(Friedrichshagen. Abendstunde daheim.)

Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün, ein grelles Orangegelb.

Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, — wie Max und Moritz steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn.

Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt?

Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl seine Wolken warf.

Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt, über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall.

„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich, „sind doch der Marx und der Darwin.“

Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details, wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln zoologischen und botanischen Einzelheiten ein.

Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden. In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt, daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor, daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte, sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte, — als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung, soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der Weltanschauung.

Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei Darwin. Leute, die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon.

Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon.

Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet. Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus. Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den „Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“ werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, — Tatsachen, die Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten.

Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in Anführungszeichen.

Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes Denken und Handeln.

Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer Entwickelungsfanatiker.

So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der Mißverständnisse kein Ende werden will.

Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen, — wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe?

Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“ am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind?

Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe.

Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind, dahinter zu suchen beginnt.

Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt, datiert vom Erscheinen des „Origin of species“ von Charles Darwin im November 1859.

Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos der erste sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig weiterwaltet, — das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich erreichte Feste, — und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um abermals weiter zu kommen.

Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß, einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß ein allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, falsch sei.

Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen.

Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen.

Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte heraufkommenden Wissenschaft und daß er siegen kann.

Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne um, der nun ihn wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte.

Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges gegrübelt, wo er sich geirrt haben könnte. Hinter den späteren Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen, der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe etwas vergessen.“

Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger, leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo die Sache hapert!“

Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen.

Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete — hinaus aus der Studierstube in die große ringende Welt — so finde ich zwei Dinge im Streit, im unversöhnlichen Streit. Zwei Weltanschauungen mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon) Vertreter haben.

Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke. Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie, inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand. Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten, morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und resigniert abwarten, was kommt.

Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur.

Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück.

Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke. Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen? Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal hineingreifen.

Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr einfach Wandel dieser Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden, Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser Eigenschaft.

Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten greift auch nicht eine einzige jener „neuen“ Tatsachen oder Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der Fachkämpfe um den Darwinismus bilden.

Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder (im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze, solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler in Haeckel’s Richtung samt diesem unwissenschaftliche Stümper, hinter die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, — — das alles miteinander hat nämlich auch nicht die leiseste Beziehung zu jenem General-Zwist der beiden Weltanschauungen.

Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin, er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer, viel umfassender, viel tiefer als Darwin.

Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß naturwissenschaftliche Spezial-Forscher.

Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268–79) steht ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806.

Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen. Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers. Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene aufzählt; sondern wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und darstellt.“

Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff, als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke.

Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein abbricht, ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und heute noch weiß keiner da Rat.

Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird. Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da.

Wie sollte es nicht.

Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem schlichtesten Sinn sofort übermächtig.

Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine kontinuierliche Folge.

Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar „natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze Ideenunterlage zum „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den „Origin of species“ je gesehen zu haben.

Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig.

Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem, spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine „darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst, über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze „Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden Glasplatten aufgezogen ist, — zittern um den Zusammenbruch der ganzen Weltauffassung!

Und wie oft habe ich diesem wohlmeinenden Bedauern lachend entgegnen müssen, daß meine Welt- und Lebensanschauung über Entwickelung im Gegensatz zum Wundereingriff gar nicht aus dem „Darwinismus“ in diesem Sinne stamme, also auch nicht mit ihm fallen könne, — zugestanden selbst einmal (wozu nicht der geringste Anlaß ist), der ganze Darwinismus fiele heute oder morgen durch eine solche Einzelheit.

Der Entwickelungsbegriff, auf dem ich nicht meine biologischen Spezialüberzeugungen, sondern meine Weltanschauung aufbaue, fließt mir aus der persönlichen Erfahrung meines ganzen Lebens zu, nicht aus Büchern.

Als ich ein Kind war, habe ich gelernt, daß die weiße Blüte, die über Nacht an den Birnbaum im Garten gekommen war, nicht durch ein Wunder vom Himmel gefallen war, sondern sich aus der Knospe entfaltet hatte. Ich habe gelernt, daß die Suppe nicht per Wunder aus einer mystischen Versenkung kam, sondern aus dem Kochtopf, wo sie sich aus bestimmten Substanzen unter bestimmten Bedingungen vor meinen Augen entwickelte.

Als ich älter wurde, bildete das ganze Leben nur eine einzige fortgesetzte Weitererziehung nach dieser Seite.

Ich saß im Hörsaal und hörte griechische Geschichte vortragen. Ich hätte die Gesichter der Studenten sehen mögen, wenn unser scharfsinniger Dozent bei der Darstellung des „Peloponnesischen Krieges aus den Quellen“ plötzlich hätte den klaren Verlauf der Dinge durchbrechen wollen mit dem Satz: die Armeen in dieser Schlacht, die Verteidigungsmauern dieser Stadt, die Kasse, die diese Mittel lieferte, stammten nicht aus den und den gegebenen Verhältnissen, sondern sie waren plötzlich per Wunder da. Gegen diesen Dozenten wäre eine Disziplinaruntersuchung eingesetzt worden, die ihn schleunigst seines Amtes enthoben hätte.

Ich wohnte einer Gerichtsverhandlung bei und hörte die Rede des Staatsanwalts. Gibt es eine blasseste Möglichkeit auch nur, sich auszudenken, daß ein Staatsanwalt in der logischen Entwickelungskette eines Indizienbeweises vor einer Mordtat irgendwo das „Wunder“ einführen sollte anstatt einer ursächlichen Begründung aus den Verhältnissen und dem Zusammenhang?

Es ist einfach jede Minute und jede Regung meines Lebens, es ist mein ganzes Ich als objektive Erfahrung aus so und so viel Jahren, was ich in die Wagschale lege, wenn ich mich für eine natürlich-einheitliche Weltanschauung und einen natürlichen Entwickelungsbegriff entscheide, — nicht ein Paragraph oder eine Figur aus einem modernen biologischen Lehrbuch.

Gewiß, auch mein ganzes Wissen steckt darin und dabei selbstverständlich auch mein ganzes Naturwissen. Aber es ist nicht das Erste, sondern erst das Sekundäre jenseits der unmittelbar eingepaukten Lebenserfahrung.

Und es ist wieder in diesem Naturwissen zunächst noch lange nicht Darwin oder irgend etwas mit seinem Gebiet auch nur Zusammenhängendes der engere Fels, auf den ich das Stück meiner Weltanschauung baue, das speziell zur Naturforschung gehört. (Ein armer Kopf, der seine Weltanschauung bloß auf „Naturwissenschaft“ im Fachsinne bauen wollte!) Lange vor Darwin, Jahrhunderte vor Darwin, hat aber auch die Naturforschung den Begriff geschaffen, der allerdings ein Pfeiler jeder einheitlichen Weltanschauung ohne Wunderbegriff sein muß: den Begriff der Naturgesetzlichkeit.

Das simpelste Experiment gelingt nicht ohne ihn, die alltäglichste wissenschaftliche Rechnung bis in ein so banales Ding wie das Benutzen einer Uhr hinein ist ein Kinderspott ohne ihn.

Er ist gewissermaßen die exakte naturwissenschaftliche Formel für jenes große Massenbild unserer Lebenserfahrungen.

Die stärksten Geister der neueren Zeit haben gerungen, diesen Begriff zu klären, zu festigen als Formel, und sie haben damit allerdings jener zunächst intuitiv erlebten Weltanschauung einen Bewußtseinsausdruck gegeben, der heute leicht als ihre festeste Säule erscheinen kann.

Diese Naturgesetzlichkeit ist es, auf der sich Goethes Idee von der Gott-Natur erhebt, und von der Fechner gesagt hat, daß sie der einzige strenge Beweis vom Dasein Gottes sei; auch er meinte natürlich Gott im Sinne der einheitlichen Gott-Natur, und seinem klaren Denkerkopf mußte folgerichtig das „Wunder“ umgekehrt als Beweis erscheinen, daß es keinen Gott, d. h. keine Einheit in der Welt gebe.

Das alles steht vor Darwin, wie Newton und Galilei vor Darwin stehen und so viele, die für diesen Begriff der Naturgesetzlichkeit gelebt, gefochten, geblutet haben.

Erst auf einem weiten Wege von da komme ich zu Darwin und ich komme zu ihm mit einer im Prinzip bereits vollkommen fertigen Weltanschauung, an der er im Ganzen nichts mehr ab-, noch zutun kann.

Zweifeln wir doch nicht: er selber ist an seine eigenen Spezialgedanken über Entwickelung der Tiere und Pflanzen auch schon seiner Zeit ebenso damit herangekommen als echt moderner Mensch.

Seine Idee war, einen Gedanken, den das Leben und all sein Wissen ihm sonst genugsam eingepaukt hatten, auch in eine Spezialecke zu treiben, wo man sich ihm durch eine sonderbare Konstellation der Dinge bisher hartnäckig verschlossen hatte: nämlich in die Entstehung der wechselnden Tier- und Pflanzenarten auf Erden bis zur Tierart Mensch herauf.

Zweierlei hat er dann versucht, und im Prinzip also jedenfalls versucht im Sinne und zu Gunsten einer monistischen Entwickelungs-Weltanschauung, wenn auch keineswegs als erstes Fundament einer solchen im Menschheitsdenken.

Zunächst hat er versucht, die natürliche Entstehung der Tier- und Pflanzenarten nicht bloß als allgemeine Weltanschauungs-Folgerung zu behaupten, sondern sie in sich so reinlich herauszuarbeiten, daß sie schließlich selber als Exempel für die ganze Allgemeinidee gelten und wirken könnte.

Dann hat er im notgedrungenen Zusammenhang damit einen höheren naturgesetzlichen Zusammenhalt gesucht, der als „Gesetz“ diese biologische Entwickelungslinie beherrscht und gelenkt haben könnte; das war für sein Vermuten die natürliche Selektion oder Zuchtwahl.

Fragt sich, ob er in beidem das Rechte getroffen hat.

Das erste könnte ihm mangels ausreichenden Materials mißlungen sein.

Im zweiten könnte er sich über das spezielle Naturgesetz getäuscht haben, wie es so und so viel Forschern auf andern Gebieten gründlich und häufig auch passiert ist, ohne daß deshalb jemand Lärm gemacht hätte, die naturgesetzlichen Prinzipien der Forschung seien überhaupt erschüttert und die (unter anderm auch hier verankerte) natürliche Weltanschauung sei bankerott.

Immerhin läßt sich nach 44 Jahren mit kühlem Kopfe diese Doppelfrage stellen.

Vor diesen beiden Möglichkeiten setzt der heutige Kampf um Darwin ein, — kein Weltanschauungs-Kampf mit hie Entwickelung, hie Wunder. Sondern eine höchst interessante Debatte mit zwei schlichten Fragen: erstens ob sich von der Entwickelung auch an dieser (über ein paar hundert Jahrmillionen verzettelten) Ecke heute schon oder noch ein Bild gewinnen läßt; — und zweitens, ob in diesem Bilde die natürliche Zuchtwahl eine Rolle spielt.

— — —

Als Darwin, gedrängt von der ganzen Geistesrichtung seiner Zeit, sich mit dem Entwickelungsgedanken in die Geschichte der Tier- und Pflanzenwelt wagte, stieß er dort, wie gesagt, auf eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Situation.

Zwei Dinge waren in unvereinbaren Widerspruch miteinander geraten.

Auf der einen Seite stand das Dogma, daß die Arten in der Geologie und Botanik unveränderlich, konstant seien.

Auf der andern wies die neuaufgeblühte Geologie nach, daß beim Zurückgehen in frühere Epochen der Erdgeschichte das Bild der Tier- und Pflanzenwelt tatsächlich ein anderes wird, daß andere Arten erscheinen wie heute, während die heutigen durchweg noch fehlen.

In der Not hatte hier, unwissenschaftlich genug, eine Weile wirklich das „Wunder“ herhalten müssen. Die Art war in sich konstant. Aber ab und zu im Laufe der Jahrmillionen kam eine Hand von jenseits der Glocke, brach allem Vorhandenen den Hals und setzte neue Arten herunter.

Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige der Forschung längst fest eingeführt war.

Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein wissenschaftliches Dogma falsch sein könne, — in diesem Falle das Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, — und das würde in Einklang mit der Geologie sein.

Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei.

Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache.

Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die dessen Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi; der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen.

Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit dem ganzen Darwin nichts.

In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100 Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin, hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran ändern.

In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet, auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden.

So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher, — nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren Eiskappen.

Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre.

So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert. Punkte gegen eine Erde!

Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der Welt Unverrückbares zu offenbaren.

Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt nur wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig da war.

Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die ungezählten Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da.

Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei. In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze. Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest für das ganze Altbuch der Paläontologie.

Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin gelöscht, — durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört, erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein. Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht.

Was heißt hier „fordern“?

Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau mit dem Darwinismus in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und Trilobitenkrebse.

Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen. Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste daran, — so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond gekrochen ist.

Es gibt aber noch mehr Lücken.

Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein, alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe, einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse, Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm bedroht, — auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer Versteinerungen auffällt.

Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens bestimmter Arten sind es aber nicht, die der Darwinismus sucht!

Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich, im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen, Degenerationen und Aufschwung. Aber grade die Spur ist verwischt — wegen der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen könnten.

Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.

Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat diese Ironie geschaffen.

Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen. Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen: im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern, die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An Wunder glaubt aber hier niemand, bloß an Lücken der Überlieferung.

Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig, doppelt lehrreich, daß sich nun dennoch — in Umkehrung des eigentlich Selbstverständlichen — darwinistische Züge in der Geologie haben aufweisen lassen.

Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die nachträgliche Existenz immer wieder so vieler neuer Tier- und Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.

Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.

Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein absolutes Muß der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung Ceratodus (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung Lingula (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen) gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt. Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?

Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.

Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche, ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.

Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein Stück wenigstens mit.

Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.

Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint mit Fischen, nur Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.

Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen neu ausgefüllt, aber dann von einer im ganzen höheren Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.

An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch rein nirgendwo rütteln können.

Versucht worden ist ja jeder Ausweg.

In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch genug haben, — die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-, Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt, wie es von keiner einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden kann. Und das eben ist das Bezeichnende.

Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt, daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen. Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln, einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt.

Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch überhaupt irgend etwas gibt!

Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist.

Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb: es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der Affenmensch. Jetzt ist er zum Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen Gorilla und Mensch.

Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung.

Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist nicht um ein so billiges zu erkaufen!

Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den niederen, älteren spräche.

Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen.

Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie, mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden.

Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an Lyells Sätze dabei.

Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer, Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.

Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.

Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer in ihrem stillen Strom eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.

Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.

Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe. Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.

Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens in der hergebracht einfachen Form.

Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste, scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr raunen, was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich wissen?

Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!

In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke Umwandlungen. So vor der Trias-Periode und wieder in der Mitte der Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch hinter dem Vorhang arbeiten sehen.

Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns zurück.

Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses dunkelsten Gewebes außerhalb der Naturgesetzlichkeit zu suchen. Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich genug Entwickelung.

Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin.

Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen, daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren, kaum erst in seinem Umfang hier und da geahnten Spiel der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern auch hängt, — in seinen Rätseln hängt.

Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende Leben eines kleinen Philisters in einer erstarrten Umgebung ein psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt.

Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal reden wird, viel reden wird zu Darwin, — nicht in dem kleinlichen Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst eigentlich erfüllte.

Unvermerkt wird dabei freilich auch der Begriff „Verhältnisse“ selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren: — eine Erweiterung.

Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen.

Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich.

Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin — und er geriet auf die Selektion.

Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen. Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch anknüpft an das Wort Selektion.

In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend beeinflußt und umgestaltet habe.

Zerstört, sagen die einen.

Erst vollendet, die andern.

Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein nachgezittert.

Ist die Sache wahr?

Darwins Tat traf äußerlich mitten hinein in den erbitterten Zwist noch zweier anderer Weltanschauungen als bloß „Hie Wunder, Hie Naturgesetz.“

Ich kann das Wunder verwerfen und an eine natürliche Entwickelung, an eine einheitlich gebaute Natur glauben. So sind mir doch in dieser Überzeugung noch zwei Anschauungen möglich.

Ich kann in der Natur ein sinnloses Spiel sehen, ein Auf und Ab ohne inneren roten Faden, ein Welt-Kuddelmuddel.

Ich kann aber auch in dieser Natur ein allgemeines ungeheures Aufwärtsringen gewahren, ein Aufwärtsringen allerdings bloß mit natürlichen Mitteln, innerhalb und vermittelst der Naturgesetze, — aber doch ein Empor, in dem sich schließlich das Höchste erfüllt, — das erfüllt, was die ältere Betrachtungsweise noch einmal extra und außerhalb der Natur als Göttliches gesucht hatte.

Jene erste Ansicht ist eine unbedingt pessimistische, die zweite eine wenigstens bedingt optimistische. Goethe mit seinem Begriff „Gott-Natur“ stand stets der letzteren näher. Die erstere aber durchfärbte den Pessimismus des ganzen 19. Jahrhunderts mehr oder minder stark und gab dem Jahrhundert auch da, wo sie bloß halb und unklar auftrat, merkwürdig scharf seine Physiognomie; zumal gegen sein Ende hin.

Wahr ist nun, daß die Selektions-Idee, die Darwin in den Entwickelungsgedanken gebracht hat, zunächst nur auf die erstere, die Kuddelmuddel-Anschauung, energisch bezogen worden ist.

Darwin brachte als ganz, oder doch nahezu ganz neu den folgenden Gedanken.

Hier stehen zweckmäßige Gebilde in der Natur. Hat irgend eine Intelligenz sie sofort so zweckmäßig hergestellt?

Nein, sagt Darwin, sondern die Natur produzierte zunächst ohne Wahl ungezählte Varianten, zweckmäßige und unzweckmäßige durcheinander. In der logischen Notwendigkeit dieser gleichen Natur aber war enthalten, daß bei gleicher Konkurrenz nur die zweckmäßigen Gebilde sich erhielten, die unzweckmäßigen dagegen untergingen.

Alles Kosmische, Geordnete, Stabile der Welt, so kann man Darwins Idee verallgemeinern, ist ein Produkt bereits solcher logischen Auslese.

Der Kuddelmuddel-Pessimismus zog daraus den Schluß, daß also auch dieses Kosmische, Geordnete, Zweckmäßige bloß ein Produkt des Kuddelmuddels sei. Die Würfe der Natur, schloß er, erfolgten also nicht auf ein optimistisches Prinzip hin. Und erst die Auslese täusche eine Ordnung, eine immer zweckmäßigere Entwickelungswelt, vor.

Diese pessimistische Folgerung aus Darwin ist aber im tiefsten Kern nichts anderes als ein grober Trugschluß.

Das Resultat, das ist vorweg zu betonen, bleibt auch bei Darwin genau als das gleiche stehen. Es treten uns zweckmäßige, harmonische, kosmische Dinge (Kosmos gleich Ordnung!) als Resultate von Entwickelungen konkret in der Welt entgegen. Davon gehen wir aus, — also von einem Schluß-Phänomen, das für uns aber zugleich eine Art Ur-Phänomen bildet.

Das Neue, das Darwin hinzutut, steckt nun nicht in der Anfechtung dieses Resultats, sondern lediglich in einer neuen Analyse des Weges, der in der Natur dahin führt.

Über diesen Weg sagte aber auch jene optimistische Gott-Natur-Auffassung zunächst gar nichts aus, — er ist in ihr offenes Problem. Auch sie muß ja zu ihrer Welt über die Naturgesetze. Da nicht alles bereits Harmonie in der Welt ist, wird ein allzu bequemer Weg von vorne herein hier nicht wahrscheinlich sein, — die Existenz des Harmonischen scheint viel eher überall ein langes, umständliches Ringen vorauszusetzen, einen Kampf, wo jeder Schritt schwer bezahlt werden muß.

Jene andere, ältere Anschauung freilich, die eine überweltliche Intelligenz von jenseits der Glocke in die Natur eingreifen ließ: sie schrieb im Gegensatz dazu auch ihren Weg tatsächlich vor und sie konnte vom ersten Satz an sich also mit der Selektion Darwins nicht befreunden. Ihr eingreifender Schöpfer ist einfach ein aktiver Mensch, dessen Handlungen nur im Bilde eines solchen zu denken sind, bloß noch viel direkter, da er allmächtig ist.

In der Gott-Natur Goethes dagegen sind viele Wohnungen.

Sehen wir ruhig an, welchen Weg Darwin von ihr verlangt und ob er ihrem Bilde überhaupt widersprechen kann.

Darwins Selektionslehre, im weitesten Sinne als kosmosbauendes Naturprinzip gefaßt, rechnet mit der Existenz einer ganzen Reihe fester Naturveranlagungen.

Es ist eine solche Veranlagung, Potenz, Eigenschaft der Natur, daß sie überhaupt Varianten erzeugt, aus denen eine Auslese stattfinden kann.

Es ist eine weitere Veranlagung, daß sie auch als zweckmäßig verwertbare Varianten dabei wirft; daß sie es tut, zeigt das Schlußphänomen.

Ferner eine, daß eine Auslese in Frage kommt; sie findet in ihr statt, ist also als ganzes ihre Eigenschaft.

Ferner, daß eine Logik bei dieser Auslese die passenden Varianten bestehen läßt, ihnen ein Plus gibt vor den andern und damit der ganzen Weltentwickelung ein Übergewicht gegen harmonische Verhältnisse hin verleiht. Auch diese Logik steckt doch gegeben in der Natur. Es ist ja vielfach ein billiges polemisches Kunststück, derartige Logik als solche gleichsam noch einmal wieder abzuziehen vom Begriffe „Natur“, womit dieser dann allerdings leicht dem Kuddelmuddel ausgeliefert ist. Warum aber überleben die Passenden die Unpassenden? Aus einfacher Logik, sagt jeder. Nun grade an dieser Naturlogik als einer Eigenschaft der Natur hängt aber nach Darwin das Schlußentstehen eines geordneten Kosmos. Nicht auf regellosen Zufällen, sondern auf klar gegebenen Eigenschaften der Natur, die für sie ein absolutes Muß bilden, beruht auch in der extremsten Selektionstheorie die Entwickelung zu harmonischen, stabilen, zweckmäßigen Gebilden. Eine nur dieser Eigenschaften fehlend — und kein Zufall brächte je das geringfügigste „kosmische“ Verhältnis hervor!

Kein Mensch kann mir demnach logisch verbieten, den Sachverhalt im ganzen so zusammenzufassen, daß ich sage: die Natur hat die Eigenschaft, sich in der Richtung auf kosmische, geordnete, in ihrem Zusammenhang zweckmäßige Verhältnisse zu entwickeln; und die Selektion ist bloß der verwickelte Weg im Spiel dieser Eigenschaft.

Mit der kosmischen Tendenz als Eigenschaft der Natur (Tendenz fällt hier vollkommen zusammen mit Finalität!) bin ich aber vollständig heraus aus jeglicher Kuddelmuddel-Theorie und noch in dem alten optimistischen Entwickelungsgedanken samt und trotz der Selektions-Theorie.

Zugestanden: Darwins Weg ist ein umständlicher.

Es ist richtig, wie man gesagt hat: die Natur Darwins durchsetzt, um einen Hasen zu schießen, die Luft mit Millionen Kugeln nach allen Richtungen, anstatt eine Kugel senkrecht auf ihn los zu feuern.

Aber die Hauptsache bleibt, daß der Hase auch so geschossen wird, — geschossen werden muß nach unerbittlicher Logik.

Und was wissen wir im Grunde über Länge oder Kürze der Wege in der zum Kosmos sich entwickelnden Natur? Wir sehen über hunderttausende von Jahrmillionen der Geschichte allein unserer Erde im Sonnensystem zurück. Wer will da das Tempo, will Methoden kritisieren?

Es ist sogar wirklich höchst lehrreich, sich einen Augenblick zu vergegenwärtigen, wie in jenem Bilde vom Hasen das sicherste Ziel, — das Erlegen des Hasen um jeden Preis — überhaupt zu erreichen war.

Ganz streng ging es tatsächlich nur auf zwei Wegen an: entweder mit einem absolut treffsicheren Einzelschützen — oder mit jenem alles abrasierenden Kreuzfeuer.

Nun läßt sich aber immerhin ganz plausibel behaupten, wenigstens in der uns sichtbaren Naturlinie sei der annähernd treffsichere Einzelschütze erst eine ganz späte Errungenschaft: nämlich der Mensch selbst.

Es ist durchaus denkbar, daß, so lange die Natur den Menschen als graden Zweck-Weg noch nicht im Spiel hatte, sie den andern Weg wählen mußte in der einfachen Alternative der beiden einzigen absolut sicheren Möglichkeiten.

Es gibt einzelne gute Beispiele in der Welt des Lebendigen, wo man einen ganz ähnlichen Faden wirklich ad oculos demonstriert bekommt, z. B. bei den Zeugungsverhältnissen. Die Auster schwängert das ganze Wasser um sich her mit Samen, in Voraussetzung, daß bei diesem Kreuzfeuer ein einziges Samentierchen die Eizelle der Nachbarauster finden und befruchten werde. Bei den Schnecken und Tintenfischen schon und überhaupt bei den höchsten Vertretern der Tierstämme finden wir im Gegensatz dazu das Prinzip der Einzelflinte (wenn auch noch nicht der Einzelkugel): bestimmte Organe, die das befruchtende Element unmittelbar an seine Stelle im weiblichen Organismus einführen.

Fragt natürlich jemand: warum macht die Natur überhaupt erst Austern und warum übte sie nach Darwin zuerst blinde Selektion statt treffsicheren Schießens mit Menschenflinten, — so kann ich das nicht lösen. Es fällt zusammen mit der Frage: warum überhaupt Entwickelung? Ich meine aber, daß die einfache Existenz dieser ungelösten Frage an sich noch nichts für den Welt-Pessimismus und die Kuddelmddel-Theorie beweist.

Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren des Mißlichen, des Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten, besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden.

Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke, der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht. Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten durch ein Besseres sichtbar bleibt.

Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins Selektions-Theorie.

Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben Entwickelte.

Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias. Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias enthält.

Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr wesentlich ist: das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das nebenbei.

Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende Schwein bezeichnen bloß einen Weg zum Auslösen des gleichen Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht die Ilias, — das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden Organismus „Buchstaben — Logik — Zeit — Schwein — Wühleifer und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: — niemand wird bestreiten können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias hervorzubringen.

Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur.

Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter.

Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die) Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in alledem die Selektion aufzuspüren.

Wahr ist ja, daß unsere feinste Gedankenarbeit bis ins tiefste dichterische Empfinden Züge zeigt, die sich immer noch auffallend gut mit Selektion vergleichen lassen.

Wir suchen ein Bild, einen Schluß. Eine ganze Kette von Vorschlägen gleichsam taucht aus der Tiefe, ohne daß wir den Prozeß irgendwie bewußt beherrschten. Sie treten in Konkurrenz, blitzschnell oft, oft auch sehr langsam. Es ist, als passierten sie Stück für Stück Revue vor einem logischen Prinzip, einem Messen an bestimmten Forderungen. Das fällt, jenes, noch eins, — da: endlich sitzt die dunkel in uns arbeitende Maschine. Das hier und kein anderes ist das erlösende Bild, die treffende Idee, — heureka, wir haben es.

Auch diese subtilsten Dinge beherrscht unsere bewußte Intelligenz keineswegs in ihren einzelnen Bedingungen. Wohl haben wir das Gefühl, daß etwas in uns sei, das auch das Ganze wieder umgreift, und in dem diese Bedingungen Eigenschaften sind. Und wohl hat das schließliche Resultat den klarsten Sinn für unsere Intelligenz. Aber auf dem Wege spielen sich eine Masse Prozesse ab, die uns vom Intelligenzboden aus da genau so fremdartig und so unnötig umständlich erscheinen könnten, wie in der Welt Darwins der Weg über die Selektion.

Warum gehorcht dem Wunsche nach einem Bild, einer Idee nicht sofort die höchste uns gegebene, zielsichere Intuition, — der Flintenschuß, der den Hasen mit einer einzigen Kugel fällt? Warum dieses Aufdrängen von Massen Varianten, von denen doch nur eine sich der Forderung wirklich verbinden kann, während alle andern ergebnislos wieder verpuffen wie die Million übriger Kugeln jenes Kreuzfeuers?

Ich glaube, daß wirklich nichts lehrreicher ist zum Begriffe „Verschwendung“ und „Umständlichkeit“ in der Natur, als ein wenig Beobachtung in unserem eigenen Denkapparat.

Es gibt bekanntlich eine philosophische Auffassung, die alles Reale der Welt eigentlich als ein Seelisches faßt und in der ganzen Weltentwickelung also einen ungeheuren Denkprozeß des Naturgeistes sieht.

Auf den ersten Blick hat es gewiß den Anschein, als werde eine derartige Weltanschauung nun wenigstens mit der Selektion nichts anfangen können. Und im Kampfe des Tages ist in der Tat sogar von dort gelegentlich recht demonstrativ die ganze Darwinsche Selektionstheorie der Kuddelmuddel-Theorie zugeworfen worden, — natürlich zur Freude der letzteren.

Aber was hätte solche Weltgedanken-Philosophie anderes an Analogie zur Hand, als eben unsere eigenen Denkprozesse — und wenn nun gerade in denen selektionsartige Dinge auftauchen, — weshalb sollte die große Naturseele beim Bauen ihrer kosmischen Gebilde nicht ähnlich ihre Ideen auf dem Selektionswege zustande gebracht haben?

Kuddelmuddel jedenfalls kommt damit so wenig in den Weltprozeß, wie unser eigener feinster Gedankenprozeß etwa beim Dichten oder dem Verfolgen einer wissenschaftlichen Idee trotz aller wieder ausgestrichenen Gedankenvarianten und zerrissenen Zettel irgend eine Ähnlichkeit mit Kuddelmuddel-Wirtschaft hat — was, wie ich hoffe, doch wohl jedermann zugeben wird.

So viel zur philosophischen Klärung.

Die letzten Sätze haben ja streng genommen schon in ein ganz anderes Gebiet eingelenkt: nämlich in das Gebiet der Frage, ob die Selektion wahr sei?

Diese Frage fällt nun selbstverständlich nicht mit der zusammen, ob sie gegebenen Falles jene Folgen für den großen Entwickelungsgedanken mit sich zöge.

Ich meine aber, daß wir, ich möchte wohl sagen: gemütlicher an die Dinge herangehen, wenn wir der Entscheidung über diese Eventualität vorweg sicher sind und damit erst vor die Wert-Frage im Wahrheitssinne selber treten.

Mir persönlich ist es so ergangen, wenn ich zurückblicke. Ob mit, ob ohne Selektion, habe ich mir eines Tages gesagt: in den Weltblödsinn hinein geht es auf alle Fälle nicht. Niemals kommen wir auch mit der Selektion auf ein wirkliches Chaos als Ausgangspunkt der sichtbaren Welt, — immer bleibt eine Ur-Logik des Naturganzen, die auf kosmische, harmonische, höhere Gebilde führen mußte.

Darwin hat seine Selektionsfrage auf ein ganz bestimmtes Gebiet beschränkt. Er fragte nach der Entstehung der Tier- und Pflanzenarten — allerdings ein Feld, wo seit Alters das gesteigert Harmonische, die innere höhere allgemeine Zweckmäßigkeit doch grade ganz besonders stark in die Augen gefallen war.

Ist ihm der Beweis zu Gunsten der Selektion in seinem Spezialfalle gelungen, so hat er ein famoses Exempel geschaffen.

Ist er nicht geglückt, so muß eine andere Deutung des Weges gesucht werden, den die Entwickelung hier genommen hat. Niemals aber ist diese Entwickelung selbst als Grundauffassung bedroht!

Es ist möglich, daß der antidarwinistische Stürmer und Dränger vom Modeschlage, wenn man ihn bis hierher geführt hat, die Sache überhaupt nicht mehr interessant findet.