Lektion 8.
Vogelnahrung im Sommer.

Frühling und Sommer sind glückliche Zeiten für die Vögel. Da gibt es reichliche Nahrung für sie und ihre Kleinen. Laßt uns an einem schönen Sommermorgen ausgehen und die verschiedenen Vögel beim Fressen beobachten. Ihr werdet sie nicht alle an einem Tage sehen. Aber wenn ihr euch Mühe gebt, werdet ihr wohl imstande sein, die vorkommenden während des Sommers ausfindig zu machen.

Dicht beim Hause findet man sicher Sperlinge, die Abfälle im Hofe aufpicken und Raupen und Spinnen von den Stachelbeerbüschen im Gemüsegarten abfressen. Denn der Sperling ist kein Leckermaul und frißt fast alles: vom Getreidekorn bis zum Fleischstückchen.

Im Gemüsegarten kann man auch den Buchfinken sehen, wie er die Schalen von Samenkörnern mit seinem scharfen, kurzen Schnabel zerbricht. Es ist ihm einerlei, ob er sie sich von Unkräutern holt oder aus den Radieschen- und Kohlrübenbeeten, die wir gesäet haben. Trotzdem nützt er mehr, als er schadet, denn er vernichtet viel Kreuzkraut und Vogelmiere.

Draußen in den Feldern läßt sich die kleine braune Lerche nieder, die hoch oben in der Luft gesungen hat, um in den Furchen nach Samen zu suchen, die der Pflug aufgewühlt hat. In der Nähe der Scheunen sieht man Finken und Goldammern Körner aufpicken.

Alle diese Vögel leben hauptsächlich von Körnernahrung und haben kurze scharfe Schnäbel, mit denen sie die Samenschalen zerquetschen, obgleich sie oft auch Insekten fressen und ihre Jungen mit solchen füttern. Wenn sie uns auch zuweilen an einigen unserer Feldfrüchte Schaden zufügen, so sind sie der Hauptsache nach doch sehr nützlich, da sie das Unkraut nicht aufkommen lassen, denn sie fressen alle Samen, die sie finden.

1. Dompfaff (Körnerfresser). 2. Schwalbe (Insektenfresser). 3. Hänfling. 4. Lerche (Körner- und Insektenfresser).

Rauch-, Turm- und Hausschwalben haben ganz andere Schnäbel. Wenn ihr sie bei ihrem schnellen Fluge durch die Luft beobachtet, so werdet ihr sehen, daß sie die Schnäbel sehr weit öffnen können, um Fliegen und Mücken zu fangen. Sie haben schwache Beine und starke Flügel, denn sie fangen alle Nahrung im Fluge. Achtet darauf, wie nahe sie sich bei trübem Wetter am Boden halten. Dann fliegen die Insekten tief, und die Schwalben folgen ihnen. Aber an einem hellen sonnigen Tage fliegen die Insekten hoch in der Luft und infolgedessen die Schwalben auch.

Jene große Drossel, die auf dem Rasen umherhüpft, ist ganz verschieden von den Schwalben. Sie hat starke Beine und Füße und einen langen, schmalen, rundlichen Schnabel. Sie nährt sich von Würmern und Schnecken im Sommer und von Beeren im Herbst. Sieh sie jetzt an! Sie hat die Füße fest auf den Rasen gestemmt und zieht mit aller Kraft an einem Wurme. Sie wird ihn bald aus der Erde heraus haben und ihn forttragen, um ihre Jungen damit zu füttern.

Viele der kleineren Singvögel nähren sich nur von Insekten. Ihr habt sie sicher gern, es sind so niedliche kleine Dinger. Da ist zuerst die Bachstelze mit ihren schwarz und weißen Flügeln und ihrem langen Schwanze, der auf- und niederwippt, wenn sie im Grase nach Insekten jagt. Nicht weit davon ist ein kleiner Zaunkönig, der auf einem Rosenstrauche umherhüpft und Blattläuse und Raupen abpickt, die so viel Schaden anrichten.

Auf einem Busch in der Nähe sitzt ein kleiner brauner Vogel mit graugesprenkelter Brust. Es ist der gemeine gefleckte oder graue Fliegenschnäpper. Sieh, wie still er sitzt! Dann schießt er plötzlich mit weit geöffnetem Schnabel in die Luft hinaus, schnappt zu und kehrt auf seinen Platz zurück. Er hat eine Fliege gefangen und wartet nun auf eine andere.

Grauer Fliegenschnäpper.

Dann möchte ich, daß ihr einen anderen kleinen Vogel betrachtet, den ich liebe, weil er so hübsch und bunt ist. Es ist eine Blaumeise (siehe bunte Tafel IV), ein kleiner Vogel mit hellblauem Kopfe und ebensolchen Flügeln und gelber Brust. Er hängt mit dem Kopfe nach unten an dem Zweige eines Baumes und lauert auf Spinnen. Wenn er eine gefangen hat, fliegt er nach einem anderen Baume, und so erhascht er in kurzer Zeit ein sehr gutes Frühstück. Er ist ein mutiger kleiner Vogel, und im Winter kann man ihn während des Fütterns gut kennen lernen.

Diese Vögel, wie die Drossel, die Bachstelze, der Fliegenschnäpper, der Zaunkönig und die Meise, sind uns sehr nützlich. Sie verzehren Schnecken und Larven, Raupen und Maden. Auch die Nachtigall und die Amsel nützen uns auf diese Weise und auch ein anderer Vogel, von dem ich möchte, daß ihr ihn kennen lernt. Es ist die Hecken-Braunelle, ein kleiner brauner Vogel mit bläulich-grauer Brust, der an den Hecken entlang flattert. Ihr habt ihn sicher schon gesehen. Er fängt ein kleines Insekt, fliegt ein Stückchen weiter und fängt ein zweites, um dann gerade vor euch aufzufliegen, wenn ihr auf dem Wege dahingeht. Ihr dürft ihn nicht mit dem Sperling verwechseln. Er ist ein ganz andersartiger Vogel; die Hecken-Braunelle ist ein Singvogel und singt sehr lieblich.

Wir haben keine Zeit mehr, andere Vögel zu beobachten; aber wir müssen noch die Krähen ansehen, die nach Würmern und Larven auf den gepflügten Feldern Jagd machen, und wenn wir in die Nähe des Waldes kommen, beobachten wir vielleicht eine Waldschnepfe, die unter den Bäumen nach Würmern sucht. Sie fliegt mit einem lauten Schwirren davon, lange ehe wir in ihre Nähe kommen, und da sie dabei ein ängstliches Dack, Dack ausstößt, nehme ich an, daß es das Weibchen ist. Ihr Nest ist sicher nicht weit entfernt.

Bei einem Spaziergange durch den Wald könnt ihr die kleinen Baumläufer sehen, wie sie an den Bäumen hinauf laufen und nach Insekten suchen, und der Specht läßt seine klebrige Zunge hervorschießen und klopft an die Bäume und Äste, während die Holztaube nach Hause fliegt, den Kropf voll von Hafer oder Erbsen zum Futter für ihre Jungen.

Oder wenn ihr einen Spaziergang am Flußufer macht, seht ihr vielleicht den zierlichen Eisvogel herabschießen, um kleine Fische zu fangen, oder der ernste Reiher steht ganz still, bis sein Kopf plötzlich vorwärts schießt, und er einen großen Aal mit seinem Schnabel aus dem Wasser herauszieht.

Viele solche Beobachtungen könnt ihr selbst machen. Das große Geheimnis ist, jeden Vogel, den ihr erblickt, aufmerksam anzusehen und etwas über ihn zu lernen.

Beobachte die harten Schnäbel der Vögel, die Samen fressen — Fink; den krummen Schnabel der Vögel, die Fleisch fressen — Habicht; den weiten Schnabel der Vögel, die Insekten im Fluge fangen — Schwalbe; den langen, schlanken Schnabel der Vögel, die unter dem Boden nach Nahrung suchen — Waldschnepfe.