Zehntes Kapitel.
Ein Brief Almas an Aennchen.

Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, seitdem Aennchen ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört hatte. Nur einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen und habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von Stolzau ganz plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte voll Mitleid, welche Trauer die arme Alma betroffen habe, sie hätte ihr gerne ihre Grüße gesandt, doch wußte sie ihre Adresse nicht und glaubte sich von ihr längst vergessen.

Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der Briefträger einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen konnte kaum glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als sie dennoch mit hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher süß betäubender Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten lagen die herrlichsten Apfelsinen, Trauben und Datteln vor ihren entzückenden Blicken, zu oberst des Korbes aber, in Seidenpapier gewickelt, ein viereckiges Couvert mit einem dicken engbeschriebenen langen Briefe. Ein Brief von Alma! War es wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch nicht ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und als sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den langen Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen gleichmäßigen Kinderschrift geschrieben war:

Venedig.

Mein liebes Aennchen!

Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe, weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm. Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte. Sie war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern, in ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu Mute war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht sprechen; sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, wirklich lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir fern und ich fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem Schmerz verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte niemand, niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur immer strafen und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen von mir, und als mein Vater nach Mamas Tode kam und mich begrüßen wollte, da floh ich in Angst vor ihm und konnte auch später nur voll Scheu mit ihm verkehren, obgleich er gütig und nachsichtig war.

Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist in französischen Romanen las.

Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war etwas eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen, da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, Feuer!« rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur Thüre hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von dem Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum Zimmer herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich auf. Ich wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die Thüre retten; als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon von unten Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr passieren konnte.

Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze Rauchwolken hüllten mich ein und man vermochte mich von unten wohl kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe, bis mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In dieser entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß ich sterben würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe Gott; ich warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel mir in dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein leichtsinniges verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich mich dagegen aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama zu sich genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war, meinen Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre ich anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur noch Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen.

Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den Balkon zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster emporhob. Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe lange Ohnmacht kam über mich. –

Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war. Ich lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief:

»Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er umarmte mich, während Freudenthränen über seine Wangen rollten; ich wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu sein und leise stammelte ich:

»Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab sein inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie bitter weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein Herz für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, wie lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr er um mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht im Hause geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, und wäre erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein mutiger Knabe sein Kind aus den Flammen rettete.

»Wo ist Mademoiselle?« frug ich.

»Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater stirnrunzelnd. »Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende Gefährtin an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter willst du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?«

Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer einen Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine Gestalt schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt, das Gesicht hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute erschien es mir über die Maßen anziehend: schwarze feurige Augen, dunkle Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar. Ich reichte ihm dankbar die schwache Hand, die er halb schüchtern ergriff. Mein Vater sagte zu mir:

»Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen gerettet, darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein armer, elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde ihn nun mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst einen tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich auch von dir, Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester sein wirst.«

Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver Junge und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen Fleiß und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben uns so lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater hat eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, welche so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile ich mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz überrascht ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt.

Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt. – Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht, die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen mit all den Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und dem Kolosseum, und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß ich beinahe begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar interessant für uns sind.

Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, welcher einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei Tag und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare Feuer, welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, sich nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit zu Zeit ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen hoch zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt ein glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört er, was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen tausend Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom Erdboden vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte sie so vollständig, daß es keine Rettung mehr gab, alles Lebende wurde zerstört und ein großer Teil durch die glühende Lava verbrannt. Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji und Herkulanum und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die erkaltete Lava und Asche weggegraben und die Städte wieder aufgedeckt.

Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem Maulesel geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen hinabgeschaut.

Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, welche wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend?

Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen, daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert, sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, damit du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem Grund des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. Ich habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu, liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine treue Freundin

Alma von Stolzau.

Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu Ende gelesen und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie zu suchen. Richtig, da lag sie auf dem Boden des Körbchens und als Aennchen sie erblickte, stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Ja, das war ihre Alma, aber noch viel, viel schöner als damals; wohl waren es dieselben großen Augen, dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die goldenen Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe mit offenen, schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich zärtlich an, daß das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot und Aennchen voll Stolz und Glück sich nicht satt daran zu sehen vermochte und eiligst zu Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz zu zeigen.

Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin zu beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu berichten hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher nicht nur sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen war, sondern wirklich auch sehr bildend und lehrreich, sowohl was Stil und Orthographie anbelangt, als auch weil er die Schreiberinnen veranlaßte, sich von ihren Gedanken genaue Rechenschaft zu geben, dieselben klar und anschaulich zu Papier zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was um sie her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges brachte.