Die Schulstunde war zu Ende und alle Mädchen machten sich fröhlich daran, nach Hause zu gehen; auch Aennchen hatte bereits ihren Hut vom Nagel genommen und nach der Büchertasche gegriffen, da nahm Alma sie beiseite und flüsterte ihr ins Ohr:
»Du mußt mir einen Gefallen thun und Sarah Elich noch einige Augenblicke im Zimmer zurückhalten, ohne daß sie es merkt.«
Aennchen sah die Freundin erstaunt an – was mochte diese mit Sarah Elich vorhaben, mit welcher sie doch seit jener Scene im Garten in beständiger Feindschaft gelebt hatte? Aber bereitwillig wie immer, wenn es galt, einen Wunsch Almas zu erfüllen, ging sie auf Sarah zu, welche sich soeben zum Fortgehen anschickte, und bat sie um die Gefälligkeit, ihr ein Rechenexempel, welches der Lehrer heute aufgegeben, noch einmal zu erklären. Damit war Sarah an ihrer schwachen Seite gepackt, denn nichts schmeichelte dem ehrgeizigen Mädchen mehr, als wenn sie die Belehrende in der Klasse spielen durfte. So nahm ihr für gewöhnlich unfreundliches Gesicht einen milderen Ausdruck an, während sie Aennchen aufs Umständlichste die Aufgabe begreiflich zu machen versuchte. Die andern Mädchen verließen unterdessen alle nach einander die Schule; nur Alma stand, von Sarah unbemerkt, hinter ihr und machte sich hinter deren Rücken zu schaffen. Endlich war Sarah mit ihrer Erklärung zu Ende, wandte sich und ging zur Thüre hinaus. Auch Aennchen war im Begriff, ihr zu folgen, hätte aber beinahe laut aufgeschrieen, als Alma ihr rasch die Hand auf den Mund legte und Schweigen gebot. Aennchen aber starrte aufs höchste verblüfft bald die Freundin an, bald der verschwindenden Sarah nach.
Wie unendlich komisch, wie furchtbar lächerlich sah die gravitätisch und ahnungslos dahinschreitende Sarah aus! Alma hatte ihr verstohlener Weise auf den Hut eine Haube aus rotem Seidenpapier befestigt, von welcher zwei Bockshörner in die Höhe ragten, und auf dem Deckel ihres Bücherranzens prangte ein rotes Papier, welches mit einem großen Eselskopf bemalt war.
»Aber Alma!« rief Aennchen, als sie wieder Atem bekam. »Du kannst doch unmöglich wollen, daß Sarah so durch die Stadt läuft!«
»Natürlich will ich das,« versetzte Alma ernsthaft, »ich gönne ihr eine solche Demütigung von Herzen.«
»Nun, dann will ich wenigstens nichts von deinem Streiche wissen!« rief Aennchen ernstlich böse, indem sie sich rasch von Alma abwandte, »es thut mir wirklich leid, daß ich dir durch meine Gefälligkeit noch die Sache erleichtert habe.«
»Wenn du mich verklatschen willst, du feige Liese,« rief Alma verächtlich und zornglühend aus, »dann thue es doch! Aber dann erhältst du auch niemals mehr einen freundlichen Blick von mir!«
Diese letzte Drohung hätte wohl Aennchen im Augenblick wenig erschreckt, da sie wirklich aufgebracht über Alma war, aber die Anschuldigung, feige klatschen zu wollen, erschien ihr wie die größte Beleidigung. So rief sie dann erregt:
»Verklatschen werde ich dich niemals, denn das ist verächtlich und du weißt recht wohl, daß ich verschwiegen sein kann.«
»Gut, dann versprich mir auch in die Hand, daß du, wenn du gefragt wirst, meinen Namen nicht nennen willst,« sprach Alma rasch versöhnt, und Aennchen mußte ihr die Hand darauf geben.
Es war ihr nicht wohl bei der Sache und mit ziemlich bösem Gewissen ging sie heute nach Hause, mußte auch den ganzen Mittag über an die Geschichte denken und beneidete Bruder Fritz, welcher eine ausgezeichnete Zensur mit nach Hause gebracht hatte und nun so stolz und vergnügt von seinen Schulerlebnissen erzählen konnte.
Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in der ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer lebhaft erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von den beiden stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die sie böse im Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten und kicherten alle zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame das Zimmer verlassen hatte, ein Zeichen gab und sprach:
»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die mich bitter kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich hier wurde durch einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er nicht einmal in der Knabenschule vorkommen darf. Es wurden ihr heimlich entstellende Bilder am Hut und Ranzen befestigt und als Sarah dann ahnungslos durch die Straßen nach Hause ging, folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei und Hohngelächter, so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos in ein Haus flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst entdeckte. Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen Streich gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder anzugeben, was sie darüber weiß!«
Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend über alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, mußte diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über und über flammend rot wurde.
»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, mit welcher Sarah, nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch verweilte. So mußt du unbedingt am ersten Bescheid wissen und ich frage dich ernstlich und dringend: Was weißt du von dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende selbst verübt?«
»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem sie die Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch aufrichtiges Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher fortfuhr:
»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber vielleicht weißt du doch, wer es gethan hat; du und Alma von Stolzau, welche heute nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide waret zuletzt um Sarah beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob Alma den Streich begangen hat?«
Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den Augen – wie gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz erleichtert und gerufen: »Ja, Alma hat es gethan!« aber das durfte sie ja nicht, sie hatte Alma versprochen, sie nicht zu verraten; so stürzten Thränen aus ihren Augen, sie zitterte am ganzen Körper und rief angstvoll:
»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, bitte, nicht – ich kann es nicht sagen!«
»Wenn ich es aber von dir fordere, so mußt du es gestehen!« rief Herr Müller, ernstlich böse und entschieden aus.
Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie drang; sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu wissen. So unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich doch im Leben noch nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld der bösen Freundin, welche sie noch dazu in der Stunde der Not im Stich gelassen hatte und einfach gar nicht erschienen war. Herrn Müller standen die Zornesadern auf der Stirn, als er seine Schülerin so verstockt fand, und mit bebender Stimme erklärte er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach dem Unterricht eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes Geständnis abgelegt habe.
Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht begann, von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung freilich herzlich wenig vernahm.
Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den Weg nach Hause antreten. Herr Müller kam noch einmal auf Aennchen zu und sprach freundlich ernst:
»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen Bescheid giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir sogar meine Verzeihung angedeihen lassen.«
Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren Blicken an, schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er traurig und ernst hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, eine nach der anderen, still war es im Zimmer, stille im ganzen Hause und alle die leichten Mädchenfüße, welche tänzelnd die Treppen hinuntergeglitten waren, verhallten nach und nach in der Ferne. Nun mochten auch die letzten das Haus verlassen haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig die Treppe herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in welcher Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen hergeschlürft und streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, brummte dann aber, als sie die kleine zusammengekauerte Gestalt in der Ecke sah:
»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der Käfig noch nicht ganz geschlossen werden!«
Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie anflehen mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; allein sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon oftmals gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten Füßen über die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, ohne sich vorher gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, bis die Tritte der Alten langsam wieder verhallten, und nun kam das Gefühl der Einsamkeit erst recht beängstigend über sie. Sie wagte kaum zu atmen und sich in dem Gemach umzusehen, das ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert erschien, und doch mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange Reihe der leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte Landkarte an der Wand.
Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche Angst wohl ihre liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein nicht zu gewohnter Stunde nach Hause käme, und welch einen Schmerz würde es ihr bereiten, wenn sie erfuhr, warum Aennchen nicht nach Hause kam?
So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen wie eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die Treppe herauf, aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt der Hausmeisterin, sondern er klang leicht und elastisch. Und plötzlich stand eine kleine unscheinbare Gestalt unter der Thüre und eine sanfte Stimme sprach:
»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft leiste?«
Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die Eingetretene an:
»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?«
Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern:
»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein bleiben mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen und habe ihn gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde noch mit dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, wenn auch nur widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich recht sein, wenn ich bei dir bleibe?«
Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen Martha blickten Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste gerührt in Thränen ausbrach, die Arme um das kleine verachtete Mädchen schlang, über welches sie immer so hochmütig hinweggesehen hatte, und schluchzend rief:
»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst vergelten und wie habe ich es um dich verdient?«
Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei:
»Sei nur gut Aennchen, ich habe dich ja immer lieb gehabt, wenn du mich auch nicht beachtet hast. Nun darfst du bald zu deinem Mütterchen nach Hause und der erzählst du dann ganz aufrichtig, wie alles gekommen ist, und verschweigst ihr nicht das Geringste – gelt? Dann wird alles wieder gut.«
»Gewiß glaubt der Lehrer und alle Mädchen, daß ich der Sarah den Streich gespielt habe?« schluchzte Aennchen.
»Nein,« sprach Martha, »das glauben nur die wenigsten von uns. Die meisten haben Verdacht auf Alma, welche es gewiß auch gethan hat; du wolltest sie nur nicht verklatschen.«
»Martha, woher weißt du es so genau?« rief Aennchen, indem ihr die Thränen stille standen. »Du mußt wirklich sehr klug sein; aber nun sage selbst: hätte ich Alma verklatschen dürfen, nachdem ich doch versprochen hatte, es nicht zu thun?«
»Ich glaube, du hättest es eben gar nicht versprechen dürfen,« meinte Martha nachdenklich. »Nun muß jedenfalls Alma bewogen werden, auch selbst ihr Geständnis abzulegen, und es war sehr schlimm von dir, daß du gegen Herrn Müller so verstockt warst. Nun wollen wir aber nicht mehr von der Geschichte sprechen, die Stunde deiner Befreiung schlägt soeben und ich führe dich nach Hause, wenn es dir recht ist.«
»Du bist das liebste beste Geschöpf auf Erden!« rief Aennchen tief gerührt und umarmte die kleine Gefährtin dankbar. »O bitte, stehe mir noch bei, wenn ich nach Hause komme und Mama die Geschichte erzählen muß!«