dieses feine Netz sich an eine riesige Blume, eine Rispe weißer Maiglöckchen an, die auf hohem, trockenem Stengel lose schwebt: das Viereck mit den Porzellanhütchen.
Weißblau liegt der Himmel im Ausschnitt der Bäume.
In der Linie der Bahn aber, wie das Auge ihr folgt, ein wunderbares Aufflammen von Grün, junge Birken, Flamme um Flamme goldgrün lodernd vom spiegelnd weißen Schaft.
Ein goldener Vogel huscht scheu hinzu: der Pirol.
Und dieses jungfrische jubelnde Pfingstgrün fließt dem Blick überall weiter, in die grüngelbe Wolfsmilch und den Fleck grellgelber Potentillablüten am Bahndamm, in die Akazienbüsche, denen das erste Laub vor der Sonne wie ein goldiger Heiligenschein um die schwarze Dornenkrone der Zweige steht, in den tiefen Waldgrund unter den roten Stämmen, wo der hartgrüne starre Farnteppich sich verliert.
Naturstille.
Nur ein ganz leises Rollen noch, wie aus der feuchten Erde herauf von dem letzten enteilenden Zug. Hinten im Waldgeheimnis verschwehlt noch ein letzter bläulicher Nebel seiner Rauchwolke.
Ein fernes helles Läuten von der Wärterstelle, als klängen die Maiglöckchen da oben im Spinnennetz aneinander.
Und wieder ganz still.
Finken zirpen leise, einförmig aus dem Unbekannten der Kiefernkronen.
Und nun auf einmal, ganz unvermittelt, ein hartes, rohes Geräusch, mitten aus der Landschaft, als stürze ihr etwas ins Herz.
Ein Ratschen, Knacken, ein Ruck und Fall.
Vor dem Glast hat sich etwas bewegt wie ein Schattenfinger. An dem plumpen, rot-weiß getünchten Bahnsignal dort ist automatisch der Galgenbalken heruntergefallen. Eine geheime Zeichensprache eines automatischen Hampelmanns, an dem ein Schicksal hängt.
Pfingstwehen.
Wie ich auf die grünen Flammen dort schaue, die jetzt wieder in der großen Stille ein ganz verlorener Lufthauch geräuschlos wiegt, denke ich an das große alte Symbol der Pfingstgeschichte.
Aus der Urtiefe des Geheimnisses auf einmal der Geist vorbrechend, wild wie ein Feuer, das da ist, niemand weiß, woher, und uns verzehrt, ehe wir es fest erkennen.
Und in diesem Geist verjüngt sich eine Zeit, eine neue Menschheit wird mit ihm geboren.
Woher?
Aus dem Unbekannten in uns, aus dem „Werde“ des Entwickelungsrätsels, aus der Natura naturans, die weltengründend auch in uns weiterlebt, wie sie in Milchstraßen und Sonnen gewesen ist.
Und der größte Gegensatz taucht mir auf, der durch unsere Zeit geht: der Gegensatz des Automatischen und des Elementaren.
Das Automatische war die Stärke des neunzehnten Jahrhunderts.
Es ist sein Erbe in uns, sein Herrenerbe.
Wie diese Signalstange hier im einsamen Walde automatisch sich senkt, so sollte ein neuer automatischer Menschheitsleib als Technik den ganzen Planeten umspinnen. Schon geht der Zeigerdruck durch die Ozeane. In seinen realistischen Träumen sah das Jahrhundert auch solchen Metallarm sich bereits heben und senken auf den Eispolen, in den Erdtiefen, an den Grenzen des Luftmeeres.
Von der Technik kam das aber dann als Bild und Maß aller Dinge.
Ein Kind drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, und ein Berg spaltet sich.
Aber, was ist das Kind selbst?
Nicht Ebenbild Gottes, sondern auch nur dieser Technik. Eine höhere Macht, das Milieu, hat auf einen Knopf gedrückt, und automatisch entstand dieses Kind. Es wird den Faust dichten und die sixtinische Madonna malen: automatischer Fall eines Balkens im Gehirn aus bestimmter Konstellation der Außendinge wie bei jenem Bahnsignal, nüchtern zu überschauender Außendinge, die wir wohl auch einmal rechnend beherrschen werden, — dann, wenn wir jenen Zeiger auf dem Nordpol haben ...
Schon sehen wir einen ungeheuren Regulator dieser Dinge: die Masse.
Ihr Werkzeug ist der Einzelne. Wo er nicht automatisch reagiert, da wird er als schlechter Apparat für funktionsunfähig erklärt; er ist krank.
Diese Masse aber ist selbst wieder Automat, fallender Balken einer umfassenderen automatischen Welt. Und so fort bis zum letzten Doppelstern des Alls.
Dieses All ist ein sich selbst tragendes automatisches System, unveränderlich, absolut tot, ohne Sinn für sich selbst.
In dieser einsamen starren Größe endet das Denken des neunzehnten Jahrhunderts.
Alles hier um mich her ist ein Automat.
Nicht jener häßlich ratschende Signalbalken bloß, der mich eben erschreckt hat.
Die grünen Pfingstflammen der jungen Birken dort ebenso.
Und die Sonne.
Und ich selbst.
Und all meine Träume von einer Pfingstlegende.
Aber das neunzehnte Jahrhundert hat uns nicht nur dieses Herrenerbe hinterlassen, das Erbe seines Herrengedankens.
Auch ein Sklavenerbe haben wir von ihm, das Aufbäumen des unterjochten Gedankens vom Elementaren in der Welt.
Ihm ist der Fortgang der Dinge ein immer neues Fest der Ausgießung des Geistes.
Pfingsten ist im Erwachen jeder Persönlichkeit, Pfingsten ist in jeder Geburt.
Und das nicht nur, wenn ein Mensch geboren wird. Auch wenn im Menschengeiste geboren wird. Wenn jenes tiefere Liebesleben sich abspielt, aus dem die Fauste und die Sixtinen steigen.
Ohne die Flämmchen dieses Pfingstwunders entsteht kein Kunstwerk, entsteht kein tiefster Gedanke der Philosophie, entsteht keine Erfindung der Wissenschaft, erwächst keine geniale Tat des brandenden Lebens um uns her.
Dieser Pfingstgeist ist es, der die „Wirklichkeiten“ erst baut und der sie ebenso auch wieder zerschlägt, um höherer Wirklichkeit willen.
Er hängt einsam am Kreuz und er zwingt doch die Masse, daß sich dreitausend taufen lassen.
Er wandelt ein Zerschlagener durch eine Welt von Disharmonien und durch diese Welt rauscht fortan die neunte Symphonie.
Beide Anschauungen haben ihren Punkt, wo sie in ihr Gegenteil umschlagen könnten und beide Male in eine unvollkommene, schlechte Form dieses Gegenteils.
Das neunzehnte Jahrhundert war so stolz, daß es mit seinem Automatenideal alle groben Wunder unmöglich gemacht.
Und doch: wenn alles nun Automat ist, die ganze Welt nur eine Kette elektrischer Klingelanschlüsse ist, wenn es kein Elementarisches mehr in irgend einer menschlichen Person, in keinem Dichter, keinem Genius auf Erden mehr gibt — wird nicht doch am Ende der allerletzten Kette der eine letzte Finger nötig, der aus dem Urelementarischen auf den ersten Klingelknopf drückt — die eine einzige Urperson, der Alldichter?
Je automatischer alles sonst, desto greller dieses letzte Wunder.
Hinter der toten Welt ein einziges Lebendiges im elementaren Sinn.
Und um das doch schließlich zu erkaufen, — dafür dieses schaurige Ertöten der ganzen sichtbaren Welt in den fallenden Balken eines fühllosen Automaten hinein!
Umgekehrt hat der Pfingstglaube selbst aber seine Stelle, wo auch er erbarmungslos ins Automatische schlagen kann.
Wenn er nämlich das Wunder des Intuitiven, des Elementaren roh faßt, wie das „Wunder“ so lange gefaßt worden ist: dualistisch als Eingriff eines Fremden.
Die Natur, die Entwickelung erzeugt dann auch nur, was eine fremde Macht in sie wirft. Der Dichter ist nur armer Stenograph des überirdischen Diktats, die Person nur Werkzeug eines außerweltlichen Milieus.
Da hast du nun Wunder auf Schritt und Tritt, es fingert allerorten und drückt mit Geisterhänden auf die elektrischen Knöpfe dieser Welt — und doch bist du nur selber eine armselige Klingel und seist du Goethe und Beethoven und Rafael.
War dort eine unendliche Automatenkette, so hier lauter Augenblicksautomaten.
Aber um das automatische Sklaventum kommst du nicht herum.
Es liegen aber zum Glück noch andere Möglichkeiten vor und auch welche, die nicht ins Alte zurückführen.
Wie stolz ist die automatische Vorstellung auf ihren Entwickelungsbegriff gewesen!
Er stand unberührt von jeder Möglichkeit, ins Veraltete umzulenken. Und wahrlich, so steht er auch.
Aber geheimnisvoller Traum, einer Pfingststunde angemessen: wie will der Entwickelungsbegriff, daß aus Einem etwas Anderes wird, daß ein Niedrigeres zu einem Höheren steigt, eigentlich logisch leben, ohne daß sein Königshaupt immer wieder gesalbt sei mit einem Tropfen elementarischen Oels?
In jedem dieser Uebergänge liegt ja ein elementarischer Geheimniszug!
Ich selbst fasse ihn gewiß nicht als den Finger der Mystik, der von außen stößt, aber das Wunder in den Dingen bleibt er auch mir unabänderlich, das Wunder, das auf eine Pfingsttiefe weist zwischen allem Automatischen — eben weil dieses Automatische zugleich eine Entwickelung in sich zeigt.
Durch die goldgrünen Flammenbüsche der Birkenkronen spielt und spielt leise der Wind, wie eine Hand durch schönes Frauenhaar fährt.
Auch um mich, wie ich hier sinne, zieht sich jenes Ödfeld des Automatischen her. Dort das Signal ist ganz darin. Aber auch diese grüne Birke und dieser goldene Vogel sind mehr darin als ich selbst, viel mehr. Wie gering ist der Geistesspielraum in dieser Pflanze, diesem Tier, den ich sehe!
Und die Sonne dort, die starr in ihren Himmelsgesetzen Jahrbillionen hängt!
Ist es nicht, als sei die Ausgießung des Geistes über diesen allen schon äonenlang vorbei?
Ihr Pfingsten lag, als das Gesetz sich in sie schrieb, das sie nun in unendliche Folge, sei es selbst oder zerspalten in Generationen, automatisch wiederholen ...
In mir aber wogt der große Kampf mit seinem wunderbaren Gemisch von reflektierendem Bewußtsein und intuitiv aufsprühenden Geniusflämmchen des Elementaren fort und fort.
In mir — dem Menschen!
Ist der Mensch das Genie der Natur, — die große Aufmerksamkeitsstelle im unendlichen Felde des Elementaren, auf der seit Jahrtausenden jetzt das ganze Licht liegt, während um dessentwillen rings die ganze übrige Natur in den halben Dornröschenschlaf des Automatischen verfallen ist?
Es kann der Mensch dieser Erde nicht allein sein, die Menschenstufe des ganzen Alls wird dazu gehören, wie immer es mit ihr sei. Bilden doch schließlich Sterne keine größeren Trennungen als in dieser irdischen Menschheit die parallelen Individuen.
Pfingstwunder!
So wäre es nichts anderes, als das wandernde Auge der Natur.
Pfingsten wäre Leben, der Automat aber zeitweise weise Kraftersparnis.
Die Welt ein Gewebe aus segensreichem, kraftspeicherndem Schlaf und konzentrierter, kraftverstürmender Lichtschau!
Ein Gespenst nur wäre der große Weltautomat, auf dessen letzten Knopf der Finger von außen drückte. Wertlos aber wäre ebenso der Glaube an das Wunder noch einmal hinter dem Wunder.
Die Natur hätte keine anderen Augen als unsere Menschenaugen — aber mit denen sähe sie auch wirklich, sähe nicht bloß durch sie durch. Und zu diesen Augen gehörte auch der Geist Goethes und Rafaels und Beethovens, der Geist der großen Religionsstifter und Weltdeuter, der Geist der Forscher, die unsere Technik geschaffen, und der Geist derer, die das Evangelium von der Liebe gepredigt haben und gelehrt haben, daß alle Technik nur einen Sinn habe, wenn sie in der Hand der Liebe und des Ideals sei, Liebe und die Sehnsucht nach dem Ideal zu säen, so weit der willige Automat des elektrischen Funkens für uns fliegt.
Wieder schnarrte das Signal da oben.
Ich aber dachte jetzt, wie dieser Metallstab wohl auch kein Ausgestoßener der Welt sei, sondern ein unveräußerliches Stück Natur.
War er heute auch nicht das Pfingstauge, in dem das elementare Lichtfeld zu den Sternen und zu der Weltliebe sah — wer weiß, wozu seine Metallmoleküle heute schliefen.
Vielleicht, wenn diese Gehirnmoleküle der Menschheit ausgerungen in Leid und Liebe, in dem großen, aber auch so furchtbar schweren Kampfe um das Ideal, wenn sie trüb geworden als Auge der Natur — wer wußte, wohin diese elementare Natur dann wandern würde mit ihrem Lichtfeld, ihrem Sehnsuchtsfeld, wo sie diesen Metallstab und die jubelnde grüne Flamme dieses Birkenbusches auferstehen lassen würde aus dem Automatischen ins Geisthelle hinein, damit sie in den Sternen läsen und um Liebe kämpften, wie einst wir — die wir dann vielleicht auf Äonen in irgendeiner stillen Versorgung des Automatischen ruhten, einem abermals neuen Rufe ins Aufmerksamkeitsfeld des Bewußtseins bereit.
Ob unsere Zeit den Frieden einer solchen Weltanschauung finden wird, den Frieden ihres Doppelerbes?
Aus den Kiefern tönte das leise Zirpen der Finken.
Diese Naturstille war vielleicht die Antwort.
Frieden ist nur im Automatischen.
Wir sollen kämpfen.
Und doch steht in den hellsten Idealen dieses Lichtfeldes der Natur, das wir Mensch nennen, auch schon die Menschenliebe.
Geht auch das Elementarische auf eine höhere Lösung?
Die Pfingstflammen glühen. Gehen wir. Wir werden sehen.
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