Neuntes Kapitel.
Martha.

Aennchen war krank. Sie war damals an jenem unglücklichen Nachmittag mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen, und während die kleine Martha, wie sie gebeten worden war, Aennchens Mutter den ganzen Hergang berichtete, hatte das zerknirschte Mädchen so viel geweint und geschluchzt, daß es ganz elend geworden war.

So wurde sie denn rasch zu Bett gebracht und hier begann sie zu fiebern. Der Herr Doktor wurde geholt und erklärte, daß der Scharlach bei dem Kind im Anzug wäre. Aennchens Eltern erschraken sehr und ließen ihr krankes Kind aus dem Kinderzimmer in ein abgelegenes Gemach bringen, damit die Brüder nicht von ihm angesteckt würden. Die Mama widmete sich Tag und Nacht der Pflege der Kleinen und nur, wenn sie zu sehr davon erschöpft war, erlaubte sie der alten Kinderfrau, sie abzulösen. Aennchen lag längere Zeit in heftigem Fieber und wußte nichts von sich; da phantasierte sie beständig von der Schule und Alma – am meisten aber beschäftigte sie sich doch mit Martha und kaum begann sie wieder klaren Sinnes zu werden, da verlangte sie dringend, das kleine verwachsene Mädchen zu sehen. Es konnte ihr freilich nicht gestattet werden; die Gefahr der Ansteckung war noch nicht beseitigt, aber die Mama versprach ihr sobald sie wieder vollständig genesen sei, würde sie das kleine Mädchen zu ihr herüberbitten.

Und so war denn endlich einmal ein Tag gekommen, an welchem Aennchen vollständig fieberfrei und genesen in ihrem Bettchen saß; der Herr Doktor war soeben fortgegangen, nachdem er erklärt hatte, seine liebe Patientin sei von nun an als vollständig gesund zu betrachten und er habe ihr keinen Rat mehr zu erteilen, als sich das Essen recht schmecken zu lassen. Die Mama hatte Freudenthränen in den Augen, als sie ihr liebes Kind mit Dank gegen Gott in die Arme schloß, und die Brüderchen durften alle an ihr Bett kommen und sie begrüßen. Dann wurden sie wieder davongeführt und es war still im Zimmerchen; da öffnete sich auf einmal die Thüre und an der Hand von Aennchens Mutter trat die kleine Martha schüchtern in das Gemach, in den Händen einen großen Blumenstrauß haltend.

»Hier hast du denn endlich deine kleine Freundin, welche ein Stündchen bei dir bleiben darf,« sprach Aennchens Mama lächelnd. »Ihr dürft aber nicht gar zu lang sprechen und euch gegenseitig nicht aufregen. Aennchen besonders soll sich ganz ruhig verhalten und sich lieber von Marthchen erzählen lassen.«

Damit ließ die gute Mutter die beiden Mädchen allein, welche sich innig umschlungen hielten. Die kleine Martha setzte sich an Aennchens Bett und erzählte ihr mit ihrer leisen sanften Stimme alles, was sich während der langen Wochen, welche Aennchen krank gelegen, zugetragen hatte. Und Aennchen hörte voll Staunen, daß bereits so lange vergangen sei seit jenem letzten Schultag; daß unterdessen der Herbst ins Land gezogen sei und was sich inzwischen in der Schule alles verändert habe.

Alma von Stolzau sei gar nicht mehr in die Schule gekommen, weil ihre Mutter eine Reise mit ihr angetreten habe. Der Lehrer habe ihre Eltern von dem bösen Streich noch in Kenntnis gesetzt, welchen sie am letzten Tag einer Schülerin gespielt habe, und Herr von Stolzau habe geantwortet, er würde seine Tochter noch gebührend bestrafen.

»Die arme Alma!« sagte Aennchen bedauernd; »das wird wohl schlimm ausgefallen sein, denn ihr Vater ist sehr streng. Aber hat sie mir denn kein einziges Wörtlein Lebewohl sagen lassen?«

»O ja, sie sandte in deiner Krankheit wohl Grüße und Blumen an dich, aber du warst zu krank, davon zu erfahren. Armes Aennchen, nun hast du deine Freundin verloren!« Martha blickte Aennchen mitleidig an, diese schlang den Arm um ihren Hals und bat leise:

»Willst du meine Freundin sein, wenn ich dir nicht zu böse bin?«

Damit war der Freundschaftsbund geschlossen und nun kamen Stunden schönsten Genusses für die beiden kleinen Mädchen. Jeden Tag, welchen Aennchen noch im Zimmer zu verbleiben hatte, brachte Martha einige Stunden bei Aennchen zu, machte ihre Schulaufgaben bei ihr und war Aennchen behilflich, das, was sie während der Krankheitszeit versäumt hatte, unter ihrer Leitung nachzuholen. Und sie verstand es so gut, die geduldige, gewissenhafte Lehrerin zu spielen, daß Aennchen wirklich Fortschritte machte und sich bestrebte, dem guten Beispiel, das ihr geboten war, nachzufolgen.

Als sie wieder ausgehen konnte, durfte ihr erster Gang zu Martha sein, um dieser für alles, was sie ihr während der langen Krankheitszeit erwiesen hatte, zu danken. Mit klopfendem Herzen stieg sie die enge, dunkle Treppe empor und klingelte an der kleinen Thür des Hausganges. Trippelnde Schritte näherten sich von innen und Martha selbst öffnete ihr. Sie sah wie ein kleines Hausmütterchen aus, war in eine große leinene Schürze gekleidet, welche die ganze schmächtige Gestalt einhüllte, und ihre schwachen Aermchen schleppten an einem Bündel Holz und Reisern, welche sie fest an sich gedrückt trug. Bei Aennchens Anblick flog ein verlegenes Erröten über ihr Gesichtchen: »Du findest mich sehr beschäftigt,« sagte sie, »ich war eben darüber, ein kleines Feuerchen in meiner Schwester Zimmer zu machen.«

»Ist es möglich?« staunte Aennchen. »Du kannst es doch unmöglich verstehen?«

»O doch,« versicherte Martha eifrig, »wir haben kein Mädchen und da wir deswegen alle Geschäfte selbst verrichten müssen, so habe ich Mütterchen vieles abgelernt, um sie etwas bei der Arbeit unterstützen zu können. – Aber so komm doch nur herein, damit du die Meinen begrüßen kannst!«

Damit führte sie Aennchen in ein kleines, niedriges Zimmer, das freilich sehr einfach in seiner Einrichtung war, aber doch höchst behaglich wirkte durch die Sauberkeit und Ordnung, welche überall herrschte. Die Kommoden und Tische waren mit weißen gehäkelten Deckchen geziert, blendend weiße Gardinen verhüllten die kleinen Fenster, an welchen einige Blumenstöcke standen, und in einem Messingbauer zwitscherte ein gelber Kanarienvogel ein vergnügtes Liedchen. In einer Ecke des Gemaches stand ein Bett und auf den weißen Kissen lag ein blasses zartes, junges Mädchen mit großen glänzenden Augen und sanftem, lieblichem Gesicht. Den Lehnstuhl neben ihrem Bette hatte eine würdige alte Dame inne, welche sich bei Aennchens Eintritt freundlich erhob und ihr grüßend entgegenkam.

»Gott segne dich, mein liebes Kind, und erhalte dich fortan gesund,« sprach sie, indem sie Aennchen küßte; »wie glücklich wird deine Mama sein, daß du wieder genesen bist! Könnte doch meine arme Klara auch wieder gesund werden!«

Ein trauriger Blick der guten Frau flog zu dem kranken Mädchen im Bett hinüber; dieses streckte mit einem süßen Lächeln dem schüchternen Aennchen die abgezehrte Hand entgegen und sprach mit unendlich sanfter Stimme:

»Komm doch näher, liebes Aennchen! Du bist mir schon längst aus den Erzählungen meines Schwesterchens bekannt und vertraut, und ich habe mich schon so darauf gefreut, dich kennen zu lernen. Nun mußt du dich auch zu mir setzen und mir recht viel erzählen.«

Und sie zog Aennchen zärtlich zu sich heran, welches bald alle Scheu verlor und sich außerordentlich angeheimelt und wohl in dem niedrigen kleinen Stübchen zu fühlen begann. Das Feuer, welches Martha im Ofen entzündet hatte, knisterte so behaglich, Martha ging ab und zu, setzte einen Topf mit Wasser auf und begann draußen in der kleinen Küche Kaffee zu mahlen, während die Frau Pfarrerin ruhig an ihrer Arbeit, einer großen Filetdecke, fortfuhr. Aennchen sah mit hellem Staunen diesem fleißigen Walten in der Stube zu; sie hätte niemals gedacht, daß ein kleines Mädchen der Mutter schon so an die Hand zu gehen vermöchte, denn während diese den Kaffee aufgoß, begann Martha den Tisch aufzudecken, Tassen und den Brotkorb und die Zuckerdose darauf zu stellen, und als alles fertig war, nahm sie die große Schürze ab und lud alle freundlich zum Kaffee ein.

»Du staunst wohl, liebes Kind, was mein fleißiges Hausmütterchen Martha alles zu arbeiten versteht?« sprach die Frau Pfarrerin zu dem verblüfften Gast während sie ihm Kaffee einschenkte. »Aber mit gutem Willen und einiger Geschicklichkeit vermag ein Mädchen selbst in Kinderjahren schon Tüchtiges zu leisten. Ich könnte ohne meine liebe kleine Martha gar nicht zurechtkommen; sie ist unser Sonnenstrahl in trüben Tagen.« Damit küßte sie ihr vor Freude errötendes Kind auf die Stirn und blickte ihr tief in die großen blauen Augen, fragte aber dann besorgt:

»Hast du heimlich geweint mein Kind, weil du einen solch trüben, umränderten Blick hast?«

Martha neigte das Köpfchen tief auf die schmale Brust, konnte aber doch nicht verbergen, daß zwei große Thränen langsam aus ihren Augen über die Wangen herabrollten. Leise und betrübt murmelte sie:

»Als ich vorhin über die Straße ging, kreuzten wilde Gassenbuben meinen Weg und wie ich ihnen ängstlich auswich, riefen sie mir spottend nach: ›Dort läuft die bucklige Martha!‹«

Das arme verwachsene Kind brach in Thränen aus und auch Aennchen standen die hellen Thränen in den Augen. Sie umschlang die Freundin zärtlich mit den Armen und rief:

»Laß dich doch durch solche rohe Buben nicht kränken! Ich werde dir ein Märchen erzählen, das mir erst gestern Mama aus einem schönen Buche vorgelesen hat und das dich am besten trösten mag. – Da war einmal ein armes, kleines buckliges Mädchen, das traute sich nie bei Tag über die Straße zu gehen, weil es einen so großen Höcker gleich einem dicken Kasten auf dem Rücken trug, daß alle bösen Kinder, die es sahen, seinen Spott mit ihm trieben und es verhöhnten. Weil das arme Kind aber nie an die Luft kam und seine Eltern zu arme Leute waren, die ihm keine kräftige Nahrung bieten konnten, wurde es immer blässer und schmächtiger und eines Tages war es so schwach, daß es sich nicht mehr aus seinem elenden Bettchen erheben konnte. Es betete zum lieben Gott um Erlösung, da sandte er einen lichten Engel, welcher zu dem buckligen Mädchen niederflog und es emporholte in das himmlische Reich. Der Engel flog mit dem staunenden Kind durch das ganze weite Himmelszelt: vor der Pforte zum Eingang in die Ewigkeit setzte er es nieder und Petrus öffnete die Thür und lud es zum Eintreten ein. Aber das kleine Mädchen zauderte und Thränen rannen ihm die blassen Wänglein herab. ›Ach,‹ schluchzte es, ›ich bin doch nicht wert, zu all den herrlichen himmlischen Englein eintreten zu dürfen, ich habe ja einen so großen Buckel.‹ Petrus stand gerührt und des Engels Antlitz erglänzte voll himmlischer Milde. Sanft berührte er mit seinem goldenen Stab den häßlichen großen Kasten, welchen das arme Kind Zeit seines Lebens auf dem Rücken getragen hatte, und siehe – er sprang auf und zwei wunderbar lichte Engelsflügel schwangen sich daraus hervor. ›Weißt du nun, was du so lange auf dem Rücken getragen hast?‹ fragte der goldene Engel und er küßte den neuen kleinen Engel, welcher ganz berauscht von Glück mit ihm in die himmlischen Gefilde flog. – Dies ist die Geschichte von dem armen, buckligen Mädchen.« schloß Aennchen ihre Erzählung.

Eine feierliche Stille herrschte im Zimmer, dann zog Marthas Mutter die kleine Erzählerin an sich und küßte sie mit bebenden Lippen.

»Hab Dank für diese liebe Mär,« flüsterte sie und blickte dann ihre Martha an, welche ganz gehoben dasaß und deren demütiges Gesichtchen einen beinahe feierlichen Ausdruck zeigte. »Deine kleine Geschichte wird ihr künftig bei allen weiteren Demütigungen ein Trost sein, den sie auf ihrem Lebensweg gar wohl gebrauchen kann. Willst du aber nun auch erfahren durch welchen unglückseligen Fall mein armes Kind zu diesem Gebrechen kam? Er hängt mit der Krankheit meiner Tochter Klara eng zusammen.«

Aennchen nickte aufs höchste gespannt und die Frau Pfarrerin erzählte:

»Als mein guter Mann noch lebte, da wohnten wir in einem freundlichen Pfarrhause auf dem Land. Es war ein reizendes Häuschen, das ein blühender Garten dicht umschloß, aber freilich lag es ziemlich einsam und abgelegen von allem Verkehr. Uns störte das in unserem Glücke nicht und unsere Kinder noch weniger; sie waren damals noch klein: meine Tochter Klara acht Jahre alt, Martchen kaum ein einziges Jahr, und die köstliche Landluft, in welcher sie aufwuchsen, ließ die beiden gleich Röslein erblühen. Eines Tages hatten mein Mann und ich einen weiten Weg in die Stadt zu machen; wir übergaben daher die beiden Kinder der Wärterin, welche allerdings keine sehr gewissenhafte Person war. Als wir halbwegs gegangen waren, begegnete uns eine Schar von Zigeunern und besorgt sprach ich gegen meinen Mann die Befürchtung aus, dieselben könnten möglicherweise ihren Weg über das Pfarrhaus nehmen. Beinahe wäre ich umgekehrt, doch schalt ich mich thörichterweise aus wegen meiner Angst – hätte ich doch meinen Entschluß ausgeführt, ich würde viel Unglück verhütet haben! – Denn ach, es geschah, wie ich gefürchtet hatte: die Zigeuner gerieten in die Nähe unseres Pfarrhauses und ein Weib wurde von der Bande zum Betteln ausgeschickt. Sie fand keinen einzigen, erwachsenen Menschen im ganzen Hause; die treulose Wärterin war zum Plaudern ins Dorf gegangen; Klara spielte hinten im Gärtchen und alles war totenstill. So machte sich die Alte mit gieriger Hand daran, in dem offenen Wohnzimmer zu stehlen, soviel sie konnte; da fiel ihr Blick auf eine kleine Wiege, in welcher ein unschuldiges Kindlein in süßem Schlummer lag. Rasch wie der Blitz hatte sie es ergriffen und an sich gedrückt, da fühlte sie sich von hinten umfaßt und eine bebende Kinderstimme rief: »Laß mir mein Schwesterchen, o nimm mein Schwesterchen nicht davon.« Die Alte suchte das sie umklammernde Kind von sich abzuschütteln – allein dasselbe hatte sich mit beinahe übermenschlicher Gewalt an sie gehangen und rief in lauten gellenden Tönen um Hilfe. Lange dauerte der Kampf zwischen der Frau und der Kleinen, die mit dem Mut der Löwin um das zarte Schwesterchen kämpfte obwohl die Alte ihr einige entsetzliche Stöße versetzt hatte: endlich riß der Zigeunerin die Geduld, als sie von fernher Schritte nahen hörte; sie warf den kleinen Säugling mitten in die Stube, schleuderte das Mädchen von sich ab und rannte ins Freie. – Als wir Eltern nach Hause kamen, fanden wir unsere unglücklichen Kinder zwar gottlob noch vor, aber beide schwer verletzt von dem furchtbaren Ueberfall. Es zittert mir das Herz, mehr davon berichten zu sollen; genug, meine arme Klara trug durch den Schrecken ein langes Siechtum davon und meiner armen kleinen Martha ward von dem jähen Fall das zarte Rückgrat gekrümmt. – Nicht wahr, das ist eine traurige Geschichte, mein Kind?« schloß die Frau Pfarrerin, ihre Augen trocknend, zu Aennchen, »aber unser Trost ist, daß jedes Leid von Gott kommt, und daß es uns nur so viel schickt, als unsere Schultern tragen können. Auch uns ist aus dem Leid hohe Tröstung erwachsen; die Herzen meiner Kinder haben sich zu Gott gekehrt und sie nehmen dankbar entgegen, was er in seinem Ratschluß für sie beschlossen hat.«

Es war Aennchen zu Mut, als wäre sie in einer Kirche, und sie vermochte kein Wort zu erwidern. Aber die Frau Pfarrerin, welche fürchten mochte, sie zu sehr aufgeregt zu haben, brachte das Gespräch auf andere Dinge und forderte Martha auf, Aennchen ihre Spielsachen zu zeigen – »denn,« sagte sie, »meine Martha soll auch ihre kindlichen Freuden haben gleich andern Kindern.«

»Hast du auch ein Spielzimmer, wie wir?« frug Aennchen neugierig.

»O nein, wie kannst du denken,« lächelte Martha, »wir haben ja nur zwei Stuben im ganzen, aber dennoch besitze ich eine so schöne Spielecke mit Puppenstube, daß ich sie mit keiner prächtigeren vertauschen möchte. Komm nur, ich will sie dir zeigen.«

Damit führte Martha Aennchen mit geheimnisvoller Miene nach einem Plätzchen hinter dem Ofen und voll Staunen stand diese davor. Eine solche Spielecke hatte sie noch nie gesehen! Der große Kachelofen bildete eine tiefe Nische zwischen der Wand und einem vorstehenden Tisch, welcher gerade für eine schmale Kindergestalt noch Raum zum Durchschlüpfen ließ. Und so war die kleine Ecke denn ein höchst gemütliches lauschiges Winkelchen, welches sich Martha mit unendlicher Sorgfalt und Mühe und viel Geschicklichkeit zu einem niedlichen Puppenzimmer umgeschaffen hatte, in dem sie selbst auf einem niedern Schemelchen auch Platz finden konnte. Ein kleines einfaches Puppenbettchen, mit weißen Wollvorhängen umzogen, stand in der Ecke, daneben eine alte Puppenkommode, auf der ein gehäkeltes Deckchen und allerlei niedliche Kleinigkeiten lagen; dann ein Schränkchen und ein Puppentisch und Puppenstühlchen, auf dem eine Puppe saß vor einem aufgeschlagenen Puppenschreibheft und mehreren Büchelchen. Alles war sehr einfach aber außerordentlich sauber gehalten, dann hatte noch ein Nähkästchen und ein Korb mit Flickresten seinen Platz dabei.

Aennchen war ganz entzückt von allem; so gut hatten ihr selbst Almas Spielsachen nicht gefallen.

»Hat deine Mama dir alles so gemütlich eingerichtet?« frug sie lebhaft.

»Bewahre, Aennchen, das habe ich mir alles selbst gemacht,« erwiderte Martha. »Sieh, meine Mama ist viel zu arm, mir kostbares Spielzeug zu kaufen, aber sie besaß selbst von ihrer Kinderzeit her noch diese Puppe und die kleinen Möbel, welche auch meine Schwester Klara zum Spielen hatte. Als es auf mich übertragen wurde, war alles schon recht alt und morsch, doch hat ein guter Tischler, den ich darum bat, mir alles wieder zusammengeleimt und angestrichen. Dann bat ich Mama um etwas Mull zu einem Bettvorhang und Stoff zu Ueberzügen. Das nähte ich dann alles selbst und es ist doch sehr hübsch geworden, nicht wahr? Alle vierzehn Tage halte ich Puppenwäsche, da wird alles gut durchgewaschen, damit es ordentlich und sauber aussieht.«

Aennchen glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. »Das hast du wirklich alles selbst genäht?« fragte sie erstaunt. »Aber doch sicher nicht die niedlichen Puppenkleider, die hier in dem Schränkchen hängen?«

»Alle hab ich selbst gemacht,« versicherte Martha stolz. »Meine Schwester Klara hat sie mir zugeschnitten und ich nähte sie dann in meinen freien Stunden, selbst das Mäntelchen und die Kapuze. Wenn ich nur mehr hübsche Fleckreste bekommen könnte; ich hätte dann auch gern ein paar Staatskleidchen gemacht.«

Aennchen war beinahe stumm vor Beschämung. Sie erinnerte sich jener schönen Puppe zu Hause, welche sie unbekleidet zum Geburtstag bekommen hatte, damit sie aus den hübschen Zeugresten ihr selbst Kleidungsstücke herstellen sollte; das hatte sie aber nicht gethan, sondern die arme Puppe lieber die ganze lange Zeit im dünnen Hemdchen im Kasten liegen lassen, als daß sie selbst die faulen Fingerchen ihretwegen gerührt hätte. Und dies kleine Mädchen hier, welches schon ohnedies so viel Anderes zu thun hatte und in der Schule eine Musterschülerin war, hatte trotzdem Zeit gefunden, seinen Puppenhaushalt in solch musterhafter Ordnung zu erhalten!

»Ich habe auch eine schöne Puppe daheim, welche der Kleidchen bedarf,« sagte Aennchen jetzt beinahe schüchtern, »würdest du so freundlich sein, mir zu zeigen, wie man dieselben anfertigt? Meine Mama hat mir die reizendsten Stoffe zu Kleidchen gegeben.«

»O, das ist ja herrlich,« rief Martha freudig aus. »Da wollen wir tüchtig zusammen schneidern; du wirst sehen, welch großes Vergnügen es gewährt, etwas Hübsches zu stande zu bringen, und ich bin immer ganz stolz, wenn mein Kind neu und schön gekleidet ist. Bringe deine Puppe nur recht bald zu mir herüber; wenn ich eine freie Stunde habe, dann wollen wir recht fleißig zusammen sein. Nun mußt du aber auch noch die Schulbücher meiner Lilly sehen.«

Damit öffnete sie ein kleines Schubfach, in welchem eine Anzahl der niedlichsten Heftchen lagen, alle selbst zugeschnitten und genäht, liniert und mit sauberer, sorgfältiger Schrift beschrieben, selbst ein kleines Zeichenheft, zur Hälfte mit Zeichnungen bedeckt, war dabei und eine kleine Schiefertafel mit Schwämmchen. So etwas Niedliches hatte Aennchen wirklich noch nicht gesehen und begierig ließ sie sich von Martha berichten, in welcher Art sie mit der Puppe immer die Lehrstunde halte und wie diese alles, was Martha selbst in der Schule gelernt, dann auch in ihre kleinen Hefte eintragen müsse. Bei dieser Gelegenheit prägte sich Martha dann spielend alles doppelt leicht ein. Welche Freude hatte Aennchen, als die kleine Lehrmeisterin sie aufforderte, sich auch künftig an dem Spiel zu beteiligen, und als sie dann endlich nach Hause zurückkehrte, da war ihr kleines Herz so voll von allen neuen Eindrücken, daß sie es gar nicht erwarten konnte, ihrer Mama alles zu berichten. Diese lauschte erfreut den Erzählungen ihres Töchterleins und sagte dann:

»Ich bin sehr zufrieden, liebes Kind, wenn du dir ein so vortreffliches Mädchen, wie die arme kleine Martha es ist, zur Freundin auswählst. Du kannst dir an ihrem Fleiß, ihrem Gehorsam und ihrer Pflichttreue nur ein gutes Beispiel nehmen und dies wird von unendlichem Nutzen für dich sein. ›Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist,‹ ist ein nur zu wahres Sprichwort. Ein guter Freund vermag den ganzen Charakter des andern zu veredeln und seinen Anschauungen eine bessere Richtung zu geben. Dir mein kleines flatterhaftes Aennchen, wäre dies von ganz besonderem Nutzen, denn durch die Freundschaft, welche du so lange mit Alma von Stolzau gepflegt hast, hatten deine Neigungen zum Leichtsinn und Uebermut sich sehr verschlimmert; so danke ich Gott, wenn du nun auf andere Wege geführt wirst, und werde glücklich sein, aus meinem Töchterlein ein recht braves artiges Mädchen werden zu sehen.«

Und wirklich, die Freundschaft Aennchens zu der armen Martha trug bald so überraschende Früchte, daß Eltern und Lehrer voller Staunen die Umwandlung mit ansahen, welche mit dem früher so flatterhaften Mädchen vorging. Aennchen bemühte sich, in der Schule eine ebenso fleißige und aufmerksame Schülerin zu sein, wie ihre Freundin; sie gab in den Unterrichtsstunden genau auf die Worte des Lehrers acht, vermied es, mit ihren Nachbarinnen heimlich zu flüstern oder unter dem Tisch sich mit Spielereien zu beschäftigen, wie sie es, zu ihrer Schande müssen wir es gestehen, leider früher nicht selten versucht hatte. Ihre Bücher und Hefte hielt sie von nun an sauberer als vorher, denn das war wirklich höchst notwendig, wollte sie die Geduld ihrer Lehrer nicht aufs äußerste erschöpfen. Hatte sie doch einmal ein ganzes Rechenbuch derartig mit Kritzeleien und kleinen Bildern vollgezeichnet, daß es völlig unbrauchbar geworden war und sie dafür tüchtig bestraft werden mußte. Ihre Hausaufgaben fertigte Aennchen nur immer mit Martha zugleich.

Aennchens Eltern hatten aus dem kleinen Stübchen, welches früher das »Trutzstübchen« gewesen, seitdem die Kinder größer und artiger geworden waren, ein gemütliches Arbeitszimmerchen geschaffen, in welchem ein großer Schreibtisch und ein Büchergestell mit mehreren Stühlen alles boten, was man zum Arbeiten nötig hatte, ohne die Aufmerksamkeit durch andere Dinge abzuziehen. Hier saßen nun täglich nach der Schule Martha und Aennchen zusammen, nachdem sie ihr Vesperbrot verzehrt hatten, und arbeiteten mit Fleiß und Sorgfalt die Arbeiten aus, welche die Lehrer ihnen aufgegeben. Bereits bestanden diese nicht mehr allein aus Schreibübungen, Lesen und Rechnen, sondern sie hatten schon französische Grammatik zu treiben, für den Religionsunterricht nachzuholen, Naturgeschichte und Geographie zu studieren und noch verschiedenes andere. Sogar schon deutsche Aufsätze wurden geübt, das war den Mädchen die liebste Beschäftigung und sie arbeiteten dieselben leicht und zufriedenstellend, so daß sie meist gute Noten davontrugen.

Wenn die Schularbeiten fertig waren, dann mußte Martha nach Hause zu ihrer Mutter, um dieser an die Hand zu gehen; hatte dieselbe aber keine besondere Arbeit für ihr fleißiges Töchterchen vor und bedurfte die kranke Schwester Agnes ihrer Gesellschaft nicht, dann wurde ihr erlaubt, mit Aennchens Puppe zu spielen.

Und das war nun erst recht der wahre Genuß! Lange schon hatte Aennchen mit geschickten Fingern ihrer Freundin das Kleidermachen für Puppen abgelernt und bereits besaß ihre früher so vernachlässigte Puppe eine vollständige Garderobe, welche vom hübschesten Sonntagskleidchen bis zum einfachsten Hausanzug äußerst niedlich von ihr selbst gefertigt war. Wenn die Weihnachtszeit aber herankam, dann begnügten sich die fleißigen Mädchen, nicht, ihre eignen Puppen zu versorgen – dann kaufte Aennchens Mama eine Anzahl hübscher Puppen und diese wurden dann abends bei Lampenlicht von den lieben kleinen Mädchenhänden reizend gekleidet und geziert, damit sie dann am Weihnachtsabend eine Anzahl armer Kinder erfreuen konnten.

So hatte die Freundschaft der kleinen verwachsenen Martha für Aennchen wirklich die köstlichsten Früchte getragen.