Man kann nicht an Virchow denken, ohne daß dem Blick auch die andere Gestalt aus der „Hochburg der Naturforschung Berlin“ vom letzten Drittel des Jahrhunderts auftaucht: der alte Dubois.

So grundverschiedene Persönlichkeiten Emil Dubois-Reymond und Rudolf Virchow waren — der eine so ganz und gar „ohne Sinn für Feierlichkeit“, wie Fontane sagte, in seinen Schwächen wie in seiner Größe, der andere der geborene Feier-Redner, immer mit Pomp und auf einem schweren Piedestal, schon als Lebender der eigenen Absicht nach wie der Humboldt des Standbilds mit einem riesigen Marmorfolianten, dem Welt-Gesetzbuch des Naturforschers, auf den Knieen —: in ihrer Stellung zu der großen Herz-Frage der „Natur“ besaßen sie eine packende Ähnlichkeit.

Beide waren Naturforscher ersten Ranges, was exakte Arbeit anbelangt: Dubois in der Gesamtleistung wohl nicht annähernd so vielseitig, so praktisch nachhaltig und so bahnbrechend wie Virchow, aber doch intensiv immerhin genug für eine ganz hervorragende Stellung in der Arbeit seines Jahrhunderts.

Beide waren zweifellos hingebende Idealisten in ihrem innersten Wesen.

Beide haben notwendig nach den größten Gesichtspunkten suchen müssen, da sie beide den Naturforscher für den berufenen Führer der Zeit hielten, in der aufsteigenden Naturforschung den Brennpunkt unserer Kulturentwickelung sahen und beide dabei ein ungewöhnlich starkes Gefühl für die Breite dieser Kultur über die verschiedensten Geistesgebiete fort besaßen.

Beide aber sind grade vor dem äußersten, dem höchsten Problem einem seltsamen Schicksal verfallen.

Die Reaktion, die um jeden Preis von der ganzen Naturforschung fortwollte, hat sich beider auf gewisser Höhe bemächtigt, um grade sie als schärfsten Trumpf auszuspielen.

Und so wenig sie selber deshalb Reaktionäre waren, so logisch war doch diese ungewollte Nachfolge.

Denn Dubois genau wie Virchow ist in der Formulierung und Deutung des Naturbegriffs hoffnungslos stecken geblieben. Und je gebieterischer die Zeit, die ja wirklich eine „Zeit der Naturforschung“ war, nach einem Fortschritt, einer Hülfe, einer Klärung an dieser grundlegenden Stelle verlangte, desto notwendiger mußte sie durch eine schiefe, unbrauchbare, irre führende Definition und Auffassung gehemmt und ins Ungewisse verstoßen werden. Das haben die reaktionären Verächter des Wortes „Natur“ aber sofort klar herausgefunden.

In der Art, wie beide ihre Stellung bewußt suchten und zeigten, waren sie ja wieder grundverschieden. Sie waren da temperamentsverschieden.

Virchow sprach sich eben zu den Grundfragen überhaupt nicht aus. Er offenbarte seine Anschauung nur in einem konsequenten Verhalten. Es steckte in dieser Art etwas Zähes, das Mundhalten, aber Handeln eines verschlossenen, aber innerlich eisig klaren Diplomatenkopfs, das ihn eben in seiner Art als Charaktertypus eines „Staatsmanns“ bestimmter Schule (etwa im Ideal Rankes) erscheinen läßt, wenn man von der Sache absieht und rein die Charaktersilhouette zu fassen sucht.

Dubois im Gegensatz dazu war eine viel naivere Natur. Er hatte einen ganz bestimmten Form-Ehrgeiz, auch eine Art Form-Eitelkeit, kann man sagen. In gewissem Reifestand spitzte sich ihm alles zu einem großen Bonmot zu. Das mußte dann heraus, mußte in einer bengalischen Beleuchtung heraus; bei sich behalten konnte er es nicht mehr, und wenn es in die Welt sollte, so setzte bei ihm der Sporn ein, daß es nun auch in einer verblüffend individuellen Fassung als „von ihm“ kam.

Dubois ging zeitlich genau parallel zu Virchow, und es ist also kein Wunder, daß seine Denker-Bahn vor dem Naturbegriff in ihren Voraussetzungen so gut wie genau gleich bei ihm eingestellt war.

Auch bei ihm erfolgt in den besten Jahren ein glattes Einlenken in rein mechanistische Erklärungsversuche, — ein Einlenken, das zunächst den höchsten praktischen Erfolg hat, dem der Zeitgeist zujubelt und vor dem es gar keinen Bruch, keine Haltstelle zu geben scheint. Trotzdem aber kommt der innere Ruck, innere Chok, — eines Tages, — bei beiden. Der Moment, da ihnen bei ihrer mechanistischen Naturähnlichkeit bange wird. Und der Konflikt erwächst gerade aus der ehrlichsten eigenen Hauptarbeit selbst.

Virchow hat auf der ersten Höhe seiner Bahn den glücklichen Gedanken, auch im lebenden Organismus des Menschen den Begriff des „Zellenstaates“ durchzuführen. Wie der tote menschliche Körper sich anatomisch noch aus den im Mikroskop nachweisbaren einzelnen Form-Elementen, den „Zellen“, zusammensetzt, so muß auch der physiologische, der lebendige Mensch ein Produkt, ein Additionsexempel der Funktionen dieser Millionen von einzelnen Zell-Leistungen sein. Der Mensch ist ein „Zellenstaat“, sein Handeln die Summe der Leistungen der einzelnen Staatsbürger, der Zellen.

Bis hierher war die Sache glatt. Man hatte im objektiven Bilde nur die Zusammenarbeit all’ dieser Millionen subjektiver Zentren, der Zellen.

Aber nun ein Haken im Vergleich. Der aus so und so viel Bürgern zusammengesetzte Staat hatte doch, gangbarer Auffassung nach, deshalb noch nicht wieder ein Gesamt-Ich, ein Gesamt-Bewußtsein. Der Zellenstaat „Mensch“ hatte das dagegen zu seinen Lebzeiten unanzweifelbar. Gerade von diesem Gesamt-Ich gingen wir ja naiv beständig aus, von seiner Einheit. Mein — also etwa Virchows — Bewußtsein, war dieses Gesamtbewußtsein über einer Pyramide von Millionen Zellen.

Hier lag etwas Verzwicktes. Steckte doch etwas Falsches in den Grunddefinitionen? Aber mit denen waren wir ja doch gerade praktisch so weit gekommen, — zu dieser Lehre vom Zellenstaat, die eine ganz neue Pathologie verhieß!

Und Virchow machte seinen Salto mortale. Wir gehen ruhig in der Bahn weiter. Die „Tatsachen des Bewußtseins“ aber lassen wir für sich stehen, als existierten sie nicht. Damit sie möglichst aus dem Versuchungsbereich des Naturforschers verschwinden, liefern wir sie sogar gelegentlich, bei vorteilhaften Konzessionsmöglichkeiten, willig ganz anderen, dem Naturforscher an sich gar nicht diskutabeln „Geistesgebieten“ aus: der Theologie, der „herrschenden Kirche“, der je nachdem kirchenfreundlichen „Staatsraison“. Je fester sie dort einregistriert werden, desto sicherer sind wir sie nämlich los. Will uns Einer in der Naturwissenschaft fortan von „Bewußtsein“ reden, so rufen wir ihn einfach zur Ordnung wegen Grenzschmuggel, — er bringe uns Religion, Theologie, Kirche, Staat hinein; eine Diskussion über die heikeln Punkte selbst schneiden wir so geschickt vorher ab.

Dem guten Glauben nach war dieser Kompromiß eine Rettung der Reinheit des Forschungsfeldes für den Naturforscher. In Wahrheit war er der endgültige Verzicht auf einen echten umfassenden Naturbegriff.

Ein Naturbegriff, bei dessen Definition das Bewußtsein über Bord flog, als Dublette gewissermaßen verschachert wurde, war ja ein Hohn seiner selbst. Mit vollem Recht mußte der Theologe alten Stils mit Lachen auf ihn herabsehen, der er die Grunddinge unserer eigenen Persönlichkeit aus seiner Anthropologie einfach fortließ.

Aber Virchow blieb ein Menschenalter lang zäh. Er hatte im Eigensten seine Wegwende gehabt, wo es ihm geheißen hatte: jetzt mußt Du weitergehen ohne Dich umzusehen; siehst Du Dich um, so versteinerst Du zur Salzsäule wie Loths Weib; und die Handlung dünkte ihm fortan eine Lebensaufgabe, die andern auch über diesen kritischen Punkt zu bringen.

Genau auf diesen Punkt aber geriet auf seiner Bahn parallel auch Dubois.

Seine Lösung war die vielberühmte Ignorabismus-Rede.

Keine Handlung bei ihm, sondern eben eine Rede. Er wurde daran nicht zum schweigenden Schulmeister, der die Zähne aufeinander biß und handelte, ohrfeigte, lobte, alles aus dem Prinzip, das aber selbst nicht gelehrt wurde. Er wurde zum Bekenner, der sein Glaubensbekenntnis offen abgab, mit rednerisch betontem „Ich“.

Die Wirkung war aber ungefähr die gleiche. Denn der Inhalt hatte im Innersten eine ganz frappante Ähnlichkeit.

Auch hier gab es, und zwar diesmal scharf ausgesprochen, eine Bankerotterklärung.

Der Naturbegriff müßte, um ein Weltprinzip, die wahre Basis einer Weltanschauung für uns zu werden, die Frage lösen: wie Materie denkt?

Diese Frage aber, so bekennt Dubois, ist für uns ewig unlösbar! Wir werden das nie begreifen. Ignorabimus!

Die Gegner jubelten.

Also war es nichts mit dem Naturbegriff, mit der ganzen „Natur“! Der Naturforscher verzichtete auf Weltanschauung. Denn eine Weltanschauung muß, wenn sie nicht schon eine Lösung irgendwie besitzt, mindestens doch die Möglichkeit einer solchen Lösung als Arbeitsprogramm enthalten. Sie muß einem „immer strebenden Sichbemühen“ das Tor frei lassen. Auf Ignoramus kann man noch eine Philosophie aufbauen. Auf Ignorabimus nicht mehr. Vor ihm hebt sich jeder Wert des Erkenntnissuchens selbst auf. Wo aber die Werte fortfallen, fällt nach unerbittlichem praktischem Gesetz, in dem wir so sicher hängen wie im Gravitationsgesetz, die Sache selbst dahin.

Und das sollte also Ergebnis des grandiosen Höhenfluges der Naturforschung sein?

Dubois selbst hatte mit der Kirche gar keine Berührungspunkte. Er besaß auch nicht die äußeren Konzessions-Neigungen des Politikers Virchow. Er war Zeit seines Lebens nach dieser Seite ein unabhängiger Mann, trotzig und mutig wie Tyndall, Huxley, Vogt. Sein Naturforscherstolz war so hoch entwickelt, daß er ein Ding wie einen Theologen gar nicht mehr unter sich sah, geschweige denn als Rivalen neben sich empfand. Auch im Moment seines Bekenntnisses sah er sich ganz allein, oder höchstens im engen Kreise einer Anzahl erster Naturforscher unter sich. Er, oder wir, waren die Titanen, die den Kopf auf die Hand stützten, in das schwarze Loch jenes bodenlosen Dilemma starrten und aus tiefster Brust mit dem Donnerton unserer Stimme bekannten: „Es ist halt nichts. Wir haben uns verrannt auf ewig.“

Aber wenn die Riesen sich klein machen — das ist nun so — dann werden die Zwerge Riesen. Im Moment, da er sein Bekenntnis preisgab, als Redner, der auch noch zu einem Bekenntnis der eigenen Ohnmacht den Beifall für eine prächtige rednerische Wendung brauchte, — in dem Moment ragten die verachteten Theologen plötzlich wie die Pilze über einen gestürzten Baumriesen hinweg, — sie waren groß im Verhältnis zu ihm und die Menge sah es und schloß danach.

Dubois kochte vor Wut, als ihm einmal einer vorwarf, er habe dem Ultramontanismus in die Hände gearbeitet. Nein, es konnte keiner dem Ultramontanismus innerlich ferner stehen als diese trotzigen Naturforscher-Gestalten des 19. Jahrhunderts, zu denen Dubois in jeder Faser gehörte.

Aber ich denke an Fechners schönes Bild von den Taten des Menschen, die über seine leibliche Person hinaus selber einen neuen Leib bilden.

Der Tatenleib dieses Duboisschen Bekenntnisses war nicht mehr er selbst, der stolze Physiker und Physiologe auf der Höhe seiner Wissenschaft, führende Gestalt seiner Zeit im eigenen Glauben; er war ein kleines gebrochenes Männchen mit den Zügen des Famulus Wagner, der sich in seine Apotheke verschloß, wo man seine Kleinarbeit eben duldete; die Faust-Fragen hatte er abgeschworen.

Der Naturforscher war in diesem Männlein wieder zum armen Handlanger herabgesunken.

Man schickte zu ihm um ein Pülverchen, wenn man keinen Stuhlgang hatte. Wer Auge in Auge mit den großen Weltfragen stand, der dachte nicht an ihn, denn er wußte, daß seine Weisheit nicht über die Aufschrift auf ein paar Dutzend Porzellankruken mit kleinen Hausmittelchen reichte. Er mußte sich anderswo helfen.

Und wer schon die Natur aufgegeben hat, dem bleiben nicht viele Wege. Die Klingel zum Pfarrer ist gleich nebenan. Und was der nun in seinen Kruken hege: Ignorabimus steht gewiß nicht darauf.

.... Und dabei: — was für ein schwacher Trugschluß bloß steckte auch hinter diesem Abfall!

Ich kenne in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie keine so grobe Denkfalle, wie die, in die der große Beobachter und Experimentator Dubois naiv hineingegangen ist.

Blättern wir, um dem Problem ins Herz zu schauen, noch um eine Gestalt zeitlich zurück.

— — —

Was ist das Leben?

Vor der Glasveranda, in der ich sitze, fluten die goldgrünen Wiesen weit hinaus. Sie branden endlich mit einem krausen, wulstigen Waldsaum vor einer ungeheuren, tiefblauen Mauer der Kammwand des Riesengebirges.

Mitten im Wiesengrunde hebt sich winzig, aber blendend weiß, eine ländliche Kirche mit spitzem Turm herauf.

Und ganz vorn, in der ersten Wiese, steht eine alte Frau und mäht mit sehnigem Armstoß die hohen blauen Glockenblumen um, Stoß um Stoß.

Ich sage mir, daß dieses ganze schöne Bild, diese Farben, diese wundervolle Gebirgslinie in diesem Moment in einem tiefen, rätselvollen Zauberbrunnen der Natur schwimmen: meinem lebenden Auge.

Was lebt da?

Und ich sage mir, daß der kleine weiße Spitzturm dort drüben eigentlich nur das Fragezeichen, das uralte Fragezeichen der Jahrtausende hinter jenem Satze markiert.

Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den Glockenblumen begreifen würde — nicht physiologisch, aber aus einer eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener Dinge ohne Antwort.

Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die mit Bildung prunkt.

Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl. Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg. Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot, hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens.

Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das Fragezeichen gerannt.

An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern, wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein „Ignorabimusfiel. Es schadet aber heute überhaupt nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben.

Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend, wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden Pour le mérite unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter, Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag geben soll.

In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum Verhungern.

Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris sah es noch schlimmer aus.

Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes, rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier gerade den Kern nicht.

Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen Rätsel. Seine Wissenschaft, die Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel.

Es ist merkwürdig, wie einstimmig seine großen Schüler ihn alle gelobt haben, von den verschiedensten Richtungen aus. Das gibt immer eine starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß, streng genommen, keiner mit ihm intim geworden ist; dauernde Bewunderer finden nur Menschen, deren Größe etwas Einsames, einen Grund von Undurchdringlichem besessen hat, der der Auflösung, der Gewöhnung, dem Banalwerden trotzt. Inmitten der unbegrenzten Achtung wird von seinem dämonischen Blick erzählt, den niemand ertrug, vor dem die jungen Studenten sich fürchteten. Es war der Blick des Adepten, des Gezeichneten für die Einsamkeit.

Solche intensiven, vom Rätselhaften der Welt faszinierten Einsamkeitsdenker sind allemal Weltanschauungsfiguren ihres Jahrhunderts — viel mehr als Lehrer oder auch als Spezialforscher.

Das Wissen vom Leben war und ist eine Weltanschauungsfrage. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Johannes Müller der unbestritten gründlichste Denker über das Leben. Er war nicht ein Physiologe, sondern der Physiologe seiner Zeit. Ganz scharf kennzeichnet sich die Epoche, die sein Name beherrscht, in der Geschichte des menschlichen Denkens, scharf wie wenige.

Mit „Natur“ als Losungswort hatte das Jahrhundert schon eingesetzt. Aber es kam zuerst in der Zusammensetzung „Natur-Philosophie“. Das Abendrot der großen idealistischen, ästhetisierenden Denkperiode, die tief ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, flammte darin um das neue Wort.

Dann wenden sich die Dinge. Es beginnt die umgekehrt scharf realistische Periode. Zunächst mit einem bleiernen, kreidigen Morgenvorschein. In ihm prägt sich das Wort um in „Natur-Wissenschaft“.

Auf der Wende dieser beiden Perioden aber steht vor dem Begriffe „Leben“ Johannes Müller.

Das Typische in ihm ist, daß er seiner Liebe nach noch ganz Naturphilosoph der Hegel-Schelling-Fichte-Schillerschen Epoche war. Er wollte dieser Naturphilosophie in der Physiologie bloß einen besseren, einen dauerhafteren Untergrund bauen. Als der Neubau aber dastand, war er für die ganze junge Generation, die sich plötzlich unter ihm sah, ganz etwas anderes als bloß ein neues Fundament.

Das ganze Abendrot schien hinter ihm untergegangen: gerade sein Schatten selbst aber erzeugte nach vorne in voller Kraft jenes neue kreidige, unbestimmte Dämmerlicht eines kühlen Frühmorgens.

Müller war seinem innerlichen Ausgangspunkte, seinem Temperamentspunkte nach noch eine durch und durch religiöse Natur.

Er glaubte an Zwecke, Ziele in der Welt, an einen Sinn der Welt. Die Teleologie steckte seinem Denken im Blut ohne Hehl.

Aber ebenso konsequent neigte er von Anfang an dazu, diese Zwecke, Ziele, diesen ganzen „Sinn“ für eine wissenschaftliche Betrachtung innerhalb des naturgesetzlichen Zusammenhanges der Welt zu suchen, oder eigentlich noch besser gesagt: identisch damit. Alles war kausal verknüpft. Aber diese Reihe der Kausalität war von Anfang an so gelegt, daß ein Ziel, ein Sinn schließlich herauskamen. Teleologie und Kausalität lagen sich nicht in den Haaren, sondern standen vor genau der gleichen Sachfolge. Die kausale Betrachtung sah bloß auf die Art der Verknüpfung, die teleologische auf das Endergebnis. Mochte man nun im praktischen Bedarf die Teleologie mehr der Philosophie überantworten und die exakte Naturforschung enger auf die rein kausale Schau einstellen: das war eine Bequemlichkeitsfrage menschlicher Arbeitsteilung — für Müller selbst bedeutete es jedenfalls keinen ernsthaften Riß.

So weit seine verwickelte Persönlichkeit überhaupt durchsichtig ist, ist auch diese idealistische Stellung zu den Dingen bei ihm klar.

Und mit solchen Gesinnungen betrat er nun sein Spezialgebiet, — das Leben.

Herrschend auf diesem Boden fand er den Begriff der „Lebenskraft“. Der ganze Johannes Müller als Physiologe taucht auf, wenn man dieses Wort ausspricht.

Das ungefähr war das Dogma der Physiologie, wie er es erhielt: zwischen dem Lebendigen und Toten gähnt eine unüberbrückbare Kluft; im Bereich des Leblosen herrschen die Kräfte der Chemie und Physik; im Lebendigen gelten diese zwar auch, aber über ihnen steht noch ein Geheimprinzip, das sie meistert, ein Genius, dem sie untertan sind; und diesem Prinzip wird das eigentlich Merkwürdige des „Lebens“ verdankt; geben wir ihm also danach seinen Namen: — die „Lebenskraft“. Im Büchlein vom „Rhodischen Genius“ hat der junge Alexander von Humboldt (noch in Schillers „Horen“!) die Lebenskraft geradezu so als persönlichen „Genius“ geschildert, der die chemisch-physikalischen Kräfte in Sklavenfesseln hält, so lange der Organismus „lebt“. Stirbt der Genius, so fallen die entfesselten rohen Kräfte über den toten Leib her.

Im Grunde war diese Lebenskraft, wie sie Müller erhielt, ein Knäuel teils sich klärender, teils aber auch noch hochgradig unklarer Definitionen und Auffassungen. Subjektive und objektive Anschauung, Seelisches und Mechanisches, Innen und Außen, Zweck und Folge, freier Wille und kausal gebundene Kraft, alles Mögliche und Unmögliche war in den Winkel dieses Wortes zusammengekehrt. Es schien fast eine Forderung über Menschenkraft, aus diesem Wirrwarr praktisch aufzutauchen, das nur geschichtlich zu begreifen war.

Nun, Müller acceptierte zunächst ruhig das Wort. Was an ihm naturphilosophisch etwa im Sinne der Schellingschen Epoche war, schreckte ihn, den Naturphilosophen aus Neigung, ganz und gar nicht. Kaum einer hat in dieser Hinsicht die Lebenskraft „mystischer“ gefaßt, als grade er. Als ein unbewußt zweckmäßig schaffendes, dämonisches Grundprinzip der lebendigen Natur erschien sie ihm, mit dem wir bei dem absolut Geheimnisvollen standen, das selber überhaupt keine Diskussion vom exakten Boden aus zuließ. Den leibhaftigen Finger Gottes glaubt man manchmal aus seinen Definitionen herauslangen zu sehen.

Und doch machte er eine einzige, eine scheinbar ganz kleine Konzession, eine kleine Bedingung, die aber eigentlich die ganze Schlachtlinie veränderte.

Lebens-Kraft lautete das Wort. Das Leben sollte etwas sein, was über den gewöhnlichen Kräften der Chemie und Physik stand. Aber indem man den Lebensgenius auch selber grade „Lebenskraft“ taufte, hatte man ganz in der Stille dabei ihm doch schon ein eigentümliches Röcklein angetan. Man hatte dem Leben eben doch auch schon mitten in allen mystischen Definitionen selber einen gewissen Charakter einer „Kraft“ beigelegt. Mochte es eine „besondere“ Kraft sein. Eine Kraft, die stärker war als alle anderen, eine wahrhafte Meisterkraft. Es blieb die Definition als irgend eine Sorte doch auch von „Kraft“, also im Sinne bloß eines Gradunterschiedes.

Mochten die Erfinder des Wortes über die Kraftdefinition hinweg noch so viel Apartes an geistigen Werten hineingebraut haben: das Wort bewies, daß sie doch nach einer Seite im Innersten schon mit dem Zuge der Zeit gegangen waren, — einer Zeit, die dem einfachen mechanischen Kraftbegriff täglich mehr technische Triumphe und logische Vereinfachungen auf allen Wissensgebieten verdankte.

Ganz still steckte, halb unbewußt, der Wunsch schon in dem Worte, mit dem einfachen objektiven mechanischen Kraftbegriff halt doch auch ins Leben selber hineinzuarbeiten, — gewisse Vorgänge dieses Lebens aufzulösen in eine letzte, oberste „Kraft“, die zwar scheinbar über allen gewöhnlichen Physikkräften stand, aber in Wahrheit die Teufel doch nur austrieb durch Beelzebub, der Teufel Obersten, — eben als Lebenskraft.

Und ohne nun in das Gewebe der Grunddefinitionen selber von hier weiter einzudringen, zog doch Müller eine wirklich sehr einfache Wort-Konsequenz.

Die sichtbaren Äußerungen der Lebenskraft, meint er, treten uns wissenschaftlich exakt doch immer nur wieder in echten mechanischen Wirkungen vor Augen, bei deren Beschreibung wir keinen Moment die Sphäre der anderen exakten Wissenschaften zu verlassen brauchen. Und die einfachste, zweckmäßigste Methode der Forschung bleibt also auch in der Physiologie die, daß man als das Wahrscheinliche zunächst stets einen rein mechanischen Sachverhalt im gleichen Sinne wie bei den Gesetzen der Chemie und Physik annimmt und alle Experimente, alle Hypothesen auf ihn allein einstellt.

Wo es galt, Schüler nicht für allgemeine Naturphilosophie, sondern im Laboratorium für die schlichte praktische Arbeit zu erziehen, da hat Müller stets für diese Konsequenz erzogen.

Einer der „hellsten“ dieser Schüler war aber Emil Dubois-Reymond.

Und seine erste große, an biologische Probleme höherer Ordnung rührende Tat war, daß dieser Dubois als so erzogener Müller-Schüler noch einen Schritt in der Konsequenz weiter tat.

Er unterfing sich zu sagen: für diese exakte Arbeit, die nur einfache mechanische Reihen sucht, ist die Hypothese einer besonderen Lebenskraft sogar als solche auch noch entbehrlich. Es genügen als Voraussetzung zunächst die bereits bekannten Naturkräfte der Physik.

Dubois versuchte in einem Einzelfall mit großem Glück den Nachweis, wie man selbst in der Lehre vom lebendigen Nerv — die Dinge rein mechanisch immer angesehen — glatt so durchkomme.

Und Müller lebte noch, als man schon hören konnte: der junge Dubois habe die ganze berüchtigte Lebenskraft endgültig ausgeschaltet.

Ja, als „Kraft“ neben der „Kraft“! Im Grunde hatte Dubois nur eine letzte Unklarheit aufgehoben. Die Physik war die Lehre von der „Kraft“. Was im Leben als Kraftwirkung definierbar war, das gehörte also folgerichtig zu ihr von Anfang an. Die Physiologie, soweit sie Lehre von Kräften war, mechanischen Kräften, konnte eo ipso nur ein Zweig der Physik sein. Die „Lebenskraft“ war nichts anderes, als der Komplex physikalischer Bedingungen, die Physik des Lebens. Und damit war sie allerdings in ihrer alten Sonderrolle gleichzeitig mediatisiert, war, streng genommen, beseitigt eben dadurch, daß die Silbe „Kraft“ in ihrem Namen endgültig ernst genommen wurde.

Bis hierher ist in der Linie von Müller zu Dubois alles logisch reinlich.

Nun kam aber bei Dubois eine weitere Linie ins Gewebe, die nicht über Müller lief.

Mit seiner ganzen jüngeren Generation segelte er naiv in ein Fahrwasser, wohin sich Müller niemals gewagt hätte. Es hieß plötzlich: Kraft ist das Generalwort der ganzen „Natur“. Es ist ihre Grunddefinition. Natur ist gleich Kraft. Alle Naturforschung ist bloß Feststellung von Kraftwirkungen. Es gibt in der Natur nichts als Kraft. „Kraft und Stoff“ sagte man gewöhnlich, oder auch einfach Materie; das floß zusammen in kleinen Definitionsschwankungen ohne Belang. Jedenfalls war für diese Behauptungen Dubois’ Tat noch eine ganz andere, mußte eine ganz andere sein. Er hatte ihr auch noch das Stück Natur, das wir „Leben“ nannten, für die Allmacht der Kraft, der rein kraftbewegten Materie erobert. Man pries ihn, daß er geradezu den Ring geschlossen habe.

Und er ging zuerst im vollen Eifer mit. Es gab nichts im Felde des Naturforschers als Kraft und Stoff, in schärfster Definition bloß Kraft schlechthin, — wie sollte er das nicht anerkennen, den man als den Ritter Georg des mystischen Prinzips in der Lebenskraft ehrte, der der Physik endgültig das Tor auch des Lebens aufgetan!

Und doch. Auch dieser Mann griff sich eines Tages an die Stirn. Alte Reminiszenzen erwachten.

Die „Lebenskraft“, wie sie Müller lehrte, hatte ja doch noch etwas mehr umfaßt.

Auch die Tatsachen der Empfindung, des Bewußtseins!

Nicht bloß das: „Es schwingt etwas mechanisch rechts oder links“; sondern auch „Ich rieche Rosenduft; ich sehe Rosenrot; ich denke Rose.“

Wo war das jetzt?

Die ganze „Natur“ war bloß Materie. Die Definition dieser Materie sprach bloß von Kräften, Schwingungen, mechanischen Ketten. Auch die lebenden Wesen steckten als Natur in dieser Definition. Von Empfinden, von Denken aber war schlechterdings nichts in der Definition gegeben. Keine Brücke führte von „Es schwingt so oder so“ zu: „Ich denke.“ Dort war A = A. Hier B = B. Aber niemals wurde A = B. Und nun diese grenzenlose Kalamität: wir dachten doch ....! „Und dennoch spukt’s in Tegel,“ heißt es im Faust.

An dieser Stelle kommt Dubois’ Saltomortale. Die Natur ist nur Materie. Wir sind Natur. Folglich nur Materie. Materie denkt nicht. Wir denken. Folglich ist hier A nicht gleich A. A = A ist aber der Grundsatz aller Logik, alles Erkennens. Er liegt hier „unter den Hufen der Pferde“. Das kann kein Menschenverstand mehr lösen. Ignorabimus! Unsere Weltdefinition führt auf Ignorabimus. Folglich sind wir große tragische Nichtweiterkönner, die sich mit Stoizismus, grandios deklamierend wie Shakespearesche Helden in ihren Gedanken-Dolch stürzen müssen.

Oder, sagt der Herr Pfarrer, Euer ganzes Naturforschen ist Dunst, mit Eurer „Natur“ ist es trotz aller Worte nichts, werft die Natur über Bord, mit der Euch nur der Teufel narrt, und kommt zu — Mir.

Es gibt eine noch viel einfachere Antwort.

Eure Natur-Definition ist falsch. Natur ist nicht Materie ohne Denken — und, weil doch in ihr gedacht wird, ist nicht A gleich nicht A und damit der Unsinn Weltregent.

Ihr definiert erst und vergeßt dabei. Alles ist Kraft und Stoff. Das Empfinden ist vergessen worden. Und nun fällt euch ein. Es gibt doch Empfinden! Aber von Kraft zu Empfinden ist keine Brücke. Und nun korrigiert ihr nicht die Ur-Definition, sondern ihr verkündet: Ignorabimus. Was ist das für eine Manier!

Ich sehe einen Vogel und erkenne, er hat einen Kopf und einen Schwanz. Ich sage: ein Vogel ist ein Ding, das aus Kopf und Schwanz besteht. Nun schaue ich durchs Fernrohr und sehe, er hat auch noch Beine. Wie ist das möglich, sage ich? Ein Vogel hat nur Kopf und Schwanz. Ein Ding, das bloß Kopf und Schwanz hat, kann nicht Beine haben. Und doch ist es dasselbe Ding. Hier ist dasselbe also nicht dasselbe. Das ist der Bankerott der Logik. Das werden wir nie begreifen. Ignorabimus.

Gewiß werden wir nie begreifen, wie eine nicht als subjektiv empfindend, sondern bloß als objektive Kraftwelle definierte Materie empfinden und denken kann! Wir werden es so wenig begreifen, wie wir je begreifen werden, daß blau rot ist oder zweimal zwei fünf.

Wenn ich die Tatsachen des Bewußtseins ausschließe aus meiner Generaldefinition der Natur, kann ich natürlich nicht nachher verlangen, sie darin wiederzufinden, außer durch ein Wunder, das die Logik durchbricht. Und wenn ich unsere ganze Naturforschung (mit Recht) auf der Logik aufbaue, so kann ich dann allerdings nicht verlangen, daß sie je an dieses Problem außerhalb der Logik heranreiche.

Damit sind aber die ganzen Tatsachen des Subjektiven, des Empfindens und Bewußtwerdens, dieser Naturforschung entrückt.

Wir stehen im Grunde an der gleichen Stelle wie bei Virchow.

Auf der einen Seite fragt sich, wem dieses ungeheure, uns selber allenthalben zunächst angehende „außernaturwissenschaftliche“ Feld denn in der geistigen Arbeitsteilung ausgeliefert werden soll.

Auf der andern Seite ist fest damit ausgemacht, daß die Naturerkenntnis uns niemals zu einer Weltanschauung führen kann, denn mit einer solchen Lücke umfaßt und deutet man keine „Welt“.

Virchow für sein Teil entschied die erste Frage durch Auslieferung des ganzen Bewußtseinsgebiets an „herrschende“ Mächte wie Kirche und Staat zu beliebigem Gebrauch; die zweite durch eine tatsächliche Achterklärung über jedes Reden von Weltanschauung innerhalb der Naturforschung. Dubois ließ es bei der heroischen Bekennerstellung, dem an sich vollkommen ehrlichen „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ bewenden, konnte aber nicht hindern, daß die Gegner jedes Versuchs eines naturwissenschaftlichen Weltbildes an Stelle des alten kirchlichen sein Bekenntnis nur noch energischer und extremer ausnutzten und ausnutzen in jenem reaktionären Sinne einer Umkehr zum Kirchendogma und einer Bankerotterklärung jeder echten Weltanschauung auf dem Wege der Naturforschung und Naturerkenntnis.

— — —

So stehen diese beiden großen Gestalten im Ausgang des 19. Jahrhunderts vor uns als Exempel schließlich des gleichen Irrweges.

Beide sind gescheitert im Experiment einer idealistischen Natur-Definition, mit der der ganze Mensch mit all seinem Können und Sehnen wieder leben könnte, und beide haben letzten Endes nur fortgelenkt von dem großen Ziel einer wirklich positiven Natur-Anschauung als der neuen, uns alle wieder erfüllenden und befriedigenden Welt-Anschauung.

Lassen wir es uns noch einmal fest gesagt sein: es ist nichts mit einer solchen Weltanschauung, solange wir beständig uns etwas abziehen sollen.

Nie und nimmer kommen wir mit der „Natur“ zu einer Weltanschauung, wenn wir die Menschen erst gewöhnen wollen, etwas aufzugeben, sich an etwas Halbes, Lückenhaftes, Fragmentarisches anzupassen.

Eine neue Weltanschauung kann immer nur siegen, indem sie etwas mehr gibt, als alle früheren, indem sie sie alle umgreift und überbietet.

Das ist der verhängnisvolle Irrtum, der uns aus den negativen Kämpfen gegen das Alte heute noch nachschleift: daß wir fortan in einer kahleren, einer kälteren, einer selber vom Negativen allenthalben eroberten Weltanschauung hausen sollten.

Gewiß: wenn wir in ihren Mittelpunkt ein Stück Natur bloß setzen, ein abgezehrtes Gerippstück, gewonnen durch lauter Abzüge, anstatt des Ganzen, was das Wort geben kann und geben soll, dann ist davor kein Ausweg. Der Begriff Natur muß aber für alles Wohnungen haben, was uns bewegt.

Denn unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse sind nicht verändert, nicht plötzlich tot.

Einerlei woher wir stammen: wir sind Menschen. Kunst, Sitte, Liebe, Ideale — das alles ist, so gut wie Logik ist.

Und wem Du die Welt deuten willst, seine Welt, — dem darfst Du nicht beliebig bald das, bald jenes herauswerfen auf Grund eines Prokrusteswortes „Natur“.

Dieses Wort, wenn es ganz decken soll, mußt Du auch dem Ganzen wirklich anpassen.

Das Subjektive und das Objektive muß hinein, das konventionelle „Wirkliche“ und die ständige Möglichkeit des Elementaren, das Jetzt und das Empor, das Unvollkommene und der ewige Harmonien-Weg, die Stufe und das Ideal, die Folge und der Sinn, der Mensch, der aus glühenden Sonnen des Alls sich entwickelt hat und der sich fortentwickelt auf Sonnen des Denkens, des höheren Zwecksetzens, des Weltordnens und Weltgenießens, des künstlerischen Harmonienschaffens zu.

Wirf das alles über Bord, stelle Dich auf einen großen Sandhaufen, sage: in diesem Sande liegen pulverisiert alle Säulen und Statuen Griechenlands, und predige dann von diesem neuen Offenbarungshügel unter den kalten Sternen als Deine Bergpredigt: Ignorabimus.

Du wirst weit kommen.

Der ärmste Mensch, der auch nur eine einzige tiefe Stunde des Innenlebens gehabt hat, da das Elementarische der Dinge auch durch ihn gegangen ist — in irgend einer Form, als Liebe oder Kunstintuition oder Idealschau oder dämonisches Schicksal: — er wird lachen über Dich mit all Deinen Sonnen.

Wenn Du es aber fertig bekommst, ihm in diese Stunde auch noch die Sonnen des Firmaments hineinglühen zu lassen, ihm die goldenen Fäden der Entwickelung zu zeigen, die sich von denen spinnen bis zu ihm, ihn selber erhöhend bis zu Sternenweiten über alle alten Verheißungen seines dunklen Lebens hinaus, — dann darfst Du ihm die Hand auf die Schulter legen und ihn fragen: ob er Dir nicht einmal vertrauen will und mit Dir einen neuen Weltengang versuchen will in der Hut eines neuen Begriffs, — ob er es einmal versuchen will mit der

Natur.