Stimmungen vor der Natur! An ihnen wird man einmal die Charakterköpfe des neunzehnten Jahrhunderts messen. An ihrer Stellung zum Naturbegriff.
Ich habe Virchow eben mit meinen Gedanken gestreift. Das ist „auch einer“.
„Indeß war ....“, so sagt einmal Goethe von irgend jemand, „bei all seinen Verdiensten doch nur einer von den .... Köpfen, die sich mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fühlen und deßwegen das komplizierte Paradoxe mehr als das einfache Wahre lieben und sich am Irrtum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt, ihren Scharfsinn zu zeigen, da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur, nicht aber sich selbst zu ehren scheint.“ (Geschichte der Farbenlehre, in der fünften Abteilung.)
Virchow war Naturforscher in jeder Faser. Aber er hatte keine Freude am Anschluß.
Wie ist das möglich?
Das Wort ist neulich, bei seinem Tode, gefallen von einem „Zeitalter Virchows“ in der Naturwissenschaft.
Solche Schlagworte sind immer schief, und sie werden schiefer, je näher man der Arbeit unserer Zeit auf irgend einem Gebiete kommt.
Wenn man von einer Epoche Newtons oder Linnés spricht, so enthält das schon eine große Ungerechtigkeit gegen gewaltige andere Geistestriebe, die jene Zeiten im ganzen umfassen, die aber gerade von Newton oder Linné selber keineswegs umfaßt wurden.
In der Naturforschung unserer Tage ist für die Linie, in der Virchows Größe liegt, bestimmend, daß sie überhaupt nicht mehr bestimmt werden kann durch einen einzelnen. Das Band der Methode, das alle Disziplinen dort umgreift, ist längst gegeben und ist längst unpersönlich. Darüber hinaus aber steckt die Kraft im Wirken unzähliger Persönlichkeiten, die in einem weiten Spielraum so heterogen denken mögen wie nur möglich.
Trotzdem ist es interessant, sich einmal für einen Augenblick der Fiktion hinzugeben, Virchow sei wirklich der einzige Naturforscher in seiner Zeit gewesen. Wie würde diese Naturforschung der letzten sechzig Jahre aussehen, angeschaut bloß in ihm?
Man kann die Fiktion ohnehin wagen für eine ganze Menge gebildeter Leute, die tatsächlich in ihrem Leben keinen anderen Naturforscher kennen gelernt haben als Virchow. Als Parlamentarier war er „der“ Naturforscher. Parlamentsberichte werden aber von einer Masse gelesen, die sonst heute noch gar keine Fühlung mit der Naturforschung besitzt. Und er hatte so noch etwa ein Dutzend anderer öffentlicher Berufszweige, wo er redete, — als Naturforscher, der er doch einmal war, redete, und wieder von soundsovielen gehört werden mußte, auch als Naturforscher gehört werden mußte, die sonst im weiten Bogen um alle Naturwissenschaft herumgingen.
In einer Virchowschen Naturforschung würde zunächst hervortreten der ungeheure Fleiß, die beispiellose Arbeitskraft in der rein quantitativen Leistung.
Es liegt in dieser Arbeitskraft allgemein heute ein Dank von Seiten der Methode: ohne die Stütze dieser fest überkommenen und, einmal erlernt, ewig sich gleichbleibenden Methode wäre diese Ausnützung der Kraft in der Naturforschung gar nicht möglich.
Aber Virchow war wirklich die Maximalgrenze.
Er arbeitete bis an die letzten Jahre heran (81 ist er geworden!) wie eines jener prachtvollen astronomischen Instrumente der Neuzeit, auf denen nie ein Stäubchen, ein Rostfleckchen denkbar ist, deren Präzision auf Generationen gebaut scheint, blank, leuchtend über die Köpfe von so und so viel einander ablösenden Sterblichen hinweg. Ein solches Instrument kennt kein Zittern. Ein einziger Willensakt, der die Richtung bestimmt: und es steht, es ist eingestellt, absolut scharf, so weit sein Bau reicht, ohne jeden Zeitverlust des Suchens. Genau so schoß Virchow auf die Dinge los. Ohne jede Nervosität, alle vorhandenen Kräfte stets im Brennpunkt beisammen. Darum erschien seine Leistungsfähigkeit oft noch viel imposanter, ja über die Grenze des Menschlichen gedehnt, weil sie das Geheimnis besaß, keine Zeitverluste mit verrechnen zu müssen.
Der zweite Punkt ist die Vielseitigkeit, die qualitative Ausdehnung.
Die gangbare Annahme ist, daß der Heraufgang der Naturforschung vom Polyhistor zum Spezialisten führt. Eine Naturforschung Virchows hätte dann die Stufe des Spezialistentums bereits wieder verlassen.
Er fing als Spezialist an, als Mediziner. Aber er brachte schon damals zwei Gaben mit, die darüber hinauswiesen.
Er gründete eine Zeitschrift und wußte sie hochzubringen, natürlich zunächst eine Fachzeitschrift.
Und er schrieb einen vornehm-wundervollen Stil. In Zeiten, da man seine „Cellular-Pathologie“, in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert alt, des veralteten Stoffes wegen nicht mehr als Lehrbuch benutzen wird, wird man sie als klassisches Beispiel nehmen, wie ein Mediziner schreiben soll, der außer dem menschlichen Körper die deutsche Sprache kennt.
Daß ihn das tolle Jahr mitriß, will ich nicht unter besondere Vielseitigkeit verrechnen, denn es hat überall bis in die verknöchertsten Spezialistenkreise tatsächlich hineingeblasen. Aber wie er in den sechziger Jahren sich dann in den preußischen Parlamentarismus, in die politische Parteibildung mit all ihrem Kleinwerk zäh hineinarbeitet, das ist im alten Spezialistensinne entschieden nicht „naturwissenschaftlich“. Es ist mindestens eine neue Auffassung von den Rechten, Pflichten und Möglichkeiten des Naturforschers. Er hatte in der Pathologie das staatsbildende Sozialleben der Zelle im menschlichen Gewebe als Spezialist zugrunde gelegt, einen sensationellen Momentfortschritt damit anbahnend. Aber daß er sich jetzt auch berufen fühlte, als Naturforscher in den wirklichen Menschenstaat einzugreifen, das erschien den meisten Kollegen als höchst überraschende Ablenkung vom gewohnten Pfad. Auch ich wäge hier nicht Virchows politische Erfolge oder Mißerfolge; das Wort mag die Partei sich wählen, die der Leser hochhält. Ich betone nur, daß er in der Linie „seiner“ Naturforschung auch das Parlament sah, wo die Naturgeschichte des Staates praktisch betrieben wurde.
Daß er in den Kriegsjahren im Sanitätswesen tatkräftig mithalf, wird der gangbare Zünftler auch zugeben: war er doch eben von Haus aus Arzt.
Aber unerwarteter war wieder, daß er den Berliner Handwerkern volkstümliche Vorträge hielt, daß er sich an der Herausgabe einer gedruckten Sammlung solcher populärer wissenschaftlicher Vorlesungen beteiligte, die wenigstens in ihren älteren Jahrgängen viel Gutes getan und gebracht hat; daß er über Goethe als Naturforscher ein treffliches Büchlein schrieb und über die Frauenfrage mitredete.
Und doch trat auch das alles zurück gegen seine größte Aufgabe, die er sich freiwillig wählte und die er mit Energie so weit trieb, daß sie fast wieder als ein Spezialismus erscheinen konnte, bloß einer, den bisher niemand in der Naturforschung gesucht hatte.
Die Großstadt entstand bei uns.
Entstand um ihn her, der, obwohl Pommer von Geburt, aus Neigung und Beruf eigentlich seit seiner Studienzeit und als Hochschullehrer dann seit den Fünfzigerjahren in Berlin festwurzelte. Ein politisches und wirtschaftliches Produkt war sie, diese neue Großstadt an der Spree. Die meisten sahen sie mit einem Gemisch von Grauen und dunklen Hoffnungen aufwachsen, doch zunächst jedenfalls als ein Phänomen, das man hinnehmen und von dem man abwarten mußte, was es wollte.
Virchow sah vom ersten Tage die Großstadt an als ein naturwissenschaftliches Problem!
In der Hand der Naturwissenschaft lag ihm, ob dieser werdende Koloß eine Kloake werden sollte, vor der der Kleinstädter sich bekreuzte, — oder eine sanitäre Musteranstalt.
In rastloser Arbeit hat Virchow seit den Sechzigerjahren diesen Riesenorganismus studiert, hat seine leitenden „Nervenzellen“ beraten zu Gunsten der Hygiene. Man muß sich an die Schwerfälligkeit eines solchen Großstadtapparates mit all seinen Instanzen, zumal eines unreifen, erinnern, um die Leistung zu verstehen. Man muß sich erinnern, daß dieser junge Riese wieder eingezwängt lag in einem noch größeren, viel älteren Organismus, dem Staat, und daß dieser Staat geschichtlich sich aufgebaut hatte ohne Rücksicht auf eine Naturforschung, ja ohne Kenntnis eines Naturforschers als Berater — in Zeiten, da der Naturforscher bei Hof oder in der Polizeistube noch etwas vom Tropf, von der lächerlichen Lustspielfigur mit der Botanisiertrommel hatte.
Man kann Virchows gesamte politische Erfolge von bestimmtem Parteiboden aus als solche für ephemere Dinge ohne höheren Einsatz halten und wird doch zugeben müssen, daß sie einen ganz durchschlagenden Gewinn ergeben haben, wenn man Virchows politische Anteilnahme als nötige Vorschule faßt für jene Kulturarbeit zum Wohle der Großstadt. Bei der verwickelten Lage staatlicher Dinge von heute wäre er an die gar nicht herangekommen, hätte er nicht dort sich Kenntnis über die Mittel und Wege erworben.
Wer die Großstadt wirklich kennt, der verlangt keine kostspieligen Denkmäler in ihr, dafür ist das Elend hinter den Coulissen zu namenlos groß. Sonst würde ich sagen, Virchow verdiene ein Denkmal im eigentlichsten Sinne von der „Großstadt“.
Es bedarf aber des Stückchens Marmor nicht: wer heute durch die Berliner Straßen geht und an die Rinnsteine von ehemals, an die Kanalisationen und Rieselfelder und Wasserleitungen von heute denkt, ich meine, er riecht ordentlich den Geist Virchows und seiner Mithelfer, und das ist ein feineres, vergeistigteres Monument des „Naturforschers der Großstadt“.
Von der Zelle zur Großstadt! Dazwischen liegen zwei weite Strecken.
Nach alter Einteilung gehört die eine ganz der Naturforschung, die andere ganz einem himmelweit verschiedenen Gebiet, nämlich der Geschichte. Durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herauf kommt ein ganz eigenartiger Versuch: die Geschichte, wo nicht zu erobern, doch zu erweitern durch die Naturwissenschaft.
An die heikle Stelle des Überganges jener beiden Streckenteile, zwischen „Erdgeschichte“ und „Geschichte“, schob sich die „prähistorische Wissenschaft“ in jedem Zuge von ihrer Begründung her ein Kind der Naturwissenschaft, das diese zur Welt brachte zunächst unter dem heftigsten Protest des offiziellen Geschichtsprofessors.
Und wieder ist es Virchow, der sich hier festsetzt, der, mag man in hundert Einzelzügen mit ihm rechten, doch im Ganzen diese prähistorische Zettelsammlung wirklich in eine „Wissenschaft“ verwandelt hat.
Die Stärkste seiner persönlichen Position dabei war, daß er das Wissen besaß, um auf beiden Gebieten wirklich zu arbeiten, als Naturforscher und als Historiker. In den rein naturwissenschaftlichen Teilen des Gebietes suchte er immer einen Zweig zu bessern durch Verknüpfung mit einem zweiten.
Er drang darauf, die Anthropologie aufzufrischen durch die Anatomie. In der Rassenfrage drang er auf das Experiment, wozu wieder Statistik nötig wurde, für die der Staat, die Schule heranmußten: der rein philologisch gebildete Gymnasialdirektor sah sich plötzlich in diese ganz neuen Forschungszweige mit hineingerissen, indem man ihm von oben eine Tabelle über die Haarfarben und Augenfarben seiner Zöglinge abverlangte; hinter dem „von oben“ stand aber Virchow.
Das prähistorische Material begutachtete er nicht bloß im Museum. Er nahm die Schaufel zur Hand und grub selber aus.
So erschien er, immer pfeilschnell aufs klar vorbedachte Ziel losstoßend, im Kaukasus, in Ägypten, auf dem Scherbenhügel von Hissarlik in der Ebene von Troja. Er fühlte, bewährte, predigte unaufhörlich, wo auf diesem vagen neuen Terrain der Fachmann zunächst hingehöre: nicht in die Studierstube zum Grübeln über neue Theorien vor ein paar von anderen hereingebrachten Fundstücken; sondern an die Fundstelle selbst, damit der Fund selber im Moment seines Auftauchens zunächst kritisch fixiert werde. Kaum, daß diese junge Wissenschaft da war, so bewegte sich ihr schon nur zu gewaltsam ja das Terrain.
Eine Eisenbahnstrecke wurde gebaut: sie schnitt eine uralte Stätte auf, wie etwa den Burgberg im Spreewald. In fliegender Hast galt es an solchen Stellen einheimsen, die Zettel zu den Dingen schreiben. Für die Theorien mochten Jahrhunderte folgen, Zeit genug. Aber all ihr Wert hing unabänderlich ab von dem kleinen Zettel, den wir heute zu dem Fundobjekt legen. Dieser Zettel mußte ein Meisterstück fachmännischer Exaktheit sein — und dann durfte er doch auch noch in gutem Deutsch geschrieben sein; auf beides hielt Virchow.
Nun, es ist gesorgt, daß die Bäume in diesem defekten Leben nicht in den Himmel wachsen.
Wenn man bloß auf diese Linien sieht, die sich noch um eine Menge kleinerer Arabesken bereichern ließen, so erscheint es bedauerlich, daß Virchow nicht wirklich seine Zeit in der Naturforschung ganz nach sich bestimmte. In Wahrheit war er in den besten Zügen dieser Zeit voraus, war der Pionier einer Naturforschung, wie sie allgemein erst kommen soll.
Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite.
Eine Naturforschung Virchows würde dauernd und herrschend Züge aufgewiesen haben, die ich wenigstens nicht im Antlitz der „Naturforschung“ wünschte.
Jetzt, da er selbst fort ist, hat man allgemein auch in den Kreisen, die ihm nicht als Partei gegenüberstanden, sondern seine Größe einwandlos ehrten, eine Art Gefühl, als sei doch auch etwas wie ein Hemmnis hingenommen. Es waren nicht allein die allgemeinen Spuren, wie sie jede alternde Autorität zeigt, — nach deren Scheiden die Jüngeren immer von etwas Druck aufatmen, auch wenn der Mann dahinter noch so bedeutend gewesen ist. Man empfindet, daß in der ganzen Methode hier doch bei allem Vorbildlichen auch eine dauernde Fehlerquelle war. Vielleicht ein kleiner Fehler nur in dem Ganzen des Mannes. Aber in einer großen Gestalt, die stark auf ihre Zeit wirkt, pflegen kleine Fehler grade in der Wirkung riesengroß zu werden.
Es war die Kehrseite von Virchows staunenswerter Vielseitigkeit, daß er für gewisse Dinge so gut wie blind war, die doch überall ihm vor den Füßen blühten.
Er achtete nicht auf gewisse Imponderabilien, die in der Naturforschung so gut ihre Rolle spielen wie in jedem anderen großen menschlichen Denkgebiet.
Was er errungen, dankte er einer eisernen Treue zu einer gewissen Methode, einem unermüdlichen Fleiß, einer ewigen klaren Beherrschung seiner selbst, einer fort und fort genährten „Klarheit“.
Die große Intuition, der Lichtblitz des Gedankens, der jäh über Weiten zuckt, der Geist, der über den Wassern schwebt — sie waren ihm fremd und er haßte sie.
Er übersah, daß die größten Leistungen auch der Naturforschung hierher stammen.
Er übersah, daß die Begeisterung aus dieser Quelle schöpft.
Er übersah, daß an dieser geheimnisvollen Stelle das unendliche Feld naturwissenschaftlicher Tatsachen beständig strebt und streben muß, sich zu einer einzigen Knospe zusammenzuschließen: aus dieser Knospe aber bricht, was allein zuletzt die ganze unendliche Gärtnerarbeit lohnt — die Lotosblume einer Weltanschauung.
Seine Leistungen kamen nicht von hier. Die Begeisterung war ihm eine lästige Trübung des kalten Forscherauges. Vor der Weltanschauung zuckte er die Achseln. Er hatte ein unnachahmliches Gesicht zu solchen Worten.
Diese Skepsis sollte ihm selbst teuer zu stehen kommen.
Er, der sein Leben lang gegen Engen, Schranken, Abgrenzungen der Geistesgebiete gegeneinander, partikularistischen Fachdünkel, Autoritätsgelüste und reaktionäre Anwandlungen aller Art sachlich wie ein Held angekämpft hatte mit einem völlig blanken Schilde —, er kam in bestimmter Beleuchtung in eine ganz gegenteilige Position.
Es mischte sich da noch ein Zweites ein, das ebenfalls zur Kehrseite der Medaille gehört.
Er war der Ansicht, daß die Naturforschung bald schon in ihre Epoche trete, da sie die wahre Weltmacht im Denken der Menschheit wirklich werde. Sie eroberte der Reihe nach alle Gebiete, wie sie die Großstadt auf dem Wege einer verbesserten Kanalisation erobert hatte. Das war sein Ideal, dem das Minimum von Begeisterung diente, dessen er fähig war.
Aber dieses Ideal sah er nur erreichbar eben auf sehr nüchtern praktischen Wegen, und er glaubte, seit er im politischen Getriebe stand, etwas von diesen Wegen gelernt zu haben.
Sie forderten, daß man ein Geringes gab, um viel zu gewinnen.
Um ihre Mission zu erfüllen, mußte die Naturforschung sich in erster Linie mit dem modernen Staat vertragen. Und eventuell dann auch mit Mächten, die dieser Staat nicht von sich lösen wollte oder konnte — wie der Kirche.
Das ging aber nicht ohne Konzessionen.
Gab man also als Ring des Polykrates etwas möglichst Entbehrliches!
Virchow zögerte keinen Augenblick mit dem Geständnis, wo das zu finden sei: im Gebiet jener Imponderabilien!
Um der „Duldung“ der Naturwissenschaft willen gab er mit leichtester Hand grade die Stellen preis, wo die moderne Naturforschung sich zur Weltanschauung krystallisieren wollte.
Aus dieser Stimmung hat er gelegentlich gesagt, daß die „Tatsachen des Bewußtseins“ vom Naturforscher ruhig preisgegeben werden dürften zum beliebigen Gebrauch der „herrschenden Kirchen“.
Aus dieser Stimmung hat er die modernen Ideen über den natürlichen Ursprung des Menschen, die unsere Weltanschauung so bis ins Innerste aufrütteln müssen, mit einer Leichtigkeit durchstrichen und unter den Tisch geworfen wie ein Papier, das jetzt nicht hierher gehört, daß seine besten Mitstreiter sich verdutzt fragen mußten, ob der Mann denn überhaupt noch für die Wahrheitsideale der Wissenschaft mitfechte.
Es war in der Tat derselbe Mann, der sich für die Wahrheit irgend einer winzigen Bagatelle-Tatsache, einer Scherbe in einem Grabhügel etwa, ganz unbedingt hätte verbrennen lassen wie Giordano Bruno — und der doch kaum glaublicherweise vor dem ganzen Begriff Weltanschauung eine so wegwerfende Meinung zeigte, daß er dessen kostbarstes Material als die einzige Scherbe nahm, die so wertlos sei, daß man sie dem Gegner ganz ruhig hingeben könne, um nicht verbrannt zu werden.
Das Verhängnis — man kann aber hier auch sagen: die Nemesis wollte, daß in den späteren Zeiten seines langen Lebens gerade diese ketzerischen, zu Weltanschauungsdingen durchaus drängenden Menschheitsfragen sich ihm immer energischer gerade auf dem Gebiet entgegenwarfen, wo er von allen Sachkundigen mit Recht als Meister, ja als Altmeister und Bahnbrecher verehrt wurde, — auf dem prähistorischen Felde, bei Tertiär-Mensch und Mammut-Mensch. Es war das fatalste Schauspiel gerade für solche, die jedes Wort aus seinem Munde auf diesem seinem eigensten Ruf- und Ruhmgebiet durchaus gebührend aufs Höchste zu achten gewohnt waren, wie er auch hier mit immer gesteigerter Hartnäckigkeit seinen allgemeinen Ablehnungs-Standpunkt in allen Detailfragen durchzuführen suchte, — und wie er schließlich Verwirrung in solche Fragen trug, bei denen schon viel mittelmäßigere Köpfe doch die klare Linie gar nicht verfehlen konnten, — er, der Meister der Klarheit und umsichtigen Kritik! Ich weiß wohl, daß der Glaube noch weit verbreitet ist, Virchow habe in seinem Kampf gegen den Neandertal-Menschen, den Tertiär-Menschen, den Menschen als Mammutzeitgenossen und verwandte Fragen bis zu der Allgemeinfrage der Verwandtschaft des Menschen mit den anatomisch nächsten Säugetiergruppen, stets den Standpunkt der nüchtern-besonnenen Kritik gegenüber der waghalsig schweifenden Hypothese vertreten. Die Dinge lagen in Wahrheit aber bei diesen Spezialfragen genau umgekehrt. Virchow war es, der schließlich die verwickeltsten, unwahrscheinlichsten Hypothesen aufeinandertürmte, um Dinge umzudeuten, die vor der schlicht nüchternen Anschauung nur eine einzige gerade und einfache Deutung zuließen. Seine Kritik des Neandertal-Schädels, die heute als endgültig zurückgewiesen gelten kann, ist das schlagendste Beispiel. Er hatte eben in diesen Dingen den schlichten Standpunkt vollständig verloren. Er ließ sich an autoritativer Stelle zu Aussprüchen hinreißen, die allen Elementarergebnissen der vergleichenden Anatomie ins Gesicht schlugen, — ein Anfänger, ein Student, konnte ihn schließlich bei einzelnen Sätzen korrigieren. Geister, die ihn intensiv liebten, mit ihm gern durch Dick und Dünn gegangen wären, hat er zur Verzweiflung gebracht mit solchen unberechenbaren Schachzügen.
Ich will hier ausdrücklich nicht in den Fehler verfallen, daß ich Virchow deshalb wirklich eine reaktionäre Natur nenne. Das mögen andere machen, denen es im Parteitreiben selber nicht um ein Wort zuviel zu tun ist. Er war in einem einzigen Punkte — nicht ein Reaktionär, aber ein Diplomat.
Die große Wissenschaft jedoch kennt keine Diplomatie.
Ob die Naturforschung je in unserem Gesamtleben die führende Rolle übernehmen wird, wie Virchow felsenfest geglaubt hat, sei dahingestellt. Sicherlich wird sie es nur, wenn sie es je tut, in der Form einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Aber ebenso sicher ist, daß sie jetzt und jederzeit sich ihr eigenes Todesurteil fällt im Moment, da sie Konzessionen macht an irgend eine Macht des Himmels und der Erden außer ihr.
Virchow war groß genug, daß man ihm das nachrufen kann. Er hat genug geschaffen, was dauern wird. Gerade vor seinem Gesamtbilde läßt sich ohne Bitterkeit aussprechen: daß ein Gedanke seines Lebens, von anderen erfüllt, die Axt gelegt hätte an seine eigene große und lichtbringende Arbeit, — weil er nämlich die Axt gelegt hätte an den Grundpfeiler unbeirrter Wahrheitsforschung.
... Nein, aus diesen entscheidenden Gründen wird man kein Zeitalter der Naturwissenschaft benennen nach Virchow.
Er ist einer der stärksten Träger der Naturforschung in seiner Zeit gewesen, sowohl was Arbeit wie was Ansehen betrifft. Aber er ist kein Förderer gewesen für uns im Naturbegriff.
Und das gibt zuletzt reinlich den Ausschlag.
Man mag noch so eifrig versuchen, die Naturforschung bloß aufzubauen auf den einsamen, voraussetzungslosen Imperativ des: Du sollst bloß forschen über einzelne Kausalzusammenhänge der Erscheinungen in der Natur, nichts weiter, — es ist Deine Pflicht, — weiter frage nicht, .... es hilft schließlich alles nichts, wenn hinter diesem Imperativ nicht auch der Sinn steht einer Weltanschauung, einer Auffassung von dieser Natur, aus der alle freudige Arbeit ausfließt und in die alle fruchtbare Arbeit wieder einfließt.
Auch hier, wenn je, gilt das alte Wort des Paulus: „... und hätte der Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“
Diese Liebe kann immer nur aus einer großen, umfassenden Anschauung der Dinge kommen, aus einer Ecke, wo den Menschen der heilige Sturm anrauscht, der ihn über sich hinausführt in ein unendlich Umfassenderes hinein, der ihm seine ganze kleine Person und ihre Augenblicksinteressen und alle Mittelchen winziger Diplomatie zugleich wegfegt wie dürre Spreu ...
Virchow selber war ja noch in sich getragen gleichsam von einem Zehr-Kapital solcher Liebe aus einer älteren großen Epoche der Naturauffassung, so wenig er es Wort haben wollte, — in seiner eigentlichen Forschung, zumal in den besten Jahren, atmete alles an ihm unbewußt doch noch solche Kern-Liebe; ohne das hätte er überhaupt nie schaffen können, was er positiv geschaffen hat. Aber eine Generation, von ihm in seinen Grundsätze, wie er sie bewußt verfocht, erzogen, würde nichts mehr sein als eine Generation der „klingenden Schelle“ in der Naturforschung.
Wenn ich auf die ganze philosophische Stimmung der Zeit sehe, in der Virchow emporgestiegen ist, so meine ich ein tiefstes, von ihm unabhängiges, aber ihn zwingendes Motiv zu gewahren, das in sein Widerstreben gegen jede Weltanschauung, jede größere Naturauffassung zweifellos mit hineingespielt hat und das durch persönliche Fähigkeitsschranken bei ihm wohl nur unterstützt wurde.
Virchow gehörte der gleichen Denkgeneration an, wie Karl Vogt, wie so viele andere bedeutende Naturforscher seiner Zeit, die alle in gewissen Zügen das gleiche Los gehabt haben.
Söhne und Enkel einer durch und durch idealistischen Generation, Idealisten in jedem Zuge selbst, sahen sie sich in die Naturforschung versetzt durch stärksten inneren Beruf — und nun aber in dieser Naturforschung sahen sie sich in eine Zeitströmung mechanistischer Denkweise und Forschungsmethode hineingerissen, die jeden Anschluß zu einer idealistischen Auffassung der Dinge verloren zu haben schien.
Es war das an und für sich ein philosophischer Irrweg, denn es gibt, wie ich wenigstens fest glaube, eine Art des „Mechanismus“, die sich durchaus mit einer idealistischen Weltanschauung verträgt. Aber die Zeitmeinung war damals jedenfalls die genau entgegengesetzte. Einerseits wurde die mechanistische Methode seltsamer Weise überhaupt nicht mehr für „Philosophie“ gehalten, sondern sollte einfach identisch sein mit exakter Naturforschung. Andererseits wurde diese von ihr durchdrungene Naturforschung eben als „mechanistische“ doch ausgespielt gegen jeden Idealismus der Welt- und Naturauffassung.
Eine ganze Reihe bester Köpfe dieser Virchowschen Generation ging, ich möchte wohl sagen, philosophisch von Anfang an unter in diesem künstlichen Konflikt.
Ihr innerer intuitiver Idealismus, der als eine Art kategorischen Imperativs in ihnen stand, fand keinen andern Rettungsausweg als den Ruf: Nieder mit allem Nachdenken über den Naturbegriff! Fort mit aller Weltanschauung! Nicht denken an das Verhältnis zwischen mechanistischer Forschungsmethode mit lauter mechanistischen Ergebnissen und dem Idealismus als Ur-Ansporn aller Wahrheitsforschung! Nicht rühren an Philosophie, damit wir uns nicht den Widerspruch selber eingestehen müssen!
Daher das unflätige Schimpfen auf jede Philosophie bei einem so feinen, so liebenswürdigen, in jedem Betracht so geistreichen, so geistig feinschmeckerischen Kopf wie Karl Vogt. Und daher das wunderliche Diplomatenspiel in seiner einen Wurzel, seiner tiefsten am Ende doch, auch bei Virchow.
Mit klaren Karten hätte sein Bekenntnis etwa gelautet: um in der Naturforschung etwas zu leisten, brauchen wir mechanistische Methode, aus dieser Methode resultiert als Weltanschauung ein toter Mechanismus als Weltbild; mit dieser Weltanschauung verträgt sich unser Idealismus, das eigentliche treibende Grundmotiv all’ unseres Arbeitens, also auch des Naturforschens, nicht, also halten wir den Mund, sobald jemand von Weltanschauung reden will; überlassen wir dieses ganze Feld lieber offen solchen Mächten, wie der Kirche, — ein Frieden, für den uns noch obendrein der Staat lobt und durch seinen Schutz lohnt; mag sie sich damit blamieren oder was sonst: — besser immer, als wir sägen uns selber den Ast ab, auf dem wir sitzen.
Was Virchow nicht fand — und worin auch er in all’ seiner Größe eben klein geblieben ist und nicht ein bahnbrechender König und Meister im Gedankenleben seiner Zeit geworden ist: — das war eine wahre philosophische Versöhnung von Mechanismus und Idealismus, eine wahre Brücke von den Resultaten objektiver Forschung zu den subjektiven idealistischen Wurzeln und Motiven jeglicher Forschung eben auf Grund einer noch umfassenderen, beides umfassenden philosophischen Klärung und Vertiefung des Naturbegriffs.
Ein einzelner kann in sich Verstecken spielen ein Menschenleben lang. Ganze Generationen vermögen das auf die Dauer nicht.
Jener innere Widerspruch, den Virchow mit einer verzwickten Stellung hinter sich verdeckte, wird unserer Zeit jetzt schon allenthalben im Ganzen doch sichtbar.
Und je deutlicher sie ihn sieht, desto deutlicher wird ihr auch die Forderung einer resoluten Lösung in jenem positiven Sinne, in ein Neues hinein.
Dabei kann ihr eine Übergangsgestalt wie Virchow selbst natürlich nichts mehr sagen.
Wir haben ganz und gar keine Lust, lieber in den wichtigsten Weltfragen pro forma zum Kirchendogma zurückzukehren, bloß damit nicht offenbar werde, daß unsere Forschung ein schwarzes Scheusal heimlich geboren habe, das unserm Idealismus die Leber ausfrißt.
Wir wollen weder diesen Idealismus einbüßen, noch die Naturforschung und ihre Ergebnisse.
Das Wie ist eine Forderung.
Aber noch keine strebend sich bemühende Zeit ist daran gestorben, daß sie eine große geistige Forderung hatte. Im Gegenteil. An faulen Kompromissen und der lähmenden Behauptung des Dogmas, dem alle Fragen Himmels und der Erden gelöst gelten, sind Zeiten versumpft und versandet, — noch nie an der steilen Größe ihrer Ideale.
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