Lektion 14.
Wie die Pflanzen Nahrung aufspeichern.

Einige Pflanzen leben nur ein Jahr lang, andere zwei Jahre und wieder andere viele Jahre.

Habt ihr nicht bemerkt, daß ihr Reseda, Ringelblumen und Erbsen und Bohnen jedes Jahr frisch im Garten säen müßt? — wenn ihr nicht die jungen Sprößlinge schützt, die aus heruntergefallenen Samen entstehen. Auf dem Felde wachsen Weizen und Hafer nur, bis ihre Körner reif sind, und sterben dann ab, wenn sie bis zum Beginn des Winters in der Erde gelassen werden.

In derselben Weise vergehen Vogelmiere, Mohn und unsere alte Freundin, das Hirtentäschelkraut, wenn ihre Samen reif sind. Diese Pflanzen gleichen den Leuten, die gerade genug verdienen, um von einem Tage zum anderen leben zu können, und nichts für das nächste Jahr ersparen.

Aber wenn ihr Bartnelken oder Glockenblumen im Sommer blühend haben wollt, so müßt ihr sie im Sommer vorher säen; denn diese Pflanzen blühen das erste Jahr nicht. Sie treiben in diesem nur die Wurzel und einen kurzen Stiel mit Blättern. Die Pflanze ist damit beschäftigt, Nahrung, wie Stärke, Zucker und gummiartige Stoffe, zu bereiten und diese in der Wurzel und im Stamm aufzuspeichern, so daß sie im nächsten Jahre zu einer kräftigen blühenden Blume heranwachsen kann.

Wenn sie dann geblüht und Samen erzeugt haben, sterben sie ab. Sie haben nur für ein kurzes Leben Nahrung aufgespeichert und können im folgenden Jahre nicht weiter wachsen. Fingerhut, Disteln und Petersilie wachsen in der gleichen Weise.

Endlich leben, wie ihr wißt, Schneeglöckchen, Krokus, Gänseblümchen, Schlüsselblumen und Dahlien viele Jahre lang; sie sterben im Herbst ab und treiben im Frühling wieder. Diese Pflanzen speichern Zucker und Stärke in der Wurzel oder in dem unteren Teil des Stammes oder der Blätter auf.

Einige derselben wachsen länger als zwei Jahre, ehe sie anfangen zu blühen. Sie sind den Leuten ähnlich, die Ersparnisse machen, wenn sie jung sind und stets weiter sparen, so daß sie immer etwas übrig haben.

Man kann manchmal eine Pflanze veranlassen, Nahrung aufzuspeichern. Wenn man einige Reseda in einen Topf pflanzt und fortwährend die Knospen abkneift, so daß sie keinen Samen bilden kann, so wird sie zu einem kleinen Strauch heranwachsen und zwei oder drei Jahre lang blühen.

Verschiedene Pflanzen speichern ihre Nahrung in verschiedenen Teilen auf. Die wilde Mohrrübe und die Eiche speichern die ihrige in der Wurzel auf. Die Mohrrübe ist fleischig und dauert nur zwei Jahre; aber die Wurzel der Eiche ist holzig und lebt lange.

Das Scharbockskraut speichert, wie ihr euch erinnern werdet, ihre Nahrung in weißen Knollen auf; diese entstehen aus Knospen, die mit so viel Nahrung versehen sind, daß sie dadurch stark verdickt werden. Die Sumpfdotterblume und die schöne gelbe Schwertlilie, die am Flusse wächst, brauchen den unterirdischen Stamm als Speicher. Man muß den Stamm der Sumpfdotterblume verfolgen, bis man bis dicht an die Wurzeln kommt, und dort wird man den dicken Knoten finden, der durch den ganzen Winter hindurch weiterlebt und im Frühling frische Blätter treibt.

Wenn man ein langes Stück von dem kriechenden Wurzelstock der gelben Schwertlilie bekommen kann, so wird man leicht die Stellen erkennen können, wo die Blütenstengel in jedem Jahre ausgetrieben sind. Man kann sie am Stocke entlang verfolgen, bis man zum diesjährigen Stengelansatze kommt. Und weiter hin sitzt die Knospe für das nächste Jahr.

Es gibt eine andere sehr hübsche Pflanze, Salomonssiegel oder vielblumige Maiblume genannt, die einen hohen Blütenstengel mit ziemlich schmalen Blättern und lieblichen, weißen, mit grünen Zipfeln versehenen Blüten hat. Die letzteren hängen alle auf einer Seite des Stengels. Wenn man den Wurzelstock dieser Pflanze durchschneidet, so wird man große Narben finden, die wie ein Siegel aussehen. Das sind die Stellen, wo die Blütenstengel Jahr für Jahr getrieben worden sind, und deshalb hat die Pflanze den Namen Salomonssiegel.

Schlüsselblume und Salomonssiegel.
Zeigt die unterirdischen Stengel (Wurzelstock), in denen Nahrung aufgespeichert ist.

Du kannst selbst untersuchen, daß auch am Wurzelstock der Schlüsselblume Knospen für das nächste Jahr sitzen. Ich will euch jetzt auf eine andere unterirdische Knospe oder Knolle aufmerksam machen. Grabt eine Hyazinthe aus. Ihr werdet finden, daß sie unten einen dicken Knoten hat, aus dem kleine Wurzeln hervorwachsen. Schneidet diesen Knoten entzwei, und ihr werdet sehen, daß es eine Zwiebel ist, die aus schuppigen, übereinanderliegenden Blättern besteht, genau wie bei einer Küchenzwiebel.

Wenn man diese Zwiebel im Frühling ausgräbt, steht der Blütenstengel aus deren Mitte hervor, und wenn man die schuppigen Blätter fortnimmt, so wird man noch eine sehr kleine Knospe dicht unten am Blütenstengel finden. Wenn man eine andere Zwiebel im Herbst ausgräbt, so ist der Blütenstengel verwelkt, und die kleine Knospe sieht aus der Spitze der Zwiebel hervor.

Nachdem nämlich die Hyazinthe zu blühen aufgehört hat, werden die Blätter lang, bereiten Nahrung und senden diese zu den schuppigen Blättern unter der Erde hinab. Die Zwiebel wird dadurch dick und kräftig, und auch die kleine Knospe im Innern wird größer. Dann liegt sie den ganzen Winter hindurch ruhig, und wenn nun der Frühling kommt, wird die kleine Knospe aus den dicken schuppenförmigen Blättern Nahrung nehmen und zu einer neuen Pflanze heranwachsen.

Suche sechs Pflanzen, zwei, die Nahrung in der Wurzel, zwei, die Nahrung im Wurzelstock und zwei, die solche in Knollen aufspeichern.