9.
Bei Werners.

Da in H. Wohnungsmangel war, wurde die Wohnung, welche Frau Feldwart innegehabt hatte, noch im Laufe des Monats weiter vermietet. Es kamen für Martha die schweren Tage des Ausräumens, und Suschen half ihr mit Arbeit und Teilnahme, so viel sie immer konnte. Die Kommode der Urgroßmutter, der Nähtisch, Ajax und das Vögelchen wanderten mit zu Werners, um es der Verwaisten dort heimisch zu machen; alle Familienglieder trugen ihr Mitgefühl und Liebe entgegen und suchten ihr dieselbe auf alle mögliche Weise zu zeigen. Dennoch vergingen Wochen, bevor sie sich in den neuen Verhältnissen zurecht fand. Die Stunden kamen nicht selten, wo der Anblick des reichen Familienkreises ihr die eigene Verlassenheit noch deutlicher und schwerer zum Bewußtsein brachte und die Sehnsucht nach ihren Lieben so mächtig erregte, daß sie kaum darüber Herr werden konnte. Die neue, ernste Thätigkeit, in welche sie sofort eingetreten war, half ihr wohl dabei, kostete ihr aber, so gern sie von Jugend auf gelernt hatte, doch oft Überwindung. Ihr Wissen war auf vielen Gebieten reicher, als es für das bevorstehende Examen verlangt wurde, und Doktor W. hatte seine große Freude daran, aber in manchen Dingen war es mangelhaft. Sie hatte, besonders seitdem sie der Schule entwachsen war, volle Freiheit gehabt, zu lernen und zu treiben, was sie innerlich zumeist anzog; jetzt mußte es nun systematisch vorwärts gehen, gleichmäßig in allen Fächern, in ganz bestimmten, ziemlich engen Schranken; das kostete ihrer lebendigen Natur manchen Kampf und manchen Seufzer.

„Wenn ich später Kinder zu erziehen habe, lasse ich ihnen gewiß mehr Freiheit!“ dachte sie. Dennoch konnte sie nicht umhin, anzuerkennen, daß solche ins System gebrachte, fest geregelte Thätigkeit auf den inwendigen Menschen beruhigend wirkt. Auch das Arbeiten in Gemeinschaft mußte sie erst lernen; da sie das einzige Kind war, hatte sie für solche Beschäftigungen ihr Zimmer und vollständige Stille um sich her gehabt. Dies ging bei Werners nicht an, wenigstens jetzt nicht. Der April und der Anfang des Mai brachten rauhe, kalte Luft; man mußte heizen. Im großen Speisezimmer arbeitete der Sekundaner mit Luise und den Zwillingen; der Martha ward an derselben langen Tafel ihr Platz angewiesen. Da zuckte sie manchmal zusammen, wenn sie im Denken und Lernen durch ein unerwartetes Tischbeben oder eine sehr unnütze Bemerkung unterbrochen wurde. Seitdem aber Wilhelm lachend gefragt: „Sind Sie nervös, Martha?“ nahm sie sich sehr zusammen; als nervös mochte sie durchaus nicht gelten; sie fand auch in der That, daß die Gewohnheit sie nach und nach gegen solche Eindrücke weniger empfindlich machte.

„Du arme Martha!“ sagte Frau Werner mitleidig, „im Sommer wird es besser, da kannst du auf deinem Stübchen allein sein.“

„Ach, ich glaube, bis dahin bin ich ganz daran gewöhnt“, sagte Martha freundlich.

„Dann ist es desto besser“, erwiderte die Mama sehr zufrieden; „wir Frauen erlangen ungestörte Muße für unsere Arbeiten nur in den seltensten Fällen, in den glücklichsten Verhältnissen am wenigsten; da ist es ein großes Glück, wenn man lernt, in der äußeren Unruhe die innere Ruhe festzuhalten; stilles Ertragen kleiner Störungen kräftigt mehr als man denkt, und trägt viel dazu bei, den Lebensweg zu ebnen.“

Auch das Verhältnis zu den verschiedenen Familiengliedern brachte manche Schwierigkeit. Jede neue Lebenslage bietet solche dar; schwache und selbstsüchtige Naturen steigern sie für sich und andere oft bis zur Unerträglichkeit; kräftige und treue überwinden sie mit Gottes Hilfe und finden darin die beste Schule und den größten Reichtum fürs Leben.

Der Sekundaner hatte eben angefangen, ein wenig über die Zeit hinauszukommen, wo es heißt: „Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe.“ In solcher Zeit pflegen zwischen großen Brüdern und erwachsenen Schwestern intime Freundschaften zu entstehen. Er war gewohnt gewesen, all’ seine Erlebnisse Suschen mitzuteilen, wie sie seine Heimkehr aus der Schule kaum erwarten konnte, um all’ die Dinge mit ihm zu besprechen, die für ein achtzehnjähriges Herz Bedeutung und Wichtigkeit haben. Nun kam Martha und nahm Suschens Neigung und in jeder freien Stunde auch Suschens Zeit so in Beschlag, wie er es nicht für möglich gehalten hatte. Der junge, sehr hübsche Gast war ihm keineswegs gleichgültig; er versuchte sehr ernstlich, auf Spaziergängen oder abends im Garten der dritte im Bunde zu sein; da man ihn aber nicht gerade huldvoll aufnahm, ward er verstimmt und kam in Versuchung, zu den eben überwundenen Gewohnheiten der Flegeljahre zurückzukehren. Er entwickelte eine merkwürdige Geschicklichkeit darin, auf den Zehen näherzuschleichen, Bruchstücke aus der Unterhaltung der Mädchen zu erlauschen und dieselben in der verdrehtesten Gestalt wieder zutage zu bringen, gerade, wenn es die beiden Freundinnen am meisten in Verlegenheit brachte. Er band auch wohl heimlich Suschens langen Zopf an Marthas Taillenband fest, wodurch sehr unangenehme, ja manchmal auch schmerzhafte Verwickelungen entstanden, und die ärgerlichen Ermahnungen der Frau Direktorin halfen immer nur auf kurze Zeit. Eine treue Bundesgenossin hatte er, nicht in seinen Ungezogenheiten, aber in der Eifersucht auf Marthas Freundschaft mit Suschen, an seiner Schwester Luise, die es gar nicht begreifen konnte, warum sie in letzter Zeit so ganz in den Hintergrund gedrängt wurde, und die beiden redeten sich recht geflissentlich gegenseitig in den Ärger hinein.

Frau Werner sprach anfangs nur zum Frieden: „Bedenkt doch, wie die arme Martha noch so fremd hier ist; sie hat jetzt eine Freundin nötig; wenn sie ihre Traurigkeit erst etwas überwunden hat, wird das ganz von selbst besser.“

Der Direktor sah die Sache mit heimlicher Belustigung; die kleinen Konflikte machten ihm Spaß, weil er eine glückliche Lösung voraussah; aber er konnte es nicht lassen, zuweilen etwas ironisch zu werden. Auf Spaziergängen, wenn alle sich an einer schönen Baumgruppe oder freundlichen Aussicht erfreuten, störte er das eifrige Zwiegespräch der Mädchen: „Nun, ihr Geistesabwesenden, thut nur auch einmal euere Augen auf, damit ihr etwas von Gottes Schöpfung gewahr werdet!“ Oder er läutete hinter ihren vereinigten Köpfen mit der großen Tischglocke: „Versunkenheit, Versunkenheit weiche! Das Abendbrot soll in den Garten gebracht werden.“

Gerade, weil Martha fühlte, daß die freundliche Rüge von ihr verdient war, traf sie dieselbe oft recht empfindlich; sie war als einziges Kind an große Schonung gewöhnt.

Die Sache erreichte ihren Höhepunkt, als eine Cousine von Suschen, Josephine, in schöner Abkürzung nur „Phine“ genannt, auf Besuch kam. Sie war eine sehr wenig anmutige Erscheinung, eckig im Benehmen, wortkarg, wenig angeregt zu geistigen Interessen, mit einem Worte: den beiden Unzertrennlichen sehr unsympathisch. Dies ließen sie auf eine sehr unliebenswürdige Weise dem Gaste merken; sie wußten mit wunderbarer Geschicklichkeit denselben von ihren Zwiegesprächen auszuschließen, und Phine ging auf gemeinsamen Wanderungen, wenn nicht etwa der Direktor oder die Hausmutter sich ihrer annahm, mit gefurchter Stirne ihren Weg allein. Die Eltern beide sahen dies mit wirklichem Schmerz; des Direktors humoristische Bemerkungen wurden bitter und beißend; seine Frau nahm eines Morgens, als Phine noch schlief, die beiden Freundinnen beiseite, und sagte ihnen ganz gründlich die Wahrheit: „Alles, was recht ist, lobt Gott! ihr Kinder. Ich habe euerer Freundschaft viele Rechte eingeräumt, aber wenn ihr mir die Gastfreundschaft verletzt, bin ich sehr böse. Ja, ja! seht mich nur erstaunt an; jede Freundschaft, jedes Verhältnis, welches so ausschließlich wird, daß man gar nicht mehr daran denkt, was man seinem Nächsten schuldig ist, wird Leidenschaft und Egoismus, und das muß bekämpft werden. Ich bitte mir von heute an aus, daß ihr euch ordentlich betragt, sonst trenne ich euch und schicke Suschen wieder auf Reisen!“

Martha empfand es sehr tief, daß sie hier Ursache zur Unzufriedenheit gegeben hatte; Suschen gab sich noch nicht gleich: „Aber Mama! was sollen wir denn mit ihr anfangen?“

„Das wird sich schon finden, wenn ihr ernstlich wollt; wie es in den Wald schallt, so schallt es wieder heraus; ich glaube, ihr habt noch nicht einmal ernstlich mit dem Hammer der Liebe bei ihr angeklopft; wer weiß, welche Goldstufen ihr findet, wenn ihr es thut!“

Martha war sehr erschüttert von dieser Strafpredigt; sie hatte selten Scheltworte bekommen im Leben, und obgleich sie der Frau Werner in ihrem Herzen beipflichten mußte, fühlte sie sich doch sehr unglücklich und verlassen und griff zum Trost nach Urgroßmutters Briefen. Sonderbar! das erste, was ihr in die Hand fiel, war ein kleines Gedicht:

Gastfrei zu sein vergesset nicht!
Der heilige Apostel spricht;
Bei manchem hat ganz unbeachtet
Ein Gottesengel übernachtet.
Drum hört, was der Apostel spricht:
Gastfrei zu sein vergesset nicht!
Drum sollst du auch ganz freundlich sein,
Tritt unerwünscht ein Gast herein;
Manch Englein hat die Flügel innen,
Du würdest’s herzlich liebgewinnen,
Sähst du ihm tief ins Herz hinein;
Drum sollst du jedem freundlich sein.
Gar mancher, der dir nicht gefällt,
Ist recht zum Engel dir bestellt;
Es sind nicht immer Sympathieen,
Die ’s Herz nach Gottes Willen ziehen.
Es thut gar wohl, so schwer’s oft fällt:
Gut sein dem, der dir nicht gefällt!

Nun es die Urgroßmutter sagte, mußte es wohl wahr sein! Martha prüfte sich ernstlich und kam auf manchen Punkt, der sie verklagte. Wo waren denn die lustigen Mittagsstunden geblieben, seitdem Suschen und sie im entferntesten Gartenweg wanderten und sich um die anderen nicht bekümmerten? Als sie abends allein auf ihrem Stübchen waren, gab Martha Suschen das Gedichtchen zu lesen; ausführliche Besprechungen und gute Vorsätze schlossen sich daran, die mit aufrichtigem Herzen gefaßt wurden.

„Wenn ich nur erst wüßte, wie man Phinen näher kommen könnte!“ sagte Suschen.

„Wir müssen es versuchen!“ sagte Martha seufzend.

Nun ist nichts schwerer, als den richtigen Anfang einer Unterhaltung zu finden, wenn man mit der feierlichen Absicht, eine solche zu beginnen, an jemanden herantritt.

Phine, teils beleidigt durch die erfahrene Zurücksetzung, teils bequem, war einsilbig und schien die Annäherung ihrer Altersgenossinnen fast nur mit gnädiger Herablassung zu dulden; Suschen kehrte ihr bald den Rücken und verschwand. Martha versuchte jedes mögliche Thema.

„Haben Sie Geschwister?“

„Ja.“

„Brüder oder Schwestern?“

„Von beiden.“

„Ist T. ein angenehmer Ort?“

„Es geht!“

„Kommen Sie viel in Gesellschaft?“

„Manchmal!“

„Wird dort auch musiziert?“

„Himmel, wie kommen Sie nur darauf, mich in einem fort zu fragen! Lassen Sie mich doch zufrieden; es interessiert Sie ja alles nicht!“

Es war eigentlich wahr, Martha gestand sich’s zu ihrer Beschämung; aber wie in aller Welt sollte sie da eine Annäherung beginnen?

Gegen Abend wanderten alle in den Garten; der Gärtner hatte verschiedene Beete neu bepflanzt, eins derselben recht geschmacklos mit lauter gleich großen Pflanzen, von denen keine zur Geltung kam und jede der anderen Luft und Sonne wegnahm. Josephine ging einigemal um das Beet herum und schien in seine Betrachtung völlig versunken zu sein.

„Ich dächte, das Beet wäre nicht eben schön“, sagte Martha.

Das erste freundliche, verständnisvolle Lächeln erschien auf Phinens Gesicht: „Nein, das ist es wirklich nicht; wenn da in der Mitte nur ein einziges Heracleum oder eine Staude Zuckerrohr und ein paar Maispflanzen ständen; dann etwa diese Gladiolus, ringsum vielleicht noch Astern und am Rande weiße Vergißmeinnicht — das wäre ein hübsches Beet. Ja, das verstand mein Großvater so schön! Ich wollte, Onkel Werner erlaubte mir, es einmal so einzurichten!“

„Das würde er vielleicht thun; aber wäre es nicht schade um die hübschen Wicken und Winden?“

„Ei, die könnten wir dort an der Laube anbringen; da fehlt etwas.“

„Fragen Sie doch!“ riet Martha.

„Ach, das wage ich nicht!“

Beim Abendbrot redete Martha den Hausherrn an: „Onkel Werner, Phine und ich haben einen sehr großen Wunsch!“

„Nun, und welchen?“ fragte er freundlich.

Martha trug die Sache vor; der Onkel lachte: „Wenn ich da nur nicht aus dem Regen in die Traufe komme!“

„Sie könnten es doch versuchen!“ bat Martha weiter. „Phine versteht sich darauf und wir könnten ihr helfen.“

„Ja, wir alle! wir alle!“ riefen die Zwillinge.

„Meinetwegen, versucht die Sache!“ entschied der Direktor. „Das Heracleum giebt euch Freund Friedhelm umsonst.“

Wilhelm holte es, brachte auch noch einige Maispflanzen und ein Körbchen voll Vergißmeinnicht mit; Phine hob sorglich die überflüssigen Pflanzen aus; sie kamen unter die Aufsicht von Luise; Arthur und Hans durften an der Laube unter Suschens Aufsicht Löcher ausarbeiten, und Martha setzte die Pflänzchen mit geschickter Hand ein. Phine arrangierte indessen das Mittelbeet und Anna trug ihr in der kleinen Gießkanne immer wieder frisches Wasser zu. Die kräftige Mittelpflanze, obgleich sie ihre Höhe noch nicht erreicht hatte und jetzt die Blätter hing, hob das Beet sehr.

„Ihr sollt ’mal sehen, wenn alles ordentlich anwächst, wie reizend es wird“, rief die Obergärtnerin; sie war ganz aufgelebt und nicht wiederzuerkennen.

Die Garderobe war nun zwar nicht ganz ohne Schaden weggekommen, aber die Freude über das gemeinsam Geschaffene strahlte allen aus den Augen.

Dies war der Anfang vieler Vergnügungen; abends mußte man gießen; hier und da wurden noch Verbesserungen für nötig befunden; die ganze junge Familie entwickelte ein nie gekanntes Interesse an der Gärtnerei, und Josephine gab eine sehr geschickte Lehrmeisterin ab. Auch verstand es niemand so gut wie sie, die Ranken des wilden Weines und des Geisblattes zierlich aufzubinden oder aus wenigen Blumen einen anmutigen Strauß zu schaffen.

„Woher kannst du das alles, Phine?“

„Von meinem Großvater“, erwiderte sie; „sein Garten war sein Liebstes, und ich war, bis er starb, sein Gehilfe darin; ich liebe die Pflanzen gar zu sehr! Es fehlt mir hier nur eine sehr zierliche, feine Blattpflanze, die wir zuhause in Fülle hatten.“

„Weißt du den Namen nicht?“

„Nein, aber ich habe oben einige gepreßte Exemplare.“

Sie holte dieselben, um sie den Kindern zu zeigen, und alle waren erstaunt, wie schön sie gepreßt waren, wie unverletzt die Farben.

„Können wir das auch lernen?“ fragte Luischen.

„Freilich, das kann jeder lernen; ich werde heute Nachmittag recht viel Löschpapier holen und euch das Verfahren zeigen.“

Es ging nun mit Eifer ans Einlegen und Pressen; auch Martha trieb es, um die Ränder ihrer Zeichnungen mit dem getrockneten Gras und Moos zu schmücken; die Kinder suchten das nachzuahmen, und alle fühlten, wie schön es sei, wenn eins vom anderen nimmt und einer dem anderen giebt, viel schöner, als seinen Gedanken nachzuhängen und unbekümmert um die anderen seine einsame Straße zu ziehen. Ja, Martha und Suschen merkten zu ihrem Erstaunen, daß ihre einsamen Plauderstunden am Abend und Morgen nicht an Reiz verloren und viel an Reichtum gewannen, seitdem sie sich mehr den Interessen der anderen Hausgenossen anschlossen. Als Martha einmal teilnehmend Josephinen nach dem Großvater fragte, da kam die Goldstufe in dem Herzen der Enkelin wirklich zutage; hier verstand sie Martha nur zu gut; und als endlich der Gast wieder seiner Heimat zufuhr, schied er mit Thränen und wurde mit Thränen entlassen.

„Die Urgroßmutter hat doch wieder recht behalten“, sagte Martha.

Ja, die Urgroßmutter! ihre Papiere und Briefe lieferten reichen Stoff zu den Unterhaltungen der beiden Mädchen; denn Suschen durfte jetzt mit darin studieren. Sie interessierte sich besonders für die praktische Armenpflege, die oft darin erwähnt wurde, und wenn sie, ihr Körbchen am Arm auf Pastor Wohlgemuths Geheiß zu seinen Kranken ging, that sie dies fast nie ohne eine stille Erinnerung an die ehrwürdige Frau, und ohne die Freude, auf ihren Wegen zu gehen. Ihre Lieblingspatientin war eine junge Frau, aus Weißfeld stammend, welche bald nach ihrer Verheiratung eine Brustentzündung bekommen hatte und infolge davon schwindsüchtig geworden war. Sie sah Suschens Besuchen stets mit großer Sehnsucht entgegen; diese fühlte sich ihr gegenüber besonders frei, da die Leidende nur um wenige Jahre älter war als sie.

Eines Abends, nachdem Suschen die Kranke besorgt, umgebettet und erquickt hatte, klagte diese noch: „Ach, Fräulein! Mein armer Mann! heute hat er müssen eine Stunde vor Tage auf die Fabrik gehen, hat keine Zeit behalten, den Topf in die Grube zu setzen; Mittag ist er gar nicht nachhause gekommen, und nun findet er abends auch nichts Warmes! Er ist auch zu schlimm dran!“

„Könnte ich denn etwas für ihn kochen?“ fragte Suschen.

„Ach, das ist doch zu viel verlangt; aber Bier ist im Hause, gleich auf der obersten Kellerstufe, und Brot und Milch und ein Ei und Kümmel auch; ach, Fräulein, wenn Sie es thun wollten!“

Suschen bereitete die Suppe und setzte sie auf dem Ofen warm.

Pastor Frank, der sein früheres Gemeindeglied besuchen wollte, hatte ihrem liebevollen, anmutigen Thun eine Weile unbemerkt zugesehen. Als sie in den Hausflur trat, begrüßte er die junge Schülerin freundlich: „Wie freut es mich, daß Sie der Käthe so beistehen! Haben Sie ihr auch wohl etwas vorgelesen oder ernst mit ihr geredet?“

Suschen errötete ein wenig: „O nein! lesen kann die Käthe für sich, wenn ich nicht da bin, und sprechen von so ernsten Dingen — Herr Pastor, das wird mir schwer: ich kann viel besser mit meinen Händen helfen!“

Er sah ihr in die hellen Augen und schwieg; er hatte sie erst ermahnen wollen, zu lernen, was sie nicht konnte; aber wie sie so vor ihm stand mit den klaren Augen und der demütigen Haltung, vermochte er’s nicht; er dachte: „Die Gaben sind verschieden; ihre bloße Erscheinung ist eine Erquickung; und das ist gewiß: ein Kind ist sie jetzt nicht mehr!“

In mancher Beziehung war sie aber doch noch ein Kind.

In Urgroßmutters Kommode fanden sich viele Flachs- und Webe-Rechnungen; das stimmte so ganz mit dem Lobe der Spinnekunst in manchem neuen Journal, und als der Herbst kam und der Weihnachtswünsche gedacht wurde, kannte Suschen keinen größeren als: „Ach, ein Spinnrad! und einen großen Haufen Flachs!“

Frau Werner lachte darüber: „Von mir bekommst du das sicher nicht, mein Suschen!“

„Aber Mama, warum nicht?“

„Weil es für eine Spielerei zu teuer ist, und mehr als Spielerei in unserer unruhigen Zeit doch niemals wird!“

„Aber Mama!“

„Ja, liebes Kind, es ist ganz wie ich sage: An unsere Großmutter und Mütter wurden lange nicht so viel Anforderungen gestellt wie an uns; der Verkehr war ein viel langsamerer; es gab nicht so viel Stunden, Vereine und Vorlesungen; wenn sie ihr Spinnrad vor sich hatten, saßen sie tagelang hintereinander und zogen Faden auf Faden; da wurde was fertig fürs Haus. Sie konnten wohl recht hübsch dabei denken und sinnen; aber einem Kinde des 19. Jahrhunderts könnte es doch wohl etwas langweilig sein. Es würde auch ein teueres Leinen werden, mein Töchterchen; die Hände kommen eben den Maschinen doch nicht nach.“

„Wie schade!“ seufzte Suschen.

„Ja, liebes Kind, das läßt sich nun nicht ändern; wir können doch nicht Erfindungen und Industrie zurückdrehen, bis wir wieder ins adamitische Zeitalter kommen. Den Sinn des Fleißes, der Häuslichkeit, der Treue, der die Mütter bei ihrer Arbeit leitete — den sollen wir pflegen, aber ihn mit Vernunft in Einklang bringen mit den Anforderungen der neuen Zeit; es gefällt euch ja doch gar nicht übel, daß ihr jetzt mehr Anteil habt am geistigen Leben; das möchtet ihr doch gewiß nicht beseitigen!“

„Aber Rösners haben auch ihre Rädchen!“

„Ja, die treiben es eben als eine hübsche Erinnerung an die großmütterliche Thätigkeit und eine nette Spielerei. Da es bei ihnen gerade nicht viel darauf ankommt, was sie vornehmen, so ist das nicht zu tadeln, und hätte ich ein altes Rad, so solltest du es meinetwegen zu gleichem Zwecke haben. Aber es darf niemand meinen, daß damit in unserer Zeit ein wirklicher Nutzen für den Haushalt geschafft wird, und besonders in unserem giebt es der nützlichen und nötigen Arbeiten so viel, daß man sich der überflüssigen lieber enthält.“

Es war und blieb aber Suschen sehr niederschlagend. Als die beiden Mädchen in den Herbstferien bei Rösners waren, hatte Martha auf Trudens Boden das Spinnrad der Urgroßmutter gesehen, das auf die Dienerin vererbt war.

„Ich spinne nicht darauf“, hatte diese gesagt, „wenn mir die Frau Amtsrätin auch im Winter noch Flachs giebt. Weil ich eben nichts anderes mehr thun kann, so verspinne ich den auf meinem zweispuligen, das trägt mehr ein!“

Es war nicht schwer, Truden zu bewegen, das Rad an die Urenkelin abzutreten; in Weißfeld wohnte noch ein alter, geschickter Drechsler, dem ward es zur Reparatur übergeben, und wenn für Martha der Blick auf die äußere Weihnachtsfeier von irgendeinem freundlichen Strahl erhellt wurde, so war es die Aussicht, Suschen mit diesem Rade zu beglücken. Frau Amtsrätin hatte den Flachs dazu zu liefern versprochen und hielt ihr Wort.

Die Überraschung gelang aufs beste. Als die Bescherung bei Werners am heiligen Abend vorüber war, kam Hans als Knecht Ruprecht und brachte im Namen der Urgroßmutter das feingeschmückte Rädchen; der Flachs war durch Trudens geübte Hand kunstgerecht aufgelegt; ein schönes, buntes Wockenband umgab ihn. Suschen wurde ganz rot vor Freude. Sie hatte ja alle Vernunftgründe in der Rede der Mutter eingesehen; aber Vernunft treibt Herzenswünsche selten aus, und als sie nun vollends vernahm, daß es das Rad der Frau Anna Martha Waldheim war, deren Name, allen sichtbar, am Querbrett prangte, kannte der Jubel gar keine Grenzen, und es wurde ihr schwer, dem Knecht Ruprecht zu gehorchen, der ihr gesagt:

Aber von Weihnachten bis zum hohen Neujahr
Muß ruhen das Spinnrädlein ganz und gar;
Hört man es da nur einmal schwirren,
So müssen die Hexen den Wocken verwirren.
Erst wenn die hochheil’gen zwölf Nächte vorbei,
Ist das Spinnen wieder gesegnet und frei.

Die Eltern und Geschwister freuten sich mit ihr, und auch Martha, der die Erinnerung an die beiden letzten Weihnachtsfeste natürlich schwer auf der Seele lag, war dennoch glücklich über die gelungene Überraschung und konnte sich dem Glanz der Weihnachtssonne, der so besonders lieblich hineinstrahlt in einen großen Familienkreis, nicht entziehen.

Als endlich die Zeit gekommen war und Trude der gelehrigen Schülerin Handgriff und Tritt beigebracht hatte, saß Suschen stolz auf ihrem Schemel, zog Faden auf Faden, und erschien sich, als sei sie nun ganz auf den Pfaden der Urgroßmutter. Sie fing auch gleich an zu überlegen, wie viel sie weben lassen wollte, erkundigte sich, wie viel oder vielmehr wie wenig der Weber gebrauche, um ein Dutzend Handtücher fertigzustellen; als sie dann aber ihre Thaten mit seiner Forderung verglich, gestand sie sich heimlich, nur ganz heimlich, daß es ziemlich lange dauern würde, bevor das Gewünschte zusammen sei, und mußte es als ein großes Glück ansehen, daß die Familie mit dem Trocknen ihrer Hände nicht darauf zu warten brauchte. Das mußte man ja sagen: lieblich sah das Suschen aus, wenn sie hinter dem blanken Spinnrad saß; recht wie ein deutsches Mädchen mit ihrem klaren Gesichtchen und blonden Zopf. Pastor Frank, der jetzt wieder häufiger und ruhiger kam und sie eines Tages bei der neuen Arbeit überraschte, konnte sich auf dem Heimwege gar nicht losmachen von dem Bilde der Spinnerin, obgleich er halb und halb ärgerlich darüber war.

„Sie macht wirklich einen sehr lieblichen Eindruck“, dachte er; „es ist schade, daß sie so wenig aus sich herausgeht; aber vielleicht schadet es nicht so viel; wenn der Pastor spricht und die Pastorfrau praktisch hilft, sollte es wohl auch gehen!“

Der Winter ging friedlich und fleißig dahin, und nun in voller Harmonie. Die Scene während Josephinens Dasein hatte auf die beiden Freundinnen den besten Einfluß gehabt; sie bemühten sich jetzt mit aufrichtigem Herzen, gegen alle Familienglieder liebenswürdig zu sein. Daß Wilhelm nun wirklich als dritter in den Freundschaftsbund aufgenommen war, führte demselben einen großen Zuwachs an Ideen zu. Sein Herz war sehr warm für das allgemeine Wohl, sein Interesses groß für alles, was eben die Zeit bewegte: Stöckers Arbeitervereine, Bismarcks große Ideen waren Gegenstände seiner Schwärmerei; der Primaner konnte lange Reden halten, von Suschen und Martha höchlich angestaunt, obgleich sie oft noch recht jugendlich unreife Gedanken enthielten. Natürlich kam dergleichen auch am Mittags- oder Abendtische zutage, und machte die liebe Hausfrau ungeduldig.

„Jetzt krähen die Hähnchen, wenn sie eben aus dem Ei gekrochen sind“, pflegte sie zu klagen; „ich kann es manchmal gar nicht anhören, wenn sie so unreifes Zeug vorbringen; und auch die Mädchen! Wir mußten uns ganz still verhalten, wenn von solchen Dingen die Rede war!“

Der Direktor dachte anders darüber: „Natürlich müssen sie reifer werden; aber nur, was überhaupt existiert, kann wachsen und gedeihen; ich möchte keinen Sohn haben, der nicht seine Ideale in dieser Beziehung hätte, und eine Ansicht über diese Dinge müssen sich schließlich doch auch die Frauen bilden. Sie sind ja doch bescheiden erzogen, unter Fremden hören sie und schweigen. Laß du sie ja im Familienkreise sich aussprechen. Du glaubst auch nicht, wie es mich interessiert; ich bekomme dadurch ein genaues Bild von dem, was mehr oder weniger in all meinen Schülern lebt; es sind die Keime der Gedanken und Thaten einer kommenden Generation, die müssen wir Alten wohl beachten, mit unseren Erfahrungen stützen und schützen und mit unserer Liebe pflegen.“

Frau Werner staunte oft, wie es ihr Mann verstand, sich auf den Standpunkt der Jugend zu versetzen und von da aus leise Irrtümer zu berichtigen und auf unreife Ansichten einzuwirken.

„Auf manchen Gebieten“, dachte sie, „sind Männer geduldiger als Frauen, das macht, weil sie die Dinge mehr im großen und nach ihrem Zusammenhange fassen; es ist schön, das wir das von ihnen lernen können!“

Auch die Kleinen wurden jetzt von Martha zärtlich beachtet; sie bemühte sich, ihre Eigentümlichkeiten kennen zu lernen, sie zu verstehen und ihnen etwas zu sein. Sie fand dies sehr lohnend. Jedes Kind war anders geartet, eines durch Freundlichkeit, das andere durch Ernst zu gewinnen; eines nahm die Dinge zu leicht, das andere zu schwer. „So werden meine Schülerinnen später auch sein“, dachte sie und machte ein völliges Studium daraus, ein jedes nach seinem innersten Wesen zu lieben und zu behandeln. Dies gelang ihr vortrefflich und Eltern und Kinder waren innig dankbar dafür. Alle fürchteten sich vor der Zeit, wo Martha ihnen entrissen werden sollte, und doch rückte sie unaufhaltsam näher.

Im Sommer vor ihrem Examen fing ihre sonst so große Frische an zu schwinden unter den vermehrten Anstrengungen. Eine ernste Betrübnis kam dazu. Onkel Konsul, der ihr immer mitunter einmal geschrieben hatte und auf dessen treue Teilnahme sie sich allezeit verlassen konnte, war plötzlich gestorben. Seine Hinterlassenschaft kam in die Hände eines entfernt wohnenden Neffen, zu welchem Martha gar keine Beziehungen hatte, und so war das letzte Band gelöst, das sie noch an B. knüpfte, und das sie so gern festgehalten hätte, schon um Siegfrieds willen: „Wo soll er mich nun suchen, wenn er wirklich wiederkommt?“

Rösners, die Martha herzlich liebten, baten sie sich in den Sommerferien aus; sie sollte in Weißfeld frische Milch trinken, fleißig spazieren gehen und auf alle Weise gepflegt werden. Es schlug auch leidlich an; sie bewohnte Urgroßmutters Stübchen und fühlte sich ungemein wohl und geborgen darin.

Pastor Frank kam jetzt unbefangen und schien wieder heiter zu sein, versank aber manchmal in tiefe Gedanken: war ihm vielleicht auch jetzt klar, daß er sich in das Phantasiebild der Urgroßmutter verliebt hatte? O, es war ihm noch etwas anderes klar geworden, und dies versetzte Martha und Rösners in die größte Freude. Werners hatten versprochen, am nächsten Sonntag herauszukommen, und man rüstete freudig zu ihrem Empfange. Freitag war Pastor Frank zur Stadt gegangen und erst spät am Abend heimgekehrt. Sonnabend früh schickte er Martha einen Brief ihrer Freundin; sie öffnete ihn mit Spannung, fürchtete fast schon eine Absage, aber Suschen schrieb:

„O Martha! liebe Martha! Du sollst es ja zuerst und bis morgen ganz allein erfahren, was sich heute begeben hat und was ich ganz und gar noch nicht begreifen kann. Denke Dir, ich bin seit einer Stunde Braut, seine Braut! ach, und eine so glückliche! Ich wollte es ja erst gar nicht glauben, als Frank mir sagte, er habe mich lieb; aber zuletzt merkte ich es doch, und ich glaube es ja zu gern. Morgen früh nach der Vormittagskirche wird das Geheimnis enthüllt; bis dahin schweige wie ein Stummer! Ich kann es eigentlich gar nicht erwarten, bis Ihr Euch alle mit mir freut. Lobe den Herrn, meine Seele!

Deine glückselige Suse.“

Leicht wurde es der Martha nicht, zu schweigen wie ein Stummer, und obgleich sie mit keinem Worte sich verriet, wurde es doch Rösners an ihrem erregten, oft gedankenvollen, dann wieder freudigen Wesen klar, daß etwas Außergewöhnliches in der Luft sei, und besonders die jungen Mädchen kamen in ihren Vermutungen der Wirklichkeit ziemlich nahe. Die Erwarteten erschienen zeitig am Sonntagmorgen, Suschen im blendendsten Weiß. Vor dem Gottesdienste, den alle gemeinsam besuchten, blieb alles im gewöhnlichen Geleis. Pastor Frank predigte über den Spruch: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Man merkte ihm an, daß der Dank sehr warm aus seinem Herzen kam, und als die Eltern nach der Kirche ihn und Suschen als Brautpaar vorstellten, wußten es alle, wofür er zu danken hatte, und der Jubel wollte gar kein Ende nehmen.

Jetzt konnte der Bräutigam nicht lange verweilen, da er den Nachmittagsgottesdienst noch vor sich hatte; aber beim Abendbrot da ging es an ein Feiern und Gesundheittrinken! Besonders Suschens Geschwister wurden es gar nicht müde, „Hoch!“ zu rufen, und der Bräutigam sah durchaus nicht aus, als hätte er schmerzliche Erfahrungen begraben müssen, um zur Freude dieser Stunde zu kommen; die liebliche Braut aber strahlte.

Als man nach Tische im duftenden Garten wanderte, sagte Suschen zu Martha: „Ich lasse es mir nicht ausreden — das Spinnrad der Urgroßmutter hat mir Segen gebracht!“

„Das ist möglich!“ bestätigte Frank vergnügt. „Gefallen hattest du mir sonst schon; aber daß du meine liebe Frau Pastorin werden möchtest, wünschte ich zum erstenmale, als ich dich hatte spinnen sehen.“

„Siehst du, Mama“, rief Suschen, „das Spinnen ist doch gut!“

„Das sollst du mir auch tüchtig weiter treiben, mein Suschen!“ versicherte der Bräutigam.

Diese sah ihn etwas zweifelhaft an: „Ob das möglich ist, wenn ich nun richtig was zu thun bekomme?“

„Ja, ist denn das Spinnen nicht etwas Ordentliches? Warum spinnst du denn?“

„Ei, aus Vergnügen und zum Andenken an die Urgroßmutter.“

Die Mutter und Frau Rösner machten dem Pastor die Sache klar.

„Also auch nur eine Phantasie!“ sagte er nachdenklich. „Nun gottlob! unsere Verlobung ist doch keine, und in Ehren halten können wir das alte Spinnrad immer, wenn du auch nicht viel darauf fertig bringst!“

Als Werners abgereist waren, faßte Frau Rösner auf den Rat ihres Hausarztes den schnellen Entschluß, mit ihrer jüngsten, etwas bleichsüchtigen Tochter Agnes noch einige Wochen nach einem kleinen Stahlbade zu gehen, und nahm Martha dahin mit.

Lieblich gelegen zwischen waldigen Bergen sprudelten die stärkenden Quellen, köstlicher Tannenduft durchwehte den frischen Grund; das Wetter war herrlich, und die beiden Mädchen erblühten wie die Rosen und waren sehr vergnügt. Das männliche Geschlecht war in dem kleinen Bade nur spärlich vertreten; meistens sah man nur Mütter und Töchter hier wandern, und die schlank aufgeschossenen, jugendlichen Gestalten mit blassen Lippen waren weitaus in der Überzahl. Unser Kleeblatt hatte kein Verlangen nach weiterem Anschluß; es fühlte sich im Genusse der Natur und gegenseitiger Gesellschaft befriedigt. Die beiden Mädchen hatten die größte Freude daran, auf den kleinen Felspartieen umherzuklettern, Spireen und lilienartige Blüten zu sammeln, die dort in reicher Fülle wuchsen, um ihr Stübchen mit den zierlichen Waldkindern zu schmücken. Dann brachte ein leichter, zuweilen etwas gewagter Sprung sie wieder auf den Weg, und Frau Rösner sah ihren anmutigen, geschickten Bewegungen mit Wohlgefallen zu, bis eines Abends, da es etwas geregnet hatte, Martha an einer glatten Steinkante abglitt und sich den Fuß so verstauchte, daß der Arzt ihr für die erste Nacht Arnika-Umschläge und für einige Tage völlige Ruhe verordnete. So kam es, daß sie am nächsten Nachmittage, als fast alle Gäste des Hauses ausgeflogen waren, einsam mit ihrer Arbeit unter der Veranda saß, während ihr kranker Fuß wohl umwickelt auf einem weichen Schemel ruhte.

Nicht weit von ihr hatten sich zwei kleine Mädchen auf der Schwelle der Veranda niedergelassen, eifrig lesend über ein Buch gebeugt, und noch etwas entfernter lag ein leichenblasses Kind von etwa zehn Jahren in einem Fahrstuhl, neben einem Tischchen, auf dem Bilder, Bücher, Spielzeug aufgehäuft waren.

Die Kleine schien sich nicht darum zu kümmern; mit einem unendlich verdrießlichen Ausdrucke auf dem elenden Gesichte blickte sie nach einer älteren Person, die wie eine Bonne oder Wärterin aussah und sich nicht weit von ihr in ein abgegriffenes Bibliothekbuch vertieft hatte.

„Sie sollen jetzt herkommen, Katharine, und mit mir spielen!“

„Ach, ich habe es heute satt; ich habe zwei Stunden mit Ihnen gespielt, und Sie wollen doch alle Viertelstunden etwas anderes.“

Das kleine Ding sah sie wütend an: „Ich sage es Mama, wenn Sie mich nicht unterhalten!“

„Das können Sie immerhin thun; ich habe ihr schon gesagt, daß ich nur bis Michaelis bleibe, weil ich das Gequäle nicht aushalten kann.“

Auf der Schwelle ging es auch eben nicht sehr friedlich zu: „Elli, du reißest mir ja das Buch fort!“

„Ja, es gehört mir, Sophiechen, und ich will’s haben; ich kann sonst nichts sehen!“

Bevor es sich Martha versah, entspann sich ein Streit, der an Heftigkeit zunahm und den begehrten Gegenstand aufs äußerste bedrohte.

„Lest euch doch vor!“ riet Martha.

„Das sollen wir nicht, weil wir öfter Halsschmerzen haben!“

„Wenn ich euch aber nun vorlese?“

Der Vorschlag fand Beifall.

Martha öffnete das Buch von Johanna Spyri: ‚Was aus Gritlis Kindern geworden ist.‘ Sie begann, fühlte sich angezogen und las mit wachsendem Vergnügen.

„Ach, Fräulein, Fräulein!“ rief die kleine Elende, „kommen Sie doch hierher!“

„Das kann ich nicht, meines Fußes wegen; aber vielleicht ist deine Wärterin so freundlich, deinen Fahrstuhl zu uns zu bringen.“

Es geschah. Die Kinder lauschten gespannt; nur zuweilen entspann sich eine ergötzliche Unterhaltung über die Abenteuer der Doktorskinder, und nicht nur die Zuhörer bedauerten es, sondern auch Martha, als die Erscheinung einer sehr vornehm aussehenden Dame die Unterhaltung unterbrach.

„Wie kommst du hierher, Fanny?“

„Ach, Mama, es wurde hier so schön vorgelesen!“

Die Dame sah Martha sehr scharf beobachtend an: „Darf ich vielleicht fragen, mit wem ich die Ehre habe?“

Martha nannte ihren Namen und sagte, daß sie als Gast von Frau Amtsrätin Rösner und zu ihrer Erholung hier sei.

Zwei Fräulein, wie Martha schon bei Tisch bemerkt, die Töchter der Dame, traten jetzt herzu; die eine in sehr gerader, vornehmer Haltung, die andere anmutig grüßend und dann liebevoll über ihr krankes Schwesterchen gebeugt, mit demselben plaudernd und kosend.

Frau v. Märzfeld, der Name war Martha aus der Badeliste bekannt, ließ sich das Buch reichen; da sie sich zu überzeugen schien, daß es keinen gefahrdrohenden Inhalt hatte, gab sie es huldvoll zurück und verschwand mit einem Wink an die Töchter, sie zu begleiten.

Am anderen Nachmittage waren Elli und Sophiechen mit ihren Eltern ausgefahren und Martha mit Fanny und ihrer Wärterin allein. Erstere konnte sich schon ein wenig mehr bewegen und nahm absichtlich ihren Platz ganz dicht beim Fahrstuhl der Kleinen.

„Wie schlecht“, sagte Fanny, „das Buch mitzunehmen!“

„Aber Fanny, das ist doch nicht schlecht, das Buch gehört den Kindern!“

„Sie können aber im Walde ohne Buch vergnügt sein, und ich langweile mich hier.“

„Hast du denn schon all’ diese Bücher und Bilder besehen?“

„Ach, die mag ich nicht!“

„Vielleicht interessieren sie dich mehr, wenn du sie mir zeigst.“

Es lag ein ganzes Heft mit Bildern aus B. obenauf. Martha kannte jedes Gebäude, wußte von jedem einzelnen etwas zu erzählen, was ihrer kleinen Zuhörerin Freude machte, bis diese ihr Leid vergaß und der unliebenswürdige Zug in ihrem Gesichtchen dem Ausdruck von Spannung, Interesse und Fröhlichkeit wich.

Frau v. Märzfeld trat mit Frau Amtsrätin Rösner zugleich später in die Veranda; es erfolgte die gegenseitige Vorstellung und dann begann ein Gespräch, aus dem Frau v. Märzfeld Marthas Lebenslage und ihre Pläne erfuhr.

Am anderen Morgen nach dem Bade bat sie Martha um eine Unterredung und schlug ihr vor, im Herbst als Lehrerin bei Fanny einzutreten: „Der Arzt sagt mir heute, daß ich das Kind nach dem Süden bringen muß; ich denke mit ihr im Winter nach der Schweiz zu gehen und möchte eine Deutsche mitnehmen, die sie unterrichtet und sich ihrer Pflege widmet; und da Fanny Vertrauen zu Ihnen zu haben scheint, wäre es mir lieb, wenn Sie die Stelle annähmen. Sie müßten dann natürlich die leibliche Pflege des Kindes ganz mit übernehmen, denn zwei Personen kann ich nicht für sie halten!“

Wie umfangreich die Pflichten sein würden, die sie hierdurch übernahm, konnte Martha natürlich jetzt noch nicht übersehen, aber es erschien ihr natürlich als eine Erleichterung, die unangenehme Wärterin los zu werden. Der Gedanke, die Schweiz zu besuchen, vielleicht den Genfer See mit seinen großartigen Umgebungen zu sehen, hatte für ihre jugendliche Phantasie viel Verlockendes; Fanny selbst schien große Freude an der Aussicht zu haben, und so versprach Martha, gleich nach der Heimkehr mit Werners zu reden und mit ihnen zu überlegen, ob es geraten sei, den Vorschlag anzunehmen.

Suschen war betrübt: „Ich hoffte, du solltest bei uns bleiben bis zu meiner Hochzeit!“ Aber ihre Eltern, so gern sie Martha noch behalten hätten, fanden es doch verständig, auf die Sache einzugehen, die so ungesucht sich bot, natürlich unter der Bedingung, daß erst das Examen gut vollendet sei.

Dies geschah; es wurde trefflich bestanden. Vierzehn Tage hatte Martha danach noch in dem gastlichen Wernerschen Hause verlebt; morgen sollte sie nach M. reisen, um die neue Stelle anzutreten. Sie saß noch einmal mit allen Wernerschen Geschwistern nach Tische in der Hinterstube in wehmütigen Abschiedsgesprächen.

„Den Ajax lasse ich Ihnen, Wilhelm! Sie haben ihn immer gern gehabt; du, Suschen, bekommst meine Vögel.“ Für die anderen hatte sie Blumenstöcke, Bücher, Bildchen. Die Nußbaumkommode kam in die Dachkammer zu den anderen Möbeln, um dort geborgen zu werden, bis ihre Besitzerin sie wieder gebrauchen konnte.

Gegen Abend wanderte Martha an Suschens Arme hinaus zum Grabe der Mutter und weinte dort heiß und lange; beim Abschied von Berlin hatte sie die Mutter noch zur Seite gehabt; beim Abschied von dieser hatten Werners sie in ihre Arme genommen; zum erstenmale zog sie jetzt allein hinaus in eine unbekannte Fremde; das war sehr schwer, und es währte lange, bis durch die dunklen Wolken ihrer Trübsal das Verheißungswort wie ein klarer Stern schimmerte: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Die Kinder hielten indessen zuhause große Beratung: „Wir müssen doch heute Abend eine Abschiedsfeier halten. Es ist schade, daß Suse ganz bei Martha ist, die wüßte schon was!“

„Wenn wir was sängen?“ sagte Luischen.

„Ja, aber was?“

Arthur stimmte an: „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.“

„Das geht nicht“, sagte Wilhelm, „wir werden schwerlich welchen bekommen heute Abend.“

„So leb’ denn wohl, du altes Haus!“ riet Anna.

„Na, dies noch“, rief Hans, „da könnte sie ja denken, sie wäre mit dem alten Hause gemeint.“

„Morgen muß ich fort von hier und muß Abschied nehmen.“

„Nein, das ist zu traurig. Hört“, sagte Wilhelm wichtig, „wir machen ein Lied! Ich fange jetzt an und jeder liefert eine Strophe: