Wenn ihr wissen wollt, wie sinnreich die Vogelnester gebaut sind, so solltet ihr einige sammeln, die die Vögel verlassen haben, oder aus welchen die jungen Vögel fortgeflogen sind.
Das Nest einer Hecken-Braunelle wird man in manchem Weißdornbusch finden, und obwohl es ein einfaches Nest ist, so werdet ihr doch bald finden, wenn ihr es auseinanderreißt, daß ihr es nicht so gut wieder zusammensetzen könnt, wie es der Vogel gemacht hat.
Das Nest eines Buchfinken ist viel feiner geflochten. Ihr werdet sehr wahrscheinlich eins in den Apfelbäumen im Obstgarten finden. Es ist aus trocknem Gras und Moos gebaut, die mit Wolle zu einer Art Tasse verwoben sind, und ist mit Haaren und Federn ausgepolstert. An der Außenseite wird der Vogel wahrscheinlich Stücke von grauen oder weißen Flechten angebracht haben. Flechten sind papierartig aussehende Pflanzengebilde, die an Apfelbäumen wachsen und von Kindern graues Moos genannt werden. Die hineingewebten Stücke helfen dazu, das Nest im Apfelbaume zu verstecken. Wenn der Buchfink in einer grünen Hecke baut, nimmt er statt der Flechten oft grünes Moos.
Nun versuche, ein Drosselnest zu finden, vielleicht in einem Eichenbusche oder einer Tanne. Es ist groß und ganz fest, nicht weich wie das der Hecken-Braunelle. Denn die Drossel pflastert das Nest im Innern mit Erde oder Kuhdünger oder verfaultem Holze aus, bis es fast so hart ist wie die innere Seite einer Kokosnußschale.
Wenn ihr diese Nester angesehen habt, werdet ihr wünschen, im nächsten Frühlinge eins bauen zu sehen. Aber dies ist nicht so leicht. Denn die Vögel versuchen, die Wiegen ihrer Kleinen zu verstecken, und lieben es nicht, zu bauen, wenn irgend jemand in der Nähe ist.
Krähen sind am leichtesten zu beobachten, denn sie bauen in hohen Bäumen und sind daher nicht scheu. Man kann sehen, wie sie mit Reisern im Schnabel dahinfliegen und Erde und Lehm herbeitragen, um damit das Nest auszupolstern. Manchmal kann man beobachten, wie alte Krähen am Krähenhorst zurückbleiben, um Reiser aus den Nestern der jungen Krähen zu stehlen, während diese fort sind, anstatt solche für sich selbst zu suchen.
Die Vogelnester haben nicht alle die gleiche Form. Die Lerche baut ihr Nest hinter einen Grasbüschel oder in eine Furche auf dem Felde. Der Kiebitz, dessen Ruf ihr so gut kennt, legt einige Grashalme oder Binsen an einen geeigneten Platz der sumpfigen Wiese. Seine Jungen laufen umher, sobald sie aus dem Ei kriechen.
Die Rauchschwalben bauen ihre Nester aus Stroh und feuchter Erde an das Sparrenwerk der Scheunen und Ställe oder unter die Simse der Schornsteine in der Form eines flachen Beckens und kleiden sie mit Federn aus. Aber die Hausschwalben bauen unter Dachtraufen und stellen ihre Nester aus Lehm und feuchter Erde her, die sackförmig an die Wand geklebt werden, mit nur einem kleinen Loch am oberen Ende. Es ist spaßig zu sehen, wenn die Schwalbe ihren Kopf in das Nest steckt, um die Jungen zu füttern, und der Schwanz hinten heraussteht.
Der Specht hat als Nest ein Loch in einem Baume und legt es mit Holzspänen aus. Der Kleiber sucht sich gleichfalls ein Loch in einem Ast und belegt es mit Rindenstücken und trockenen Blättern. Wenn die Öffnung zu groß ist, mauert er sie mit Lehm zu und läßt nur ein kleines Loch frei; deshalb wird er „Kleiber“ genannt.
Krähen und Tauben bauen grobe Nester. Die Krähe baut das ihrige aus Reisern und Rasen und kleidet es mit Moos und Gras aus. Die Taube baut ihr Nest so locker, daß die Eier beinahe hindurchgleiten.
Die kleinen Singvögel, wie die Drossel, die Nachtigall und das Rotkehlchen bauen hübsche tassenförmige Nester. Die Rohrsänger bauen ein Nest um zwei oder drei Schilfstengel oder andere Pflanzen in der Nähe des Wassers. Es ist aus Grashalmen gemacht und mit Wasserpflanzen ausgepolstert. Der Zaunkönig, die langschwänzige Meise und der kleine Weidenlaubsänger bauen kugelförmige Nester mit einem Loch an einer Seite. Der letztere polstert das seinige mit einer schönen, weichen Federdecke aus.
Zaunkönige bauen an allen möglichen sonderbaren Plätzen, in Mauern und Bäumen, in Felsenspalten, in Hecken und an Flußufern. Wenn man sich in der Nähe eines Nestes, in das der Zaunkönig seine Eier gelegt hat, umsieht, so wird man oft einige ganz gleich gebaute Nester in der Nähe finden, die aber nicht mit Federn ausgepolstert sind. Sie werden meist nur von männlichen Vögeln bewohnt, denen sie als Schlafnester dienen. Genaueres aber, weshalb die Vögel sie bauen, wissen wir nicht. Vielleicht findet ihr es einmal heraus, wenn ihr aufpaßt. Der kleine Weidenlaubsänger (Weidenzeisig) versteckt sein Nest in Hecken oder an Ufern, und die weißköpfige Schwanzmeise baut gern in dichte Sträucher und Hecken. Man beobachtete einmal zwei Zaunkönige, die ihr Nest in einem Wacholderbusch bauten. Sie fingen um sieben Uhr morgens an. Das Weibchen brachte Blätter von einer Linde. Es legte ein Blatt in die Gabelung zweier Zweige und die anderen darum herum. Dann holte es mehr. So ging es den ganzen Tag; es holte Blätter und webte sie zusammen mit Moos, und inzwischen sang ihr das Männchen aus der Spitze des Busches sein Lied.
Gegen sieben Uhr abends hatte es die Außenseite des Nestes fertig in der Form eines Balles mit einem Loch in der einen Seite.
Am nächsten Tage fingen die beiden Vögel um halb vier Uhr morgens an, zusammen zu arbeiten.
Sie arbeiteten acht Tage lang und brachten Moos und Federn herbei. Als sie fertig waren, bildete das Nest eine feste kleine Kugel, im Innern mit einer dicken Schicht von Federn ausgepolstert, damit die winzigen Kleinen warm darin liegen könnten, wenn sie ausgebrütet wären.
Dann legte das Weibchen fünf kleine weiße Eier mit roten Punkten und brütete 14 Tage, während das Männchen ihm etwas vorsang und ihm Insekten zur Nahrung brachte.
Untersuche Nester. Von Lehm gebaute — Rauchschwalbe, Hausschwalbe. Grob gewobene — Haussperling. Tassenförmige — Hecken-Braunelle, Fink. Gewobene und mit Lehm ausgelegte — Drossel.