Lektion 10.
Vogelfutter im Winter.

Wenn Weihnachten vorbei ist, und die wirkliche Winterkälte beginnt, haben die armen kleinen Vögel oft eine harte Zeit. So lange das Wetter mild ist, pickt die Drossel die Larven und Schnecken aus ihrem Versteck in den Mauern und Zäunen. Das Rotkehlchen und der Zaunkönig fliegen geschäftig umher und suchen nach Samen und Insekten. Die kleinen Bachstelzen laufen mit den Schwänzen wippend über den Rasen und suchen eine einzelne Larve oder einen letzten Käfer zu finden. Im Walde jagt der Baumläufer nach Spinnen und Insekteneiern in der Rinde der Bäume, und die Eichelhäher und Hohltauben suchen Nahrung unter den Buchen.

Aber beim Eintreten von hartem Froste sehen die Vögel sehr traurig aus. Die Lerchen und Hänflinge ducken sich in die Furchen der Kornfelder, um sich zu wärmen. Die Drosseln fliegen von Baum zu Baum und suchen die letzten Beeren ab. Die Finken und Goldammern fliegen um die Getreideschober der Landleute, um einige Weizen- oder Haferkörner oder etwas Grassamen zu erwischen. Die Wacholderdrosseln wandern traurig in Scharen umher. Die Krähen, Dohlen und Elstern fliegen kreischend und krächzend von Feld zu Feld und suchen eine Stelle, wo der Wind den Schnee fortgeweht hat, so daß sie in den Furchen picken können. Der Kiebitz, den man an der Federhaube erkennen kann, die auf seinem Kopfe steht, fliegt, traurig sein Kiwitt, Kiwitt rufend, im Herbste in Scharen auf die frischgepflügten Felder und wendet sich dann immer mehr dem warmen Süden zu, wo der Winter keine Schnee- und Eisdecke über Feld und Sumpf legt.

Stare bei Schnee.

Man wird traurig, wenn man darüber nachdenkt, wie viele kleine Vögel verhungern. Die Kälte schadet ihnen nicht so viel, denn, wie ihr wißt, hält die Luft unter den Federn sie warm. Aber in einem strengen Winter sterben sie oft aus Mangel an Nahrung. Wenn man ein totes Rotkehlchen oder einen Star, der im Herbst nicht rechtzeitig wegzog, oder eine Krähe nach einem langen Froste aufhebt, so wird man finden, daß die Knochen nur noch mit Haut und Federn bedeckt sind. Das Fleisch ist fast gänzlich verschwunden.

Da ist es höchste Zeit, freundlich gegen die kleinen Vögel zu sein, die euch den ganzen Sommer durch ihren Gesang erfreut haben. Damals waren sie nützlich, indem sie Raupen, Larven, Drahtwürmer, Maden und Schnecken vertilgten und das Unkraut dadurch niederhielten, daß sie dessen Samen fraßen. Jetzt kannst du sie eine kurze Zeitlang füttern, bis Frost und Schnee vorbei sind.

Auf diese Weise wird man sehr viele Vögel kennen lernen, und man braucht ihnen nur etwas Abfall zu geben, den man sehr gut entbehren kann. Einige Vögel lieben, wie ihr euch erinnern werdet, Samen, Krumen und grüne Nahrung. Andere, die im Sommer von Insekten leben, werden Knorpel und etwas Fett vorziehen.

Man muß also jeden Abfall von den Mahlzeiten aufheben — Brotkrusten, Krumen, kalte Kartoffeln und Kartoffelschalen. Man kann die Mutter bitten, Pellkartoffeln zu kochen, deren Schale die Vögel lieben. Vielleicht kann man auch Kohlblätter, Abfall von Äpfeln und etwas Fett aufheben.

Alles dies gibt eine gute Nahrung für die hungernden Vögel, wenn man es zusammenhackt und etwas heißes Wasser darübergießt. Und lebt man auf dem Lande, so kann man Getreidekörner in den Ställen zusammenfegen, ehe sie mit dem Dünger fortgeworfen werden.

Fressende Vögel im Winter.

Dann fegt man den Schnee vor der Haustüre fort, streut das Futter aus und zieht sich zurück. Bald werden die Vögel herbeikommen, und in einigen Tagen werden sie schon dasitzen und auf ihr Frühstück warten, ehe man es ihnen bringt.

Man darf auch nicht vergessen, eine Speckschwarte in einen Baum zu hängen, damit man die Meisen beobachten kann, wie sie mit dem Kopfe nach unten an dem Bindfaden hängen und an der Schwarte picken. Und wenn man einen Knochen mit etwas Fleisch daran aufhängt, so werden sich neben den Meisen auch zuweilen andere Kostgänger einfinden.

Denkt dabei auch daran, daß die Vögel auch trinken müssen. Man gießt etwas Wasser in einen Napf, muß es aber bei Frostwetter öfters erneuern. Hat man aber einige Groschen für eine Kokosnuß übrig, so kann man sie in doppelter Weise benutzen.

Säge sie in der Mitte durch und kratze alles Fleisch aus der einen Hälfte heraus. Bohre zwei Löcher in den Rand, hänge sie an einer durchgezogenen Schnur auf und gieße etwas Wasser hinein. Die Vögel werden sich auf den Rand setzen und trinken. Da sie die Nuß dabei in schwingende Bewegung setzen, so wird das Wasser nicht gefrieren. Dann hänge die andere Hälfte in derselben Weise auf, aber laß den Kern darin. Die Meisen werden daran picken und sich um die süße Nahrung streiten, bis alles verzehrt ist.

Eine große Zahl von Vögeln wird herbeikommen: Finken, Sperlinge, Zaunkönige, Gold- und Grauammern, Haubenlerchen, Amseln, Dohlen, Krähen und viele andere. Dann kannst du viele von ihnen näher betrachten und dir ihre Unterschiede in Körperbau und Färbung einprägen. Selbst der so scheue Eichelhäher kommt im strengen Winter bis in die Gärten der Dörfer.

So kann man die Vögel aus einer viel geringeren Entfernung beobachten als sonst, und im nächsten Sommer, wenn sie in den Bäumen singen, werden sie uns alte, gute Freunde sein.

Macht eine Liste der Vögel, die im Winter zu euch kommen, um Futter zu holen.