Vögel singen, wenn sie sich wohl befinden, und kreischen, wenn sie erschreckt werden, gerade wie Kinder. Nur hat jeder von ihnen einen ihm eigentümlichen Gesang. Man kann es gleich merken, wenn die kleinen Singvögel sich wohl fühlen; denn jeder von ihnen trillert sein fröhliches Lied, während er auf einem Baumzweige oder auf einer Hecke sitzt.
An frühen Frühlingsmorgen kann man sie fast vor Tagesanbruch im Garten singen hören. Zuerst hört man ein leises Zirpen und Zwitschern, als ob die Vögel sich guten Morgen wünschten und ihre Kehlen erprobten. Wenn dann die Sonne aufgeht, so ertönt heller Gesang.
Rotkehlchen, Drosseln, Amseln, Finken und Zaunkönige singen lustig darauf los, und viele andere kleine Vögel stimmen ein. Wenn sie alle zusammen singen, kann man nicht leicht das Lied des einen von dem des anderen unterscheiden, selbst das der Drossel nicht, obwohl sie am lautesten und am hellsten von allen singt.
Dann fliegen sie fort, um sich ihr Frühstück zu suchen, und wenn nun der Tag weiter vorrückt, kann man sie einzeln hören, auf die Töne jedes Gesanges achten, und, wenn man leise heranschleicht, sehen, wie die Kehle des Vogels anschwillt und erzittert, wenn er die Töne in ihrem Innern bildet.
Es ist nicht leicht, niederzuschreiben, was ein Vogel singt, denn es ist mehr ein Flöten und Pfeifen, es sind keine Worte darin. Aber man hat oft versucht ihr Lied in Worten auszudrücken. Horch auf den Gesang der Drossel! In ihrem melodienreichen Liede hörst du stets einige flötende Töne, die zwei- bis viermal wiederholt werden. Ihr Lockruf klingt wie ein heiser pfeifendes „zip, zip“, und ihr Angstruf ist ein gellendes „dack, dack“.
Der hübsche Goldammer mit seinem goldgelben Kopfe singt im zeitigen Frühjahr sein einfaches Liedchen und tut dies bis spät in den Herbst hinein. Der kleine Weidenzeisig ruft deutlich und klar sein „hüid, hüid“. Auch der Ruf des Kuckucks ist so bekannt, daß jedes Kind ihn nachahmen kann, ebenso wie den wie „huuh, huu, huh“ klingenden Ruf der Hohltaube.
Wenn die Tage heißer werden, singen die Vögel weniger. Sie sitzen in den Zweigen der Bäume oder in den Hecken im Schatten der Blätter oder hüpfen im Gehölz umher. Wenn dann der Abend kommt und lange Schatten über das Gras huschen, sieht sich jeder Vogel nach seinem Abendessen um. Ist er gesättigt, so singt er befriedigt sein Abendlied, ehe er schlafen geht.
Was ist das für ein Konzert! Finken, Meisen, Sperlinge, Zaunkönige, Rotkehlchen und Buchfinken, alle singen zugleich. Und über ihnen allen schwebt das Lied der Drosseln und Amseln, das Girren der wilden Tauben und das Krächzen der Krähen, wenn sie von den Feldern heimfliegen. Wie die Drosseln, außer den Lerchen, die ersten waren, die am Morgen anfingen, so sind sie die letzten, die am Abend aufhören, und oft singt eine Drossel noch weiter, wenn schon alle anderen Vögel lange still geworden sind.
Und endlich scheint alles zur Ruhe gekommen zu sein. Aber nein! Plötzlich hört man im Mai oder Juni einen süßen Ton, wie den einer Flöte, sanft aus verschiedenen Teilen der Gehölze erschallen. Es ist die Nachtigall, die im warmen Sommer fast die ganze Nacht hindurch singt.
Sie singt auch am Tage, aber ihre Stimme ist so weich, daß sie oft von dem lauteren Gesang der anderen Vögel übertönt wird. In der Stille der Nacht aber kann man ihr süßes Lied hören, das mit einer Reihe leise einsetzender Flötentöne beginnt, die allmählich stärker und lauter werden und mit höheren Trillerlauten enden. Wer einmal der Nachtigall Gesang gehört hat, vergißt ihn wohl niemals wieder.
Im Frühling singen die Vögel am meisten; denn dann bauen sie ihre Nester, und das Männchen singt dem Weibchen etwas vor, während dieses beim Bau beschäftigt ist oder auf den Eiern sitzt. Man kann ein Rotkehlchennest manchmal dadurch ausfindig machen, daß man das Männchen beobachtet, wie es singend auf einem Zweige in der Nähe sitzt. Die meisten haben wohl auch schon eine männliche wilde Taube gesehen, wie sie dasitzt, ihre Kehle aufbläst und girrend und sich verbeugend nach dem Weibchen auf dem Neste schaut; denn Tauben machen sich das ganze Jahr hindurch den Hof. —
Wenn der weibliche Vogel auf den Eiern sitzt, singt das Männchen aus Freude, und wenn die Jungen ausgebrütet sind, lehrt es sie sein Lied. Singvögel haben sehr zarte Kehlen. Sie haben Muskeln, die wie die Saiten einer Geige schwingen, und die jungen Vögel müssen lernen, diese Muskeln zu bewegen.
Es ist eigenartig anzuhören, wenn eine junge Amsel oder Drossel zu singen anfängt. Zuerst kommt eine Note, dann zwei oder drei. Die Töne sind nicht immer richtig, aber sie versucht es wieder und wieder und lernt so nach und nach das Lied des Vaters.
Höre auf das Lied der Rotkehlchen, Drosseln, Amseln, Lerchen, Nachtigallen, Buchfinken und anderer und versuche, es mit Pfeifen nachzuahmen.