Als der nächste Abend dämmerte, bemerkte Martha, die still und einsam in der Ecke eines Damencoupés saß, in der Ferne die Türme von M. So sehr sie des Fahrens durch die einförmige Gegend unter dem grauen Herbsthimmel müde war, fing doch ihr Herz jetzt an, sehr ängstlich zu klopfen, und sie hätte gern den Flug der Lokomotive aufgehalten. Wußte sie denn, was dort unter den Türmen ihr begegnen würde? Wußte sie, in welches Verhältnis sie treten sollte zu den ihr so wenig bekannten Menschen? Eine Ängstlichkeit, die ihr bis dahin fremd war, kam über sie; jetzt wurde gehemmt, die Lokomotive gab das Signal, der Zug hielt. Zögernd und zitternd stieg sie aus; dichtes Menschengewühl umwogte sie — und kein bekanntes Angesicht darunter!
Frau v. Märzfeld hatte ihr geschrieben, in welchen Hotelwagen sie einsteigen sollte. Als sie sich demselben näherte, trat ihr ein feiner Diener entgegen, fragte nach ihrem Namen und besorgte ihr Gepäck.
In einer breiten, aber wenig lebhaften Straße hielt der Wagen vor einem großen, eleganten Hause. Der Bediente führte sie hinein und die erleuchtete Treppe hinauf in ein sehr sauber und nett eingerichtetes Stübchen.
„Gnädige Frau lassen bitten, daß Sie es sich hier bequem machen.“
Eine Dienerin kam und brachte Kaffee und feines Weißbrot. Martha war erquickungsbedürftig und nahm etwas weniges; aber es wurde ihr schwer, das wenige zu verzehren; sie fühlte sich gar so einsam und elend.
Nach einer halben Stunde erschien der Diener aufs neue: „Gnädige Frau befehlen jetzt!“
Martha folgte ihm. Sie hatte, nachdem Frau v. Märzfeld ihr den Antrag gemacht, Fannys Lehrerin zu werden, noch einige Tage mit den Damen zusammen in dem kleinen Badeorte verlebt; aber es erschien ihr in der Erinnerung, als sei sie dadurch denselben nicht näher, sondern ferner gekommen. Zwar die zweite Tochter Lucie hatte zuweilen recht freundliche Blicke und Worte mit ihr gewechselt, und manchmal war es Martha vorgekommen, als hielte irgendein unbekanntes Etwas dieselbe zurück, sich noch näher an sie anzuschließen; die ältere Tochter aber war vom Anfang an sehr zurückhaltend gewesen, und Frau v. Märzfeld eigentlich unnahbar. So hatte es denn durchaus nicht den Anschein eines Wiedersehens zwischen Bekannten, als Martha jetzt mit beklommenem Herzen ins Empfangszimmer trat.
Die gnädige Frau saß steif und gerade in der Ecke ihres Sofas und musterte die Eintretende durch ihr Augenglas; zu beiden Seiten hatten auf Plüschsesseln Judith und Lucie Platz genommen, feine Stickereien in der Hand.
Lucie erhob sich unwillkürlich, um der Eintretenden entgegenzugehen; Frau v. Märzfeld legte ihre Hand auf den Arm ihrer Tochter: „Nicht so, mein Kind! Fräulein Feldwart wird sich zu uns setzen.“ Damit zeigte sie auf einen Sessel, und Martha fühlte sich genötigt, nach einer ebenfalls steifen Verbeugung darin Platz zu nehmen.
Nach einigen Redensarten, Marthas Reise betreffend, schien die Mama einen großen Anlauf zum Reden zu nehmen. Lucie wollte entfliehen; ein Blick ihrer Mutter zwang sie, sich wieder zu setzen, und diese begann jetzt nach einem kleinen Anfall von Verlegenheitshusten: „Fräulein Feldwart, wir haben uns in der Freiheit des Badelebens kennen gelernt; wir waren dort vollständig gleichberechtigte Personen. Sie stehen wahrscheinlich auch in der Bildung meinen Töchtern ziemlich gleich; dies hat seine wohlthuenden, aber auch seine schwierigen Seiten, und ich sehe es bei Ihrem Eintritt als meine erste Pflicht an, unsere gegenseitige Stellung ganz klarzulegen. Hätten wir unverweilt nach dem Süden gehen können, so hätte sich manches von selbst eingerichtet, oder wir hätten es nicht so genau zu nehmen brauchen. Unser Hausarzt wünscht aber, daß Fanny zuerst noch eine elektrische Kur gebrauchen soll, und ich habe hier so viel Geschäfte vorgefunden, daß wir vor dem Frühjahr schwerlich reisen können. Nun wollte ich Ihnen Folgendes sagen; nicht weil es mir Vergnügen macht, sondern weil ich es für nötig halte: Erwarten Sie als Fannys Lehrerin nicht, daß ich Sie meinen Töchtern gleichstellen und Sie zu unseren Zirkeln und unserer Geselligkeit heranziehen soll; dies paßt sich nicht. Sie werden stets die Stellung einer Untergebenen haben, und ich sage Ihnen das gleich, um Sie vor Täuschung zu bewahren. An unseren Mittags- und Abendmahlzeiten würde ich Sie gern teilnehmen lassen, wenn nicht Fanny durch ihre Schwäche genötigt wäre, im Kinderzimmer zu speisen; ich wünsche, daß Sie dies mit ihr gemeinsam thun und überhaupt das Kind so wenig als immer möglich verlassen. Was ihren Unterricht betrifft, so müssen Sie sehen, wo Sie anknüpfen und wie Sie durchkommen können; es versteht sich, daß das kranke Kind nicht angestrengt werden darf; aber so unwissend, wie sie jetzt ist, darf sie nicht bleiben.“
Martha hörte still zu; die Farbe auf ihrem Gesichte wechselte einigemal; sie bezwang sich aber, und die Ruhe und Bestimmtheit der Prinzipalin gab ihr den Mut, ebenso ruhig zu bitten, daß man ihr gestatten möge, vorausgesetzt, daß Fanny nicht kränker sei, sonntäglich einmal zur Kirche und täglich eine Stunde spazieren zu gehen, was der Arzt ihr zur Pflicht gemacht habe.
Es wurde ihr bedingungsweise gewährt: „Wenn es gutes Wetter ist, wird Fanny jeden Tag ausgefahren; dann wünsche ich, daß Sie in ihrer Begleitung gehen. Jetzt wird Lucie Sie hinauf zu Fanny bringen; ich habe diese Unterredung in Gegenwart meiner Töchter geführt, damit sie meinen Willen wissen; meine zweite Tochter hat große Neigung, sich über die nötigen Formen hinwegzusetzen.“
Martha verbeugte sich und folgte ihrer Führerin die Treppe hinauf in einem sonderbaren Zustande: nicht aufgebracht, nicht entrüstet, aber wie mit Wasser begossen und kühl bis ans Herz hinan.
Vor Fannys Thür wandte sich Lucie um: „Wir können uns doch lieb haben, Fräulein Martha, ganz gewiß!“ sagte sie, und Martha glaubte Thränen in ihren Augen zu sehen. Sie war etwas verwundert über dies schnelle Entgegenkommen, es machte sie beinahe verlegen.
„Ja, Fräulein Lucie, aber wir müssen durchaus die Grenzen dabei festhalten, die Ihre Frau Mutter uns gesteckt hat; ich würde sonst ihr gegenüber in eine schiefe und unhaltbare Stellung kommen.“
„Ach, und lieben Sie Fanny ein wenig; sie ist so unglücklich durch ihre Kränklichkeit!“
„Gewiß will ich das!“ sagte Martha warm und trat über die Schwelle einer einfachen aber freundlichen Stube, hinter deren breitem Fenster, dessen Gardinen jetzt zugezogen waren, Fanny, von einer Hängelampe beleuchtet, in ihrem Rollstuhle lag.
„Nun, guten Tag, liebe Fanny! Siehst du, hier bin ich; nun sage mir, wie es dir ergangen ist, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben!“
„Schlecht“, sagte sie, aber sie reichte Martha die Hand.
„Wie so, schlecht? Hattest du vermehrte Schmerzen?“
„Manchmal auch; aber das Elektrisieren ist so schrecklich, und Katharine war die ganze Zeit so schlimm zu mir, und das Hausmädchen thut mir immer so weh, wenn sie mich ankleidet!“
„Vielleicht kann ich das lernen!“ sagte Martha freundlich.
Es klingelte jetzt, und Lucie wußte, daß dies für sie das Signal sei, das Schwesterchen zu verlassen. Sie umarmte Fanny etwas stürmisch zum Abschied; das blasse Gesichtchen verzog sich schmerzlich.
„Lucie ist gut zu mir“, sagte sie, sobald dieselbe das Zimmer verlassen hatte, „aber sie denkt nicht daran, wo es mir weh thut. Sie kann auch wenig bei mir sein; sie muß sich noch so viel üben im Singen und Zeichnen und muß auch viel in Gesellschaft gehen; Mama sagt, das sei für ein Fräulein nötig.“
„Was thatest du denn heute Nachmittag?“
„Was sollte ich thun? Ich sah in die Wolken; die bekommen immer andere Gestalten; man kann sich Riesen, Ritter und Drachen darunter vorstellen, die führen Krieg, laufen hintereinander her und fressen sich auf; das ist so unterhaltend!“
„Kannst du nicht etwas lesen?“
„O, lesen kann ich gut; als ich gesund war, hatte ich Stunde. Aber es ist in den Büchern immer so vieles, das ich nicht verstehe, und es ist niemand da, der mir ordentlich antwortet, wenn ich frage, als höchstens manchmal Judith; aber sie hat sehr wenig Zeit.“
„Wie lange bist du denn so krank?“
„Ich glaube, seit zwei Jahren; da war ich einmal, heiß vom Spielen, ins Wasser gefallen. Der Gärtner holte mich wieder heraus, aber ich wurde nie mehr gesund; ist das nicht schändlich?“
„Schmerzlich, Fanny, oder betrübt! Siehst du, was uns der liebe Vater im Himmel schickt, das kann wohl schwer und bitter für uns sein, aber schändlich gewiß nicht!“
„Das verstehe ich nicht, du sprichst ganz wie Margaretchen!“
„Wer ist Margaretchen?“
„Ach, die alte Näherin, die manchmal kommt; sie sitzt dann dort in der Nebenstube und speist mit mir! Die sagt auch, Gott habe mich lieb! Aber warum läßt er mich denn krank werden?“
„Das wirst du auch noch einmal erfahren, Fanny! Jetzt können wir das noch nicht wissen!“
Das Mädchen kam jetzt, deckte den Tisch und setzte Thee und kalte Speisen auf.
„Werden Sie hier essen?“ fragte Fanny gespannt.
Martha nickte.
„Das ist schön! Katharine ging dann immer hinüber in die Gesindestube und kam nicht eher wieder, bis der Thee ganz kalt war.“
Martha betrachtete sich die Sache: „Ich werde deinen Rollstuhl dicht an den Tisch heranbringen, das ist gemütlicher für uns beide. Du sagst mir jetzt, wie du die Butterbrötchen am liebsten hast, so richte ich sie dir ein. Meinst du nicht, daß so ein weiches Ei und etwas roher Schinken dir wohlthun würde? Siehst du, ich bin hungrig von der Reise, mir wird es auch schmecken. Aber erst wollen wir beten.“
„Beten?“ fragte das Kind verwundert.
„Ei, wir müssen uns doch beim lieben Gott bedanken für alle die guten Gaben, und müssen ihn bitten, daß er uns ferner nicht verläßt!“
Fanny nickte ernsthaft.
Martha sprach einfach: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich!“ Dann begann das Souper.
Die Kleine hatte keinen frischen Appetit; Martha mußte ihr zureden, ein wenig zu nehmen; aber das half zuweilen.
Man hörte jetzt Räder rollen und verschiedene Kutschen vor dem Hause anfahren; es wurde unruhig unter ihnen.
„Mama hat heute Gesellschaft; ich schlafe auch nicht eher, bis Lucie mir Eis und Konfekt heraufgebracht hat; das thut sie jedesmal!“
Martha zweifelte, ob es weise sei, dem kränklichen Kinde, das kein Verlangen nach einfacher, nützlicher Nahrung hatte, Dinge zu bringen, die ihr den Magen noch mehr verderben mußten; aber für heute mußte sie sich ja noch aller Eingriffe enthalten. Sie bat nur: „Lege dich immer einstweilen nieder, Fanny. Du ruhst besser, und ich bleibe hier neben deinem Bette!“
Das Hausmädchen kam jetzt und Martha ließ sich das Nachtzeug des Kindes bringen.
„Ich will sie heute einmal selbst auskleiden!“ sagte sie. Ihre leichte, geschickte Hand bewährte sich auch hier; Fanny jammerte wenig und erklärte sich zufrieden mit ihrem Beistande.
„Bleiben Sie auch die Nacht über hier?“
„Ich weiß noch nicht Bescheid im Hause; aber ich glaube, mein hübsches Zimmerchen muß ganz in der Nähe sein!“
„Vielleicht ist es nebenan, Fräulein Feldwart? O bitte, öffnen Sie einmal die Thür und sehen Sie zu, ob es so ist!“
Es war so! zu Fannys großem Jubel!
„O nicht wahr, Sie lassen die Thür ein klein, klein wenig offen? Katharine schläft zwar hier in der kleinen Kammer und giebt mir, was ich gebrauche; aber es wäre zu schön, Sie so nahe zu haben!“
Martha versprach dies gerne. Nichts hätte sie am heutigen Abend so sehr trösten können, als die Überzeugung, daß sie der kleinen Kranken lieb und nötig sei, und sie bat Gott innig, er möge ihr Kraft geben, dem Kinde in der rechten Weise beizustehen.
Jetzt rauschte es auf der Treppe, und in einem schweren, dunkelblauen Seidenkleide, äußerst passend und geschmackvoll angethan, erschien Frau v. Märzfeld, um ihrer Kleinsten „gute Nacht“ zu sagen. Sie war wirklich eine auffallend stattliche Erscheinung, besonders fand Martha dies, als sie sich mit zärtlichem Mitleid über das kranke Kind beugte. Sie sah freundlich auf Martha, die von ihrem Stuhl aufgesprungen war, um der Mutter Platz zu machen.
„Nun, haben Sie sich schon ein wenig zusammen befreundet?“
„Ich denke, gnädige Frau, und ich hoffe, wir werden es mit jedem Tage mehr thun.“
„Das würde mir ganz außerordentlich lieb sein; dies kleine Wesen kann Licht und Hitze und Geräusch nur wenig ertragen, und doch ist es meine Pflicht, um ihrer Schwestern willen in der Gesellschaft zu leben. Es wäre mir eine große Beruhigung, sie nicht verlassen zu wissen. Aber plaudern sie nicht zu lange mit ihr, nach zehn Uhr muß sie schlafen.“
„O Mama, heut’ ein wenig nach zehn; Lucie bringt mir erst noch Eis!“
„Meinetwegen!“ sagte die Mutter freundlich, indem sie die Kleine zum Abschied küßte. „Fräulein Feldwart, Sie stehen mir dafür, daß es nicht zu lange wird!“
Martha versprach es.
„Bitte, erzählen Sie mir etwas“, bat Fanny, als sie allein waren.
„Hat dir jemand schon aus der biblischen Geschichte erzählt?“
„Jetzt lange nicht, früher wohl; ich glaube, Katharine wußte nichts davon.“
„Weißt du, wer Jakob war?“
„Ein wenig; ich glaube, er vertrug sich nicht mit seinem Bruder Esau.“
Martha erzählte von Jakob; seinen Ausgang aus dem Vaterhause; seine Angst vor seinem Bruder, den er um sein Erstgeburtsrecht gebracht; wie er sich am Abend niederlegte auf einen Stein mit seinem Kopf, und ihm dann im Traume die Himmelsleiter erschien, an der die Engel hinauf- und herabstiegen.
„O, das muß schön gewesen sein!“ sagte Fanny. „Giebt’s jetzt auch noch Engel?“
„Freilich! Christus sagt von den Kindern: ‚Ihre Engel sehen allezeit das Angesicht meines himmlischen Vaters.‘“
„Hab’ ich auch einen?“
„Gewiß, Fanny, hast du deinen Engel, der an deinem Bette wacht, wenn du schläfst, und dich behütet, wenn du in deinem Rollstuhl liegst.“
„Kann er mich auch gesund machen?“
„Er wohl nicht; aber der Vater im Himmel, der den Engel sendet, und wenn es dir gut ist, thut er es gewiß; wir dürfen ihn alle Tage darum bitten.“
„Ach, das wollen wir thun!“
Das Gespräch wurde jetzt unterbrochen; von unten herauf drang nicht mehr das Gemurmel sprechender Stimmen, sondern silberklare Töne eines sehr schönen Flügels; es ertönte eine Sonate von Beethoven, dies konnte man deutlich unterscheiden, obgleich von den feineren Tönen natürlich viel verschwand.
„Sie hören gern Musik?“ fragte Fanny.
„Sehr gern!“
„Ich sah es Ihnen an; Sie verstehen auch, was die Töne miteinander sprechen.“
„Verstehst du das auch, Fanny?“
„Natürlich; es ist eine andere Sprache als die, in der wir uns unterhalten; aber man fühlt ganz deutlich im Herzen, wie es gemeint ist.“
Jetzt wurde präludiert; eine sehr frische, jugendliche Stimme sang reizende Lieder von Franz und Schumann; beide Zuhörerinnen lauschten.
„O, das ist schön!“ rief Martha.
„Geben Sie acht, wenn Judith singt, ist es noch schöner; das war Lucie!“
Ja! Jetzt ertönte es unten: „Leise, leise, fromme Weise, Schwing dich auf zum Sternenkreise etc.“ Welche edlen, vollen, weichen Töne, welche vollendete Auffassung! Sie hätte kaum der stolz erscheinenden Judith solchen Gesang zugetraut; das kam aus dem Innersten — daran war nicht zu zweifeln! Es war eine solche Wärme im Vortrag, daß Martha mit Entzücken zuhörte. Es war ihr sonderbar zumute; sie war zu lange und zu gern in der großen Geselligkeit zuhause gewesen, um nicht das Gefühl zu haben, daß sie dort unten ganz an ihrem Platze sein würde und ihre frische Singstimme wohl auch zur allgemeinen Freude erschallen lassen könne.
„Wären Sie gern unten?“ fragte Fanny.
Martha fuhr aus ihrem Traume empor, dem sie einige Minuten nachgehangen hatte: „Ich bin auch gern hier bei dir, Fanny!“
„Ja, und Sie sind auch noch viel besser dran als ich; Sie haben doch Beine und könnten hinuntergehen, und würde Ihnen auch nicht gleich schlecht von all dem Lärm.“
Man hörte jetzt unten vermehrte Bewegung.
„Jetzt geht es zu Tische“, sagte die Kleine; „nun dauert es nicht mehr sehr lange, bis Lucie kommt mit dem Eis.“
Nach einer kleinen Stunde erschien diese auch wirklich mit einem ganzen Präsentierteller voll der süßen Herrlichkeiten.
„Ihr müßt jetzt beide schmausen; das sind ganz unschädliche Sachen, und ich bleibe so lange hier und sehe euch zu.“
Martha sah mit großer Sorge die großen, süßen Vorräte: „Wird es auch Fanny nicht schaden, wenn Sie dies alles heute Abend verzehrt?“
„O, was soll ihr das schaden?“ rief Lucie; „sie ist ja doch nur von Erkältung krank!“
„Aber wir könnten ein wenig aufheben auf morgen“, begann Martha aufs neue.
Lucie lachte: „Sie wissen nicht, was dies für ein kleiner Naschvogel ist!“
Martha wurde überstimmt; erst, als alles aufgezehrt und Lucie zu ihrer Gesellschaft zurückgekehrt war, machte Fanny Anstalt, einzuschlafen.
Martha sprach über sie mit gefalteten Händen den Vers:
Fanny sah sie anfangs verwundert an, dann legte es sich wie Frieden über ihre unruhigen Züge.
„Ja“, sagte sie beim Schluß, „jetzt will ich schlafen; ich sehe sie hinauf- und heruntersteigen, und sie singen schon.“
Martha ging nun in ihr Stübchen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Es war ihr noch nicht klar, wie es hier weiter gehen würde; sie sah manches Schwierigkeit, manche Demütigung für ihre stolze Natur auf ihrem Wege liegen; aber sie empfand es als ein großes Glück, daß Fanny sichtlich ihr vertraute; und des Kindes Herz mehr und mehr zu gewinnen, ihr hartes Los zu erleichtern, ihr eine Freundin zu werden, das war eine Aufgabe, die wohl geeignet war, sie mit ihrer Lage auszusöhnen, und als sie endlich ermüdet ihr Lager suchte, war ihre Zuversicht so stark, daß Gottes Schutz und Obhut über ihrem Haupte sei, daß sie mit dem Kinde hätte sagen mögen: „Ich höre es, die Engel singen schon!“
Am anderen Morgen brachte denn nun freilich das neue Tagewerk Schwierigkeiten genug. Zuerst wurde sie von ihrer Morgenandacht aufgeschreckt durch Fannys Jammergeschrei, die sich vom Mädchen ankleiden lassen sollte. Sie schien große Schmerzen dabei zu haben, und Martha eilte hinüber, um zu sehen, ob sie ihr nicht eine Erleichterung gewähren könne. Sie versuchte dem Mädchen Anleitung zu geben, die schmerzenden Glieder nach Möglichkeit zu schonen; diese gab sich auch die erdenklichste Mühe, aber vergebens; Fanny schrie weiter. Sobald Martha Hand anlegte, beruhigte sie sich sofort, und obwohl es unschwer zu durchschauen war, daß neben den Schmerzen ein nicht geringes Maß von Eigensinn der Grund des Jammers sei, blieb doch für Martha keine Wahl: sie schickte das Mädchen fort und suchte allein fertig zu werden. „Heute muß ich den Eigensinn ignorieren“, dachte sie; „bleibt es so, dann muß er natürlich bekämpft werden; aber wie?“
Sie war jetzt erst 21 Jahre alt. So wechselvoll und zum Teil so schwer ihr Leben bis dahin gewesen war, so hatte sie doch bis gestern stets unter der liebevollsten Obhut gestanden; jetzt sollte sie auf eigenen Füßen stehen unter recht schwierigen Verhältnissen. Hätte Frau v. Märzfeld sie an sich herangezogen, hätte sie ihr mit Rat und That beigestanden, so wäre ihre Aufgabe leichter zu lösen gewesen; wie die Sachen jetzt lagen, konnte sie sich nur auf Gottes Hilfe verlassen.
Gleich nach dem Frühstück kam Judith in sehr sauberem, elegantem Morgenanzuge, um zu fragen, wie ihr Schwesterlein geschlafen habe, und brachte einen sehr fein gebundenen Blumenstrauß mit. Fanny klagte, sie habe viel geträumt, Martha mußte bestätigen, daß sie recht unruhig gelegen und oft im Traume geseufzt habe.
„Das haben Sie durch die Thür hören können, Fräulein Feldwart?“
„O nein“, antwortete Martha, „ich ließ dieselbe ein wenig zwischen uns offen.“
„Hast du das gewünscht, Fanny?“
Fanny nickte.
Judith dachte ein wenig nach: „Das geht durchaus nicht; wenn Fräulein Feldwart den ganzen Tag über bei dir sein soll, muß sie in der Nacht völlige Ruhe haben; hörst du, Fanny?“
Martha bat: „Ich bin jung und gesund und würde doch nach Fanny hinhören, wenn auch die Thür zwischen uns geschlossen wäre! Vielleicht schläft auch mein armer, kleiner Zögling ruhiger, wenn sie diesen Abend nicht so viel Zuckerwerk und Eis bekömmt.“
„Also doch wieder!“ sagte Judith nachdenklich und ging nach einer kleinen Weile.
Fanny war verdrießlich: „Sie sind gerade so streng wie Judith, die will mir auch immer kein Zuckerwerk geben!“
„Ja, Fanny, weil wir beide wünschen, du mögest bald gesund werden; da möchten wir dir nichts geben, was dir schaden kann.“
Zunächst kam es nun für Martha darauf an, zu ergründen, wie weit Fanny auf den verschiedenen Gebieten des Wissens gekommen war; sie machte natürlich sehr unbefriedigende Entdeckungen. Lesen konnte sie, schreiben wegen ihrer schmerzenden Glieder nur sehr mangelhaft. Das Rechnen schien ihr ganz fremd und obendrein sehr zuwider zu sein; auch vor der Geographie mit ihren vielen Namen und Zahlen empfand sie große Scheu, und sowohl aus der weltlichen als biblischen Geschichte hatte sie nur einzelne Episoden behalten, welche das Gefühl und die Phantasie in besonderer Weise in Anspruch nahmen. Diese faßte sie, wie neulich die Geschichte von der Jakobsleiter, mit großer Lebendigkeit und Innigkeit auf; aber alles, was sich nur an den Verstand wendete und eigentliche Arbeit und Anstrengung erforderte, wies sie beharrlich zurück. Wäre ihr Leiden von der Art gewesen, daß man ein frühes Ende hätte befürchten müssen, so würde Martha gedacht haben: „Fliege du, fliege du bis in den Himmel hinein!“ denn Martha flog selbst gern. Aber abgesehen davon, daß ihr eigenes Herz nur schwer den Gedanken hätte fassen können, die junge Blüte unrettbar dahinwelken zu sehen, sprach auch der Arzt die sichere Hoffnung aus, sie werde das Leiden in einigen Jahren überwinden. „Dann“, sagte Martha, „darf sie nicht nur fliegen, dann muß sie auch gehen lernen“, und sie versuchte auf jede mögliche Weise, sie nach und nach an eine geregelte Thätigkeit zu gewöhnen. Methodisch, wie sie es gelernt und wie es in vollen Schulklassen meist so trefflich fördert, durfte sie hier nicht vorgehen. Hatte sie Fanny mit unsagbarer Mühe dahin gebracht, aufmerksam zuzuhören und vier bis sechs Fragen zu beantworten, so erklärte dieselbe dann aufs bestimmteste: „Ich kann nicht mehr, mein Kopf thut mir weh“, und war weder mit Güte noch mit Ernst auch nur einen Schritt weiterzubringen.
Martha mußte förmlich auf neue Wege studieren. Sie fing an, Fanny im Gespräch für einen Gegenstand zu interessieren und suchte auf diese Weise die Begierde in ihr zu wecken, mehr von demselben zu erfahren. Sie benutzte ihre Ausgänge, um in den Buchhandlungen nach Reise- oder Lebensbeschreibungen zu suchen, welche für das kindliche Alter geeignet waren, aber auch hier ermüdete die schwache und verwöhnte Schülerin schnell. Martha fand bald, daß es besser ging, wenn sie sich über ein Land, ein Volk, eine Episode aus der Geschichte so viel als möglich Kenntnisse aneignete oder vergegenwärtigte und dieselben ihrer Schülerin dann frei und in möglichst angenehmer Form vortrug. Es war nicht zu leugnen, daß die junge Lehrerin auf diese Weise eine höhere Stufe erstieg; es kostete aber viel Zeit und Kraft, und inbezug auf Fannys eigene Anstrengungen war wenig gewonnen. Oft dachte Martha: „Wenn man doch nur die Grenze genau sehen könnte, wo das ‚Ich kann nicht!‘ in das ‚Ich will nicht!‘ übergeht!“ Der treue Hausarzt selbst war in dieser Beziehung unsicher; es ist schon bei erwachsenen Nervenkranken nicht leicht, die Grenze zu finden, wo man ihnen nachgeben und wo man ihnen widerstehen oder sie zu kräftigen und zu stärken suchen muß. Martha kam darin zu keiner rechten Klarheit; daß sie selbst jung, gesund und lebhaft war, riß die Kleine mitunter zu Anstrengungen fort, die ihr wohl bekamen, aber eine gründlichere Hilfe kam zuletzt auf eine andere Weise.
Fanny hatte für religiöse Eindrücke, wie schon gesagt, ein empfängliches Gemüt; aber als ihre Lehrerin in der Religionsstunde den gewöhnlichen Weg einschlagen wollte, zuerst die zehn Gebote mit allen Erklärungen durchzunehmen, stieß sie wieder auf entschiedenen Widerstand: „Das kann ich nicht! das ist zu schwer!“ Die nahe Adventszeit richtete von selbst den Blick auf das Kommen des Heilandes; Martha nahm in den Frühstunden alle Verheißungen auf Christi Erscheinung, seine Geburt, sein Leben, seine Wunder, sein Leiden, Sterben und Auferstehen durch; und hier war nichts, was Fanny nicht mit ganzem Herzen erfaßt hätte; von hier aus war es leicht, Licht auf alle bis dahin dunklen Gebiete fallen zu lassen; eine neue Welt ging für Fanny auf, eine Welt der Liebe und des Friedens, die ihr bisher verborgen geblieben war, die ihr liebliches Licht hineinsandte in ihr Leiden und in ihr Herz und alle Bitterkeit daraus vertrieb. Mit ihrer Liebe zu dem Quell aller Liebe wuchs auch ihre Liebe für Martha, die ihr das neue Leben erschlossen hatte, und an die Stelle des bisherigen Widerstrebens trat das Verlangen, in allen Stücken zu thun, was diese wünschte, und obgleich leibliche Schwäche und große Verwöhnung ihr dies schwer machten, war es doch deutlich zu sehen, daß sie allmählich etwas vorwärts kam. Martha freute sich innig, daß ihre Thätigkeit sichtlich mit Erfolg gekrönt wurde; aber dieselbe forderte ein Aufbieten all ihrer Kräfte, und sie sehnte sich oft nach einer Ausspannung und Erquickung für ihr eigenes Herz.
Die beiden älteren Töchter des Hauses fingen je mehr und mehr an, ihr Interesse zu erregen. Lucie war stets anmutig und freundlich, wenn sie ins Krankenzimmer kam; ja sie hatte anfangs ganz herzliche Anwandlungen! aber wenn ihr Martha mit sanfter Bitte entgegentrat, so oft sie das Schwesterchen mit Leckereien überschütten wollte, wurde sie verstimmt und verstimmte Fanny mit. Erst als einmal der Hausarzt sich ganz streng gegen solche Diät ausgesprochen hatte, unterblieben die Versuche dazu, und Martha wußte, daß sein Verbot durch Judith veranlaßt war, die ihre Sorge teilte. Judith behielt ihr ernstes, zurückhaltendes Wesen, sowohl dem Schwesterchen als Martha gegenüber, lange Zeit unverändert bei; aber wenn Martha es wagte, ihr Vorschläge zu machen, wie Fannys Lage in Wahrheit zu erleichtern sei, war dies nie vergebens; Judith dachte darüber nach und suchte zustande zu bringen, was Martha wünschte.
Der Gärtner hatte bis jetzt jede Woche andere blühende Gewächse gebracht und die abgeblühten mit zurückgenommen, und Martha hatte mit Betrübnis gesehen, daß Fanny von ihrem reizenden Blumenfenster nur sehr wenig Freude hatte. Judith war eine große Blumenliebhaberin und betrübte sich über Fannys Gleichgültigleit ebenfalls. Als sie dies eines Morgens aussprach, sagte Martha: „Ich glaube, Fräulein Judith, Fanny würde viel größere Freude haben, wenn sie die Pflanzen pflegen und gedeihen sehen könnte und wenn sie selbst etwas zur Blüte brächte!“ Gleich am anderen Morgen erschien Judith in Gesellschaft eines Gärtnerburschen und brachte die verschiedensten jungen Pflänzchen mit; sie hatte sich beim Gärtner sehr sorgsam erkundigt, wie jedes zu behandeln sei, und weihte das Schwesterchen in das Geheimnis ein, indem sie ihr anschaulich schilderte, wie die Blüte und die weitere Entwickelung sein werde. Nun gab es jeden Morgen eine halbe Stunde der Thätigkeit und gespannten Aufmerksamkeit; die Pflänzchen wuchsen natürlich dem ungeduldigen Kinde lange nicht schnell genug; aber jedes neu hervorsprießende Blatt, jede Knospe und aufbrechende Blüte erregte Jubel.
Martha sah Lucie fast nur in Gegenwart ihrer Mutter, und wenn sie heruntergeholt wurde, den Gesang der Schwestern zu begleiten; Frau v. Märzfeld wußte sie dann aber unter irgendeinem Vorwande sofort wieder zu entfernen. Auf Fannys Bitte hatte Martha dieser das Mozartsche „Veilchen“ und einige von den reizenden Taubertschen Kinderliedern vorgesungen, als Frau v. Märzfeld in das Zimmer trat.
„Ich wußte nicht, daß Sie singen!“ sagte sie.
„Ich sprach nicht davon, weil ich nur ein einziges Jahr Stunden hatte und abbrechen mußte, bevor der Unterricht irgendwie beendet war.“
„Ich höre wenigstens, daß Sie sicher sind, und Sie sollen uns heute Abend aus einer großen Verlegenheit helfen. Judith ist leider heiser geworden; wir hatten für sie auf ein Duett und die erste Stimme eines Quartetts gerechnet; ich bitte, daß Sie ihre Stelle vertreten.“
„Das thue ich gern“, sagte Martha; „nur möchte ich beides noch einmal durchsingen, und dann“ — setzte sie fast verlegen hinzu — „habe ich kaum ein Kleid, in solcher Gesellschaft zu erscheinen.“
„Das wird niemand von Ihnen verlangen, indem Sie ja nicht als Glied der Gesellschaft kommen, sondern als die Lehrerin meines Kindes, die uns eine Gefälligkeit erweist.“
Martha fühlte wieder den Sturz kalten Wassers, aber sie beherrschte sich. Sie hatte mit Lucie das Lied zu singen: „O, säh’ ich auf der Heide dort im Sturme dich etc.“ Beide durften es bei Fanny probieren und diese war entzückt davon: „Ich möchte sehen, wie sich alle über euch freuen.“
Erst als sie gerufen wurde, und zwar sehr sauber, aber sehr einfach gekleidet, trat Martha in die Gesellschaft ein. Frau v. Märzfeld stellte sie vor: „Die Gouvernante meiner Fanny!“ Ihr wurde niemand vorgestellt. Ein junger Mann saß am Flügel, bereit, sie zu begleiten. Die ersten Töne, welche Martha sang, zitterten ein wenig; aber dann riß die Musik sie mit sich fort, und ihre weiche, biegsame Stimme entfaltete all’ ihre Fülle und Macht. Beifall erklang von allen Seiten, und als auch das Quartett zur höchsten Zufriedenheit beendet war, trat ein vornehm aussehender junger Herr zu Martha und fragte: „Wo hatten Sie Singstunde, mein Fräulein?“
„In B., aber nur kurze Zeit.“
„Man merkt das nicht; Sie singen allerdings mit mehr Freiheit, als eine junge Dame, die sich noch mitten im Lernen befindet, aber durchaus nicht, als wären Sie mit der Schule nicht fertig geworden.“
Der Herr schien einiges von der Musik zu verstehen; sie kamen auf ihre Lieblingskomponisten, und da er ernst und gehaltvoll sprach, antwortete ihm Martha gern und freute sich der lebhaften Unterhaltung.
Frau v. Märzfeld rauschte heran: „Graf T., vielleicht helfen Sie mir etwas, die Plätze zu arrangieren. Fräulein Feldwart, Ihre Schülerin wird nach Ihnen verlangen.“
Martha verneigte sich und ging; es wurde ihr aber heute Abend schwer, sich mit Fanny zu unterhalten; immer wieder trat der wenig angenehme Auftritt vor ihr inneres Auge; sie schämte sich so sehr, daß sie nach dem Gesange auch nur eine Minute unten geblieben war. Sie ertappte sich einigemal dabei, daß eine Thräne auf ihre Arbeit fiel, und doch mußte sie sich eingestehen, daß ihr eigentlich nichts Schlimmes widerfahren sei — sie war ja die Gouvernante; Frau v. Märzfeld hatte das Recht, zu wünschen, daß sie bei ihrem Kinde bleibe. Sie hatte sich auch vollkommen davon überzeugt, daß dieser nichts ferner lag, als sie kränken zu wollen, denn sie war zu anderen Zeiten aufrichtig dankbar für Marthas Bemühungen um das Wohl ihres Kindes. Sie hielt es offenbar für ihre heilige gesellschaftliche Pflicht, die Lehrerin auf der Stufe zu erhalten, die sie für angemessen hielt; aber fast nichts war dieser so schwer geworden, als dies ruhige, geflissentliche Hinausgetrieben-werden aus der Stellung, welche sie bisher im Leben eingenommen hatte. Sie mußte hart kämpfen, dies zu überwinden; es wurde ihr nicht erleichtert durch Luciens Entrüstung darüber und sie dachte lebhaft an Pastor Wohlgemuths Worte: „Sie werden klein und niedrig sein müssen, und das wird gerade für Ihre Natur sehr schwer sein!“ „Darum schickt es mir der liebe Gott“, dachte sie; „ich will es aus seiner Hand nehmen und desto mehr für Fanny sein, die es mir sichtlich dankt.“
Frau v. Märzfeld liebte ihr kleines Mädchen wirklich und sorgte für dasselbe, so viel es möglich war, ohne in dem gestört zu werden, was sie als ihre Lebensaufgabe ansah, nämlich ihrer geselligen Stellung zu genügen und für ihre erwachsenen Töchter gute Partieen zustande zu bringen. Keine Ausgabe war ihr zu groß, wenn Martha Vorschläge machte, Fannys Lage zu verbessern und ihr Dasein auszuschmücken. Sie erkannte auch Marthas Thätigkeit und ihre Erfolge völlig an und sprach dies sogar zuweilen recht freundlich aus; nur die Kluft zu überbrücken, die nach ihrer Meinung zwischen ihrer Familie und Martha bestand, das fiel ihr niemals ein.
Eines Tages, als Margaretchen im Nebenzimmer nähte, kam diese auf eine arme Familie zu sprechen, die den Vater plötzlich verloren hatte und nun in der größten Not war. Fannys weiches Herz war gerührt; sie hätte gern ihre reich ausgestattete Sparbüchse bis zum letzten Heller den Armen gegeben. Martha machte ihr begreiflich, daß es nicht richtig und schön sei, unüberlegt zu verfahren; sie versprach, sich morgen früh selbst nach den dringendsten Bedürfnissen der Leute zu erkundigen. „Und dann“, sagte sie, „müssen wir rechnen, ordentlich rechnen; denn wir müssen etwas behalten für die Geburtstage von Mutter und Schwestern, für die Missionskasse, für das Rettungshaus u. s. w.“ Und Fanny rechnete; sie rechnete hier, wo sie einen Zweck vor Augen hatte, mit Vergnügen, und Martha schöpfte Hoffnung, sie auch in dieser ihr bisher sehr widerwärtigen Kunst nach und nach weiter zu bringen. Da ihre kranken Fingerchen nicht imstande waren, Strümpfe für die verwaisten Kinder zu stricken, lernte sie wenigstens das leichtere Häkeln, um die Knaben mit Shawls zu versorgen.
So verging der Winter unter vielerlei Anstrengungen, aber nicht fruchtlos und nicht freudenlos. Die angefangene Kur hatte die kleine Patientin so gekräftigt, daß sie nicht mehr gehoben und getragen werden mußte, sondern sich einige Schritte weit selbständig fortbewegen konnte. Die Tage wurden, sonnig, die Wege trocken; Fanny ward vom Diener jeden Tag ausgefahren, und Martha ging dann neben ihr, um sie aufmerksam zu machen auf Blumen, Bäume, Menschen, schöne Gegenstände in den Schaufenstern, und all’ die tausend Fragen zu beantworten, welche das Kind, angeregt durch so viel neue Eindrücke, an sie stellte. Sie that dies sehr gern, aber sie fühlte doch, daß ihr auf diese Weise die einzige Zeit zum Ausruhen, zur stillen Sammlung und zum Nachdenken über ihren nicht leichten Beruf genommen wurde. Der März befreite sie von diesen Wegen, aber nicht zu ihrer Freude. Fanny bekam den Husten, und dieser wollte keiner Arzenei oder sonstigen Verordnung des Arztes weichen; sie war wiederum aufs Zimmer angewiesen und war jetzt, an mehr Abwechselung gewöhnt, ein eigensinniger Patient. Am ersten April ging das Hausmädchen ab, um sich zu verheiraten, und Fanny war so unglücklich bei dem Gedanken, sich einer anderen Hand anzuvertrauen, daß Martha versprach, sie fortan allein zu pflegen. Das Glück des Kindes war ein großer Lohn; aber die Nerven, selbst Marthas kräftige Nerven ließen sich solche Überanstrengung nicht gutwillig gefallen; sie war zum erstenmal im Leben matt und reizbar, mußte gegen trübe Gedanken kämpfen und sehnte sich herzlich nach der versprochenen Übersiedelung nach dem Süden. Sie gehörte nicht zu denen, die viel über ihr leibliches Befinden zu grübeln pflegen und sich selbst große Wichtigkeit beilegen; aber sie empfand es mehr, als sie es sich eingestand, wie schwer es war, daß keiner mehr mit zarter, liebevoller Fürsorge sie beobachtete und ihr zu helfen suchte, wenn sich in ihren Gesichtszügen Abspannung, Müdigkeit, Kränklichkeit abmalte. Es wird den Eheleuten am Altar gesagt, daß ihr Stand „nicht ohne Kreuz“ ist; ach, ebenso gewiß und fast gewisser kann man vom Stand einer jungen Lehrerin sagen, daß er „Dornen in die Menge und manches Kreuz trägt“. Ist der innere Beruf und die volle Fähigkeit dafür vorhanden, dann werden solche Leidensstunden und Schwierigkeiten überwunden; hat nur Verlangen nach Freiheit und Selbständigkeit auf diese Bahn gedrängt, so entstehen daraus schwere Kämpfe, denen oftmals Leib und Seele unterliegen.
Gegen Ostern kam der Hausarzt, um die Sommerkur mit Frau v. Märzfeld zu besprechen; seine Entscheidung lautete: „O, Sie brauchen gar nicht so sehr weit fortzugehen; gehen Sie Mitte Mai mit dem Kinde zur Molkenkur nach Heyden an den Bodensee, und ist dann etwa nach sechs Wochen der Husten ganz fort, so bringen Sie Fanny nach Ragatz oder noch lieber nach Pfäffers in der Taminaschlucht; da wird sie wahrscheinlich bald erstarken und beweglich werden.“
Martha schwärmte für schöne Natur; sie wäre gern noch tiefer hineingekommen in die Wunderwelt der Schweiz; dennoch sah sie der Reise mit Spannung und großen Erwartungen entgegen. Sobald der Mai erschienen war, brach man auf. Frau v. Märzfeld hatte ein ganzes Coupé genommen, um es Fanny bequem zu machen. Am ersten Tage fuhr man bis Frankfurt am Main bei rieselndem Regen; die Leidende klagte viel über Schmerzen; Martha bemühte sich, ihre Gedanken davon abzuziehen, indem sie ihr von den Orten, an welchen sie vorüberfuhren, mancherlei erzählte. Aber so leise dies geschah, störte es doch Lucie in ihrer Reiselektüre, und sie äußerte dies sehr vernehmlich durch verwunderte Blicke und ungeduldige Bewegungen; Judith versuchte anfangs Martha beizustehen, aber das eintönige Grau rings umher, das Anschlagen der Tropfen an die Fenster ermüdete sie, und sie schlief bald fest in der einen Ecke, während in der anderen die Mutter ihre Stirn unaufhörlich mit wohlriechendem Wasser wusch. In Frankfurt hatte man versäumt, sich Wohnung zu bestellen, Westendhall war besetzt; man mußte noch am späten Abend von einem Gasthaus zum anderen fahren, bis man endlich gegen Mitternacht ein wenig befriedigendes Unterkommen fand.
Am anderen Morgen ward es heller. Judith und Lucie baten die Mutter, sich einige Stunden in Heidelberg aufzuhalten und dann in Ulm Nachtquartier zu nehmen; aber Frau v. Märzfeld wollte lieber Friedrichshafen erreichen. Alle jungen Köpfe bemühten sich, möglichst viel aus dem Fenster zu sehen, als der Zug in Heidelberg hielt. Scharen von Studenten mit ihren großen Hunden konnte man bewundern, wenn man wollte; aber von der schönen Lage und Umgebung des berühmten Ortes war vom Coupé aus wenig zu bemerken. Der Tag wurde schwül, die Glieder schmerzten von der langen Fahrt; die ganze Gesellschaft hatte nur noch wenig Kraft, die Umgebungen zu betrachten: Fanny weinte, Lucie stieß ungeduldige Ausrufe aus, Judith seufzte und Frau v. Märzfeld lag abgespannt in ihrer Ecke. Wie eine Himmelsbotschaft klang endlich spät am Abend die Stimme des Schaffners: „Friedrichshafen, aussteigen!“ Sie waren bald in dem geräumigen, sauberen Gasthofe untergebracht, und Fanny streckte sich recht mit Wohlbehagen in ihrem Bette aus, als Martha ihr sagte: „Morgen fahren wir nur noch mit dem Dampfschiff über den See, da sehen wir den Säntis und die Appenzeller Berge alle vor uns, dann geht es eine kleine Stunde mit der Zahnradbahn den Berg hinauf nach Heyden.“ Martha wachte noch lange und seufzte: „Ach; wenn nur morgen, nur morgen schönes Wetter ist!“
Sie lauschte; lauschte: es klang wie ein leises Rauschen; war das der See? Mit dem ersten Tageslichte erhob sie sich und zog leise die Gardine vom Fenster. Grauer Nebel wogte draußen, die Fenster gingen nach einem Rasenplatze, vom See war nichts zu sehen. „Es muß noch sehr früh sein“, dachte sie, legte sich wieder nieder und schlief ermüdet ein. Als das Hausmädchen, wie es versprochen, um 6 Uhr anklopfte, war das Wetter noch ebenso. Martha war sehr betrübt darüber: sie hätte so gern den Säntis gesehen. Fanny freute sich auf das Dampfschiff; sie war ruhiger.
Als man nach einer Stunde aufs Schiff kam, hatte der Regen, der sich die ganze Nacht über ergossen, nachgelassen, und der See wurde nach und nach nebelfrei; seine Wellen kräuselten sich im frischen Morgenwinde. An der östlichen Ecke des weiten Wasserbeckens tauchte Bregenz auf, aber die Vorarlberge, an deren Fuße es liegt, waren noch verhüllt, und vom Schweizer Ufer konnte man nur dämmernde Umrisse erkennen. Erst als man sich Rorschach näherte, zerriß die Wolkenhülle, aber nun war man den Bergen zu nahe, um mehr als die Vorhügel zu überblicken. Das weite, jetzt blaue Wasserbecken übte dennoch einen großen Reiz aus, und besonders Fanny war glücklich, mitten auf dem Verdeck in ihrem Rollstuhl ruhend, so sanft hinüberzugleiten ans andere Ufer. Der Weg nach Heyden hinauf war lieblich und kurz. Wie blau erschien der See bei dem Dorfe Wynachten! In Heyden war ihnen durch den dortigen Arzt Wohnung bestellt, eine der älteren Pensionen nahm unsere Reisenden auf. Martha teilte ihr Zimmer mit Fanny; es hatte die lieblichste Aussicht von der Welt. Dicht unter dem Fenster begannen die grünen Matten, die in der schönsten Frühlingsüppigkeit standen, hin und wieder von bewaldeten Hügeln, Gesträuch und Obstbäumen unterbrochen, aus deren Mitte die hellen Wände niedlicher Häuser hervorglänzten; tief unten und doch so nahe erscheinend, als könne man ihn mit wenigen Schritten erreichen, lag wie ein aufgeschlagenes, schimmerndes, blaues Auge der See, an seinem gegenüberliegenden Ufer Lindau und Friedrichshafen, so deutlich, daß man jedes Fenster unterscheiden konnte; rechts die Vorarlberge und Bregenz, links schweifte der Blick übers Württemberger Land. Die beiden Mädchen konnten sich nicht satt sehen; sie öffneten das Fenster und sogen die unbeschreiblich milde Luft mit Wohlbehagen ein. Sie sollten heute noch auf ihrem Zimmer speisen; zum Vesperbrot wollte dann Fanny versuchen, die wenigen Schritte bis zum Speisesaal zu gehen.
Ein freundliches, älteres Mädchen in einfacher Kleidung brachte gute Suppe, Rindfleisch mit einem Gemüse von getrockneten Äpfeln und gerösteter Semmel, und Braten, den sie im ersten Augenblicke seiner hohen Fettkruste wegen für Schweinebraten hielten, der sich aber dann als der Rücken eines gut gemästeten Kalbes auswies. Es schmeckte den beiden Gereisten trefflich, und selbst die Zusammenstellung von Rindfleisch und Äpfeln, die ihnen neu war, fanden sie ganz schmackhaft, als sie davon gekostet.
Während Frau v. Märzfeld schlief, erschienen Judith und Lucie.
„Nun, das muß man sagen“, rief die erstere entrüstet, „in eine feine Pension hat uns der Doktor K. gebracht! Nicht ’mal ein Kellner! Der Wirt wartet selbst auf; ein Mädchen mit einer dicken, rotgestreiften Schürze bringt die Speisen herein, — und dieser Küchenzettel! Nein, — und Lucie, sieh hier dieses Möbel!“
Lucie mußte auch lachen, als sie sich im Zimmer umsah; es war weißgestrichen mit einer grauen Kante und kleinen, grünen Blumen. In der Ecke desselben stand ein mächtig großer, zweithüriger Schrank, himmelblau angestrichen, an der Seite mit den schönsten Blumen- und Fruchtstücken in den leuchtendsten Farben verziert, vorn die Schöpfungsgeschichte und der Sündenfall deutlich abgebildet. Ein Sofa hatte das Zimmer nicht, aber zwei Betten mit guten Matratzen und einen alten, bequemen Lehnstuhl, mit buntem Kattun überzogen, in dem Fanny behaglich saß.
„Ich weiß nicht, Judith, mir gefällt alles sehr; es ist einmal anders wie sonst, und es schmeckt mir viel besser, als jemals zuhause!“ Martha hatte Ähnliches gedacht; die Aufwärterin mit ihrem guten, teilnehmenden Gesichte erschien ihr viel gemütlicher als ein befrackter Kellner, und ein Blick aus dem Fenster ließ die Dekorationen im Inneren des Zimmers nur wenig vermissen.
Am Nachmittag ging Fanny mit in den Speisesaal; sie waren heute noch allein darin, weil die anderen Gäste ausgeflogen waren. Frau v. Märzfeld betrachtete mit sehr unzufriedenen Blicken die Tischdecke aus braungeblümtem Kattun, aber was darauf stand: Kaffee, Milch, Weißbrot, Butter und Honig, das war unübertrefflich. Noch bevor es ans Auspacken ging, erschien der Arzt.
„Mein bester Doktor“, sagte Frau v. Märzfeld, nachdem man sich ins gemeinsame Wohnzimmer zurückgezogen hatte, „in was für eine Pension haben Sie uns gebracht! Sollte es in dem großen Heyden keine elegantere und anständigere geben?“
„Gewiß haben wir elegantere, gnädige Frau; für anständig halte ich aber diese sehr, und ich weiß keine, die ihre Patienten gewissenhafter und besser versorgt; überdem ist hier gerade die Luft und die Aussicht besonders schön; ich dachte, es würde unserer jungen Patientin hier wohl sein. Wie steht es damit, Fräulein?“ fragte er, zu Fanny gewendet.
„O, mir gefällt’s ganz gut!“ sagte diese; „ich möchte gar nicht fort von hier!“
„Glauben Sie, daß ich meine Tochter mit ihrer Erzieherin bei diesen Leuten allein zurücklassen kann?“
„Gewiß, es sind ganz zuverlässige Wirte, und das Dienstmädchen, die Anna aus Oberösterreich, die ist ein wahrer Schatz; je kränker einer ist, desto lieber hat sie ihn.“
„Dann werde ich mich nur wenige Tage hier aufhalten; ich bin in der That ganz andere Umgebungen gewohnt!“
Es blieb dabei! Am zweiten Morgen nahm die Mama mit den beiden ältesten Töchtern Abschied, um eine größere Reise anzutreten nach den schönsten Punkten der Schweiz. Fanny winkte ihnen mit ihrem Taschentuche Grüße zu, die sie freundlich erwiderten; Martha sah ihnen nach mit sonderbaren Gedanken und Gefühlen: sie war noch in den Jahren, wo man sich gern Illusionen macht! Nach der Schweiz, nach der Schweiz hatte ihr Sinn gestanden, so lange sie lebte; und nun war sie hier, festgebunden an diesen zwar lieblichen, aber wenig großartigen Fleck. Da Fanny jetzt kein Mädchen hatte, wagte sie auch nicht auf Stunden dieselbe zu verlassen. Sie war gefesselt an den Rollstuhl ihrer Schülerin, den ein dazu gemieteter Diener jeden Morgen zum Trinkplatz, jeden Nachmittag zu dem kleinen Gehölze hinausschob, in welchem man zur Bequemlichkeit der Sommergäste Wege und Bänke angelegt hatte. Es war dies fast der einzige Ort, wo man im Schatten wandeln konnte! Es ist schwerer als man denkt, mit voller Gesundheit und rüstiger Kraft mitten hinein gesetzt zu sein in eine so schöne Natur, zu wissen: dürftest du jetzt eine Stunde oder zwei steigen, so hättest du alle Herrlichkeit der Alpenwelt vor Augen, nach der du dich lebenslang gesehnt; und dann all dies Verlangen zügeln zu müssen, ja, es verbergen vor den Augen eines geliebten Kranken!
Martha strebte hiernach mit dem besten Willen; aber ungerufen tauchten wieder und wieder Gedanken in ihr auf, deren sie sich schämte.
„Warum muß ich nur hier sitzen bei der kleinen Kranken? würde ich nicht mehr Genuß haben an den Bergen, Gletschern und Seen als Frau v. Märzfeld und Lucie, die schließlich doch nur nach den Außendingen fragen?“
Es sitzt in jedem natürlichen Menschen, wenn auch noch so verborgen, ein kleiner Sozialdemokrat. Man mag nur auf sich achten! Man ist darum noch nicht zufrieden und genügsam, wenn man prächtige Kleider, feine Speisen, eine bequeme Lebensweise gern entbehrt; dies ist für manche Naturen gar nicht schwer; aber fast für jeden giebt es einen Punkt, nach welchem seine Wünsche besonders lebhaft gehen, nach dem seine innerste Neigung gerichtet ist; gewöhnlich faßt der liebe Gott in der Lebensschule seine Kinder bei diesem Punkte an, und nur wenn es gelingt, sich zu unterwerfen und den innern Rebellen zu besiegen, giebt es vollen Frieden in der Brust. Martha hatte an Fanny ein gutes Vorbild. Seitdem ihre Sehnsucht nach genügender Teilnahme, Unterhaltung und Beschäftigung gestillt war, konnte man nicht zufriedener sein als sie. Heyden brachte ihr überdies eine Menge neuer Eindrücke, die sie fortwährend anregten und erheiterten.
Am Morgen zwischen sechs und sieben Uhr kam der „Schottenfranzerl“ — Schotten nennt man dort die Molken — mit seiner heißen Butte von der Ebenalp herunter, doppelte wollene Decken zwischen der Butte und dem Rücken, damit er sich nicht verbrenne. Zwischen zwei und drei Uhr morgens ging er vom Säntis weg, um sechs Uhr erschien er in Heyden — welch eine beschwerliche Tour! nur die stärksten Männer konnten dazu verwendet werden. Der Franz sah gar schön aus, wenn er mit seiner Last so leicht auftrat, als ginge es zum Tanze; den spitzigen Hut mit der Auerhahnfeder auf dem Kopfe, unter der roten Weste den breiten Ledergurt, auf dem das liebe Hornvieh sich im blanksten Messing getrieben präsentierte, ein Abzeichen seines Standes. Die Molke war beim Ausschenken noch zu heiß, um sie sogleich zu trinken, und Fanny, die so viel Sinn für Humor hatte, belustigte sich im stillen über die verschiedenen Auffassungen und Anstrengungen der Gäste bei ihrem Genusse. Einige schluckten verdrießlich und widerwillig, andere, als besorgten sie die wichtigste Arbeit ihres Lebens; noch andere scherzten und lachten dabei; und je besser Luft und Kur ihr bekamen, je größer die Strecken wurden, welche sie jetzt an Marthas Arme zurücklegen konnte, desto mehr Lust bekam sie, sich dem heiteren Teile der Gesellschaft zuzugesellen. Das Frühstücksnäpfchen mit der braunen Mehlsuppe darin hatten beide Mädchen zuerst sehr bedenklich angesehen, doch redete die Anna aus Oberösterreich zu: „Esse Sie nur, ’s ischt gut, ’s ischt sehr gut!“ Sie aßen und es bekam ihnen wohl.
Bei ihren kleinen Reisen durch den Ort zogen die Gardinenweberinnen, die man durch die niedrigen Fenster arbeiten sehen konnte, meist noch junge Mädchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich; auch die alten, ungemein sauber gekleideten Weiblein, die Gardinen stickten, und die geschickten Stickerinnen, welche die superfeinen Taschentücher und Kragen lieferten, die „beim Sturzenegger“ auslagen. Manche Regenstunde wurde dort in dem anziehenden Geschäfte zugebracht, manches Geldstück wanderte aus Fannys Sparbüchse, indem sie sich hier mit Geburtstagsgeschenken für Mutter und Schwestern versorgte.
Eine neue Freude war ihr der Sonntag; sie hatte in M. nicht mit zur Kirche gehen können; hier in Heyden kam der Wirt am Sonntagmorgen, brachte jedem seiner Gäste ein Gesangbuch und teilte mit, um neun Uhr werde man zur Kirche gehen. Nun wurde ihm von manchem Gaste das Gesangbuch dankend zurückgegeben; das nahm er freundlich und ruhig hin; er hatte nun seine Schuldigkeit gethan.
Martha und Fanny, letztere in ihrem Rollstuhle, schlossen sich gern dem Zug der Kirchgänger an, den der Wirt anführte. Obgleich die ziemlich neue Kirche nur Stahlglocken hatte, erschien es doch beiden Mädchen, als hätten sie nie so etwas Schönes gehört als dies Geläute, wie es in der frischen Morgenluft über den blauen See hinüber klang; so recht volle Sonntagsfreude zog in ihre Herzen ein, und sie lernten bald sich zurechtfinden in dem vollen vierstimmigen Gemeindegesang. Auch der Pastor verstand es wohl, die Herzen auf das Eine hinzuweisen, was notthut, und so meinte Fanny, der Sonntag könne wohl in der ganzen Welt nicht so schön sein, wie hier oben in Heyden.
Des Abends, wenn die anderen Hausgenossen teils noch promenierten, teils nach dem Kurhause gegangen waren, um in größerer Gesellschaft zu sein, saßen unsere beiden Mädchen mit dem Wirt, der Wirtin und der Anna aus Oberösterreich vor der Thür oder im Zimmer; der Wirt hatte dann eine blaue Schürze um und rüstete mit seiner Frau zusammen das Gemüse oder Obst für den anderen Tag, wobei Martha gern half; eine Köchin gab’s in der Pension nicht. Dann erzählte der Wirt aus seinem bewegten Leben. Er stammte aus Vorarlberg, war schon als Knabe hinausgezogen ins Land mit Quirlen und Löffeln, hatte Menschen, Gegenden und Verhältnisse kennen gelernt, und seitdem er die Margaret in St. Gallen zuerst gesehen, da war er sehr sparsam geworden und hatte es zuletzt so weit gebracht, sich in Heyden ein Häuschen zu kaufen, in das er diese Margaret geführt; aus dem Häuschen war ein Haus geworden und eine bekannte und angesehene Pension. Beide Mädchen hörten ihm gern zu; Martha machte die Bemerkung, daß man mit offenen Augen und gesundem Sinne auch ohne Bücher recht viel lernen kann.
Die Pension hatte sich indessen mehr und mehr mit Fremden gefüllt; mittags erschienen außerdem noch Gäste aus dem Ort, und da sie aus aller Herren Ländern zusammenkamen, wurde die Unterhaltung abwechselnd französisch, englisch und deutsch geführt.
Marthas Nachbar war ein Amerikaner, der sich englisch mit ihr unterhielt. Fanny hatte zwar einige englische Stunden gehabt, es aber nicht so weit gebracht, den Fremden zu verstehen, und da er sehr interessant zu erzählen pflegte, so übersetzte es Martha gewöhnlich ihrem Zögling.
Eines Mittags bemerkte es der Fremde: „O, ich kann es der kleinen Dame gleich deutsch erzählen.“
„Sie sprechen nicht wie ein Ausländer“, sagte Martha.
„O, ich stamme aus Deutschland, bin freilich schon in der Jugend nach den Vereinigten Staaten gegangen, und hätte gewiß meine Muttersprache verlernt, wenn ich mich nicht mit meinen Nachbarn Eichhorn und Kraus in St. Joseph grundsätzlich nur deutsch unterhielte.“
Kraus! St. Joseph! Ach, das mußte Siegfrieds Onkel sein!
„Stammt Ihr Nachbar Kraus aus Sachsen?“
„Ja wohl, aus der Nähe von Leipzig.“
Marthas Herz klopfte, sie konnte kaum sprechen.
„Ich kenne einige Glieder seiner Familie; geht es ihm wohl?“
„Sehr wohl“, sagte der Nachbar. „Er hat vor etwa fünf Jahren in seinem Alter noch geheiratet und hat jetzt zwei prächtige Buben.“
Es wurde Martha schwer, weiter zu fragen; aber die Qual der Ungewißheit war zu groß.
„Ich hörte, er habe sich seinen Neffen nachkommen lassen!“
„Dies muß ein Irrtum sein; ich habe ihn vor meiner Abreise noch besucht; er hatte niemand bei sich als seine Frau und Kinder, hat auch nie von einem Neffen gesprochen. Doch — warten Sie! Ja, vor langer Zeit, ehe er heiratete, sagte er mir, er habe einen Neffen gebeten, zu ihm zu kommen, aber der Schlingel wollte nicht.“
Arme Martha! Für das, was man nun noch sprach, war sie taub und gab dem Nachbar einige recht verkehrte Antworten. Was war das? War Siegfried unterwegs verunglückt? Hatte er von der Verheiratung des Onkels gehört und sich wo anders hingewendet? Bis jetzt hatte sie wenigstens für ihre Gedanken einen Zielpunkt gehabt, die Gegend, in welcher sein Onkel sich niedergelassen; nun war auch dies vorüber. Ach, so oft hatte sie versucht, sich innerlich gefaßt zu machen auf ein Leben ohne ihn; jetzt merkte sie, wie die Hoffnung im Hintergrunde ihres Herzens immer noch gewohnt und ihre Zauberfäden gesponnen hatte. Sie sehnte sich ganz unaussprechlich nach einem Wesen, dem sie sich mitteilen, bei dem sie sich ausweinen könnte. Sie ergriff die Feder, um Suschen alles zu erzählen; da kam der Briefträger und brachte ihr einen Brief der Freundin. Sie zeigte den Tag ihrer Hochzeit an und bat, daß Martha ihrer fürbittend gedenken möge, da sie doch leider, leider nicht dabei sein könne. Auf diesen Brief konnte sie keine klagende Antwort schicken; er war so glücklich, so strahlend glücklich bei allem Ernst.
Fanny ruhte auf ihrem Lager, wie gewöhnlich nach Tische, Martha schlich sich ins grüne Hausgärtchen; nicht weit vom Bienenstand war eine Laube, da konnte sie sich ausweinen.
Ach, ihre Thränen flossen unaufhaltsam! All’ die zurückgedrängte Sehnsucht der letzten Jahre wollte zu ihrem Rechte kommen. Sie schluchzte wie ein Kind und erschrak sehr, als der Eingang der Laube durch einen Schatten verdunkelt wurde. Es war nur die Anna.
„Haben das Fräulein Kummer?“
„Ja, Anna, den hab’ ich!“
„Ist Euch was Liebes tot, oder sollt Ihr Euer Schatzerl nit haben? Sagt’s den lieben Heiligen, die hab’n schon oft geholfen. Jetzt hab’ i halt kai Zeit zum Bete; aber wenn i na Haus komm’, will ich’s wohl der heiligen Anna sagen; die ist sehr gut und hilft schon!“
Martha hätte sagen können, daß sie lieber Gott anrufen solle; aber Anna hatte eine so kindliche Zuversicht auf die heilige Schutzpatronin, daß sie es nicht übers Herz brachte, sie darin irre zu machen; sie dachte: wenn sie so warm und gläubig zur heiligen Anna spricht, sieht es vielleicht der himmlische Vater an, als sei es ihm gesagt, und so sagte sie: „Ich danke Ihnen, Anna, thun Sie das!“
Als aber Anna fort war, kam es doch wie eine stille Freude über sie, daß sie ja keine heilige Fürsprecherin brauchte, daß sie konnte und durfte gerade zu ihrem Vater gehen und ihr Herz vor ihm ausschütten; sie that es, und das hilft jedesmal. Wenn auch ihr Herz nicht leicht danach wurde, es wurde doch stille und ergeben, und sie konnte mit dem warmen, aufrichtigen Vorsatze zu ihrer Pflegebefohlenen zurückkehren, die Wolken und das Weh für sich zu behalten und so viel Sonnenschein als möglich auf Fannys Lebensweg auszugießen. Wenn sich der Sturm im Innern gelegt hat, tritt auch die Besinnung und verständige Überlegung wieder in ihr Recht und entkleidet das Erlebte von allen Übertreibungen der Phantasie. Was hatte sie denn so Schlimmes vernommen? Nur, daß Siegfried nicht bei seinem Onkel war; konnte er nicht an irgendeinem anderen Orte sich eine Existenz gegründet haben? War es denn unmöglich, daß er dennoch zu ihr zurückkehrte?
Um vieles beruhigt holte Martha ihre Schülerin ab zum Kaffee in dem kleinen Saal. Sie fanden neue Ankömmlinge: eine sehr durchsichtig und zart aussehende Mutter und ein rosiges Töchterchen von etwa dreizehn Jahren; Frau Präsidentin v. B. und ihre Tochter Friedericke.
Die beiden Kinder betrachteten sich schüchtern, aber mit sehr vergnügten Gesichtern. Frau v. B. sah mit mütterlicher Teilnahme auf das zarte, hilfsbedürftige Mädchen, und nachdem es Martha ihrem Zöglinge so bequem als möglich gemacht, veranlaßte sie die gegenseitige Vorstellung.
„Siehst du, Friedericke, da ist ja ein junges Mädchen, wie du es dir gewünscht hast.“
Friedericke nickte.
„Ich kann freilich noch nicht mit herumspringen“, sagte Fanny, „aber ich lerne es bald; ich kann jetzt schon vom Freihof bis zur Kegelbahn laufen.“ Dabei sah sie sehr stolz und glücklich aus.
Frau v. B. erkundigte sich sehr teilnehmend nach dem Leiden der Kleinen und erfuhr, daß sie von hier nach Ragatz oder Pfäffers gebracht werden sollte.
„Ach, wenn es doch Pfäffers wäre“, rief Friedericke; „dort badet Mama einige Wochen, und dort ist es so — ach so — ich weiß gar nicht, wie ich sagen soll — so geheimnisvoll und schauerlich und doch so schön! Man wohnt eigentlich bei den Erdgeisterchen selber. Ach, Fanny, bitte immer zu, daß ihr nach Pfäffers kommt; es wird so sehr hübsch sein, dort Gesellschaft zu haben.“
Friederickens lebhafte Schilderungen waren ganz dazu gemacht, Fannys Verlangen nach dieser Wunderwelt zu steigern, und sie hoffte ihre Mutter zu überreden, auf ihre Wünsche einzugehen.
Es war sehr ergötzlich, zu sehen, wie die beiden Kinder sich mit jedem Tage näher kamen. Friedericke kannte bald keine größere Lust, als ihrer schwachen Gefährtin all’ die kleinen Dienste zu leisten, deren sie bedurfte, sie an ihrem Arm auf ihr Zimmer zu führen oder aus demselben abzuholen. Fanny ließ sich das sehr gern gefallen, aber der Wunsch erwachte in ihr, es vergelten zu können, und als die Präsidentin eines Tages sehnend nach ihrer Handarbeit ausschaute, welche auf einem fernen Tische lag, stand sie leise und unbemerkt auf und fühlte mit innerlichem Frohlocken, daß es nicht mehr zu schwer für sie war, dieselbe zu holen und der Eigentümerin zu bringen. Diese sah sie überrascht und sehr erfreut an, aber das Kind erglühte förmlich in Wonne; es war das erste Mal, daß sie jemandem einen Dienst hatte leisten können.
Die Unterrichtsstunden mußten natürlich hier in freierer Gestalt gegeben werden wie zuhause, aber Martha hatte sie nie ganz fallen lassen. Jetzt fragte Frau v. B., ob Friedericke nicht daran teilnehmen dürfe; sie war natürlich viel weiter, aber immerhin ließen sich Gegenstände auffinden, die beide Kinder gleichmäßig interessierten, und Martha fand, daß die Gemeinschaft ein herrlicher Sporn für Fanny war.
Frau v. Märzfeld und ihre Töchter hatten häufig Nachricht gegeben; sie hatten den Züricher See besucht, den Vierwaldstädter See mit seinen herrlichen Umgebungen, auf dem Rigi mehrere Tage zugebracht, und waren jetzt seit einigen Wochen in Montreux am Genfer See.
„Aber nun“, schrieb Lucie, „kommen wir auf dem nächsten Wege. Wir sehnen uns nach dem Kinde und etwas mehr Ruhe, und werden im Laufe der nächsten Woche eintreffen, um mit Euch nach Ragatz oder Pfäffers überzusiedeln.“
Fanny jubelte, und auch Martha, obgleich sie sich sagen mußte, daß ihr Leben ferner nicht in so angenehmer Ruhe verlaufen werde, wie es jetzt der Fall war, freute sich doch mit aufrichtigem Herzen darauf, der Mutter und den Schwestern die Fortschritte zu zeigen, welche des Kindes Genesung inzwischen gemacht hatte.
Ein wunderbar schöner Tag stieg nach mehreren recht unfreundlichen über Heyden auf; die sämtlichen beweglichen Pensionsgäste beschlossen eine Tour auf den Kaien zu machen, unter Führung ihres Wirtes; da oben sollte eine herrliche Aussicht auf das Gebirge sein. Marthas Herz schlug in großem Verlangen. Eine Stunde vor Tische ließ Frau v. B. sie rufen.
„Mein liebes Fräulein Martha“, sagte sie, „ich habe eine große Bitte. Mein Kind ist nun schon wochenlang hier und hat noch keinen Blick aufs Gebirge gehabt. Ich möchte ihr so gern den Spaziergang heute gönnen, aber sie nicht allein mit den fremden Gästen gehen lassen. Ihr kleiner Zögling brennt ebenfalls vor Verlangen, Ihnen den Genuß der Bergfahrt zu verschaffen; und so haben wir uns zusammen ausgedacht, wir wollten diesen Nachmittag tauschen: Sie nehmen meine Wilde unter Ihren Schutz bei der Bergbesteigung, und Fanny kommt als meine Tochter zu mir, bis Sie wieder da sind.“
Dies war verlockend. Es stiegen wohl Bedenken in Martha auf: „Wenn ich nur hätte Frau v. Märzfeld fragen können!“ Aber das ging ja nicht. Fanny und Friedericke baten und drängten; sie selbst war überzeugt, daß Frau v. B.s Aufsicht die ihrige überreich ersetzte. Ach, und sie war so glücklich in Erwartung der Gebirgsaussicht — sie gab nach und ging mit. Der Wirt führte so an der Berglehne hinauf, daß man unterwegs keine andere Fernsicht hatte als den Rückblick auf Heyden; der Pfad war meistens sehr steil und oft schattenlos; die Sonne brannte, aber die Aussicht winkte und die Gesellschaft überstand die Strapazen mit fröhlichem Mute. Jetzt noch durch dies Buschwerk, jetzt diesen Rand hinauf! und Martha stand oben und legte die Hände zusammen und ihre Augen füllten sich mit Thränen, denn sie umfaßten in ihrem engen Rahmen ein Bild, wie es die Phantasie nicht schöner hätte malen können.
Da lagen sie ihr gegenüber, die Schneefelder des Säntis; da ragten die riesigen Nachbarn desselben, der Kamor, Hohekasten, Altemann, Tödi in die blaue Luft; weiter östlich die Vorarlberger und Lichtensteiner Gebirge; in der Ferne die weiße Kette des Rhätikon mit der Sasaplana. Auf der anderen Seite dehnte sich am weiten, blauen See der Thurgau aus mit Trogen, Vöggeliseck, Speicher; darüber weit in der Ferne der Pilatus und der Rigi.
„O, hätt’ ich Flügel, hätt’ ich Flügel!“
Friedericke neben ihr sprang hoch in die Luft und stieß einen Juchzer aus, als habe sie denselben vom Senn erlernt; Martha konnte nicht sprechen. O, dieses eine Bild, war’s nicht genug, um lebenslang manche einsame Stunde mit seinem Lichte zu erhellen? Sie sah und sah; sie hätte nichts davon verlieren mögen, auch nicht das Kleinste.
„Komme Sie doch hier hinter den Stein und nehme Sie a Schöppeli Markgräfler!“ rief der Wirt wieder und wieder.
Der Rat war gut, aber es dauerte lange, ehe unsere jungen Gefährtinnen den Entschluß faßten, sich von der herrlichen Aussicht loszureißen und Ruhe und Erquickung zu suchen. Dann war es behaglich, nach der Anstrengung im Schatten zu sitzen, sich an den mitgebrachten Erfrischungen zu laben und mit den Reisegenossen heitere Gespräche zu führen. Die Gesellschaft wurde sehr vergnügt und niemand merkte, daß sich der Himmel umzogen hatte, bis die Stimme aus den Wolken vernehmlich zu reden anfing. Da sprang denn freilich alles auf die Füße; noch einmal ward die Rundschau genossen, aber nur sehr flüchtig. Das Wetter zog vom Rheinthal herauf, und der Wirt meinte, es könne „a rechts“ Wetter werden; von da könnt’ es oft nicht über den See: „Wir müssen auf die Sennhütten zu halten!“
Dies geschah ohne Besinnen; sie lagen nicht allzu weit unterhalb der Berghöhe, und mit den ersten schweren Tropfen wurde man eingelassen in den zwar nicht mit Bequemlichkeiten ausgestatteten, aber immerhin trockenen und geschützten Raum. Es war sehr gut, ein Dach über sich zu haben; der Regen fiel in Strömen nieder und prasselte auf das Schindeldach und gegen die kleinen Fenster; der Sturm brüllte, als wollte er das Häuschen mit sich entführen; ein leuchtender, greller Blitz jagte den anderen und der Donner rollte majestätisch durch den Aufruhr hin, seine Stimme pausierte höchstens minutenlang, wie um Atem zu schöpfen. Die Gesellschaft lauschte still der großartigen Musik; selbst Friedericke, die so gern lachte, schmiegte sich ernsthaft an Martha an. Diese, äußerlich gefaßt und ruhig, wurde innerlich sehr gequält durch die Sorge um Fannys Angst und infolge davon um ihre Gesundheit. Sie sah mit Sehnsucht nach dem kleinen Streifchen Himmel, welches zu sehen war, ob es noch nicht heller werden wollte, — vergebens! Wenn der Sturm eine Minute geschwiegen, brüllte er in der nächsten mit vermehrter Gewalt; wenn die Stimme des Donners ferner zu klingen schien, grollte sie gleich danach aus einer anderen Ecke um so näher. Stunde auf Stunde verrann: zur Finsternis des Himmels gesellte sich bald das Dunkel des hereinbrechenden Abends und endlich die Finsternis der Nacht.
Da endlich wurde es stiller; der Donner rollte ferner und ferner, blasser und blasser leuchteten die Blitze, einzeln nur noch fielen die Tropfen aufs Dach, dann hörte man keinen mehr.
Man öffnete die Thür der Hütte; durch die zerrissenen Wolken blickten einzelne Sterne, die Luft war unbeschreiblich schön und frisch, aber der ganze Berg nur ein einziger großer Wasserfall. Der Wirt und die Sennerin erklärten es für völlig unmöglich, hinabzugehen, bevor man Tageslicht habe. Letztere holte frische Milch herbei, erbot sich auch, Schmarren zu backen, wenn man es wollte. Es wurde dankend angenommen und fröhlich verzehrt, nur Martha lag es wie ein Alb auf der Brust und sie stieß mehrmals hervor: „Ach, wie sie sich zuhause ängstigen werden!“
„Ich glaube nicht so sehr“, sagte Friedericke. „Mama weiß, daß wir in Gottes Schutz sind und bei verständigen Menschen; Anna wird ihr gewiß von den Sennhütten erzählen, und sie werden es sich denken, daß wir hier sind. Geben Sie acht, sie tröstet auch Fanny und läßt sie nicht von sich.“
Das klang alles ganz wahrscheinlich, aber es war ihr Gewissen, das ihr die Zuversicht raubte; das ganze Erlebnis kam ihr vor wie eine Strafe ihrer Untreue und sie konnte sich die Folgen desselben nicht schwarz genug ausmalen. Die Vorbereitungen zur Nachtruhe waren etwas schwierig; die Gesellschaft bestand aus etwa zehn Personen. Die Herren mußten sich mit ihren Plaids in der Nähe des Herdes einrichten, die Frauen wurden oben im Heu untergebracht; dort war es sehr warm, und eine dicke, nicht mehr junge Dame, der noch dazu die Sennerin ihr eigenes Lager abgetreten hatte, stöhnte unaufhörlich, während zwei junge Französinnen durchaus nicht aus dem Lachen kommen konnten. Friedericke war bald eingeschlafen; Martha saß, sorgte, bat den lieben Gott um Vergebung und rief ihn um Hilfe für ihren Zögling an, und erst, als der Morgenschein durch die Ritzen des Daches drang, fielen ihr mitten in dem Gedanken: „Jetzt können wir bald hinunter!“ die müden Augen zu, und sie erwachte erst, als sie das muntere Gespräch ihrer Reisegefährten vernahm, die an der offenen Thür der Hütte den Heimweg berieten. Es war ein frischer, schöner Morgen. Zerrissene Wolkenschichten flogen, vom Winde getrieben, am Himmel dahin; in den Thälern zog hier und da noch ein Nebelschleier hin und her; die Berghäupter, so viel man deren hier sehen konnte, waren frei, und das Stücklein See, das sich zeigte, strahlte im frischesten Blau. Aus allen Klüften rieselte und rauschte es, auf allen Halmen perlte und glänzte es; die Kühe, die eben gemolken wurden, brüllten der Freiheit entgegen: es war ein lachendes Morgenbild; nur der Pfad, welcher hinabführte, sah noch sehr schlüpfrig und wenig einladend aus.